Predigt: Jesaia 52,13-15
Nun ist die Zeit wieder da, die uns mahnt, unsere Gedanken zu sammeln um die Passion des Heilandes.2 Die Wahrheit, die die tiefste ist von allen Gotteswahrheiten, die Himmel und Erde umfaßt, die das Grundgesetz unseres inwendigen Lebens ist und zugleich das Grundgesetz des Menschheitslebens, die Wahrheit von der Erlösung durch das Leiden des Gerechten, sie will uns nun wieder vor die Augen und unseren Herzen nahe treten in der Gestalt des Mannes von
Und nun wollen wir hören von den Leiden und der Herrlichkeit des Knechtes Gottes, wie sie im
Hört, wie seine Art ist: Er ist frei von den Vorurteilen. Was Alle denken und meinen, ist für ihn kein Zwang. Die Masse um ihn her ist für ihn kein Gefängnis. Er sieht hinein in ihr Leben, und es jammert ihn, wie sie so geplagt sind [vgl.
Er ist aber frei auch von den Einbildungen, von dem falschen Wähnen, das nicht von jeher da war, sondern als etwas Neues je und je auf|81tritt, die Seelen der Menschen gefangen nimmt wie eine Leidenschaft, wie ein Rausch. Er kann nicht mitjammern, wenn Alles jammert, er kann nicht mitjubeln, wenn Alles jubelt. Das allgemeine Rühmen kann er ebenso wenig mitmachen wie das allgemeine Schelten. Er muß immer hinwegsehen über das, was gerade ist und gilt. Er sieht das Gefährliche, Giftige in den Erregungen des Augenblicks und wartet auf das Größere, Bessere, das kommen muß und wird, wenn der Augenblick vorüber ist.
Er umfaßt und beherrscht das Leben mit weitem, durchdringendem Blick. Er läßt sich nicht fangen durch den Augenschein und läßt sich nicht verleiten zu Urteilen und Meinungen, die auf der Hand liegen, die aber auch nicht weiter reichen als die Spanne einer Hand. Ihn treibt eine gewaltige Unruhe, das Leben vom Anfang und vom Ende, von der Tiefe und von der Höhe aus zu betrachten, die verborgenen schattigen Täler muß er kennen und den Lauf der unterirdischen Flüsse und die hohen reinen Berggipfel im ewigen Schnee, über denen nur noch der Himmel ist. Er sieht dem Unrecht ins Gesicht und der Gerechtigkeit Gottes, dem Leid und der Seligkeit, dem Tod und dem ewigen Leben, will sie unverhüllt sehen, wie sie sind, und von diesen Endpunkten aus denkt und lebt er, weil er weiß, daß er keine andere Heimat, keinen anderen Standort hat und finden kann als diese Wahrheit und Klarheit des Anfangs und des Endes.
Und in dieser Unruhe, die ihn treibt, hat er doch zugleich Ruhe. Denn weil er innerlich gebunden ist an das Größte und Höchste, hat er ein Ziel vor sich, das er wohl zeitweilig aus den Augen verlieren, aber nicht ganz vergessen kann. Hat einen ruhigen Punkt gewonnen, der durch die Bewegungen des Lebens wohl auch noch aufs tiefste erschüttert, aber nicht aufgehoben und vernichtet werden kann. Ihm spüren die Menschen an, daß er etwas besitzt, das ihn aus der Ungewißheit, dem Zweifel, der Unzufriedenheit, der Sorge, der Verzweiflung immer wieder hinausführt, in denen sie stecken bleiben. Ihn beneiden sie heimlich um seine Freudigkeit und Sicherheit, die doch ganz und gar inwendig ist. Was von ihren Lichtstrahlen nach außen dringt, das regt ihr Wünschen und Sehnen mächtig an: sie möchten auch so dran sein.
