Schleiermachers «Weihnachtsfeier»
Übersieht man die wenigen erhaltenen Weihnachtspredigten und -predigtentwürfe Schleiermachers zwischen 1790 und 1810, so fällt
äußerlich in die Augen, daß er in dieser Zeit unsres Wissens dreimal über |459 den Text
Gal. 4,4 gepredigt hat.a Der Inhalt dieser drei Predigten zeigt unzweideutig, was ihn an diesem
Text interessiert hat: es war das ὅτε δὲ ἦλθεν τὸ
πλήρωμα του χρόνου, in dem er den Gedanken ausgesprochen zu sehen meinte,
daß die Erscheinung Christi ein Ergebnis des Waltens der göttlichen
Vorsehung bzw. eine geschichtliche Notwendigkeit war. Die
«großen und kleinen Umstände der Geburt Jesu», das Land, das Volk, die Zeit, die Lage
seiner Eltern, die Hirten, Simeon, Herodes, «alles […] wird uns wichtig, weil es
mittelbar oder unmittelbar auf Jesum und seinen Charakter wirkt, weil alles
zusammenkommen mußte, um ihn zu dem zu machen, was er werden sollte. In meiner Seele […]
entsteht daraus ein großer Zuwachs meiner Liebe zu Jesu … Je mehr außerordentliche
Leitung der Vorsehung von seinem ersten Augenblicke an nötig war, desto teurer wird er
uns, … desto voller und inniger freuen wir uns, daß er ist und daß er gerade so da ist»,
hören wir 1790.10 Warum? Weil es immer so ist, weil wir in
der Weihnachtsbotschaft unter diesem Gesichtspunkt die Regel vor uns haben, unter der
unser aller Leben steht. 1795 disponiert Schleiermacher folgendermaßen: Damit uns etwas
Gutes widerfahre, muß die Zeit erfüllt sein; es geht alles auf dem Wege der Natur; alles
bleibt dem Gesetze untenan. Und 1802 mit nur 107
leichter Verschiebung: Die Wohltaten Gottes stellen sich ein, wenn die Zeit erfüllt ist,
als vorübergehende Begebenheiten (an Stelle der Natürlichkeit wird jetzt die
geschichtliche Relativität betont) nach der Re|460gel
der Gerechtigkeit und Ordnung. Die Frage erhebt sich: wie verhält sich zu dieser diese
Predigten beherrschenden allgemeinen Wahrheit das spezielle Festthema
der Weihnacht? 1795 wird darauf geantwortet: «Die Übereinstimmung
dieses Beispiels (d. h. der Weihnachtsgeschichte) mit der Erfahrung
(d. h. mit jener allgemeinen Wahrheit) ist ein neuer Beweis, daß die Sendung Christi ein
Werk Gottes gewesen».11 Also: am Allgemeinen bewährt sich das Besondere. In umgekehrter
logischer Folge 1802: «Die Geburt Christi ist Symbol für alle
göttlichen Wohltaten und Fügungen. Die Ordnung, die hier (d. h. in der
Weihnachtsgeschichte) beobachtet worden, ist überall dieselbe».12 Also: am Besonderen
bewährt sich das Allgemeine. So oder so ist nicht zu verkennen, daß das eigentliche
Festthema durch jenes den Prediger bewegende Interesse fast völlig in den Schatten der
allgemeinen Wahrheit gerückt wird, durch die es illustriert werden oder die es selber
illustrieren soll. Am Schluß der Predigt von 1790 scheint dies von Schleiermacher selbst empfunden worden zu sein. Etwas
eilig und aus dem Rahmen der Predigt herausfallend sagt er hier, nach dieser Betrachtung
(d. h. nach dem Begreifen der Geburt Jesu als eines Werkes der Vorsehung) freue es uns
doppelt, alle unsern Bedürfnissen entsprechenden Wünsche in ihm so reichlich befriedigt
zu sehen. Der Mensch sehne sich nämlich nach einem aus seiner eigenen Gattung, an dem er
deutlich gewahr werden könne, wie weit er mit dem Beistand Gottes auf dem Wege der
Vollkommenheit kommen könne. Und nun stelle uns Christi Beispiel «den
höchsten Triumph der menschlichen Natur dar» und gebe uns einen neuen glänzenden
Beweis für die uns entschwundene Liebe und Güte Gottes.13 Daß hier der Ge|461danke erreicht ist, in
dem wir zunächst Schleiermachers Auffassung
des eigentlichen Weihnachtsthemas zu erkennen haben, ergibt sich bei
einem Blick auf das, was er 20 Jahre 108 später
gepredigt hatb: Wir fühlen uns zum Kind in der Krippe hingezogen in einer eigentümlichen
Andacht, der keine äußere Darstellung genügt. Immer finden wir noch etwas Tieferes in
unsern Herzen, was wir aussprechen möchten. Etwas Unbegriffenes und Unbegreifliches
liege in diesem Anblick. Was? Die in Christus vereinigte göttliche Gestalt und
menschliche Gebärde (Phil. 2,6f.): Menschlichkeit in voller Bedürftigkeit einerseits, andrerseits ein unter
dem Gesetz der Zeit stehendes, sich nur allmählich und in bestimmten Graden
entwickelndes Göttliches, das dann geschildert wird als die «andächtige auf das Höhere
gerichtete Liebe» der Maria15, die ihn anders, reiner, richtiger erzogen habe, als wir erzogen
werden, ferner als die bei ihm festzustellende Ungetrübtheit des ursprünglichen, in dem
innern Grund der menschlichen Persönlichkeit liegenden Verhältnisses zwischen Geistigem
und Sinnlichem, endlich als das Fehlen alles Gegensatzes und Kampfes in seinem Herzen.
Das offenbar ist der «vollkommene» Mensch, dessen Bild Schleiermacher schon 1790 am
Rande seiner damaligen Betrachtung als der eigentliche Festgegenstand vorgeschwebt
hatte.16
In derselben Zeitspanne hat Schleiermacher zweimalc gepredigt über die Stelle
Lk. 2,15ff. «Betrachtungen über die verschiedene Aufnahme, die die Nachricht von dem Dasein eines
Erlösers gefunden hat», heißt das Thema 1794, 1802 dann, etwas präziser verratend,
worauf er hinaus |462 will: «Die Gesinnung
derer, welche die erste Nachricht von der Geburt Jesu empfingen, angewendet auf die unsrigen».17 Der Gang der Belehrung stimmt wiederum nicht nur in der
allgemeinen Einteilung, sondern bis in viele Einzelheiten genau überein. Die Hirten auf
dem Feld sind der Typus eines «theoretischen Glaubens»18. Sie haben ein Interesse an der
Offenbarung, sie untersuchen das Wunder, sie eifern für die Ausbreitung des Glaubens,
sie haben fromme Empfindungen. «Aber man hört 109
nicht, daß sie Christen geworden.»19 Dieser Glaube macht uns
nicht zu wahren Schülern Jesu, er bringt uns nicht die wahren Früchte der Religion, man
wird durch ihn wohl zum nützlichen, aber nicht zum tätigen Mitglied des Reiches Gottes.
Die sich «der Rede verwunderten» [Lk. 2,18], sind die Leugner, Zweifler oder doch Gleichgültigen. Wir notieren die
für die Genesis von Schleiermacherc «Reden»20 nicht unwichtige Stelle über die «Zweifler»: sie sind es darum, «weil
man ihnen das Wunderbare aufdrängt und die moralische Freiheit in der Religion
zurücksetzt». «Sie werden der Religion günstiger, wenn sie sie besser kennen lernen und
zugleich mit der Natur der menschlichen Seele und der Beschaffenheit des menschlichen
Wesens auf Erden bekannter werden.» Daß Maria alle diese Worte behielt und in ihrem
Herzen bewegte [Lk. 2,19], das
ist endlich der Idealfall: «Das Wunderbare veranlaßt die Untersuchung. Das Moralische
zieht den Beifall nach sich», und «diese Klasse ist die geringste, aber beste, zu der
wir uns auch bekennen müssen; wir sind auch wie Maria mit Christo verwandt», heißt es
179421, 1802 dahin präzisiert, wir
müßten dankbar sein für unsre durch die Verpflanzung des Christentums in unser Vaterland
und durch unsre zeitige Aufnahme in dasselbe vollzogene Auserwählung, wir müßten
aufmerksam der weitern Entwicklung des Reiches Christi folgen und uns entschließen, mit
verdoppelter Treue unsre Pflicht zu seiner Fortbildung |463 zu
erfüllen. Schleiermacher hatd auch den
Lobgesang der Engel Lk. 2,14
unter diesen Gesichtspunkt gestellt. Thema: «Die Empfindungen des
Christen beim Nachdenken über die Geburt Christi»22: erstens Empfindungen gegen Gott angesichts der Allgemeinheit und
Weisheit der in Christus erschienenen Erlösung, zweitens «regulative» Empfindungen:
Frieden mit dem Himmel, unter den Christen als solchen und als Erdenbürger und
Wohlgefallen an der in der Erscheinung Christi liegenden Weisheit, an seiner Lehre, an
seinem «Urbild», und zwar durch das Bestreben, ihm nachzuahmen. Wir sehen: was den
Prediger beschäftigt, ist die Mannigfaltigkeit menschlicher Hal
110
tungen, aus deren Dialektik sich eine, die mariaähnliche, als die
normale und gewünschte herausstellt, während der Gegenstand, auf den
sich diese Haltungen beziehen, die Weihnachtsbotschaft selbst, als x in der Rechnung
vorausgesetzt, wiederum nur am Rande der Betrachtung als «Offenbarung» oder «Erlösung»
bezeichnet, sichtbar wird. Es ist Schleiermacher, auch als er 1831e noch einmal im selben Dreitakt über Lk. 2,15ff. predigte, nicht gelungen, der Weihnachtsbotschaft
in diesem Zusammenhang eine selbständige Bedeutung zu geben.
