Predigt: Epheser 2,14
Der nächste (heutige) Sonntag ist von den schweizerischen Kirchenbehörden als allgemeiner Bettag für den Frieden erklärt worden.2 Die große Mehrzahl der Menschen ist jetzt im Innersten erschrocken über die gewaltige Erschütterung aller Ordnungen und Verhältnisse, über das namenlose Unglück, das über die Menschheit gekommen ist und das wir uns ja nie in dieser Größe als möglich vorgestellt hatten. Sie seufzen über die Folgen dieses Unglücks, soweit sie uns schon erreicht haben, und sie zittern beim Gedanken an die Möglichkeit, daß es auch uns noch ganz anders ans Lebendige gehen könnte. Daneben ist ja freilich der alte Leichtmut auch noch da, und gierig greifen die Menschen auch jetzt nach ihren gewohnten Freudelein und Festlein. Manche schütteln den Kopf darüber, und es ist doch nur zu begreiflich, daß es so ist. Dieser Leichtmut und das Jammern und Kümmern über den Krieg passen nicht schlecht, sondern sehr gut zu einander. Wer mit dem Krieg nicht mehr anzufangen weiß, als darüber zu klagen und davor Angst zu haben, der hat ganz begreiflich das Bedürfnis nach ein bißchen Abwechslung und Trost, und warum soll er dann nicht Kaffee trinken und tanzen, wenn ihn das Herz dazu treibt? Ich wundere mich keinen Augenblick darüber. Das allgemeine Gefühl ist ja doch das, daß wir un|70ter einem schweren Schatten stehen, und der allgemeine Wunsch der: wenn nur der Krieg aufhörte und wieder Friede wäre! Und nun wollen also auch die christlichen Kirchen unseres Landes diesem allgemeinen Gedanken auf ihre Weise Ausdruck geben, indem sie jenes Gefühl des Schreckens über das vorhandene und drohende Unheil als Klage und jenen Wunsch nach Frieden als Gebet vor Gott bringen.
Aber, meine Freunde, können und dürfen wir denn überhaupt auf diese Weise mit unseren Gedanken vor Gott kommen? Wer ist denn eigentlich dieser Gott, dem wir da unsere Gefühle und Wünsche vorbringen wollen? Ist er denn ein launischer Tyrann, der irgendwo in seinem fernen Himmel das entsetzliche Übel des Krieges ausgesonnen hat, um seine Sklaven damit zu plagen oder zu strafen, wenn es ihm gefällt, so daß wir ihm nun in den Arm fallen dürften: Sieh, Herr!, wie Furchtbares hast du nun angerichtet! O laß es genug sein! Oder ist er ein Gott, der bis dahin machtlos zugesehen hätte, wie durch irgend eines finsteren Schicksals Schuld der Krieg unter den Menschen ausgebrochen ist, der von Weitem teilnahmlos dem Schauspiel beiwohnt, wie die Blüte und die Hoffnung der Völker ins Grab sinkt, wie Schrecken und Unheil, Angst und Qual, Blut, Feuer und Rauchdampf uns umgeben? So daß wir ihn nun zu Hilfe rufen müßten: Sieh doch auf uns und vergiß uns nicht! Sieh die Tücke und Furchtbarkeit dieser Ereignisse und wehre ihrem verhängnisvollen Lauf! Steht es denn eigentlich so mit Gott, daß wir jetzt kommen und ihn zum Aufsehen auf unsere Not mahnen müßten? Oder ist’s nicht gerade umgekehrt?
Gott ist ein Gott der Gemeinschaft und der Gerechtigkeit, in seinem Herzen sind die Völker und die Menschen verbunden in freier Eintracht, weil sie in all ihren mannigfaltigen Eigenschaften und Bedürfnissen doch alle seine Kinder sind. In Christus hat er uns seine wunderbare Welt erschlossen, diese Welt der Liebe, in der wir eigentlich zu Hause sind und deren Erinnerung wir nicht loswerden können. Und Alles, was Gott will und wirkt und schafft in uns, das ist doch Einigkeit untereinander und Verständnis und Verzeihung und brüderliches Tragen und Helfen und erlösende Liebe schließlich! Das Licht Gottes schien und scheint in der Finsternis. Aber nun hat es eben die Finsternis nicht begriffen [vgl.