Und doch geht er nicht als ein hochmütiger, selbstgenügsamer Einsamer durchs Leben. Seine Freiheit und sein Blick auf das Ewige und seine Seligkeit sind ihm keine Genüsse, mit denen er sich einschließen |82 könnte. Sondern in dem allem ist Trieb und Drang und Streben nach außen: hinaus in die kleine, gefangene, kurzsichtige, traurige Welt, damit sie anders werde. Er hat sein Leben nicht für sich, sondern für die Menschen alle um ihn her. Nicht nur zufällig und nebenbei will er sein Lichtlein hinausblitzen und -schimmern lassen, sondern sein Lebensinhalt und seine Lebensfreude ist es, hell zu sein, um zu leuchten. Nicht nur Neid und Sehnsucht will er erwecken mit dem, was er hat, sondern zu schenken begehrt er mit beiden Händen. So ungestüm sein Sehnen ist, frei und stark und freudig zu werden in Gott, so unbedingt geht sein ganzes Trachten dahin, mitzuteilen, zu geben, zu befreien, Wege zu weisen, Freude zu machen — Alles aus dem Schatz, den er selbst gewonnen. Eins kann nicht sein ohne das Andere. Ohne die Liebe wäre alles Göttliche nicht göttlich. Ohne das Göttliche, das sie mitzuteilen hat, wäre die Liebe leer und fad, eine geschmacklose Sentimentalität. Weil der Knecht Gottes immer von Beidem gelebt hat, von der Herrlichkeit und Größe Gottes und von seiner Liebe, darum ist auch immer etwas von der Kraft Gottes in ihm gewesen. Er möchte und will nicht nur, sondern er kann und wirkt.
Er ist das Licht im Dunkeln, der Führer derer, die straucheln, der Segen der Völker. Man kann sich Vieles hinwegdenken aus dem Leben und aus der Welt. Es hat Zeiten gegeben, in denen es kaum eine Gelehrsamkeit gab, kaum eine Technik, kaum eine Kunst, kaum eine Kirche, kaum eine Kultur, ein auch nur ein wenig erfreulich gestaltetes und geordnetes Zusammenleben der Menschen. Wir leben wohl in und mit diesen Dingen, wir arbeiten an ihnen, wir freuen uns über sie, aber wir könnten sie alle zur Not auch entbehren, wir könnten sie uns hinwegdenken und sind in der Tat in mancher Zeit und Lage gezwungen, ohne sie auszukommen. Aber nicht können wir auskommen ohne das, was der Knecht Gottes uns gibt, in uns wirkt und schafft, Selbständigkeit und Überlegenheit und Sicherheit und Liebe — ohne ein gewisses kleines Maß dieser Kräfte wenigstens könnten wir einfach nicht leben, müßten wir in Verzweiflung vergehen, müßte die Welt selbst an ihrer Ungöttlichkeit sofort zu Grunde gehen. Die Kräfte des Gottesknechtes erhalten uns, erhalten die Welt; so war es immer, so wird es immer sein. Er, der große einsame, seltsame Missionar und Bote Gottes ist die eiserne Klammer, auf die wir alle uns eigentlich verlassen. Aus unserer eigenen Art könnten wir keinen Augenblick leben. Und das könnte uns Bürg|83schaft und Anzeichen sein dafür, daß er eine große Verheißung hat, daß sein Dasein kein Traum ist und keine schöne Nebensache des Lebens, sondern der eigentliche Sinn, der einmal in der Welt durchbrechen wird, daß Wirkungen von ihm ausgehen werden, die stärker sein werden als alle Gegenwirkungen, weil er schon jetzt heimlich der Stärkste ist. Was soll denn der Kraft Gottes widerstehen?
Einst war
Wir denken nicht mehr an Mose und die Propheten und an das Volk Israel, wenn wir die Botschaft hören: siehe da, mein Knecht! Vor unseren Augen steht das Bild dessen, der das mehr und in tieferem Sinn gewesen ist als sie alle. Wir wissen auch nach Jesus Christus Keinen, der so völlig wie er ein Verkünder und Bringer der überlegenen herrlichen Gotteswelt gewesen wäre. In ihm sind uns die letzten Stufen der Freiheit, zu der wir berufen sind [vgl.
