Brunners Schleiermacherbuch
In Schleiermachers zweitem
«Sendschreiben an Lücke»a steht der Satz: «Ein Freund versprach mir schon vor ein paar Jahren, meine
Glaubenslehre von seiten der Eschatologie anzugreifen, und das
wäre gewiß geistvoll und lehrreich geworden; er hat aber nicht Wort gehalten.» Es
ist bezeichnend für das Schicksal der modernen protestantischen Theologie, daß
dieser ungenannte «Freund» damals (zwischen 1822 und 1829 muß jene Äußerung
gefallen sein) nicht Wort gehalten und daß es nun rund hundert Jahre gebraucht
hat, bis ein anderer kam, um sein Versprechen einzulösen. Darum handelt es sich
nämlich in Brunners Buch: um den Angriff auf die Schleiermachersche Glaubenslehre und Theologie
überhaupt von der Eschatologie her.
403
Brunner selbst hat den Punkt, von dem
aus er den Hebel seiner Kritik bewegt, gekennzeichnet durch den allgemeinen
Begriff «Das Wort». Gemeint ist das biblisch-reformatorische «Wort», das Gott spricht, im Gegensatz zu dem Schleiermacherschen Gefühl, das der Mensch hat, dem Heiligtum der alten und neuen, der heidnischen und
christlichen «Mystik». Er bringt den Gegensatz (ich versuche
eine kurze Wiedergabe des Inhalts seines Buches) auch auf eine Reihe von andern
Formeln: Glaube als Vernehmen des Wortes12 im Gegensatz zu einem
antiintel-lektualistischen, in Wahrheit agnostizistischen Expressionismus.13 Offenbarung als Mittlertum, als geschichtliche
Selbstkundgebung Gottes, als Autorität, also im Gegensatz zu der
romantisch-religiösen Apotheose des Individuellen (= Zufälligen!).14 Gottesverhältnis als Gehorsam im
Gegensatz zu dem Naturalismus eines im Schema der Kausalität gedachten
Von-Gott-Gesetzt-Seins.15
Geist gegen Psychologismus.16 Objektive, in der Furcht Gottes zu
erkennende Wahrheit gegen «Religionismus», gegen den Kultus
jener vermeintlich 50heiligen «Provinz» im menschlichen Gemüt.17
Gleichzeitigkeit und darum Absolutheit im
Verhältnis des Christen zur Offenbarung gegen den die Offenbarung zu einer «Kraft»
erniedrigenden und damit notwendig relativierenden Historismus der
Schleiermacherschen «Christologie».18
Erkenntnis der Sünde als Bruch mit Gott, an dem gerade auch das
Zentrum der Menschen teilnimmt, gegen eine Auffassung, die sie zum bloß
teilweisen, allmählich zurückbleibenden Widerstand der Sinnlichkeit, zum bloßen
«Atavismus» macht.19
Erlösung als autoritative Erklärung Gottes
über |404 das absolut paradoxe Zusammenbestehen des
Unvereinbaren in der Vergebung, als justitia forensis also, gegen eine
vermeintlich erfahrbare virtuose «Kräftigung des Gottesbewußtseins» mit
«Annäherung an den Zustand der Seligkeit».20 Hoffnung des ewigen Lebens gegen
geschichtsphilosophischen Optimismus.21 Zweilinige Geschichtsbetrachtung, Verzicht auf alle Synthesen
zwischen αἰὼν οὗτος und αἰὼν μέλλων, die Idee des Antichrist also gegen einen christlich maskierten monistischen
Evolutionismus.22 Begründung der
Ethik auf das Gesetz statt auf die Zweideutigkeiten einer
Geistnatur.23 Die Kategorie des
Einzelnen, des existierenden Menschen gegen den
Individualismus, den der Mensch mit jedem Blatt am Baume gemeinsam hat.24
Kritizismus gegen naiven Realismus.25 Freiheit im Sollen statt im Sein.26 Absoluter Ernst der Entscheidung statt
des alle und jede Amphibolie ermöglichenden Prinzips der stetigen Reihen zwischen
den entgegengesetzten Polen (echte statt unechte Dialektik also!).27
Subordination des hypothetischen Imperativs der Wissenschaft
unter den kategorischen Imperativ der Ethik statt der geistleugnenden Neutralität
«Gottes» in dem Urgegensatz des Gegebenen und Nicht-Gegebenen.28 Kurzum: Bruch der Immanenz,
göttliche Wahrheit als Tatsache, das Kreuz
Jesu Christi29, Gefangennahme des Subjekts durch die Wahrheit statt alles «Gott
und …»30. Und darum Alternative,
Ultimatum: der christliche Glaube oder die moderne
Religionsauffassung31, die in Schleiermacher mit Recht ihren Klassiker, ihren «Kirchenvater»32 verehrt.
