27. Juni 1915

Predigt: Galater 3,23-25

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Galater 3,23–25
Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart werden. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christum, daß wir durch den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.
248 Liebe Freunde!

Die Welt Gottes, auf die wir hoffen und die kommt, so wahr Gott lebt, die Welt Gottes ist eine Welt der Freiheit. Wo sie angebrochen ist, da ist die Freiheit angebrochen. Wo sie erkannt ist, da muß die Freiheit erkannt sein. Wo sie verkündigt wird, da wird die Freiheit verkündigt. In der Welt Gottes kommen nicht mehr vor die Wörter Gebot, Sitte, Brauch, Anschauung, Ideal, Überzeugung, Programm, Grundsatz und Vorsatz, kommen nicht mehr vor die Sätzlein: man müßte! man sollte! es wäre wünschbar! es müßte dahin kommen! es ist zu verlangen! es sollte doch jedermann einsehen! und: das ist mein Standpunkt! Denn obwohl das gar schöne und notwendige Wörter und Sätzlein sind, ohne die wir gar nicht auskommen und in denen alles Gute unter den Menschen sich zeigt und offenbart, so sind es doch Gesetzesworte und Gesetzessätzlein und passen nicht zur Freiheit und darum nicht ins Himmelreich, nicht in die Welt, die Gott uns bereitet hat. In dieser Welt wird nicht gezwungen und nicht beaufsichtigt, wie es unser Staat tun muß, wenn er ein rechter Staat sein will, da wird nicht erzogen, wie unsere Schule die einfältigen Kinder erziehen muß, da wird nicht überwacht und gemaßregelt, wie es unserer Polizei Aufgabe und Pflicht ist, da wird niemand angepredigt, wie unsere Kirche die Menschen anpredigt, da werden keine Meinungen aufgestellt und verfochten und wieder abgeschätzt und verurteilt, wie wir es beständig machen, da gelten keine Grundsätze, auch nicht die, die alle rechten Leute haben, auch nicht die, die uns selbst heiligste Überzeugung sind. All dies Wesen und Treiben mag ganz gut und notwendig sein, aber es ist nicht Freiheit, es ist Gesetzeswesen, und Christus ist des Gesetzes Ende [Röm. 10,4].