Warum ließ Gott das zu? Weil er ein Gott der Freiheit ist. Weil er nun einmal nicht anders siegen und sich verherrlichen will als in unserer eigenen freien Erkenntnis und Willenswendung, weil er unser Vater ist und nicht eine Maschine, die uns treibt und lenkt ohne uns und gegen uns. Und darum ließ er uns auch den Weg der Götzen und der bösen Geister gehen, und dieser Weg führt ins Unheil und in die Verwirrung hinein, immer tiefer und schrecklicher, je eifriger und selbstbewußter wir ihn gehen. Heute ist diese falsche Richtung, in der wir gehen, wieder einmal klar und offenbar geworden, so daß wir es sehen könnten. O, es ist auch eine Tat der Liebe Gottes, diese furchtbare Klarheit, die jetzt entstanden ist dadurch, daß er uns unsere Wege hat gehen lassen. Denn durch diese Klarheit ist nun wieder einmal eine Stunde angebrochen, in der Gott zu erkennen ist in seinem wirklichen Wesen, das so ganz anders ist als unser Wesen, in dem das alte Evangelium leuchtet und funkelt als der Weg, der aus dem Unheil heraus zum Heil führt, in dem Gelegenheit ist, einen ernsten, entscheidenden Schritt zu tun aus der eigenen Finsternis zurück zum Licht, aus der Welt der Menschen hinein in jene Welt Gottes, die nur darauf wartet, uns aufzunehmen.
Wie seltsam stehen wir doch da, liebe Freunde, in dieser einzigartigen Stunde, wenn wir sie nun dazu verwenden, uns selbst und dem lieben Gott unsere Klagen vorzutragen über den schrecklichen Krieg. Gott sieht ihn wohl, wir brauchen ihn ihm nicht zu zeigen. Aber er will jetzt uns etwas zeigen, was wir offenbar noch nicht gesehen hatten: daß Götzen und Geister, die wir uns schufen und denen wir dienten, in den Abgrund fahren. Wenn wir jetzt klagend vor Gott hintreten wollen, dann muß es geschehen mit der Anklage gegen uns selbst: Warum sind wir so gewesen, warum haben wir es dahin kommen lassen? Warum haben wir nicht früher erkannt, was zu unserem Frieden dient [vgl.
Spüren wir es, meine Freunde, wie das aneinander vorbei geht: Gott der Herr offenbart uns im Sturm der Weltgeschichte die Tiefe unseres Elends und die Größe seiner Liebe in einer Wucht, wie wir es vielleicht seit vielen Generationen nicht mehr erlebt haben, und wir antworten damit, daß wir wünschen und beten, es möchte nur recht bald wieder Friede geschlossen werden?! Merken wir es, daß wir uns des unvergleichlichen Segens dieser großen Zeit berauben würden, wenn wir jetzt diesen allgemeinen Gedanken und Gefühlen und dieser Gebetsparole folgen würden? Wollen wir uns denn durchaus neben jene falschen Propheten des Volkes Israel stellen, die in ähnlichen schweren Zeiten «Friede, Friede!» zu rufen pflegten, wo doch eben kein Friede war und keiner sein konnte [vgl.
Wenn wir jetzt um die Vergebung unserer Schulden beten und um die Erlösung vom Bösen, wenn wir uns ganz und ausschließlich darauf konzentrieren, jetzt zu hören und anzunehmen, statt Gott dreinzuschwatzen mit unseren Gedanken und Wünschen, wenn es uns jetzt nur um das Eine zu tun ist, uns umschaffen zu lassen zu Menschen, die anders, vertrauter, herzlicher, gehorsamer zu Gott stehen, dann beten wir auch für den Frieden und gehen dem Frieden entgegen. Aber was für einem Frieden denn? Wohin sollen unsere Augen sehen, wenn wir nun als Menschen, die Gottes Ernst und Liebe kennen, in die Zukunft blicken? Auf eine Wiederherstellung des Zustandes, der vor dem Kriege war? Auf einen Friedensschluß beim Sieg der einen oder anderen Partei oder auch bei unentschiedenem Waffenerfolg, wobei außer einigen Veränderungen der Landkarte Alles beim Alten bliebe? Auf eine Konferenz, bei der dieselben Diplomaten, die über die Sicherheit