In der ersten Predigt von 1794 begegnete uns soeben der für Schleiermachers Theologie
so bedeutsame Terminus «Urbild»24. Dem
«Urbild», Christus, stehen die Christen gegenüber. Aber zwischen ihnen und ihm besteht,
wie wir hörten, «Verwandtschaft», Annäherungsmöglichkeit. Wir berühren hier bereits den
Nerv der Schleiermacherschen Theologie: um die Realisierung dieser Annäherung geht es nach ihm im Christentum. Diese systematische Beziehung lag
von Anfang an in seinen Intentionen: Wir stehen unter demselben Gesetz wie Christus, wir
|464 haben «ihm nachzuahmen». In der zweiten Predigt von 1795
heißt es: «Gott kann uns also den Genuß seiner Wohltaten auch auf keinem andern Wege sichern»25 (als nach den allgemeinen Regeln
seiner Vorsehung). Und in der zweiten Predigt von 1802: «So können auch
wir … So geht es mit allen Zuständen … Alles,
wodurch menschliches Wohl wirklich befördert wird, muß unter denselben Bedingungen
stehen.»26 Die zweite Predigt von
1794 (über die Hirten usw.) verläuft von Anfang bis zu Ende unter dem Schema: im Bilde –
im Gegenbilde. Schon der (unvollständig erhaltene) Schluß der Predigt von 1790 lautet:
«Aber laßt uns auch diese schöne Empfindung der Freude, welche der auszeichnende
Charakter dieses Festes ist, nicht umsonst verhauchen. Wenn wir etwas Gutes in uns und
für uns gewahr werden, d. h. wenn wir uns freuen, so sind wir immer am geneigtesten,
etwas beizutragen, um dieses Gute uns noch mehr zu eigen zu machen und zu benutzen.
Christus ist da 111 und freuen wir uns dessen, aber
laßt uns auch sorgen, daß er soviel als möglich für uns da sei.»27 Wir besitzen eine Weihnachtspredigt des jungen Schleiermacher, in der er unter diesem Gesichtspunkt
geradezu das Thema gewonnen hatf: Wir wenden das Fest von Christi Geburt dann nützlich an, wenn wir uns zu der
Gesinnung ermuntern, die beständig in ihm herrschte und durch die er uns Alles geworden
ist: das «erhabene Gefühl der wärmsten allgemeinsten Menschenliebe, des ausgebreitetsten
Wohlwollens»29. «Unsre Seele hebt sich, den Fußstapfen dessen zu
folgen, der die Menschen so hoch geliebt hat. Am Tage seiner Geburt laßt es uns geloben,
wenigstens in unserm Kreise immer mit seiner würdigen Gesinnungen zu handeln.»30
In dieser Linie biegt, wie wir sahen, auch die erste Predigt von 1794 ein mit dem, was
dort über «regulative» Empfindungen gesagt ist, und mit ihrem Schluß: «Das Bestreben |465 der Nachahmung muß immer der Schlußstein aller christlichen
Empfindungen sein»31, und ebenso und in derselben Kurve die Predigt von 1810, wo
es ja nach der traditionellen Auffassung der berühmten Philipperbriefstelle [2,5]32 nahe genug lag, die je dreifach
gegliederte Darstellung der menschlichen Unvollkommenheit und der Vollkommenheit Christi
zum Schluß zu überwölben durch die dreifache Paränese: Das göttliche Bild Christi soll
unsre Erziehungsarbeit an dem künftigen Geschlecht reinigen und durchdringen; es schwebe
uns überall vor, wo wir auf uns selbst zu wirken haben; es treibe uns an, alle uns
anklebende Sünde abzutun, daß wir das Göttliche rein erhalten in uns, sein heiliges Bild
festzuhalten, daß es in uns wachse und zunehme.33 Die Beziehung auch dieses dritten den Prediger beschäftigenden Gedankens zur Weihnacht ist offenbar wiederum unbestimmt, zufällig, nachträglich.
Das Problem der ältern Schleiermacherschen
Weihnachtspredigt dürfte durch diese Analyse aufgezeigt sein. Was den Prediger aus Anlaß der Weihnacht interessiert, ist der Gedanke an die in der
Geschichte und im Leben waltende Notwendigkeit, die Erwägung der besten Möglichkeit, das
von Gott 112 Kommende aufzunehmen, die Einschärfung des
Gesetzes und Imperativs der Aneignung und Nachbildung. All diesem Sekundären gegenüber
steht das Primäre, die Weihnacht selbst, die Erscheinung Christi, zunächst im
Hintergrund. In welcher Richtung Schleiermacher in dieser Beziehung suchte, zeigt die
schon 1790 auftauchende Wendung vom «höchsten Triumph der menschlichen Natur». Diesen
Gedanken vom Rande in die Mitte gerückt, ahnen wir 1810 deutlicher, was etwa damit
gemeint sein mochte.
Die nächste maßgebende Quelle zur Beantwortung unsrer Frage ist die 1806
in erster, 1826 in zweiter, überarbeiteter Auflage erschienene Schrift «Die Weihnachtsfeier
📖». Schleiermacher
ist inzwischen Hallenser Professor geworden.34 Seine Vorlesungen über Dogmatik und Paulus |466
exegese35, der Plan einer Plato-Übersetzung, im Persönlichen der eben unter Schmerzen überwundene
Verzicht auf Eleonore Grunow36 sind die
Angelegenheiten, die ihn ums Ende des Jahres 1805 besonders bewegt haben. Die direkte
Vorgeschichte der Schrift ist kurz: «Ganz wunderbar kam mir der Gedanke plötzlich des
Abends am Ofen, da wir eben aus Dülons
Flötenkonzert kamen, und nicht drei Wochen nach dieser ersten Empfängnis, von der ich
doch erst nach einigen Tagen wußte, daß es wirklich eine wäre, war es auch fertig»g Bemerkenswert ist der Umstand, daß Schleiermacher dabei den Gedanken an «eine Kollektion über alle Feste und
über die Sakramente» oder doch über «die beiden andern großen Feste» erwogen hat. Aber
«die Idee lachte mich sehr an, es noch vor dem Feste fertig zu machen»h, als Überraschung für seine Freunde, um
derentwillen er den Verleger Schimmelpfennig in Halle daselbst und in Berlin anfangs nur
Exemplare ohne Verfassernamen ausgeben ließ.i So kam es, daß es bei dem Ver113such, sich und andern über den Sinn der Weihnacht in dieser Weise
Rechenschaft zu geben, sein Bewenden gehabt hat.j
467 Um das Ergebnis dieses Versuches zu verstehen, darf man sich nicht einseitig und nicht
zuerst an die theologischen Reden des dritten Teils halten.k Das wäre eine Überschätzung der Reflexion, mit der man sich den Absichten des
Verfassers sofort entziehen würde. Er wußte, was er wollte, wenn er die Form des
platonischen Dialogs, in die er seine
Antwort auf die Weihnachtsfrage kleidete, erweiterte in der Richtung der lehrhaften
Novelle. Man muß die am heiligen Abend mit ihren Freunden versammelte gebildete deutsche Familiel, die er zum Träger dieser Antwort gemacht hat, trotz der nicht unanfechtbaren
Kunst der Darstellung zu sehen und zu hören versuchen. Ihr Zusammensein, das Spiel ihrer
