7. Februar 1915

Predigt: Lukas 17,20-21

41
258
Lukas 17,20–21
Da Jesus aber gefragt wurde von den Pharisäern: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man ihm zuschauen kann, man wird auch nicht sagen: siehe hier! oder: da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch!1
Liebe Freunde!

Das ist wunderbar, wenn es heißt: nun ist das Reich Gottes nahe herbeigekommen! [Mk. 1,15 par.2]. Wenn die Menschheit auf einmal in Bewegung kommt, weil sie spürt, daß eine Entscheidungsstunde angebrochen ist. Nun horchen sie auf, die Gedankenlosen, nun springen sie auf die Füße, die Müden, nun erwachen sie, die eingeschlafenen Seelen, nun kommt ein Lächeln auf die Lippen der Tiefbetrübten, nun tauen sie auf, die gefrorenen Christen, weil der Lenz vor der Türe ist3. Das Alte will vergehen und Alles neu werden [vgl. 2.Kor. 5,17]. Die Welt des ewigen Vaters will offenbar werden über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen [vgl. Röm. 1,18]. Sie alle haben eine große |42 Stimme gehört, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen! [Apk. 21,3f.].

Seht, wie sie nun auf einmal ihre bisherigen Irrtümer und Fehler und Schwachheiten einsehen und bekennen, ohne sich zu wehren und herausreden zu wollen. Seht, wie sie’s nun auf einmal begreifen, daß es so nicht weitergehen kann mit ihren alten, lieben Gewohnheiten. Wie sie jetzt die Götzen anpacken und stürzen können, vor denen sie so lange auf den Knien gelegen sind. Wie jetzt die Sehnsucht in ihnen erwacht ist: wir müssen eine andere Seele und ein anderes Leben haben. Neue Ziele sind erstanden vor ihren Augen, und jetzt fürchten sie sich nicht mehr, Toren und Schwärmer zu heißen, wenn sie mutig und fröhlich und zuversichtlich nach diesem Ziele hinblicken. Neue Wege, ungewohnte Wege wagen sie auf einmal zu gehen, schüchtern noch und tastend, aber voll Entdeckermut. Und neue Kräfte führen und tragen sie, daß sie sich selber kaum mehr kennen vor Sicherheit und Siegesgewißheit.

Nun wird ihnen plötzlich Wahrheit und Tatsache, was sie so lange in ihren Kirchen und Schulen bloß haben tönen hören, was sie so lange aus den heiligen Büchern der Vorzeit bloß buchstabiert haben, ohne es zu fassen: Wer Gott ist: der ewige Vater, der seine Güte wahrhaftig erweisen will an uns Menschenkindern. Und Gottes Wille: kein hölzernes Gesetz, keine Polizeigebote, denen man widerwilligen Gehorsam schuldet, sondern das Eigenste, Tiefste, was in uns selbst ist, entfaltet in Klarheit und Reichtum. Und Gottes Herrlichkeit: die unbedingte, unwiderstehliche, Alles umfassende Kraft dieses Willens, die leuchten muß und leuchten wird, allen finsteren Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz. Und die alte, furchtbare Schuld der Menschen, die durchgestrichen, abgetan und erledigt ist durch die himmlische Gnade, die lauter Leben schafft. Und unsere bösen Fehler und Sünden, die uns nicht mehr anfechten, die schneeweiß werden sollen, ob sie gleich blutrot wären [vgl. Jes. 1,18]. Und die bittere Strafe unserer alten Art, die nun endlich ein Ende finden soll in dem vollen Heil, das denen beschieden ist, die Gott endlich, endlich erkennen wollen. So strömt es und |43 reißt es, so regt und bewegt es sich in der Menschheit, wenn das Reich Gottes wieder einmal nahe herbeigekommen ist.

