1924

Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt

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MENSCHENWORT UND GOTTESWORT
IN DER CHRISTLICHEN PREDIGT

1924

1. Königsberg 25. November 1924

In einem Brief vom 6. Oktober 19241 an Barth teilte der Königsberger Konsistorialrat Ankermann mit: «Namens des Moderamens der Königsberger Pastoralkonferenz habe ich Ihnen die ergebenste Bitte vorzutragen, uns bei unserer Tagung im Verlauf der Königsberger Festwoihe am Dienstag, den 25. November, einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, etwa über das Thema: Die Botschaft vom lebendigen Gott für die Gegenwart … Selbstverständlich stellen wir Ihnen die Formulierung Ihres Themas völlig anheim … Versagen Sie sich uns in unserem fernen Osten nicht, sehr verehrter Herr Professor! Wir wären bereit, um die Reise nach hier lohnend zu machen, Herr Generalsuperintendenten D. Kalweit2 in Danzig von Ihrem Kommen in Kenntnis zu setzen: Sie wären sicher auch in Danzig mit einem Vortrag über dasselbe oder ein ähnliches Thema herzlich willkommen.»3 Barth sagte offenbar – ohne sich schon auf ein Thema festzulegen – umgehend zu.4

Erste Arbeiten an dem Vortrag erwähnte Barth in einem Brief an Thurneysen vom 20. Oktober5: «Was ich in Königsberg über ‹Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt› (so formulierte ich schließlich) sagen will, ist mir auch noch dunkel, obwohl ich gestern den ganzen Tag darüber brütete und obwohl es sich doch nur um eine Zusammenfassung meiner Prolegomena6 handeln kann.» Noch am 23. No|427vember war der Vortrag «erst zur Hälfte fertig, und ich mußte den übrigen Sonntag in fieberhafter Arbeit zubringen bis gegen Mitternacht, um dann morgens 3 Uhr schlaftrunken zur Bahn zu stürzen»; erst «während der Fahrt durch die Mark Brandenburg» kam es zur «Aufzeichnung des letzten Abschnittes»7.

Barth wurde auf seiner Reise begleitet von stud. theol. Artur Mettler8. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin, den er u. a. verwendete auf eine «zweistündige scharfe Überarbeitung meines Vortrages in einem Café unter den Linden»9, ging es am Abend des 24. weiter mit dem «Ostexpreß, der uns in zwölfstündiger Fahrt … morgens 7 Uhr in Königsberg absetzte»10.

Barths Vortrag war auf vormittags 9 Uhr angesetzt. «Die ostpreußische Pfarrerschaft sei so zahlreich wie seit Menschengedenken noch nie eingetroffen, sagte man mir»11: «150–200 Pastoren mit Generalsuperintendent, Superintendenten und Professoren»12, aber auch «Studenten, lernbegierige Töchter usf. wie überall»13. Hier begegnete Barth erstmals Hans-Joachim Iwand14. – Den Zuhörern lag ein gedrucktes Blatt mit den sechs im Vortrag entfalteten Thesen vor.15 Die anschließende Diskussion «wurde fast nur von den großen Tieren der Provinz benützt: |428 Generalsuperintendent, Konsistorialräte, Studiendirektor des Seminars, Fakultät»16. «Ich redete dann noch einmal eine halbe Stunde schlußvotierend in Bildern und Gleichnissen (Kinderschaukel, um die es sich hier nicht handle und dergleichen!) …»17 – Am Nachmittag «gabs am andern Ende der Stadt noch eine große Aktion mit den Theologiestudenten, die bei der dortigen Fakultät auf ziemlich schmale Kost gesetzt sind und mit denen ich die Thesen einfach noch einmal durchnahm, bis wenigstens die Hauptbegriffe saßen.»18 Am folgenden Tag, dem 26. November, ging es |429 dann morgens von Pillau aus in vierstündiger Schiffsfahrt nach Danzig.19

2. Danzig, 26. November 1924

Auf diesen Tag hatte Pastor F. Reimer aus Danzig in einem Brief vom 5. November 192420 Barth eingeladen: «Herr Pfarrer Ankermann in Königsberg schreibt mir, daß Sie auf der Königsberger Festwoche einen Vortrag halten und evt. bereit sein würden, diesen Vortrag bei uns in Danzig zu wiederholen. Ich habe Herrn Pfarrer Ankermann darauf geantwortet, daß wir uns außerordentlich freuen würden [,] Sie bei uns begrüßen zu können und den Vortrag zu hören … Wir haben hier in Danzig einen ‹Theologischen Verein›, unter dessen Auspicien der Vortragsabend von statten gehen würde. Wir würden die Theologen Danzigs und der Umgebung, einschließlich der Religionslehrer, dazu einladen. Unser Generalsuperintendent, Herr D. Dr. Kalweit, interessiert sich ganz besonders für die Veranstaltung.» In dessen Hause war Barth dann auch zu Gast. Am Abend des 26. wiederholte Barth «in der Sakristei einer alten Kirche [= Bartholomäikirche] vor etwa 40–50 Pfarrern und Religionslehrern»21 seinen Königsberger Vortrag. Im Anschluß fand eine Diskussion statt.22 In einem Brief vom 14. Dezember23 teilte Kal|430weit dem Referenten mit: «Sie können überzeugt sein, daß Sie hier viel Verständnis gefunden und viele Freunde gewonnen haben. Wenn es nicht zu einer lebhaften Aussprache kam, so lag das nicht an innerer Ablehnung, sondern an tiefer Ergriffenheit.»24

Menschenwort und Gotteswort
in der christlichen Predigt

I.

Die christliche Predigt geschieht in der Voraussetzung, daß Gottes in seiner Offenbarung gesprochenes und in der Schrift bezeugtes Wort unter Dienstleistung der Kirche auch heute sich hören lassen will.

Unsre altprotestantischen Väter lebten der Auffassung, daß das, was in der christlichen Predigt verkündigt und vernommen werde, nicht mehr und nicht weniger als Gottes Wort sei: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei. Proinde cum hodie hoc Dei verbum (nämlich das in der Schrift bezeugte) per praedicatores … annunciatur in ecclesia, credimus ipsum Dei verbum annunciari, et a fidelibus recipi», schreibt Bullinger im 1. Kapitel der Conf. Helv. Post.a Und ihm sekundiert der Lutheraner |431 Joh. Gerhard: «Unum idemque Dei verbum est, sive praedicationis sive scriptionis modo nobis innotescat.»b Es wäre gewiß reizvoll, der historischen Umstände zu gedenken, unter denen diese These damals aufgestellt worden ist. Bei Bullinger z. B. kann kein Zweifel bestehen, daß sie zunächst die Gegenthese war zu der täuferischen Lehre, daß Gott, nachdem er in der Schrift einmal äußerlich gesprochen, dem Menschen der Folgezeit nicht ohne die Schrift, aber im übrigen durch sein direkt in das Herz des Einzelnen gesprochenes inneres Wort sich mitteile. Aber alle derartigen Reminiszenzen könnten uns doch die Frage nicht ersparen und nicht erleichtern, ob diese These mit ihrer merkwürdigen Identifikation von Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt, wie sie auch entstanden sein möge, nicht Ausdruck eines Sachverhalts ist, ohne den das Faktum der christlichen Predigt (in unsrer protestantischen Kirche ganz besonders) in sich unbegreiflich und sinnlos wäre, 120 auf dessen Boden wir alle als christliche, als protestantische Theologen also schon stehen, ganz einerlei, wie wir uns zu jener These stellen mögen. Daß dem so sei, das ist die Behauptung meines ersten Leitsatzes. Ich erinnere zunächst an folgendes: Die Reformation hat es gewagt, das Verhältnis von Sakrament und Predigt umzukehren. Genau auf dem Höhepunkt des christlichen Gottesdienstes, auf dem in der katholischen Kirche die eucharistische Wandlung vollzogen wird, wird im Protestantismus gepredigt. Genau den ernsten, beziehungsvollen, aber gegenüber dem eigentlichen kirchlichen Zentrum dogmatisch und kultisch unverkennbar nur supplementären Charakter, den dort die Predigt hat, haben bei uns die Sakramente. Was bedeutet diese Umkehrung? Bedenken wir, daß die katholische Kirche das Sakrament definiert als «res sensibus subjecta, quae ex Dei institutione sanctitatis et justitiae tum significandae tum efficiendae vim habet»c, und daß nach katholischer Lehre die Bedeutung speziell des Altarsakraments vor den übrigen darin besteht, daß in ihm «nicht nur die göttliche Gnade enthalten ist, sondern der Ur|432heber der Gnade selbst»d. Wenn nun die Meinung bei jener reformatorischen Umkehrung sicher nicht die gewesen ist, mit der jetzt in das kirchliche Zentrum rückenden Schriftauslegung dieses Zentrum von jener «vis sanctitatis et justitiae significandae et efficiendae», von jener Gegenwart des Urhebers aller Gnade zu entblößen, etwas Minderwertiges in das kirchliche Zentrum zu stellen – im Gegenteil! –, dann ist offenbar der Satz: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei» gerade für die protestantische Kirche sinnvoll und notwendig.

Eine zweite Erwägung führt uns zu demselben Ergebnis: Die Predigt ist auf alle Fälle, wie stark man auch ihren Charakter als Darstellung menschlicher Glaubenserfahrung und Gewissensüberzeugtheit betonen mag, das Wagnis, von Gott zu reden als von einer gegenständlichen Realität. Wenn die Kirche das nicht tun wollte, könnte sie von Gott nur schweigen, eventuell lallen oder musizieren. Sie wagt es aber, von Gott zu reden. Das ist ein unmögliches Unternehmen. Kants Vernunftkritike ist in dieser Beziehung nur die negative Näherbestimmung dessen, was schon Ex. 3[,14] zu lesen steht: Gott offenbart seinen Namen, indem er ihn verhüllt. «Ich bin, der ich bin!» Auch der scheinbar nur als Gegenfüßler Kants zu verstehende Thomas von Aquino, auch unsre wegen ihrer allzu großen Metaphysikfreudigkeit oft verdächtigten altprotestantischen Orthodoxen haben, wenn nicht alles 121 täuscht, sogar prinzipieller als wir, gewußt, Gott ist incomprehensibilis29, auch in seiner Of|433fenbarung, gerade in seiner Offenbarung. Von ihm reden als von einer gegenständlichen Realität, als von einem Er – von ihm, dem unaufhebbaren Ich! –, das ist gerade angesichts der Krippe zu Bethlehem, gerade angesichts des Kreuzes von Golgatha, auf die Luther so oft und mit Recht verwiesen hat, ein unerhörtes Paradox. Dieses Paradox wagt die Kirche. Und die protestantische Kirche wagt es – wahrhaftig, das Mysterium ist zum mindesten nicht kleiner als das der eucharistischen Wandlung –, dieses Paradox in das kirchliche Zentrum zu rücken. Wenn dieses Wagnis keine Tollheit ist und kein Frevel, wenn es auf einer sinnvollen Voraussetzung beruht, kann es dann eine andre sein als die, daß es uns geboten ist, von Gott zu reden, weil Gott sich offenbart hat, und zwar «in Windeln gewickelt» [Lk. 2,12], – man erlaube mir eine kleine, übrigens nicht neue Allegorese30 – in die Hülle der Objektivität, die es uns erlaubt, ja die es kategorisch von uns verlangt, von ihm zu reden, daß also zwischen unserm Er und seinem Ich, zwischen unserm Reden von ihm und über ihn und seinem eigenen Reden von sich selbst eine höchst indirekte, aber höchst wahre, höchst notwendige Identität besteht: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei»?

