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        <title type="volume" n="vol-27">Predigten 1915</title>
        <title type="content">Predigt: 2. Mose 17,8-15 (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 2. Mose 17,8-15 (III), 12. September 1915</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/27038 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1915, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1996, S. 366–378.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1915</title>
          <title type="text">Predigt: 2. Mose 17,8-15 (III)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1996</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 366-378</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.27, Predigten 1915, sermon 289</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ex 17,8-15 (III), 12. September 1915. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1730">KBA 1267</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1915-09-12">12.
              September 1915</date>
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          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.17.8 Ex.17.15">2.Mose 17,8–15</ref>
              <span>
                <idno>III</idno><note xml:id="n01">Am Freitag, 10. September schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Wir hatten
                  gestern Abend eine interessante Kirchenpflegesitzung mit langer Aussprache über den
                  lieben Gott und sein Verhältnis zu den Safenwilern im Speziellen, im Anschluß an die
                  letzte Predigt. … Jetzt bin ich an der 3. Bearbeitung der Amalekiterschlacht, zu der
                  ich gestern Abend viel Anregung und Stoff bekam» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3062#p080">S. 80</ref></bibl>).</note></span></cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
          <p>Wenn ich nun zum dritten Mal auf diesen wichtigen Text zurückkomme, so möchte ich heute
            allen Nachdruck auf die entscheidende <pb xml:id="p367" ed="pga"/> Tatsache legen, daß,
            während <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seine Hände emporhielt, <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> siegte; wenn er aber seine Hände sinken
            ließ, siegten Israels Feinde. Im Gebet des Gottesmenschen war verborgen die unsichtbare
            Ursache des Sieges oder der Niederlage seines Volkes. Und wie ein Barometer zeigte das
            Vorwärts- und Rückwärtsschwanken des Kampfes die Kraft oder
                Unkraft seines Gebets, seines Glaubens. Wir wollen von der
            Amalekiterschlacht sofort wieder auf unseren <hi rend="italic">Lebenskampf</hi> zurückkommen,
            auf den Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Leben und Tod, zwischen
            Himmelsmacht und Höllenmacht, zwischen Gott und dem Teufel, in dem wir drinstehen. Eine
            Wahrheit von entscheidender Wichtigkeit eröffnet uns heute jene alte Geschichte. </p>
          <p>Unser Lebenskampf, unser Weltkampf zeigt sich zunächst einfach in einer unendlichen
            Fülle von sichtbaren oder wahrnehmbaren äußeren Tatsachen. Wir sehen z.B. in unserem <hi rend="italic">persönlichen Leben</hi> Dinge, die uns Freude machen, und andere, die uns
            betrüben, wir sehen Krankheit oder Gesundheit, sehen unser Leben und unser Sterben, wir
            sehen unsere Fehler und Schwachheiten auf der einen und unsere Tugenden und
            Tüchtigkeiten auf der anderen Seite. Hier ist das, was du darfst, und hier das, was du
            nicht darfst. Hier ist das, was du willst, und hier das, was du nicht willst. Hier ist
            das, was du kannst, und hier das, was du nicht kannst. Hier die Mitmenschen, die einen
            guten Einfluß auf dich haben, und hier die anderen, die dir gefährlich sind. Siehst du
            sie, die <term ref="kbga-terms-427">Israeliten</term> und die <term ref="kbga-terms-1419">Amalekiter</term>, die sich streiten in deinem Leben? Wohin wird es
            dich schließlich ziehen?</p>
          <p>Aber wir müssen gleich weiter: Dein Leben ist nicht das ganze Leben, nur ein
            klein-winziger Teil davon. Sieh nun z.B. in deine <hi rend="italic">Familie</hi>, in die
            engere oder weitere Verwandtschaft, wie du willst. Was siehst du? Wiederum die
            bekannten, offenkundigen Tatsachen, die sich gegenüberstehen, nicht wahr, die <term ref="kbga-terms-427">Israeliten</term>
            und die <term ref="kbga-terms-1419">Amalekiter</term>, die bedenklich auf einander stoßen, also etwa: der Todesfall, der
            vor kurzem eine schwere Lücke unter euch geschaffen hat, die Krankheit deiner Frau, die
            Leidenschaft deines Sohnes, die Flatterhaftigkeit der Tochter, die <pb xml:id="p368" ed="pga"/> Sorge auf den Winter usw., das alles auf der einen Seite, auf der anderen
            Seite vielleicht der schöne Friede, den ihr jahrelang gehabt habt, das Glück, das euch
            im Ganzen lange freundlich gewesen ist, die erprobte Tüchtigkeit, vielleicht auch die
            aufrichtige Frömmigkeit deines Mannes oder deiner Frau, die berechtigten Hoffnungen, die
            ihr auf eure Kinder setzt, die Stütze und der Halt, den ihr an gewissen Gliedern eures
            Kreises habt. Siehst du, wie es hin- und herwogt?</p>
          <p>Oder sieh in das Leben unserer <hi rend="italic">Gemeinde</hi>, wie da die Kräfte sich regen