Unterhaltung, ihr eigenartiges «Erleben» des Weihnachtsabends, die «Stimmung», mit der
Schleiermacher die beiden jenen Lehrreden
vorangehenden Teile des «Gesprächs» mit liebevoller Kleinmalerei erfüllt hat, das alles
ist nicht bloß Aufmachung oder Vorbereitung, sondern in seiner Weise mindestens
ebensosehr wie die Lehrreden – die |468 Antwort selber: «Die
festliche Freude dieser christlichen Geselligkeit bildet […] nicht nur, wie es scheinen
könnte, den Ausgangspunkt des Werkes, sondern in sie kehrt es zurück und ist in gewissem
Sinn nichts als eine Darstellung derselben».m Wir lernen in 114
Eduard und Ernestine die Hauseltern kennen, unter
ihren Kindern vor allem das schon den Zeitgenossen erstaunliche artige, kluge,
musikalische und erst noch fromme Töchterchen Sofie, neben ihnen «an
der Pforte der Lebenshöhe» (Dilthey)44 die
Verlobten Ernst und Friederike, ferner eine junge
Frau namens Agnes, ein erwachsenes Mädchen Karoline
und den Juristen Leonhardt, der sich so sehr als advocatus diaboli
aufspielt, daß er beinahe und doch nicht ganz aus dem Rahmen herausfällt. Auf den zwei
letzten Seiten erscheint dann noch, äußerlich nicht näher charakterisiert, Josef, der nicht nur die abschließenden und zusammenfassenden45 Sätze des Ganzen, sondern auch Dinge ausspricht, die sich allzu deutlich auf
Schleiermachers eigene damalige Lage
beziehenn, als daß man nicht wie in gewissen
Eckgestalten mittelalterlicher Bilder den Maler, so in dieser Figur den Autor im
Selbstporträt wiedererkennen müßte. Aber die Worte Josephs ziehen doch nur das
dialektische Fazit. Man darf, das ist die zweite Regel zum Verständnis, auch von den
Lippen der übrigen Personen nichts Un-Schleiermacherisches zu hören erwarten, auch nicht
von Leonhardt. Man kann an dem Verhältnis dieser Figuren zueinander studieren, was
Schleiermacher unter «Gemeinde» (als deren «Keimzelle» er ja oft genug
die Familie gepriesen)46 verstanden hat: |469 Männer und Frauen, Erwachsene und
Kinder, nüchterne und poetische Gemüter, jedes mit seinem Eigenrecht, sich selbst zu
sein, aber gerade darum und darin denselben Nenner tragend, ja unsichtbar zu einer
Gesamtsumme vereinigt, als eine Zahl, über demselben Generalnenner
stehend. Mögen sie sich im Einzelnen, in ihren Charakteren, Erfahrungen, Ideen
unterscheiden und sogar 115 widersprechen, in der
christlichen Festfreude (mag sie bei jedem ihren besondern Ton haben) harmonieren sie
nur um so tiefer und inniger, so daß jedes Einzelne schließlich als solches nur dazu
erscheint, um durch den Beitrag seiner Einzelnheit das gemeinsame Eine zu bereichern, zu
verstärken, noch deutlicher als das Eine Notwendige [vgl. Lk. 10,42] erscheinen zu lassen.o Man muß aber, auch das gehört zur Sache, auch für
das Kunstwerk des Aufbaus oder vielmehr Kreislaufs
des «Gesprächs» ein Auge haben: zuerst die anschaulichen familiären Festvorgänge: Einzug
in den geschmückten Raum, Bescherung, Gesang, eine kleine illuminierte Darstellung der
Weihnachtsgeschichte nebst den Hauptdaten der Kirchengeschichte(!) [S. 3–10
📖]. Im
Mittelpunkt, wie es sich gehört, die Figur des Wunderkindes Sophie mit
ihren sinnigen Sprüchen, ihrer Freude an den Geschenken, ihrem Klavierspiel und Gesang,
ihren mystischen Anwandlungen [S. 6–10.13–17.25f.]. Sie ist es denn auch, die den
immer sich erneuernden Anlaß bietet zu der ersten zwanglos hin und her laufenden Serie
von Unterredungen der Erwachsenen, z. B. über Kindererziehung [S. 11–13], religiöse
Schwärmerei [S. 13–17], Kirche und Kunst [S. 19f.], das Verhältnis der beiden
Geschlechter zur Religion [S. 26–30], die siegreiche Mitte über Freude und Schmerz [S. 23–26] u. dgl. Dann – hier beginnt sichtlich ein zweiter Teil – setzen Ernestine [S. 30–33], Agnes [S. 33–37] und Karoline [S. 37–41] auf Aufforderung der Männer an zu |470 Erzählungen über Erlebnisse früherer Weihnachtsabende, alle mit dem Thema: Mutter und
Kind, wobei Friederike durch gleichzeitiges oder anschließendes
Pianospiel der Sache den Charakter eines Melodramas gibt. Dritter Teil: die Män116ner, Leonhardt [S. 42–46
📖], der
kritische Rationalist, Ernst [S. 47–51], der Mann der ruhigen innern
Erfahrung, und Eduard [S. 52–55], der spekulative Mystiker,
revanchieren sich, indem sie in längeren Darlegungen ihre Ansicht von der Bedeutung der
Weihnacht bzw. des Weihnachtsfestes zum besten geben. Welcher von den dreien hat und
behält recht? Die Frage bleibt offen; denn während noch der Letzte redet, tritt Josef [S. 55f.] auf den Plan, wohlverstanden: mit mildem Tadel über solches Diskutieren überhaupt und mit der Aufforderung zu
«sprachloser Freude» an dem «sprachlosen Gegenstand». «Kommt denn, und das Kind vor
allen Dingen mit, wenn es noch nicht schläft, und laßt mich eure Herrlichkeiten sehen,
und laßt uns heiter sein und etwas Frommes und Fröhliches singen» (S. 56). Man wird
sagen dürfen, daß auch dieser Weg zu diesem Ziel für sich selber redet. Das kleine Werk
beginnt «mit dem ruhig-tiefen Ausdruck christlichen Lebens als erhöhten und wahren
Menschenlebens in der Darstellung der Geselligkeit edler Menschen; die Reflexion erhebt
sich und steigert sich bis zu bewußter Erforschung […] dieses höhern Lebens der
Menschheit in Christus, um dann wieder zu verlöschen, unterzugehen in dem […] Gefühl
dieses erhöhten christlichen Lebens … in dem Zustandsbilde der durch das Christentum
vollendeten menschlichen Existenz», mit dem die Szene anhob.p
Aber treten wir näher. Sollte der eben zitierte gewiß kongeniale Schleiermacherforscher
recht haben, wenn er die «religiöse Gemütsbewegung» als «das erhöhte, befreite
menschliche Gefühls- und Gesinnungsleben überhaupt», die «erhöhte Menschlichkeit,
vollendet geheiligte Menschlichkeit» den Kern der hier angestellten Betrachtung nennt –
«das Lebensgefühl … in seiner letzten Vertiefung und Erweiterung, in welchen es sich mit
allem eins und in einem Unbedingten gegründet weiß», dem gegenüber alle Begriffe nur ein
«Rückstand» oder ein «Spiel» wären?q
471 Man versäume also ja nicht, auch die beiden ersten Teile des 117 «Gesprächs» voll auf sich wirken zu lassen. – Wir sehen, wenn
der Vorhang sich hebt, «die heitere und verständige Ernestine» [S. 3
📖],
weiblich liebevoll und aufmerksam beschäftigt mit dem Zurüsten des Bescherungstisches.