Versuchen wir es, noch einer dritten Spur zu folgen. Die Predigt ist Rede von Gott, aber Anrede, Rede ad hominem. Sie versetzt den Hörer in eine sehr bedenkliche, sehr kritische Situation. Sie beansprucht, ihm Antwort zu geben auf eine Frage, die sie selbst erst ihm zur Frage macht. Sie deckt seine verschwiegenste Not auf und nennt sie Gericht. Sie bietet ihm Gnade an, eine Errettungsmöglichkeit, die notwendig außerhalb seines Gesichtskreises liegt. Sie verkündigt ihm den vor der Tür stehenden Sieger und Sieg über den Zwiespalt seiner Existenz, vielleicht in dem Augenblick, wo er sich eben mit diesem Zwiespalt als der notwendigen Grenze der Menschheit31 abgefunden, wer weiß, sogar in aufrichtiger Frömmigkeit abgefunden hatte. Sie fordert Entscheidung von ihm. Sie |434 verlangt Glauben und Gehorsam. Im Namen Gottes und für Gott, gewiß, aber von Mann zu Mann, ein Sünder und Sterblicher von seinesgleichen. Und sie kann sich, wenn sie kein faules Salz [vgl. Mt. 5,13] ist, nicht damit begnügen, Gewissensforschung und Gesinnungspflege zu treiben, obwohl schon das kühn genug ist; sie wagt es, muß es wagen, die Zeichen der Zeit zu deuten, die Könige so gut wie die Massen vor das ewige Gesetz zu stellen, prophetisches Wort an die Zeit und zur Lage zu sein. Vor das Gesetz Gottes die Gesellschaft zu stellen, ja, aber in Menschenworten, mit allen Gefahren menschlicher Leidenschaft, Kurzsichtigkeit und Un122gerechtigkeit, von denen solche umgeben sind. Und nun dieses Amt nicht als Beruf und Vorzug Einzelner, sondern als Institut, als Amt, das die Person tragen soll und nicht umgekehrt! Daß die Täufer, gegen die Bullinger jenes Wort schrieb, und mit ihnen die Mystiker aller Zeiten gegen die Annahme eines «verbum divinum externum»32, gegen die Möglichkeit solch aktueller Anrede im Namen Gottes von Mann zu Mann sich sträubten, daß sie das höchstens in Fällen besonderer direkter Inspiration, aber gerade nicht als kirchliches Institut gelten lassen wollten, wer würde das nicht verstehen? Wehe uns, wenn es uns selbstverständlich wäre! Die kirchliche Predigt aber ist das Amt dieser höchst kritischen Anrede ad hominem. Wenn wir das nicht mehr wollten mit der Predigt, sollten wir zusammenpacken und gehen. Wie aber sollen wir den maßlosen Anspruch, den wir damit erheben, auch nur vor uns selbst rechtfertigen? Welche noch so tiefe Überzeugung, welches noch so hohe Erlebnis, welches noch so ausgebreitete Theologiestudium gibt uns die Legitimation, uns so redend zwischen Gott und unsere Mitmenschen zu stellen? Woher dieses Amt? Ist nicht auch in dieser Hinsicht das Faktum der christlichen Predigt in sich sinnlos und unbegreiflich – ethisch unmöglich, wäre jetzt zu sagen – ohne jene Voraussetzung, daß es sich in dem Menschenwort, das hier geredet werden soll und muß, um Gottes eigenes Wort handelt, der solches zu tun allein das Recht hat, weil er Gott ist, der aber solches nun einmal nicht ohne uns tun will? Und bleibt uns dann, wenn wir die christliche Predigt wollen, etwas Anderes übrig, als uns resolut auf den Boden dieser Voraussetzung zu stellen?

435 Von einigen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, soll heute die Rede sein. Aber es wird zur Klarheit auch des Folgenden nützlich sein, wenn wir noch einen Augenblick bei der Voraussetzung selbst, bei den verschiedenen Momenten, aus denen sie sich zusammensetzt, stehen bleiben. Zweierlei scheint mir hier entscheidend:

Erstlich: Die christliche Kirche wagt es, von Gott zu reden, weil sie ihn selbst reden zu hören meint, weil sie sich selbst von ihm angeredet weiß. Anrede Gottes, Wort Gottes! Wie man sich auch zu diesem Begriff stellen mag, alles kommt zunächst darauf an, daß man sich klar macht: was die Kirche damit meint, ist etwas Spezifisches, Unvergleichliches, eine Kategorie für sich. Wer das biblische «Und Gott sprach …», das hier letztlich gemeint ist, unter einen Begriff zusammenfaßt mit den Theophanien und Inspirationen der Religionswelt, mit der philosophischen Idee der Grenze, des Ursprungs oder des Dings an sich, mit der Lehre, der ethischen Quintessenz oder dem gefühlsmäßig erlauschten lebendigen Pulsschlag der allgemeinen Geschichte, mit der 123 Stimme der Natur oder mit der Stimme des eigenen Herzens oder Gewissens, der tut damit etwas Erlaubtes, unter einem bestimmten wissenschaftlichen und menschlichen Gesichtspunkt sogar Notwendiges; er meint, wenn er den Inbegriff aller dieser Worte das «Wort Gottes» nennt, u. U. etwas sehr Tiefsinniges; er meint aber unter allen Umständen nicht das, was die Kirche damit meint, nicht das Wort, das, wenn er ein Christ ist, in der Taufe auch zu ihm gesagt ist. Daß es zu ihm gesagt ist, das ist das kategorial Verschiedene dieses Wortes, das er sofort übersieht, sobald er sich betrachtend und verallgemeinernd danebenstellt. Was von Gott zu mir gesagt ist, das kann ich nicht mit Anderm, das gewiß (von irgendwem zu irgendjemandem) auch gesagt ist, in eine Reihe stellen, auch nicht an die höchste Stelle einer Reihe. Sonst ist es eben nicht von Gott, nicht zu mir, nicht gesagt. Was von Gott zu mir gesagt ist, das ist eo ipso behaftend, in Anspruch, in Beschlag nehmend, Diskussion und Widerspruch, ja schon Vergleich und objektive Betrachtung ausschließend. Alle Gründe, mit denen wir uns klar machen können, inwiefern das Wort Gottes im Vergleich zu andern Worten den Vorzug verdient, können nur Gründe a posteriori sein. Gottes Wort begründet seine Geltung selbst, indem es von ihm zu mir gesprochen wird. Ein Warum? und ein Darum ist hier ausgeschlossen. Sonst ist es nicht Gottes Wort. Ich kann versagen, ich kann verleugnen, ich kann den Gehorsam verweigern; |436 aber ich kann nicht in Abrede stellen, daß der Begriff «Wort Gottes» diese kategoriale Eigenart hat. So beschaffen ist das Wort, das in der Taufe an den Menschen gerichtet wird, die Anrede Gottes, die die christliche Kirche zu hören meint. Es ist nicht ein allgemeines wahrzunehmendes oder auch nicht wahrzunehmendes göttliches Tönen und Klingen, Leben, Weben und Sein [vgl. Act. 17,28], von dem der Mensch als solcher umgeben wäre, sondern ein bestimmtes Wort, so einig und bestimmt, wie seine eigene Existenz, durch das er – es handelt sich um ein Ereignis – zur Rede gestellt ist. Nur das Ärgernis ist möglich gegenüber dem Worte Gottes oder der Glaube, der Gehorsam oder eben die Empörung. Ein Wort, demgegenüber eine andere Haltung möglich ist, ist jedenfalls nicht das Wort Gottes.

Kirche ist die Gemeinschaft in diesem bestimmten Von-Gott-Angeredet-und -zur-Rede-Gestellt-Sein. In diesem Sinn nennt sie die Bibel Gottes Wort. Hier, an dieser Stelle des unbegrenzten Feldes der Möglichkeiten, in den Runen dieser Partikel antiker Religions- und Literaturgeschichte meint sie Gott reden zu hören. Warum gerade hier? Die Frage ist begreiflich, menschlich, aber sie ist, christlich betrachtet, ein Denkfehler, absolut unsachlich. Die sachliche Antwort 124 kann, so hart das klingen mag, allein lauten: die Bibel ist Gottes Wort, weil sie es ist. Gewiß, dieses «ist», der Vorzug der Bibel vor den Upanishaden oder vor dem Koran oder vor Goethes Faust, läßt sich nachträglich mehr oder weniger einleuchtend erläutern. Aber nicht diese möglichen Erläuterungen, also z. B. nicht die Einzigartigkeit des Urchristentums innerhalb der hellenistischen Religionsgeschichte, auf die der Historiker X im Gegensatz zu den Historikern Y und Z seinen klugen Finger legen kann, nicht das ethisch Bezwingende, das ein spezifisch abendländisch bzw. deutsch eingestelltes Gewissen von seinem Standpunkt aus ganz mit Recht in seiner mit Auswahl gelesenen Bibel entdeckt haben mag, auch nicht der vielberedete unmittelbare Eindruck der «historischen Persönlichkeit» Jesu, wie sie, nie ohne allerlei Willkür, hinter den biblischen Texten eruiert worden ist – nicht derartige nachträgliche Feststellungen, denen mindestens das Fragezeichen früher oder später doch zu folgen pflegt, sind der Grund des Satzes, daß die Bibel Gottes Wort ist. Das alles sind bestenfalls Überzeugungen. Und was sich auf Überzeugungen gründen läßt, das sind Sekten. Wir reden aber hier von dem, worauf sich die christliche Kirche begründet. Hat der Protestantismus |437 es gewagt, auch an dieser Stelle einen katholischen Satz33 umzukehren und die Autorität der Kirche auf die Autorität der Bibel zu begründen, so wird er hoffentlich christlichen Takt genug besitzen, um einzusehen, daß es doch einfach nicht geht, die Autorität der Bibel auf ein aus Luthertum und Idealismus wunderlich gemischtes Normsystem oder ähnliche moderne Velleitäten zu begründen. Nein, jener Satz: die Bibel ist Gottes Wort! gilt, und das ist der Grund, auf den die christliche Kirche sich gründet, weil es Gott gefallen hat, durch die Bibel zu uns zu reden. Was die Kirche zu hören meint und was sie danach zum Reden veranlaßt, das ist nicht eine Überredung, sondern ein Befehl. Was Luther in Marburg Zwingli entgegenschleuderte, war sachlich ganz richtig und Zwingli gegenüber nicht ganz unangebracht: «Wenn der Herr mir Holzöpfel fürleite und hieße es mich nehmen und essen, sollt ich nit fragen: warum?«f Das bedeutet nicht die Proklamierung des «credo, quia absurdum»35, wohl aber des «credo, ut intelligam»36, der Unumkehrbarkeit dieser Reihenfolge. Kein, auch kein ethisches intelligere kann dem credo vorangehen.37 Es ist primär, oder es ist nicht credo. Was die Kirche zu hören meint, das ist das Wort Gottes in der Hülle, in der Verborgenheit des Propheten- und Apostelwortes. In der Tat: was Gott uns «fürleit» als sein Wort, das ist dem nicht-sehenden 125 Auge so etwas wie Holzäpfel: Menschenworte, die keineswegs Offenbarung sind, nur |438 Zeugnis von der Offenbarung sein wollen. Unsichtbar hinter ihnen steht das «Deus dixit»38 selber, von dem sie zeugen. «Literae, verba caro sunt», schrieb wieder Bullingerg, und noch an der Schwelle des 17. Jahrhunderts Barth. Keckermann: «Libri canonici sunt medium, quo Deus naturam, voluntatem, gratiam suam nobis cognoscendam dedit»h. Es war der Anfang vom Ende, der Anfang der neuprotestantischen Theologie, die von der Kategorie «Wort Gottes» nichts mehr weiß, als man im 17. Jahrhundert durch Aufrichtung der Verbalinspirationslehre die Schranke zwischen Schrift und Offenbarung niederriß, einen an sich und unmittelbar heiligen Buchstaben aufrichtete und damit die Verborgenheit des Wortes Gottes, das man zu hören meinte, leugnete, indem man es zu einer öffentlichen, direkten, auf dem Papier nachweisbaren Sache machte. Kein Wunder, daß man bald darauf das Wort Gottes gar nicht mehr vernahm. Wort Gottes an uns kann es nicht anders geben als in der Verborgenheit wirklichen, echten, nicht bloß soufflierten oder diktierten, sondern von unsereins gedachten, geformten und ausgesprochenen Menschenwortes. Als solches tritt es an uns heran, eine Objektivität, verständlich, aber auch mißverständlich, deutlich, aber auch zweideutig, ein Paradox, das sich auftun muß, das eingesehen sein will, und darum und so eben als Befehl an uns, als Aufforderung zum Glaubensgehorsam, zur ὑπακοὴ πίστεως [Röm. 1,5; 16,26], die keinen, gar keinen andern Grund hat und kennt als die Erkenntnis, daß es Gott gefällt, durch das Menschenwort, das nur Zeugnis von ihm sein kann, sich selbst zu verherrlichen, Subjekt zu sein in der Hülle von Objektivität, in der er uns im Propheten- und Apostelwort entgegentritt, entsprechend der andern, noch größern Enthüllung in der Verhüllung, auf die dieses Menschenwort zurückweist: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit [Joh. 1,14]. Wir sahen! Weil es Fleisch ward? Oder obwohl es Fleisch ward? Beides in Einem, ist zu sagen. Beides gehört zu diesem «Wir sahen». Das Sehen selbst aber geht |439 mitten hindurch: Wir sahen, – indem es das Wort war. Genau so steht es auch mit dem Zeugnis von ihm. «Wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des Herrn offenbart?» [Jes. 53,1; vgl. Röm. 10,16], fragen die Propheten und Apostel bis heute. Auf dieselbe Objektivität ihres Menschenwortes können wir reagieren, indem wir Ärgernis nehmen oder indem wir glauben. Calvin gibt auf jene Frage im Namen der christlichen Kirche die 126Antwort: «Summa scripturae probatio a Dei loquentis persona sumitur.»i In diesem Sinn, nicht aus Überzeugung, sondern weil sie Gott die Ehre zu geben nicht unterlassen kann, meint die Kirche in der Bibel sein Wort zu hören.