405 Der Nerv dieser ganzen Kritik, das, was für die Begründung aller dieser (z. T. ja
schon von Früheren erhobenen) Einsprüche gegen die Schleiermachersche Lehre im Zusammenhang von Brunners Denken charakteristisch ist, das, was
alle diese einzeln befestigten Stellungen zu einer geschlossenen Kampffront
verbindet, ist doch wohl die Eschatologie, das Bedenken des «Letzten», der Grenze,
von der her der Mensch gerichtet und begnadigt wird, des Futurums Gottes33, in dem ihm alles verheißen ist,
aus dem er aber eben darum kein Präsens zu machen ver51 suchen soll, bei Strafe
ebenso sicher alles zu verlieren. Dieses Bedenken findet Brunner
bei Schleiermacher mit Ausnahme weniger in das Ganze seines Systems offenbar nicht
passenden Andeutungen nicht. Was er bei ihm findet, ist auf der
ganzen Linie nicht das «Wort», sondern die «Mystik», d. h. der Versuch, sich um
jenes Bedenken zu drücken, den Himmel auf Erden zu genießen, eine Theologie der
Wirklichkeit diesseits der Todesgrenze, eine theologia gloriae
trotz aller Hemmungen durch die christliche Tradition möglich zu machen.34 Das ist’s, was
Brunner Schleiermacher zürnt. Das will er in allen seinen Gründen und Konsequenzen
bei ihm aufdecken, durch Konfrontierung mit dem so ganz andern
«biblisch-reformatorischen»35 Denken brandmarken und überwinden. Um der neuern Theologie im
Spiegel ihres Meisters dieses heillose, weil prinzipielle Manko nachzuweisen, hat
er, wenn ich ihn recht verstehe, sein Buch geschrieben. «Wo der Mensch an seinem
Ende ist – und bleibt –, da ist die Grenze des heiligen Landes. In istis tenebris
Christus fide apprehensus sedet sicut Deus in Sinai et in templo |406 sedebat in medio tenebrarum (Luther)», heißt es noch auf der letzten Seite.36
Eine kritische Auseinandersetzung mit Schleiermacher will das Buch sein. Es hat
wahrlich keinen Sinn, nun, wie bereits geschehen ist, zu jammern, wieviel schöner
und erfreulicher es doch gewesen wäre, wenn Brunner sich eine positive Aufgabe,
z. B. die einer Darstellung des reformatorischen Glaubens, gestellt hätte.37 Nein, solche Aufräumungsarbeiten dürfen und müssen auch getan sein
und können unter Umständen die Situation mit einem Ruck weiter fördern als zehn
«positive» Darbietungen. Das Buch ist, damit muß man sich nun einmal abfinden,
auch nicht dazu geschrieben, um Schleiermacher darzustellen, sondern um ihn zu bekämpfen. Der Verfasser setzt voraus,
daß der Leser Schleiermacher schon kenne, und könnte sich für sein Vorgehen auf
Schleiermacher selbst berufen, der es in seiner «Kritik aller bisherigen
Sittenlehre» nicht nur mit einem, sondern mit den sämtlichen Philosophen der
Vergangenheit ebenso gehalten hat.38 Historische Darstellung und
Würdigung des Mannes wäre, wie Brunner mehrfach vermerkt, eine Sache für sich,
aber diesmal nicht seine Sache. Er geht davon aus – und welcher
Verehrer des Mannes dürfte ihm das übelnehmen? –, daß Schleiermacher für uns nur
zum geringsten Teil eine «historische» Größe ist, sondern daß er mitten unter uns
lebt39,
nicht nur kraft der Anpreisungen all |407 der Naiven und
weniger Naiven, die ihn immer wieder mit Paulus und Luther in
einem Atemzug zu nennen pflegen, sondern kraft der Schule ohnegleichen, die er
tatsächlich im 19. Jahrhundert gemacht hat und immer 52 noch, immer wieder unter
uns macht, als der eigentliche Genius und Spiritus rector ungefähr alles dessen,
was seit ihm (wenigstens den großen Heerstraßen entlang) protestantische Theologie
heißt, so vielfach ihm widersprochen worden ist, so wenige den Mut gehabt haben,
mit den Konsequenzen seines Ansatzes unbedingten Ernst zu machen. Brunner diskutiert deshalb mit Schleiermacher, wie wenn er wirklich einen
Zeitgenossen vor sich hätte. Man kann das methodisch beanstanden – ich bin in
Bezug auf die Durchführung dieser Diskussion auch nicht
einverstanden mit Brunner –, zu grundsätzlichem Protest haben
jedenfalls die kein Recht, die uns auf die «Reden»40 und auf die Glaubenslehre41 als auf halbkanonische Bücher hinzuweisen nicht müde wurden. Sie hätten
den Einwand, Schleiermacher müsse «geschichtlich» verstanden und gewürdigt werden,
zuerst sich selber machen sollen und müßten nun einsehen, daß es zur Flucht in die
Historie für diesmal zu spät ist.
Es ist gut, daß dieses Buch da ist. Es ist ein nötiges und nützliches Buch. Auch
die Gegner Brunners werden ja anerkennen, daß es wichtig war, daß der von
Schleiermacher selbst vergeblich, aber offenbar mit Interesse erwartete Angriff
von der Eschatologie her einmal unternommen und unter kritischer Berücksichtigung
aller frühern Angriffe durchgeführt wurde. Sie werden dem Verfasser auch nicht
abstreiten können, daß er legitimiert ist, über Schleiermacher zu reden, sofern er
ihn jedenfalls kennt, sofern solide sachliche Arbeit hinter seinem Buche steht.