Und wie dann die Gesellschaft hereinströmt, da «wendeten sich in der Mitte des Saales,
wo man das Ganze überschauen konnte, alle Blicke auf sie. So schön war die Anordnung und
ein so vollkommener Ausdruck ihres Sinnes, daß unbewußt und notwendig Gefühl und Auge zu
ihr hingezogen wurden … Sie war es, an der sich alles zuerst ergötzte. Als hätte man das
übrige schon genossen und als wäre sie die Geberin von allem, so sammelte man sich um
sie her. Das Kind umfaßte ihre Knie und schaute sie mit den großen Augen an, ohne
Lächeln, aber unendlich lieblich; die Freundinnen umarmten sie; Eduard küßte ihr schönes
heruntergeschlagenes Auge, und wie es jedem geziemte, wurde ihr von allen die
herzlichste Liebe und Andacht bezeugt» (S. 4f.). – Und wie sich dann nach der ersten
Besichtigung der Geschenke alles um jene figürliche Darstellung der Weihnachtsgeschichte
versammelte, da heißt es von der kleinen Sofie: «Plötzlich ward sie
gewahr, daß die Mutter grade hinter ihr stehe; sie wendete sich zu ihr, ohne ihre
Stellung zu ändern, und sagte innig bewegt: o Mutter! Du könntest ebensogut die
glückliche Mutter des göttlichen Kindleins sein, und tut es dir denn nicht weh, daß du
es nicht bist? Und ist es nicht deshalb, daß die Mütter die Knaben lieber haben? Aber
denke nur an die heiligen Frauen, welche Jesum begleiteten, und an alles, was du mir von
ihnen erzählt. Gewiß, ich will auch eine solche werden, wie du eine bist. Die gerührte
Mutter hob sie auf und küßte sie» (S. 9f.). «Die Mutterliebe ist das Ewige in uns, der
Grundakkord unsres Wesens», so formuliert später im Namen der Frauen selbst die sinnige
Agnes die hier deutlich in die Mitte rückende Anschauung und
präzisiert sie: «Glaubst du denn, die Liebe geht auf |472 das,
wozu wir49 die Kinder bilden können? Was können wir bilden? Nein, sie geht auf das
Schöne und Göttliche, was wir in ihnen schon glauben, was jede Mutter aufsucht in jeder
Bewegung, sobald sich nur die Seele 118 des Kindes
äußert.» Und Ernestine sekundiert ihr: «Mit diesem Sinn ist wieder
jede Mutter eine Maria. Jede hat ein ewiges göttliches Kind und sucht andächtig darin
die Bewegungen des höhern Geistes» (S. 23f.). Zur vollen Entfaltung kommt diese
Anschauung in den Erzählungen der drei Frauen: Der entscheidende
Augenblick der ersten ist die Begegnung, die die Erzählerin in einer
Kirche mit einer Unbekannten mit einem kleinen Kind auf dem Schoß hat. «Ihre Miene
schien mir bald lächelnd, bald schwermütig, ihr Atem bald freudig zitternd, bald frohe
Seufzer schwer unterdrückend, aber das Bleibende von dem allen war freundliche Ruhe,
liebende Andacht, und herrlich strahlte diese aus dem großen schwarzen niedergesenkten
Auge … Es schien mir auch das Kind ungemein lieblich und regte50 sich lebendig, aber still, und schien mir in einem halb unbewußten
Gespräch von Liebe und Sehnsucht mit der Mutter begriffen. Nun hatte ich lebendige
Gestalten zu den schönen Bildern von Maria und dem Kinde …» Friederike hat diesen
Bericht auf dem Klavier leise begleitet. «Als Ernestine geendet, bog sie nach einigen
fantastischen Gängen in eine schöne Kirchenmelodie ein. Sophie, die sie erriet, lief
hin, um ihre Stimme hinzuzufügen, und sie sangen zusammen die schönen Verse von Novalis:
Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt; doch keins von allen kann
dich schildern, wie meine Seele dich erblickt …» (S. 30ff. [Zitate: S. 31f.
📖]). Der
Höhepunkt der zweiten Erzählung ist der Augenblick, in dem ein
Kindlein von seinem Vater, einem Pfarrer, am Weihnachtsabend inmitten der gerührten
Gäste getauft wird. «Als wir nun alle dem Kinde die Hände auflegten nach der dortigen
guten alten Sitte, so war es, als ob die Strahlen der himmlischen Liebe und Lust sich
auf dem Haupt und Herzen des Kindes als einem neuen Brennpunkt vereinigten, und es war
gewiß das gemeinschaftliche Gefühl, daß sie dort ein neues Leben entzünden und so
wiederum nach allen Seiten ausstrahlen würden. – Also wieder das vorige, unterbrach
Leonhardt, nur gleichsam ein umgekehrtes negatives Christkindlein, in welches der
Heiligenschein |473 einströmt, nicht ausströmt. 119 Herrlich51 hast du das getroffen, lieber Leonhardt, antwortete Agnes, ich
konnte es so schön nicht sagen. Nur die Mutter, deren Liebe den ganzen Menschen im Kinde
sieht, und diese Liebe ist es eben, die ihr den englischen Gruß zuruft, sieht auch den
himmlischen Glanz schon ausströmen aus ihm» (S. 33ff. [Zitat: S. 36
📖]). Die dritte Erzählung aber handelt von einer Mutter, die ihr todkrankes Kind eben am
Weihnachtsabend unter Schmerzen innerlich aufgegeben und sich in den Verzicht gefunden
hatte. Da ereignet sich in ihrer Abwesenheit die heilsame Krisis, sie kehrt zurück und
findet das Kind auf dem Wege der Genesung. «Es rührte mich wehmütig und versüßend», sagt
sie, «einen Engel zum Himmel zu senden zu der Zeit, wo wir die Sendung des größten auf
die Erde feiern. Nun kommen mir beide zugleich unmittelbar von Gott geschenkt. Am Feste
der Wiedergeburt der Welt wird mir der Liebling meines Herzens zu einem neuen Leben
geboren» – «gleichsam eine umgekehrte Maria, die mit dem tiefsten Mutterleiden, mit dem
Stabat mater anfängt und mit der Freude an dem göttlichen Kinde endigt», wird nachher
hinzugefügt, und von andrer Seite, diese Dialektik noch überbietend: «Oder auch nicht
umgekehrt. Denn Marias Schmerz mußte doch verschwinden in dem Gefühl der göttlichen
Größe und Herrlichkeit ihres Sohnes» (S. 37ff. [Zitate: S. 40f.]).
Kein Zweifel, daß wir zunächst ganz einfach in dieser Anschauung die
eingangs in den frühern Predigten vermißte festliche Mitte der Schleiermacherschen
Weihnachtsgedanken zu erkennen haben. Der «höchste Triumph der menschlichen Natur», den
wir an Weihnacht feiern, wäre hier das Innerste der Familie, das Verhältnis Mutter und Kind in
seinen verschiedenen Abwandlungen: zuerst die gütige Mutter für sich und allein,
gleichsam von außen gesehen, dann das Kind, das in der Mutter sein Ideal und seine
eigene Zukunft erkennt, dann die Liebe zum Kinde als das Innere und Ewige der Mutter,
dann Mutter und Kind zusammen als Gruppe gesehen, dann das Kind für sich mit seinem
negativen und positiven «Heiligenschein», d. h. mit dem, was es von der Gemeinschaft
empfängt und ihr wieder gibt, das 120 letztere
prophetisch nur von der Mutter erkannt. Endlich die Mater dolorosa, deren Schmerz doch
durch das todüberwindende Leben ihres Kindes getröstet wird, ja schon getröstet ist: immer Maria, immer Christus, und als Maria oder Christus im|474mer wir selbst, die Frau im Manne das göttliche
Kind, der Mann in der Frau die reine Mutter verehrend, beide vereint sich selber
Anschauung edelster, erhöhtester Menschlichkeit. «Darum», sagt der dritte und letzte der
theologischen Redner am Schluß seiner Darbietung: «darum sieht jede Mutter, die es fühlt
… und die es weiß …, auch Christum in ihrem Kinde, und eben dies ist jenes
unaussprechliche, alles lohnende Muttergefühl. Und ebenso jeder von uns schaut in der
Geburt Christi seine eigene höhere Geburt an, durch die nun auch nichts anderes in ihm
lebt als Andacht und Liebe, und auch in ihm der ewige Sohn Gottes erscheint. … Und eben
dies ist die Herrlichkeit des Festes, die ihr auch von mir wolltet preisen hören» (S. 55
📖). Aber sollte nun, wenn das die Schleiermachersche Mitte ist, Weihnacht als
das Fest der Geburt Christi nicht doch wieder (neben den
geschichtsphilosophischen, psychologischen, ethischen Erwägungen der Jugendpredigten)
durch einen weitern heterogenen Gesichtspunkt an die Peripherie der
Betrachtung gedrängt sein? Müssen es denn gerade Maria und Christus sein, die wir
feiern, wenn es sich darum handelt, das zu feiern? Könnte nicht etwa
eine andere Göttermutter und ein anderer Göttersohn ihre Stelle einnehmen? Sind Maria
und Christus nur Paradigma und Symbol für das MutterKind-Verhältnis – oder in welchem
Sinn sind sie mehr als das?
Mit dieser Frage wenden wir uns zu dem theologischen Männergespräch, das den berühmten
dritten Teil des Büchleins bildet. Die Auffassung hat sich heute mit Recht durchgesetzt,
wonach nicht der eine oder der andre, sondern in bestimmtem Sinn jeder der drei Redner
«die wahre Meinung» Schleiermachers vertritt, mit Einschluß natürlich des vierten,
Josef, der zuletzt wie Elihu im [Hiob 32–37] auf den Plan tritt und sie alle «aufhebt»,
d. h. auf die bessere, die reflexionslos erlebende Weihnachtsfeier 121 der Frauen zurückverweist. Die musikalische Friederike ist
es, die, da der Abend und die Erwartung des erhofften letzten Gastes sich in die Länge
zieht, den Vorschlag macht, das Fest selbst zum Gegenstand einer Aussprache unter den
Männern zu machen. «Hat es doch so viele Seiten, daß jeder es verherrlichen kann, wie er
am liebsten will» (S. 42).
