25. April 1915

Predigt: 2 Petrus 1,19

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2.Petrus 1,19
Wir haben das feste prophetische Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.
Liebe Freunde!

Wie wunderbar herrlich sind wir doch dran: wir haben das feste prophetische Wort. Da draußen in der Welt heult der Sturm. Tief herunter ist der Himmel mit Wolken verhangen. Welle auf Welle drängt sich heran und will sich nimmer erschöpfen und leeren. Wie ein schwerer Druck liegt’s auf der Menschheit: Was wird noch kommen? Hier eifern und schaffen und kämpfen sie in den Tag hinein, ohne an den folgenden |162 Tag zu denken, weil sie nicht daran denken wollen. Hier blicken sie kühn in die Zukunft und berechnen kaltblütig: so werden wir’s machen und so und so!, und ist doch alles so unsicher. Hier ängsten und jammern sie: die Zukunft ist Elend und Tod!, und dort wünschen und beten sie: Genug, genug nun des grausamen Spiels2, damit wir wieder atmen und leben können. Und viele Andere sind auch stumpf und dumpf und nehmen weder die Gegenwart noch die Zukunft ernster als sonst.

Wir aber haben das feste prophetische Wort. Und das will sagen: wir brauchen den Gedanken an morgen nicht zu scheuen. Wir brauchen keine trotzig-frevelhaften Berechnungen zu machen und brauchen doch auch nicht zu zittern. Wir können die Gegenwart ernst nehmen und die Zukunft erst recht. Wir brauchen auch noch3 nichts zu wünschen und zu bitten für die Zukunft außer dem einen großen Wunsch und Gebet, in dem Alles enthalten ist. Denn wir wissen klar und bestimmt, was da ist und was da sein wird. Wir haben das feste prophetische Wort, und das ist die Klarheit über den Weg, der vor uns liegt, über den nächsten Schritt und über alle folgenden Schritte, die wir tun werden.

Wir haben diese Klarheit. Nicht, weil wir das Bibelbuch haben. Wie Viele haben es, und es ist ihnen ein verschlossenes Buch. Wie Viele lesen darin, und es redet doch nicht zu ihnen. Wir können mitsamt der Bibel tief drinstecken in der Unsicherheit, im Hochmut, in der Gedankenlosigkeit. Die Zukunft kann uns, während die Bibel offen vor uns liegt, ein unbekanntes, unheimliches Land sein. Schrecken und Verwirrung über das, was in der Welt geschieht und noch geschehen kann, können uns erfüllen, während unsere Finger forschend den heiligen Buchstaben der Schrift folgen. Und mit den Künsten der Ausleger ist uns auch nicht geholfen. Wir brauchen in der Angst der Welt wahrhaftig einen besseren Trost als den, der darin besteht, daß nun dies und jenes Wort, das geschrieben steht, in Erfüllung gehe oder gehen werde. Es liegt ja jetzt nahe, viele von den Zukunftsbildern der Schrift anzuwenden auf die |163 Gegenwart. Ein Buch wie die Offenbarung des Johannes lesen wir bei dem, was wir jetzt erleben, mit ganz anderen Augen als früher. Aber wir wollen Achtung geben, daß wir aus lauter Interesse für solche Einzelheiten nicht Zeit und Kraft verlieren für die Hauptsache, für die uns die Bibel eigentlich gegeben ist. Die Klarheit des prophetischen Wortes ist etwas Anderes als ein interessantes Spiel mit der biblischen Weissagung.

