Predigt: Jesaia 53,4-5
Was sagen die Feinde Jesu, das Rudel der Gleichgiltigen und Schwätzer, vor seinem Kreuze? Hört, wie sie spotten, durch und durch gescheit und zutreffend: Er hat Gott vertraut — der erlöse ihn nun! [
So der Spott vor dem Kreuze Christi, dieser Spott, dem man gar nicht widersprechen kann. Er ist nicht nur auf
Er will ja wohl das alles; es ist seine unergründliche, geheimnisvolle Absicht so. Er ist eben gar nicht nur der Gott des Friedens und der Gerechtigkeit und der Wahrheit, wie ihr meintet, sondern ebensosehr ein Gott des Zornes, des Hasses, der Vernichtung. Gott! — wer heißt euch an einen Gott glauben, der nur das Gute will und der das Gute zum Sieg führen müßte? Warum sollte das, was ihr Gott nennt, nicht eine Schicksalsmacht sein, die sich um Gut und Böse viel weniger kümmert, |102 als ihr denkt, die hier segnet und dort straft, hier aufbaut und dort zerstört ohne Rücksicht auf Wahrheit und Recht! Seht da, auf alle Fälle, wie die Wirklichkeit so ganz anders ist als euer Traum. Was lehnt ihr euch auf dagegen? Warum glaubt ihr an Dinge, die nun einmal zur Welt und zu den Menschen, wie sie sind, nicht passen? Was geht ihr Wege, die niemand verstehen und billigen kann, wo ihr nichts Anderes sein könnt als eben die Allerverachtetsten und Unwertesten? Das rächt sich nun an euch, und mit Recht! Wollt ihr noch länger glauben? Wollt ihr darauf warten, ob vielleicht doch noch etwas Anderes dabei herauskomme als Leiden und Kreuz? Oder wollt ihr’s endlich einsehen, daß der Gott der Welt ein Anderer ist als der Gott eurer Gedanken? Die Wirklichkeit euch zum Trotz etwas Anderes, als was ihr glaubt, liebt und hofft?
Das ist der Spott, den die alten Propheten hören mußten, so wurde das ganze Volk Israel verlacht und bedauert in seinem Elend von den mächtigen Heidenvölkern ringsum, so hat man über die ersten Christen die Achseln gezuckt in
Was sollen wir sagen zu diesem Spott? Das ist ja sicher, daß man ihn nicht widerlegen kann. Da hängt Jesus am Kreuz, und Blutstropfen um Blutstropfen entflieht sein kostbares Leben, bis die Welt triumphieren kann: es ist vollbracht, wir haben Recht behalten. Da steht der Knecht Gottes vor uns, immer und überall, nicht in Glanz und Herrlichkeit, |103 sondern als der Geschlagene und Verworfene. Da ist die Wirklichkeit oder was man so nennt, das, was wir mit Augen sehen, mit Ohren hören, mit Händen greifen können, tatsächlich etwas total Anderes als die Welt des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Da ist tatsächlich der Krieg und alles das, was er enthüllt hat, eine ungeheure Widerlegung und Unterdrückung aller anderen Gedanken und Erwartungen und Bestrebungen. Wir sollten das nicht leugnen, weil wir es nicht leugnen können. Der Spott hat Recht.