            und bewegen herüber und hinüber: hier unser Wohlstand im Ganzen, die Tätigkeit der
            Behörden für Recht und Ordnung, das schöne neue Schulhaus und was darin geleistet wird,
            die Arbeit der verschiedenen Vereine für das Heil und die Freude von Körper und Seele,
            die grünen Wälder und Hügel ringsum, die unsere Heimat und unseren Ort so freundlich
            machen, wie es nicht jede ist, der gute Wille, der in so vielen Häusern zu spüren ist,
            und das Christentum, mit dem es mehr als einem unter uns anfängt ernst zu werden. Aber
            doch freilich auch allerlei Anderes auf der Gegenseite: Kummer und Sorge in manchem
            kinderreichen Haus, der schleichende Feind der Tuberkulose, die Wirtshäuser und die Art
            und der Geist, der von ihnen ausgeht, die Feigheit und Kriecherei an gewissen Orten, wo
            man aufrecht und tapfer sein sollte, und das Räsonieren und Schimpfen an anderen, wo es
            besser wäre, zu schweigen und zu dulden, die Klatschsucht der Frauen und die Händelsucht
            der Männer — wir wollen nicht fortfahren, aber gelt, ihr seht sie: die beiden kämpfenden
            Heere, die sich in unserem Dorfleben gegenüberstehen?!</p>
          <p>Und nun könnten wir weiter hinblicken auf unser schweizerisches <hi rend="italic">Vaterland</hi> und an die Kräfte denken, die unser Volk frei, glücklich und stark
            machen und zu einer Leuchte in der Völkerwelt, aber auch an die anderen Kräfte, die auch
            am Werk sind, uns zu vergiften und zu versumpfen und zu untergraben und uns an den
            traurigen Punkt zu führen, wo Gott zu unserem Volke sagen müßte: ich brauche euch nicht
            mehr! ihr habt eure großen und guten Zeiten hinter euch! Geht und macht Anderen Platz!
            Da soll nun auf den kommenden Bettag<note xml:id="n02">Alljährlich am dritten Sonntag im
              September wird in den protestantischen und katholischen Kirchen der Schweiz der
              Eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag als religiös-patriotischer Festtag begangen.
              Durch Beschluß der Tagsatzung (bis 1848 einziges gemeinsames
              politisches Organ der Gesamtschweiz) von 1832 wurde er für
              alle Stände (= Kantone) verbindlich gemacht.</note> hin ein <pb xml:id="p369" ed="pga"/> jedes für sich selbst sich klar zu machen suchen, wer die Kämpfer sind hüben und
            drüben und was die großen Gegensätze von Gott und Teufel in unserem Volksleben.</p>
          <p>Wir könnten aber schließlich auch in die weite <hi rend="italic">Welt</hi> hinaussehen und
            eben jetzt besonders deutlich wahrnehmen, wie in der Menschheit miteinander ringen die
            großen, tiefen Gedanken Gottes mit eiteln, verkehrten Hochmuts- und Geschäfts- und
            Regierungs- und Nationalgedanken der Menschen. Und wer weiß, wenn wir schärfere Augen
            und Ohren hätten, würden wir etwas wahrnehmen von diesen ewigen Gegensätzen sogar im
            Leben der Tier- und Pflanzenwelt, und die Steine und die Gestirne des Himmels würden uns
            erzählen vom Leiden und von den Freuden, vom Bösen und vom Guten und von den Rätseln und
            von den Offenbarungen Gottes auch in der <hi rend="italic">Natur</hi>, die sich mit uns sehnt
            nach Erlösung und Verwandlung [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.22">Röm. 8,22</ref>]. Wohin wir auch blicken, redet uns die Erfahrung unseres Lebens und
            die Beobachtung der Welt um uns von diesem heiligen Krieg, von den tiefen Gegensätzen
            zweier ganz verschiedener Welten, von ihrem Ringen und Kämpfen um die Herrschaft. Ja,
            das ist unsere Amalekiterschlacht. Wir sehen sie alle. Wir müssen sie sehen.</p>
          <p>Aber wir begehen einen <hi rend="italic">Fehler</hi>. Wir sehen sie zuviel <hi rend="italic">von
              außen</hi> an. Wir achten zu sehr auf die äußerlich wahrnehmbaren <hi rend="italic">Tatsachen</hi>, die uns gerade auffallen im Guten und im Bösen, dir in deinen
            Lebensumständen, dir in deinem Häuslein, dir unter den Leuten, die du gerade kennst, dir
            in dem Stücklein der großen Welt, das du gerade überblickst und verstehst. Wir nehmen
            die äußere Mechanik unseres Lebens und unserer Welt viel zu wichtig, ich meine die
            <term ref="kbga-terms-427">Israeliten</term> und <term ref="kbga-terms-1419">Amalekiter</term>, die wir da zusammenstoßen sehen bald den Einen, bald den
            Anderen zum Vorteil, als ob es auf die ankäme. Wir sehen starr hin auf diese äußere
            Mechanik des Lebenskampfes, ein jeder auf die Schraube oder das Rädlein, das er gerade
            vor sich hat, freuen uns oder betrüben uns darüber, machen uns einen Begriff und ein
            Urteil davon, suchen daran zu rütteln und zu verbessern, sie [in] Bewegung zu setzen
            oder stillzustellen, etwa wie ein Wilder, der wirklich zum ersten Mal ein Automobil, <pb xml:id="p370" ed="pga"/> oder wie ein Pfarrer, der eine Strickmaschine<note xml:id="n03">Unter den Industrieunternehmen, in denen die Mehrzahl der erwerbstätigen
              Bevölkerung <placeName ref="kbga-places-54">Safenwils</placeName> arbeitete, war die Strickerei <orgName ref="kbga-actors-4746">Hochuli</orgName> das bedeutendste (<persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>
              spricht von 500 Angestellten und Arbeitern: <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3095#p123">S.