Wir haben diese Klarheit in dem, was Gott zu unserer Seele geredet hat. Unsere Seele ist nicht das Auge und die Finger, die durch die Bibel streifen. Unsere Seele ist auch nicht der Verstand, der die Sprüche der Bibel zusammenrafft und zu deuten versucht. Unsere Seele sind wir selbst, die von dem lebendigen Gotteswort, das in der Bibel quillt, erfaßt und überwunden sind. In der Bibel verborgen schlummert die Wahrheit, die Wahrheit über das Leben und die Welt, die Wahrheit über dich und mich, die Wahrheit über die Vergangenheit und über die Zukunft, über Gottes Anfänge, Wege und Ziele. Eine ganze Welt von Wahrheit. Der ganze lebendige Zusammenhang von dem, was eigentlich, wirklich ist. Die Propheten und Apostel haben diese neue Welt entdeckt und von ihr gezeugt, und mit ihren Worten haben sie ein Stück davon hineingestellt in unsere Menschenwelt. Jesus Christus hat noch mehr getan. Er hat mit seiner ganzen Person diese neue Welt verkörpert als der Sohn des Vaters voller Gnade und Wahrheit [vgl. Joh. 1,14].

Und seht, nun wartet dies lebendige Gotteswort, wartet im Bibelbuch, wartet in der Geschichte der Menschen, in die es hineingetreten ist als die verborgenste und doch ungeheuerste Kraft, wartet in erleuchteten Menschen, die unscheinbar unter den Anderen leben und doch eigentlich nichts Anderes sind als seine Zeugen und Propheten, Brunnquelle der Wahrheit wie die Bibel selbst, wartet in unserem eigenen Leben, denn in unser aller Leben ist irgendwo ein Ecklein, wo das Wort von der Wahrheitswelt bereits aufgerichtet ist und sich vernehmen läßt — wartet auf unsere Seelen, auf uns selbst, um wahrhaftig zu uns zu reden. Das ist etwas Wunderbares, wenn nun das Wort von der Wahrheitswelt zu uns zu reden begonnen hat.

Wir stecken tief drinnen in der anderen, in der Unwahrheitswelt. Wir meinten, es gebe nichts Anderes als die arge [?] Torheit und Bosheit aller menschlicher Wesen. Wir glaubten höchstens, daß wir bei eifrigstem Streben und Bemühen so ein bißchen gerecht und fromm werden könn|164ten von uns aus. Wir meinten, zum Leben gehöre das Leid und die Bitterkeit, und rechneten höchstens zwischenhinaus auf gelegentliche glückliche Zeiten und Stunden. Wir meinten, die Welt sei notwendig ein wildes, sinnloses Durcheinander von Irrtum und Gewalt4: heute Krieg und morgen Frieden, heute Wohlsein und morgen Entsetzen, und erhofften im besten Fall einige kleine Fortschrittlein und Verbesserungen, die doch immer wieder zunichte gemacht werden von der wüsten Raubtiernatur der Menschen.

Und nun kommt auf einmal die große Unruhe über uns. Wir können uns nicht mehr zufrieden geben mit dieser Welt, wir können nicht mehr in ihr zu Hause sein. Eine Stimme in uns ruft unablässig, daß das alles ja Lüge ist. Jede Erfahrung, die wir mit uns selbst und mit den Menschen machen, bestätigt es uns: das alles kann ja unmöglich der Sinn des Lebens, kann nicht das Wirkliche, Eigentliche der Welt sein. Und ein großes Heimweh überkommt uns, wie Kinder, die sich im Walde verlaufen haben. Wir wissen’s auf einmal, daß wir in einer Welt drin stehen, die sich von ihrem Grund und Lebensquell weg verloren hat. Daß mit all den gierigen Bestrebungen und Interessenkämpfen, mit diesen Zeitungsstreitigkeiten und Seeschlachten und Artilleriegefechten, die die Taten dieser Welt vorstellen, ein Theater gepielt wird, ein unglückseliges Theater, statt daß die Menschen im Wirklichen leben würden und so, wie sie wirklich sind. Und daß wir selber, du und ich, ein Theater spielen, mit unseren Sorgen und Aufregungen, mit unseren kleinen Freudelein und Zänkereien, mit den Zielen, die wir uns stecken, und mit den Enttäuschungen, die wir dann immer wieder erleben. Verloren haben wir uns aus der Heimat des Lebens hinein in eine große Lügenwelt.