O, das ist viel mehr, als daß nun wieder ein wenig mehr Interesse da ist für die Religion nach langen Zeiten der Verständnislosigkeit. Das ist auch viel mehr als das, was man das neue Erwachen des Idealismus genannt hat nach langen Zeiten materialistischer Dürre. Mit solchen Worten, wie wir sie auch am letzten Sonntag mit Freude hier gehört haben4, ist dieser Vorgang wohl von außen richtig beschrieben. Von innen gesehen ist er noch unendlich viel mehr als das: Es handelt sich um ein neues Leben, eine neue Welt, die sich da mächtig ankündigt. Die Menschheit kann sich selber nicht mehr ertragen, so wie sie war bis dahin, und will nun sich selber wieder finden in höherer, besserer Gestalt. Wir müssen alle verwandelt werden, verwandelt in das Bild des Menschensohnes [vgl. 1.Kor. 15,49–52], der uns Gott nahe bringt; das ist’s, was die Stunde bedeutet. Gott will seine Herrschaft aufrichten unter uns, sein Recht, seine Wahrheit, seine Liebe drängen heran und wollen zur Geltung kommen in der Welt, und wir armen Menschen merken es und atmen auf und wollen fröhlich und selig sein in ihm, der allein Freude und Seligkeit ist.

So war’s in jener wunderbaren Zeit, als Jesus von Nazareth durch Galiläa ging mit seiner unbegreiflichen, freundlichen Botschaft, daß nun Alles erfüllt sei, was in dem Gesetz und in den Propheten geschrieben stand.5 Als die Mächte und Kräfte der damaligen Welt ihren Gipfel erreicht hatten an Herrlichkeit, aber auch an Verderben, als die sogenannten Religionen sich überall erschöpft hatten trotz mancherlei Anstrengungen, als die Menschen nicht mehr aus noch ein wußten mit ihrer Klugheit, ihrem Reichtum und ihrer Frömmigkeit, da kam er und zeigte ihnen den Vater, zeigte ihnen den, der dem Menschenleben Grund und Sinn und Fröhlichkeit gibt, wenn wir es zulassen, daß er Besitz von uns ergreife, zeigte ihnen den Himmel, der nun von jedem Kind gestürmt [vgl. Mt. 11,12] und gewonnen werden kann.

Vielleicht erleben wir jetzt wieder eine solche wunderbare Zeit, wo eine Bewegung zum Leben hin in der Menschheit ansetzen will. Ich sage «vielleicht», weil ja nicht Alle davon wissen und [wissen] wollen, weil man von solchen Zeiten nicht sagen kann wie vom Wetter: jetzt ist |44 schönes, jetzt ist schlechtes Wetter. Solche Zeiten sind da für die, die sich bewegen wollen. Wer Ohren hat, zu hören, der hört [vgl. Mk. 4,9 par.]. Wer Augen hat, zu sehen, der sieht. Aber Viele, Viele unter den Menschen fühlen es heute — die Einen ganz in der Stille, die Anderen so, daß sie davon reden müssen und nicht schweigen können: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.

In dem entsetzlichen Unglück, das nun über die Völker gekommen ist, in den heldenmütigen Anstrengungen, die sie jetzt machen, in der furchtbaren Not einer vom Geiste Christi noch unendlich weit entfernten Welt ist Gott nun zu uns gekommen. Und wir verstehen ihn, wie er sich uns wieder einmal zu erkennen gibt, wir sehen die Ziele und spüren die Kräfte, die er uns geben will, wir beugen uns unter seine gewaltige Hand [vgl. 1.Petr. 5,6] und versuchen unsicher, die ersten Schritte zu tun in die neue Welt und in die neue Lebensrichtung, die er jetzt gebieterisch vor uns auftut. Das Evangelium von Galiläa, das Evangelium von den Kindern Gottes, von der Bruderliebe, vom Frieden im Geist will aus Worten wieder eine Gewalt werden über uns, weil wir sehen: daran hat’s gefehlt, daß wir ihm keine Gewalt zugetraut haben, und darum muß nun Krieg sein. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Vielleicht, daß das Unglück noch viel entsetzlicher, die Weltereignisse noch viel erschütternder werden müssen als bis dahin, damit wir es recht deutlich und lebendig merken, was jetzt eigentlich vorgeht. Das wissen wir nicht und wollen abwarten, wie Gott es macht.

