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MENSCHENWORT UND GOTTESWORT
IN DER CHRISTLICHEN PREDIGT
1924
1. Königsberg 25. November 1924
In einem Brief vom 6. Oktober 19241 an Barth teilte der Königsberger Konsistorialrat Ankermann mit: «Namens des Moderamens der
Königsberger Pastoralkonferenz habe ich Ihnen die ergebenste Bitte vorzutragen, uns bei
unserer Tagung im Verlauf der Königsberger Festwoihe am Dienstag, den 25. November,
einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, etwa über das Thema: Die Botschaft vom
lebendigen Gott für die Gegenwart … Selbstverständlich stellen wir Ihnen die
Formulierung Ihres Themas völlig anheim … Versagen Sie sich uns in unserem fernen Osten
nicht, sehr verehrter Herr Professor! Wir wären bereit, um die Reise nach hier lohnend
zu machen, Herr Generalsuperintendenten D. Kalweit2 in Danzig von Ihrem Kommen in
Kenntnis zu setzen: Sie wären sicher auch in Danzig mit einem Vortrag über dasselbe oder
ein ähnliches Thema herzlich willkommen.»3 Barth sagte
offenbar – ohne sich schon auf ein Thema festzulegen – umgehend zu.4
Erste Arbeiten an dem Vortrag erwähnte Barth in einem Brief an Thurneysen vom 20. Oktober5: «Was ich in Königsberg über ‹Menschenwort und Gotteswort
in der christlichen Predigt› (so formulierte ich schließlich) sagen will, ist mir auch
noch dunkel, obwohl ich gestern den ganzen Tag darüber brütete und obwohl es sich doch
nur um eine Zusammenfassung meiner Prolegomena6 handeln kann.» Noch am 23. No|427vember war der Vortrag «erst zur Hälfte fertig, und ich mußte den übrigen
Sonntag in fieberhafter Arbeit zubringen bis gegen Mitternacht, um dann morgens 3 Uhr
schlaftrunken zur Bahn zu stürzen»; erst «während der Fahrt durch die Mark Brandenburg»
kam es zur «Aufzeichnung des letzten Abschnittes»7.
Barth wurde auf seiner Reise begleitet von stud. theol. Artur Mettler8. Nach einem längeren Aufenthalt in Berlin, den er u. a.
verwendete auf eine «zweistündige scharfe Überarbeitung meines Vortrages in einem
Café unter den Linden»9, ging es am Abend des 24. weiter mit dem «Ostexpreß, der
uns in zwölfstündiger Fahrt … morgens 7 Uhr in Königsberg absetzte»10.
Barths Vortrag war auf vormittags 9 Uhr angesetzt. «Die ostpreußische Pfarrerschaft sei
so zahlreich wie seit Menschengedenken noch nie eingetroffen, sagte man mir»11: «150–200 Pastoren mit Generalsuperintendent,
Superintendenten und Professoren»12, aber auch «Studenten, lernbegierige Töchter usf. wie
überall»13. Hier begegnete Barth
erstmals Hans-Joachim Iwand14. – Den Zuhörern lag ein gedrucktes Blatt mit den sechs im Vortrag entfalteten
Thesen vor.15 Die
anschließende Diskussion «wurde fast nur von den großen Tieren der Provinz benützt: |428 Generalsuperintendent, Konsistorialräte, Studiendirektor des
Seminars, Fakultät»16. «Ich
redete dann noch einmal eine halbe Stunde schlußvotierend in Bildern und Gleichnissen
(Kinderschaukel, um die es sich hier nicht handle und dergleichen!) …»17 – Am Nachmittag «gabs am andern Ende der
Stadt noch eine große Aktion mit den Theologiestudenten, die bei der dortigen Fakultät
auf ziemlich schmale Kost gesetzt sind und mit denen ich die Thesen einfach noch einmal
durchnahm, bis wenigstens die Hauptbegriffe saßen.»18 Am folgenden Tag, dem 26. November, ging es |429 dann morgens von Pillau aus in vierstündiger Schiffsfahrt
nach Danzig.19
2. Danzig, 26. November 1924
Auf diesen Tag hatte Pastor F. Reimer aus
Danzig in einem Brief vom 5. November 192420 Barth eingeladen: «Herr Pfarrer Ankermann in Königsberg schreibt mir, daß Sie auf
der Königsberger Festwoche einen Vortrag halten und evt. bereit sein würden, diesen
Vortrag bei uns in Danzig zu wiederholen. Ich habe Herrn Pfarrer Ankermann darauf geantwortet, daß wir uns
außerordentlich freuen würden [,] Sie bei uns begrüßen zu können und den Vortrag zu
hören … Wir haben hier in Danzig einen ‹Theologischen Verein›, unter dessen Auspicien
der Vortragsabend von statten gehen würde. Wir würden die Theologen Danzigs und der
Umgebung, einschließlich der Religionslehrer, dazu einladen. Unser
Generalsuperintendent, Herr D. Dr. Kalweit,
interessiert sich ganz besonders für die Veranstaltung.» In dessen Hause war Barth dann
auch zu Gast. Am Abend des 26. wiederholte Barth «in der Sakristei einer alten Kirche [=
Bartholomäikirche] vor etwa 40–50 Pfarrern und Religionslehrern»21 seinen Königsberger Vortrag. Im Anschluß fand eine
Diskussion statt.22 In einem Brief vom 14. Dezember23 teilte Kal|430weit dem Referenten mit: «Sie können
überzeugt sein, daß Sie hier viel Verständnis gefunden und viele Freunde gewonnen haben.
Wenn es nicht zu einer lebhaften Aussprache kam, so lag das nicht an innerer Ablehnung,
sondern an tiefer Ergriffenheit.»24
Menschenwort und Gotteswort
in der christlichen Predigt
I.
Die christliche Predigt geschieht in der Voraussetzung, daß Gottes in
seiner Offenbarung gesprochenes und in der Schrift bezeugtes Wort unter Dienstleistung
der Kirche auch heute sich hören lassen will.
Unsre altprotestantischen Väter lebten der Auffassung, daß das, was in der christlichen
Predigt verkündigt und vernommen werde, nicht mehr und nicht weniger als Gottes Wort
sei: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei. Proinde cum hodie hoc Dei verbum (nämlich
das in der Schrift bezeugte) per praedicatores … annunciatur in ecclesia, credimus ipsum
Dei verbum annunciari, et a fidelibus recipi», schreibt Bullinger im 1. Kapitel der Conf. Helv.
Post.a Und ihm
sekundiert der Lutheraner |431
Joh. Gerhard: «Unum
idemque Dei verbum est, sive praedicationis sive scriptionis modo nobis
innotescat.»b Es wäre gewiß reizvoll, der historischen Umstände zu
gedenken, unter denen diese These damals aufgestellt worden ist. Bei Bullinger z. B. kann kein Zweifel bestehen, daß sie
zunächst die Gegenthese war zu der täuferischen Lehre, daß Gott,
nachdem er in der Schrift einmal äußerlich gesprochen, dem Menschen der Folgezeit nicht
ohne die Schrift, aber im übrigen durch sein direkt in das Herz des Einzelnen
gesprochenes inneres Wort sich mitteile. Aber alle derartigen Reminiszenzen könnten uns
doch die Frage nicht ersparen und nicht erleichtern, ob diese These mit ihrer
merkwürdigen Identifikation von Menschenwort und Gotteswort in der christlichen Predigt,
wie sie auch entstanden sein möge, nicht Ausdruck eines Sachverhalts ist, ohne den das Faktum der christlichen Predigt (in unsrer
protestantischen Kirche ganz besonders) in sich unbegreiflich und sinnlos wäre, 120 auf dessen Boden wir alle als christliche, als
protestantische Theologen also schon stehen, ganz einerlei, wie wir
uns zu jener These stellen mögen. Daß dem so sei, das ist die Behauptung meines ersten
Leitsatzes. Ich erinnere zunächst an folgendes: Die Reformation hat es gewagt, das
Verhältnis von Sakrament und Predigt umzukehren.
Genau auf dem Höhepunkt des christlichen Gottesdienstes, auf dem in der katholischen
Kirche die eucharistische Wandlung vollzogen wird, wird im Protestantismus gepredigt. Genau den ernsten, beziehungsvollen, aber gegenüber dem eigentlichen
kirchlichen Zentrum dogmatisch und kultisch unverkennbar nur supplementären Charakter,
den dort die Predigt hat, haben bei uns die Sakramente. Was bedeutet
diese Umkehrung? Bedenken wir, daß die katholische Kirche das Sakrament definiert als
«res sensibus subjecta, quae ex Dei institutione sanctitatis et justitiae tum
significandae tum efficiendae vim habet»c, und daß nach katholischer Lehre die Bedeutung speziell des Altarsakraments vor
den übrigen darin besteht, daß in ihm «nicht nur die göttliche Gnade enthalten ist,
sondern der Ur|432heber der Gnade selbst»d. Wenn nun die Meinung bei jener reformatorischen Umkehrung sicher nicht die gewesen ist, mit der jetzt in das kirchliche Zentrum rückenden
Schriftauslegung dieses Zentrum von jener «vis sanctitatis et justitiae significandae et
efficiendae», von jener Gegenwart des Urhebers aller Gnade zu entblößen, etwas Minderwertiges in das kirchliche Zentrum zu stellen – im
Gegenteil! –, dann ist offenbar der Satz: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei» gerade
für die protestantische Kirche sinnvoll und notwendig.