Seine These «sitzt», und das Entweder – Oder, zu dem er auffordert42, schwebt
nicht in der Luft, sondern steht dem, was Schleiermacher tatsächlich gesagt und
nicht gesagt hat, mehr oder weniger genau |408 auch dem,
was seine Nachfolger sagten und sagen, unmittelbar gegenüber. Besonders
dankenswert ist es, daß Brunners Kritik
Schleiermacher über die «Reden», die
Glaubenslehre, die Kurze Darstellung43 und die Sendschreiben an Lücke
hinaus bis in die dunklen Wälder seiner «Dialektik»44 und «Philosophischen Ethik»45 nachgeht, um dort die Wurzeln seines Denkens bloßzulegen. Oder wird man
ihm etwa gerade das zum Vorwurf machen, daß er sich nicht einfach an den
Theologen, an die frommen Eindrücke und Anregungen, die man doch bei allem
Vorbehalt aus seinen bekannteren Schriften empfangen könne, gehalten, sondern so
unerbittlich nach den letzten Voraussetzungen gefragt habe? Die einzige Rezension,
die mir bis 53 jetzt zu Gesicht kamb, scheint
allerdings darauf hinzuweisen, daß Brunner sich auf diesen Vorhalt gefaßt machen
muß. Ich brauche nicht zu begründen, daß er auf eine Ausflucht hinausläuft, mit
der man ihn wirklich nicht widerlegen kann. Allerdings: auch ich möchte es
bedauern, daß Brunner es grundsätzlich unterlassen hat, vor allem die Predigten Schleiermachers heranzuzie|409hen.49 Er hätte dort für seine Auffassung in allen Punkten ein geradezu
erdrückendes Material gefundenc, und der Einwand, Schleiermacher sei bei ihm in seinem
religiös-theologischen Lebenszentrum, im unmittelbaren Erguß seiner christlichen
Persönlichkeit nicht genügend zu Wort |410 und zu Ehren
gekommen, wäre dann abgeriegelt gewesen. Auch die so berühmte und beliebte «Weihnachtsfeier»57 hätte er sich unter
keinen Umständen entgehen lassen dürfen, und dem Kunstwerk der «Kurzen
Darstellung» und den Geheimnissen der «Sendschreiben» an Lücke hätte ich eine
eingehendere Beleuchtung wohl wünschen mögen. Aber das ändert nichts daran, daß
die These Brunners gründlich belegt und
klar formuliert dasteht und auf sachliche Beantwortung 54
wartet. Auf dem Umschlag des Buches lese ich u. a. mit Interesse, daß eine von den
früheren Schriften des Verfassers das Prädikat erhalten hat: «… in manchem die
Karl Barthsche Position erklärend, nur alles deutlicher, im Zusammenhang mit der
übrigen wissenschaftlichen Forschung.»58 Zweifellos kann Brunner auch in diesem
Buch das, was z. B. auch Gogarten und
ich gegen die Theologie, von der wir herkommen, auf dem Herzen haben, vielen
einleuchtender, schlagender, handgreiflicher sagen als wir. Und daß es sich
hierseits darum handelt, ausgerechnet Schleiermacher – |411 nicht den Respekt, aber die Nachfolge (und zwar im
Unterschied zu den älteren und neueren «Positiven» grundsätzlich und gänzlich) zu
kündigen, das mußte nun einmal demonstrativ
gesagt werden. Brunner
hat es gesagt, und dafür werden ihm alle, die grundsätzlich mit
ihm einig gehen, dankbar sein. Aber es ist sehr zu hoffen, daß die Diskussion sich
an Brunner selbst und seinen Schleiermacher halten wird. Anders wird man diesmal auch «uns»
Danebenstehenden nicht beikommen können, als indem man (gründlich) beweist (nicht
nur beteuert), daß Brunner dem Meister Unrecht getan habe. Es gibt Zeitgenossen,
ich will sie mit keinem Namensaufruf behelligen, die diesem Buch gegenüber einfach
nicht schweigen dürfen, und ich brauche nicht zu sagen, daß von
der Kraft, mit der sie Schleiermacher nun in Schutz nehmen müssen, einiges
abhängt, und zwar, so wie die Dinge hegen, nicht nur für die
Schleiermacherforschung.
