14. Juni 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund,

[…] Ich sah am Freitag, daß ich über «den Zuchtmeister» noch nicht predigen könne und nahm «Christus hat uns erlöst vom Fluch des Gesetzes» [Gal 3,13]. Es wurde mir aber zu theoretisch. Und da griff der liebe Gott ein, wie du zu sagen pflegst, und der Regimentsstab ordnete eine Feldpredigt an, und statt meiner predigte auf einer Wiese unter Fahnenflattern und Trommelwirbel — der Feldprediger über das packende Thema: «Kriegssteuer — Blutsteuer — Lebenssteuer!» Was für Worte des Durchbruchs da fielen, kannst du dir denken! Er ist übrigens […] Kirchenrat und Kapitelspräsident [in seinem Kanton]. Wie hilflos stehen wir da neben einem solchen «Mann in Christo»! Nun werde ich wohl meine Predigt nächsten Sonntag halten, obwohl ich sicher bis dahin noch mehr gegen sie einzuwenden habe. Aber am Samstag muß ich nach Zürich und vormittags ein Kind meines |53 Schwagers Kisling taufen und nachmittags Schwägerin Anny mit ihrem H. W. Schuler trauen, viel Kasualien aufsmal, aber ich mache es nicht einmal so ganz ungern, da ich bei dem Anlaß der Zürichberggesellschaft Einiges sagen kann, dem sie im Privatgespräch immer eher ausweicht. Eine gewisse Luftklärung ist auch etwas Schönes, wenn man nicht mehr tun kann. Was sagst du zu der Karte Rades?1 Das ist doch wieder ganz er!! Beachte besonders: … ganz einverstanden … am wenigsten … die Hauptsache … wirklich um Gott nicht eine so einfache Sache! Wenn das kein Tricktrackspiel ist! Im Übrigen wollen wir also auch das Moratorium des Christentums «in Ruhe» erwarten. Es ist merk-würdig, wie man uns von allen Seiten beruhigende Artikel in Aussicht stellt! […] Guggenheim war letzthin da mit dem Leutnant cand. theol. S. Das ist aber eine ganz sonderbare grundsatzlose Nummer, nimmt das Militärwesen tragisch ernst bis zu dem Firlefanz des Offizierskomments und redet im Übrigen so konfus, daß alles verstummte. […]

Ich las heute das Blumhardtbuch 📖 fertig, hauptsächlich mit dem Gefühl der Beschämung! […] Letzten Samstag begrüßte mich ein hiesiger Trinker vom Fenster des 1. Stockes seines Hauses aus mit geballten Fäusten und folgender Anrede: «Mach daß du fortkommst, du Chaib, du Pfaff, du Herrgottsdonner, wo du hinkommst, wächst kein Gras mehr!» Da hatte ich’s. Der alte Blumhardt hätte da sofort einen Lobgesang angestimmt und den Teufel ausgetrieben. Am Mittwoch kommt der Feldprediger zum Mittagessen, und ich will versuchen, ihm einiges begreiflich zu machen.

Herzliche Grüße auch von Nelly
dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
Am 8.6.1915 dankte M. Rade Barth für die Zusendung seines Artikels «Friede» 📖, a.a.O. Auf der Postkarte (im Karl Barth-Archiv, Basel) heißt es u. a. : «Im übrigen bin ich ganz einverstanden mit Dir. Am wenigsten mit dem, was Du über Gott schreibst. Und der ist nun freilich die Hauptsache. Es ist wirklich um Gott nicht eine so einfache Sache. Lies bitte recht mit Ruhe, was ich in Nr. 24 veröffentlichen werde über das Moratorium des Christentums. Ich meine, Ihr müßtet daraus sehen, daß es unsereiner mit Gott und dem Kriege nicht weniger ernst nimmt als Ihr.» Vgl. M. Rade, Kein Moratorium des Christenglaubens, in: Die Christliche Welt, Jg. 29 (1915), Sp. 473ff. 📖 ↩