Eine zweite Erwägung führt uns zu demselben Ergebnis: Die Predigt ist auf alle Fälle,
wie stark man auch ihren Charakter als Darstellung menschlicher Glaubenserfahrung und
Gewissensüberzeugtheit betonen mag, das Wagnis, von Gott zu reden als
von einer gegenständlichen Realität. Wenn die Kirche das nicht tun
wollte, könnte sie von Gott nur schweigen, eventuell lallen oder musizieren. Sie wagt es
aber, von Gott zu reden. Das ist ein unmögliches Unternehmen.
Kants Vernunftkritike ist in dieser Beziehung nur die negative Näherbestimmung dessen, was schon Ex. 3[,14] zu lesen steht: Gott
offenbart seinen Namen, indem er ihn verhüllt. «Ich bin, der ich bin!» Auch der
scheinbar nur als Gegenfüßler Kants zu
verstehende Thomas von Aquino, auch unsre wegen ihrer allzu großen Metaphysikfreudigkeit
oft verdächtigten altprotestantischen Orthodoxen haben, wenn nicht alles 121 täuscht, sogar prinzipieller als wir, gewußt, Gott ist incomprehensibilis29, auch in seiner Of|433fenbarung,
gerade in seiner Offenbarung. Von ihm reden als von einer
gegenständlichen Realität, als von einem Er – von ihm, dem unaufhebbaren Ich! –, das ist
gerade angesichts der Krippe zu Bethlehem, gerade angesichts des Kreuzes von Golgatha,
auf die Luther so oft und mit Recht verwiesen
hat, ein unerhörtes Paradox. Dieses Paradox wagt die Kirche. Und die protestantische
Kirche wagt es – wahrhaftig, das Mysterium ist zum mindesten nicht kleiner als das der
eucharistischen Wandlung –, dieses Paradox in das kirchliche Zentrum zu rücken. Wenn
dieses Wagnis keine Tollheit ist und kein Frevel, wenn es auf einer sinnvollen
Voraussetzung beruht, kann es dann eine andre sein als die, daß es uns geboten ist, von Gott zu reden, weil Gott sich offenbart hat,
und zwar «in Windeln gewickelt» [Lk. 2,12], – man erlaube mir eine kleine, übrigens nicht neue Allegorese30 – in die Hülle der Objektivität, die es uns erlaubt, ja die es
kategorisch von uns verlangt, von ihm zu reden, daß also zwischen unserm Er und seinem
Ich, zwischen unserm Reden von ihm und über ihn und seinem eigenen Reden von sich selbst eine höchst indirekte, aber höchst wahre,
höchst notwendige Identität besteht: «Praedicatio verbi Dei est verbum Dei»?
Versuchen wir es, noch einer dritten Spur zu folgen. Die Predigt ist Rede von Gott,
aber Anrede, Rede ad hominem. Sie versetzt den Hörer in eine sehr
bedenkliche, sehr kritische Situation. Sie beansprucht, ihm Antwort zu geben auf eine
Frage, die sie selbst erst ihm zur Frage macht. Sie deckt seine verschwiegenste Not auf
und nennt sie Gericht. Sie bietet ihm Gnade an, eine Errettungsmöglichkeit, die
notwendig außerhalb seines Gesichtskreises liegt. Sie verkündigt ihm den vor der Tür
stehenden Sieger und Sieg über den Zwiespalt seiner Existenz, vielleicht in dem
Augenblick, wo er sich eben mit diesem Zwiespalt als der notwendigen Grenze der
Menschheit31 abgefunden, wer weiß, sogar in aufrichtiger Frömmigkeit abgefunden hatte. Sie
fordert Entscheidung von ihm. Sie |434 verlangt Glauben und
Gehorsam. Im Namen Gottes und für Gott, gewiß, aber von Mann zu Mann, ein Sünder und
Sterblicher von seinesgleichen. Und sie kann sich, wenn sie kein faules Salz [vgl. Mt. 5,13] ist, nicht damit
begnügen, Gewissensforschung und Gesinnungspflege zu treiben, obwohl schon das kühn
genug ist; sie wagt es, muß es wagen, die Zeichen der Zeit zu deuten, die Könige so gut
wie die Massen vor das ewige Gesetz zu stellen, prophetisches Wort an die Zeit und zur
Lage zu sein. Vor das Gesetz Gottes die Gesellschaft zu stellen, ja,
aber in Menschenworten, mit allen Gefahren menschlicher Leidenschaft, Kurzsichtigkeit
und Un122gerechtigkeit, von denen solche umgeben
sind. Und nun dieses Amt nicht als Beruf und Vorzug Einzelner, sondern als Institut, als
Amt, das die Person tragen soll und nicht umgekehrt! Daß die Täufer, gegen die Bullinger jenes Wort schrieb, und mit ihnen die
Mystiker aller Zeiten gegen die Annahme eines «verbum divinum externum»32, gegen die Möglichkeit solch aktueller Anrede im Namen Gottes von Mann zu Mann
sich sträubten, daß sie das höchstens in Fällen besonderer direkter Inspiration, aber
gerade nicht als kirchliches Institut gelten lassen wollten, wer würde das nicht
verstehen? Wehe uns, wenn es uns selbstverständlich wäre! Die kirchliche Predigt aber
ist das Amt dieser höchst kritischen Anrede ad hominem. Wenn wir das
nicht mehr wollten mit der Predigt, sollten wir zusammenpacken und
gehen. Wie aber sollen wir den maßlosen Anspruch, den wir damit erheben, auch nur vor
uns selbst rechtfertigen? Welche noch so tiefe Überzeugung, welches noch so hohe
Erlebnis, welches noch so ausgebreitete Theologiestudium gibt uns die Legitimation, uns
so redend zwischen Gott und unsere Mitmenschen zu stellen? Woher dieses Amt? Ist nicht
auch in dieser Hinsicht das Faktum der christlichen Predigt in sich sinnlos und
unbegreiflich – ethisch unmöglich, wäre jetzt zu sagen – ohne jene
Voraussetzung, daß es sich in dem Menschenwort, das hier geredet werden soll und muß, um
Gottes eigenes Wort handelt, der solches zu tun allein das Recht hat, weil er Gott ist, der aber solches nun einmal nicht ohne uns tun will? Und bleibt uns dann, wenn wir die christliche Predigt
wollen, etwas Anderes übrig, als uns resolut auf den Boden dieser Voraussetzung zu
stellen?
435 Von einigen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, soll heute die Rede sein. Aber es
wird zur Klarheit auch des Folgenden nützlich sein, wenn wir noch einen Augenblick bei
der Voraussetzung selbst, bei den verschiedenen Momenten, aus denen sie sich
zusammensetzt, stehen bleiben. Zweierlei scheint mir hier entscheidend:
Erstlich: Die christliche Kirche wagt es, von Gott zu reden, weil sie
ihn selbst reden zu hören meint, weil sie sich selbst von ihm angeredet weiß. Anrede Gottes, Wort
Gottes! Wie man sich auch zu diesem Begriff stellen mag, alles kommt zunächst darauf an,
daß man sich klar macht: was die Kirche damit meint, ist etwas Spezifisches,
Unvergleichliches, eine Kategorie für sich. Wer das biblische «Und Gott sprach …», das
hier letztlich gemeint ist, unter einen Begriff zusammenfaßt mit den Theophanien und
Inspirationen der Religionswelt, mit der philosophischen Idee der Grenze, des Ursprungs
oder des Dings an sich, mit der Lehre, der ethischen Quintessenz oder dem gefühlsmäßig
erlauschten lebendigen Pulsschlag der allgemeinen Geschichte, mit der 123 Stimme der Natur oder mit der Stimme des eigenen Herzens oder
Gewissens, der tut damit etwas Erlaubtes, unter einem bestimmten wissenschaftlichen und
menschlichen Gesichtspunkt sogar Notwendiges; er meint, wenn er den Inbegriff aller
dieser Worte das «Wort Gottes» nennt, u. U. etwas sehr Tiefsinniges; er meint aber unter
allen Umständen nicht das, was die Kirche damit meint, nicht das Wort,
das, wenn er ein Christ ist, in der Taufe auch zu ihm gesagt ist. Daß es zu ihm gesagt ist, das ist das kategorial Verschiedene dieses
Wortes, das er sofort übersieht, sobald er sich betrachtend und verallgemeinernd
danebenstellt. Was von Gott zu mir gesagt ist, das kann ich nicht mit Anderm, das gewiß
(von irgendwem zu irgendjemandem) auch gesagt ist, in eine Reihe stellen, auch nicht an die höchste Stelle einer
Reihe. Sonst ist es eben nicht von Gott, nicht zu mir, nicht gesagt. Was von Gott zu mir gesagt ist, das ist eo
ipso behaftend, in Anspruch, in Beschlag nehmend, Diskussion und Widerspruch, ja schon
Vergleich und objektive Betrachtung ausschließend. Alle Gründe, mit
denen wir uns klar machen können, inwiefern das Wort Gottes im Vergleich zu andern
Worten den Vorzug verdient, können nur Gründe a posteriori sein.
