5. Juli 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

59
Lieber Freund!

Ob es wohl nichts Dümmeres gibt, wenn Pfärrer und dann noch solche von der kleinen Herde wie wirkliche Schulmeister als Kompagniehäuptlinge mit der Karte in der Hand durch unbekanntes Land ziehen und einander zu begegnen suchen?! Nun wir wollen uns Mühe geben, uns als gewandte Weltkinder in «diesem fremden Land» zu benehmen. Mit dem Treffpunkt bin ich einverstanden. […] N. B. wir brechen um 10 Uhr, unmittelbar nach der Predigt hier auf (die Kinderlehre fällt festlich aus) und würden nach meiner Berechnung vor oder hinter Schöftland im Walde |60 zu Mittag essen. Vom Böhler aus suchen wir dann auf die Höhe nach Wannenhof-Rütihof zu gelangen. Wie wäre es nun, wenn ihr uns auf den Böhler entgegenkämet, dann könnte die Höhenwanderung gemeinsam gemacht werden (verbunden mit einer kleinen Schlacht zwischen den beiderseitigen Buben, wenn es erwünscht scheint). Ihr könnt aber auch nach deiner Absicht direkt auf Wannenhof losstreben, nur daß man sich dann nicht verpaßt, was durch beidseitige Schleich- und Horchposten zu verhindern ist. Wegen dem Wetter würde man sich im Zweifelsfall telephonisch verständigen. […] Ich werde die ganze oder doch einen schönen Teil der Kirchenpflege mitbringen, die schon lange einmal spazieren wollte und nun einfach mitkommt. Du hast doch nichts dagegen, es sind gutartige Leute und z.T. «nicht fern vom Reiche Gottes» [vgl. Mk 12,34], Ich will meinen Kindern sagen, daß sie ein paar Deklamationen oder dergleichen rüsten. Sie machen das gern und bei jedem Anlaß. Wollt ihr das Seil mitbringen? Denn seilgezogen muß doch unbedingt werden. Verbandstoff für Verwundete und Hoffmannstropfen für die, die zuviel gegessen haben (oder die, die von unseren Reden gar zu sehr ergriffen worden sind) bringe ich mit. Kurzum es wird ein großer Schlag und Beweis, daß wir denn auch zu äußerm Tun …! Doch wollen wir erst sehen, wie es wird und ob es nicht regnet. In diesem Fall einfach acht Tage später, nicht wahr?!

Meine Predigt von voriger Woche (27. Juni) hat mehrfach Kopfschütteln erregt (Gal. 3,23–25). Sogar den gewichtigen Vorwurf, ich habe «die Weltflucht ergriffen», hat ein kluger Schreiner gegen mich erhoben. Ich habe nun alle Beschwerdeführenden auf Mittwoch Abend unter den Äpfelbaum aufgeboten, und so wird dann dieser ehrwürdige Baum ein großes Religionsgespräch über Gesetz und Freiheit mitanhören müssen. Sie wollen alle kommen, und ich bin gespannt, wie’s wird. Gestern predigte ich […] über den Mammon als Höllenmacht und den armen Lazarus als den Typus des geldfreien Menschen.

Ich schreibe dir vielleicht diese Woche noch einmal, heute eilt es. Fränzeli läuft uns jetzt nach allen Richtungen davon, um da |61 Blumen zu pflücken und dort einen großen Hund zärtlich zu streicheln und dort Erde zu essen, «wie meine Muhme, die berühmte Schlange.»1

Herzlichen Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Goethe, Faust, Prolog im Himmel, 334f. (Mephistopheles) 📖: «Staub soll er fressen, und mit Lust, Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.»↩