                123</ref></bibl>). An den Strickmaschinen arbeiteten die Frauen zu extrem niedrigen
              Löhnen. Über die permanenten Konflikte <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> mit dem «Fabrikanten» vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, S. 535 (Register: Hochuli).</bibl></note> zu sehen und zu dirigieren bekäme. Wir ahnen und verstehen und beherrschen die
            verborgene <hi rend="italic">Macht</hi> nicht, die die Amalekiterschlacht jetzt zum Sieg und
            jetzt zur Niederlage wendet, die die äußere Mechanik jetzt vorwärts und jetzt rückwärts
            arbeiten läßt. Wir stehen <hi rend="italic">ratlos</hi> wie Kinder da vor unserem Leben, weil
            wir nicht wissen, was eigentlich das Leben und all seine äußerlichen Tatsachen regiert
            und bewegt im Sinne Gottes oder im Sinne des Teufels. Wir freuen uns und tragen Leid,
            wir lachen und weinen, wir sagen: das ist möglich! und das ist unmöglich! Wir lieben und
            loben unsere Mitmenschen, und jetzt geben wir irgend ein scharfes Urteil über sie ab,
            wir haben Hoffnungen und Befürchtungen, wir strengen uns jetzt an und lassen jetzt aus
            irgend einem Grund wieder nach, wir bilden uns kluge Meinungen über die Dinge, können
            sie aber auch wieder verändern, wenn es darauf ankommt, wir legen uns jetzt ins Zeug für
            irgend eine gute Sache und gehen morgen vielleicht zu einer anderen über. Wir anerkennen
            das Gute und unterstützen es wohl auch und mißbilligen und bekämpfen das Böse da und
            dort. Wir richten uns jetzt ein nach eigenem Willen und Gutdünken, und dann wollen wir
            doch auf einmal wieder nur Gott vertrauen und zu ihm beten.</p>
          <p>Kurzum, wir <hi rend="italic">spielen</hi> mit dem Leben, liebe Freunde, und wenn wir auch
            bitterernste Gesichter dazu machen und den ganzen Tag sehr fleißig und tätig sind. Denn
            wir merken gar nicht, daß all das, was unsere Gedanken erfüllt und unsere Zeit in
            Anspruch nimmt, unser Jammern und Jubeln und Eifern und Reden und Streiten, ja gar <hi rend="italic">nichts</hi>, nicht das Geringste <hi rend="italic">anders macht</hi>. Ja, wir
            sehen dem großen, heiligen Lebenskampfe von außen zu und können nichts daran ändern,
            weil wir ihn eben nur von außen, nur in seinen äußeren Erscheinungen sehen. Es geht uns
            mit diesem heiligen Krieg, der unsere eigenste Sache ist, meinetwegen wie mit dem
            unheiligen europäischen Krieg, bei dem wir auch nur von Weitem zusehen und politisieren
            und Vermutungen aufstellen und Wünsche haben können, ohne daß das auch nur das Geringste
            än<pb xml:id="p371" ed="pga" break="no"/>dert. Die Ereignisse kommen, ohne uns zu fragen. So sind
            wir eigentlich mit unserem ganzen Leben, mit der ganzen Welt dran.</p>
          <p>Es <hi rend="italic">geschieht</hi> da beständig etwas, aber es geschieht beständig <hi rend="italic">ohne uns</hi>, es kommt einfach, und wir können nichts tun, als dann das
            entsprechende traurige oder fröhliche Gesicht dazu machen. Es siegen heute die
            <term ref="kbga-terms-427">Israeliten</term> in unserem Leben und in der Welt und morgen die <term ref="kbga-terms-1419">Amalekiter</term>, aber wir
            begreifen vom Einen so wenig wie vom Anderen. Es kommt heute zu einem schönen Sieg des
            Guten und der Sache Gottes, und morgen triumphiert der Teufel und übermorgen vielleicht
            wieder umgekehrt, aber warum und wieso eigentlich, das wissen wir heute so wenig wie
            morgen, und noch weniger ahnen wir, wie wir auf die Ereignisse einen Einfluß haben
            könnten. Was wir reden und tun, kommt immer <hi rend="italic">hintendrein</hi>, wenn Alles so
            gekommen ist, wie es kommen mußte. Wir klatschen in die Hände: oh, ich habe Freude, es
            geht uns gut, wir haben Alles, was wir wollen! wir sind zufrieden mit uns selbst, wenn
            uns etwas gelungen ist; wir genießen es, wenn wir liebe Menschen um uns haben; wir
            anerkennen das Große und Schöne und Fromme, was uns in der Welt begegnet, und sagen:
            seht da, Gottes Finger! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.8.15">Ex. 8,15</ref>]. Aber wir seufzen auch wieder erstaunt und entsetzt wie kleine Mädchen: Was