Aber das ist sicher, daß Unzählige schon jetzt innerlich fest überzeugt sind: es wird nicht so weitergehen wie bis dahin, wir müssen unsere ganze Stellung zum Leben, zum Einkommen, zur öffentlichen Ordnung, zu unseren Mitmenschen einer gründlichen Revision unterwerfen, und dazu müssen wir Menschen mit anderen Seelen werden; eine neue Stufe in der Entwicklung der Menschheit kündigt sich an, noch wissen wir nicht, welches der Schritt sein wird und wie groß, den wir werden tun müssen. Aber sicher ist’s, daß es nun heißt, wach und bereit zu sein, einen Schritt zu tun. Sicher ist, daß Gottes gewaltiger Lebenswille nicht umsonst eine solche außerordentliche Zeit hat hereinbrechen lassen, nicht bloß als eine unangenehme Unterbrechung unseres Zustandes, nach dem Alles wieder zum Alten zurückkehren könnte, sondern weil er nun etwas wirken und schaffen will nach seiner alten Schöpferweise, weil er nun seiner Herrschaft irgend einen neuen Sieg |45 verleihen will. Das ist das Geheimnis des Völkerkrieges, so wenig wir sonst über seinen Ausgang und seine Ergebnisse jetzt wissen können. Es ist ein lebendiges und unvergleichlich reiches und kraftvolles Gotteswort, und es gibt kein Gotteswort, das uns nicht weiterführen und -treiben würde der göttlichen Herrlichkeit und Seligkeit entgegen, kein Gotteswort, das nicht eine Tat seiner väterlichen Güte wäre. Wie nahe muß uns sein Reich gekommen sein, wo er so mächtig mit uns redet!

Aber nun kamen und nun kommen die Pharisäer und stellen die Frage: wann kommt das Reich Gottes? Sie haben auch etwas wahrgenommen von der Bewegung, die in der Menschheit entstanden ist. Sie haben mit Erstaunen etwas gehört von der Botschaft, daß nun ein Wendepunkt da sei, daß es nun gelte, bereit zu sein, um Gottes gewaltige Taten nicht zu verpassen. Sie haben davon gelesen, daß es Menschen gebe, die nun etwas Besonderes erwarten, und es hat sie sehr interessiert. Ja, ja, haben sie gedacht, es sind ja jetzt in der Tat merkwürdige Zeiten, und es kann einen nicht wundernehmen, daß Viele da auf außerordentliche Gedanken und Vermutungen kommen. Das ist noch immer so gewesen, wenn außerordentliche Dinge vorkamen. Nun, wir wollen einmal sehen, was daraus wird. Viel wird freilich kaum geschehen. Sehr schön wäre es ja, aber wir haben genug Erfahrung, um zu wissen, daß es in der Geschichte der Menschheit immer sehr langsam vorangegangen ist und daß die Menschen im Großen Ganzen immer die gleichen bleiben und die Welt die alte. Solche Umwandlungen sind seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Es wird auch diesmal nicht anders sein: Nun träumen und schwärmen und hoffen sie eine Weile, nun wird wieder viel geredet und [werden] ein paar Anstrengungen gemacht, nun wird vielleicht da oder dort ein winziges Fortschrittlein gemacht, und sonst bleibt Alles, wie es war, und die aufgeregten Hoffnungen verlaufen sich wieder im Sande, und was ist dann gewonnen? Da müßte ja ein Wunder geschehen, wenn sich jetzt etwas Besonderes ereignen sollte, und was hat’s für einen Wert, auf Wunder zu warten? An Gott glauben wollen wir ja gewiß auch, aber wir wollen ihm doch nicht zuviel zutrauen, das wäre Phantasterei. Unsere Pflicht tun wollen wir auch in Zukunft wie bisher, aber daß wir uns jetzt von unsicheren Aussichten und Erwartungen erfassen und begeistern lassen sollten, nun, das gehört nicht zur Pflicht und ist ganz unnütz. Und auch für Alles, was recht und gut ist, wollen wir gerne eintreten, aber bitte für keine über|46stiegenen Dinge, sondern alles schön im Rahmen der bestehenden Ordnungen und Gewohnheiten. So dachten und so redeten die Pharisäer.