Aber jetzt wachen wir auf, sind schon aufgewacht. Gott hat mit uns geredet. Er ist uns nie ferne gewesen. Auch da nicht, als wir noch ganz ruhig und zufrieden waren in unserer alten Welt, als wir noch ganz fröhlich mitschwammen in dem großen Strom. Er läßt uns manchmal so recht voll werden von dieser Lügenwelt, daß wir an nichts Anderes denken, als wie wir so recht aus Herzenslust und aus allen Kräften mitlügen wollen. Gott ist uns oft gerade dann am allernächsten. O, das |165 kann man ja eben nur von außen gleichsam beschreiben, wie es nun dazu kommt, daß wir das Wort von der Wahrheitswelt, das so lange umsonst auf uns gewartet hat, einmal wirklich hören. Das ist ja das tiefste Geheimnis des Lebens: der Mensch, der es merkt: ich war verirrt, und der nun seinen Grund und seine Heimat wieder findet, den Grund und die Heimat von Allem, was überhaupt ist. Wir können nur das sagen, daß es Zeiten und Stunden gibt in unserem Leben und auch im Menschheitsleben im Großen, wo wir gleichsam der Türe ganz nahe geführt werden von innen, vor der das lebendige Gotteswort draußen steht und anklopft, und wo auch das Anklopfen von draußen stärker wird als gewöhnlich. Wer es dann merkt, der merkt es. Wer dann erwacht, der erkennt: jetzt ist die Stunde, wo sich etwas entscheiden muß.

Die Wahrheitswelt, die Welt des wirklichen Lebens, steht draußen und will hereinkommen. Herausgerissen soll ich werden aus der Lüge und aus dem Schein. Hineingestellt soll ich werden in die Kraft und Freude des Himmelreichs, das das Eigentliche ist im Dasein. Dasselbe soll ich erfahren und werden, was die Propheten und Apostel erfahren haben und geworden sind. Hervorbrechen soll aus ihrem verborgenen Ecklein die Wahrheit, die ich ja längst schon kannte, und jubeln soll ich dürfen: endlich habe ich mich selbst, mein besseres, höheres Ich gefunden! Als ein Bruder Jesu Christi soll ich erleuchtet werden und selber leuchten für die Anderen. Sieh, das ist’s, was da draußen wartet und hereinwill. Und wer das merkt, der tut auf und sagt ganz einfach Ja, stellt sich ganz einfach auf die Seite hinüber, wo er doch hingehört, läßt sich ergreifen von dem Großen, das da über ihn gekommen ist.

Und damit ist nun sein Leben auf eine neue Grundlage gestellt, eben auf die Grundlage der Wahrheit. Das Theaterspiel ist aus, das wirkliche Leben hat begonnen. Vieles, Vieles, das wir eben noch so ernst nahmen, für so wichtig und notwendig hielten, sinkt in sich selbst zusammen wie ein Schatten und Rauch. Noch ist’s da, noch will es sich geltend machen, noch möchte es über uns herrschen, aber es ist erkannt, wir wissen, was wir von ihm zu denken haben: es gehört ja gar nicht zu uns, es muß ja hinter uns zurückbleiben, es kann ja gar keine Geltung beanspruchen. Noch sind wir manchmal kleinlich, bösartig, vergrämt, verekeln uns selbst und Anderen das Leben, aber eigentlich sind wir ja doch frei von dem allem, aus der neuen Grundlage wächst ein neues Dasein hervor mit neuen Daseinsordnungen.