            habe ich erleben müssen! Was ist mir für ein Irrtum passiert; was hat mich für ein
            Schicksal betroffen! was für böse Leute! was für ein schrecklicher Krieg da draußen! und
            fragen ebenso ratlos: wo bleibt nun Gott?, wenn es eben anders geht, als wir es gern
            haben. Immer sehen wir die Dinge und Ereignisse und Menschen und uns selbst nur von
            außen. Immer verstehen wir sie nicht. Immer geht unser Leben und unsere Welt ihren Gang
            ohne uns. Immer müssen wir seinen Segen und seinen Fluch empfangen und auf uns nehmen,
            ohne zu ahnen: woher? und wie es anders sein könnte. Immer kommen wir zu spät mit dem,
            was wir denken, sagen und tun.</p>
          <p>Und es <hi rend="italic">brauchte doch nicht so zu sein!</hi> Wir könnten es ganz genau
            wissen, warum und woher es jetzt so und jetzt so kommt in unserem Leben und im Dorf und
            in der Welt! Wir könnten in den Lebenskampf zwischen Gott und dem Teufel eingreifen, und
            zwar zur rechten Zeit und am rechten Ort und in wirksamer Weise eingreifen! Unser Leben
            brauchte nicht ein ewiges Zuspätkommen zu sein! Wir könnten mit Gott und für Gott
            entscheidende Taten tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.60.14">Ps. 60,14</ref>]. Seht, liebe Freunde, das soll uns unsere Textgeschichte von der
            Amalekiterschlacht <pb xml:id="p372" ed="pga"/> heute sagen. Sie zeigt uns, daß es etwas
              <hi rend="italic">Anderes</hi>, Wichtigeres, Entscheidenderes gibt als den kriegerischen
            Zusammenprall der beiden Völker. Sie zeigt uns, daß hinter den äußeren Tatsachen des
            Lebens, die uns so wichtig sind, hinter dem, was ich die äußere Mechanik des Lebens
            nannte, noch etwas <hi rend="italic">Größeres</hi> verborgen ist. Dieses Andere, Größere
            ist’s, das wirkt, das entscheidet, das <hi rend="italic">bestimmt</hi>. Die äußeren Tatsachen
            sind von ihm so abhängig, wie mein Schatten von mir abhängig ist. Dieses Andere, Größere
            setzt die <term ref="kbga-terms-427">Israeliten</term> in Bewegung und schlägt die <term ref="kbga-terms-1419">Amalekiter</term> in die Flucht, rückt hier
            die Sache des Guten vorwärts und läßt sie dort stillestehen, schafft hier Freudigkeit,
            Frieden, Gerechtigkeit, wahrhaftiges Leben und läßt dort Traurigkeit, Zweifel, Unruhe,
            Enttäuschung, Streit, Bitterkeit und Elend einziehen. Dieses Andere, Größere, das man
            nicht sehen und wahrnehmen kann, das verborgen ist hinter den Dingen und Menschen, es
            ist’s, das jetzt Gottes Reich vorrücken und triumphieren läßt und jetzt auf einmal doch
            wieder des Teufels Reich. Wißt ihr, was dieses Andere, Größere ist, auf das es ankommt
            in unserem Leben, im Kleinen und im Großen? Dieses Andere, Größere ist eben das Gebet,
            der Glaube, die Hoffnung und die Liebe in den <hi rend="italic">Gottesmenschen</hi>. Wenn die
            Gottesmenschen <hi rend="italic">beten</hi>, dann geschieht etwas vor Gott, etwas für die
            Freude, die Seligkeit, die Kraft, den Sieg der Menschen, etwas für die Herrlichkeit
            Gottes. Wenn die Gottesmenschen nicht beten, <hi rend="italic">nicht beten</hi> können oder
            nicht beten wollen, dann geschieht nichts, dann behauptet die Finsternis das Feld und
            macht Fortschritte. «Dieweil <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seine Hand emporhielt, siegte <term ref="kbga-terms-427">Israel</term>, wenn er aber
            seine Hand niederließ, siegte <term ref="kbga-terms-1419">Amalek</term>.» Solche Mose[s] <hi rend="italic">braucht</hi> Gott für
            sein Reich und seine Sache. Wenn sie sich brauchen lassen, dann geht’s vorwärts, wenn
            sie sich nicht brauchen lassen aus Angst und Trägheit, dann heißt’s eben Stillstand und
            Rückschritt. <hi rend="italic">Hier</hi> müssen wir hinsehen, wenn wir das Leben von innen
            begreifen wollen; hier müssen wir auch ansetzen, wenn wir aus dem ratlosen Zusehen
            heraus und zum wirksamen Eingreifen in den großen Lebenskampf kommen möchten.</p>