Das zweite Moment in der Voraussetzung der christlichen Predigt besteht darin, daß die Kirche der Meinung ist, daß das Wort Gottes auch heute, und zwar unter ihrer eigenen Dienstleistung, sich hören lassen wolle. Wir dürfen das Doppelte, das damit gesagt ist, keinen Augenblick voneinander trennen, keinen Augenblick auch es anderswoher verstehen wollen als aus dem eben entwickelten Begriff des Wortes Gottes. Wort Gottes ohne die Gegenwart, ohne den Augenblick des jetzt angeredeten Menschen, Wort Gottes als historische Größe, das wäre ein hölzernes Eisen, das wäre nicht das Wort Gottes. Es müßte wieder eingesehen werden, daß es theologisch ein Denkfehler ist, wenn man von Jesus Christus auch nur einen Augenblick historisch redet, abgesehen von dem Faktum, daß wir auf seinen Namen getauft sind, als ob er nicht bei uns sein wollte alle Tage bis an der Welt Ende [vgl. Mt. 28,20]. Das Ich-und-Du-Verhältnis, in dem das Wort Gottes gesprochen ist, erlaubt uns nicht, dieses Wort auch nur einen Augenblick zu historisieren. Das ist, wenn es geschieht, immer der Bruch des mit Abraham und seinem Geschlecht geschlossenen Bundes. Heute, heute, so ihr seine Stimme höret …! [Hebr. 3,7f.; 4,7]. Dieses Heute ist so unentrinnbar wie die Stimme selbst. Nur in actu, im Augenblick ist sie diese Stimme. Aber das ist nicht alles. Ist das Wort Gottes nur im Augenblick und ist der Augenblick das Angeredetsein von Gott, so haben wir dieses Angeredetsein bereits bezeichnet als ein Zur-Rede-gestellt-Sein. Überzeugungen, Einsichten, Ideen, Erlebnisse kann man verschweigen, und es ist oft wirklich ratsam und kein Schade, wenn das geschieht. Das Wort Gottes kann man nicht verschweigen. «Da dachte ich: Wohlan, ich will sein nicht mehr geden|440ken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennend Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich’s nicht leiden konnte» (Jer. 20,9). Um jenes begeisterte Mitteilen aus der freudigen Fülle inneren Besitzes, wie es einem bei einem Schleiermacher so rätselhaft begegnet, scheint es sich also hier nicht zu handeln, sondern eher um eine Not, aber um eine notwendige Not: «Der Löwe brüllt; wer sollte sich nicht fürchten? Der Herr Herr redet; wer sollte nicht weissagen?» (Amos 3,8). Unaufhaltsame Konsequenz dringt in jenem Akt vom Hören zum Reden, von dem Wort zu den Worten, von dem Befehl zum Glaubensgehorsam zu dem andern Befehl, der doch kein anderer ist, 127 sondern nur seine Ausführungsbestimmung: Gehet hin in alle Welt und prediget …! [Mk. 16,15], von der congregatio electorum zu der ecclesia visibilis mit ihrem ministerium verbi divini, ihrem Dienst am Wort. In der Objektivität des Menschenworts ist das Gotteswort hörbar geworden. In derselben Objektivität will es sich wieder und weiter hören lassen. Hier hat, das Wort ist eben gefallen, die Kirche ihre ratio existendi. Sie ist die Gemeinschaft der Angeredeten, der zur Rede Gestellten. Wo das Wort ist, da ist auch die Kirche. Wenn es keine Kirche gäbe, würde sie sofort entstehen, nein geschaffen werden, weil es das Wort gibt. Sie ist der «mystische Leib» des fleischgewordenen Wortes, wie unsre Alten gesagt haben.41 Aber davon hat schon Paulus geredet: wo dieses Haupt ist, Christus, da ist auch dieser Leib42, und seine Funktion ist es, jenen zu verkündigen, bis daß er kommt [vgl. 1.Kor. 11,26]. Mit der Kirche selbst ist auch das Predigtamt der Kirche – nicht erfunden, und sowenig wie die Kirche selbst naturrechtlich zu begründen, aber eingesetzt durch das Wort selbst zum Dienst am Wort. Begründung ihres Rechtes, das Wort zu «ergreifen» durch ihr Menschenwort? Kann sie eine andere Begründung geben als die unter Furcht und Zittern [vgl. 1.Kor. 2,3 u. ö.] zu gebende eine, daß es so Gottes Wohlgefallen ist? Das ist die andere Seite der Voraussetzung der christlichen Predigt.

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II.

Diese Dienstleistung der Kirche, also die Aufgabe der Predigt als einer menschlichen Rede über Gott, kann nur darin bestehen, Gottes eigenem Wort Aufmerksamkeit, Respekt und sachliches Verständnis zu verschaffen.

Gott spricht: spricht sein ewiges Wort in Jesus Christus, spricht sein Wort für alle Zeiten im Zeugnis der Propheten und Apostel, spricht sein Wort für den Augenblick, und hier soll die Kirche mit ihrem Predigtamt dienend dabei sein. Das ist die Voraussetzung, von der wir kommen und auf der nun weiterzubauen ist. Was heißt «verbi divini ministerium»? Darauf will unsre zweite These zunächst grundsätzlich Antwort geben.

Vor allem ist hier der Ort zu bestimmen, wo dieser Dienst stattfindet. Es ist das eine Wort Gottes, dem dieser Dienst gilt. Aber es ist etwas anderes, ob man Offenbarung sagt oder Schrift oder Predigt. Wir stehen im selben Dienst wie Jesus Christus, wie die Propheten und Apostel. Aber in einem andern Sinn ist unsereiner «Diener» als Paulus, der δοῦλος Ἰησοῦ Xριστοῦ [Röm. 1,1; vgl. Phil. 1,1], in einem ganz andern vollends als der Knecht Gottes, der selbst das Wort ist. Hier sind Distanzen zu beachten, die 128 nicht ungestraft ignoriert werden. Unsre Dienstleistung muß begründet sein in der negativen, aber sehr fruchtbaren Einsicht, daß es sich nie und unter keinen Umständen darum handeln kann, daß wir die Offenbarung an uns reißen, das ewige Wort sprechen, das «Deus dixit», das die Propheten und Apostel vernommen haben, wiederholen wollen. Es ist gesprochen und so, als das, das gesprochen ist, muß es weiter sprechen. Dienst verlangt Disziplin, und Disziplin verlangt Subordination. Es kann nur zu Katastrophen führen, wenn der Diener am Predigtwort sich eingestandener- oder uneingestandenermaßen vermißt, zu sein und zu tun, was nur einem zukommt; das Wort muß in völliger prinzipieller Einsamkeit und Einzigartigkeit für sich stehen, sonst wird der Dienst der Kirche zur Empörung. Nicht dieselbe, aber eine ebenso prinzipielle Distanz besteht und ist zu beachten zwischen Predigt und Bibel. Der Eintritt des ursprünglichen, unmittelbaren Wortes in die Geschichte, als Schriftwort, ist in seiner Weise auch etwas kategorial Einzigartiges. Das ist bezeichnet durch den durchaus zu Recht bestehenden Begriff des Kanons. Es war kein glücklicher Ge|442danke von H. Stephanj, Luther in aller Form unter die Propheten zu versetzen, wie es überhaupt eine von den vielen modernen Taktlosigkeiten ist, daß man auf den Gedanken hat kommen können, den Unterschied zwischen dem Zeugnis der Schrift und dem durch sie veranlaßten Zeugnis der Kirche, zwischen einem Apostel und einem Genie44, zu verwischen, die Bibel, die Geschichte und sich selbst fortwährend in einem Atemzug zu nennen. Dienst heißt Gehorsam: Gehorsam gegen Gottes Befehl, der uns überbracht wird. Die Überbringer sind die Propheten und Apostel mit ihrem Wort. Daran haben wir uns zu halten.