166 Und mitten in der großen Lügenwelt drin bist du ein kleines, fröhliches Inselchen der Wahrheit, wenn du einmal jene Tür auf getan und Ja gesagt hast. Du brauchst nicht mehr zu jammern über die böse, finstere Welt, du weißt etwas, du weißt, daß das alles, worunter die Menschen leiden und was sie einander zuleide tun, die Jagd nach dem Gold und das trübe Treiben der Leidenschaften und der Krieg und die Tuberkulose und der Tod — daß das alles ja nur eine Sündflut ist, die sich ganz sicher verlaufen muß. Du weißt, daß du nicht das einzige Inselchen bist mit dem, was du entdeckt hast, sondern da und dort gucken solche freien Punkte heraus aus dem schäumenden, strudelnden Meer, und an unendlich vielen Orten braucht’s nur noch ganz wenig, so bricht aus dem Wasser das Land hervor. Du weißt: wie Gott auf mich gewartet hat, bis ich’s endlich merkte und ihn hereinließ, so wartet er eigentlich auf die ganze Welt, und je toller sie’s treiben und je dunkler es aussieht in dieser Welt, desto deutlicher ist sein Anklopfen.

Und eine Aufgabe und Stellung hast du jetzt in dieser Welt: ganz still als einer zu leben, der gehört und aufgetan hat, recht leuchten zu lassen das Licht, das du aus der anderen, der Wahrheitswelt hast, recht zu zeigen, wie sicher und freudig du jetzt bist, bis sie links und rechts um dich her etwas merken davon: der kennt etwas Anderes als wir, der lebt aus Kräften, die uns neu und fremd sind, der hat Wurzeln in einem guten, fruchtbaren Erdreich, bis sie auf den Gedanken kommen, am Ende warte auch auf sie so etwas Großes und Schönes, am Ende müßten auch sie Ja sagen und auftun. Und damit wächst dann inmitten der alten Welt die neue, in die Mauer der Lügenwelt hinein wird eine Bresche geschlagen, inmitten des großen Nichts des gewöhnlichen Menschenlebens entsteht auf einmal ein Etwas, etwas Reales, Eigentliches, und die Menschen fangen an, erstaunt einander anzusehen: was für Spuk haben wir denn eigentlich miteinander getrieben?, und der Spuk muß davonziehen aus der Menschenwelt schwadenweise wie der Rauch, wenn der Wind drein fährt.

Und seht, die Quelle, die da angebrochen ist, wenn wir einmal Ja gesagt haben zu dem Gotteswort von der Wahrheitswelt, die versiegt dann nicht wieder, die fließt weiter. Nicht nur einmal wartet der liebe Gott auf uns und auf die Welt, sondern zum Glück immer wieder, seine Brünnlein haben Wassers die Fülle [vgl. Ps. 65,10]. Gottes Offenbarung an uns ist nicht ein Stück, ein Erlebnis, eine Erkenntnis, die man einmal |167 macht und dann fertig, nein, das ist, wenn wir einmal aufgetan haben, ein ewiges Schöpfen und Nehmen und Trinken und Starkwerden. Denk, was das heißen will, wenn einmal die Bibel aufgeht — ich meine jetzt nicht die zwei schwarzen Deckel des Buches, sondern jene Gottesquelle in der Bibel, wenn die alten Sprüchlein — die fettgedruckten und die anderen — diese alten Sprüchlein aus dem fernen Lande Kanaan wieder zu tönen anfangen, wie wenn ein guter Freund sie uns sagte mit fröhlichem, freundlichem Gesicht, wenn die hohen Propheten und Apostel zu uns kommen, ja wahrhaftig zu uns in den Kanton Aargau und auch nach Safenwil, und mit uns reden von dem, was sie gemerkt haben von der Gotteswelt, wenn dazu das berühmte Fünklein5 in deinem eigenen Herzen endlich aufflammen und in lauter Freude zu einem großen Feuer werden darf, wenn wir nun endlich etwas davon verspüren in Wirklichkeit: Jesus Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben [Joh. 14,6] — denk, was das heißen will. Merkst du, daß da nicht nur ein einmaliger Guß von Freude und Kraft ist, sondern ein ewiger Strom, möchstest du da nicht auch singen und jubeln wie Paul Gerhardt:

O du Brunnen ohn’ Ergründen,
Wie will doch mein schwacher Geist,
Ob er sich gleich hoch befleißt,
Deines Grundes Tiefe finden?6