          <p>Wir haben an den letzten Sonntagen uns bemüht zu entdecken, wie solche Moses aussehen,
            und haben auch gehört, daß sie da und dort tatsächlich unter uns vorhanden sind; nur daß
            sie noch nicht zu ihrem Beruf erwacht scheinen. Warum sollst nicht du, warum nicht ich
            Mose sein, der sich von Gott brauchen läßt? und wenn wir nicht <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> sein <pb xml:id="p373" ed="pga"/> sollten, warum nicht wenigstens <persName ref="kbga-actors-5800">Aaron</persName> und <persName ref="kbga-actors-5826">Hur</persName>, die in treuer
            Gemeinschaft Mose beten helfen? Ja, es mag jetzt nur einmal jedes denken, es gehe
              ihns<note xml:id="n04">Akkusativ von «es».</note> an, wenn ich sage: <hi rend="italic">Du</hi> bist der Gottesmensch, auf den Alles ankommt, von dem Alles abhängt! Du hast
            es in der Hand und bist verantwortlich für Sieg oder Niederlage, Licht oder Finsternis,
            <term ref="kbga-terms-1419">Amalek</term> oder <term ref="kbga-terms-427">Israel</term> in deinem Leben. Aber wohlverstanden nicht nur in deinem Leben!
            Verantwortlich für deine Familie! Verantwortlich für deine Nachbarn und die Gemeinde!
            Verantwortlich für das Schweizervolk! Verantwortlich für die Menschheit! Verantwortlich
            für das, was geschieht zwischen Himmel und Erde! Ja, Du! Denn du kannst beten, und das
            Gebet ist die Macht, die Himmel und Erde bewegt. <hi rend="italic">Gott wartet</hi> darauf,
            daß du ihn von ganzem Herzen suchst, und wenn du ihn suchst, läßt er sich von dir finden
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.29.13 Jer.29.14">Jer. 29,13f.</ref>], und wenn
            du ihn gefunden hast, so gibt er dir die Macht, Berge zu versetzen, wenn es sein muß
            [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.2">1.Kor. 13,2</ref>]. Nicht
            ratlos sollst du dem Leben gegenüberstehen, sondern als einer, der weiß. Nicht machtlos
            oder als törichter Pfuscher sollst du vor der äußeren Mechanik des Lebens stehen,
            sondern als einer, der sie arbeiten läßt, so wie es recht ist. Nicht spielen sollst du
            mit den Ereignissen und sie mit dir, sondern selber sollst du in Gottes Kraft Ereignisse
            machen. Nicht ewig zu spät zu kommen brauchst du, nachdem Alles längst so ist, wie es
            ist, sondern schaffen sollst und kannst du, daß dein Leben und die Welt das werden, was
            sie sein sollen.</p>
          <p>Ja, meine Freunde, nun wollen wir uns doch einfach überlegen, ob das nicht <hi rend="italic">wahr</hi> ist. Denk dir’s jetzt einen Augenblick, <hi rend="italic">du wärest das</hi>,
            was du ja sehr wohl sein kannst, wozu du von Gott berufen bist, ein betender Mensch.
            Nicht ein vollkommener, nicht ein sündloser Mensch, nicht ein Heiliger, aber einer, der
            betet. Das ist <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>! Du bist <hi rend="italic">erwacht vom Schlaf</hi> und hast gemerkt, daß
            das, was man gewöhnlich das Leben nennt, kein Leben ist. Daß die Menschen und du selbst
            in einer großen Täuschung befangen waren. Daß aus dieser Täuschung notwendig Leid und
            Streit und Tränen und Traurigkeit kommen müssen. Daß so Vieles, was uns wichtig und groß
            und gut erscheint im Leben, nur dazu dienen muß, uns noch tiefer in die Lüge und in die
            Traurigkeit hineinzubringen. Du hast aber auf der anderen Seite Gott gesehen. Und du
            hast gemerkt: <hi rend="italic">Gott</hi> ist nicht ein bloßer Name und nicht ein bloßes
            höchstes <pb xml:id="p374" ed="pga"/> Wesen in der Welt, sondern Gott ist der, der das
            alles nicht will, was die Menschenkinder leiden und einander zuleide tun. Gottes Leben
            ist das volle Gegenteil von der Verwirrung, dem Stumpfsinn, den Entsetzlichkeiten des
            Menschenlebens. Und Lichter sind dir aufgeleuchtet und Kräfte hast du wirken gespürt, an
            denen du merktest: Gott ist am Werke, Gott steht im Kampfe Tag und Nacht<note xml:id="n05">Assoziation an die <bibl corresp="kbga-songs-88" type="song">1. Strophe des Liedes «Zeuch an die Macht, du Arm des
              Herrn» von <persName ref="kbga-actors-1389">Fr. Oser</persName> (Nr.