Gottes Wort begründet seine Geltung selbst, indem es von ihm zu mir gesprochen wird. Ein
Warum? und ein Darum ist hier ausgeschlossen. Sonst ist es nicht Gottes Wort. Ich kann versagen, ich kann verleugnen, ich kann den Gehorsam
verweigern; |436 aber ich kann nicht in Abrede stellen, daß der
Begriff «Wort Gottes» diese kategoriale Eigenart hat. So beschaffen ist das Wort, das in
der Taufe an den Menschen gerichtet wird, die Anrede Gottes, die die christliche Kirche
zu hören meint. Es ist nicht ein allgemeines wahrzunehmendes oder auch nicht
wahrzunehmendes göttliches Tönen und Klingen, Leben, Weben und Sein [vgl. Act. 17,28], von dem der Mensch
als solcher umgeben wäre, sondern ein bestimmtes Wort, so einig und
bestimmt, wie seine eigene Existenz, durch das er – es handelt sich um ein Ereignis – zur Rede gestellt ist. Nur das Ärgernis ist möglich
gegenüber dem Worte Gottes oder der Glaube, der Gehorsam oder eben die Empörung. Ein
Wort, demgegenüber eine andere Haltung möglich ist, ist jedenfalls nicht das Wort
Gottes.
Kirche ist die Gemeinschaft in diesem bestimmten Von-Gott-Angeredet-und
-zur-Rede-Gestellt-Sein. In diesem Sinn nennt sie die Bibel Gottes
Wort. Hier, an dieser Stelle des unbegrenzten Feldes
der Möglichkeiten, in den Runen dieser Partikel antiker Religions- und
Literaturgeschichte meint sie Gott reden zu hören. Warum gerade hier? Die Frage ist
begreiflich, menschlich, aber sie ist, christlich betrachtet, ein Denkfehler, absolut
unsachlich. Die sachliche Antwort 124 kann, so hart das
klingen mag, allein lauten: die Bibel ist Gottes Wort, weil sie es ist. Gewiß, dieses «ist», der Vorzug der Bibel vor den Upanishaden oder
vor dem Koran oder vor Goethes Faust, läßt
sich nachträglich mehr oder weniger einleuchtend erläutern. Aber nicht diese möglichen
Erläuterungen, also z. B. nicht die Einzigartigkeit des Urchristentums innerhalb der
hellenistischen Religionsgeschichte, auf die der Historiker X im Gegensatz zu den
Historikern Y und Z seinen klugen Finger legen kann, nicht das ethisch Bezwingende, das
ein spezifisch abendländisch bzw. deutsch eingestelltes Gewissen von seinem Standpunkt
aus ganz mit Recht in seiner mit Auswahl gelesenen Bibel entdeckt haben mag, auch nicht
der vielberedete unmittelbare Eindruck der «historischen Persönlichkeit» Jesu, wie sie,
nie ohne allerlei Willkür, hinter den biblischen Texten eruiert worden ist – nicht
derartige nachträgliche Feststellungen, denen mindestens das Fragezeichen früher oder
später doch zu folgen pflegt, sind der Grund des Satzes, daß die Bibel Gottes Wort ist.
Das alles sind bestenfalls Überzeugungen. Und was sich auf
Überzeugungen gründen läßt, das sind Sekten. Wir reden aber hier von
dem, worauf sich die christliche Kirche begründet. Hat der
Protestantismus |437 es gewagt, auch an dieser Stelle einen
katholischen Satz33 umzukehren und die Autorität der Kirche auf die Autorität der Bibel zu
begründen, so wird er hoffentlich christlichen Takt genug besitzen, um einzusehen, daß
es doch einfach nicht geht, die Autorität der Bibel auf ein aus Luthertum und Idealismus wunderlich gemischtes
Normsystem oder ähnliche moderne Velleitäten zu begründen. Nein, jener Satz: die Bibel
ist Gottes Wort! gilt, und das ist der Grund, auf den die christliche Kirche sich
gründet, weil es Gott gefallen hat, durch die Bibel zu uns zu reden.
Was die Kirche zu hören meint und was sie danach zum Reden veranlaßt, das ist nicht eine
Überredung, sondern ein Befehl. Was Luther in Marburg Zwingli
entgegenschleuderte, war sachlich ganz richtig und Zwingli gegenüber nicht ganz unangebracht: «Wenn der Herr mir Holzöpfel
fürleite und hieße es mich nehmen und essen, sollt ich nit fragen: warum?«f Das bedeutet nicht die Proklamierung des «credo, quia absurdum»35, wohl aber des «credo, ut intelligam»36, der
Unumkehrbarkeit dieser Reihenfolge. Kein, auch kein ethisches intelligere kann dem credo
vorangehen.37 Es ist primär, oder es ist nicht credo.
Was die Kirche zu hören meint, das ist das Wort Gottes in der Hülle, in der
Verborgenheit des Propheten- und Apostelwortes. In der Tat: was Gott uns «fürleit» als
sein Wort, das ist dem nicht-sehenden 125 Auge so etwas wie Holzäpfel: Menschenworte, die keineswegs
Offenbarung sind, nur |438
Zeugnis von der Offenbarung sein wollen. Unsichtbar hinter ihnen steht das «Deus dixit»38 selber, von dem sie zeugen. «Literae, verba caro sunt», schrieb wieder Bullingerg, und noch an der Schwelle des 17. Jahrhunderts
Barth. Keckermann:
«Libri canonici sunt medium, quo Deus naturam, voluntatem, gratiam
suam nobis cognoscendam dedit»h. Es war der Anfang vom Ende, der Anfang der neuprotestantischen Theologie, die
von der Kategorie «Wort Gottes» nichts mehr weiß, als man im 17. Jahrhundert durch
Aufrichtung der Verbalinspirationslehre die Schranke zwischen Schrift und Offenbarung
niederriß, einen an sich und unmittelbar heiligen Buchstaben aufrichtete und damit die
Verborgenheit des Wortes Gottes, das man zu hören meinte, leugnete, indem man es zu
einer öffentlichen, direkten, auf dem Papier nachweisbaren Sache machte. Kein Wunder,
daß man bald darauf das Wort Gottes gar nicht mehr vernahm. Wort
Gottes an uns kann es nicht anders geben als in der Verborgenheit
wirklichen, echten, nicht bloß soufflierten oder diktierten, sondern von unsereins
gedachten, geformten und ausgesprochenen Menschenwortes. Als solches tritt es an uns
heran, eine Objektivität, verständlich, aber auch mißverständlich, deutlich, aber auch
zweideutig, ein Paradox, das sich auftun muß, das eingesehen sein will, und darum und so
eben als Befehl an uns, als Aufforderung zum Glaubensgehorsam, zur ὑπακοὴ πίστεως [Röm. 1,5; 16,26], die keinen, gar keinen andern Grund hat und kennt als die Erkenntnis,
daß es Gott gefällt, durch das Menschenwort, das nur Zeugnis von ihm
sein kann, sich selbst zu verherrlichen, Subjekt zu sein in der Hülle von Objektivität,
in der er uns im Propheten- und Apostelwort entgegentritt, entsprechend der andern, noch
größern Enthüllung in der Verhüllung, auf die dieses
Menschenwort zurückweist: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit [Joh. 1,14]. Wir sahen! Weil es Fleisch ward? Oder obwohl es Fleisch ward? Beides in Einem, ist zu sagen. Beides
gehört zu diesem «Wir sahen». Das Sehen selbst aber geht |439
mitten hindurch: Wir sahen, – indem es das Wort war. Genau so steht es
auch mit dem Zeugnis von ihm. «Wer glaubt unsrer Predigt, und wem wird der Arm des Herrn
offenbart?» [Jes. 53,1; vgl.
Röm. 10,16], fragen die
Propheten und Apostel bis heute. Auf dieselbe Objektivität ihres Menschenwortes können
wir reagieren, indem wir Ärgernis nehmen oder indem wir glauben. Calvin gibt auf jene Frage im
Namen der christlichen Kirche die 126Antwort: «Summa
scripturae probatio a Dei loquentis persona sumitur.»i In diesem Sinn, nicht aus Überzeugung, sondern weil sie
Gott die Ehre zu geben nicht unterlassen kann, meint die Kirche in der Bibel sein Wort zu hören.
Das zweite Moment in der Voraussetzung der christlichen Predigt besteht darin, daß die
Kirche der Meinung ist, daß das Wort Gottes auch heute, und zwar unter ihrer eigenen
Dienstleistung, sich hören lassen wolle. Wir dürfen das Doppelte, das damit gesagt ist,
keinen Augenblick voneinander trennen, keinen Augenblick auch es anderswoher verstehen
wollen als aus dem eben entwickelten Begriff des Wortes Gottes. Wort Gottes ohne die
Gegenwart, ohne den Augenblick des jetzt angeredeten Menschen, Wort Gottes als
historische Größe, das wäre ein hölzernes Eisen, das wäre nicht das Wort Gottes. Es
müßte wieder eingesehen werden, daß es theologisch ein Denkfehler ist, wenn man von
Jesus Christus auch nur einen Augenblick historisch redet, abgesehen von dem Faktum, daß
wir auf seinen Namen getauft sind, als ob er nicht bei uns sein wollte alle Tage bis an
der Welt Ende [vgl. Mt. 28,20].