Gottes Wort hört wie seine Liebe nimmer auf [vgl. 1.Kor. 13,8]. Hört nicht auf, wenn du unter widrigen Menschen in schwierige Verhältnisse kommst. Hört nicht auf, wenn die Leiden dieser Zeit [vgl. Röm. 8,18] über dich hereinbrechen. Hört nicht auf, wenn die besonderen Eindrücke besonderer Zeiten, etwa der Konfirmationszeit oder der Passions und Osterzeit, vorbei sind. Sondern Alles, was wir von ihm gehört und aufgenommen, ist immer nur ein kleiner Anfang gewesen. Unendlich viel größere Kräfte und Freuden folgen nach. Wir wissen alle noch das allerwenigste von den Aufgaben und Arbeiten und Siegen und Seligkeiten, denen wir entgegengehen, nachdem das Tor des Lebens einmal offen ist. Die wunderbare neue Grundlage bewährt sich, für die Gegenwart und für alle Zukunft.

168 Eben darum ist das Wort, das Gott zu unserer Seele geredet hat, ein festes prophetisches Wort. Eine Klarheit über Alles, was sein wird und kommen kann. Denn wenn einmal das klar ist, was ist, wenn die Wirklichkeit klar ist, dann ist auch klar, was sein wird. Weil in Gott heute und morgen eins sind. Wer erkannt hat, was er heute ist, weiß auch, was er morgen sein wird. Die Propheten Gottes, Jesus Christus an ihrer Spitze, haben immer für die Gegenwart und für die Zukunft zugleich gelebt und geredet. Die Wahrheitswelt ist eben die Welt der Ewigkeit. Und weil wir ihr Wort gehört haben, haben wir volle Klarheit über Alles, was vor uns ist.

Wir können diese Klarheit über unseren Weg in einem Wort aussprechen und zusammenfassen, das Wort heißt: Vollendung. Gott vollendet, was er angefangen hat. Ist Gott der Ursprung aller Dinge, so ist er auch ihr Ziel. Und hat uns sein Wort unseren Ursprung erkennen lassen, so leuchtet eben damit auch unser Ziel vor uns auf. Die Lügenwelt ist eine Welt von lauter Anfängen, die nur Anfänge sind. Die ist voller Rätsel, die von einem Narren so ausgedacht sind, daß sie überhaupt keine Lösung haben, bei denen man immer nur sagen kann: ich weiß es auch nicht! Da sind alle Wege schließlich mit Mauern verbaut, über die man nicht hinwegkommt, und doch geht unser Leben in sausender Fahrt gerade auf diese Mauern los. Denkt einmal nach über die Krankheit, ohne den Gedanken der Wahrheitswelt zu Hilfe zu nehmen. Oder weil’s jetzt Krieg ist, über den Krieg und seine Ursachen. Oder über die ungleichen Anlagen und Charaktere der Menschen. Oder denkt über eures eigenen Lebens Sinn nach nur mit den Gedanken der Lügenwelt, mit ihrem Mein und Dein, mit ihrem Glück und Unglück, mit ihrem Frieden und Unfrieden. Denkt über die besten und edelsten Bestrebungen nach, denen die Menschen sich hingeben können — was sollen sie eigentlich und wozu führen sie? Grinst uns nicht überall die Antwort entgegen: ich weiß es auch nicht!? Sehen wir nicht überall bloß hoffnungslose Anfänge und Versuche? Verwickelt sich nicht Alles aufs schrecklichste, sobald wir auch nur ein wenig weiter gehen wollen? Überall Mauern. Überall Rästel.