                83; GERS [1952] 194; EG 377)</bibl>: <q rend="block">Wir sind im Kampfe Tag und Nacht
                …</q>
            </note>. Er will uns frei machen, wie er selber frei ist. Er will uns stark machen, wie
            er selber stark ist, er will uns selig machen, wie er selber selig ist. Und nun weißt du
            noch etwas: du weißt, daß <hi rend="italic">Gott siegen wird</hi>, weil er der Herr ist, und
            nicht der Teufel, der sich gegen sein Reich auflehnt. Du weißt und siehst ganz klar: Das
            Endgiltige, Sichere, Wahre im Leben heißt: Gott wird Meister! Daran hältst du dich, das
            beherrscht deine Gedanken, das ist die inwendige Kraft, die dich treibt, das ist der
            feste Boden, von dem aus du ins Leben hinaussiehst. Es gibt ja noch anderes, was
            vorläufig auch wahr ist, du weißt das auch: z.B. daß du ein schwacher, fehlerhafter
            Mensch bist, daß man nicht von heute auf morgen ein Engel werden kann, daß die
            Verhältnisse sich schwer ändern lassen, daß die Safenwiler so sind, wie sie sind, daß es
            immer Krieg gegeben hat — ja, ja, das ist alles auch wahr, aber nicht wahr, du weißt
            eben etwas, das noch wahrer ist: Gott! Der lebendige Gott! Der Gott, der Meister wird!
            Der Gott, der sich vor nichts fürchtet, sondern spricht: siehe, ich mache Alles neu
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.5">Apk. 21,5</ref>]!</p>
          <p>Das ist der <hi rend="italic">Unterschied</hi> der Gottesmenschen von den gewöhnlichen
            Menschen. Die gewöhnlichen Menschen wissen das, was auch wahr ist: eben das Böse,
            Traurige, Kleine, Knorzige, Hindernde, das tatsächlich da ist und sich geltend macht;
            die Gottesmenschen wie <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> wissen das auch, aber sie wissen zugleich, was noch wahrer
            ist: daß es Gott ernst ist, daß bei Gott Macht ist über Alles, daß Gott alle Tränen
            trocknen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.25.8">Jes. 25,8</ref>] und
            alle Sünde vergeben und allen Tod in Leben verwandeln will. Diese Klarheit leuchtet aus
            ihren Augen, macht ihr Herz froh, ihr Gewissen fest, ihren Gang leicht, mit dieser
            festen Gewißheit packen sie das Leben an. Und nun bist du ein Mensch, der betet, d.h.
            ein Mensch, der diese Klarheit ernstlich <hi rend="italic">sucht</hi>. Denn sie will ja
            gesucht sein. Man hat sie nicht ohne Weiteres, und wenn man sie hat, gilt es, sie zu
            bewahren. Aber du ringst danach, du bist unterwegs danach, du betest <pb xml:id="p375" ed="pga"/> darum. Du <hi rend="italic">siehst wohl</hi>, wieviel dich zerstreuen und
            herunterziehen und stumpf und traurig machen will. Du siehst, wie die Menschen sind. Du
            siehst die Berge sich türmen dem Kommen des Gottesreiches zu trotz. Aber du bietest <hi rend="italic">dem Trotze Trotz</hi>. Du hast ein Dennoch! bereit, das nie versagt, nirgends
            zum Schweigen zu bringen ist. Du siehst über alles Widrige und Kleine hinweg auf den
            großen, gnädigen Gott, der hilft und vom Tode errettet [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.68.21">Ps. 68,21</ref>]. Du streckst dich aus nach ihm:
            ich will dich sehen, dich und nur dich und dich ganz! Du rufst ihn an in der Not [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.50.15">Ps. 50,15</ref>], in den Tiefen der
            Sünde, in der Nacht einer gottlosen Welt, im Angesicht des Todes: Du mußt dich mir
            zeigen, ich kann nicht ohne dich sein und du nicht ohne mich, weil ich dein Kind bin.
            Und wenn du ihn scheinbar nicht sehen kannst, wenn die Wogen des Unvollkommenen, des
            Bösen, dessen, was leider vorläufig noch wahr ist, über dir zusammenschlagen wollen,
            dann schließest du die Augen und weißt, daß er dir doch nahe ist und daß er die Menschen
            und unsere Gemeinde und die weite Welt um keinen Preis aufgeben kann und daß er uns zum
            Ziele führt auch durch die Nacht<note xml:id="n06">Zitate aus dem Lied <bibl corresp="kbga-songs-33" type="song">«So nimm denn
              meine Hände» von <persName ref="kbga-actors-1365">J. Hausmann</persName>; Strophe 2: «… es will die Augen schließen»; Strophe 3:
              «… du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht» (EG 376)</bibl>.</note>.</p>
          <p>Und nach diesem Ziele bist du nun innerlich beständig <hi rend="italic">in Bewegung</hi>.