Der erste Redner Leonhardt (S. 42ff.) ist ein ziemlich raffiniertes
Geschöpf weniger der novellistischen als der theologischen Phantasie des Autors. Er
kündigt im voraus an, daß er erstens «jenen Männern», d. h. den Pfarrern, die am
folgenden Morgen predigen sollen, nicht vor|475greifen wolle und sich also so weit als möglich von «dieser Bahn» entfernen werde, und
daß er zweitens das Fest zwar nicht zu «loben», wohl aber nach seiner Trefflichkeit und
Vollkommenheit «in seiner Art» («phänomenologisch» würde man vielleicht heute sagen) zu
«rühmen» gedenke [S. 42
📖]. Weihnacht ist der Inbegriff des «Festes». Vorausgesetzt, der
Ursprung des Christentums sei für etwas Großes und Wichtiges zu halten, ist das «Fest»
gewiß das geeignetere Mittel, ihn im Gedächtnis des Menschen lebendig zu halten, als
etwa die Bibel oder der Unterricht. Beweis: die katholischen Heiligenfeste, die der
Legende viel mehr überredende Kraft geben, als dies die bloße schriftliche oder
mündliche Erzählung vermöchte. Wurde doch das «Fest» nicht selten Anlaß, die
entsprechende Geschichte zu – erdichten: So meint Leonhardt, «auch […] das Andenken an
Christum werde in größerem Umfang durch das Fest erhalten als durch die Schrift»r [S. 43]. Das Christentum sei zwar gelten zu lassen als starke und kräftige
Gegenwart, aber das hänge mit der wirklichen Person Christi wenig zusammens [S. 44]. Ausgenommen davon sei die Lehre von der Versöhnung, die, ihrer Natur
nach überzeitlich, denn auch «mehr … mythischt gehalten werden sollte» [ebd.]. Christus als historischer
Stifter des 122 Christentums dagegen habe nur eine
dürftige Bedeutungu, er
stehe näher bei Johannes dem Täufer als bei
Paulus, es bleibe zweideutig, ob überhaupt
nach seinem Willen eine abgesonderte Kirche sich bilden sollte [ebd.]. Auch das Bemühen
der älteren evangelischen Berichte, Jesus mit dem Davidshaus in Verbindung zu bringen,
passe schlecht zum Stifter einer Weltreligionv
[S. 44f.]. Umgekehrt mache die für die Gründung der Kirche bezeich|476nende Botschaft von der Auferstehung und Himmelfahrt das
historische Leben und Sterbenw verdächtig [S. 45
📖]. Der Streit der alten Doketisten und Ebioniten (die
Christus entweder die wahre Menschheit oder die wahre Gottheit abstritten) und ebenso
der der Lutheraner und Reformierten über die bloß geistliche oder auch leibliche
Gegenwart Christi auf Erden weise über sich selbst hinaus darauf hin, «daß Christus
ehedem nicht auf eine andere und eigentlichere Art zugegen gewesen sei und gelebt habe
auf Erden und unter den Seinigen als auch jetzt noch. Kurz, der erfahrungsmäßige
geschichtliche Grund der Sache ist so schwach, daß unser Fest dadurch um so mehr
verherrlicht wird und seine Kraft nahe an das oben Erwähnte grenzt, daß nämlich durch
solche Gebräuche bisweilen die Geschichte selbst erst gemacht worden» S. 45). Diese
wunderbare (jedenfalls geschichtserhaltende, wenn nicht gar geschichtsschöpferische)
Kraft verdanke die Weihnacht ihrer Einführung in die Häuser und besonders in die
Kinderwelt. Darum dürfe an der überlieferten Form des Festes nur ja nichts geändert
werden. Wie ein Kind sein Hauptgegenstand sei, so seien es auch vor allem die Kinder,
die das Fest und durch das Fest wiederum das Christentum selbst heben und tragen. In der
Nacht werde es begangen, weil die Nacht die historische Wiege des Christentums sei,
Kerzen werden in ihr 123 angezündet als Gleichnis des
Sterns, ohne den der Stall und im dunklen Stall das Kind nicht zu finden wären «in der
sonst unbestirnten Nacht der Geschichte» [S. 46]. Daher ihn, Leonhardt, unter den
Erzählungen der Frauen die von dem negativen Christkindlein mit dem nicht aus-, sondern (aus seiner christlichen Umgebung) einströmenden
Heiligenschein am besten gefallen habe.54 Auf diese Meinungx
fordert der Redner zuletzt die Anwesenden auf, die Gläser ertönen zu lassen und zu
leeren [ebd.]. – Also: Christus ist nicht der notwendige Anlaß unsres
Festes, aber unser Fest selbst ist so schön, so «kräftig», daß man es allenfalls auch
als «Anlaß» Christi feiern könnte. Die reine Menschlichkeit und ihre
feiernde Erhöhung, die wir vorhin in die Mitte der Weihnachtsbot|477schaft treten sahen, könnte gegenüber dem
Historischen der Weihnacht das Primäre sein. Das «Fest» selbst hat so oder so ewige
Berechtigung und Bedeutung. Man darf nur die Reserve nicht übersehen, mit der Leonhardt
seine historische Skepsis oder vielmehr seinen Gegenwartsenthusiasmus vorbringt, um auch
hier, natürlich von der äußersten dialektischen Möglichkeit her, Schleiermacher selber reden zu hören. Daß er die
Leonhardtrede «ihrer Natur nach eigentlich frivol» genannt haty, spricht nicht entscheidend dagegen. Die Art, wie er 1826 diese Rede
verdeutlicht, gemildert, seinem behutsamer gewordenen historischen Empfinden angepaßt
hatz, zeigt zu deutlich, daß dieser Leonhardt nicht dazu das Wort erhält, um
widerlegt zu werden. Der folgende Redner widerlegt ihn denn auch nicht und will ihn nicht widerlegen. «Der ungläubige Schalk» (S. 46
📖) muß er sich zwar von
der Damenseite schelten lassen und noch zuletzt von dem milden, harmonischen Josef:
«euer schlechtes Prinzip», «dieser Leonhardt, der denkende, reflektierende,
dialektische, überverständige Mensch» (S. 55). Sofern das bös gemeint ist, richtet es
sich (man beachte, daß es Josef mit seinem alles niederwalzenden Lob der Frauen und der
Frau Musica ist, der diesen Tadel ausspricht) gegen die in Leon124hardt verkörperte und einseitig sich aussprechende «Reflexion» als solche. «Frivol» ist die
Leonhardt-Rede, weil sie die via regia, die über die «Reflexion» hinausführt,
vernachlässigt. Eben darum ist eine Widerlegung seiner Auffassung auf dem Boden der
Reflexion nicht möglich, zugleich aber, da er ja das Eine Notwendige [vgl. Lk. 10,42], das «Fest» selbst
bejaht hat, auch nicht notwendig. Auch der advocatus diaboli mit seiner Feuerbachischen Umkehrung bleibt in
der Gemeinde der Frommen.
