Predigt: Galater 3,23-25
Die Welt Gottes, auf die wir hoffen und die kommt, so wahr Gott lebt, die Welt Gottes ist eine Welt der Freiheit. Wo sie angebrochen ist, da ist die Freiheit angebrochen. Wo sie erkannt ist, da muß die Freiheit erkannt sein. Wo sie verkündigt wird, da wird die Freiheit verkündigt. In der Welt Gottes kommen nicht mehr vor die Wörter Gebot, Sitte, Brauch, Anschauung, Ideal, Überzeugung, Programm, Grundsatz und Vorsatz, kommen nicht mehr vor die Sätzlein: man müßte! man sollte! es wäre wünschbar! es müßte dahin kommen! es ist zu verlangen! es sollte doch jedermann einsehen! und: das ist mein Standpunkt! Denn obwohl das gar schöne und notwendige Wörter und Sätzlein sind, ohne die wir gar nicht auskommen und in denen alles Gute unter den Menschen sich zeigt und offenbart, so sind es doch Gesetzesworte und Gesetzessätzlein und passen nicht zur Freiheit und darum nicht ins Himmelreich, nicht in die Welt, die Gott uns bereitet hat. In dieser Welt wird nicht gezwungen und nicht beaufsichtigt, wie es unser Staat tun muß, wenn er ein rechter Staat sein will, da wird nicht erzogen, wie unsere Schule die einfältigen Kinder erziehen muß, da wird nicht überwacht und gemaßregelt, wie es unserer Polizei Aufgabe und Pflicht ist, da wird niemand angepredigt, wie unsere Kirche die Menschen anpredigt, da werden keine Meinungen aufgestellt und verfochten und wieder abgeschätzt und verurteilt, wie wir es beständig machen, da gelten keine Grundsätze, auch nicht die, die alle rechten Leute haben, auch nicht die, die uns selbst heiligste Überzeugung sind. All dies Wesen und Treiben mag ganz gut und notwendig sein, aber es ist nicht Freiheit, es ist Gesetzeswesen, und Christus ist des Gesetzes Ende [
In der Welt Gottes fällt auch der größte und schwerste Unterschied, der zwischen den Menschen besteht: der zwischen Bösen und Guten, Gerechten und Ungerechten, Frommen und Ungläubigen. Das Gericht und die Polizei machen diesen Unterschied, alle rechten Leute und alle eifrigen Christen machen ihn, Eltern und Erzieher müssen ihn machen, aber Gott macht ihn nicht. So heilig ihm das Gute ist und so entsetzlich das Böse, für ihn ist das keine entscheidende Frage, ob einer weiter oben oder weiter unten steht auf der Vortrefflichkeitsleiter, ob er ein bißchen besser oder ein wenig weniger gut ausgerüstet ist mit guten Gedanken und Werken. Das ist die Gesetzesfrage, die wir Menschen an und selbst und an die Anderen richten, Gott stellt eine andere Frage. |249 Das Gesetz gilt nur, bis der Glaube kommt, der Glaube an Gottes Welt; mit dem Glauben bricht in Allem die Freiheit an. Ja, Gott sei Dank, daß es so ist. Das Gesetz ist ja nicht das Leben. Es ist wohl heilig, gerecht und gut [
Dieses Andere ist die Freiheit in der Welt Gottes. Diese Welt Gottes ist angebrochen in Jesus Christus und mit ihm die Freiheit. Du weißt, wie das Gute in ihm war und wie er es tat. Er konnte mit Recht von sich sagen: Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? [