            Diese Bewegung über die Welt hinweg zu Gott hin wird nun dein eigentliches Leben. Immer
            wieder mußt du ansetzen, immer wieder zu Gott sagen: ich lasse dich nicht, du segnest
            mich denn! [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.32.27">Gen. 32,27</ref>]. Das
            ganze Gewicht deines inwendigen Lebens fällt auf das stürmische Verlangen, ihn
            wahrzunehmen, seine Hand zu ergreifen, der der Herr und Meister ist — so, nun denk dir’s
            einen Augenblick: ein solcher betender Mensch <hi rend="italic">seist du!</hi>, und nun
            überlege dir’s: Ist es <hi rend="italic">wahr</hi> oder ist es nicht wahr, daß du dann dem
            Leben und der Welt ganz anders gegenüberstehen würdest: als einer, der begreift und
            versteht, was geschieht, und nicht bloß die äußeren Tatsachen sieht, als einer, der
            Macht hat, in die äußere Mechanik des Lebens wirklich einzugreifen, statt ihr bloß
            zuzusehen, als einer, der zur rechten Zeit einen entscheidenden Einfluß ausübt auf das,
            was da draußen geschieht? Ist das wahr oder ist das nicht wahr, daß das Leben ein
            anderes Leben, die Welt eine andere Welt sein würde, wenn du ein betender Mensch wärest?
            Ist es wahr oder ist es nicht wahr, daß du, gerade du verantwortlich bist für das, was
            gesche<pb xml:id="p376" ed="pga" break="no"/>hen ist und geschieht und geschehen wird? Ja oder
            Nein? Du weißt ganz gut: <hi rend="italic">ja</hi>, da würde sich tatsächlich etwas wenden,
            wenn ich ein betender Mensch wäre.</p>
          <p>Das würdest du merken <hi rend="italic">in deinem eigenen Leben</hi>: du würdest auf einmal
            entschieden mehr Freude erleben, du würdest dich anders zu stellen wissen zu deinen
            Mitmenschen, du würdest Herr werden über deine Fehler und Torheiten, du würdest auch in
            Krankheits- und Sorgenzeiten ganz anders Sieger werden und bleiben.</p>
          <p>Das würden aber auch die sofort merken, <hi rend="italic">die um dich sind</hi>. Eine neue,
            fröhliche, freie, friedliche Art würde einziehen in eurer Familie, in eurem Hause. Du
            grämst dich über allerlei, was nicht stimmt in eurem Kreise, ärgerst dich, kämpfst
            dagegen an und kommst nicht weiter. Sieh, wenn du der betende Mensch wärest, der Mensch,
            der ganz auf Gott abstellt in eurem Kreise, dann würde es anders, denn von solchen
            Menschen geht unbedingt und immer ein tatsächlicher göttlicher Einfluß aus, ein stilles
            Werben und Suchen und Finden und Gewinnen, während dein jetziges Reden und Eifern,
            vielleicht auch dein jetziges Beten nicht viel oder nichts ausrichtet.</p>
          <p>Und was meint ihr, ob man das spüren würde in der <hi rend="italic">Gemeinde</hi>, wenn wir
            eine Handvoll Menschen nur unter uns hätten, die wirkliche Beter wären? Solche, die
            klagen und kritisieren und sagen können, was fehlt, haben wir genug, aber solche, die
            beten und glauben, die über alles Kleine und Törichte hinweg auf den großen Gott sehen
            und nach ihm sich ausstrecken aus allen ihren Kräften, solche haben wir zu wenig. Wenn
            sie uns einmal werden geschenkt werden, dann wird’s auch anders unter uns, dann werden
            die bösen Mächte, die unter uns am Werk sind, lahmgelegt werden, dann werden [wir] den
            guten, neuen Geist spüren, den Gott schon lange für uns bereit hat, und der wird in die
            Häuser eindringen und in die Fabriken, in die Schule und in die Wirtshäuser sogar und in
            die Kirche auch, und wir werden mit beiden Händen nehmen den Frieden und die Freude, die
            wir schon lange haben könnten, und unsere schöne Heimat wird uns dann erst recht zur
            Heimat werden. Wo sind die Menschen, die uns durch ihr Gebet den Weg dazu bahnen?</p>
          <p>Und glaubt ihr nicht auch, daß die Wirkung solcher betender Menschen dann noch viel
            weiter gehen würde, auch auf <hi rend="italic">Volk</hi> und Vaterland, ja, auf die weite <hi rend="italic">Welt</hi>, die sich sehnt nach etwas Anderem, Besserem in <pb xml:id="p377" ed="pga"/> ihrer großen Not, die aber durch nichts Anderes in Bewegung gesetzt werden
            kann als durch Gott selbst; und Gott will von uns gesucht und gebeten sein, wenn er was
            soll geben<note xml:id="n07">Zitat aus dem Lied <bibl corresp="kbga-songs-46" type="song">«Mache dich, mein Geist, bereit» von <persName ref="kbga-actors-2396">J.