Aber nun möchte ich doch nicht verhehlen, daß ich gegen Brunners Buch ein Bedenken habe. Es betrifft zunächst die Form
des Buches, aber die Form, wie ich meine, um der Sache willen. Ich spreche es aus,
weil ich es nicht für richtig halten würde, aus taktischer Rücksicht auf etwa
schadenfrohe Leser, nicht auch in diesem Fall ganz offen zu sein. Wie mißlich,
meine ich, daß Brunner seiner Darlegung fast von den ersten Seiten an den
Charakter der Rede eines scharfsinnigen, alles genau wissenden und alles bestimmt
sagen könnenden Staatsanwalts gegeben, dem «armen
Schleiermacher» (so Wernle!)59 die Stellung des Angeklagten zugewiesen
und damit die Szene zum Tribunal gemacht60 hat! Gewiß, es ist ein überlegenes, siegreiches, eindrucksvolles
Verfahren, wie dieser Angeklagte Punkt für Punkt verhört, überführt, schuldig
erklärt wird. Aber mir ist nicht recht wohl dabei, obwohl ich mit den Resultaten,
soweit ich kontrollieren kann, einverstanden bin und obwohl ich für unnötige
Sentimentalität im theologischen Verkehr auch nicht viel übrig habe. Es dürfte
doch wohl zweierlei sein, wenn z. B., wie neulich geschehen, Paul Althaus ungefähr in 55 dieser Form mit mir – «abrech|412net»61, wie man sagt,
als wenn man sich «auseinandersetzen» will mit einem vor neunzig Jahren
Dahingegangenen, der sich nicht mehr erklären, verbessern, in meliorem partem
deuten, durch neue Evolutionen überbieten kann. Nimmt man einen solchen so vor,
wie dies Brunner mit Schleiermacher getan hat, so kann sich der Zuschauer des Eindrucks fast nicht erwehren, hier geschehe
«irgendwie» Gewalt und Unrecht. Und im vorliegenden Fall werden sich zahlreiche
Zuschauer diesem Eindruck (sie wissen warum!) nur zu gern hingeben. Mein Bedenken
hat mit dem Schrei nach «historischer Gerechtigkeit» nichts zu tun. Brunner
brauchte sich die Aufgabe, die Theologie
Schleiermachers zu bekämpfen wie die eines
Zeitgenossen, durchaus nicht nehmen zu lassen. Aber ich bedaure es, daß er nicht
den Weg einer zurückhaltenderen, – sit venia verbo – «raffinierteren», einer immanenten Kritik an Hand einer gelassenen systematischen
Entwicklung des Gegenstandes (etwa in der Art, wie seinerzeit
Bender sein Werk
über Schleiermacher62
geschrieben) gewählt hat. Warum gleich die anklägerische Überschrift «Die Mystik
und das Wort»? Warum nicht ganz trocken: «Schleiermacher»? Warum den Mann nicht
ganz einfach zu Worte kommen lassen, breit und vielseitig wie er
war, in seinem eigenen Zusammenhang seine Sache selbst vortragend, begründend, beleuchtend und – widerlegend? Gewisse
Hauptstellen bei Schleiermacher (und viele Nebenstellen!) braucht man ja
Unbefangenen nur mit erhobener Stimme vorzulesen, um diese
letzte Wirkung zu erzielen! Wie, wenn Brunner – er wird es mir nicht als
Schulmeisterei auslegen, wenn ich ihm post festum diese Vorschläge unterbreite –,
statt mit der großen «Auseinandersetzungs»Kelle anzurichten, uns einfach ein
liebevoll minutiöses Bild seines Mannes gezeichnet hätte, mit den Augen eines
Wissenden natürlich (so gut wie das Schleiermacherbild Diltheys63 etwa mit den Augen eines Wissenden – nur daß
dieser etwas anderes zu wissen meinte – gezeichnet ist!) – aber nicht mit den
Augen eines alles wissen Wollenden, und |413 darum, mit Ausnahme einiger nicht zu unterdrückender Randglossen und
Zwischenrufe vielleicht, unter resolutem Verzicht auf alles Perorieren, alles
Widerlegenwollen, auf den ganzen Kampfapparat und nicht
zuletzt auf das allzu öffentliche Schautragen der überwundenen Mächte und Gewalten
(Kol. 2,15), das uns ja doch nicht zukommen kann? Dafür mit viel reichhaltigeren
Mitteilungen aus Schleiermachers
Werken, und zwar mit ausgesuchter Sorgfalt auch von solchen Stellen, die die
Einheitlichkeit des Bildes in Frage stellen konnten. Nur so hätte meines Erachtens
der systematisch-programmatische Zweck des Buches wirklich erreicht werden 56 können. Es geht mir natürlich nicht nur um die
Form als solche, auch nicht nur um den besseren, «feineren»64 Eindruck, den das
Buch so gemacht, oder um die erhöhte Schlagkraft, die es gerade so sicher gewonnen
hätte; gewiß auch um das, wie sollte es nicht? Ich fühle mich
beteiligt genug, um dem Brunnerschen Buch eine möglichst ungehemmte Wirkung zu
wünschen und alles zu bedauern, was sie stören kann. Ich meine aber grundsätzlich:
bei einem kritischen Buch gerade mit diesem sachlichen
Hintergrund müßte überall eine offene Türe sichtbar werden, eine an den Autor
selbst sich richtende Frage übrig bleiben, sein Triumph dürfte
nicht eklatant werden. Das geschieht bei Brunner. Und das ist
nicht gut. Ich will versuchen, mich zu präzisieren:
Es scheint mir einmal: wenn Brunner gemessener, gelassener, vornehm-kaltblütiger
mit seinem Mann umgegangen wäre, das Bild Schleiermachers wäre dann reicher,