Das Ich-und-Du-Verhältnis, in dem das Wort Gottes gesprochen ist, erlaubt uns nicht,
dieses Wort auch nur einen Augenblick zu historisieren. Das ist, wenn es geschieht,
immer der Bruch des mit Abraham und seinem Geschlecht geschlossenen Bundes. Heute,
heute, so ihr seine Stimme höret …! [Hebr. 3,7f.; 4,7].
Dieses Heute ist so unentrinnbar wie die Stimme selbst. Nur in actu, im Augenblick ist
sie diese Stimme. Aber das ist nicht alles. Ist das Wort Gottes nur im
Augenblick und ist der Augenblick das Angeredetsein von Gott, so haben wir dieses
Angeredetsein bereits bezeichnet als ein Zur-Rede-gestellt-Sein.
Überzeugungen, Einsichten, Ideen, Erlebnisse kann man verschweigen, und es ist oft
wirklich ratsam und kein Schade, wenn das geschieht. Das Wort Gottes kann man nicht
verschweigen. «Da dachte ich: Wohlan, ich will sein nicht mehr geden|440ken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in
meinem Herzen wie ein brennend Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich’s nicht
leiden konnte» (Jer. 20,9). Um
jenes begeisterte Mitteilen aus der freudigen Fülle inneren Besitzes, wie es einem bei
einem Schleiermacher so rätselhaft begegnet,
scheint es sich also hier nicht zu handeln, sondern eher um eine Not, aber um eine
notwendige Not: «Der Löwe brüllt; wer sollte sich nicht fürchten? Der Herr Herr redet;
wer sollte nicht weissagen?» (Amos 3,8). Unaufhaltsame Konsequenz dringt in jenem Akt vom Hören zum Reden, von dem Wort zu den Worten, von dem Befehl zum Glaubensgehorsam zu dem andern Befehl, der doch kein
anderer ist, 127 sondern nur seine
Ausführungsbestimmung: Gehet hin in alle Welt und prediget …! [Mk. 16,15], von der congregatio
electorum zu der ecclesia visibilis mit ihrem ministerium verbi divini, ihrem Dienst am
Wort. In der Objektivität des Menschenworts ist das Gotteswort hörbar geworden. In
derselben Objektivität will es sich wieder und weiter hören lassen. Hier hat, das Wort
ist eben gefallen, die Kirche ihre ratio existendi. Sie ist die
Gemeinschaft der Angeredeten, der zur Rede Gestellten. Wo das Wort ist, da ist auch die Kirche. Wenn es keine Kirche
gäbe, würde sie sofort entstehen, nein geschaffen werden, weil es
das Wort gibt. Sie ist der «mystische Leib» des fleischgewordenen Wortes, wie unsre Alten gesagt haben.41 Aber davon hat schon Paulus geredet: wo dieses Haupt ist, Christus, da ist auch
dieser Leib42, und seine Funktion ist es, jenen zu verkündigen, bis daß
er kommt [vgl. 1.Kor. 11,26]. Mit der Kirche selbst ist auch das Predigtamt der Kirche – nicht erfunden,
und sowenig wie die Kirche selbst naturrechtlich zu begründen, aber eingesetzt durch das Wort selbst zum Dienst am Wort.
Begründung ihres Rechtes, das Wort zu «ergreifen» durch ihr Menschenwort? Kann sie eine
andere Begründung geben als die unter Furcht und Zittern [vgl. 1.Kor. 2,3 u. ö.] zu gebende eine, daß es so Gottes Wohlgefallen ist? Das ist die andere Seite der Voraussetzung der christlichen Predigt.
441
II.
Diese Dienstleistung der Kirche, also die Aufgabe der Predigt als einer
menschlichen Rede über Gott, kann nur darin bestehen, Gottes eigenem Wort
Aufmerksamkeit, Respekt und sachliches Verständnis zu verschaffen.
Gott spricht: spricht sein ewiges Wort in Jesus Christus, spricht sein
Wort für alle Zeiten im Zeugnis der Propheten und Apostel, spricht sein Wort für den
Augenblick, und hier soll die Kirche mit ihrem Predigtamt dienend dabei sein. Das ist
die Voraussetzung, von der wir kommen und auf der nun weiterzubauen ist. Was heißt «verbi divini ministerium»? Darauf will unsre zweite These zunächst
grundsätzlich Antwort geben.
Vor allem ist hier der Ort zu bestimmen, wo dieser Dienst
stattfindet. Es ist das eine Wort Gottes, dem dieser Dienst gilt. Aber
es ist etwas anderes, ob man Offenbarung sagt oder Schrift oder Predigt. Wir stehen im
selben Dienst wie Jesus Christus, wie die Propheten und Apostel. Aber in einem andern
Sinn ist unsereiner «Diener» als Paulus, der
δοῦλος Ἰησοῦ Xριστοῦ [Röm. 1,1; vgl. Phil. 1,1], in einem ganz andern vollends als der Knecht Gottes, der selbst das Wort ist. Hier sind
Distanzen zu beachten, die 128 nicht ungestraft
ignoriert werden. Unsre Dienstleistung muß begründet sein in der negativen, aber sehr
fruchtbaren Einsicht, daß es sich nie und unter keinen Umständen darum handeln kann, daß
wir die Offenbarung an uns reißen, das ewige Wort
sprechen, das «Deus dixit», das die Propheten und Apostel vernommen haben, wiederholen
wollen. Es ist gesprochen und so, als das, das gesprochen ist, muß es weiter sprechen. Dienst verlangt Disziplin, und Disziplin verlangt
Subordination. Es kann nur zu Katastrophen führen, wenn der Diener am Predigtwort sich
eingestandener- oder uneingestandenermaßen vermißt, zu sein und zu tun, was nur einem
zukommt; das Wort muß in völliger prinzipieller Einsamkeit und
Einzigartigkeit für sich stehen, sonst wird der Dienst der Kirche zur Empörung. Nicht
dieselbe, aber eine ebenso prinzipielle Distanz besteht und ist zu beachten zwischen
Predigt und Bibel. Der Eintritt des ursprünglichen, unmittelbaren
Wortes in die Geschichte, als Schriftwort, ist in seiner Weise auch etwas kategorial
Einzigartiges. Das ist bezeichnet durch den durchaus zu Recht bestehenden Begriff des
Kanons. Es war kein glücklicher Ge|442danke von H. Stephanj, Luther in aller Form unter die
Propheten zu versetzen, wie es überhaupt eine von den vielen modernen Taktlosigkeiten
ist, daß man auf den Gedanken hat kommen können, den Unterschied zwischen dem Zeugnis
der Schrift und dem durch sie veranlaßten Zeugnis der Kirche, zwischen einem Apostel und
einem Genie44, zu verwischen, die Bibel, die Geschichte und sich selbst fortwährend in einem
Atemzug zu nennen. Dienst heißt Gehorsam: Gehorsam gegen Gottes Befehl, der uns überbracht wird. Die Überbringer sind die Propheten und Apostel mit ihrem Wort. Daran haben wir uns zu halten.
Sodann, zweitens, haben wir unsre eigene Situation und ihre Möglichkeiten ins Auge zu
fassen, wiederum mit dem Resultat einiger negativer Feststellungen (negativ voll
heimlicher Positivität!). Was bedeutet das: die Predigt ist Gottes Wort? Entweder eine
fromme Hyperbel, eine liturgische Formel, die man nicht pressen, d. h. nicht ernst
nehmen darf, oder also dieselbe unerhörte strenge und gnädige Gotteswirklichkeit, die
wir meinen, wenn wir Offenbarung und wenn wir Heilige Schrift sagen. Gerade dann kann es
offenbar keine theologische Überheblichkeit bedeuten. Der Pfarrer ist schlecht und recht
der Pfarrer mit seinem Menschenwort, wie auch Jesaja und Paulus schlecht und
recht Jesaja und Paulus waren, er so wenig wie sie eine Weidenflöte
des Hl. Geistes45. Ja noch
höher hinauf: die ehrliche, echte, irdische Menschlichkeit unsres Dienstes in der
Predigt darf so wenig geleugnet werden wie die menschliche Natur 129 Christi in der Offenbarung. Das Wort Gottes ist auch in der
Gegenwart in der Verborgenheit. Wir können nur Menschenworte reden,
und das ist in der Ordnung so. Wir sollen Menschenworte reden als solche, die Gottes
Wort gehört haben und wissen, daß Gott selber wieder und weiter sein Wort sprechen will.
Damit ist die |443 Grenze und die Aufgabe unsres Dienstes
gegeben. Die Grenze: er kann auf keinen Fall darin bestehen, daß wir Gott selbst auf den
Plan führen, das Wort Gottes selbst sprechen wollen. Das Wort Gottes geht nicht über
unsre Lippen; es ist und bleibt immer Gottes eigenes Wort. Seine Gedanken sind nicht
unsre Gedanken [vgl. Jes. 55,8], auch nicht in den Augenblicken unsrer höchsten Bereitschaft,
Aufgeschlossenheit und Begeisterung, auch dann nicht, wenn wir wörtlich die Bibel
zitieren; denn auch im Bibelzitat ist das Wort Gottes in der Verborgenheit. Es bleibt
bei der Verlegenheit, in die uns die Aufgabe der Predigt gerade dann versetzen muß, wenn
wir wissen, um was es geht. Wer nicht lieber nicht predigen würde (man
denke an Mose [vgl. Ex. 4,10.