Meine Freunde, die Pharisäer waren praktische, vernünftige und fromme Leute und sind es auch heute. Sie haben zehnmal recht, und man kann ihrem Urteil gar nichts vorwerfen. Natürlich ist in der Geschichte der Menschen noch immer ungeheuer viel Wasser in jeden Wein geschüttet worden. Natürlich hat es so und so oft große Aufregungen und Hoffnungen gegeben, und was nachher dabei herauskam, war sozusagen nichts. Natürlich ist’s unter solchen Umständen gescheiter, sich durch nichts Neues aus dem Häuslein bringen zu lassen, sondern Schrittlein für Schrittlein vorsichtig seine gewohnten Wege weiterzupfaden6. Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen? Nun ja, wenn es denn wirklich gekommen ist, dann wollen wir auch dabei sein! Und darum fragten die Pharisäer Jesus: wann kommt denn das Reich Gottes, von dessen Nähe du uns jetzt immer redest?

Es war so ein bißchen freundlicher, herablassender Spott in der Frage: Meinst du wirklich, daß jetzt nächstens der Himmel auf die [Erde] kommen, Freude und Seligkeit in den Herzen und Gerechtigkeit und Friede im Leben der Menschen sein werde? Meinst du das wirklich? Nicht wahr, du sagst uns, wann und wie das geschehen wird, daß wir uns auch darauf freuen können, das mit anzusehen. Und so sagen und fragen sie auch jetzt wieder: Das Reich Gottes in der Nähe? Aber wie und wann wird’s da sein? Sollen etwa plötzlich mitten im Krieg die Deutschen und die Engländer ihre Gewehre wegwerfen und ihre Torpedoboote in die Luft sprengen und einander um den Hals fallen als Brüder? Oder kommt das nach dem Krieg? Wenn einmal der Friede wieder da ist? Erwartest du etwa, daß die gleichen Diplomaten, die das Feuer angezettelt haben vor einem halben Jahr, abermals in einem halben Jahr wie die Lämmer sich zusammenfinden und die Vereinigten Staaten von Europa7 gründen werden? Oder soll’s eine große Revolu|47tion geben, die noch einmal mit Feuer und Blut den Frieden und eine gerechte Weltordnung herbeiführt? Wann und wie kommt das Reich Gottes? Wie stellst du dir’s vor? Ja, was sollte Jesus darauf antworten! Und was sollen wir antworten auf solche wirklich gescheiten und vernünftigen Fragen?

Jesus hat darauf geantwortet: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man ihm zuschauen kann. Man wird auch nicht sagen: siehe hier! oder: da ist es! Das war eine Antwort und keine Antwort. Es war eine Antwort, indem er ihnen auf ihre Frage den Bescheid nicht schuldig blieb; und es war keine Antwort, indem er sie doch mit ihrem Wann? und Wie? völlig und absichtlich stehen ließ. Sie hatten so klug und überlegen gefragt, ob sie nicht bald etwas zu sehen bekommen könnten von dem, was er ankündigte — er aber sagte: es kommt, aber ihr werdet nie etwas davon sehen! Ja, was war denn falsch an ihren gescheiten und vernünftigen Fragen? Eins und Alles: daß sie zuschauen wollten dem Kommen des Gottesreiches, wie man mit gekreuzten Armen einem Schauspiel zusieht. Daß sie die mächtige Bewegung zum Himmelreich beobachten und verfolgen wollten als etwas recht Interessantes, ohne sich doch selber davon erfassen und packen zu lassen. Daß sie sich kühlen Herzens ein Urteil bilden wollten: wie wird’s herauskommen mit dieser Sache? was wird das Ende sein?, ohne sich selber entschlossen und fröhlich mit an den Anfang zu stellen. Daß sie zum Voraus den Erfolg dieser mächtigen Bewegung betupfen und betasten wollten und doch zugleich schon im Voraus dachten: er wird ja, er kann ja nicht groß sein. So kann man zusehen und urteilen und kritisieren, wenn es sich um eine körperliche Leistung handelt oder um ein Geschäft oder um eine politische Unternehmung. Da kann man so erfahren und gescheit danebenstehen und sich eine Meinung bilden und nachher triumphieren: seht da, es konnte nicht anders kommen; ich hab’s ja gleich gesagt.