Zu einem besseren Frieden — ja läßt sich denn ein solcher überhaupt denken? Und nun eilen unsere Gedanken in die Zukunft und suchen festzuhalten, was möglich sein könnte, wenn … Ja, wenn jetzt nach all dem Blutvergießen und Elend eine tiefe Friedenssehnsucht und ein ernster Friedenswille entstehen würde in den Völkern, dann könnte es geschehen, daß die Menschheit wieder einmal einen kräftigen Schritt vorwärts tun darf. Es ist in diesen Tagen schon öfters auf den Gedanken des
Sollte es nicht geschehen, hat man sich gefragt, daß aus all der Not dieser Zeit jene Sehnsucht und jener Ernst geboren werden und durch den Willen der Völker ein anderes Verhältnis einmal zwischen den Staaten
Und doch dürfen und wollen wir jetzt diesen Möglichkeiten nicht weiter folgen. Nicht bloß darum, weil es nur Möglichkeiten sind, die sich vielleicht noch lange, lange nicht verwirklichen, sondern darum, weil wir uns ja doch, wenn wir vor Gott getreten sind und von Gott aus in die Zukunft blicken, bei keinem Friedenszustand, wie schön und vollkommen wir ihn uns auch ausdenken möchten, ganz beruhigen und zufriedengeben könnten. Unser Denken vermag es ja gar nicht, uns hinüberzutragen zu einem Zustand unter Menschen, in dem der Krieg durch den Frieden gänzlich überwunden wäre. Stellen wir uns vor, der ewige Friede zwischen den Völkern der Erde, auf den die Besten aller Zeiten gehofft haben5, sei hergestellt und mit ihm der Friede der Klassen auf der Grundlage der Gerechtigkeit. Dann öffnet sich erst wieder die Aussicht auf ein unendliches Gebiet leidensvoller Kämpfe zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten und Charakteren mit all ihren verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen und Rechten. Und denken wir uns auch diesen Kampf überwunden und ausgeglichen durch die Kraft der Liebe, die der Vater seinen Kindern erweist, dann bleibt immer noch der Kampf in des Menschen eigener Brust zwischen den beiden Seelen, die sich gewaltsam voneinander trennen wollen6, ein Kampf, der uns auf seine Weise ebenso deutlich wie jetzt der Völkerkrieg an unsere Gottesfremdheit und Gottesleerheit erinnern müßte. Wollten wir auch diese inneren Kämpfe und Kriege noch hinwegdenken, einen Menschen in vollkommener, unerschütterlicher Einheit mit |76 Gott, ja, dann haben wir uns eben keinen Menschen mehr gedacht, sondern Gott selbst, der den Frieden hat und selbst der Friede ist; den Vater des Lichtes, bei welchem keine Veränderung ist noch Wechsel des Lichtes und der Finsternis [
Ob wir oder unsere Kinder diese oder jene Ruhe des Friedens erreichen werden, darüber mögen wir unsere Vermutungen und Hoffnungen haben, aber das zu wissen tut uns jetzt nicht so not wie das Andere, daß Gott der Friede ist und wir von Haus aus des Friedens Kinder. Diese Tatsache muß nur aus den Verwirrungen unserer Schuld und aus den Schrecknissen der Strafe, unter der wir stehen, klar und feierlich und leuchtend wieder in uns emporsteigen. Über alle Vermutungen und Hoffnungen auf künftige bessere Zustände, die wir hegen mögen, hinweg muß uns Christus wieder zeigen, wer der Vater ist und wer wir [sind]. Daß er, der Vater, von Haß und Vernichtung nichts weiß und daß auch wir davon frei werden können. Daß all dies Traurige, Vorläufige, in dem wir jetzt drin stehen, nicht die Wahrheit ist, nicht das Bleibende, daß der Friede unsere Heimat ist. Diese bessere Erkenntnis Gottes ist dann selber schon der bessere Friede, auf den wir warten. Haben wir sie, dann haben wir auch die Kraft, allem Augenschein und allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz daran zu glauben, daß jene höheren |77 Stufen der Menschheit nicht unerreichbar sein werden. Wir haben sie, weil wir dann jene Stufenleiter nicht von unten, sondern von oben betrachten, von Gott aus, der wahrhaftig in allem Menschlichen Alles werden will.