              B. Freystein</persName> (Nr. 298,
              Strophe 7; GERS [1952] 302,6; EG 387,4)</bibl>.</note>. Glaubt ihr nicht auch, daß vom Beten
            solcher Menschen, von ihrem Ganz-auf-Gott-Abstellen <hi rend="italic">Revolutionen</hi>,
            Erneuerungen zum Besseren ausgehen könnten, größer und schöner als Alles miteinander,
            was bis jetzt zur Hebung der Menschheit geleistet worden ist?</p>
          <p>
                        <hi rend="italic">Wo sind sie</hi>, diese Menschen, die sich durch ihren Glauben Gott
            darbieten, daß er so Großes, das Allergrößte an uns tun kann? Ist ihr Beten noch ein
            schwaches, unzulängliches, halbes Beten? Ist ihnen die Last zu schwer, die es da gilt
            auf sich zu nehmen? Ahnen sie ihren wunderbaren Beruf noch nicht? Fehlt es ihnen an der
            Gemeinschaft, die sie verstehen, tragen, fördern, ermutigen würde in ihrem Gebet? Wissen
            sie nicht und wissen wir es nicht: «Wenn <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName> seine Hand niederließ, siegte <term ref="kbga-terms-1419">Amalek</term>»? Es
            handelt sich um Leben oder Tod! Wir brauchen sie! Die Welt hat sie bitter nötig! Sie
            selber dürfen um ihrer Seele willen der himmlischen Stimme, die sie ruft, nicht länger
            ungehorsam sein [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.26.19">Act. 26,19</ref>]!</p>
          <p>O wenn ich es euch <hi rend="italic">sagen</hi> könnte, so, daß ihr es verstehen müßtet! Wir
            wollen jetzt anfangen, mit Gott ernst zu machen, es mit Gott zu wagen, nachdem wir so
            lange ratlos und machtlos und blöde gewesen sind. Wenn ich es euch sagen könnte mit der
            Macht, mit der die Apostel unseres Heilandes es einst in eine alte Welt hinausgerufen
            haben: Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen, die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber
            nahe herbeigekommen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.13.11 Röm.13.12">Rom. 13,11f.</ref>]! Aber was brauche ich es euch erst zu sagen? Ihr <hi rend="italic">wißt es</hi>
            so gut und besser als ich. Gott redet mit euch! Laßt ihn mit euch reden, und redet mit
            ihm! Er ist ja nicht ferne einem Jeglichen unter uns, in ihm leben, weben und sind wir
              [<ref type="can" subtype="bible" target="Act.17.27 Act.17.28">Act. 17,27f.</ref>]. Wie können
            wir anders und wie lange noch? <hi rend="italic">Jauchzet</hi> dem Herrn, alle Welt! Dienet
            dem Herrn mit Freuden und kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Denn der Herr ist
            freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.100.1 Ps.100.2">Ps. 100,1f</ref>.<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.100.5">5</ref>.].</p>
        </div>
        <div type="closer">
          <salute>Amen.<note xml:id="n08">Am Dienstag, 14. September schrieb <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an
              <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «Ich schicke dir hier unerbetenerweise die drei Predigten über <persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>. Das
              Hölzige und Forcierte daran sehe ich schon auch, konnte es aber jetzt noch nicht
              anders sagen. Sag mir dann, wo und wie dus anders machen würdest!» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw.Th. I, <ref type="pub" target="3063#p081">S. 81</ref></bibl>) Eine
              schriftliche Äußerung <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysens</persName> liegt nicht vor.</note>
          </salute>
        </div>
        <div type="songs">
          <pb xml:id="p378" ed="pga" rend="noPipe"/>
            <head>Lieder:</head>
            <listBibl type="songs">
              <bibl corresp="kbga-songs-119" type="song">Nr. 311: «Mit dem Herrn fang’ alles an!» von <persName ref="kbga-actors-8803">Chr. Hohlfeldt</persName>, Strophen 1-2 (= Reichs-Lieder 77)</bibl>
              <bibl corresp="kbga-songs-120" type="song">Nr. 159: «Fahre fort, fahre fort» von <persName ref="kbga-actors-5610">J. E. Schmidt</persName>, Strophen 4-6 (= GERS [1952] 351,5-7; EG 213,5-7)</bibl>
            <!--<item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1935" target="b0311">Nr. 311</ref>: «Mit dem
              Herrn fang’ alles an!» von Chr. Hohlfeldt, Strophen 1- 2 (<bibl><title level="m"
                  >Reichs-Lieder</title>, <ref type="pub" subtype="bib1-ein1913" target="b0077">Nr.
                  77</ref></bibl>)</item>
            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1925" target="b0159">Nr. 159</ref>: «Fahre fort,
              fahre fort» von J. E. Schmidt, Strophen 4-6 (<bibl><title level="m">GERS
                  [1952]</title> 351, 5-7</bibl>; <bibl><title level="m">EKG</title> 213,
              5-7</bibl>)</item>-->
            </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