48 Mit dem Kommen des Gottesreichs ist es eine andere Sache: es kommt nicht so, daß man ihm zuschauen kann. Wer da zuschauen will, der sieht gar nichts. Wer da gemächlich und vornehm fragen will: wo wollt ihr denn hin? wie wollt ihr’s denn nun anders und besser machen?, der bekommt keine Antwort. Die Pharisäer konnten ja lange zuschauen bei dem, was Jesus tat und erreichte: wie die Blinden sehend wurden und die Lahmen gingen, wie die Toten aufstanden und den Armen das Evangelium gepredigt wurde [vgl. Mt. 11,5]. Sie sahen und sahen doch nichts, sie setzten sich mit einigen kühlen, kritischen Bemerkungen über diese Zeichen der Zeit hinweg. Sie hätten noch lange sehen können, was hernach geschah, wie Jesus am Kreuze litt und überwand und wie er vor den Augen seiner Jünger aufs neue dastand als der Lebendige, sie würden nichts gesehen haben. Sie hätten die Ausgießung des heiligen Geistes und die Bekehrung des Saulus erleben, sie hätten des Paulus Eroberungszug für das Evangelium mit ansehen können, und sie hätten doch nichts gesehen von den Zeichen des Reiches Gottes. Sie hätten immer nur zugesehen und hätten Alles, Alles sehr interessant und vielleicht sehr bewunderungswürdig gefunden, aber doch immer weiter gefragt: ja, wann kommt denn nun das Reich Gottes?

Und so ist’s heute wieder: man kann jetzt dem Völkerkrieg zuschauen und gar nichts merken vom Kommen des Gottesreiches. Da liest der Pharisäer von heute, wie der Mammonsdienst und die falsche Vaterlandsliebe und eine Politik des Ehrgeizes und der Gewalt die Völker ins unermeßlichste Unglück gestürzt hat, und merkt nichts. Er liest, wie das sogenannte Christentum all dieser Völker kein Wall gewesen ist gegen dieses Unglück, sondern sein Bestes verraten hat an die Götzen, die jetzt gelten. Er liest die ergreifenden Zeugnisse, die jetzt mehr und mehr aus den Reihen der kriegführenden Armeen selbst kommen und aus denen wie ein Schrei die Stimme der Menschlichkeit sich vernehmen läßt: es ist scheußlich, was wir jetzt tun müssen, und einmal, nachher dann, muß es anders werden! Wie das Kämpfen an manchen Orten den feindlichen Soldaten verleidet war, wie sie freundlich miteinander zu verkehren begannen mitten im Krieg, bis es ihnen von beiden Seiten von oben herab verboten wurde, weil nun einmal der Haß und die Vernichtung jetzt gelten sollen und nicht die Liebe.

Das alles kann der Pharisäer lesen und hören, sage ich, und nichts merken. Er verwundert sich, er macht seine Bemerkungen darüber, |49 aber daß Gott selber sich seinen Menschen wieder einmal ankündigt in solchen Zeichen, das sieht er nicht. Es sind ihm gewöhnliche Tatsachen, Zeitungstatsachen, nichts Anderes. Und so wird er es machen, was da auch kommen wird. Es könnten die größten Dinge geschehen, er wird sie immer nur von ihrer menschlichen, natürlichen Seite aus ansehen. Er wird den Kopf schütteln darüber, daß das Zeichen des Gottesreiches sein sollten, er wird immer wieder fragen: ja, wann kommt es denn?, das Große, das ihr meint, und an was soll ich es merken, daß es wirklich kommt? Der arme Pharisäer ist hungrig und durstig mitten im Überfluß und wird es immer bleiben, wenn er ein Pharisäer bleibt. Er wird sich die Augen ausschauen nach Zeichen des Glaubens und der Hoffnung, er wird klagen: ich wollte ja auch glauben und hoffen, wenn ihr mir nur irgend einen sichtbaren Erfolg zeigen wolltet, und dann wird er handkehrum spötteln über die, die glauben und hoffen mögen, ohne zu schauen, wie er meint. Der arme Pharisäer, er hat keinen Ausweg und ist verloren, ist verdammt, das Reich Gottes nie zu sehen, denn wer nur zuschauen will, wird es nie sehen. Und seine Anzeichen liegen nicht so auf der Gasse, daß jeder einfach darauf tupfen und sagen könnte: ja, das ist’s, ich hab’s! Kritisieren und spötteln kann er, soweit geht seine Fähigkeit, aber sehen kann er nicht. O, der Arme!