Aber halt, wer wird da eigentlich verspottet? Wen soll das treffen, wem wehtun, wen niederdrücken, dieser Hohn: Gott ist anders, die Welt ist anders, die Wirklichkeit ist anders, als was wir glauben und hoffen? Wem fällt denn eigentlich diese erschütternde Wahrheit zur Last? Etwa Gott, oder dem, was du Gott nennst, dem Schicksal, der sogenannten Wirklichkeit? Aber nein, mit deinem Spott über die Niederlage des Guten und Wahren gibst du ja gerade dem Schicksal recht, du sagst ja selbst: es muß so sein! Du nennst das Unrecht Recht, den Greuel eine Notwendigkeit, du nickst mit dem Kopf zu dem, was geschieht, und fragst nicht mehr, ob es nicht eigentlich anders sein müßte. Den Gott der Welt kann also doch wohl dein Spott nicht treffen. Oder meinst du, er berühre und treffe den leidenden Knecht Gottes, den unterdrückten Geist der Wahrheit und der Liebe in der Welt und seine Bekenner, die Verachteten und Unwerten, das Sehnen und Hoffen der Menschenseele, das durch das Schicksal zum Schweigen gebracht ist? Du sagst nichts Neues mit deinem Spott, du kannst das Leiden des Gottesknechtes nicht vermehren; das ist’s ja gerade, worunter er leidet, daß die Welt der sogenannten Wirklichkeit eine andere ist als die des Glaubens, daß der Gott der Welt die Oberhand hat und nicht der Gott der Liebe. Was willst du damit, daß du das noch einmal sagst? Du kannst ihn widerlegen, nachdem er schon widerlegt ist, der Geist des Guten; eins aber kannst du ja doch nicht: du kannst ihn nicht aufheben und vernichten. Er sagt dir zum Trotz immer wieder, daß er da ist. Er sagt: ich lebe! mitten im Sterben. Es bleiben bestehen seine Forderungen und seine Verheißungen mitten im Krieg und Entsetzen. Er redet in deiner eigenen Seele und sagt dir: eigentlich habe ich recht!, und wenn du ihn zehnmal, hundertmal aufs klarste Lügen gestraft hättest. Du kannst ihn wohl verspotten, aber er bleibt deinem Spott unerreichbar.
Oder sollte der Spott, den du in deiner Klugheit erhebst, am Ende |104 dich selber treffen? Sieh einmal zu und denk darüber nach. Ist nicht aller Hohn, mit dem die Menschen den Knecht Gottes, den Geist der Wahrheit bedecken, im Grunde ein Schrei der Verzweiflung, eine bittere, schmerzliche, tränenvolle Klage über sich selbst? Man kann ja diesen Spott auch in ein wenig andere Worte fassen, dann tönt er nicht mehr wie Spott, sondern im Gegenteil wie Frömmigkeit, wie hohe, überlegene Weisheit.
Oder hast du’s nicht auch schon sagen hören, vielleicht sogar in der Kirche sagen hören oder in christlichen Blättern gelesen, daß Gott nach seinem geheimnisvollen Rat das Böse geschehen lasse? Gott ist’s, der verantwortlich ist dafür, daß unzählige Menschen in Finsternis und Todesschrecken dahinleben. Gott ist dafür verantwortlich, daß der Mammon sein Szepter schwingt über der Menschheit, daß das Geld die Seelen vergiften und das Leben der Menschen verderben und ihr Zusammensein zu einem großen Unrecht gestalten darf. Gott ist verantwortlich für die Torheiten und Leidenschaften, die nun einmal unter uns im Schwange sind, und für das tausendfache Elend, das sie im Gefolge haben. Gott ist verantwortlich für den Weltkrieg. Der Gegensatz zwischen der Sicherheit des reichen Mannes und der beständigen Sorge des armen
