Predigt: Jesaia 53,1-3
Und das soll nun der Knecht Gottes sein, der uns das Leben bringt, der Mann, der da am Kreuz der Schande, angeheftet zwischen zwei Übeltätern, seine letzten Atemzüge tut? Das soll die Wahrheit sein, diese bleiche, scheue Gestalt, die wir da, halb verborgen und unkenntlich, durch unser Leben und durch die Welt huschen sehen, die wir gar nicht anders kennen als im Leiden, in der Niederlage, in der Verachtung und Unterdrückung? Mit dieser Frage schlossen wir unsere Passionsbetrachtung am letzten Sonntag. Wir wollen auch heute nichts tun, als diese Frage noch viel ernster, wuchtiger und umfassender zu uns reden lassen. In unserem Text läßt der Prophet und Dichter die Heiden und ihre Könige in eben diese überraschte, zweifelnde Frage ausbrechen: Wer sollte auch der Kunde glauben, daß diese Gestalt der Schwachheit und des Jammers Gottes Knecht sein soll? Wem sollte es offenbar geworden sein, daß hier wirklich der Arm des Herrn ist, von dem Taten und Erfolg zu erwarten wären? Ja, wer glaubt das? Und wem soll das offenbar sein? Wir stellen uns neben die Heiden, die der Prophet so reden läßt. Ihre Frage ist unsere Frage. Den Sinn der Passion erleben wir in dieser Frage.
«Er schoß ja vor uns auf wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste |91 und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.» So stehen wir staunend und befremdet vor Christus, dem Leidenden. Es erschreckt uns, ihn so zu sehen. Wir meinen, wir würden ihn wohl verstehen, wenn er nicht gerade das wäre, was er ist, eben der Verurteilte und Gekreuzigte. Warum steht er nicht vor uns als der geliebte König eines getreuen Volkes? Oder als der siegreiche Feldherr unter seinen begeisterten Truppen? Warum nicht als ein kluger, gelehrter Professor, an dem alle Gebildeten in Verehrung emporschauen? Oder als ein Staatsmann, verehrt und getragen von einer starken Mehrheit? Da wollten wir auch dabei sein mit unserem Vertrauen und unserem Gehorsam. Aber nun sehen wir ihn als blutendes Opfer, anders als alle Menschen mit ihrer Macht und Klugheit und darum ausgestoßen aus ihrem Kreise, im Gegensatz zu ihrem Willen und ihren Ordnungen und darum zertreten und geschlagen von ihnen. Und das ist so rätselhaft, so unfaßbar, so wenig anziehend an ihm.
Woher denn das Leiden Christi, seine Passion, warum ist er am Kreuz, statt auf einem Thron, wo er uns so viel besser gefallen würde? Weil er nicht paßt zu Allem, was in der Welt gilt und groß ist. Weil ihm Alles, was die Menschen schaffen, erstreben, wollen und erreichen, innerlich fremd ist. Zuhause ist er nur in der verborgenen Welt des göttlichen Sehnens und Drängens der Seele, die freilich jeder Mensch kennt, die aber eben nicht gilt, sondern übertönt und zugedeckt wird von dem, was sie alle sagen und tun. Er appelliert an das Tiefste in uns und ruft uns auf zum Allerhöchsten. Er erinnert uns, daß der ewige Gott in uns wirkt und schafft, aber das ist ja eben etwas ganz Anderes als das, was wir tun. Und darum paßt er nicht zu uns.
Er sieht unsere Religion, unser Christentum, unsere Glaubenssätze, unsere Wohltätigkeit, unser Leben und Kirchegehen. Er verwirft es nicht, aber wir spüren es jedem seiner Worte, seiner ganzen Haltung an, daß es ihn auch nicht interessiert, daß er ganz etwas Anderes im Sinn hat als das, was wir Frömmigkeit nennen. Jenes Tiefste in uns müßte aufbrechen, jenes Allerhöchste Wahrheit sein, darauf käme es an. Haben wir nicht Recht, wenn wir ihm zürnen wegen seiner Gleichgiltigkeit gegen unser Tun, mit dem wir es doch so gut meinen?
Er sieht unser Bemühen, Ordnung in die Welt zu bringen, mit Gewalt ein einigermaßen erträgliches Zusammenleben der Menschen mög|92lich zu machen, unser Staatsleben. Er sagt nicht ja noch nein dazu. Er ist weder ein Konservativer noch ein Revolutionär, so oft man ihn zu Beidem hat machen wollen. Er sagt bloß zu seinen Jüngern: bei euch soll es nicht so sein wie im Staatsleben, unter euch soll es kein Gesetz und kein Kommandieren geben, sondern freies, williges Dienen soll unter euch allen sein [vgl.