komplexer, differenzierter ausgefallen, als es bei Brunner
aussieht, und das wäre für die kommende Aussprache über sein Votum sicher von
Gewinn gewesen. Wenn es richtig wäre, die ganze Theologie Schleiermachers auf die
eine Formel «Mystik» zu bringen, auf die
sich die Anti-Kritiker nun stürzen werden, so verstände ich wirklich auch nicht
recht, wie es möglich war, daß ein ganzes Jahrhundert theologisch von diesem Erbe
leben konnte. Ist nicht ein mindestens ebenso starkes und jedenfalls selbständiges
theologisches Motiv bei Schleiermacher (von den Reden bis zu den Sendschreiben an
Lücke und nicht zuletzt in den Predigten gerade der Reifezeit sich verratend) das
|414
apologetische? Möglich machen, rechtfertigen, retten, anpreisen
will der kluge Mann das Christentum in der modernen Welt (was hat dieses
Unternehmen mit Mystik zu tun?). Und das ist mindestens so deutlich, so
folgenschwer und – so schlimm bei ihm wie das andere, daß er das Christentum (zu
diesem apologetischen Zwecke, oder aus primären Nötigungen? wer will da
entscheiden?) ins Zinzendorfische und
Hardenbergische und Schellingsche und …, kurzum ins «Mystische»
übersetzt hat. Und als drittes, wiederum selbständiges, nicht an sich aus «Mystik»
abzuleitendes Hauptproblem der Theologie Schleiermachers würde ich das der «Kulturreligion» nennen. Das ist doch das Merkwürdige an dem Mann, daß er
neben seiner unverwüstlichen Herrnhuterei nicht nur theologischer Advokat, sondern
doch vor allem auch «schlechthiniger», mit Haut und Haaren der
Göttin «Arbeit» verfallener Berliner Professor, Akademiker und
Politiker war. Mystischer Quietist auf der einen Seite, kann er auf der andern mit
nicht geringerem Pathos als später Al57brecht
Ritschl und die Seinen vom «Wirken»
im Einzelnen und im Dienste des «Ganzen» reden65 und Lobreden auf – Friedrich
den Großen66 halten. Originelle «Mystik» auf alle Fälle! Ich kenne auch Stellen bei
ihm, wo man seitenlang einen heutigen Evangelisch- oder gar Religiös-Sozialen
reden zu hören meint.d
Brunner hat ja mit Recht (S. 127,
153ff.
📖) besondere Sorgfalt verwendet auf die Analyse des § 9 der Glau|415benslehre mit seiner sehr überraschenden
Entdeckung einer der ästhetischen übergeordneten (!) teleologischen «Art» des
«schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls». Aber er hätte sich doch nicht begnügen
dürfen, zum Schluß festzustellen, daß es sich hier um die widerspruchsvolle
Einführung von Elementen «aus ganz andern Gedankenzusammenhängen»70 handle, denn wenn man
diesen nachgeht, so findet man Schleiermacher nicht weniger bei sich selbst zu
Hause als vorher, nur eben – in einem andern Zimmer seines geräumigen Hauses.e Die unerkannte (in |416 eine mittelst des Stetigkeitsprinzips in eine erschlichene Synthese oder
vielmehr Symbiose verwandelte) Paradoxie des «Bete und
arbeite!»76 – mit den
merkwürdigen Folgen, die dieses Verhältnis rückwirkend auf die Lehre vom Gebet haben muß! – ist nicht auch das der
echte, 58 der ganze
Schleiermacher, der ganze Neuprotestantismus? (Wiederum: Was ist
nun das Primäre in Schleiermachers
Theologie? Die «Mystik» oder die Kulturreligion? Wer will da entscheiden?) Könnte
man nicht ernstlich die These vertreten, daß Schleiermacher «im Grunde» eben doch
nicht «Mystiker», sondern Ethiker –
neuprotestantisch-aktivistischer Ethiker gewesen sei?! Der Eifer, Schleiermacher
polemisch waidgerecht beizukommen, dürfte Brunner hier doch zu einer unerlaubten |417
Vereinfachung verleitet haben, die man ihm nun von allen Seiten (auf der Flucht
vor der Sache, die er vertritt!) vorhalten wird, wogegen es mir
scheint, daß seine Kritik an Wucht nur noch gewonnen hätte, wenn er uns, weniger
schematisch, weniger siegreich, weniger direkt vorstoßend, aber mit mehr
Naturtreue das finstere Rätsel des Schleiermacherschen, d. h. des
modern-protestantischen Denkens gerade in seiner inkohärenten Mannigfaltigkeit
vorgeführt hätte. Ist der Hebel seiner Kritik nicht mächtig genug, daß er sich und
dem Gegner diese Freiheit hätte leisten können? Und wenn es ihm dann, bei dem
Versuch, Schleiermacher in der Gebrochenheit seiner verschiedenen Motive zu beleuchten, nicht gelungen
wäre, ihn so sauber aufzuarbeiten, wie jetzt, da er ihn auf ein Motiv festnagelt
und damit seiner Herr wird, wäre das nicht, in Anbetracht, daß es sich um diese Kritik handelt, überzeugender und vor allem sachgemäßer gewesen?
Eine zweite bedenkliche Folge von Brunners direktem Verfahren scheint mir darin zu liegen, daß er
sich dadurch selber genötigt hat, auch seine eigene historische
Position zu entwickeln und zu begründen, und zwar en passant, im laufenden
Gefecht mit Schleiermacher, das ihm wahrhaftig alle Hände voll zu tun geben mußte.