Sodann, zweitens, haben wir unsre eigene Situation und ihre Möglichkeiten ins Auge zu fassen, wiederum mit dem Resultat einiger negativer Feststellungen (negativ voll heimlicher Positivität!). Was bedeutet das: die Predigt ist Gottes Wort? Entweder eine fromme Hyperbel, eine liturgische Formel, die man nicht pressen, d. h. nicht ernst nehmen darf, oder also dieselbe unerhörte strenge und gnädige Gotteswirklichkeit, die wir meinen, wenn wir Offenbarung und wenn wir Heilige Schrift sagen. Gerade dann kann es offenbar keine theologische Überheblichkeit bedeuten. Der Pfarrer ist schlecht und recht der Pfarrer mit seinem Menschenwort, wie auch Jesaja und Paulus schlecht und recht Jesaja und Paulus waren, er so wenig wie sie eine Weidenflöte des Hl. Geistes45. Ja noch höher hinauf: die ehrliche, echte, irdische Menschlichkeit unsres Dienstes in der Predigt darf so wenig geleugnet werden wie die menschliche Natur 129 Christi in der Offenbarung. Das Wort Gottes ist auch in der Gegenwart in der Verborgenheit. Wir können nur Menschenworte reden, und das ist in der Ordnung so. Wir sollen Menschenworte reden als solche, die Gottes Wort gehört haben und wissen, daß Gott selber wieder und weiter sein Wort sprechen will. Damit ist die |443 Grenze und die Aufgabe unsres Dienstes gegeben. Die Grenze: er kann auf keinen Fall darin bestehen, daß wir Gott selbst auf den Plan führen, das Wort Gottes selbst sprechen wollen. Das Wort Gottes geht nicht über unsre Lippen; es ist und bleibt immer Gottes eigenes Wort. Seine Gedanken sind nicht unsre Gedanken [vgl. Jes. 55,8], auch nicht in den Augenblicken unsrer höchsten Bereitschaft, Aufgeschlossenheit und Begeisterung, auch dann nicht, wenn wir wörtlich die Bibel zitieren; denn auch im Bibelzitat ist das Wort Gottes in der Verborgenheit. Es bleibt bei der Verlegenheit, in die uns die Aufgabe der Predigt gerade dann versetzen muß, wenn wir wissen, um was es geht. Wer nicht lieber nicht predigen würde (man denke an Mose [vgl. Ex. 4,10. 13], Jesaja [vgl. Jes. 6,5], Jeremia [vgl. Jer. 1,6], Jona [vgl. Jona 1,3]), der hat vielleicht die Situation noch nicht verstanden. Es bleibt bei jenen eingangs geschilderten Unmöglichkeiten: wir sollen über Gott reden, wo wir doch wissen müssen, daß man «über» Gott gar nicht reden kann, wo doch der Anspruch, mit dem wir damit auftreten, unsern Mitmenschen gegenüber ganz unerträglich ist. Im Alten Testament wird das Wort des Herrn häufig eine «Last» genannt.46 Das ist es, vor allem und zuerst für den, der es ausrichten soll. Menschlich geredet können wir unter der Last des «ministerium verbi divini» jeden Augenblick nur zusammenbrechen. Was uns hält, ist exklusiv die Tatsache, daß es uns befohlen, von Gott befohlen ist. Aber diese Tatsache ist verborgen, und so sind wir in den Augen scharfblickender Mitmenschen und gewiß auch in unsern eigenen Augen fort und fort Zusammenbrechende, von allen Seiten Umzingelte, unmittelbar vor der Kapitulation Stehende. Uns selber das größte Wunder, ist ein kleiner Mut zum Weiterfahren, gerade genug zum Leben, jeden Morgen wieder da, wie das Öl im Krug der Witwe von Zarpath [vgl. 1.Kön. 17,8–16]. Das ist kein leidiger Übelstand unsres Dienstes. Das kann und das soll nicht «überwunden» werden47. Da gibt es kein tröstliches «Andrerseits», mit dem wir der damit verbundenen Unannehmlichkeit wieder entrinnen könnten. Das ist die Situation, in der wir begreifen müssen, was wir sollenk. In diesem Gedränge, an |444 dieser Grenze wird unsre Aufgabe sichtbar: Wir können Gottes eigenes Wort nicht ersetzen durch unser Wort, 130 wohl aber verkündigen, d. h. Kunde von ihm geben, annuntiare, κηρύσσειν, seine Herolde oder Vorläufer sein. Dazu scheint Gott den Dienst der Kirche zu beanspruchen. In diesem Sinn will er sein Wort, das er selbst spricht, doch nicht ohne uns sprechen. Wir können, und das ist die Aufgabe der Kirche, kundtun, daß es so etwas wie Gottes Wort an den Menschen gibt. Wir können mit unsern Menschenworten den Versuch machen, um das verborgene Wort herum eine Zone von «Aufmerksamkeit, Respekt und sachlichem Verständnis» zu schaffen, wie ich in der These sage, innerhalb der menschlichen Gedanken sozusagen einen Raum zu schaffen, oder sagen wir noch bescheidener: abzustecken, warnende, verheißende, bedeutungsvolle Zeichen aufzurichten aller Welt zum Zeugnis, Zeichen, an denen sie wenigstens nicht vorbei sehen, die sie nicht ohne Weiteres mit andern Zeichen verwechseln, deren kategorialen Sinn sie nicht verkennen kann, auch wenn sie den König, der da verkündigt wird, selbst nicht erkennt oder verleugnet. Das zu tun, liegt im Bereich menschlicher Möglichkeit; ist es doch nichts anderes als die Demonstration, durch die die Kirche sich als Kirche, d. h. als die Gemeinschaft der Angeredeten und zur Rede Gestellten betätigt. Es ist die Linie Johannes des Täufers, auf der die Kirche steht. Was sie tun kann und soll, ist das Zeigen seines ausgereckten Fingers49: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt! [Joh. 1,29]. Verkündigung, Ankündigung in diesem Sinn war auch die Predigt der Apostel, ja noch mehr: auch die |445 menschliche Predigt Jesu Christi selbst. Über das: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, ἤγγικεν [Mk. 1,15] geht das Menschenwort auch in diesem Mund nicht hinaus. Das ist die Verborgenheit des Gotteswortes. Ihm in seiner Verborgenheit und darum ihrerseits in dieser höchst aktiven, höchst verantwortungsvollen, höchst dringlich redenden Zurückhaltung hat die Predigt als Menschenwort zu dienen. Bereitet dem Herrn den Weg! [Mt. 3,3]. Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch! [Ps. 24,7. 9]. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! [Mt. 21,9]. Das kann, das soll dieses Menschenwort sagen. Mehr als das soll es nicht wollen. Mehr wäre weniger. Deo soli gloria!

III.

Die Predigt wendet sich an den Menschen als an den Gefangenen Gottes, der nach Gott fragen muß und nach Gott nur fragen kann.

Das Wort Gottes richtet sich an den Menschen. Von dieser zweiten Seite des Problems ist nun zu reden. Auch die Predigt wendet sich an den Menschen. Aber es gilt große Vorsicht zu üben, wenn man dazu übergeht, ihren Begriff nun auch von daher zu be131stimmen. Sie ist «ministerium verbi divini», Gottesdienst, auch indem sie sich an den Menschen wendet. Gottesdienst wird damit nicht zum Menschendienst, auch nicht teilweise. Er bleibt ganz und exklusiv Gottesdienst. Die christliche Predigt kann sich unmöglich die verschiedenen Anliegen des Menschen zu eigen machen, nicht weil sie sie nicht kennte, nicht weil sie sie verachtete, nicht als ob der Prediger sie nicht in seinem eigenen Herzen trüge, sondern weil die Predigt ihr eigenes Anliegen an den Menschen hat. Sie kann und darf ihm nicht «aus dem Herzen» reden, weder aus seinem gebildeten, noch aus seinem bürgerlichen, noch aus seinem proletarischen, noch aus seinem deutschen oder französischen, noch sogar aus seinem frommen Herzen. Sie hat ihm ins Herz zu reden, und das ist zweierlei. Es kann menschlich sehr gut gemeint, es kann ethisch sehr schön zu begründen sein, wenn die Kirche sich dazu hergibt, wenigstens teilweise auch eine Anstalt zur Pflege der im besten Sinn höchsten menschlichen Güter zu sein, wenn sie sich also z. B., wie während des Krieges in allen Ländern geschehen, mit dem ganzen ernsten Pathos des Gesetzes und des Evangeliums für das einsetzt, was der eigene kämpfende Staat will. Aber hier lauert der Verrat am Worte Gottes. Die ka|446tholische Kirche weiß trotz alles raffinierten Menschendienstes, den es auch dort gibt, relativ mehr als wir von jener leidenschaftlich-einseitigexklusiven Parteinahme für Gottes Angelegenheiten, die für die christliche Kirche einfach konstitutiv ist. Sie beschäftigt sich viel primitiver, kann man sagen, aber vielleicht gerade darum viel reinlicher als wir einfach mit dem ewigen Heil des Menschen und darin denn doch mit dem Anliegen Gottes an ihn. Gerade darum vielleicht fühlen so viele gerade moderne Menschen sich von ihr so viel besser verstanden als von uns. Steht es nicht so, daß die Kirche den Menschen, an den sie sich wendet, am besten versteht, wenn sie nicht ihn verstehen will, sondern das an ihn gerichtete ewige, in die Zeit eingegangene, in der Gegenwart lebendige Gotteswort – und von da aus dann, unter dem einen Aspekt, daß dieses Wort zu ihm gesprochen ist, auch ihn, den Menschen? Was ist der Mensch unter der Voraussetzung – «daß du sein gedenkest!» [Ps. 8,5], daß es so etwas gibt wie Gottes Wort an den Menschen? Offenbar wird er unter dieser Voraussetzung verstanden als bedürftig, als harrend der in diesem Worte gegebenen Antwort, als Fragender. Indem Gott ihn anredet, anerkennt er ihn in dieser Bedürftigkeit, als einen, der nach ihm fragen muß. Freilich nur fragen kann. Er, Gott, gibt ja die Antwort, immer ist sie seine Antwort. Er, Gott, fragt nicht, sondern spricht positiv. Menschenworte werden, so positiv sie klingen mögen, immer nur verhüllte Fragen 132 nach Gott sein können. Aber dieses Fragen, so versteht ja die Kirche ihr eigenes Reden, ist immer schon ein Echo der göttlichen Antwort. In diesem Licht wird sie den Menschen überhaupt verstehen müssen. Sie würde das Wort Gottes selbst schlecht gehört haben, wenn sie nicht, bevor sie den Mund auftut gegenüber den Menschen, mit der Realität ihrer Beziehung zu Gott unbedingt rechnen würde, wenn sie sie als etwas anderes anreden würde denn als Gefangene Gottes, die ihm, wie sie sich auch stellen mögen, auf keinen Fall aus der Schule laufen können. Gott hat gesprochen, also ist der Mensch auf Gott ansprechbar. Diese Voraussetzung in Bezug auf den Menschen bedeutet ein Doppeltes.