Doch nun kennen wir den Knecht Gottes nicht anders, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart noch in der Zukunft, als in der Passion, im Leiden. Wie kennen wir denn Christus anders denn als das |85 Lamm Gottes, unschuldig am Kreuzesstamm geschlachtet4? Nichts haben uns die Evangelisten im Neuen Testament so ausführlich dargestellt wie seinen Todesgang. Nichts hat doch uns und allen Christen von Jugend auf so tiefen Eindruck gemacht an ihm wie das, daß er von seinen Feinden ans Kreuz geschlagen wurde und so gestorben ist als ein Verbrecher vor der Welt. Und ist es je einmal anders gewesen? Spüren wir nicht in allen Zeugnissen aller wahren Knechte Gottes dieses selbe Zittern und Beben und Schluchzen des Leidens? Wie ist doch
Ja, es gibt eine Sorte Religion und Christentum, eine Sorte Wahrheit, die braucht nicht zu leiden, die weiß vom Kreuz nichts, obwohl sie vielleicht das Wort beständig im Munde führt. Da steht das Göttliche in vollstem Frieden mit dem Menschlichen. Da sind seine Bekenner geruhsame, angesehene Leute unter den anderen Leuten. Gelüstet es uns nach solchem Christentum ohne Passion? Es mag uns wohl danach gelüsten, sicher ist nur das, daß der nicht der Knecht Gottes ist, der vom Leiden, von der Verachtung, vom Auslachen und Geplagtwerden nichts weiß. Das ist nicht der Christusgeist, der vom Weltgeist ruhig und freundlich ertragen wird. Das ist nicht das Göttliche, das neben dem Menschlichen |86 still und befriedigend seinen Platz findet. Lest das 53. Jesajakapitel und achtet darauf, wie großartig natürlich und selbstverständlich das dort gesagt wird vom Gottesknecht: er leidet; man entsetzt sich über ihn, weil seine Gestalt häßlicher ist als die der Leute und sein Anblick nicht mehr wie der der Menschenkinder. Nicht als etwas Erstaunliches, Befremdendes wird das gesagt — erstaunlich ist es nur denen, die ihn noch nicht kennen —, sondern als etwas, was ja gar nicht anders sein kann: daß der Knecht Gottes Mitleid und Entsetzen erregt, weil es ihm gar so übel ergeht. Wie könnte es ihm anders ergehen als eben so? Wie könnte er anders dastehen denn als ein Geschlagener, ein zum Schweigen Gebrachter, ein unscheinbar gewordener Besiegter — als einer, der mit großem Anspruch und großer Verheißung auftrat und nichts erreichte?
Wir sollten aus unserem Text heute vor Allem das nehmen, daß wir aufhören müssen, uns zu verwundern und darüber aufzuhalten, daß es so ist, daß der Knecht Gottes und die Passion zusammengehören. Warum erstaunen wir darüber, daß es nun einmal kein Evangelium gibt ohne Unruhe und Anfechtung? Keine Wahrheit ohne Spott und Widerspruch? Keinen Gottesmenschen ohne Kreuzigung? Kein Christentum ohne Teilnahme am Leiden des Meisters? Warum erstaunt uns das? Warum nehmen wir es nicht vielmehr hin als etwas, was einfach so sein muß? Weil es so begründet ist im inneren Verhältnis Gottes zur Welt. Weil die Wahrheit nicht die Wahrheit wäre und ein Christ kein Christ, wenn das Kreuz ausgeschaltet werden könnte. Wie geht’s denn zu, wie ist’s noch immer zugegangen, wenn der Knecht Gottes, ausgerüstet mit seinem ganzen Schatz von Freiheit, Freudigkeit und Liebe, unter die Menschen trat, um der Wahrheit der Welt die Wahrheit Gottes entgegenzustellen? Z. B. die innere Freude gegen den Taumel der Begierde, oder das Recht gegen die Gewalt, oder die Wahrheit gegen die Macht des Stärkeren, oder die Liebe gegen das Geld, oder die Demut gegen die Eitelkeit? Wie ging’s und wie geht es denn da?
Da sieht man doch auf den ersten Blick, daß die Wahrheit der Welt viel anziehender ist, schon einfach darum, weil sie gilt und immer gegolten hat: das ist so, das macht man so, das hat man immer so gemacht! Sie liegt so nahe, man kann sie so getrost und ohne Anstrengung mit Händen greifen. Und so gescheit ist sie. Für die Wahrheit Gottes kann man fast nie praktische, verständige Gründe anführen. Sie verlangt einfach Glauben und Gehorsam. Man muß schon ein wenig träumen |87 und phantasieren können, meinen die Anderen, um sie anzunehmen. Dagegen sieh, wie klipp und klar sich die Wahrheit der Welt beweisen läßt: so muß es sein und darum so und schließlich so, und die Rechnung geht schön auf, und der liebe Gott hat Unrecht. Und nicht nur anziehender und gescheiter ist die Wahrheit der Welt, sondern auch tatsächlich stärker. Sieh dich um in der Geschichte der Menschheit, sieh dich um im Leben — siehst du nicht, wie überall die Gewalt und das Geld und die Selbstsucht und die Dummheit sogar recht behalten und sich durchsetzen, wie sich vor ihnen das beste Sehnen und Wollen der Menschen wie ein gehetztes Wild in Höhlen und Klüfte zurückziehen muß, zu einem bescheidenen, nichtigen Dasein verurteilt ist neben den Gewalten, die da tatsächlich das Leben beherrschen und die doch eben keine göttlichen Gewalten sind? Und darum müssen sich die Wahrheit Gottes und alle ihre wirklichen Bekenner Wunde um Wunde, Niederlage um Niederlage holen in der Welt. Sie sind eben von vornherein im Nachteil. Sie haben die Lockmittel nicht und die Gescheitheit nicht und die Kräfte nicht, die auf der Gegenseite im Spiel sind, sie haben nur das Eine für sich, daß sie Gott für sich haben, aber was will das sagen gegenüber jenen harten Tatsachen? Gott! Das ist so etwas Luftiges, Scheinhaftes, Geistermäßiges. Wer soll’s da gewinnen?