In der Welt Gottes fällt auch der größte und schwerste Unterschied, der zwischen den Menschen besteht: der zwischen Bösen und Guten, Gerechten und Ungerechten, Frommen und Ungläubigen. Das Gericht und die Polizei machen diesen Unterschied, alle rechten Leute und alle eifrigen Christen machen ihn, Eltern und Erzieher müssen ihn machen, aber Gott macht ihn nicht. So heilig ihm das Gute ist und so entsetzlich das Böse, für ihn ist das keine entscheidende Frage, ob einer weiter oben oder weiter unten steht auf der Vortrefflichkeitsleiter, ob er ein bißchen besser oder ein wenig weniger gut ausgerüstet ist mit guten Gedanken und Werken. Das ist die Gesetzesfrage, die wir Menschen an und selbst und an die Anderen richten, Gott stellt eine andere Frage. |249 Das Gesetz gilt nur, bis der Glaube kommt, der Glaube an Gottes Welt; mit dem Glauben bricht in Allem die Freiheit an. Ja, Gott sei Dank, daß es so ist. Das Gesetz ist ja nicht das Leben. Es ist wohl heilig, gerecht und gut [Röm. 7,12], aber es hat keine verwandelnde, erlösende Kraft. Es ist wohl ein Widerhall vom Guten, und darum können wir immer nur sagen von alle dem, was wir genannt: ja, das ist recht und notwendig, aber es ist nicht mehr als ein Widerhall, ein Echo, nicht ein eigener starker Klang in der Seele und für die Seele. Es redet uns wohl von Gott, aber es weist immer nur hin auf ihn: dort, in jener Richtung müsse er stehen, sagt es uns: hier müsse etwas anders werden, hier müsse unbedingt eine Besserung versucht werden, hier sei ein kräftiger Anlauf zu nehmen und hier müsse Ordnung und Zucht in die Sache kommen. Ja, ja, ganz recht! Aber bei dem allem zeigt es uns Gott nicht, der das alles fordert und den wir doch eben sehen müßten, damit unser Wille wirklich aufsteht. Es redet uns sogar auch von Gott, unserem Vater, aber ach, nur von dem ratlosen Vater, der dem bösen Kind befehlen, es schimpfen und schlagen muß, nicht von dem Vater, den sein Kind so gut versteht und ihm solches Vertrauen schenkt, daß es seine Wünsche freudig von seinen Augen abliest, noch bevor befohlen ist. O wer uns diesen Vater zeigen könnte, den Vater, der uns einfach gehorsam macht!! Das kann das Gesetz nicht. Seine Wörter erinnern uns an etwas Höheres, aber sie bringen es uns nicht. Seine Fortschritte und Einrichtungen erfüllen uns mit Respekt und Eifer, manchmal auch mit Angst, aber sie machen uns nicht anders. Seine strammen Unterschiede zwischen guten und bösen Leuten sind durchaus gerechtfertigt, aber sie machen notwendig die Einen zu Pharisäern, die Anderen zu hoffnungslosen oder leichtsinnigen Sündern. Ja, das Gesetz ist heilig, es kommt ja aus dem Gewissen, und das Gewissen ist Gottes Vorposten im Menschenland. Aber es ist nicht mehr als ein heiliger Scheinwerfer, dessen Licht auf eine böse Welt fällt und sie böse läßt. Ja, grell fällt das Tageslicht auf unser Herz mit seinen Abgründen und Winkelgängen, auf unser Leben mit seinen Ungehörigkeiten und Widersprüchen, auf die Unwissenheit, die Verstocktheit, den bösen Willen der Menschen, auf die Verdrehtheit der Welt im Allgemeinen und Besonderen. Sieh da, ruft das Gesetz, du böser Bub, wie du gelogen hast! Ihr jungen Leute, wie seid ihr so leichtsinnig! Ihr Reichen, wie seht ihr auf euer Geld! Ihr Armen, wie geht ihr so sorglos damit um! Ihr Engländer, was seid ihr |250 für schlaue, brutale Handelsleute! Ihr Deutschen, wie häßlich ist das, was ihr in Belgien getan habt!1 Ja, das alles ist wirklich Tageslicht, das alles ist wirklich wahr, aber was hilft der wunderbare Scheinwerfer? Ist es je einem Vater oder einem Lehrer wohl ums Herz, wenn er ein Kind so recht gescholten oder geschlagen hat nach Verdienst? Oder einem Richter, der über den Verbrecher das gerechte Urteil gesprochen hat? Oder ist’s dir wohl, wenn du dich mit einem Mitmenschen auseinandergesetzt und ihm schließlich gesagt hast, mit Recht und ohne Täuschung: so und so einer bist du also, nun weiß ich aber, was ich von dir zu halten und wie ich mich zu dir zu stellen habe! Ist’s dir wohl dabei, wenn du deine zornige Überzeugung gegen die Engländer oder gegen die Deutschen oder gegen die Italiener wieder einmal recht gründlich abgeladen hast? Ja, was soll das eigentlich? Spürst du nicht das Unbefriedigende, das dabei in dir selbst zurückbleibt, und wenn du zehnmal recht hättest? Spürst du nicht, wie du mitsamt deinem Recht am Unrecht der Welt machtlos abprallst, ja noch mehr: wie du in ihr Unrecht hineingezogen wirst, wie du ganz notwendig den Menschen Unrecht tust, solange du eben nur mit dem Scheinwerfer arbeitest? Ja, das spürst du wohl, nicht wahr? Die böse Welt wird wohl beunruhigt, aber sie bleibt erst recht die böse Welt, wenn man mit dem Gesetz über sie kommt: es sollte, es müßte, es wäre besser, wenn … usw. Gerade wie ich selbst bleibe, was ich bin, und wenn tausend aufgehobene Zeigefinger mich anklagen und mir sagen: hier und hier und hier sind die Wege und Weglein zum Schönen, Wahren und Guten! Das Gesetz ist eben nicht das Leben. Und Gott sei Dank, daß es etwas Anderes gibt als das Gesetz.