Das Wort von der Wahrheitswelt, das Gott zu unseren Seelen redet, bringt Klarheit. Es zerstört die Lügenwelt, legt eine neue Grundlage und gibt uns dann auch Antwort: Wozu? und Wohin? Dorthin, wo die Wahrheit ist und die Liebe und die Barmherzigkeit, dorthin, wo die |169 ewige Güte ist, dorthin muß Alles zuletzt wieder münden. Es kann nichts bestehen außer Gott. Er ist das Wirkliche, und alles Andere muß sich in Schein auflösen. Das Verlorene findet sich wieder. Das Verirrte kommt wieder nach Hause. Das Herausgefallene wird wieder hereingenommen. Liebend nimmt der Vater zu sich, was sein ist. Er ist eben einfach größer und stärker als die Verirrung, und darum wendet er die Verirrung zur Heimkehr. Seine herrliche Wahrheitswelt steht nicht nur neben oder über unserer Lügenwelt, sondern sie umgibt sie gleichsam von allen Seiten, zwingt ihr ihre eigenen Gesetze auf, bis sie sie zuletzt aufgelöst und selber in Wahrheit verwandelt hat. Gott ist nicht nur der Wirkliche, der über dem Scheine steht, sondern er regiert auch allen Schein und Schatten des Lebens so, daß er schließlich Wirklichkeit werden muß. Und so steht hinter all den Fragen des Lebens und der Welt, die an sich keinen Sinn und kein Ziel haben, die Antwort, die Gott ihnen gibt, weil er aus der Verirrung Heimkehr machen kann und macht. All der Unsinn und all die Verkehrtheiten und all das Entsetzen unserer Welt, sie haben gleichsam eine göttliche Rückseite, ihr Ziel und ihren Sinn in Gottes Liebe; noch ist dieses Ziel nicht da, aber es stellt sich dann einmal heraus, so sicher, als eben Gott der Wirkliche ist. Er ist der Ursprung, er ist die Vollendung; über dem Dunkel der Welt, die ihn verloren hat, steht die Klarheit, daß er Sieger bleibt. Diese Klarheit, die hineinleuchtet ins Kleinste wie ins Größte, ist das prophetische Wort, das wir haben für unsere Zukunft, für die Ewigkeit.

Und nun sagt uns der Apostel: ihr tut wohl, daß ihr achtet auf dies feste prophetische Wort als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. Dieses «darauf achten» bedeutet zweierlei: einmal eine große Dankbarkeit und Freudigkeit. Darin ist auch eigentlich Alles enthalten. Wir können von der Zukunft gar nichts Anderes erwarten als eben das, daß Gott Sieger bleiben wird in Allem und durch Alles hindruch. Eben darum können wir nichts Anderes wünschen und bitten als: Dein Reich komme! [Mt. 6,10 par.]. Wir können und dürfen das, was zwischen uns und diesem Ziel liegen mag, nicht so ernst nehmen, daß wir uns dadurch erschrecken und irre machen lassen dürften. Da müßten wir ja die Wahrheitswelt wieder aufgeben, die von uns Besitz ergriffen hat. Und darum ist über Allem und in Allem eine große Freudigkeit in uns. Wir sehen wohl das Leid und die Tränen, von denen die Welt voll ist, aber |170 wir achten auf das prophetische Wort und wissen: Gott wird Meister und bereitet seine Welt, in der alle Tränen abgewischt werden [vgl. Jes. 25,8]. Wir sehen wohl das Unrecht der Menschen, das gen Himmel schreit, aber wir achten auf das prophetische Wort und wissen, daß der Gerechtigkeit Gottes die Zukunft gehört, und sehen, wie er das Unrecht der Menschen in seinen Dienst zu stellen weiß. Wir sehen wohl unsere eigene Schwachheit und Blindheit, aber wir können uns auch vor uns selber nicht fürchten, wir müssen achten auf das prophetische Wort und gehen unseren Weg in der Zuversicht, daß Gott, der Lebendige, triumphieren wird auch ohne uns und gegen uns. Wir können nicht anders als trotz Allem dankbar und freudig in die Zukunft blicken. Dankbar, weil Gott ist, und freudig, weil er sein wird.