13], Jesaja [vgl. Jes. 6,5], Jeremia [vgl. Jer. 1,6], Jona [vgl. Jona 1,3]), der hat vielleicht die
Situation noch nicht verstanden. Es bleibt bei jenen eingangs geschilderten
Unmöglichkeiten: wir sollen über Gott reden, wo wir doch wissen müssen, daß man «über»
Gott gar nicht reden kann, wo doch der Anspruch, mit dem wir damit auftreten, unsern
Mitmenschen gegenüber ganz unerträglich ist. Im Alten Testament wird das Wort des Herrn
häufig eine «Last» genannt.46 Das ist es, vor allem und zuerst für den,
der es ausrichten soll. Menschlich geredet können wir unter der Last des «ministerium
verbi divini» jeden Augenblick nur zusammenbrechen. Was uns hält, ist
exklusiv die Tatsache, daß es uns befohlen, von Gott
befohlen ist. Aber diese Tatsache ist verborgen, und so sind wir in den Augen
scharfblickender Mitmenschen und gewiß auch in unsern eigenen Augen fort und fort
Zusammenbrechende, von allen Seiten Umzingelte, unmittelbar vor der Kapitulation
Stehende. Uns selber das größte Wunder, ist ein kleiner Mut zum Weiterfahren, gerade
genug zum Leben, jeden Morgen wieder da, wie das Öl im Krug der Witwe von Zarpath [vgl.
1.Kön. 17,8–16]. Das ist kein leidiger Übelstand unsres Dienstes. Das kann und das soll
nicht «überwunden» werden47. Da gibt es kein tröstliches «Andrerseits», mit dem wir der damit
verbundenen Unannehmlichkeit wieder entrinnen könnten. Das ist die Situation, in der wir
begreifen müssen, was wir sollenk. In diesem Gedränge, an |444 dieser
Grenze wird unsre Aufgabe sichtbar: Wir können Gottes eigenes Wort nicht ersetzen durch
unser Wort, 130 wohl aber verkündigen, d. h. Kunde von ihm geben, annuntiare, κηρύσσειν, seine Herolde oder Vorläufer sein. Dazu scheint Gott
den Dienst der Kirche zu beanspruchen. In diesem Sinn will er sein Wort, das er selbst
spricht, doch nicht ohne uns sprechen. Wir können, und das ist die Aufgabe der Kirche,
kundtun, daß es so etwas wie Gottes Wort an den Menschen gibt. Wir können mit unsern
Menschenworten den Versuch machen, um das verborgene Wort herum eine Zone von
«Aufmerksamkeit, Respekt und sachlichem Verständnis» zu schaffen, wie ich in der These
sage, innerhalb der menschlichen Gedanken sozusagen einen Raum zu
schaffen, oder sagen wir noch bescheidener: abzustecken, warnende, verheißende,
bedeutungsvolle Zeichen aufzurichten aller Welt zum Zeugnis, Zeichen,
an denen sie wenigstens nicht vorbei sehen, die sie nicht ohne Weiteres mit andern
Zeichen verwechseln, deren kategorialen Sinn sie nicht verkennen kann, auch wenn sie den
König, der da verkündigt wird, selbst nicht erkennt oder verleugnet. Das zu tun, liegt
im Bereich menschlicher Möglichkeit; ist es doch nichts anderes als die Demonstration,
durch die die Kirche sich als Kirche, d. h. als die Gemeinschaft der Angeredeten und zur
Rede Gestellten betätigt. Es ist die Linie Johannes des Täufers, auf der die Kirche steht. Was sie tun kann
und soll, ist das Zeigen seines ausgereckten Fingers49: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde
trägt! [Joh. 1,29].
Verkündigung, Ankündigung in diesem Sinn war auch die Predigt der
Apostel, ja noch mehr: auch die |445 menschliche Predigt Jesu
Christi selbst. Über das: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen,
ἤγγικεν [Mk. 1,15] geht das Menschenwort auch in diesem Mund nicht hinaus. Das ist die Verborgenheit des Gotteswortes. Ihm in seiner
Verborgenheit und darum ihrerseits in dieser höchst aktiven, höchst
verantwortungsvollen, höchst dringlich redenden Zurückhaltung hat die Predigt als
Menschenwort zu dienen. Bereitet dem Herrn den Weg! [Mt. 3,3]. Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch!
[Ps. 24,7. 9]. Gelobt sei, der da kommt
im Namen des Herrn! [Mt. 21,9].
Das kann, das soll dieses Menschenwort sagen. Mehr als das soll es nicht wollen. Mehr
wäre weniger. Deo soli gloria!
III.
Die Predigt wendet sich an den Menschen als an den Gefangenen Gottes, der
nach Gott fragen muß und nach Gott nur fragen kann.
Das Wort Gottes richtet sich an den Menschen. Von dieser zweiten
Seite des Problems ist nun zu reden. Auch die Predigt wendet sich an den Menschen. Aber es gilt große Vorsicht zu üben, wenn man dazu übergeht, ihren
Begriff nun auch von daher zu be131stimmen. Sie ist
«ministerium verbi divini», Gottesdienst, auch indem sie sich an den
Menschen wendet. Gottesdienst wird damit nicht zum Menschendienst, auch nicht teilweise.
Er bleibt ganz und exklusiv Gottesdienst. Die christliche Predigt kann
sich unmöglich die verschiedenen Anliegen des Menschen zu eigen machen, nicht weil sie
sie nicht kennte, nicht weil sie sie verachtete, nicht als ob der Prediger sie nicht in
seinem eigenen Herzen trüge, sondern weil die Predigt ihr eigenes Anliegen an den
Menschen hat. Sie kann und darf ihm nicht «aus dem Herzen» reden, weder aus seinem
gebildeten, noch aus seinem bürgerlichen, noch aus seinem proletarischen, noch aus
seinem deutschen oder französischen, noch sogar aus seinem frommen Herzen. Sie hat ihm
ins Herz zu reden, und das ist zweierlei. Es kann menschlich sehr
gut gemeint, es kann ethisch sehr schön zu begründen sein, wenn die Kirche sich dazu
hergibt, wenigstens teilweise auch eine Anstalt zur Pflege der im besten Sinn höchsten
menschlichen Güter zu sein, wenn sie sich also z. B., wie während des Krieges in allen
Ländern geschehen, mit dem ganzen ernsten Pathos des Gesetzes und des Evangeliums für
das einsetzt, was der eigene kämpfende Staat will. Aber hier lauert der Verrat am Worte
Gottes. Die ka|446tholische Kirche weiß trotz alles
raffinierten Menschendienstes, den es auch dort gibt, relativ mehr als wir von jener
leidenschaftlich-einseitigexklusiven Parteinahme für Gottes Angelegenheiten, die für die
christliche Kirche einfach konstitutiv ist. Sie beschäftigt sich viel primitiver, kann
man sagen, aber vielleicht gerade darum viel reinlicher als wir einfach mit dem ewigen
Heil des Menschen und darin denn doch mit dem Anliegen Gottes an ihn. Gerade darum
vielleicht fühlen so viele gerade moderne Menschen sich von ihr so viel besser
verstanden als von uns. Steht es nicht so, daß die Kirche den Menschen, an den sie sich
wendet, am besten versteht, wenn sie nicht ihn verstehen will, sondern
das an ihn gerichtete ewige, in die Zeit eingegangene, in der Gegenwart lebendige
Gotteswort – und von da aus dann, unter dem einen Aspekt, daß dieses Wort zu ihm
gesprochen ist, auch ihn, den Menschen? Was ist der Mensch unter der Voraussetzung –
«daß du sein gedenkest!»
[Ps. 8,5], daß es so etwas gibt wie Gottes
Wort an den Menschen? Offenbar wird er unter dieser Voraussetzung verstanden als
bedürftig, als harrend der in diesem Worte gegebenen Antwort, als Fragender. Indem Gott ihn anredet, anerkennt er ihn in dieser
Bedürftigkeit, als einen, der nach ihm fragen muß. Freilich nur fragen kann. Er, Gott, gibt ja die Antwort, immer ist sie seine Antwort. Er, Gott, fragt nicht, sondern spricht positiv. Menschenworte werden, so positiv sie klingen mögen, immer nur
verhüllte Fragen 132 nach Gott sein können. Aber dieses
Fragen, so versteht ja die Kirche ihr eigenes Reden, ist immer schon ein Echo der
göttlichen Antwort. In diesem Licht wird sie den Menschen überhaupt verstehen müssen.
Sie würde das Wort Gottes selbst schlecht gehört haben, wenn sie nicht, bevor sie den
Mund auftut gegenüber den Menschen, mit der Realität ihrer Beziehung zu Gott unbedingt
rechnen würde, wenn sie sie als etwas anderes anreden würde denn als Gefangene Gottes,
die ihm, wie sie sich auch stellen mögen, auf keinen Fall aus der Schule laufen können.
Gott hat gesprochen, also ist der Mensch auf Gott ansprechbar. Diese Voraussetzung in
Bezug auf den Menschen bedeutet ein Doppeltes.