Dieses Andere ist die Freiheit in der Welt Gottes. Diese Welt Gottes ist angebrochen in Jesus Christus und mit ihm die Freiheit. Du weißt, wie das Gute in ihm war und wie er es tat. Er konnte mit Recht von sich sagen: Wer von euch kann mich einer Sünde zeihen? [Joh. 8,46], aber er sagte so etwas nur so ganz nebenbei, seine Art war es eben nicht, sich vor und über die Anderen zu stellen und ihnen zuzurufen: seht da, vergleicht; seht ihr nun, was ihr seid!? Jesus war so ganz kein Grundsatzmann, er hat seine Göttlichkeit nie so wie einen viereckigen Klotz in das Menschenleben hineingestellt, wie wir es machen, so daß die Leute kei|251nen Ausweg haben, als eben auf den hinaufklettern oder einen Umweg machen drum herum. Jesus hat ein sehr seltsames, für unsere Begriffe von Arbeiten, Verdienen und Leben sehr anfechtbares Wanderleben geführt. Jesus hat sehr ungeniert Feste mitgefeiert und Einladungen zu reichen Leuten angenommen, ohne zu fragen, ob das nicht am Ende weltlich sei. Jesus ging mit notorisch schlechten Leuten um wie mit guten Freunden. Jesus lebte einfach, moralische Erwägungen und Bedenklichkeiten waren ihm ganz fremd. Und darum war er so ganz und gar kein Sittenrichter und Strafprediger. Wir hören von ihm nie ein Wort über Luxus und Verschwendung oder über die Vergnügungssucht oder über den Wucher, kein Wort über Lügen, Stehlen und Töten. Er hat nie über und gegen den Krieg geredet. Er hat die schlechten Straßen in Palästina gesehen und nichts zu ihrer Verbesserung getan.2 Er hat das Weltreich des römischen Kaisers stehen lassen, als ob diese unerhörte Erscheinung ihn nichts anginge. Er hat das Schandregiment der Fürstenfamilie der Herodianer, von dessen Verdorbenheit alle Münder voll waren im Lande, kaum gestreift in seinen Reden. Wieviele Predigten und Vorträge über alle diese Dinge hat er nicht gehalten, die er nach unserer Meinung unbedingt hätte halten müssen. Es sieht aus, wie wenn er das ganze Leben einfachhingenommenn hätte, wie es war und ist, ohne auch nur das Bedürfnis zu haben, gegen seine Schatten- und Nachtseiten zu blitzen und zu donnern. Und darum tritt er auch so gar nie auf als ein Kämpfer, der einen Standpunkt einnimmt, der eine Sache, eine Partei, eine Kirche hinter sich hat. Er hat nichts zu vertreten und zu verfechten, er hat nur etwas zu zeigen, und wo man das nicht sehen wollte, da zeigte er es erst recht, aber nicht durch Überredung, nicht durch langsames Erziehen und Brückleinbauen, dazu war es zu groß, nicht durch den Versuch, es den Menschen aufzuzwingen, denn daran hätte es selbst zu Grunde gehen müssen, sondern durch sein Leiden, durch das Kreuz. Als etwas, was so sein muß, nicht als etwas Unerhörtes, hat Jesus den Widerstand und die Verfolgung und schließlich den Vernichtungskampf aufgenommen, den ihm die Welt bereitete. Erwidert hat er ihn nicht, er blieb nur mitten im Wetter der, der er war.