Er sieht unseren Drang nach Erkenntnis und Bildung. Er hat die Gelehrsamkeit und Weisheit seiner Zeit gesehen. Er tadelt sie nicht und verwirft sie nicht. Er ist kein Finsterling. Gerade die tiefsten Denker sind von jeher unter seinen Freunden und Nachfolgern gewesen. Aber was wir Erkenntnis und Bildung nennen, ist auch nicht das, was ihm eigentlich gilt; er hat seine Jünger nicht angewiesen zu studieren, sondern er hat seinem Vater gedankt dafür, daß er gerade den Unmündigen geoffenbart, was er den Weisen und Verständigen verborgen habe [vgl.
Und wiederum sieht er, wie wir uns mühen um Fortschritt und Wohlstand, wie wichtig uns die Fragen des Verdienens und Emporkommens sind, den Einzelnen und ganzen Dörfern und Landesgegenden. Er widerspricht uns nicht. Er sagt uns nicht, wir sollten nicht arbeiten und verdienen und uns anstrengen. Aber er hat freilich auch keine |93 Loblieder gesungen auf Handel und Industrie und Eisenbahn und Alles, was dazu gehört. Er hält nur unbedingt daran fest, daß Gott und der Mammon zweierlei sind [vgl.
Und er sieht uns, seine Jünger, oder die wir meinen seine Jünger zu sein, sieht, wie es uns allen im Grunde um uns selbst zu tun ist, um unser Wohlsein, unsere Zufriedenheit, unsere kleinen Freudelein, unsere Ehre, schließlich auch noch darum, in den Himmel zu kommen. Er tut es uns nicht durch4, er will nicht, daß wir es böse haben, er ist kein Freudenverderber, er sieht auch mit Güte und Verständnis unseren Eifer, tugendhaft und selig zu werden. Aber er unterstützt uns auch nicht in diesem ganzen Bestreben. Er stellt ihm eine ganz andere Form des Lebens gegenüber, wo man gar nicht mehr fragt: was wird aus mir?, weil man nur noch nach Gott fragt. Er sagt uns warnend und verheißend: wer sein Leben behalten will, der wird es verlieren, wer es aber verliert um meinetwillen, in meiner Nachfolge, der wird es gewinnen [vgl.
Seht, so steht Jesus abseits von Allem, was wir tun und was unter uns gilt, an Allem geht er vorüber und weist uns darüber hinaus hin auf die göttliche Welt, stürzt uns aus der Ruhe in die Unruhe, aus der Sicherheit in die Unsicherheit. Und darum paßt er nicht in die Welt, in die Menschenwelt. Ja, wenn die Menschen das Tiefste, das Göttliche in ihnen würden reden und wirken lassen, wenn sie das alles zur Geltung kommen ließen, was ihnen ja «eigentlich» ganz gut bekannt ist, dann würde Christus zu uns passen. Denn er bringt und offenbart ja nichts Anderes als das, was eben göttlich-menschlich ist. Diese obere Welt ist |94 seine Welt. Aber diese obere Welt haben wir ja eben verschüttet und verloren. Und wie ein böser Kritiker und Tadler, wie ein Umstürzer und Zerstörer kommt uns jetzt Christus vor, wenn er uns an alles das erinnert, was wir «eigentlich» ganz gut selbst wissen, was «eigentlich» zu unserem Frieden dienen würde [vgl.
Oder ist’s etwa nicht so? Sieh dich um! Was bedeutet Christus in deinem Leben? Wieviel hat er zu sagen neben all dem Anderen, was dich interessiert und bewegt? Sieh da, der gewaltige Teil deines Lebens, der da heißt rechnen und sorgen und etwas gelten und dich hervortun und deinen Regungen folgen, lieben, die dich lieben [vgl.
Und nun sieh in die Welt hinaus! Was spielt da Christus, sein Geist und seine Wahrheit für eine Rolle? Wo hat er seinen Platz bei den heutigen Gedanken und Taten der Menschen? Ich las diese Woche einen Aufsatz eines der angesehensten Professoren von
Und nun sieh auch hin auf die Stätten, wo er doch, meint man, leben |97 und herrschen und triumphieren sollte, auf die christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Geht es ihm etwa hier besser? Wir wollen noch gar nicht davon reden, daß wir Christen in der Welt da draußen einen Damm bilden sollten gegen die Schmach, die Christus auf alle Weise angetan wird. Haben wir uns nur auch den Glauben gewahrt an ihn, den Blick in die Gotteswelt, die er uns eröffnet hat, ist unser Christentum wenigstens innerlich ein Hort und eine Freistatt seines Sinnes und seiner Art geblieben, wo doch die wahren Propheten Gottes zu allen Zeiten, auch wenn sie die Welt nicht ändern konnten, doch eine andere Gesinnung gepflegt und hochgehalten haben als Samen für eine bessere Zukunft? Und nun müssen wir uns gestehen, daß unser Christentum gerade das alles, seine Salzkraft und Leuchtkraft, von der Jesus geredet [