Erstlich: die Kirche sieht den Menschen, wie er ist: in der ganzen Zerklüftung seines
Wesens zwischen Engel und Tier, in der Not seiner Heimatlosigkeit, die ihm nicht nur
anhaftet, sondern die ihm, dem Kind Adams, die Not seiner Existenz ist, in seiner
unendlich sich häufenden Schuld, dadurch begangen, daß er in Freiheit immer wieder tut,
was |447 Adam tat, sein will wie Gott [vgl. Gen. 3,5], statt sich zu bescheiden, der
Mensch zu sein, in seinem endgültigen Verhaftetsein in diese Situation, aus der er sich
mit keinem Werk, keinem Aufschwung, keinem Glauben lösen kann. Aber auf das alles redet
ihn die christliche Predigt nicht an. Sie hat nicht das Amt, die
Verdammnis, sondern die Versöhnung zu verkündigen [vgl. 2.Kor. 3,9; 5,18]. Sie sieht alles, wie es ist, und nennt es
schonungslos beim Namen. Aber sie glaubt a priori nicht an die Gottlosigkeit, die
Unwissenheit, die Sünde, den Widerspruch des Menschen. In dem Augenblick, wo der
Prediger sich als Verkündiger des Wortes Gottes an seine Mitmenschen wendet, muß, so
wahr es Gnade und Gnade allein ist, was ihn selbst zu einem Hörenden gemacht, jener
Glaube an das Böse im Menschen fallen. Er muß ihn vielmehr zu Gott rechnen mit derselben
automatischen Selbstverständlichkeit, mit der er sich selbst, nicht wissend wie ihm
geschieht, unter das Wort stellt. Als Gefangenen muß er ihn anreden, ja, aber als
Gefangenen Zions, der auch an den Wassern Babylons Jerusalems gedenken
muß [vgl. Ps. 137,1. 6]. Nicht weil er nun
törichterweise an ein Gutes im Menschen glaubte, oder gar an sein unbewußtes
Christentum50. Er glaubt aber, daß keinem Menschen die Frage nach Gott etwas Fremdes sein
kann. Er glaubt, sage ich, ohne zu sehen [vgl. Joh. 20,29], wie aller Glaube,
auf das Wort hin, wahrlich ohne die geringste Illusion über den Menschen, aber durch das
Wort in die Unmöglichkeit versetzt, etwas anderes zu glauben, als daß in aller
Verlorenheit des Menschen seine Frage, sein Hunger und Durst nach dem, was als Wahrheit
und Errettung nur in Gott sein kann, das Allerrealste im Menschen ist.
Nicht als etwas, was ihm gutzuschreiben wäre, aber als Reflex der Liebe 133 Gottes, die uns zuerst geliebt [vgl. 1.Joh. 4,19]. Oder ist das Wort nicht
gesprochen? Ist Christus nicht auferstanden [vgl. 1.Kor. 15,14]? Ist er auferstanden, ist es wahr, daß der
Vater ihm alles unter die Füße getan hat [vgl. 1.Kor. 15,27], dann, und das ist hier unser Erstes:
herunter vom Standpunkt der Pharisäerkirche, die es wagt, die Menschen unter ein anderes
Gericht zu stellen als unter das, unter dem sie selbst steht und von dem sie wissen muß,
daß es Gnade ist. Den Menschen verstehen heißt verstehen, daß er in all seinem Irren
Gott sucht und daß er Gott nicht suchen würde, wenn er |448 ihn
nicht schon gefunden hätte.51 Die Kirche muß den Mut und die
Demut haben, den Menschen besser zu verstehen, als er sich selbst versteht, ihn, der von
unten ist, von oben, von Gott aus zu verstehen um Christi willen. Sie hat es wahrlich
selber am nötigsten, so verstanden zu werden.
Und zweitens: Die Kirche sieht die Bedrängnis des Menschen, die ihm
gerade daraus erwächst, daß seine tiefste Realität seine Frage nach Gott ist. Mit dem Schicksal, mit der Natur, mit den Göttern und Götzen kann man
fertig werden. Mit Gott kann man nicht fertig werden. Und weil die Kirche daran glaubt,
daß der Mensch nach Gott fragen muß, darum weiß sie, daß seine
Lebensunruhe unstillbar ist, daß sie in immer neuen Formen immer wieder aufbrechen wird,
anders in unsrer Zeit als in vergangenen Tagen, anders im persönlichen Leben, anders in
den großen Problemen des öffentlichen, des Völkerlebens, anders in der Jugend, anders im
Alter, aber immer wieder aufbrechen. Weil Gott gesprochen hat, leiden wir an einer
Wunde, die sich nie mehr und nirgends schließen kann. Die Menschen rufen nach Ruhe in
dieser Unruhe, nach Trost in dieser Bedrängnis, sie kommen, wenn sie aller andern
Beschwichtigung müde geworden sind, auch wohl zu uns in die Kirche. Die Kirche wird doch
wissen, was sie zu tun hat?! Wissen, daß auch sie, wie so viele andere leidige Tröster,
den Menschen nicht verstehen würde, wenn sie ihm jetzt entsprechen,
wenn sie diese Ruhe, diesen Trost, die
Beschwichtigung, daß es mit der Frage nach Gott eine so schlimme Sache nicht sei, ihm
geben würde? Weiß sie nicht, daß diese Frage das Echo ist von Gottes Wort? Daß gerade in
dieser Frage Gottes Hand auf den Menschen gelegt ist? Daß es vor Gott und darum auch vor
jener unstillbaren Lebensunruhe keine Sicherung geben darf als die,
die Gott selber schafft durch sein Wort, die wir aber geradezu verhindern, wenn wir sie
schaffen wollen mit unserm Wort? Kann die Kirche sich anderswohin
stellen als unter das Wort, d. h. aber ehrlicher, radikaler, folgerichtiger als die Welt
in die Frage nach Gott und insofern mitten in die Welt hinein? Sollte
es nicht sein, daß die Menschen – auch in dieser Hinsicht besser zu verstehen, als sie
sich selbst verstehen – bei 134 uns keineswegs das suchen, was sie zu suchen vorgeben, jenes Entrinnen, wo doch kein
Entrinnen ist, jenen Frieden, der kein Friede sein kann, |449
jene Sicherheit, die morgen schon, auch als religiöse Sicherheit, zusammembricht,
sondern eine Stätte der Aufrichtigkeit und Folgerichtigkeit, wo anerkannt wird, wie es
steht um uns, daß wir wirklich Gefangene Gottes sind und darum so in
die Enge getrieben, darum so unfähig, uns zu beruhigen und beruhigen zu lassen, daß wir
nach Gott nur fragen können und darin eben uns
selbst zu erkennen haben, erkennen dürfen als angeredet von ihm: daß wir aus diesem
Fragen nicht mehr herauskommen.
Sollte die Kirche wirklich gut tun, sofern sie sich mit ihrem ministerium verbi an den
Menschen wendet, ihn auf etwas anderes anzureden als darauf? Sollte
sie es aber nicht wagen, ihn darauf freudig anzureden? Und wie sollte
das Anliegen, das wahre Anliegen des Menschen besser auf seine Rechnung kommen, als wenn
die Kirche in unbekümmerter Sachlichkeit ihrem eigenen Anliegen an den
Menschen (das doch nicht ihr eigenes ist) nachgeht?
IV.
Die Antwort der Predigt ist grundsätzlich eine indirekte52 Antwort. Sie soll nicht selbst offenbaren
wollen; sie soll aber als Erklärung des biblischen Zeugnisses auf die Offenbarung
hinweisen.
Wir haben in der Begründung des dritten Leitsatzes nicht von dem geredet, was die
christliche Predigt tun soll, sondern von dem, was bei diesem Tun,
sofern die Predigt sich an den Menschen wendet, zu wissen, zu bedenken und was darum zu
unterlassen ist. Keinen Augenblick darf die Kirche vergessen, daß es
sich, indem sie sich mit ihrem Menschenwort an die Menschen wendet, um das Wort Gottes handelt, das an diese gerichtet ist, und daß sie darum die
Menschen nur unter dem ganz bestimmten Aspekt ansprechen darf, unter dem sie stehen als
durch Gott angesprochen: als Gottes Gefangene, als Gottes Gefangene, auf ihre Frage nach Gott, auf ihre Frage nach Gott, so will ich akzentuierend noch einmal zusammenfassen. Aber
nicht darin besteht das Anliegen der Predigt, den Menschen an diese seine Frage zu
erinnern, ja sie geradezu als Feuerbrand in sein Herz zu schleudern, obwohl es nicht
anders |450 sein kann, als daß das auch
geschieht und geschehen muß. Das Wort Gottes selbst ist ja nicht
Frage, sondern Antwort, positivste Antwort, sein Echo oder Reflex nur
ist die Frage des Menschen. Welche Verkennung der Situation wäre es also, wenn die
Verkündigung des Wortes Gottes sich auflösen würde in eine Darstellung der Problematik
des Menschen! 135 Damit würde sie ja den Menschen erst
recht wieder bei sich selbst festhalten, für sich selbst interessieren, ihn in sich
selbst, nämlich in seiner eigenen Problematik unter dem Vorwand, sie sei Reflex und Echo
göttlicher Stimme, sich beruhigen lassen. Das hieße nicht das Kommen des Königs
verkündigen; das wäre vielmehr die Erklärung: er kommt noch lange nicht. Also das, was
im Dienst des Wortes zu geben ist, das ist dem Menschen gegenüber zweifellos Antwort auf seine Frage nach Gott. Wenn es auch Gott gegenüber immer
selber nur ein Fragen nach ihm sein kann. Aber nun darf nichts vergessen werden von dem,
was wir bis jetzt gesagt haben, weder das, daß Gottes Wort nur als sein eigenes, als das
direkt aus seinem Munde gehende Wort Gottes Wort ist, noch das, daß
unsere Aufgabe bei diesem göttlichen Tun Verkündigung, Ankündigung,
Heroldsamt sein soll auf der Linie Johannes des
Täufers, noch auch das zuletzt Gehörte, daß der Mensch, an den wir uns als
ministri verbi wenden, als Mensch gerade als nach Gott Fragender von
Gott angeredet ist und also von diesem Nach-Gott-Fragen unter keinen
Umständen etwa durch unsre Worte dispensiert werden darf, weil sonst Gottes Wort, die Antwort, ihm verloren ginge. Aus diesen
Prämissen ziehe ich den Schluß: Die Antwort der Predigt ist grundsätzlich eine indirekte Antwort. Indirekt heißt nicht: keine Antwort, heißt nicht:
eine zweideutige, doppelsinnige, heißt nicht: eine ausweichende Antwort. Indirekt heißt
eine Antwort, die klar und bestimmt auf die von einem andern gegebene und zu gebende
Antwort verweist. Dieser Andere ist hier natürlich Gott und seine Antwort sein eigenes
Wort. Dieser Hinweis ist das, was in der christlichen Predigt positiv zu geschehen hat.