Und doch kann ja bei dem allem gar kein Zweifel sein daran, wie Jesus stand zu Gut und Böse, kein Zweifel daran, daß er die Fehler und |252 Gebrechen der Leute und des Volkslebens und der Welt sehr genau beobachtete und erkannte als das, was sie waren, genauer und vollständiger, als irgend ein Mensch es getan hat, kein Zweifel kann sein an seinem Urteil darüber, daß er das Gute als Gutes liebte und das Böse als Böses haßte und bedauerte, wo er es fand. Kein Zweifel kann schließlich daran sein, daß, wo er wirkte und wo man ihn wirken ließ, eine Kraft entbunden wurde, die das Gute schaffte in nie dagewesenem Glanz und unerreichter Tiefe und die das Böse überwand mit einer in dieser Welt ganz unbegreiflichen Schärfe und Vollständigkeit. Aber diese Kraft kam bei ihm aus der Freiheit, nicht aus einem Gesetz. Ja, das war das Wunderbare: Bei ihm kam alles Gute: Klarheit, Erkenntnis, Festigkeit, Wille, Überzeugung bis zum Opfer leicht und natürlich aus der einen Quelle, aus seiner Anschauung des Vaters, den die Welt nicht kennt und der sie doch in seinen Armen hält. In dieser Quelle lebte Jesus. Nur um sie war es ihm zu tun. Seine Kraft zum Guten und gegen das Böse war Leben, nicht Wunsch und nicht Forderung. Seine Hoffnung war das Reich Gottes, nicht menschliche Bemühungen und Bestrebungen. Seine Wirksamkeit war es, den Menschen die Welt des Vaters zu zeigen, lieb und vertraut zu machen, nicht sie zu belasten und zu erziehen, während sie sich in einer Welt befinden, die den Vater nicht kennt und hat. Sein ganzes Tun auf dieser Erde bestand darin, selbst immer fester zu werden in dieser Welt des Vaters, immer deutlicher und lebendiger ihre Kräfte und ihre Art hineinleuchten zu lassen in die unerlöste Menschheit, nicht aber darin, Gärtlein zu bauen auf einem Boden, auf dem doch nichts wachsen kann. Darum hat er nur so gelebt, ohne Grundsätze, ohne Strafpredigten, ohne Widerstand gegen das Böse. Er hat einfach gelebt als der, der er war, weil er wußte: dies Leben schafft dann von selber Alles, was nötig ist.

Er erwartete Alles davon, daß die Menschen ihren himmlischen Vater erkennen, und darum hatte er gar keine Zeit, extra für eine gute Sache oder gegen eine böse zu kämpfen. Er kümmerte sich nicht darum, Kornspeicher zu errichten, in die man die Ernte unterbringen kann, wenn einmal eine solche da ist, sondern sein Anliegen war es, daß überhaupt einmal etwas wachse und gedeihe. Er wollte keine Kanäle und Rinnen graben, um das Wasser aufzunehmen, nach dem Alles sich sehnte, weil er ganz damit beschäftigt war, nachzusuchen und nachzugraben dem lebendigen Wasser für das dürstende Land. Wachstum und Gedeihen |253 und lebendiges Wasser kommt, wo Gott erkannt wird. Darum war Jesus kein Erzieher und hat keine Brücklein gebaut aus der Hölle in den Himmel, weil er wußte: nur die Gott erkannt haben und an Gott sich halten in der Welt, nur sie können erzogen werden, nur sie gehen wirklich über das Brücklein. Und so schuf und pflegte er denn Gotteserkenntnis mit allem, was er sagte, tat und litt: Gotteserkenntnis war der Anfang und das Ziel seiner Reden, Gotteserkenntnis war das Wesen und der Zweck seiner Wundertaten, Gotteserkenntnis verkündigte er in seinem Leiden und Sterben in Gethsemane und auf Golgatha. Gottessamen wollte er auswerfen, Keime einer neuen Welt, und vertraute blindlings darauf: aus diesen Keimen wird automatisch [vgl. Mk. 4,28], von selbst all das Gute, nach dem sich die Menschen mit ihren Geboten und Idealen, mit ihren Bestrebungen und Meinungen umsonst ausstrecken.