Erstlich: die Kirche sieht den Menschen, wie er ist: in der ganzen Zerklüftung seines Wesens zwischen Engel und Tier, in der Not seiner Heimatlosigkeit, die ihm nicht nur anhaftet, sondern die ihm, dem Kind Adams, die Not seiner Existenz ist, in seiner unendlich sich häufenden Schuld, dadurch begangen, daß er in Freiheit immer wieder tut, was |447 Adam tat, sein will wie Gott [vgl. Gen. 3,5], statt sich zu bescheiden, der Mensch zu sein, in seinem endgültigen Verhaftetsein in diese Situation, aus der er sich mit keinem Werk, keinem Aufschwung, keinem Glauben lösen kann. Aber auf das alles redet ihn die christliche Predigt nicht an. Sie hat nicht das Amt, die Verdammnis, sondern die Versöhnung zu verkündigen [vgl. 2.Kor. 3,9; 5,18]. Sie sieht alles, wie es ist, und nennt es schonungslos beim Namen. Aber sie glaubt a priori nicht an die Gottlosigkeit, die Unwissenheit, die Sünde, den Widerspruch des Menschen. In dem Augenblick, wo der Prediger sich als Verkündiger des Wortes Gottes an seine Mitmenschen wendet, muß, so wahr es Gnade und Gnade allein ist, was ihn selbst zu einem Hörenden gemacht, jener Glaube an das Böse im Menschen fallen. Er muß ihn vielmehr zu Gott rechnen mit derselben automatischen Selbstverständlichkeit, mit der er sich selbst, nicht wissend wie ihm geschieht, unter das Wort stellt. Als Gefangenen muß er ihn anreden, ja, aber als Gefangenen Zions, der auch an den Wassern Babylons Jerusalems gedenken muß [vgl. Ps. 137,1. 6]. Nicht weil er nun törichterweise an ein Gutes im Menschen glaubte, oder gar an sein unbewußtes Christentum50. Er glaubt aber, daß keinem Menschen die Frage nach Gott etwas Fremdes sein kann. Er glaubt, sage ich, ohne zu sehen [vgl. Joh. 20,29], wie aller Glaube, auf das Wort hin, wahrlich ohne die geringste Illusion über den Menschen, aber durch das Wort in die Unmöglichkeit versetzt, etwas anderes zu glauben, als daß in aller Verlorenheit des Menschen seine Frage, sein Hunger und Durst nach dem, was als Wahrheit und Errettung nur in Gott sein kann, das Allerrealste im Menschen ist. Nicht als etwas, was ihm gutzuschreiben wäre, aber als Reflex der Liebe 133 Gottes, die uns zuerst geliebt [vgl. 1.Joh. 4,19]. Oder ist das Wort nicht gesprochen? Ist Christus nicht auferstanden [vgl. 1.Kor. 15,14]? Ist er auferstanden, ist es wahr, daß der Vater ihm alles unter die Füße getan hat [vgl. 1.Kor. 15,27], dann, und das ist hier unser Erstes: herunter vom Standpunkt der Pharisäerkirche, die es wagt, die Menschen unter ein anderes Gericht zu stellen als unter das, unter dem sie selbst steht und von dem sie wissen muß, daß es Gnade ist. Den Menschen verstehen heißt verstehen, daß er in all seinem Irren Gott sucht und daß er Gott nicht suchen würde, wenn er |448 ihn nicht schon gefunden hätte.51 Die Kirche muß den Mut und die Demut haben, den Menschen besser zu verstehen, als er sich selbst versteht, ihn, der von unten ist, von oben, von Gott aus zu verstehen um Christi willen. Sie hat es wahrlich selber am nötigsten, so verstanden zu werden.

Und zweitens: Die Kirche sieht die Bedrängnis des Menschen, die ihm gerade daraus erwächst, daß seine tiefste Realität seine Frage nach Gott ist. Mit dem Schicksal, mit der Natur, mit den Göttern und Götzen kann man fertig werden. Mit Gott kann man nicht fertig werden. Und weil die Kirche daran glaubt, daß der Mensch nach Gott fragen muß, darum weiß sie, daß seine Lebensunruhe unstillbar ist, daß sie in immer neuen Formen immer wieder aufbrechen wird, anders in unsrer Zeit als in vergangenen Tagen, anders im persönlichen Leben, anders in den großen Problemen des öffentlichen, des Völkerlebens, anders in der Jugend, anders im Alter, aber immer wieder aufbrechen. Weil Gott gesprochen hat, leiden wir an einer Wunde, die sich nie mehr und nirgends schließen kann. Die Menschen rufen nach Ruhe in dieser Unruhe, nach Trost in dieser Bedrängnis, sie kommen, wenn sie aller andern Beschwichtigung müde geworden sind, auch wohl zu uns in die Kirche. Die Kirche wird doch wissen, was sie zu tun hat?! Wissen, daß auch sie, wie so viele andere leidige Tröster, den Menschen nicht verstehen würde, wenn sie ihm jetzt entsprechen, wenn sie diese Ruhe, diesen Trost, die Beschwichtigung, daß es mit der Frage nach Gott eine so schlimme Sache nicht sei, ihm geben würde? Weiß sie nicht, daß diese Frage das Echo ist von Gottes Wort? Daß gerade in dieser Frage Gottes Hand auf den Menschen gelegt ist? Daß es vor Gott und darum auch vor jener unstillbaren Lebensunruhe keine Sicherung geben darf als die, die Gott selber schafft durch sein Wort, die wir aber geradezu verhindern, wenn wir sie schaffen wollen mit unserm Wort? Kann die Kirche sich anderswohin stellen als unter das Wort, d. h. aber ehrlicher, radikaler, folgerichtiger als die Welt in die Frage nach Gott und insofern mitten in die Welt hinein? Sollte es nicht sein, daß die Menschen – auch in dieser Hinsicht besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen – bei 134 uns keineswegs das suchen, was sie zu suchen vorgeben, jenes Entrinnen, wo doch kein Entrinnen ist, jenen Frieden, der kein Friede sein kann, |449 jene Sicherheit, die morgen schon, auch als religiöse Sicherheit, zusammembricht, sondern eine Stätte der Aufrichtigkeit und Folgerichtigkeit, wo anerkannt wird, wie es steht um uns, daß wir wirklich Gefangene Gottes sind und darum so in die Enge getrieben, darum so unfähig, uns zu beruhigen und beruhigen zu lassen, daß wir nach Gott nur fragen können und darin eben uns selbst zu erkennen haben, erkennen dürfen als angeredet von ihm: daß wir aus diesem Fragen nicht mehr herauskommen.

Sollte die Kirche wirklich gut tun, sofern sie sich mit ihrem ministerium verbi an den Menschen wendet, ihn auf etwas anderes anzureden als darauf? Sollte sie es aber nicht wagen, ihn darauf freudig anzureden? Und wie sollte das Anliegen, das wahre Anliegen des Menschen besser auf seine Rechnung kommen, als wenn die Kirche in unbekümmerter Sachlichkeit ihrem eigenen Anliegen an den Menschen (das doch nicht ihr eigenes ist) nachgeht?

IV.

Die Antwort der Predigt ist grundsätzlich eine indirekte52 Antwort. Sie soll nicht selbst offenbaren wollen; sie soll aber als Erklärung des biblischen Zeugnisses auf die Offenbarung hinweisen.

Wir haben in der Begründung des dritten Leitsatzes nicht von dem geredet, was die christliche Predigt tun soll, sondern von dem, was bei diesem Tun, sofern die Predigt sich an den Menschen wendet, zu wissen, zu bedenken und was darum zu unterlassen ist. Keinen Augenblick darf die Kirche vergessen, daß es sich, indem sie sich mit ihrem Menschenwort an die Menschen wendet, um das Wort Gottes handelt, das an diese gerichtet ist, und daß sie darum die Menschen nur unter dem ganz bestimmten Aspekt ansprechen darf, unter dem sie stehen als durch Gott angesprochen: als Gottes Gefangene, als Gottes Gefangene, auf ihre Frage nach Gott, auf ihre Frage nach Gott, so will ich akzentuierend noch einmal zusammenfassen. Aber nicht darin besteht das Anliegen der Predigt, den Menschen an diese seine Frage zu erinnern, ja sie geradezu als Feuerbrand in sein Herz zu schleudern, obwohl es nicht anders |450 sein kann, als daß das auch geschieht und geschehen muß. Das Wort Gottes selbst ist ja nicht Frage, sondern Antwort, positivste Antwort, sein Echo oder Reflex nur ist die Frage des Menschen. Welche Verkennung der Situation wäre es also, wenn die Verkündigung des Wortes Gottes sich auflösen würde in eine Darstellung der Problematik des Menschen! 135 Damit würde sie ja den Menschen erst recht wieder bei sich selbst festhalten, für sich selbst interessieren, ihn in sich selbst, nämlich in seiner eigenen Problematik unter dem Vorwand, sie sei Reflex und Echo göttlicher Stimme, sich beruhigen lassen. Das hieße nicht das Kommen des Königs verkündigen; das wäre vielmehr die Erklärung: er kommt noch lange nicht. Also das, was im Dienst des Wortes zu geben ist, das ist dem Menschen gegenüber zweifellos Antwort auf seine Frage nach Gott. Wenn es auch Gott gegenüber immer selber nur ein Fragen nach ihm sein kann. Aber nun darf nichts vergessen werden von dem, was wir bis jetzt gesagt haben, weder das, daß Gottes Wort nur als sein eigenes, als das direkt aus seinem Munde gehende Wort Gottes Wort ist, noch das, daß unsere Aufgabe bei diesem göttlichen Tun Verkündigung, Ankündigung, Heroldsamt sein soll auf der Linie Johannes des Täufers, noch auch das zuletzt Gehörte, daß der Mensch, an den wir uns als ministri verbi wenden, als Mensch gerade als nach Gott Fragender von Gott angeredet ist und also von diesem Nach-Gott-Fragen unter keinen Umständen etwa durch unsre Worte dispensiert werden darf, weil sonst Gottes Wort, die Antwort, ihm verloren ginge. Aus diesen Prämissen ziehe ich den Schluß: Die Antwort der Predigt ist grundsätzlich eine indirekte Antwort. Indirekt heißt nicht: keine Antwort, heißt nicht: eine zweideutige, doppelsinnige, heißt nicht: eine ausweichende Antwort. Indirekt heißt eine Antwort, die klar und bestimmt auf die von einem andern gegebene und zu gebende Antwort verweist. Dieser Andere ist hier natürlich Gott und seine Antwort sein eigenes Wort. Dieser Hinweis ist das, was in der christlichen Predigt positiv zu geschehen hat. So gefaßt entspricht ihre Aufgabe den soeben noch einmal aufgestellten Bedingungen: Sie greift nicht ein in Gottes Belange, sie versieht aber ihren bestimmt umschränkten, aber gebotenen und notwendigen Dienst, mit dem sie sich an den Menschen wendet, ohne ihm doch etwas anderes zu erlauben, als sich mit seiner Frage an Gott selbst zu wenden. Der Verweis, von dem wir reden, ist der Verweis auf Gottes Offenbarung in Jesus Christus. Das ist das unwiederholbare, einzigartige, nur in sich selbst |451 begründete eigene Wort Gottes. Hier ist die Antwort gegeben auf die Frage des Menschen, die Antwort, daß wir einen heiligen und gnädigen Gott haben, bei dem für den Sünder Vergebung ist, für den Irrenden Gesetz, für den Verlorenen Errettung, für den Sterbenden Hoffnung, die Antwort: Siehe, ich mache alles neu! [Apk. 21,5]. Aber eben das können wir nicht offenbaren und sollen wir auch nicht offenbaren wollen. In dem Augenblick, wo wir das direkt mitteilen wollen als unser Erlebnis, als unsren Besitz, als unsre 136 Gewißheit und wie das alles heißt, fallen wir Gott ins Wort, vergessen, daß alle Menschen Lügner sind [vgl. Röm. 3,4], und machen Gott durch Mißbrauch seines Namens unglaubwürdig bei den Leuten. Sondern darauf können wir nur, darauf sollen wir aber verweisen. Wir sind keine Propheten, keine Apostel, keine Zeugen der Auferstehung. Die Inanspruchnahme direkter Inspiration haben wir als Diener am Wort grundsätzlich zu unterlassen. Wir können aber legitime Zeugen zweiter Hand sein, indem wir uns an das Zeugnis halten, durch das der göttliche Befehl die Kirche geschaffen und erhalten hat, durch das er auch an uns kommt, das biblische Zeugnis von der Offenbarung. Die Ausführung jenes Verweises besteht darin, daß wir den «Befehl wiederholen», wie der militärische Terminus lautet: «Wiederholen» κατὰ πνεῦμα zu verstehen: es geht darum, die Menschenworte der Schrift als Zeugnis von der Offenbarung zu verstehen, das Medium als Medium zu begreifen, den Versuch zu wagen, die Gedanken der biblischen Schriftsteller nachzudenken, ja endlich, in heiliger Treue in unsre Gedanken sie übersetzend, sie selber zu denken, um sodann, nicht in unserm eigenen Namen, nicht mit dem Anspruch, mehr zu sein, als uns zukommt, sondern als sorgfältige, aber unsre ganze Sorgfalt auf den verborgenen Skopus des Textes verwendende Ausleger und Erklärer der Schrift von Gott zu reden zu den Menschen. Zu den Menschen. Predigt fällt nicht zusammen mit Exegese überhaupt, obwohl sie in ihrer Substanz nichts anderes sein kann als eben Exegese. Sie hat sich aber, die Gedanken der Schrift nachdenkend, selber denkend, an die Menschen zu wenden, das Gespräch zu führen zwischen dem ewigen Anliegen Gottes und den zeitlichen Anliegen der Menschen – aber als Gottes Parteigängerin –, die kleinen Fragen der Menschen in das Licht der großen Antwort Gottes zu rücken und dadurch in Zusammenhang mit ihrer eigenen großen Frage und dadurch die große Antwort Gottes ihnen ans Herz zu legen. Aber das alles «scriptura duce et |452 magistra» (Calvin53, nicht auf eigene Faust. Wo das geschieht, nicht mehr als das, aber das in vollem Ernst, in Furcht und Zittern [vgl. 1.Kor. 2,3 u. ö.], weil die Verantwortlichkeit auch so eine erdrückende ist, aber auch in Freudigkeit, weil es eine legitim überbundene und übernommene Verantwortlichkeit ist, da ist die wahre Kirche, auch die wahre sichtbare Kirche, die Kirche, die nichts anderes will als dienen und die in der strengen Beschränkung, die sie sich auferlegt weiß, nicht als Meister, aber als treuen Knecht sich sehen lassen darf auch vor den Leuten. Denn wenn der Verweis, der das Wesen ihres Dienstes ist, aufmerksam und sachgemäß vollzogen wird, wenn wir uns wirklich halten an den 137 Befehl, wie er uns selbst gegeben ist, dann wird es zwar nicht ausbleiben, daß wir vor Gott immer noch unnütze Knechte sind, zu den Menschen aber, die das mit uns auch sind, sagen dürfen, daß wir getan haben, was wir zu tun schuldig waren [vgl. Lk. 17,10]. Was wir brauchen, gerade heute, wo die schwerste Bedrängnis der Kirche wahrlich nicht von außen kommt, sondern von innen, aus der Verkennung der Distanzen, Kräfte und Möglichkeiten, aus der Unklarheit über das, was wir sollen und wollen, über das, was unsrer protestantischen Kirche insbesondere wieder – nicht ein prahlerisches Selbstbewußtsein gegen «Rom», davon haben wir genug und übergenug, aber – Daseinsberechtigung als wirkliche christliche Kirche geben müßte, das wäre die Rückkehr zu einer strengen, bescheidenen, aber heimlich höchst unbedingten Schrifttheologie, – wenn Sie auch das κατὰ πνεῦμα verstehen wollen: zu einer reformierten Theologie, wie sie auch die Luthers war. Mit ihr hat der Protestantismus begonnen. Wenn er auf die Dauer auf anderer Grundlage weiter da sein wollte, so hätte er keine Daseinsberechtigung.