Und mit diesem neuen Glauben an den Gott des Friedens ergreift uns dann auch unwiderstehlich seine Macht, daß wir uns in Bewegung setzen und ganz hingeben müssen, um Alles, was Vorbereitung und Vorstöße für sein ewiges Reich bedeutet, möglich zu machen. Friedensgedanken, Friedensaufgaben und Friedenspflichten werden uns nun mit ganz anderem Ernst erfassen und beschäftigen müssen als bisher. Wir können die Schritte nicht aufzählen und beschreiben, die da nun werden geschehen müssen. Wir betreten damit auch bereits wieder das Gebiet menschlicher Meinungen und Vermutungen und wissen wohl, daß es nicht darauf ankommen wird, ob dies oder jenes geschieht, sondern daß wir uns überhaupt für den Frieden in Bewegung setzen, weil wir den Frieden Gottes neu und lebendig erkannt haben.
Einige Andeutungen mögen dennoch erlaubt sein: Wir werden uns neue Gedanken bilden müssen vom Vaterland, denn es hat sich gezeigt, daß der alte hochmütige, eingebildete Patriotismus, der auch uns Schweizern nicht fremd war, eine Quelle des Verderbens ist. Klar und sicher muß uns über dem Vaterland die Gemeinschaft und Bruderschaft der Menschen stehen, von der das deutsche, französische oder schweizerische Vaterland nur ein Glied ist, ein Glied, das nicht gegen die anderen, sondern nur mit den anderen Gliedern leben kann, jedes als ein besonderer Gedanke Gottes. Und Gottes Gedanken streiten nicht untereinander. Wir werden weiter, wenn uns der Friede lieb ist, künftig eine andere, neue Stellung einnehmen müssen zu Allem, was Kriegsrüstung und Kriegsvorbereitung heißt. Klar sollte es uns gerade jetzt vor Augen stehen, daß diese Kriegsvorbereitungen so gut ein Stück bösen Willens sind wie der Krieg selbst und daß sie notwendig zum Kriege führen müssen. Mögen sie immer auch für unser Land unumgänglich sein samt den Pflichten, die sie uns auferlegen — wachsen muß jetzt in uns der Unwille gegen diese Notwendigkeit, bis er eines Tages so stark ist in unserem Willen, daß er diese falsche Notwendigkeit hinwegfegt. Gerade das, was jetzt von oben her von uns gefordert wird, alle Militärfreudigkeit und Militärbegeisterung, können und dürfen wir jetzt je länger je weniger mehr aufbringen, nicht aus Schwachheit, nicht aus mangelnder |78 Vaterlandsliebe, sondern um Gottes willen, dem wir mehr gehorchen müssen als den Menschen [vgl.
Aber ich wiederhole: es kommt jetzt nicht darauf an, ob wir nun hier oder dort einsetzen mit unserer Arbeit für den Frieden — da muß nun das Gewissen jedes Einzelnen reden, und möge es gehört werden! — sondern daß der Wille zum Frieden uns ergreife und treibe, hervorquellend aus der Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens, das ist’s, was die Stunde von uns fordert. Schütteln muß uns die Gewißheit, daß es so nicht weitergehen kann, und die Gewißheit, daß etwas Anderes kommen muß. Völlig gepackt müssen wir sein von der Erkenntnis, daß das, wovon die Welt jetzt voll ist, nicht eine Notwendigkeit ist, die von Gott über uns verhängt ist, sondern eine Notwendigkeit des Teufels — und ebenso völlig gewonnen für die Nachfolge Jesu, in der wir unter die Notwendigkeiten Gottes gestellt werden. Frei gilt es jetzt zu werden vom Respekt und von der Angst und von der knechtischen Freude an den Ordnungen und Verhältnissen, die jetzt gelten, und dafür Hoffnungsmenschen, Wanderer und Pilgrime Gottes zu werden, die an eine Zukunft nach der anderen glauben, weil sie an Gott gebunden sind. Wenn diese innere Friedensbewegung9, die aus der Gemeinschaft mit Gott stammt, jetzt groß und stark würde, dann kann es gar nicht fehlen: dann können jene nächsten Stufen des äußeren Weltfriedens nicht mehr fern sein. Ja, eine Handvoll solcher wirklicher Pilgrime Gottes, die hier keine bleibende Stätte haben, sondern die zukünftige suchen |79 [vgl.
Wird diese innere Friedensbewegung kommen? Wird sie vielleicht emporsteigen aus den Schützengräben in
- Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» nach dem altkirchlichen «Te Deum» von
Ignaz Franz , Strophen 1.7.9 (= GERS [1952] 59,1.6.8; EG 331,1.9.11) - Nr. 148: «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von
H. Held , Strophen 1.5.7 (= GERS [1952] 184,1.4.6; EG 134,1.4.6)