Und das wollte er nicht nur, das tat er. Seinem Leben folgte eine wunderbare Ausgießung heiligen Geistes unter den Menschen. Wo sein Auge die Menschen getroffen, seine Hand sie erfaßt hatte, da regten und rührten sich von selber die neuen Kräfte, da zeigten sich Erfahrungen von Liebe, Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Reinheit, Gemeinschaftssinn, die nicht dieser, sondern einer anderen Welt entstammten, da erschienen sofort am rechten Baum auch die rechten Früchte [vgl. Mt. 7,17], nach denen die Menschheit sonst vergebens hungert: ohne Zwang, ohne Schelten, ohne Erziehungskünste, ohne Organisation und besondere Unternehmungen, ohne «man muß» und «man sollte», ohne Grundsätze und Überzeugungen. Als diese Dinge alle dann auch wieder anfingen in der Christenheit, da war es nur ein Zeichen dafür, daß die heilige Quelle wieder verschüttet war. Ja, jetzt mußte man es auch wieder mit dem Gesetz machen unter den Christen und muß es scheinbar bis heute. Christus machte es ohne das Gesetz. In ihm und bei ihm und in der wunderbaren Zeit der ersten Liebe [vgl. Apk. 2,4] in der Christenheit war es anders. Da war die Freiheit aufgebrochen, die Freiheit der Gotteswelt. In den Briefen des Paulus können wir noch heute sehen, wie damals die erste Liebe, die Freiheit der Gotteswelt gerungen hat gegen das Gesetz, das wieder kommen wollte mit seinem aufgehobenen Finger. Und das Gesetz ist doch wieder gekommen, und die herrliche Freiheit der Kinder Gottes [Röm. 8,21] ist tief verschüttet worden. Und aufs neue hieß es: man muß! und: man sollte! |254 Und das Christentum wurde aus einer neuen Lebenskraft zu einer Sammlung von Meinungen und Grundsätzen und Geboten. Und man baute wieder massenhaft Kornspeicher, Kanäle und Brücklein in den Himmel, statt dem Leben nachzugraben, statt den Vater zu erkennen, statt in seine Welt hoffend und glaubend hineinzustehen. Und so ist uns die Freiheit abhanden gekommen, als ob Christus umsonst gelebt und gelitten hätte, und kaum denkt jemand an Freiheit unter uns, wenn er das Wort Religion hört, wenn er eine Kirche stehen oder einen Pfarrer daherkommen sieht, im Gegenteil, nicht wahr?!

Aber nun kommt die Gegenfrage, ich weiß, die schon lange sich erheben wollte, die Gegenfrage: ja, kann es denn anders sein? Ist es uns denn möglich, in der Freiheitsluft zu atmen, in der Jesus Christus gelebt hat? Was wissen wir denn vom Guten und Wahren Anderes, als daß es als ein möglichst tapferer Kämpfer anstürmen muß gegen eine Welt von Torheit und Bosheit? Muß man sich nicht freuen, wenn da und dort dem Teufel ein halber Quadratmeter Boden abgerungen wird? Muß man nicht ganz zufrieden sein, wenn da und dort mitten in der bösen Welt das Fähnlein von ein bißchen Glaube und Moral noch eben so flattert in einem zahmen Windlein? Muß man sich nicht beruhigen, wenn man für sich selber eben so einen gewissen Standpunkt und gewisse Grundsätze gewonnen hat in den wilden Wellen des Lebens — auch wenn das alles noch nicht das herrliche Gottesreich ist? Ja, wie soll etwas Anderes möglich sein? Die Welt ist gar dunkel, die Verdrehtheit der Menschen ist gar schlimm, die eigene Schwachheit gar groß! Da muß man froh sein, daß man sich halten kann an viele, viele: man muß! und: man soll! Es würde ja ohne sie Alles auseinanderfahren in Sünde und Unordnung! Es würden die geringen Anfänge des Besseren in der Welt wieder zuschanden! Es wäre gar keine Aussicht, Besseres zu erreichen. Jesus Christus? Ja, das ist etwas Anderes! Wir aber brauchen das Gesetz! Wir kommen nicht aus ohne den erhobenen Zeigefinger. Wir wollen Gott danken, daß wir noch Ideale haben, weil sie uns wenigstens an etwas Höheres erinnern, wollen Gott danken für Alles, was uns auch äußerlich irgendwie an diese Ideale erinnert: für den Staat und die Schule, die Polizei und die Kirche, für unsere Überzeugungen und Standpunkte, für unsere Tugend und Brauchbarkeit. Und im Namen Gottes wollen wir eben auf diesem Weg weiterfahren, arbeiten und uns Mühe geben, Verbesserungen anstreben und höhere Ziele uns stecken |255 und so nach und nach uns selber und die Welt zu größerer Vollkommenheit emporschrauben. Etwas Anderes gibt es für uns nicht. Das Leben nur aus der göttlichen Lebenskraft, das Leben aus der Freiheit, ist für Gott allein.