Das Reich Gottes kommt aber nicht so, daß man zuschauen kann. Man wird auch nicht sagen: siehe hier! oder: da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch! Das war keine Antwort auf die Frage: wann kommt es? Für diese Frage: wann? hat Jesus nie Zeit und Interesse gehabt. Er wußte, daß das Reich Gottes den Menschen nahekommen, aber sich auch wieder von ihnen entfernen kann, wenn sie sich seiner als unwürdig erweisen. Die endgiltige Vollendung hat er immer Gott anheimgestellt, und das müssen wir auch tun bei aller Sicherheit und Dankbarkeit, mit der wir es wissen dürfen, daß es uns gerade jetzt besonders nahe ist. Auch die Frage: wie kommt es? hat Jesus keine Sorgen gemacht. Er wußte nur das Eine: es kommt durch die Wirksamkeit Gottes, wenn die Menschen dazu reif und bereit sind. Wir können auch heute nichts Anderes sagen: Wie die Herrschaft Gottes sich vollziehen wird in der nächsten Zukunft, darüber können wir uns wohl unsere Gedanken machen, aber es ist uns doch durchaus dunkel, es kann so gehen, aber auch anders. Wir können und dürfen uns jetzt nicht in Weissagungen ergehen. Das wäre freilich unnütz und phantastisch. Und |50 darum können wir allen Zweiflern und Nörglern und Kritikern unseres Glaubens und unserer Hoffnung nichts antworten, so wie Jesus ihnen auch nichts geantwortet hat. Wir können ihnen nur sagen: ihr seht nicht, was wir sehen, und auf diese Weise, wie ihr es jetzt macht, werdet ihr es nie sehen.

Aber siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch! Ja, das, was kommen will und dem ihr so wenig traut, das ist auch schon da, da in euch selber, ihr müßtet ja keine Menschen sein. Gottes Herrschaft ist kein blaues, fremdes Wunder, wie ihr meint, ihr dürft auch nicht auf ein seltsam ungeheures Ereignis passen, das hereinbrechen müßte wie ein Blitz vom heiteren Himmel. Wenn ihr sie sehen wollt kommen in ihrer Kraft und Herrlichkeit, so müßt ihr sie zuerst da sehen, wo sie schlicht und unsichtbar verborgen wirksam ist. Könnt ihr denn Gott leugnen und seine Liebe, uns zu helfen, und seine Kraft, es hinauszuführen? Nicht wahr, ihr könnt nicht und ihr wollt auch nicht. Es ist keine Seele unter euch, in der nicht in einem stillen, verborgenen Winkelchen die Herrschaft Gottes schon aufgerichtet wäre.

Sieh, hier ist die Quelle des Lebens [vgl. Ps. 36,10] für dich, wenn du gern aus einem Zweifler und Kritiker ein lebendiger Mensch werden möchtest. Mach einmal Ernst mit dem, was du eigentlich ganz gut weißt. Darfst du den Gott, den du so gut kennst, so nebensächlich behandeln? Darfst du dergleichen tun8, als ob er sich gar nicht um uns kümmere? Darfst du ihm so wenig zutrauen, als ob er mit den Hindernissen, die seinem Reich in der Welt entgegenstehen, nicht fertig werden könnte? O, und wenn wir nun einmal anfingen damit, diesem Gott, den wir so gut kennen, wieder mehr zuzutrauen, mehr zu erwarten von ihm, größer von ihm zu denken, dann können wir dem Kommen seines Reiches nicht mehr zuschauen wie einem Schauspiel, das uns nichts anginge. Dieses Reich, das da kommt, ist ja schon in uns. Es ist unsere Sache, um die es sich handelt. In uns selber jubelt etwas dem Großen entgegen, das da draußen kommen will. Gott sagt es in unserer eigenen Seele: ich bin näher gekommen, und nun ist wunderbare Gelegenheit, noch viel mehr von mir zu empfangen. O wenn wir dieser Stimme Gottes in uns selbst einmal Recht geben wollten, gerade jetzt, wo er da draußen so mächtig redet! Dann würden wir ihn auch da draußen ver|51stehen. Würden nicht mehr stehen und zuschauen und fragen: ja, wie und wann kommt es nun?, sondern würden uns ergreifen und mitreißen lassen, würden in der Freude über das, was da zu gewinnen ist, alles Fragen und Kritisieren gänzlich vergessen. Wir wüßten dann nur noch das Eine und wollten nur noch das wissen: das Unsagbare, Unbeschreibbare, die neue Welt Gottes mit ihren Ordnungen der Gerechtigkeit und des Friedens, sie ist wirklich im Nahen, ist jetzt näher als je zuvor. Und jetzt gilt’s, bereit zu sein, um nichts zu versäumen, was Gott uns nun sagen und schenken will. Wir wissen dann nur noch das Eine: nun gilt es zu glauben, denn das ist sicher: wo kein Glaube ist, da wird auch das Gottesreich nie sein, wo aber der Glaube ist, da wird auch das Unmögliche möglich, da kommen die Zeichen und Wunder, nach denen der Pharisäer vergeblich aussieht.