V.

Für die wissenschaftliche Theologie ergeben sich unter diesem Gesichtspunkt beispielsweise folgende Problemstellungen: Für die biblische Exegese: Verständnis der Schrift als des ordnungsmäßigen Mediums zwischen der Offenbarung und der gegenwärtigen Verkündigung (Kanon); für die Dogmatik: Besinnung auf die aus der Relation zwischen |453 Offenbarung, Schrift und Verkündigung sich ergebenden Grundsätze54 der Predigt; für die Homiletik: die Kunstlehre einer Rede, die wirklich den Menschen vor Gott stellen soll.

Fürchten Sie nicht, daß ich Sie nun noch mit einer ganzen theologischen Enzyklopädie überfallen werde. Das wird nur schon aus dem Grund nicht geschehen, weil ich, ehrlich gestanden, durchaus noch nicht weiß und vielleicht nie wissen werde, wie eine theologische Enzyklopädie unter den ausgeführten Voraussetzungen aussehen müßte. Auch die drei Punkte, in denen ich «beispielsweise» zu formulieren versucht habe, wie ich mir die Problemstellung gewisser theologischer Disziplinen denke, sind anspruchsloser gemeint, als sie vielleicht aussehen, sollen mehr Fragen sein als Antworten. Fragen an Stellen, wo mir die Not besonders brennend scheint. Ich habe diese These eigentlich nur aufgestellt, um einen Anspruch anzumelden, und will mich darüber ganz kurz fassen. Der Anspruch geht dahin, daß, wenn die entwickelten Gesichtspunkte notwendig und richtig sind, die wissenschaftliche Theologie unmöglich daran vorübergehen kann. Das Wort Theologie, Schrifttheologie, ist ja schon am Ende des letzten Absatzes gefallen. 138 Die Selbstbesinnung der Kirche auf das, was sie soll und was sie kann, muß ganz von selbst zu einer Selbstbesinnung der Theologie werden. Wenn die Kirche wieder weiß, was sie will, dann wird es auch die Theologie wieder wissen. Vielleicht daß sie sich sogar entschließen müßte, voran zu gehen. Jedenfalls darf sie nicht zurückbleiben. Die Sache geht sie mindestens ebensosehr an wie die Kirche. Mit der Kirche steht sie, und mit der Kirche fällt sie. Ich will auf die alte Klage nicht eintreten, daß die neuere Theologie geradezu von der Unkirchlichkeit ihrer Methoden lebt, weil sie allzu wahr ist. Es gehört auch einmal der Finger darauf gelegt, daß, wie jedes Volk die Regierung, so jede Kirche die Theologie hat, die sie verdient55, daß die Kirche (ich meine auch und ich meine gerade die «positive» Richtung in der Kirche) die Klage über Unkirchlichkeit der Methode vielleicht auch einmal gegen sich selbst erheben sollte. Oder weiß die heutige Kirche etwa besser als die heutige Theologie, was «Wort Gottes» ist in seiner positiven und negativen Beziehung zum Menschenwort? Aber ich will damit die Theologie nicht |454 entschuldigen. Wir brauchen zweifellos eine an Haupt und Gliedern neue, nicht eine sog. «gläubigere», nicht eine unkritischere, nicht eine praktischere, aber eine sachlichere Theologie. Und ihre Sachlichkeit müßte darin bestehen, daß sie im Unterschied zu allen andern Fakultäten als christliche Theologie, wie ihr Name sagt, mit der Kategorie λόγος τοῦ θεοῦ wieder rechnen lernen würde wie die Mathematik mit ihren Axiomen, wie die Physik mit dem Gesetz der Erhaltung der Kraft. Ohne das, als sog. Religionswissenschaft56, ist sie gegenstandslos. Ausgehend von dem Axiom, dem Gesetz, der Wahrheit so klar wie die Sonne, daß Gott in Jesus Christus gesprochen hat, spricht und sprechen wird, würde sie mit unaufhaltsamer Konsequenz das, was wir vorhin als Schrifttheologie bezeichnet haben. Ich will die in der These erwähnten Punkte nur streifen. Sie müßte als Bibelexegese vor allem den Begriff des Kanons wieder kaltblütig ernstnehmen lernen, das Alte und Neue Testament durchaus nicht als irgendeine fromme Literatur lesen, was jeder Philologe oder Religionshistoriker auch kann, sondern als diejenige Stelle, wo die christliche Kirche merkwürdigerweise jenen Befehl zu bekommen, jenes Medium zu sehen meint, durch das sie in die Offenbarung hineinsieht, durch das die Offenbarung sie zur Predigt nötigt. Rein historische Bibelforschung ist eine in sich mögliche und sinnvolle Sache, aber sie spielt sich außerhalb der Theologie ab. Der Begriff der Geschichte ist kein theologischer Begriff. In der Theologie kann alles historische Betrachten und Analysieren nur Randglosse, Parergon, Prolegomenon sein. Paulus der Apostel, nicht Paulus der fromme Mensch oder Denker 139 ist Gegenstand der theologischen Exegese. Sie müßte als Dogmatik vor allem bescheidener werden, nicht gleich den ganzen christlichen Glauben oder gar die sog. «christliche Weltanschauung»57 beschreiben wollen, sondern sich an die doch wahrhaftig gewiesene Aufgabe halten, Erzieherin zu sein zu einem strengen, seiner besonderen Kategorien bewußten christlichen Denken, – statt den beiden großen Götzen: der Apologetik und dem System zu opfern, nach innen sich zu wenden, die Predigt der Kirche an den beiden Instanzen, auf die sie |455 sich angeblich bezieht, Offenbarung und Schrift, zu messen, und sie an die aus dieser Relation sich ergebenden Grundsätze zu erinnern. Sie müßte als Homiletik eine «Kunstlehre»58 sein wollen, die den zukünftigen Prediger auf das Gedränge zwischen Gott und den Menschen, das seiner wartet, vorbereitet, nicht um ihm Anweisungen zu geben, sich daraus zu befreien, sondern um ihm klar zu machen, daß dort eben, in der Folge von Niederlagen, die seiner dort warten, die allenfalls «gut» zu nennenden Predigten geboren werden.

Ich breche kurz ab. Das alles sollen ja nur Pfeile der Sehnsucht59 sein, um aufmerksam zu machen darauf: wir haben auch in der Theologie alle Hände voll zu tun, wenn es je in Zukunft auch da etwas mehr Ernst, sachlichen nüchternen Ernst gelten sollte als bisher. Als theologischer Reformator fühle ich mich nicht, ich weiß warum, ich weiß nämlich, wie schwer es ist, die Sache auch nur im kleinsten Punkt wirklich anders, geschweige denn wirklich besser zu machen, als sie in den letzten zwei Jahrhunderten gemacht worden ist. Aber einzusehen, daß und in welcher Richtung eine Sache anders und besser gemacht werden müßte, ist vielleicht auch schon etwas wert.

VI.

Die menschliche Möglichkeit der Predigt sowohl als der wissenschaftlichen Theologie steht und fällt mit der Bitte um den Heiligen Geist, durch den Gott sein Wort selbst spricht60 und zu Gehör bringt und sich damit zum Dienst seiner Kirche bekennt.