So gefaßt entspricht ihre Aufgabe den soeben noch einmal aufgestellten Bedingungen: Sie
greift nicht ein in Gottes Belange, sie versieht aber ihren bestimmt umschränkten, aber
gebotenen und notwendigen Dienst, mit dem sie sich an den Menschen wendet, ohne ihm doch
etwas anderes zu erlauben, als sich mit seiner Frage an Gott selbst zu wenden. Der
Verweis, von dem wir reden, ist der Verweis auf Gottes Offenbarung in Jesus Christus.
Das ist das unwiederholbare, einzigartige, nur in sich selbst |451 begründete eigene Wort Gottes. Hier ist die Antwort gegeben auf die Frage des
Menschen, die Antwort, daß wir einen heiligen und gnädigen Gott haben, bei dem für den
Sünder Vergebung ist, für den Irrenden Gesetz, für den Verlorenen Errettung, für den
Sterbenden Hoffnung, die Antwort: Siehe, ich mache alles neu! [Apk. 21,5]. Aber eben das können wir nicht
offenbaren und sollen wir auch nicht offenbaren wollen. In dem Augenblick, wo wir das
direkt mitteilen wollen als unser Erlebnis, als unsren Besitz, als unsre
136 Gewißheit und wie das alles heißt, fallen wir Gott
ins Wort, vergessen, daß alle Menschen Lügner sind [vgl. Röm. 3,4], und machen Gott durch Mißbrauch seines Namens
unglaubwürdig bei den Leuten. Sondern darauf können wir nur, darauf
sollen wir aber verweisen. Wir sind keine Propheten, keine Apostel,
keine Zeugen der Auferstehung. Die Inanspruchnahme direkter Inspiration haben wir als
Diener am Wort grundsätzlich zu unterlassen. Wir können aber legitime Zeugen zweiter Hand sein, indem wir uns an das Zeugnis halten, durch das der
göttliche Befehl die Kirche geschaffen und erhalten hat, durch das er auch an uns kommt,
das biblische Zeugnis von der Offenbarung. Die Ausführung jenes
Verweises besteht darin, daß wir den «Befehl wiederholen», wie der militärische Terminus
lautet: «Wiederholen» κατὰ πνεῦμα zu
verstehen: es geht darum, die Menschenworte der Schrift als Zeugnis von der Offenbarung
zu verstehen, das Medium als Medium zu begreifen,
den Versuch zu wagen, die Gedanken der biblischen Schriftsteller nachzudenken, ja endlich, in heiliger Treue in unsre Gedanken sie übersetzend, sie
selber zu denken, um sodann, nicht in unserm eigenen Namen, nicht
mit dem Anspruch, mehr zu sein, als uns zukommt, sondern als sorgfältige, aber unsre
ganze Sorgfalt auf den verborgenen Skopus des Textes verwendende Ausleger und Erklärer
der Schrift von Gott zu reden zu den Menschen. Zu den Menschen.
Predigt fällt nicht zusammen mit Exegese überhaupt, obwohl sie in ihrer Substanz nichts
anderes sein kann als eben Exegese. Sie hat sich aber, die Gedanken der Schrift
nachdenkend, selber denkend, an die Menschen zu wenden, das Gespräch
zu führen zwischen dem ewigen Anliegen Gottes und den zeitlichen Anliegen der Menschen –
aber als Gottes Parteigängerin –, die kleinen Fragen
der Menschen in das Licht der großen Antwort Gottes zu rücken und dadurch in
Zusammenhang mit ihrer eigenen großen Frage und dadurch die große
Antwort Gottes ihnen ans Herz zu legen. Aber das alles «scriptura duce et |452 magistra» (Calvin53, nicht auf eigene Faust. Wo das
geschieht, nicht mehr als das, aber das in vollem Ernst, in Furcht und Zittern [vgl.
1.Kor. 2,3 u. ö.], weil die
Verantwortlichkeit auch so eine erdrückende ist, aber auch in Freudigkeit, weil es eine
legitim überbundene und übernommene Verantwortlichkeit ist, da ist die wahre Kirche,
auch die wahre sichtbare Kirche, die Kirche, die nichts anderes will
als dienen und die in der strengen Beschränkung, die sie sich auferlegt weiß, nicht als
Meister, aber als treuen Knecht sich sehen lassen darf auch vor den
Leuten. Denn wenn der Verweis, der das Wesen ihres Dienstes ist, aufmerksam und
sachgemäß vollzogen wird, wenn wir uns wirklich halten an den 137 Befehl, wie er uns selbst gegeben ist, dann wird es
zwar nicht ausbleiben, daß wir vor Gott immer noch unnütze Knechte
sind, zu den Menschen aber, die das mit uns auch sind, sagen dürfen, daß wir getan haben, was wir zu tun schuldig waren [vgl. Lk. 17,10]. Was wir brauchen, gerade heute,
wo die schwerste Bedrängnis der Kirche wahrlich nicht von außen kommt, sondern von
innen, aus der Verkennung der Distanzen, Kräfte und Möglichkeiten, aus der Unklarheit
über das, was wir sollen und wollen, über das, was unsrer protestantischen Kirche
insbesondere wieder – nicht ein prahlerisches Selbstbewußtsein gegen «Rom», davon haben
wir genug und übergenug, aber – Daseinsberechtigung als wirkliche christliche Kirche
geben müßte, das wäre die Rückkehr zu einer strengen, bescheidenen, aber heimlich höchst
unbedingten Schrifttheologie, – wenn Sie auch das κατὰ πνεῦμα verstehen wollen: zu einer reformierten Theologie, wie sie auch die Luthers war. Mit ihr hat der Protestantismus begonnen. Wenn er auf die
Dauer auf anderer Grundlage weiter da sein wollte, so hätte er keine
Daseinsberechtigung.
V.
Für die wissenschaftliche Theologie ergeben sich unter diesem
Gesichtspunkt beispielsweise folgende Problemstellungen: Für die biblische
Exegese: Verständnis der Schrift als des ordnungsmäßigen Mediums zwischen
der Offenbarung und der gegenwärtigen Verkündigung (Kanon); für die Dogmatik: Besinnung auf die aus der Relation zwischen |453
Offenbarung, Schrift und Verkündigung sich ergebenden Grundsätze54
der Predigt; für die Homiletik: die Kunstlehre einer
Rede, die wirklich den Menschen vor Gott stellen soll.
Fürchten Sie nicht, daß ich Sie nun noch mit einer ganzen theologischen Enzyklopädie
überfallen werde. Das wird nur schon aus dem Grund nicht geschehen, weil ich, ehrlich
gestanden, durchaus noch nicht weiß und vielleicht nie wissen werde, wie eine
theologische Enzyklopädie unter den ausgeführten Voraussetzungen aussehen müßte. Auch
die drei Punkte, in denen ich «beispielsweise» zu formulieren versucht habe, wie ich mir
die Problemstellung gewisser theologischer Disziplinen denke, sind anspruchsloser
gemeint, als sie vielleicht aussehen, sollen mehr Fragen sein als Antworten. Fragen an
Stellen, wo mir die Not besonders brennend scheint. Ich habe diese These eigentlich nur
aufgestellt, um einen Anspruch anzumelden, und will mich darüber ganz kurz fassen. Der
Anspruch geht dahin, daß, wenn die entwickelten Gesichtspunkte notwendig und richtig
sind, die wissenschaftliche Theologie unmöglich daran vorübergehen kann. Das Wort
Theologie, Schrifttheologie, ist ja schon am Ende des letzten Absatzes gefallen. 138 Die Selbstbesinnung der Kirche auf das, was sie soll
und was sie kann, muß ganz von selbst zu einer Selbstbesinnung der Theologie werden.