Ja, was soll man dazu sagen? Man kann kaum etwas dagegen sagen. Auch der Apostel Paulus ist ja ausdrücklich der Meinung: ehe denn der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen. Und das Gesetz ist unser Zuchtmeister gewesen. Da haben wir es ja. Wenn wir vom Glauben einmal absehen wollen, wenn wir die Möglichkeit, wir könnten zu Gott so stehen, wie Jesus Christus zu ihm stand, einmal resolut auf die Seite stellen als eine unnütze Phantasie, dann ist das alles einfach wahr. Dann ist die Menschheit in ihrer Torheit und Leidenschaft ein gefährlicher Explosionsstoff, den man gar nicht genug einmauern und verkapseln kann, damit kein Unglück geschieht. Dann bist du und bin ich wirklich ein großes, einfältiges Kind, das vom Zeigefinger: du sollst! nicht scharf genug bewacht werden kann. Dann kann es gar nicht genug Schulmeister und Polizisten und Richter und Pfärrer geben in der Welt und gar nicht genug Grundsätze und Überzeugungen und Standpunkte in den Köpfen. Dann können wir gar nicht scharf genug einander das Gute und das Böse vorhalten in klarem Unterschied. Dann können wir nicht fest genug einander belehren und anpredigen und kritisieren und überzeugen, ein Bruder den anderen. Dann kann man wirklich nur sagen: Gott sei Dank für den Zeigefinger! — was wären wir ohne ihn! Dann ist das Christentum mit Recht zu einem neuen Gesetz geworden. Dann muß eben der alte Moralwagen und Fortschrittswagen und Religionswagen weiterrumpeln und -knarren von Jahrhundert zu Jahrhundert, wie er es seit Jahrtausenden getan hat. Dann hat freilich Christus doch ein wenig Unrecht gehabt, daß er so gar keinen Wank getan3, diesen Wagen weiterzuschieben, um dafür etwas zu verkündigen, was doch nur für Gott allein ist. Dann ist auch der Apostel Paulus ein unpraktischer Mann gewesen, wenn er sagt: das Gesetz ist unser Zuchtmeister gewesen, und wir sind nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Ja, ohne den Glauben ist das alles wahr. Wir können es uns gar nicht deutlich genug einprägen: ohne den Glauben brauchen wir das alles, ohne den Glauben ist die Freiheit eine Narrheit, Christus |256 ein Schwärmer, das neue Testament ein Feuerwein, den man nur in zwanzigfacher Verdünnung genießen kann, wenn er nicht als der schrecklichste Rauschtrank wirken soll! Ohne den Glauben müssen wir wirklich unter dem Zuchtmeister sein. Und Alles in unserem Leben und in der Welt, was uns an den Zuchtmeister erinnert und von ihm kommt, sagt uns, daß wir es ohne den Glauben machen.

Aber warum wollen oder müssen wir es ohne den Glauben machen? Glauben heißt Gotterkennen, glauben heißt hinzutreten zu den Quellen des Lebens, glauben heißt hineinstehen in die Welt des Vaters, glauben heißt leben wollen aus den Lebenskräften, die das Gute frei aus sich selbst hervorbringen. Glaube, das ist das Verhältnis zu Gott, das Christus hatte und uns offenbar machte. Ist etwa eine Notwendigkeit da, daß wir nicht glauben können? Ist’s etwa eine Unmöglichkeit, daß das, was in Christus war und in den Seinigen der ersten Zeit, auch in uns sein kann? Ist eine neue Ausgießung des heiligen Geistes4, der wirklich Gerechtigkeit und Wahrheit in dir und in der Welt schafft, ist dir das ein schönes Märlein?