Es würde mir leid tun, wenn diese meine letzte These als frommer Schnörkel unter das Ganze aufgefaßt würde. Ich meine damit, daß ich zum Schluß auf die Bitte um den Geist hinweise als auf das Eine Notwendige [vgl. Lk. 10,42], das wir tun müssen, nur noch einmal den |456 Punkt zu bezeichnen, auf dessen Herausarbeitung mir heute alles ankam: daß die christliche Predigt wirklich und wahrlich Gottes Wort ist und sein soll, daß sie aber als Menschenwort ganz und gar lebt von dem Wort, das aus Gottes eigenem Munde geht [vgl. Mt. 4,4], ganz und gar diesem dienen soll. Die Situation, die sich daraus für die Kirche ergibt, ist hart. Es ist eben hart, sich unter die Hebr. 11,1 gestellte Bedingung wirklich 140 zu stellen. Wir haben von der Voraussetzung gesprochen, ohne die die Predigt unmöglich ist. Aber wer setzt sie, wer gibt sie uns, diese Voraussetzung, das wirkliche eigene Sprechen Gottes, wenn die Kirche redet? Wer macht uns gewiß, daß die Stimme, von der sich die Kirche angeredet und zum Reden veranlaßt fühlt, keines Dämons, nicht unsrer eigenen Stimme spottendes Echo, sondern Gottes Stimme ist? Wir haben uns besonnen auf das, was ministerium verbi unter diesen Umständen bedeuten müsse. Aber wer gibt uns den Mut und die Demut, eine Arbeit zu tun, die, vielleicht in prägnanterem Sinn als irgendeine andre Arbeit, ein Dienst und nur ein Dienst sein kann? Wie soll das menschenmöglich sein, ohne alle Mystik und Aufgeregtheit, in ruhiger, zielbewußter Arbeit, doch eben bei jedem einzelnen Schritt Gott und in immer neuen Brechungen und Zerbrechungen immer wieder Gott die Ehre zu geben und dessen froh zu sein, daß uns dieses Amt gegeben ist [vgl. 2.Kor. 5,18]? Und dann haben wir zuletzt von der Theologie und ihren Aufgaben wenigstens ein paar flüchtig streifende Worte gesagt: brauche ich zu sagen, daß sie es sich zweimal überlegen wird, bevor sie aus der Behäbigkeit und Sicherheit dessen, was sie jetzt wissenschaftliche Methode nennt, sich herauslocken lassen wird auf den freien weiten Ozean ohne Grund und Boden, wo es außer dem freien selbstherrlichen Wort gar nichts gibt, was den Menschen hält? Die Situation ist hart, die wir als unsre eigene erkannt haben. Ich wollte nicht schließen, ohne auf die letzte Möglichkeit, die ultima ratio hingewiesen zu haben, die in dieser Situation in Betracht kommt. Auf des Menschen Seite nämlich, soweit das Auge reicht. Jenseits des Letzten, was die Kirche tun kann, ihres Gebets, steht Gott und spricht sein Wort und bekennt sich zum Dienst der Kirche, die wirklich seine Kirche ist. Die Wirklichkeit des eigenen Wortes Gottes in der Predigt ist der Heilige Geist. Die Lücke, der Hohlraum, auf den wir überall stießen in unsern Erwägungen, die Stelle, wo unser Glaube, immer wieder unser Glaube erfordert würde, diese rätselhafte Stelle, wo wir als Abrahams Kinder uns an nichts als an die Ver|457heißung klammern können, ist der Ort, wo der Geist mit der Fülle seiner Gaben alles wahr macht, wonach wir als Pilger in der Ferne immer nur ausschauen können. Auf des Menschen Seite bleibt das Gebet, das starke Schreien nach der Wirklichkeit Gottes, die letzte Möglichkeit. Sie weist zurück und erinnert uns an Not und Kampf. Sie weist vorwärts und erinnert uns an das βραβεῖον, an die ἄνω κλῆσις (Phil. 3[,14]), auf die hin wir laufen. Daß wir laufen und nicht müde werden [vgl. Jes. 40,31], das wird uns selber immer unbegreiflich sein. Das ist die Treue und Barmherzigkeit des Herrn der Kirche, der uns gerufen hat.

Originalfußnoten

a
K. Müller, Die Bekenntnisschriften der reformierten Kirche, S. 171. 📖25↩
b
H. Schmid, Die Dogmatik der ev. luth. Kirche, 4. Aufl., S. 20. 📖26↩
c
Cat. Rom. II,1 Qu. 6 📖.27↩
d
[B.] Bartmann, Grundr. d. Dogmatik, Freiburg 1923, S. 440. 📖↩
e
Ich gedenke, mich meiner Beziehungen zum «Neukantianismus» auch in Zukunft nicht zu schämen. (Vgl. S. 147 📖).28↩
f
Zwinglis Werke II 3,48. 📖34↩
g
A. Schweizer, Glaubenslehre der reform. Kirche I 200. 📖39↩
h
Ebendas. I 201. 📖40↩
i
Institutio I 7,4. 📖↩
j
Glaubenslehre 1921, S. 24 📖.43↩
k
Vgl.meinen Elgersburger Vortrag «Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie» von 1922 (Ges. Vorträge, S. 156ff.) 📖48, dessen Aufstellungen ich in allen wesentlichen Teilen aufrechterhalte, der aber jetzt gewissermaßen zur Etappe geworden ist.↩

Sachfußnoten

1
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
2
Paul Kalweit (1867–1944), Pfarrer in Ostpreußen, Direktor des Predigerseminars Naumburg a. Queis (Schlesien), ab 1912 Stadtsuperintendent, ab 1923 Generalsuperintendent in Danzig, 1933 vorzeitig pensioniert.↩
3
Dem Brief ist unten die Bemerkung beigefügt: «Herr Professor D. Behm wird sicher gerne Ihnen nähere Mitteilungen über die hiesigen Verhältnisse und die Art unserer Pastoralkonferenz machen.» – Johannes Behm (1883–1948) war als o. Professor für Neues Testament Fakultätskollege Barths in Göttingen.↩
4
Vgl. Barths Brief an Frau M. Thurneysen vom 10.10.1924 (Bw.Th. II, S. 276f. 📖): «Auf den 25. November nehme ich einen Vortrag an nach Königsberg, schon weil ich es nicht lassen kann, einmal in den nahen Osten zu reisen …»↩
5
Bw.Th. II, S. 281. 📖↩
6
Gemeint ist die Vorlesung «Unterricht in der christlichen Religion», 1. Bd.: Prolegomena. 1924, hrsg. von H. Reiffen, Zürich 1985 📖↩
7
Bw.Th. II, S. 287 (26.[/28./29.]11.1924). 📖↩
8
Artur Mettler (geb. 1901), studierte als erster Schweizer Student 1921–1923 und nochmals 1924 bei Barth in Göttingen; 1928–1930 Pfarrer in Oberhelfenschwil (Kanton St. Gallen), nach Promotion zum Dr. phil. und Tätigkeit als Lehrer an verschiedenen Orten 1938 Anschluß an die «Bruderhof»-Bewegung in England, 1940–1957 auf einem Bruderhof in Paraguay tätig; nach der Rückkehr in die Schweiz 1960–1967 Pfarrer in Neuhausen am Rheinfall (Kanton Schaffhausen), 1967–1972 in Luterbach (Kanton Solothurn), 1972–1977 in Krinau (Kanton St. Gallen), lebt heute in St. Gallen.↩
9
Bw.Th. II, S. 288. 📖↩
10
Bw.Th. II, S. 289. 📖↩
11
Ebd. 📖↩
12
Bw.Th. II, S. 285. 📖↩
13
Bw.Th. II, S. 289. 📖↩
14
Hans-Joachim Iwand (1899–1960), 1924 Lic. theol., 1923 Stiftsinspektor des Lutherheims, 1927 Privatdozent für Systematische Theologie in Königsberg, 1934 Professor am Herder-Institut in Riga, 1935–1945 Entzug der Venia legendi und Reichsredeverbot, 1935 Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche Ostpreußens, 1939 Pfarrer in Dortmund, ab 1945 o. Professor für Systematische Theologie in Göttingen, ab 1952 in Bonn. – Vgl. zur Begegnung mit Iwand: Busch, S. 170. 📖↩
15
Ein Exemplar im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
16
Bw.Th. II, S. 289. 📖↩
17

Bw.Th. II, S. 290. 📖 – Die dem Hrsg. von Pfr. Artur Mettler freundlicherweise zur Verfügung gestellten stenographischen Notizen über Barths Schlußvotum in Königsberg lauten:

«Das berühmte ‹Ja, aber› habe ich auch aus der heutigen Diskussion herausgehört. Was soll ein neuer -ismus? Zunächst zum Ja: Sehen Sie nur zu, daß Sie mir nicht zu stark zustimmen! Subjekt, Objekt? Ich will doch, ob ich das eine oder das andere sage, das Eine sagen! Keinen ‹Calvinischen Götzen› aufrichten! Muß denn nicht unser ganzes Denken wieder kreisen um die Wirklichkeit Gottes? Bleiben Sie doch gute Lutheraner. Sehen Sie nicht auf mich. Aber lassen Sie sich aufmerksam machen, und dann machen Sie aus meinem Vortrag, was Sie wollen. Schwierig? Ich redete gerne einfach; aber wir können nicht mit einem Sprung die Sprache der Reformatoren sprechen – vielleicht müssen wir gerade, um die große göttliche Einfalt wieder zu bekommen, in der Theologie wieder schwierige Wege wagen. Nun: Kirche und Gericht nach Röm. 9–11: Man kann die Gnade Gottes nicht verkündigen ohne das Gericht! Wir stehen immer mit leeren Händen vor Gott, und er füllt sie. ‹Reformiert›? Gut, ich stehe dazu; aber reformiert κατὰ πνεῦμα! Sie wollen ja auch lutherisch κατὰ πνεῦμα sein – und dann begegnen wir uns! Ἐν Xριστῷ! Die freie Haltung Luthers zur Schrift? Ja; wenn auch seine Äußerungen z. B. zum Jakobusbrief oder zur Offenbarung seine Privatansichten sind, nichts weiter! Er darf das tun, weil auch der Kanon (der z. B. den ‹Hirten des Hermas› ausgesondert hat) eine menschliche Größe ist! Aber an den alten Kanon haben wir uns zu halten, bis die Kirche einen neuen aufstellt! Nicht zuchtlos! (Wir Reformierten nennen uns nicht nach Zwingli und Calvin …) ‹Bibelkritik›? Mancher von Ihnen würde (wohl) erschrecken über meine kritischen Ansichten! Die Kritik gehört zur Menschlichkeit der Bibel. Wir stehen hier vor einem dunklen Vorhang, und Gott selbst muß diesen Vorhang aufreißen. Es ist zunächst gar nichts ‹Gottes Wort›. Besitz des Pneuma?Ja; aber nicht wahr: Röm. 8 steht hinter Röm. 7: Hier erzählt Paulus nicht einfach seine Bekehrungsgeschichte (‹früher war ich Sünder; aber jetzt …›). Übrigens: Hat etwa Luther je das Evangelium ohne das Gesetz gepredigt? Dann, ob man evangelisiert oder schon Bekehrten predigt – immer ist es die Situation ‹Röm. 7 und 8›, die ewige Situation des Menschen Gott gegenüber. Da gibt es keine Grenze, kein Drinnen und Draußen – nur das Wort, das an alle ergeht.»↩

18
Bw.Th. II, S. 290. 📖↩
19
Vgl. Bw.Th. II, S. 285.291. 📖↩
20
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
21
Bw.Th. II, S. 291. 📖↩
22

Vgl. a.a.O. 📖 – Die von Pfr. Artur Mettler über die Diskussion in Danzig gemachten stenographischen Notizen lauten:

«(Diskussion: Ein Pfarrer wurde stutzig, als er hörte, es gebe für die Theologie keine Geschichte. Spricht denn Gott nicht in verschiedenen Zeiten eine andere Sprache? Erziehung des Menschengeschlechts? usw.)