Nicht wahr, solche Reden tönen nicht wie Spott? Sollte man’s glauben, daß sie eigentlich ganz aufs Gleiche herauskommen wie die Rede der Spötter? Und doch ist’s so. Denn was geschieht da Anderes, wo so geredet wird, als daß man aus Gott ein Verhängnis macht, ein Schicksal, eine finstere, unerforschliche Macht, die sich um gut und böse nicht kümmert, die segnet, wen’s trifft, und straft, wen’s trifft. Was tun wir da Anderes, wenn wir so denken und reden, als daß wir uns mit den Spöttern vor das Kreuz des Gottesknechts hinstellen, daß wir mit ihnen sagen: du hast dich eben getäuscht, wenn du meintest, nun werde sich Gott zu dir bekennen, nun bist du von dem Gott, auf den du vertrautest, geplagt, geschlagen und gemartert. Das ist nun einmal so! Brüderlich stehen sie nebeneinander, die vermeintlichen Spötter und die vermeintlichen Frommen, die das Böse in der Welt für notwendig und die Niederlage des Guten für natürlich halten. Jene Menschen unter dem Kreuze Jesu waren ja auch beides zugleich: fromme Spötter und spottende Fromme. Und bis auf den heutigen Tag geht beides aus der gleichen Quelle hervor: das Reden von der Wirklichkeit, die den Glauben Lügen strafe, und das Reden von dem Gott, der das Böse wolle und |106 dem man sich ergeben müsse. Und beide haben es an sich, daß wir, wenn wir ihnen auf den Grund gehen, darauf stoßen, daß sie durch und durch Unwahrheit sind. Wie der Spott des vermeintlichen Spötters schließlich auf ihn selbst zurückfällt, so verwandelt sich das Wort des vermeintlichen Frommen vom Willen Gottes, der das Böse wolle, zur Anklage gegen ihn selbst. Beide Reden haben es an sich, daß sie im Grunde Ausreden sind, törichte Verzweiflungsschreie der armen Menschheit, die das Unheil wohl sieht, in dem sie steckt, sich aber scheut, seinen wirklichen Ursprung zu erkennen, und nicht merkt, daß gerade diese Scheu sie an der Erlösung hindert. «Wir aber hielten ihn für den, der von Gott geplagt und geschlagen und gemartert wäre.»
Siehst du’s ein, warum das falsch ist? Weil Gott nicht der ist, den man sich da vorstellt! O ja, Gott tut Manches, was uns dunkel ist. Seine Gedanken sind höher als unsere Gedanken und seine Wege denn unsere Wege
[vgl.
Gott will nicht, daß die Menschen ihren Trieben den Lauf lassen und den Tieren gleich werden. Gott will nicht, daß wir uns durch Gleichgiltigkeit, Hinterlist und Brutalität gegenseitig das Leben schwer machen. Gott will nicht, daß wir unter der Mammonsherrschaft stehen und uns ihr fügen und all das Unrecht und Elend, das sie mit sich bringt, in Kauf nehmen. Gott will nicht, daß die Völker sich als Feinde ansehen und behandeln. Gott will nicht den Hochmut und die Selbstgerechtigkeit und die Selbstsucht und die Kurzsichtigkeit und Alles, was daraus kommt. Wer hier sagt: Gott will es!, der kennt Gott nicht. Wer hier redet von Geduld und Ergebung, der versündigt sich an Gott.
Gott will, daß allen Menschen geholfen werde [
Und wo uns in der Bibel der leidende Gottes-Knecht begegnet, da wird uns kein Zweifel darüber gelassen: Gott denkt gar nicht daran, sich auf die Seite seiner Feinde zu stellen, Gott denkt nicht daran, die Verantwortung dafür zu übernehmen, wenn die Menschen ihn verwerfen. Wer an einen anderen Gott glaubt, an einen Gott, dem wir das Böse zuschieben könnten, der glaubt nicht an den Gott der Bibel. Und können solche anderen Gedanken überhaupt in uns aufkommen, wenn wir an das Kreuz Christi denken? Wir kommen ja von diesem Kreuze her: wir haben gerade dort die Spötter und die Frommen kennen gelernt mit ihrer Ausrede: er ist von Gott gestraft und verlassen! Aber spüren wir nicht gerade hier unwiderleglich die Unmöglichkeit dieser Art, die Torheit dieser Klugheit, die Gottlosigkeit dieser frommen Ergebung?