Aber dazu gehört dann auch das Andere, daß wir ihm in ganz neuer Weise gehorsam werden. Gottes Klarheit leuchtet über unserem Weg und über den zukünftigen Wegen der Welt, damit wir selber klar werden. Die Ziele Gottes sehen in der dunklen Welt heißt an sie glauben und sich nach ihnen in Bewegung setzen. Wer die Vollendung der Wahrheitswelt wirklich erwartet, der ist zugleich ihr Zeuge mitten in der Lügenwelt. Die Vollendung wird um so näher sein, je mehr wirklichen Glauben und Gehorsam sie in uns finden wird. O, wenn wir achten auf das prophetische Wort, wenn wir warten auf seine Erfüllung, dann sind wir voll lebendiger Kraft, voll Ernst und Rücksichtslosigkeit, voll Revolutionsgeist, der das Himmelreich an sich reißen will [vgl. Mt. 11,127]. Aber dieser Revolutionsgeist ist kein menschliches Laufen und Eifern, sondern er ruht in der tiefen Gewißheit, daß Gott wirkt und wirken wird.

So sehen wir in die Zukunft, wir, die wir das feste prophetische Wort haben, als die fröhlichen Kinder des Vaters und als die gehorsamen Mitarbeiter des höchsten Meisters.

Wir wollen schließen mit einigen Versen, in denen Goethe beschrieben hat, wie die Kinder und Mitarbeiter Gottes Klarheit haben über den Weg, der vor ihnen liegt.8

Die Zukunft decket
Schmerzen und Glücke.
171 Schrittweise dem Blicke,
Doch ungeschrecket
Dringen wir vorwärts.

Und schwer und ferne
Hängt eine Hülle
Mit Ehrfurcht. Stille
Ruhn oben die Sterne
Und unten die Gräber.

Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
Versäumt nicht, zu üben
Die Kräfte des Guten!

Hier flechten sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.
Lied:
  • Nr. 20: «Singt, singt Jehovah neue Lieder!» von M. Jorissen nach Psalm 98, Strophen 1-2 und (nach der Predigt) 3-4 (= GERS [1952] 25 «Singt, singt dem Herren neue Lieder»; ebenso EG 286, wo die 4. Strophe einen anderen Text hat) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 9. April 1915 nahm Barth in Marburg teil an der Hochzeit seines Bruders Peter mit Helene Rade. Vom 10. bis 15. April weilte er in Bad Boll, hörte eine Predigt von Christoph Blumhardt und sprach ausführlich mit diesem (Busch, S. 96f. 📖); vgl. dazu oben S. VIII. Aus Barths Notizkalender geht hervor, daß er vom 15.-17. April in Zürich seine Schwiegermutter besuchte und die Familie Kisling, deren neugeborenen Sohn er im Juni taufte (s. unten, S. 540f.). Von dort fuhr er weiter nach Bern und war am 20. oder 21. April wieder daheim in Safenwil.↩
2
In diesem Abschnitt zitiert Barth aus Fr. von Schillers Ballade «Der Taucher»: 📖
Und Wellapos; auf Well’ sich ohn’ Ende drängt (12. Strophe)
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren (6. Strophe)
Laßt, Vater, genug sein das grausame Spiel! (24. Strophe)
↩
3
Statt «auch noch» ist möglicherweise zu lesen: «auch auch» (versehentliche Doppelschreibung).↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Zahme Xenien VII 📖:
Es ist die ganze Kirchengeschichte
Mischmasch von Irrtum und von Gewalt.
↩
5
Vgl. oben S. 136f., Anm. 5. ↩
6
Aus Strophe 3 des Liedes Nr. 3: «Sollt ich meinem Gott nicht singen» (Die vermutlich originale Fassung findet sich im GERS [1952] 48 und im EG 325) 🎵.↩
7
Vgl. die Predigt über diesen Text oben S. 22–33. ↩
8
Die Strophen 2, 3, 5 und 6 aus J. W. von Goethes Gedicht «Symbolum» 📖.↩