Die zweite theologische Männerrede hält Ernst, der glückliche
Bräutigam (S. 47ff.). In ihm um seines Namens willen den besonderen Vertreter der wahren
Meinung Schleiermachers sehen zu wollen57, ist schon |478 darum
unangebracht, weil Schleiermacher damals
sicher weniger als je Geschmack daran gefunden hätte, sich unter der Maske gerade eines
Verlobten vorzustellen. Aber das ist richtig, daß auch Ernst Schleiermacher ist, und
zwar der Vertreter der nach außen auffallendsten und am leichtesten verständlichen Form
seiner Christologie. – Die Rede Leonhardts hat die Frauen doch etwas unruhig gemacht,
und Ernst wird aufgefordert, ihn zu widerlegen, eine Aufgabe, der er sich aber
ausdrücklich entzieht. Immerhin: er will sich mit dem «Rühmen» dieses Festes, wie
Leonhardt es geübt, nicht zufrieden geben. Er will inhaltlicher reden als dieser: «Du
nämlich sahest nur darauf, daß jedes Fest ein Gedächtnis ist von irgend etwas, mir aber
liegt daran: von was?» Und dieses Was? bestimmt er nun als ein Etwas, «durch dessen
Vorstellung eine gewisse Gemütsstimmung und Gesinnung in den Menschen kann aufgeregt
werden». Die Weihnachtsstimmung nun sei die der Freude. Ob wohl «das Eigentliche und
Wesentliche» des Festes es ist, was diese Wirkung hat?, wirft er sich selbst ein. Oder
ob man sich im Grunde an den gegenseitigen Geschenken freut? Aber nein: Weihnachtsfreude
ist doch schon für die Kinder etwas ganz anderes als etwa Geburtstagsfreude, wo doch
auch die Geschenke in Frage kommen. Ist diese «ganz die Innigkeit, die das
Beschlossensein in einem bestimmten Verhältnis erzeugt», so ist die Weihnachtsfreude
«ganz das Feuer, die rasche Beweglichkeit 125 eines
weitverbreiteten allgemeinen Gefühls» [S. 48
📖], Durch einen großen Teil der Christenheit
wenigstens ist in dieser Zeit «Jeder58 mit dem Zubereiten eines Geschenkes
beschäftigt, dieses Bewußtsein ist eben der Zauber, welcher sich aller bemächtigt»aa [S. 49]. (Es wird an freundliche Konkretheiten
erinnert: «das Arbeiten um die Wette auf die bestimmte festliche Stunde», der
Christmarkt usf.) Was folgt daraus? «Was so allgemein ist, kann niemals willkürlich
ersonnen werden. Etwas Innerliches muß dabei zugrunde liegen.» «Dieses Innere aber kann
nichts anderes sein als eben der Grund aller Freude, die sich unter diesen Menschen hin-
und herbewegt.»ab Die Verlegung des Festes auf das |479
Neujahr ist darum eine beklagenswerte Sitte, weil ja das Neujahr nur den Wechsel und
Gegensatz in der Zeit bezeichnen kann. Für alle aber, welche nicht nur im Wechsel der
Zeit leben, nicht nur in der Erneuerung des Vergänglichen sich freuen, kann es kein
anderes Prinzip der Freude geben als die Erlösung, «und von dieser wiederum muß für uns
der erste Punkt sein die Geburt eines göttlichen Kindes»ac [ebd.
📖]. Was heißt
«Erlösung»? Die Aufhebung der Gegensätze zwischen der Erscheinung und dem Wesen, der
Zeit und der Ewigkeit, wie sie das Leben und die Freude der ursprünglichen Natur, aber
zunächst nicht die unsrige ist. Ausgehen kann sie nur von Einem, der ihrer selbst nicht
bedürftig ist. In dem «göttlichen Kinde» nun, d. h. in dem «ersten Keim» des «neuen
ungetrübten» Lebens schauen wir zugleich seine schönste Blüte, seine höchste Vollendung
an. Das weihnachtliche Gefühl, wie unbewußt es auch in vielen sei, läßt sich in nichts
anderes auflösen als «in diese zusammengedrängte 126
Anschauung einer neuen Welt», die sich in tausend Bildern darstellen läßt: als die
aufgehende und wiederkehrende Sonne, als der Frühling des Geistes, als der König eines
bessern Reiches, als der treueste Götterbote, als der lieblichste Friedensfürst. Das
Fest hängt also – «und so komme ich doch dazu, Leonhardt, dich zu widerlegen, […] indem
ich dir beistimme» – nicht an den, in einem niedrigen Sinn kritisch angesehen: schwachen
historischen Spuren, sondern an der notwendigen Idee eines
Erlösersad [S. 50]. Wer,
wie Leonhardt doch auch will, dem Christentum eine kräftige Gegenwart zubilligt, der muß
doch auch den «Faden»ae, und wäre
er noch so klein, an den sich dieses Gegenwärtige kristallisationsartig anhängt,
anerkennen. «Mit dieser kleinen Verbesserung», mit der er auch Leonhardts Beifall zu
finden hofft, schließt Ernst sich seiner Aufforderung an und wünscht, nein weissagt dem
«schönen Feste» auf ewig, was nach ihm sein Wesen ist: «die rechte |480 Freude an dem wiedergefundenen höhern Leben» [S. 51
📖]. – Die «kleine
Verbesserung» im Stand der Debatte, die nun eingetreten ist, bewegt sich offenbar in
derselben Richtung wie die der ältern Weihnachtspredigten. Die Leonhardt-Rede hat das
Problem der weihnachtlichen Mitte gestellt. Eine gewisse «Stimmung» oder «Gesinnung»
möchte Ernst in diese Mitte setzen. Er betont ihre «Allgemeinheit», er zeigt, daß sie
sich eben als allgemeine auf die «Erlösung» beziehen muß, er verweist auf die
Bedingtheit der Erlösung durch ein göttliches (1826: das göttliche [S. 70]) Kind [S. 50], in dem der Zwiespalt überwunden ist. Hätten wir nur die erste
Auflage, so müßte man annehmen, daß Ernst darunter doch nur die «notwendige Idee eines Erlösers» versteht und unter seiner «Geburt» das unscheinbar
keimartige und doch die Vollendung schon in sich tragende Vorhandensein der mit dieser
Idee gesetzten Wahrheit der Erlösung, d. h. der Kontrastüberwindung auch in uns. Aber
nun 127 stellen die Korrekturen, die 1826 auch der
Ernst-Rede widerfahren sindaf, neben die «Idee» die «Erfahrung» eines gesteigerten Daseins,
welche irgendwie auf einen geschichtlichen Anfang, auf die «Erscheinung» des Erlösers in
der Welt zurückweise, auf den ersten hellen Punkt, nach welchem wir keines andern warten
[vgl. Mt. 11,3]. Also der
«Keim», der Anfang, das Kristallisationszentrum ist nun zweifellos der historische
Jesus, und im Verlauf eines wirklichen historischen Prozesses geschieht es, daß sich die
Gegenwart als letzter, äußerster Ring um diese Keimzelle schließt. Ist es 1806 noch
nicht ganz klar, inwiefern nun die Anschauung Leonhardts, wonach das Historische im
Christentum prinzipiell auch das Sekundäre sein könnte, überwunden, inwiefern nun die
Frage beantwortet ist, die sich uns aus der «Christologie» der Frauengespräche ergab: ob
Christus mehr sei als ein Paradigma unsrer eigenen «erhöhten Menschlichkeit», so rückt
1826 das Historische zweifel|481los an die Spitze der Reihe, allerdings auch, wenn auch als Spitze: in die Reihe, so daß alles Spätere kontinuierlich daneben
tritt, das «göttliche Kind» also nichts ist und hat, was wir nicht grundsätzlich mit
unsrer Existenz auch schon hätten. Christus ist die Idee oder alsoag der geschichtliche Anfang unsres eigenen gesteigerten Daseins, unsres erhöhten
Lebens. Einwandfrei ist damit die Frage nach dem mehr als
paradigmatischen Charakter des Kindes von Bethlehem offenbar noch nicht beantwortet.
Hören wir nun noch die dritte Rede (S. 52ff.
📖), Eduards, des
Hausvaters und Gastgebers. Daß hier wiederum (und sogar auf der wenigstens vorletzten dialektischen Stufe) Schleiermacher selbst redet und nicht etwa Schellingah, das dürfte schon 128 durch die äußerlich dominierende Stellung dieses Redners
beglaubigt sein. Er fängt an mit der Mitteilung, daß er sich weniger an die
«mythischenai Lebensbeschreiber Christi», d. h. an die Synoptiker halten wolle als an
«den mystischen», «bei dem fast nichts Geschichtliches vorkommtaj, auch kein Weihnachten äußerlich, in dessen Gemüt aber eine ewige
kindliche Weihnachtsfreude herrscht. Dieser gibt uns die geistige und höhere Ansicht
unsres Festes» [S. 52]. Und nun gibt der Prolog des Johannesevangeliums [Joh. 1,1–18] Anlaß zu folgendem
spekulativem Steilflug [S. 52–54]: Das «Fleisch» ist die unendliche63 Natur. Das «Wort» ist der Gedanke, |482 das Erkennen. Was wir sonach als «Fleischwerdung des Wortes»
feiern, ist nichts anderes als wir selbst, wie wir insgesamt sind, oder die menschliche
Natur oder wie ihr es sonst nennen wollt, angesehen und erkannt aus dem göttlichen
«Prinzip». Warum müssen wir aber einen «aufstellen», warum gerade diesen Einen und in seine Geburt die Einerleiheit des Göttlichen und Seelischen
«setzen»? Antwort: Der Mensch an sich ist der Erdgeist, d. h. das
Erkennen in seinem ewigen Sein und in seinem immer wechselnden Werden.