Und doch kann ja bei dem allem gar kein Zweifel sein daran, wie Jesus stand zu Gut und Böse, kein Zweifel daran, daß er die Fehler und |252 Gebrechen der Leute und des Volkslebens und der Welt sehr genau beobachtete und erkannte als das, was sie waren, genauer und vollständiger, als irgend ein Mensch es getan hat, kein Zweifel kann sein an seinem Urteil darüber, daß er das Gute als Gutes liebte und das Böse als Böses haßte und bedauerte, wo er es fand. Kein Zweifel kann schließlich daran sein, daß, wo er wirkte und wo man ihn wirken ließ, eine Kraft entbunden wurde, die das Gute schaffte in nie dagewesenem Glanz und unerreichter Tiefe und die das Böse überwand mit einer in dieser Welt ganz unbegreiflichen Schärfe und Vollständigkeit. Aber diese Kraft kam bei ihm aus der Freiheit, nicht aus einem Gesetz. Ja, das war das Wunderbare: Bei ihm kam alles Gute: Klarheit, Erkenntnis, Festigkeit, Wille, Überzeugung bis zum Opfer leicht und natürlich aus der einen Quelle, aus seiner Anschauung des Vaters, den die Welt nicht kennt und der sie doch in seinen Armen hält. In dieser Quelle lebte Jesus. Nur um sie war es ihm zu tun. Seine Kraft zum Guten und gegen das Böse war Leben, nicht Wunsch und nicht Forderung. Seine Hoffnung war das Reich Gottes, nicht menschliche Bemühungen und Bestrebungen. Seine Wirksamkeit war es, den Menschen die Welt des Vaters zu zeigen, lieb und vertraut zu machen, nicht sie zu belasten und zu erziehen, während sie sich in einer Welt befinden, die den Vater nicht kennt und hat. Sein ganzes Tun auf dieser Erde bestand darin, selbst immer fester zu werden in dieser Welt des Vaters, immer deutlicher und lebendiger ihre Kräfte und ihre Art hineinleuchten zu lassen in die unerlöste Menschheit, nicht aber darin, Gärtlein zu bauen auf einem Boden, auf dem doch nichts wachsen kann. Darum hat er nur so gelebt, ohne Grundsätze, ohne Strafpredigten, ohne Widerstand gegen das Böse. Er hat einfach gelebt als der, der er war, weil er wußte: dies Leben schafft dann von selber Alles, was nötig ist.
Er erwartete Alles davon, daß die Menschen ihren himmlischen Vater erkennen, und darum hatte er gar keine Zeit, extra für eine gute Sache oder gegen eine böse zu kämpfen. Er kümmerte sich nicht darum, Kornspeicher zu errichten, in die man die Ernte unterbringen kann, wenn einmal eine solche da ist, sondern sein Anliegen war es, daß überhaupt einmal etwas wachse und gedeihe. Er wollte keine Kanäle und Rinnen graben, um das Wasser aufzunehmen, nach dem Alles sich sehnte, weil er ganz damit beschäftigt war, nachzusuchen und nachzugraben dem lebendigen Wasser für das dürstende Land. Wachstum und Gedeihen |253 und lebendiges Wasser kommt, wo Gott erkannt wird. Darum war Jesus kein Erzieher und hat keine Brücklein gebaut aus der Hölle in den Himmel, weil er wußte: nur die Gott erkannt haben und an Gott sich halten in der Welt, nur sie können erzogen werden, nur sie gehen wirklich über das Brücklein. Und so schuf und pflegte er denn Gotteserkenntnis mit allem, was er sagte, tat und litt: Gotteserkenntnis war der Anfang und das Ziel seiner Reden, Gotteserkenntnis war das Wesen und der Zweck seiner Wundertaten, Gotteserkenntnis verkündigte er in seinem Leiden und Sterben in
Und das wollte er nicht nur, das tat er. Seinem Leben folgte eine wunderbare Ausgießung heiligen Geistes unter den Menschen. Wo sein Auge die Menschen getroffen, seine Hand sie erfaßt hatte, da regten und rührten sich von selber die neuen Kräfte, da zeigten sich Erfahrungen von Liebe, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Reinheit, Gemeinschaftssinn, die nicht dieser, sondern einer anderen Welt entstammten, da erschienen sofort am rechten Baum auch die rechten Früchte [vgl.