So, und nun soll dieser leidende Christus, den wir so gar nicht brauchen können, wirklich der Knecht Gottes und unser Heiland sein? Nun |98 soll uns dieser Mann voller Schmerzen und Krankheit das letzte Wort zu sagen haben über das, was uns und der Welt not tut? Nun sollen wir auf seine Stimme hören, die uns einladet: Folge mir nach! [
Das ist durchaus begreiflich, daß viele, sehr viele Menschen von diesem Christus, der bis auf den heutigen Tag der gekreuzigte Christus ist, nichts wissen wollen. Das kann man keinem Menschen übelnehmen, wenn er gegen diese Gestalt ein großes Mißtrauen hat. Wir können gar nicht anders urteilen, wenn wir ihn mit den Augen der Welt ansehen, mit den Maßstäben der Welt messen. Wie sollten wir einem vertrauen und nachfolgen, der am Schönsten, Besten und Notwendigsten, was wir im Leben kennen, gleichsam achtlos vorübergeht und nur auf eine vollkommene Welt hinblickt, von der wir nirgends etwas wahrzunehmen vermögen oder die uns höchstens als eine schöne Hoffnung erscheint? Wie sollten wir an einem solchen Fremdling in unserem Leben Gefallen haben, der uns nirgends zur Ruhe und Zufriedenheit kommen läßt, der uns nicht zur Andacht und zu schönen Gefühlen verhilft, der uns nicht regieren und Krieg führen hilft, der uns keine neuen Erkenntnisse bringt, der uns weder Verdienst noch Einkommen verschafft — was sollen wir mit dem? Ein berühmter Palästinareisender hat seinen ganzen Groll gegen Jesus zusammengefaßt in der Anklage, er habe ja nicht einmal etwas getan zur Verbesserung der traurig verlotterten Wege und Straßen in
99 Aber nun ist etwas Wunderbares einfach Tatsache: Gerade von dieser Erniedrigung Christi ist von jeher eine Kraft ausgegangen, die den Menschen neue Augen und neue Maßstäbe gegeben hat. Gottes Welt, die verborgene, überlegene, wird gerade dann mächtig und einflußvoll, wenn sie so ganz verworfen ist von den Menschen. Verwerflich und schrecklich steht dann auf einmal ihre eigene Art vor ihnen und leuchtend der, den sie verworfen haben. Die heilige Unzufriedenheit überfällt sie gegenüber all dem, was sie getan und geleistet, die Sehnsucht erwacht wieder in ihnen nach dem Ganzen, dem Vollkommenen jenseits all der erbärmlichen menschlichen Machenschaften, zu Boden fällt ihr Hochmut und ihr Trotz, und mit Freuden greifen sie nun, nun gerade nach dem Leben, das ihnen da der Unterdrückte und Zurückgestellte anbietet. In schmerzlicher Reue erkennen sie auf einmal: also das sind wir — und das ist Gott, und in Demut und Dankbarkeit greifen sie nach der Hand des Vaters und glauben, was sie vorher nicht glaubten. Das Kreuz Christi hat die Herzen seiner Jünger und nach ihnen Tausende besiegt und gewonnen, weil sie dort auf einmal sich selbst und Gott erkannten. Erfahren wir nicht jetzt wieder Ähnliches? Wann haben wir Christus so deutlich und lebendig gesehen wie jetzt, wo sein Kreuz in der Welt wieder offen dasteht, wo er mißachtet wird und leidet vor unser aller Augen? Spüren wir nicht die Kraft, die auch jetzt gerade von diesem Leiden ausgeht? Wie groß und göttlich er ist gerade in den tausend Wunden, aus denen er jetzt blutet? Wie in dem Schrecklichen, das jetzt in der Welt vorgeht, in dieser tiefen Schmach, die jetzt auf Christus liegt, etwas mit zwingender Gewalt uns ergreifen, uns zu anderen Einsichten, zu einem anderen Gewissen, zu einem anderen, neuen Willen führen will, gerade zu jener Welt Gottes, deren Unmöglichkeit und Untergang wir mitzuerleben meinten?!
Diese Kraft, die gerade vom Leiden des Gottesknechtes, an dem wir uns stoßen, ausgeht, ist Tatsache. Und sie ist die Antwort auf die Zweifelsfragen: Wer glaubt solcher Kunde? Was sollen wir mit diesem? Aber wer hört diese Antwort?, könnten wir jetzt weiterfragen. Wer bleibt stecken in der großen allgemeinen Täuschung, die den Gekreuzigten mißachtet, weil er der Gekreuzigte ist? Und wer dringt hindurch durch das Ärgernis und empfängt die Kraft, die erlösend gerade aus dem, was für unsere Augen dunkel ist, leuchtet? Wer erkennt im Kreuz die Größe seiner Schuld und die Größe der Liebe Gottes? Eins von beiden wird |100 es zu wählen gelten: Glauben oder Unglauben. Herr, hilf unserem Unglauben [vgl.
- Nr. 327: «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von
G. Tersteegen , Strophen 1.2.4 (= GERS [1952] 325,1.2.4 «Kommt, Kinder, laßt uns gehen»; EG 393,1.2.6) - Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von
Chr. R. von Zinzendorf , Strophen 1.3.4 (= GERS [1952] 155,1.3.4)