Der einzelne Mensch aber ist das Werden allein, d. h. aber: er ist im
Abfall und Verderben. Er muß seine Erlösung finden im Menschen an sich. Die Identität
von Sein und Werden, wie sie der Erdgeist besitzt, muß in ihm selbst (dem einzelnen
Menschen) aufgehen, d. h. zustandekommen, wachsen; er64 muß dazu
kommen, alles Werden und auch sich selbst nur in dem ewigen Sein zu betrachten und zu
lieben, er darf nichts anderes sein wollen als ein Gedanke des ewigen
Seins, das mit dem Werden identisch ist. In der Menschheit
ist jene Identität ewig, im einzelnen muß sie es werden als der Gedanke eines gemeinschaftlichen Tuns und Lebens. Der einzelne
muß die Menschheit als eine lebendige Gemeinschaft anschauen und erbauen, in ihr sein
abgesondertes Dasein verlieren und wiederfinden. Nur dann hat er das höhere Leben und
den Frieden Gottes in sich. Diese Gemeinschaft nun ist die Kirche. 129 Sie verhält sich zum übrigen Menschlichen wie das
Selbstbewußtsein der Menschheit im einzelnen zur «Bewußtlosigkeit». In wem dieses
Selbstbewußtsein «aufgeht», wer wahrhaft und lebendig «Wissenschaft» in sich hat, der
kommt eben damit zur Kirche und kann das höchstens äußerlich verleugnen. Die Frauen
aber, die die «Wissenschaft» nicht in sich haben, besitzen jenes höhere Selbstbewußtsein
in der «Empfindung» und sind eben darum der Kirche nur um so anhänglicher. Nun ist aber
diese Gemeinschaft wie ein Werdendes, so auch ein Gewordenes, und zwar
als Gemeinschaft der einzelnen ein durch Mitteilung der Gemeinschaft
Gewordenes, «und wir suchen also auch einen Punkt, von dem diese
Mitteilung ausgegangen wäre, wiewohl wir wissen, daß sie von einem
jeden wieder selbsttätig ausgehen muß und der |483 Mensch an sich sich in jedem einzelnen gebären und gestalten» [S. 54
📖].65 Der nun, «der als der Anfangspunkt der
Kirche angesehen wird, … muß als der Mensch an sich (= «Erdgeist»), als der Gottmensch
schon geboren sein», ursprünglich von Gott geboren, keiner Wiedergeburt bedürftig,
während wir durch den Geist der Kirche, der von ihm, dem «Menschensohn schlechthin»,
ausgeht, wiedergeboren werden müssen. «In Christo sehen wir also den Erdgeist zum
Selbstbewußtsein in dem einzelnen sich ursprünglich gestalten» [ebd.]. In ihm feiern wir
nicht nur uns, sondern alle, die da kommen werden. «Darum sieht jede Mutter, … die es
weiß durch eine himmlische Botschaft, daß der Geist der Kirche, der Heilige Geist, in
ihr wohnt …, Christum in ihrem Kinde […] und […] jeder von uns […] in der Geburt Christi
seine eigene höhere Geburt» [S. 55]. «Darum bricht das Fest hervor wie ein himmlisches
Licht aus der Nacht. Darum ist es ein allgemeines Pulsieren der Freude in der ganzen
wiedergeborenen Welt, das nur die für eine Zeitlang kranken oder gelähmten Glieder nicht
fühlen» [ebd.]. – Wo stehen wir nun? Offenbar ist hier die vermittelnde Stellung Ernsts
im Sturmschritt überflügelt, gegenüber der Leonhardts aber die schroffe Antithese
gewonnen. Ist sie unversöhnlich schroff? Oder befinden wir uns doch nur am andern
Brennpunkt einer Ellipse? Ge130wiß, nun scheint die weihnachtliche Mitte endgültig gewonnen und behauptet zu sein:
Christus der Eine, gerade dieser Eine, mit scharfem Rand sich abhebend
von uns andern, wir der Wiedergeburt bedürftig, er der Gottmensch ursprünglich aus Gott
geboren. Und auch die Rangordnung scheint nun endgültig gesichert: der Primat dessen,
was in ihm war, vor dem, was in uns ist. Schleiermacher hat 1826, wie wir sahen, an der Leonhardt- und an der
Ernst-Rede Vieles und Belangreiches, an der Eduard-Rede kaum etwas Umfangreicheres und
Einschneidendes zu korrigieren gehabt. Das dürfte ein Hinweis sein darauf, daß wir es
hier, nicht der spekulativen Form, aber der Positivität des Inhalts nach, mit der Vorhut
seiner Gedanken zu tun haben, mit den Gedanken seiner mittleren Zeit,
die er sich auch auf der Höhe seiner Reife am uneingeschränktesten aufs neue zu eigen
machen konnte. Sollten die Fragen, mit denen wir den bisherigen Verlauf des Gespräches
verfolgt haben, hier vielleicht ihre endgültige Erledigung finden? Sehen wir genau zu:
Gewiß, weit dahinten liegt hier jener For|484malismus
Leonhardts mit seinem «Fest», das gar keinen Inhalt zu haben scheint, dahinten auch die
noch etwas unbestimmte «Idee des Erlösers» bei Ernst oder die entsprechende «Erfahrung».
In saftiger Fülle steht nun an ihrem Platz der «Mensch an sich», der «Erdgeist», der
«Menschensohn schlechthin», das «fleischgewordene Wort». Ist das nicht zentral, primär,
inhaltlich genug? Gewiß, werden wir antworten müssen, so scheint es. Wir werden auch
nicht blind sein dürfen für die ansehnliche Bereicherung, die die ganze Gedankenwelt
durch das Aufrollen des Problems des Einzelnen und der Kirche gewonnen hat. Welche Möglichkeiten scheinen sich hier zu eröffnen! Aber
gerade hier stocken wir. Wie kommt Eduard von seiner Kirche aus zu seinem Christus? Wir
suchen einen Punkt, von dem die Mitteilung ausgegangen oder, wie wir
noch deutlicher am Anfang gehört haben: Wir müssen Einen aufstellen,
in dessen Geburt wir die Identität von Göttlichem und Irdischem setzen. Wie unterscheidet sich dieser von der Kirche gesuchte, aufgestellte,
gesetzte Christus prinzipiell von 131 Ernsts «Idee
eines Erlösers» und von jenem geschichtlichen Keim oder Anfang, auf
den unser erhöhtes Dasein zurückweist? Ist der Primat des Eduardschen Christus echt, wie kann dann von Suchen, Setzen u. dgl. überhaupt die Rede sein?
Und die Leonhardtsche Theorie, wonach unter Umständen das «Fest» – er könnte gewiß auch
mit Eduard sagen: die Kirche – den Christus erzeugt haben könnte, steht ja unwiderlegt
und unwidersprochen auch neben Eduards Lehre: kann man sich das
Suchen, Setzen usf. etwa auch so denken? Ferner: Wie kommt es, daß
sich das Verhältnis zwischen dem einzelnen Christus und dem einzelnen Christen nach
Eduards Lehre offenbar auch umkehren läßt, daß die die Kirche begründende Mitteilung von
einem jeden wieder selbständig ausgehen muß und der Mensch an sich sich in jedem
einzelnen gebären und gestalten? Wie kommt jede Mutter dazu, Christum in ihrem Kinde zu
sehen, und jeder von uns dazu, daß «auch in ihm der ewige Sohn Gottes erscheint» [S. 55
📖]? Wo bleibt der «Mensch an sich» usf. als Einer, als dieser Eine, wie es doch anfangs hieß, wenn nun offenbar dasselbe auch wir alle sein können und schon sind? Kann, ja muß dann die der
Offenbarung scheinbar gesicherte einzigartige Dignität nicht jeden Augenblick umschlagen
in ihr gerades Gegenteil, nämlich in die allgemeine religiöse Dignität des Menschen
überhaupt in seiner mit seinem Werden gesetzten Teilnahme am Sein? Begründet die
«Wissenschaft» (das Zum-Menschheitsbewußtsein-Erwa|485chen des einzelnen) für die Männer und für die etwas törichteren Frauen wenigstens die
«Empfindung» die Teilnahme an der Kirche, wo bleibt dann die zentrale Stellung des
Christus, die bei der Aufrichtung dieses Kirchenbegriffs einen Augenblick vorausgesetzt
zu sein schien? Endlich: der Inhalt dieses Christus? Lassen wir die
Bezeichnung Christi als des «Erdgeistes» als romantische Originalität unbeanstandet. An
absoluten Prädikaten dieser Größe hat es Eduard ja nicht fehlen lassen. Aber was ist von
dieser Absolutheit zu halten, wenn es heißen kann: «Was wir […] feiern, ist nichts
anderes als wir selbst, wie wir insgesamt sind oder die
menschliche Natur», auch 132 wenn man in
Betracht zieht, daß es weiter heißt: «angesehen und erkannt aus dem
göttlichen Prinzip» [S. 53
📖]?66
Gibt es an uns selbst und an der menschlichen Natur etwas zu «feiern», wenn wir sie
ansehen und erkennen aus dem göttlichen Prinzip? Oder was bedeutet das letztere, wenn
das erstere möglich ist? Ist die «Fleischwerdung des Wortes» wirklich etwas anderes als
eben wiederum jene Erhöhung der Menschlichkeit, die uns in den Frauengesprächen, auf die
Eduard ja ausdrücklich zurückweist, so anschaulich im Mutter-und-Kind-Verhältnis als das
spezifisch Weihnachtliche geschildert wurde? Und wenn es auch nach Eduard so steht, was
bleibt uns dann übrig, als auch in seinem Sinn bei einem Symbolchristus stehen zu
bleiben, wobei dann in der Tat der Feuerbachianismus Leonhardts unwiderlegt und das Schwanken Ernsts zwischen
Idee und Erfahrung unausgeglichen bleiben mag, kommt doch letztlich darauf soviel nicht
an, ob man es so oder so sagt.