Aber nun kommt die Gegenfrage, ich weiß, die schon lange sich erheben wollte, die Gegenfrage: ja, kann es denn anders sein? Ist es uns denn möglich, in der Freiheitsluft zu atmen, in der Jesus Christus gelebt hat? Was wissen wir denn vom Guten und Wahren Anderes, als daß es als ein möglichst tapferer Kämpfer anstürmen muß gegen eine Welt von Torheit und Bosheit? Muß man sich nicht freuen, wenn da und dort dem Teufel ein halber Quadratmeter Boden abgerungen wird? Muß man nicht ganz zufrieden sein, wenn da und dort mitten in der bösen Welt das Fähnlein von ein bißchen Glaube und Moral noch eben so flattert in einem zahmen Windlein? Muß man sich nicht beruhigen, wenn man für sich selber eben so einen gewissen Standpunkt und gewisse Grundsätze gewonnen hat in den wilden Wellen des Lebens — auch wenn das alles noch nicht das herrliche Gottesreich ist? Ja, wie soll etwas Anderes möglich sein? Die Welt ist gar dunkel, die Verdrehtheit der Menschen ist gar schlimm, die eigene Schwachheit gar groß! Da muß man froh sein, daß man sich halten kann an viele, viele: man muß! und: man soll! Es würde ja ohne sie Alles auseinanderfahren in Sünde und Unordnung! Es würden die geringen Anfänge des Besseren in der Welt wieder zuschanden! Es wäre gar keine Aussicht, Besseres zu erreichen. Jesus Christus? Ja, das ist etwas Anderes! Wir aber brauchen das Gesetz! Wir kommen nicht aus ohne den erhobenen Zeigefinger. Wir wollen Gott danken, daß wir noch Ideale haben, weil sie uns wenigstens an etwas Höheres erinnern, wollen Gott danken für Alles, was uns auch äußerlich irgendwie an diese Ideale erinnert: für den Staat und die Schule, die Polizei und die Kirche, für unsere Überzeugungen und Standpunkte, für unsere Tugend und Brauchbarkeit. Und im Namen Gottes wollen wir eben auf diesem Weg weiterfahren, arbeiten und uns Mühe geben, Verbesserungen anstreben und höhere Ziele uns stecken |255 und so nach und nach uns selber und die Welt zu größerer Vollkommenheit emporschrauben. Etwas Anderes gibt es für uns nicht. Das Leben nur aus der göttlichen Lebenskraft, das Leben aus der Freiheit, ist für Gott allein.
Ja, was soll man dazu sagen? Man kann kaum etwas dagegen sagen. Auch der Apostel
Aber warum wollen oder müssen wir es ohne den Glauben machen? Glauben heißt Gotterkennen, glauben heißt hinzutreten zu den Quellen des Lebens, glauben heißt hineinstehen in die Welt des Vaters, glauben heißt leben wollen aus den Lebenskräften, die das Gute frei aus sich selbst hervorbringen. Glaube, das ist das Verhältnis zu Gott, das Christus hatte und uns offenbar machte. Ist etwa eine Notwendigkeit da, daß wir nicht glauben können? Ist’s etwa eine Unmöglichkeit, daß das, was in Christus war und in den Seinigen der ersten Zeit, auch in uns sein kann? Ist eine neue Ausgießung des heiligen Geistes4, der wirklich Gerechtigkeit und Wahrheit in dir und in der Welt schafft, ist dir das ein schönes Märlein?
Sieh, da scheiden sich die Wege. Glauben oder Nicht-Glauben. Vielleicht ist unser ganzes Christentum bis jetzt ein heimliches Nicht-Glauben gewesen, vielleicht sieht es darum so traurig aus in der Welt, weil wir immer die alten Wege weiterpfaden. Entweder wir nehmen den Zuchtmeister ernst — oder den Glauben. Entweder wir sehen in uns und um uns die alte Welt, unsere Welt, die den Zuchtmeister freilich nötig hat — oder wir sehen die neue Welt, die Welt Gottes, der der Sieger ist. Entweder wir lassen es uns vom Spiegel und von der Zeitung sagen, wer wir sind und was wir zu erwarten haben — oder Christus sagt es uns. Der letzte Grund dafür, ob wir uns so oder so entscheiden, liegt nicht in unserem Verstand. Man kann endlos darüber räsonnieren und disputieren, daß wir den Zuchtmeister immer wieder nötig haben. Es gibt schließlich keinen anderen Grund dafür als den: um eures Herzens Härtigkeit willen [
- Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von
J. D. Herrnschmidt , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 40,1-3; EG 303,1-3) - Nr. 327: «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von
G. Tersteegen , Strophen 4.5.10 (= GERS [1952] 325,4.5 «Kommt, Kinder, laßt uns gehen»; EG 393,6.7 mit teils abweichendem Text; Strophe 10 fehlt in beiden Büchern)
[Stichwortauszug aus den Predigten 276, 277 und 2785:]
I Das Gewissen. In allem menschl. Streben u. Erleben drin das Gewissen als Vorposten einer andern Welt. Es ist nicht allein! Und solange es wach ist, ist nichts verloren!