Das konnte nicht gelingen, wenigstens nicht in überzeugender
Weise. Es ist mir, ich lese schon, was die andern dazu sagen werden! Nicht umsonst
ist das Arbeitsmittel, das Brunner hier hauptsächlich zur Anwendung bringt, das –
Zitatf, die Berufung auf Plato78, Paulus79, Luther80, Calvin81, Kant82, Kierke|418gaard83. Eine gute, eine anständige
Ahnenreihe, kein Zweifel! Aber so einfach die Theologien und Philosophien, die
hinter diesen Namen stehen, unter dem Begriff «biblisch-reformatorisches Denken»
zusammenzufassen, als fix und fertige Einheit sie in die theologische Rechnung
einzusetzen, oder vielmehr: als entscheidenden Beweisgrund sie meinen Feinden an
den Kopf zu werfen, das würde ich an Brunners Stelle unterlassen haben. Es kann ihm ja nicht 59 entgehen, daß wir es mit Leuten zu tun haben, die auch
Paulus, auch Luther – mit Recht oder Unrecht – mit ganz
andern Augen lesen als wir, die über dicta probantia, bei denen unsereinem das
Herz im Leibe lacht, hinwegblättern werden, als wäre nichts geschehen. Und Brunner
wird ja sicher so wenig als ich verhehlen wollen, daß sich hinter mehr als einem
von diesen Namen gerade im Verhältnis ihrer Träger zu dem in Schleiermacher verkörperten NeuProtestantismus
auch für uns historische Probleme verbergen, mit denen wir durchaus nicht fertig
sind. Ich will nur drei nennen: Wäre nicht die Frage des Verhältnisses
Schleiermachers zu Plato eines sehr eingehenden Exkurses wert gewesen, wenn
Brunner Schleiermacher mit Plato
schlagen wollte? Schleiermacher hat Plato nicht nur übersetzt84, sondern (anders als zu Luther
z. B.) zweifellos ein sehr lebendiges Verhältnis zu ihm gehabt, und sein Plato-Verständnis wird m. W. auch von
neukantisch orientierten Plato-Kennern
höchlichst anerkannt. Wo sitzt der Fehler in seiner Rechnung, vorausgesetzt, daß
Brunners Rechnung richtig ist? Darüber hätte geredet oder dann von Plato geschwiegen werden müssen. – Auf Luther wiederum
pflegen sich die andern bekanntlich auch zu berufen, und zwar gerade für ihre
Erfahrungstheologie.g
|419 Ich meine nicht, daß sie recht haben; ich möchte nur
darauf hinweisen, daß man mit gewaltig daherbrausenden Lutherzitaten wenn nicht
alles, so doch sehr vieles beweisen kann und daß die «richtige» Theologie
Luthers, als solche bewiesen,
bewiesen als testis veritatis für unser Anliegen gegenüber Schleiermacher und den
Seinen, nicht so fest in unsrer Faust sitzt, wie es bei Brunner den Anschein haben könnte. – Wieder in
anderm Sinn wäre zur Berufung auf Calvin eine nähere Erläuterung und Begründung erforderlich
gewesenh, 60weniger in Bezug auf ihn selbst (obwohl mir auch bei ihm einiges problematisch
ist) als in Bezug auf den Calvinismus,
das Reformiertentum, für dessen Beteiligung oder NichtBeteiligung an der modernen
Katastrophe ich wenigstens noch keine eindeutige Formel habe. Schleiermacher
selbst meinte «durchaus» von der «reformierten Schule» herzukommeni, und Alexander
Schweizer, |420 dem man
Sachverständigkeit nach beiden Seiten jedenfalls nicht ohne weiteres absprechen
kann, ist derselben Meinung: «Die großartige Anregung, welche Schleiermacher der neuern Dogmatik gegeben,
ist offenbar aus der reformierten Richtung her»j. Peinlich für Brunner und mich,
wenn es so wäre! Daß dem nicht so ist – ich wäre gerne völlig überzeugt davon! –, ist aber vorläufig nicht so sehr über
allen Zweifel erhaben, daß man darauf geradezu sein Haus bauen kann. Gewiß kann
und soll man solche «Stimmen der Väter» gelegentlich, re bene gesta als
merkwürdige historische Analogien, mit dem Vorbehalt etwa nötiger besserer
Belehrung, als Ausrufzeichen gleichsam, geltend machen. Aber das dürfte doch nur
ein Parergon des eigentlichen Beweises sein, den man, solange wir
eine Kirchenlehre als kritische Richtlinie sinnreicher theologischer
Gemeinschaft noch nicht wieder haben (und auf solche Kirchenlehre wollen
wir allerdings horribile dictu hinaus!), mit eigenen Mitteln oder
aber direkt in Form von Schriftauslegung wird führen
müssen, natürlich nicht en passant! Bei Brunner aber wird mit der Berufung auf die
kompakte Größe «biblisch-reformatorisches Denken» und auf dessen angebliche
Vorläufer und Nachfolger bewiesen und geschlagen, und dazu sind wir m.E. mangels
eindeutiger Bestimmung dieser Größe im einzelnen wie im ganzen nicht in der Lage. Brunner hätte mehr getan, wenn er
|421
weniger gewollt, wenn er ohne die Erstellung solcher
historischer «Widerlager», die er gelegentlich sogar für «außergewöhnlich stark»
hält (S. 273
📖)92, sich mit klugem (aber
nicht allzu klugem!) Auge an Schleiermacher selbst gehalten, Schleiermacher an
sich selbst gemessen, Schleiermacher durch Schleiermacher selbst aufgehoben hätte.
Ein passendes Motto aus Luther oder
Calvin über jedem Kapitel würde zur
Erinnerung an die historischen Beziehungen dieser Kritik vollständig genügt haben.