Also wollen wir jetzt aus Zuschauern zu lebendigen Teilnehmern am kommenden Reich Gottes werden. Denn siehe, es ist inwendig in uns. Alles, was es uns bringen kann: den Völkerfrieden und die Völkerbefreiung, die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die Freude und die Seligkeit. Wir können gar nicht anders: wir müssen daran glauben und uns dafür einsetzen. Unsere Seele flieht doch immer wieder zu diesem Reiche, auch wenn wir sie lange gefangen halten wollen mit unserer kalten, ungläubigen Art. Es ist eben die erste und die letzte Wahrheit unseres Lebens, daß Gott uns nicht ein Ferner und Fremder ist, sondern unser Vater und unsere Heimat.

Amen.
Lied:
  • Nr. 241: «Ich will dich lieben, meine Stärke» von J. Scheffler (Angelus Silesius), Strophen 1-3 und (nach der Predigt) Strophen 5, 7 und 8 (= Im GERS [1952] 318 und im EG 400 fehlt jeweils Strophe 7.) 🎵

Sachfußnoten

1
Eigene Übersetzung Barths?↩
2
Vgl. die Predigt über Mk. 1,14f., oben S. 12–22.↩
3
Vgl. Angelus Silesius, Cherubinischer Wandersmann, nach der Ausgabe letzter Hand von 1675 vollständig hrsg. und eingeleitet von W. Bölsche, Jena/ Leipzig 1905 III/90, S. 93 📖:
Blüh auf, gefrorner Christ,
der Mai ist vor der Thür:
Du bleibest ewig tot,
blühst du nicht jetzt und hier.
Diese Verse werden zitiert in dem Kapitel «Der gefrorne Christ» in G. Keller, Der grüne Heinrich (IV. Teil, 12. Kap.; Sämtliche Werke, Bd. I, München 1954, S. 532 📖).↩
4
Vgl. oben S. 35f.↩
5
Vgl. oben S. 12–22.↩
6
= einen Weg zu bahnen.↩
7
Der Gedanke der Vereinigten Staaten von Europa wurde 1915 von einem holländischen Komité «Der europäische Staatenbund», an dessen Spitze Frederik van Eeden stand, propagiert. In der Flugschrift Nr. 2 dieses Komités «An die kriegführenden Mächte» von G. Heymans, abgedruckt unter dem Titel Wie der Andere es meint in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit, Jg. 9 (1915), S. 134–142 📖, heißt es: «Überall und nur dort, wo sich Staaten zu einer Rechtsgemeinschaft verbunden haben, haben dieselben ihr gegenseitiges Mißtrauen aufgegeben und das Kriegführen eingestellt; nur wenn sich alle Kulturstaaten zu einer Rechtsgemeinschaft verbinden, wird zwischen denselben alles Mißtrauen ausgeschlossen und eine dauernder Friede gesichert sein» (S. 141). Vgl. auch U. W. Züricher, Patriotismus, in: Neue Wege, Jg. 8 (1914), S. 502–512 📖: «Warum sollte nicht der schweizerische Bundespräsident mit einem gut begründeten, klaren, weitblickenden, phrasenlosen und warmherzigen Vorschlag an sämtliche europäische Regierungen gelangen, einem Vorschlag, der nicht nur den Frieden bezweckt, sondern ohne weiteres den europäischen Staatenbund, die europäische Union?» (S. 512).↩
8
= so tun.↩