Das Gewissen ist die Erinnerung an Gottes Reich, weist uns ein Ziel, deckt eine Schuld auf u. zeigt Kräfte.
Rücksichtslos, furchtlos, in allen Menschen gleich verkündigt es seine Wahrheit. Freuen muß man sich, daß es da ist!
Das Gewissen ist noch nicht das Leben. Seine Stimme erweckt zunächst Beunruhigung und Verwirrung. Das zeigt nur, wie recht es hat.
Was tun: aufrichtig hören!
II Das Gesetz. Das Gesetz ist alles Gute, was du mußt, ohne es selber zu haben u. zu sein. (Gott, Vernunft, Wünsche, Erfahrungen) was dir bloß aufgeprägt, aufgepfropft, aufgeklebt ist.
258 Ist das Gesetz ein Segen? Es scheint unentbehrlich. Aber gegen jeden Zwang lehnt sich unser Innerstes auf. Und der Gehorsam ist eine Selbsttäuschung. Und selbst große Vollkommenheit führt zur Pharisäerei. So vertieft das Gesetz das Böse. Der Fluch des Gesetzes.
Christus wurde falsch verstanden als Gesetzgeber. Das Christentum hat ihn oft entstellt. Er hat mit Zwang, Heuchelei u. Pharisäerei nichts zu tun.
Wenn das Gewissen redet, gerät der Mensch in Angst, flieht vor dem Gewissen und tut etwas als Surrogat für das Leben, auf das das Gewissen hinweist. (Israel, Staat, Gesellschaft, Christen)
Die Gerechtigkeit Gottes in Xρ [Christus]. Führt uns zum Gewissen zurück u. von da aus zum wirklichen Leben. (Gutes selbstverständlich, Gott in ihm, nicht schulmeistern, Freude machen — nicht tadeln, Gott leuchten lassen, nicht Leiter Berg6, nicht schlechter Mensch Kind Gottes, nicht Sünde Ernst, sondern Liebe Gottes)
Bei Xρ wird man beschenkt: das Böse wird von selbst unmöglich. Das ist die Erlösung. Sie wartet auf uns.
III Die Freiheit. In der Welt Gottes ist Freiheit. Gesetzesworte kommen nicht vor. Es wird nicht gezwungen, bewacht, angepredigt. Es fällt der Unterschied zwischen Bösen und Guten.
Das Gesetz ist ja nicht das Leben. Es ist wohl ein Widerhall des Guten; aber es zeigt es uns bloß; es ist bloß ein heil. Scheinwerfer. Es kann uns bei seinem Urteilen u. Strafen nicht wohl sein. Es bleibt schließlich ihm zum Trotz Alles beim Alten.
Die Freiheit in Xρ. Keine Sünde! Und doch kein Grundsatzmann! Kein Sittenrichter! Kein Kämpfer! Und doch weiß u. beurteilt er Gut u. Böse, wirkt Kräfte des Guten. Das «Wunderbare» an ihm: er lebt aus der Anschauung des Vaters als aus der Quelle des Lebens, diese Quelle will er strömen lassen. Hat darum keine Zeit für Gärtlein, Kornspeicher, Kanäle, Brücklein. Gotteserkenntnis als Keim einer neuen Welt. Und so wirkt er: die Kräfte kommen von selbst. Diese Quelle wurde nach ihm wieder verschüttet, dem Chr[isten]t[um] die Freiheit fremd.
Der Einwand: ist die Freiheit möglich? Die böse Welt. Die Sünde. Gott dankbar sein u. weiterfahren!
259 Ja, ohne den Glauben muß der Zuchtmeister sein. Nicht genug Gesetz! Müssen wir es ohne Glauben machen. Hier scheiden sich die Wege.