K. Barth dazu: Erst mit 1770 (Lessing, Herder) ist man auf das verfallen, weil man nicht mehr wußte, was ‹Wort Gottes› ist! Macht das Wort Gottes wirklich eine Entwicklung durch, oder ist es nicht eins und dasselbe: das zu Abraham gesprochen ist, ist zu Paulus gesprochen? Beim Menschen gibt es selbstverständlich ein Wachsen: Religionsgeschichte! Und hier ist das Heillose, daß man auf die Reflexe mehr achtet als auf das Eine. Ich gehe an die Bibel (z. B. den Römerbrief) heran mit dem Respekt, den die Kirche mir (auferlegt) hat (durch die Kanonisierung). Und bin so borniert, daß (ich das ernstnehme) und nun versuche ich, die apostolische Stimme da herauszuhören. Das ist mein Forschungsprinzip, sehen Sie! (Das hat kein Philologe, auch z. B. Jülicher nicht!) Ich bleibe an Bord des Schiffes (auch wenn ich es als moderner Mensch nicht so sehen kann wie Paulus). Das ist mir auch klar, daß ich das Buch Leviticus nicht ganz durchschaue; ich wäre z. B. nicht gerade imstande, darüber zu predigen. Aber es gibt mir sehr zu denken, daß das auch da steht. Oder ein Beispiel aus dem Neuen Testament: Die sog. Geschlechtsregister! Wort Gottes ist mir nicht wie ein Viereck, sondern (kann) nur im Akt (erschlossen werden). Ich schließe nicht aus, daß in Teilen der Bibel, die mir jetzt nicht ‹passen›, die Sache vielleicht einmal noch aktuell werden kann. (Schluß)

Ein Pfarrer aus der Danziger Gegend: Gefühlt, gewußt, gepredigt haben wir schon so; nur haben wir die Gründe für den Grund gehalten; Barth hat uns das wieder gesagt.»↩

23
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
24
Bereits ein gutes Jahr später, zu einem theologischen Fortbildungskurs für Pfarrer und Religionslehrer vom 4. bis 8.1.1926, reiste Barth (begleitet von Rudolf Bultmann) wieder nach Danzig und war nochmals im Hause von Paul Kalweit zu Gast; er referierte über Phil. 3. Vgl. Bw.Th. II, S. 400 (17.1.1926) 📖; Bw.B., S. 58f. (3.12.1925). 61 (24.12.1925). 62 (29.12.1925). 📖↩
25
Confessio helvetica posterior (1562), «I. De sriptura sancta, vero Dei verbo», BSRK 171,10–12. 📖 – Randnotiz Barths bei dieser Anm. in seinem Handexemplar: «cf. Heidegger Heppe 379». Vgl. Hp 379 📖 (HpB 416 📖): «Heidegg. (XXI, 22): Idem verbum est, quod et homo praedicat et Sprititus S. cordi inscribit: una proprie vocatio, sed cuius causa et medium duplex, organicum, homo verbum extus praedicans, principale, Spiritus s. intus illud cordi inscribens.»↩
26
SchmP 42. 📖↩
27
Catechismus Romanus (1566), P. II, Cap. 1, Qu. 6 (in: Libri symbolici ecclesiae catholicae, edd. Fr. G. Streitwolf et R. E. Klener, Tom. I, Gottingae 1846, p. 241) 📖: «Quare, ut explicatius, quid sacramentum sit, declaretur, docendum erit, rem esse sensibus subjectam, quae ex Dei institutione …»↩
28
Im gleichen Heft 2 von ZZ, Jg. 3 (1925) erschien ein Aufsatz von E. Peterson, Der Lobgesang der Engel und der mystische Lobpreis, S. 141–153. 📖 S. 147 heißt es: «Es ist seit dem Neukantianismus üblich geworden – und der Neukantianismus steht nicht nur hinter Ritschl und seinen Schülern, sondern auch noch hinter Barth und Gogarten –, daß von dem Glauben in einer reichlich undialektischen Weise geredet wird. Die Furcht, daß eine Metaphysik jemals Gegenstand des Glaubens werden könnte, hat dazu geführt, daß man den Glauben in einer so abstrakten Weise von aller Welt des Seins losgelöst hat, daß er fast wie der moderne Funktionsbegriff nur noch über den Dingen schwebt …»↩
29
Vgl. Thomas von Aquino, Summa, theologica I q. 12 a. 7. 📖 – Zur Lehre von der «incomprehensibilitas Dei» in der Orthodoxie vgl. die Belege bei HpB 47 📖; [K. A. von Hase,] Hutterus redivivus oder Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche. Ein dogmatisches Repertorium für Studirende, Leipzig 186210, S. 142 📖; vgl. auch die Belege in KD II/1, S. 207f. 📖↩
30
Vgl. z. B. M. Luther, WA.TR 1,108,25–29 (Nr. 257) 📖: «Aber ich vermahne und warne jdermann, daß er das Speculiren lasse anstehen und flattere nicht zu hoch, sondern bleibe hienieden bei der Krippen und Windeln, darinnen Christus lieget, in welchem wohnet die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, wie Paulus saget Colos. 2. Da kann man Gottes nicht feilen, sondern trifft und findet ihn gewißlich. Ich wollt gerne, daß man diese Regel nach meinem Tode hielte.» – Vgl. auch WA 42,295,31–36 📖; 40/I,77,28–78,13; 79,28–80,13 📖.↩
31
Vgl. J. W. von Goethes Gedicht «Grenzen der Menschheit». 📖↩
32
Zur Unterscheidung von «verbum internum» an die Apostel und «verbum externum» der Apostel vgl. HpB 17. 📖↩
33
Vgl. etwa die Ausführungen über das kirchliche Lehramt bei B. Bartmann, a.a.O., S. 37f. 📖↩
34
Huldreich Zwingli’s Werke, edd. M. Schuler et J. Schultheß, Bd. II/3, Zürich 1841, S. 48. 📖↩
35
Zu diesem gewöhnlich Tertullian zugeschriebenen, bei diesem jedoch so nicht nachweisbaren Diktum vgl. Fr. Loofs, Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte, Halle 19064, S. 155. 📖↩
36
Anselm von Canterbury, Proslogion, cap. 1, in: S. Anselmi Cantuariensis archiepiscopi opera omnia, ed. Fr. S. Schmitt, Vol. I, Seccovii 1938, p. 100, 18 📖: «Neque enim quaero intelligere ut credam, sed credo ut intelligam.»↩
37
Nach der Lektüre dieses Vortrages in ZZ 📖 schrieb E. Thurneysen am 9.4.1925 an Barth (Bw.Th. II, S. 324 📖): «Was für treffliche, aktuelle Lichter fallen da nebenbei, z. B. auf Kutter (S. 128 oben), auf Aemilius Fontaneus [= Emil Brunner] (‹kein, auch kein ethisches intelligere, kann dem credo vorangehen› – was Holl und Hirsch und wohl auch teilweise die Herrmannianer und Herrmanns ‹Ethik› trifft!), was für ein guter Wegweiser ist da dem Pfarrer aufgerichtet (S. 140), wie manche unserer eigenen Jugendsünden ist (milde!) gestraft.»↩
38
Zu diesem Topos vgl. die Belege unten S. 585, Anm. 128.↩
39
A. Schweizer, Die Glaubenslehre der evangelisch-reformirten Kirche. Dargestellt und aus den Quellen belegt, Bd. I, Zürich 1844, S. 200. 📖 Hervorhebung von Barth.↩
40
Hervorhebung von Barth.↩
41
Die Bezeichnung der Kirche als «corpus (Christi) mysticum» begegnet seit dem Ende des 12. Jahrhunderts häufig; vgl. M. Schmaus, Katholische Dogmatik, Bd. III/1, München 19583–5, S. 46f. 📖↩
42
Vgl. Röm. 12,4–6; 1.Kor. 12,12–27; Eph. 1,23; 5,23; Kol. 1,18.↩
43
H. Stephan, Glaubenslehre. Der evangelische Glaube und seine Weltanschauung, Gießen 1921, S. 24 📖: «Sie [scil. die Propheten] führen von den großen Zeiten Israels über Paulus bis hinab in die Begründung des Protestantismus; wir werden vorläufig mit allgemeiner Zustimmung der evangelischen Christenheit Luther als letzten Propheten bezeichnen dürfen.»↩
44
Vgl. S. Kierkegaard, Über den Unterschied zwischen einem Apostel und einem Genie (1847), in: ders., Der Begriff des Auserwählten, übers, von Th. Haekker, Hellerau 1917, S. 313–333. 📖↩
45
Vgl. J. H. Heidegger, zit. bei A. Schweizer, a.a.O., S. 202 📖: «Sicut αὐλητὴς αὔλου ἐμπνεύσας, ita deus scriptoribus s. spiritu suo afflavit.»↩
46
Vgl. z. B. Jes. 13,1; 14,28; 15,1; 17,1 u. ö.; Hab. 1,1; Sach. 9,1; 12,1; Mal. 1,1.↩
47
Im Erstdruck irrtümlich: «geben»; Korrektur vom Hrsg.↩
48
W. G. Th., S. 156–178 📖; in diesem Band S. 144ff.↩
49
Die «zeigende, nur zeigende Hand Johannes des Täufers» (K. Barth, «Unterricht in der christlichen Religion», 1. Bd., a.a.O., S. 186 📖; ebenso ders., Die christliche Dogmatik im Entwurf, 1. Bd.: Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik. 1927, hrsg. von G. Sauter, Zürich 1982, S. 341 📖) war Barth anschaulich geworden im Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von M. Grünewald, von dem eine Reproduktion seit 1919 (vgl. Bw.Th. I, S. 332 📖) stets über oder neben Barths Schreibtisch hing. Vgl. Anspielungen auf die «Hand», den «Finger» Johannes des Täufers auch in Römerbrief 1, S. 164 📖; Biblische Fragen, Einsichten und Ausblicke (1920), in: W. G. Th., S. 79.85f. 📖 (Anfänge I, S. 58.64f. 📖); Römerbrief 2, S. 108.137 📖 (= in späteren Auflagen S. 106.135).↩
50
Zu dem auf Richard Rothe (1799–1867) zurückgehenden Begriff «unbewußtes Christentum» vgl. A. Hausrath, Richard Rothe und seine Freunde, Bd. II, Berlin 1906, S. 363.405f. 📖↩
51
Vgl. Bl. Pascal, Pensées (1670), Fragment 553 [L. Brunschvicg], ed. Ch. M. des Granges, Paris 1961, S. 212 📖: Le Mystère de Jésus. «Console-toi, tu ne me chercherais pas, si tu ne m’avais trouvé.»↩
52
Auf dem an die Zuhörer verteilten Thesenblatt (vgl. oben bei Anm. 15) ist dieses Wort gesperrt.↩
53
J. Calvin, Inst. I,6 (Überschrift) 📖: «Ut ad Deum creatorem quis perveniat, opus esse scriptura duce et magistra.»↩
54
Text des an die Zuhörer verteilten Thesenblattes (vgl. oben bei Anm. 15): «… sich ergebenden sachlichen Grundsätze …»↩
55
Vgl. oben S. 319, Anm. 37.↩
56
Zur Auffassung der Theologie als «Religionswissenschaft» vgl. oben S. 156, Anm. 43.↩
57
Vgl. z.B. J. Kaftan, Dogmatik, Tübingen 19013/4, wo die §§ 25 (S. 247ff.) und 26 (S. 257) 📖 mit «Die christliche Weltanschauung» überschrieben sind, sowie den Untertitel der Glaubenslehre von H. Stephan (siehe oben Anm. 43). 📖↩
58
Zum Ausdruck vgl. Fr. Schleiermacher, Kurze Darstellung des theologischen Studiums (18302), hrsg. von H. Scholz, Leipzig 1910, S. 53.55 (§§ 133f.138). 📖↩
59
Vgl. Fr. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, in: ders., Werke, hrsg. von K. Schlechta, Bd. 2, München 1966, S. 282 📖: «Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.»↩
60
Text des an die Zuhörer verteilten Thesenblattes (vgl. oben bei Anm. 15): «… durch den Gott selbst sein Wort spricht …»↩