Und nun steht die ungeheure Mehrzahl der Menschen in geschlossener Front dem Knechte Gottes gegenüber. Innerlich zwar sehr verschieden. Die Menschen, die Jesus ans Kreuz brachten, waren ja auch von den verschiedensten Motiven und Gefühlen beseelt. Da die Einen, die gutmütig lächelnd an seinem Schatz vorübergehen, von dem sie ja ganz genau wissen, daß es soweit nicht her ist damit. Da die Anderen, die zum Lächeln den giftigen Spott fügen. Da die Dritten, die in kalter Entschlossenheit sich wehren gegen das, wovon sie fühlen, daß es gegen ihre Interessen geht. Da die Vierten, die in heller Wut über das herfallen, was ihnen ein so schlechtes Gewissen macht. Wieviele andere Arten gibt’s noch! Vor Allem und nicht zu vergessen die große Masse, die in träger Gleichgiltigkeit nicht will und ebenso träge sich mitreißen läßt, zu rufen: Kreuzige ihn! [
Warum verwundert uns das? Darum gerade geht ja der Knecht Gottes aus als der einsame, seltsame Missionar, weil die Wahrheit der Welt |88 so anziehend, so gescheit, so stark ist, weil sie Sieg auf Sieg erficht über die Wahrheit Gottes und weil die Menschheit leidet unter diesen Siegen, die sie Tag für Tag erfechten hilft. Wäre es anders, so brauchte es keinen Gottesknecht. Wäre der Christusgeist mächtig, was sollte uns Christus? Wäre die Wahrheit der Welt nicht so übermächtig, was sollte dann die ganze Lebensbewegung von
Ja, aber — meinst du — Gott sollte sich doch als der Stärkere erweisen, das Licht sollte die Finsternis überwinden. Die Wirkungen Gottes sollten Sieg und Triumph und Sturz des Bösen und selige Freude sein. Und statt dessen: Sehet, welch ein Mensch! [
Was wollen wir darauf antworten? Wir wollen heute gar nichts darauf antworten. Das sei unsere Passionsfeier, daß wir uns nur diese furchtbare Frage stellen und es versuchen, durch sie hindurchzugehen. Das Höchste steht da auf dem Spiel, und wir können und dürfen den Ernst dieser Frage nicht mildern und verwischen. Soll das Beste und Edelste, was wir haben, das, woran sogar der schlechteste Mensch sich klammert, das, wovon wir alle leben, das, was uns Gottes Knecht gebracht hat und bringt, soll das Lüge sein? Oder soll Gott doch Recht |89 behalten? Das ist Tatsache, daß sein Knecht und mit ihm er selber leidet und leiden muß vor unseren Augen, in unserem Leben, in unserer Welt. Beseitigen können wir diese Tatsache nicht. Da können wir lange mit Petrus rufen: Herr, das widerfahre dir nur nicht! [
Hier halten wir inne. Hier soll nun zunächst die Frage selbst, die gewaltige Passionsfrage von
- Nr. 30: «Herzlich lieb hab’ ich dich, o Herr» von
M. Schalling , Strophen 1 und 2 (= GERS [1952] 65,1-2; EG 397,1-2) - Nr. 117: «O Lamm Gottes, unschuldig» von
N. Decius , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 139,1-3; EG 190,1) Die Strophen 2 und 3 in den schweizerischen Gesangbüchern sind nicht liturgische Wiederholungen der Agnus Dei-Übertragung wie bei Decius, sondern Zudichtungen unbekannter Autoren des 18. Jahrhunderts.