Wenn die Kirche wieder weiß, was sie will, dann wird es auch die Theologie wieder
wissen. Vielleicht daß sie sich sogar entschließen müßte, voran zu gehen. Jedenfalls
darf sie nicht zurückbleiben. Die Sache geht sie mindestens ebensosehr an wie die
Kirche. Mit der Kirche steht sie, und mit der Kirche fällt sie. Ich will auf die alte
Klage nicht eintreten, daß die neuere Theologie geradezu von der Unkirchlichkeit ihrer
Methoden lebt, weil sie allzu wahr ist. Es gehört auch einmal der Finger darauf gelegt,
daß, wie jedes Volk die Regierung, so jede Kirche die
Theologie hat, die sie verdient55, daß die Kirche (ich
meine auch und ich meine gerade die «positive»
Richtung in der Kirche) die Klage über Unkirchlichkeit der Methode vielleicht auch
einmal gegen sich selbst erheben sollte. Oder weiß die heutige Kirche etwa besser als
die heutige Theologie, was «Wort Gottes» ist in seiner positiven und negativen Beziehung
zum Menschenwort? Aber ich will damit die Theologie nicht |454
entschuldigen. Wir brauchen zweifellos eine an Haupt und Gliedern neue, nicht eine sog.
«gläubigere», nicht eine unkritischere, nicht eine praktischere, aber eine sachlichere Theologie. Und ihre Sachlichkeit müßte darin bestehen, daß sie im
Unterschied zu allen andern Fakultäten als christliche Theologie, wie ihr Name sagt, mit
der Kategorie λόγος τοῦ θεοῦ wieder rechnen
lernen würde wie die Mathematik mit ihren Axiomen, wie die Physik mit dem Gesetz der
Erhaltung der Kraft. Ohne das, als sog. Religionswissenschaft56, ist sie gegenstandslos. Ausgehend von dem Axiom, dem Gesetz, der Wahrheit so
klar wie die Sonne, daß Gott in Jesus Christus gesprochen hat, spricht und sprechen
wird, würde sie mit unaufhaltsamer Konsequenz das, was wir vorhin als Schrifttheologie
bezeichnet haben. Ich will die in der These erwähnten Punkte nur streifen. Sie müßte als
Bibelexegese vor allem den Begriff des Kanons wieder kaltblütig
ernstnehmen lernen, das Alte und Neue Testament durchaus nicht als irgendeine fromme
Literatur lesen, was jeder Philologe oder Religionshistoriker auch kann, sondern als
diejenige Stelle, wo die christliche Kirche merkwürdigerweise jenen Befehl zu bekommen,
jenes Medium zu sehen meint, durch das sie in die Offenbarung hineinsieht, durch das die
Offenbarung sie zur Predigt nötigt. Rein historische Bibelforschung ist eine in sich
mögliche und sinnvolle Sache, aber sie spielt sich außerhalb der Theologie ab. Der
Begriff der Geschichte ist kein theologischer Begriff. In der Theologie kann alles
historische Betrachten und Analysieren nur Randglosse, Parergon, Prolegomenon sein.
Paulus der Apostel, nicht Paulus der fromme Mensch oder Denker 139 ist Gegenstand der theologischen Exegese. Sie müßte als Dogmatik vor allem bescheidener werden, nicht gleich den ganzen
christlichen Glauben oder gar die sog. «christliche Weltanschauung»57 beschreiben wollen, sondern sich an die doch wahrhaftig gewiesene Aufgabe
halten, Erzieherin zu sein zu einem strengen, seiner besonderen Kategorien bewußten
christlichen Denken, – statt den beiden großen Götzen: der Apologetik und dem System zu
opfern, nach innen sich zu wenden, die Predigt der Kirche an den
beiden Instanzen, auf die sie |455 sich angeblich bezieht,
Offenbarung und Schrift, zu messen, und sie an die aus dieser Relation sich ergebenden
Grundsätze zu erinnern. Sie müßte als Homiletik eine «Kunstlehre»58 sein wollen, die den zukünftigen Prediger auf das Gedränge zwischen Gott und den
Menschen, das seiner wartet, vorbereitet, nicht um ihm Anweisungen zu geben, sich daraus
zu befreien, sondern um ihm klar zu machen, daß dort eben, in der Folge von Niederlagen,
die seiner dort warten, die allenfalls «gut» zu nennenden Predigten geboren werden.
Ich breche kurz ab. Das alles sollen ja nur Pfeile der Sehnsucht59 sein, um aufmerksam zu machen darauf: wir haben auch in
der Theologie alle Hände voll zu tun, wenn es je in Zukunft auch da etwas mehr Ernst,
sachlichen nüchternen Ernst gelten sollte als bisher. Als theologischer Reformator fühle
ich mich nicht, ich weiß warum, ich weiß nämlich, wie schwer es ist, die Sache auch nur
im kleinsten Punkt wirklich anders, geschweige denn wirklich besser zu machen, als sie in den letzten zwei Jahrhunderten gemacht
worden ist. Aber einzusehen, daß und in welcher Richtung eine Sache anders und besser gemacht werden müßte, ist vielleicht auch
schon etwas wert.
VI.
Die menschliche Möglichkeit der Predigt sowohl als der wissenschaftlichen
Theologie steht und fällt mit der Bitte um den Heiligen Geist, durch den Gott sein
Wort selbst spricht60 und zu
Gehör bringt und sich damit zum Dienst seiner Kirche bekennt.
Es würde mir leid tun, wenn diese meine letzte These als frommer Schnörkel unter das
Ganze aufgefaßt würde. Ich meine damit, daß ich zum Schluß auf die Bitte um den Geist
hinweise als auf das Eine Notwendige [vgl. Lk. 10,42], das wir tun müssen, nur noch einmal den |456 Punkt zu bezeichnen, auf dessen Herausarbeitung mir heute
alles ankam: daß die christliche Predigt wirklich und wahrlich Gottes Wort ist und sein
soll, daß sie aber als Menschenwort ganz und gar lebt von dem Wort, das aus Gottes eigenem Munde geht [vgl. Mt. 4,4], ganz und gar diesem dienen soll. Die Situation,
die sich daraus für die Kirche ergibt, ist hart. Es ist eben hart,
sich unter die Hebr. 11,1
gestellte Bedingung wirklich 140 zu stellen. Wir haben
von der Voraussetzung gesprochen, ohne die die Predigt unmöglich ist. Aber wer setzt
sie, wer gibt sie uns, diese Voraussetzung, das wirkliche eigene Sprechen Gottes, wenn
die Kirche redet? Wer macht uns gewiß, daß die Stimme, von der sich die Kirche angeredet
und zum Reden veranlaßt fühlt, keines Dämons, nicht unsrer eigenen Stimme spottendes
Echo, sondern Gottes Stimme ist? Wir haben uns besonnen auf das, was
ministerium verbi unter diesen Umständen bedeuten müsse. Aber wer gibt uns den Mut und
die Demut, eine Arbeit zu tun, die, vielleicht in prägnanterem Sinn als irgendeine andre
Arbeit, ein Dienst und nur ein Dienst sein kann? Wie soll das menschenmöglich sein, ohne
alle Mystik und Aufgeregtheit, in ruhiger, zielbewußter Arbeit, doch eben bei jedem
einzelnen Schritt Gott und in immer neuen Brechungen und Zerbrechungen
immer wieder Gott die Ehre zu geben und dessen froh zu sein, daß uns
dieses Amt gegeben ist [vgl. 2.Kor. 5,18]? Und dann haben wir zuletzt von der Theologie und ihren Aufgaben
wenigstens ein paar flüchtig streifende Worte gesagt: brauche ich zu sagen, daß sie es
sich zweimal überlegen wird, bevor sie aus der Behäbigkeit und Sicherheit dessen, was
sie jetzt wissenschaftliche Methode nennt, sich herauslocken lassen wird auf den freien
weiten Ozean ohne Grund und Boden, wo es außer dem freien selbstherrlichen Wort gar nichts gibt, was den Menschen hält? Die Situation ist hart, die wir als unsre eigene erkannt haben. Ich wollte nicht schließen,
ohne auf die letzte Möglichkeit, die ultima ratio hingewiesen zu haben, die in dieser
Situation in Betracht kommt. Auf des Menschen Seite nämlich, soweit
das Auge reicht. Jenseits des Letzten, was die
Kirche tun kann, ihres Gebets, steht Gott und spricht sein Wort und
bekennt sich zum Dienst der Kirche, die wirklich seine Kirche ist. Die Wirklichkeit des eigenen Wortes Gottes in der Predigt ist
der Heilige Geist. Die Lücke, der Hohlraum, auf den wir überall
stießen in unsern Erwägungen, die Stelle, wo unser Glaube, immer
wieder unser Glaube erfordert würde, diese rätselhafte Stelle, wo wir
als Abrahams Kinder uns an nichts als an die Ver|457heißung klammern können, ist der Ort, wo der
Geist mit der Fülle seiner Gaben alles wahr macht, wonach wir als Pilger in der Ferne
immer nur ausschauen können. Auf des Menschen Seite bleibt das Gebet, das starke
Schreien nach der Wirklichkeit Gottes, die letzte Möglichkeit. Sie
weist zurück und erinnert uns an Not und Kampf. Sie weist vorwärts und erinnert uns an
das βραβεῖον, an die ἄνω κλῆσις (Phil. 3[,14]), auf die hin wir laufen. Daß wir laufen und nicht müde werden
[vgl. Jes. 40,31], das wird uns selber immer unbegreiflich sein. Das ist die Treue und Barmherzigkeit des Herrn der Kirche,
der uns gerufen hat.