Und wieder würde vielleicht gerade das Fehlen solcher
historischer «Widerlager» deutlicher von der heillosen Situation gezeugt haben, in
61 die wir unter der Fahne Schleiermachers
hineingekommen sind, als ihr Vorhandensein, deutlicher bezeugt,
daß der Angriff gegen Schleiermacher wirklich nicht von irgendeiner «Orthodoxie»
(vielleicht Kierkegaardischer
Observanz!), sondern von der Eschatologie herkommt, von der aus
gesehen auch Luther und Calvin (und noch viel mehr wir Angreifer
selbst) Schleiermacher nicht nur – gegenüberstehen!
Im Zusammenhang mit dem vorigen noch ein Drittes, Gewichtigstes.
Ich gestehe, daß ich nicht vorbeikomme an einem Satz aus einem Buch, das ich im
übrigen so wenig liebe wie Brunner93, nämlich aus dem Schlußwort des
bekannten Schleiermacherbuches von Heinrich Scholz. Es lautetk: «Nicht alles ist Schleiermacher gelungen: die Leistung als Ganzes aber
ist so groß, daß sie nur durch eine entsprechende Gegenleistung,
nicht durch spitze Einzelkritik in ihrem Bestande bedroht werden kann.»
Ich habe durch Sperrung angedeutet, was mich an diesem Satz in Bezug auf Brunners
Verhältnis zu Schleiermacher, das in der Sache auch das meinige ist, interessiert.
Also das Ergebnis unsrer erneuten Beschäf|422tigung mit Schleiermachers Theologie besteht darin, daß sie uns nun – es hat
einiges gebraucht, bis wir nach der Mißleitung, die man uns auf Hochschulen
seinerzeit angedeihen ließ, soweit waren! – nur noch eine lapidare Warnung ist, wie man auf alle Fälle nicht Theologie
treiben darf. «Ob wir auf den Fundamenten und nach den Plänen Schleiermachers weiterbauen wollen, wie man
jetzt ein Jahrhundert lang getan, das ist die Frage, und wir haben sie mit aller
Bestimmtheit verneint95 … Entweder der
christliche Glaube oder die moderne Religionsauffassung», so
schließt Brunner (S. 390f.). Brauche ich
anzudeuten, daß diese Absage, lebten wir in einer klassischeren Zeit als der
unsrigen, noch ganz anders kräftig und schallend formuliert werden könnte? Aber
was bedeutet nun diese «Absage»? Es kann uns ja nicht einfallen,
in Abrede stellen zu wollen, daß der Protestantismus jedenfalls unter seinen
Theologen seit den Tagen der Reformation keinen Größeren gehabt hat als eben
diesen: Schleiermacher. Das ganze 19. Jahrhundert hat auf seinem Grunde gebaut,
sagt uns Brunner, und ich sehe nicht, wie ihm zu widersprechen wäre: Die
herablassende Art, wie etwa der Erlanger Frank in seiner «Geschichte und
Kritik der neuern Theologie» von Schleiermacher redet96, entspricht doch allzu wenig der Tatsache, daß auch
die Konservativen in den entscheidenden Punkten von seinem Brot
ge62lebt haben und bis heute leben97 (kein Wunder, daß wir sie heute immer
mehr mit den Ritschlianern usf. in einer Front unter unsern Gesprächsgegnern
finden!). Und Brunner hätte hinzufügen müssen, daß die Schleiermachersche
Theologie auch nach rückwärts keineswegs als eine zufällige
isolierte Irrlehre dasteht, sondern der Niagara ist, in dem die Hauptströme des
theologischen Denkens von mindestens zwei Jahrhunderten mit fataler Notwendigkeit
zu – Fall kommen. Also: εἰς αὐτόν und
ἐξ αὐτοῦ τὰ πάντα [Röm. 11,36], möchte man beinahe
zitieren; denn wie erschreckend wenig wirkliche Opposition ist
neben dem, was zu Schleiermacher hinführt oder von ihm herkommt in der Geschichte
der prote|423stantischen Theologie, abgesehen
von ihren Anfängen, zu verzeichnen! Und nun frage ich mich eben, ob Brunner – und hier wird mein Bedenken gegen
sein Buch am dichtesten – mit seiner forschen Schleiermacherkritik sich selbst und
jedenfalls seinen Lesern genügend zum Bewußtsein gebracht hat, wie furchtbar die historische Situation ist, in der man sich befindet, wenn
man sein Urteil über Schleiermacher
teilt, vor welchem unerhörten (fast «eschatologischen»!)98
historischen Loch99 und vor welcher noch unerhörteren historischen Aufgabe man dann als protestantischer Theologe steht, wieviel Anlaß man angesichts dieses Befundes hätte, die Hände
erschüttert und resigniert sinken zu lassen oder eben – man winkt uns ja schon vom
andern Ufer!100– katholisch zu werden. Ist Brunner über seiner Beschäftigung mit
Schleiermacher nicht auch beinahe irre geworden jedenfalls im Glauben an die
historische Kraft der reformatorischen Wahrheit und noch höher
hinauf: im Glauben an das Walten der göttlichen Vorsehung und
Leitung über der christlichen Kirche, das sich doch, wenn es mit Schleiermacher
so steht, wenn überhaupt, dann nur als Zorngericht verstehen läßt? Geht Brunner nicht viel zu sicher, viel zu