Und nun kann Josefak auf den Plan treten (S. 55f.) und jenes lösende |486
Wort von der sprachlosen Freude an dem sprachlosen Gegenstand sprechen und dazu das
Positive: «Die armen Frauen haben sich das so müssen gefallen lassen (nämlich die
theologische Diskussion). Bedenkt nur, welche schönen Töne sie euch würden gesungen
haben, in denen alle Frömmigkeit eurer Reden weit inniger gewohnt hätte, oder wie
anmutig aus dem Herzen voll Liebe und Freude sie mit euch geplaudert hätten, was euch
anders würde behagt und erquickt haben als diese feierlichen Reden. … Laßt uns heiter
sein und etwas Frommes und Fröhliches singen.» Man darf die keineswegs bloß
literarische, sondern hochtheologische Bedeutung auch dieser letzten Seite mit ihrem
milden Triumph über alle Erdenschwere ja nicht übersehen. Etwas scharf zugespitzt würde
ich den Satz wagen: die Musik und das Ewig-Weibliche68, die hier noch einmal 133 «gelobt» und
«gerühmt» werden, sie sind als via regia zu dem Unaussprechlichen die eigentliche
theologische Substanz des kleinen Meisterwerkes.
1. Die Musik. Nicht umsonst war es ja, wie wir hörten, «Dülons Flötenkonzert», das Schleiermacher 1805 zu seiner Abfassung begeisterte.
Wenn gesungen wird in diesem «Gespräch», dann gibt es schon zu Beginn
«einige stumme Augenblicke, in denen aber jeder wußte, daß eines jeden Gemüt liebend auf
die übrigen und auf etwas noch Höheres gerichtet war» (S. 10
📖). Darum ist auch die kleine
Sophie mit ihrem bedeutungsschweren Namen weiblichen Arbeiten zwar abgeneigt, zeigt aber
ein entschiedenes Talent für Musik, besonders für das, was «im großen Kirchenstil»
gesetzt ist (S. 7). «Jedes schöne Gefühl», sagt Eduard (S. 21f.), «tritt nur dann recht
vollständig hervor, wenn wir den Ton dafür gefunden haben; nicht das Wort, dies kann immer nur ein mittelbarer Ausdruck sein, … sondern den Ton im eigentlichen Sinne.»69 Um dem gemeinsamen Ausdruck des religiösen
Gefühls wieder «aufzuhelfen», müßte man den Gesang wieder in ein richtigeres Verhältnis
setzen zum Wort. «Was das Wort klar gemacht […], muß der Ton lebendig machen, unmittelbar in das ganze innere Wesen als Harmonie
übertragen und festhalten.» Und weiter: «Das Christentum ist ein einziges Thema in
unendlichen Variationen dargestellt … Es ist auch gewiß wahr …, daß die |487 Kirchenmusik nicht des Gesanges, wohl aber der bestimmten
Worte entbehren könnte. Ein Miserere, ein Gloria, ein Requiem, wozu sollen ihm die
einzelnen Worte? Es ist verständlich genug durch seinen Charakter; und niemand wird
sagen, es sei ihm etwas entgangen, wenn er die untergelegten Worte nicht vernommen hat.
Darum müssen heute70 beide fest aneinanderhalten, Christentum und Musik, weil beide
einander verklären und erheben.»al «Ja, gewiß», 134 sagte Friederike, «der frömmste Ton ist es, der am sichersten ins Herz dringt. – Und die singende Frömmigkeit, fügte Karoline hinzu, ist es, die am herrlichsten
und geradesten zum Himmel aufsteigt» [S. 23
📖].72 Warum gerade die Musik?, könnte man fragen. Darum, weil das Wort nach allem Angeführten dem eigentlichen Schleiermacherschen
Weihnachtswunder feindselig, schädigend, jedenfalls unvermögend, ihm gerecht zu werden,
gegenübersteht, weil der Mensch, der seine «erhöhte Menschlichkeit» in Worten zu feiern unternimmt, sich selber dabei73 allzu leicht
rätselhaft und unglaubwürdig wird. «Alle Formen sind mir zu steif und alles Reden zu
langweilig und kalt» [S. 56]. Welch ein Glück, daß wir, vom Problem des Wortes
beunruhigt und bedroht, in das Reich der Töne, in die christliche
Musik und in ein musikalisches Christentum uns flüchten können! Gerade in seiner
begrifflichen Qualitätslosigkeit ist der Ton der wahre und legitime Träger der
Weihnachtsbotschaft, der adäquate Ausdruck für die nicht redend, aber singend, flötend,
klavierspielend erreichbare höchste und letzte
dialektische Stufe.
2. Die Frau. Es ist wirklich mehr als eine galante Huldigung, wenn
Jo|488seph zum Schluß meint, die Frauen hätten es
besser gemacht als «diese feierlichen Reden» der Männer. Die Frauen bis auf die kleine
Sophie herunter sind es, die mit ihrer mannigfaltigen Variation des
Mutter-und-Kind-Verhältnisses das in Schleiermachers Sinn eigentlich Zutreffende über die Weihnacht sagen, die
männlichen Christologen nur, sofern sie mit ihrer ganzen Dialektik widerwillig darauf
zurückweisen. Denn (S. 28f.
📖) wenn das Christentum redet von einem Umkehren, von einer Veränderung des Sinnes, von einem Neuen, wodurch das Alte
soll ausgetrieben werden, so einigen sich die Gesprächsteilnehmer darüber, daß diese
Forderung dem unruhigen, streberischen, kämpfenden Wesen der Männer gegenüber zwar nötig
und berechtigt, aber der ruhigen und anmutigen Art der Frau gegenüber, wo heiliger Ernst
und liebliches Spiel überall eins seien, eigentlich schon überholt sei. «Christus
selbst, erwiderte Karoline, hat sich doch nicht bekehrt. Eben deshalb
135 ist er auch immer der Schutzherr der Frauen
gewesen, und während ihr euch nur über ihn gestritten habt, haben wir ihn geliebt und
verehrt. … Wir bleiben immer Kinder, dagegen ihr erst umkehren müßt, um es wieder zu
werden.»am/74 Also die Frau ist schon und hat schon das, was wir an Weihnacht
feiern, sofern dies ja eben ist die «unmittelbare Vereinigung des Göttlichen mit dem
Kindlichen, bei welcher es also keines Umkehrens weiter bedarf» [S. 29]. Wie der Ton jenseits der logischen, so ist die Frau jenseits
der ethischen Dialektik. Eben gerade das: ihre Unbekehrtheit, Unbekehrbarkeit und
Nichtbekehrungsbedürftigkeit machtan neben der Musik auch die Frau mit ihrem «Herzen voll Liebe und Freude» |489 zu einem der Sache, diesem Inhalt gerecht werdenden, seiner
würdigen Gefäß der Weihnachtsbotschaft, zu einem Organ direkter
Mitteilung76.
Denn darauf, auf die Möglichkeit, nein Wirklichkeit der direkten
Mitteilung ist es bei dem eindringlichen Hinweis auf die Musik und auf die Frau
natürlich abgesehen. Und insofern ist er charakteristisch für das, was
hier mitgeteilt wird, für die Substanz der Schleiermacherschen Weihnachtsverkündigung, für jenen «höchsten Triumph
der menschlichen Natur». Dilthey hat recht:
das letzte Wort für dieses Letzte, was Schleiermacher über die Weihnacht zu sagen hat, ist das Wort Lebensgefühl.77
Es wäre eine weitere und größere Aufgabe, mit unsrer Frage an die
späteren Predigten Schleiermachers und vor
allem an seine Glaubenslehre heranzutreten. Eine prinzipiell andere Antwort habe ich
auch dort nicht wahrzunehmen vermocht.