O ja, da sehen wir den Gottessohn in der tiefsten Verstoßenheit und Erniedrigung. Aber hat etwa Gott den
Und sofort leuchtet mit dieser neuen, besseren Gotteserkenntnis auch eine neue, bessere Selbsterkenntnis in uns auf. Was ist das für eine glaubenslose, lieblose, hoffnungslose Art, dem Leiden des Gottesknechtes zuzusehen wie einem Schauspiel und dann die Bemerkung zu machen: die Wirklichkeit ist so, die Welt ist so, so geht es eben, oder: Gott will es so! Sofort, wenn die Nebel verflogen sind, die uns gehindert haben, Gott zu sehen, wie er wirklich ist, zu sehen, was eigentlich |109 die Wirklichkeit ist, sofort, wenn wir Gott wieder wahrgenommen haben in seiner majestätischen Klarheit, sofort wissen wir auch, daß seine Sache unsere Sache ist, sofort spüren wir die gewaltige Verantwortlichkeit, die auf uns liegt. Wir können nicht zusehen und unsere kühle Meinung bilden darüber, ob Gott es gewinnt oder verliert in der Welt, ob sein Geist leidet oder triumphiert in der Menschheit, ob sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit hervorbricht in unser Leben oder ob Alles bei dem alten Jammer bleibt. Da können wir nicht mehr sagen: Wie Gott will! oder: wie die Welt nun einmal ist!, sondern das kommt auf uns an. Da sind wir entweder des großen Gottes Mitarbeiter an seinem Siege, oder wir sind mitschuldig an seiner Niederlage. Gott wartet darauf, ob wir erkennen wollen, was zu unserem Frieden dient [vgl.
Das Unrecht, von dem die Welt voll ist, kommt nicht aus der Luft, sondern von uns Menschen. Wir könnten Gott gehorsam sein und dürften dann mit ihm leben in Frieden und Gerechtigkeit. Wir haben ihm den Rücken gekehrt und haben damit all die bösen Geister entfesselt, die sofort zum Leben kommen, wo eben Gott nicht ist. Wir sind unsere eigenen Wege gegangen und sind damit in unsere jetzigen Verhältnisse und Zustände hineingelaufen und zuletzt in den Krieg hinein. Wir haben die Welt gemacht, wie sie ist, so finster und gottes- und friedelos; die Welt ist ja gar nichts als der Spiegel der Menschen. Wir sind schuld, alle miteinander und jeder an seinem kleinen Teil. Hört noch einmal das Prophetenwort: Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.
Wenn wir hier angelangt sind und das einsehen: unser ist die Schuld!, wenn uns das Kreuz Christi diese Erkenntnis gebracht hat, dann stehen wir unmittelbar vor weiteren noch viel größeren Wahrheiten. Der Pro|110phet deutet sie bereits an mit den Worten: fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen! Darin ist ausgesprochen, daß das nicht das Letzte ist, daß wir erkennen: wir sind schuld am Leiden des Gerechten, an der Niederlage des Göttlichen in der Welt. Es gibt noch etwas Besseres: unsere Schuld, die jetzt den Knecht Gottes drückt, soll eben durch ihn und sein Leiden von uns weggenommen werden. In seiner Erniedrigung, die wir auf dem Gewissen haben, liegt unsere Befreiung. In der Niederlage, die wir dem Geiste Gottes und damit uns selbst zugefügt, soll unser Sieg verborgen sein. Wunderbare Wahrheiten! Aber ahnen wir nicht schon jetzt, daß sie Wahrheiten sind? Was sagt uns denn Gott, wenn er uns heute vom Kreuze Christi aus zuruft: ihr seid schuld!? Werdet aufrichtig!, sagt er uns, werfet von euch den falschen Wahn, den Wahn der Spötter und den Wahn der Frommen, sehet, was ich bin, und sehet, was ihr seid! Wenn das Kreuz Christi diese Aufrichtigkeit in uns schafft, daß wir einmal sehen wollen, statt immer zu meinen, dann kann uns die Gnade Gottes nicht mehr fern sein, die unsere Mitschuld in freudige Mitarbeit verwandeln will.
- Nr. 111: «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen?» von
J. Heermann , Strophen 1-4 (= GERS [1952] 143,1.3–5; EG 81,1.3.4.6) - Nr. 113: «O Welt, sieh hier dein Leben» von
P. Gerhardt , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 149,1-3; EG 84,1.3.4)