Sieh, da scheiden sich die Wege. Glauben oder Nicht-Glauben. Vielleicht ist unser ganzes Christentum bis jetzt ein heimliches Nicht-Glauben gewesen, vielleicht sieht es darum so traurig aus in der Welt, weil wir immer die alten Wege weiterpfaden. Entweder wir nehmen den Zuchtmeister ernst — oder den Glauben. Entweder wir sehen in uns und um uns die alte Welt, unsere Welt, die den Zuchtmeister freilich nötig hat — oder wir sehen die neue Welt, die Welt Gottes, der der Sieger ist. Entweder wir lassen es uns vom Spiegel und von der Zeitung sagen, wer wir sind und was wir zu erwarten haben — oder Christus sagt es uns. Der letzte Grund dafür, ob wir uns so oder so entscheiden, liegt nicht in unserem Verstand. Man kann endlos darüber räsonnieren und disputieren, daß wir den Zuchtmeister immer wieder nötig haben. Es gibt schließlich keinen anderen Grund dafür als den: um eures Herzens Härtigkeit willen [Mk. 10,5 par.]. Ja, dieser Grund stimmt. Aber warum müssen unsere Herzen hart sein? Warum müssen wir nicht-gläubig sein? Warum nehmen wir Gott weniger ernst als die Welt? Warum soll seine Welt nicht auch für uns aufbrechen, die vergrabene, verschüttete Freiheitswelt Christi? Warum soll die Zeit der ersten Liebe nicht wie|257derkehren? Die Ausgießung des heiligen Geistes? Die Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit [Joh. 4,24]? Die Erlösung all derer, die noch unter dem Gesetz sind? Warum nicht?

Amen.
Lieder:
  • Nr. 10: «Lobe den Herren, o meine Seele» von J. D. Herrnschmidt, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 40,1-3; EG 303,1-3) 🎵
  • Nr. 327: «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen, Strophen 4.5.10 (= GERS [1952] 325,4.5 «Kommt, Kinder, laßt uns gehen»; EG 393,6.7 mit teils abweichendem Text; Strophe 10 fehlt in beiden Büchern) 🎵

[Stichwortauszug aus den Predigten 276, 277 und 2785:]

I Das Gewissen. In allem menschl. Streben u. Erleben drin das Gewissen als Vorposten einer andern Welt. Es ist nicht allein! Und solange es wach ist, ist nichts verloren!

Das Gewissen ist die Erinnerung an Gottes Reich, weist uns ein Ziel, deckt eine Schuld auf u. zeigt Kräfte.

Rücksichtslos, furchtlos, in allen Menschen gleich verkündigt es seine Wahrheit. Freuen muß man sich, daß es da ist!

Das Gewissen ist noch nicht das Leben. Seine Stimme erweckt zunächst Beunruhigung und Verwirrung. Das zeigt nur, wie recht es hat.

Was tun: aufrichtig hören!

II Das Gesetz. Das Gesetz ist alles Gute, was du mußt, ohne es selber zu haben u. zu sein. (Gott, Vernunft, Wünsche, Erfahrungen) was dir bloß aufgeprägt, aufgepfropft, aufgeklebt ist.

258 Ist das Gesetz ein Segen? Es scheint unentbehrlich. Aber gegen jeden Zwang lehnt sich unser Innerstes auf. Und der Gehorsam ist eine Selbsttäuschung. Und selbst große Vollkommenheit führt zur Pharisäerei. So vertieft das Gesetz das Böse. Der Fluch des Gesetzes.

Christus wurde falsch verstanden als Gesetzgeber. Das Christentum hat ihn oft entstellt. Er hat mit Zwang, Heuchelei u. Pharisäerei nichts zu tun.