schneidig, viel zu schmissig um mit seiner Parole «Wort contra Mystik!», als daß
er den mutigen Jünglingen, die nach seinem Buche greifen werden und greifen
sollen, die Augen zu öffnen vermöchte darüber, daß der rettende Kahn, der uns von
Schleiermacher weg in ein besseres Land – aber eben nicht in das
Land der Selbstironie und nicht in die katholische Kirche! –
bringen müßte, keineswegs |424 zur Abfahrt bereit steht,
sondern im Schweiß unsres Angesichts [vgl. Gen. 3,19] und unter Lebensgefahr erst zu bauen ist,
während das Schiff, auf dem wir uns befinden, tiefer und tiefer sinkt? Kommt es
nicht darauf an, daß unser aller Augen dafür geöffnet werden,
wenn wir nicht von einer Schleiermacherei – in die andre geraten wollen, in ein neues bloß vermeintliches Haben, Wissen,
Beteuern, Starke-Worte-Ausstoßen? Ich erinnere nun an das Wort von der
«entsprechenden Gegen63leistung». Der Sinn, in
dem Scholz es gemeint hat, ist schon
bedenklich genug für uns: Schleiermacher hat seine Sache zweifellos gut,
glänzend gemacht. Es genügt nun nicht, zu wissen und zu sagen, daß er ein
Erzketzer ist und daß eine andre Sache gemacht werden müßte,
sondern es bedürfte des Wissens, Könnens und Vollbringens, diese andre Sache mindestens annähernd ebenso gut zu machen
wie er die seinige101, die wir für
verloren halten müssen. Bevor dieses Wissen, Können und Vollbringen – aber wo und
wer ist der starke Mann dazu? – auf dem Plan ist, dürfte man sich schon die Frage
«Schleiermacher erledigt?» (S. 390
📖)102 eigentlich nur im stillen
Kämmerlein vorlegen, wo man in der Lage ist, sich selbst auf den Mund zu schlagen,
bevor es einem von den andern widerfährt. Aber die Sache reicht weiter: Steht es
so, daß die Schleiermachersche Häresie
keine zufällige Einzelerscheinung ist, sondern der gigantische Exponent einer
nicht allzu fern von der Reformation selbst anhebenden Mißentwicklung, ist es dann
nicht klar, daß die «Gegenleistung», das vollkräftige, überlegene Ja, das ein
wirklich «erledigendes» Nein Schleiermacher gegenüber tragen sollte, in einer theologischen Revolution bestehen müßte, die in ihrer Tiefe und Energie
wahrlich nicht kleiner sein dürfte als die Reformation selber? Weiß; Brunner und sagt er es seinen Lesern, daß er diese Revolution proklamiert und was das
bedeutet? Besser zu machen, was Schleiermacher schlimm gemacht hat, heißt das etwas anderes als das
theologische Denken, wie es nun (übrigens bis tief in die Reihen der katholischen
Theologie hinein – man soll |425 dort nicht meinen, als
tertius gaudens dabei sein zu können!!)l seit mindestens drei Jahrhunderten gerichtet
war, in einem Winkel von 180° um seine eigene Achse zu drehen, und ist das nicht
das Unternehmen einer Hybris, mit der wir alle nach menschlichem Ermessen nur
scheitern können? Weiß Brunner, wie dicht die Patina frömmster Tradition ist,
von der der Heilige der «modernen Religionsauffassung», den er «in seinem Bestände
bedrohen» will, heute umgeben ist? Was es heißt, daß wir gegen den Verdacht –– nun
ganz einfach des Herostratentums anlaufen müssen und letztlich keine
Heiligenbilder haben, auf die wir unsrerseits nun hinweisen können, sondern
letztlich nur die Heilige Schrift und das Prinzipielle von
Glauben und Offenbarung, das uns unwidersprechlich in ihr zu begegnen scheint?
Natürlich weiß Brunner von dieser seiner, unsrer, seiner verstehenden Leser Lage. Er sagt es auch.103 Aber er hat doch vielleicht zu wenig danach getan. 64 Können wir uns bei solcher Rebellion, bei solchem Ungehorsam gegen die
Geschichte (der Neuzeit!) anders rechtfertigen als
damit, daß wir eben noch viel mehr erschrocken sind vor der Hybris dieser drei
Jahrhunderte und vor der Zumutung, in dieser Hybris zu
verharren? Aber dann müssen wir wirklich auch für uns selbst erschrocken sein:
darüber, daß wir eine andre Rechtfertigung als diese, eine positive Rechtfertigung unsres Tuns Gott und uns selbst und
unsern Zeitgenossen nicht vorzuweisen haben. Und nur aus diesem
zweiten Erschrockensein heraus dürfte dann etwa zum Angriff gegen die falschen
Götter unsres Zeitalters geblasen werden. Nur damit wäre es allenfalls zu
bewähren, daß der Angriff wirklich «von seiten der Eschatologie» herkommt und
nicht – anderswoher. Dann erst würde die Posaune einen ganz deutlichen Ton geben
[vgl. 1.Kor. 14,8].
Brunners gescheites und wissendes,
erwünschtes und empfehlenswertes Buch ist mir in diesem Sinn zu «unerschrocken».
Ich weiß und bedenke übrigens, daß ich mich mit derselben «Unerschrockenheit» auch
schon verfehlt habe.