Wenn das Gewissen redet, gerät der Mensch in Angst, flieht vor dem Gewissen und tut etwas als Surrogat für das Leben, auf das das Gewissen hinweist. (Israel, Staat, Gesellschaft, Christen)

Die Gerechtigkeit Gottes in Xρ [Christus]. Führt uns zum Gewissen zurück u. von da aus zum wirklichen Leben. (Gutes selbstverständlich, Gott in ihm, nicht schulmeistern, Freude machen — nicht tadeln, Gott leuchten lassen, nicht Leiter Berg6, nicht schlechter Mensch Kind Gottes, nicht Sünde Ernst, sondern Liebe Gottes)

Bei Xρ wird man beschenkt: das Böse wird von selbst unmöglich. Das ist die Erlösung. Sie wartet auf uns.

III Die Freiheit. In der Welt Gottes ist Freiheit. Gesetzesworte kommen nicht vor. Es wird nicht gezwungen, bewacht, angepredigt. Es fällt der Unterschied zwischen Bösen und Guten.

Das Gesetz ist ja nicht das Leben. Es ist wohl ein Widerhall des Guten; aber es zeigt es uns bloß; es ist bloß ein heil. Scheinwerfer. Es kann uns bei seinem Urteilen u. Strafen nicht wohl sein. Es bleibt schließlich ihm zum Trotz Alles beim Alten.

Die Freiheit in Xρ. Keine Sünde! Und doch kein Grundsatzmann! Kein Sittenrichter! Kein Kämpfer! Und doch weiß u. beurteilt er Gut u. Böse, wirkt Kräfte des Guten. Das «Wunderbare» an ihm: er lebt aus der Anschauung des Vaters als aus der Quelle des Lebens, diese Quelle will er strömen lassen. Hat darum keine Zeit für Gärtlein, Kornspeicher, Kanäle, Brücklein. Gotteserkenntnis als Keim einer neuen Welt. Und so wirkt er: die Kräfte kommen von selbst. Diese Quelle wurde nach ihm wieder verschüttet, dem Chr[isten]t[um] die Freiheit fremd.

Der Einwand: ist die Freiheit möglich? Die böse Welt. Die Sünde. Gott dankbar sein u. weiterfahren!

259 Ja, ohne den Glauben muß der Zuchtmeister sein. Nicht genug Gesetz! Müssen wir es ohne Glauben machen. Hier scheiden sich die Wege.

Sachfußnoten

1
Vgl. oben S. 96 mit Anm. 8 und S. 198 mit Anm. 4.↩
2
Vgl. oben S. 98 mit Anm. 9.↩
3
Keinen Wank tun = keine Anstalten machen, etwas zu tun.↩
4
Vgl. oben S. 84, Anm. 3.↩
5
Zum folgenden Text vgl. oben S. 227, Anm. 1, und S. 247, Anm. 4. Am Montag, 5. Juli 1915 schrieb Barth an Thurneysen: «Meine Predigt von voriger Woche (27. Juni) hat mehrfach Kopfschütteln erregt (Gal. 3,23–25). Sogar den gewichtigen Vorwurf, ich habe ‹die Weltflucht ergriffen›, hat ein kluger Schreiner gegen mich erhoben. Ich habe nun alle Beschwerdeführenden auf Mittwoch Abend unter den Äpfelbaum aufgeboten, und so wird dann dieser ehrwürdige Baum ein großes Religionsgespräch über Gesetz und Freiheit mitanhören müssen. Sie wollen alle kommen, und ich bin gespannt, wie’s wird» (Bw.Th. I, S. 60 📖). Der Stichwortauszug könnte der Vorbereitung Barths auf das «Religionsgespräch» gedient haben. Über den Verlauf des Abends berichtete Barth am Donnerstag, 8. Juli (Bw.Th. I, S. 61f.).↩
6
Diese und die folgenden Wortgruppen beziehen sich auf den letzten Abschnitt der Predigt Nr. 277; s. oben S. 246.↩