1924

Brunners Schleiermacherbuch

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BRUNNERS SCHLEIERMACHERBUCH

1924

Von Emil Brunner1 hatte Barth im Herbst 1923 das Manuskript eines Buches über Schleiermacher2 erhalten, das er zur Vorbereitung seiner dreistündigen Vorlesung im Wintersemester 1923/24 über «Die Theologie Schleiermachers» benutzte: «Es scheint doch ganz gut und ist mir sehr dienlich.»3 Bereits in der ersten Vorlesungsstunde vom 1. November 1923 kündigte er seinen Studenten an: «Eine umfassende, von der ersten Zeile an kritische, ausdrücklich als systematische Auseinandersetzung gemeinte Darstellung Schleiermachers haben wir im Laufe dieses Winters zu erwarten aus der Feder von Emil Brunner … Ich habe sie im Manuskript wenigstens teilweise zur Kenntnis nehmen können. Brunners Ziel ist nicht das, Schleiermacher kennen zu lehren, sondern Solchen, die ihn schon kennen, klar zu machen, was gegen ihn zu erinnern ist … Mein Ziel in dieser Vorlesung ist, obwohl ich mit der Brunnerschen Kritik, soweit ich sehe, einig gehe, das erste, das Bekanntwerden und Bekanntmachen, also, wenn Sie so wollen, die Bereitstellung von einigem Material zum Verständnis des Brunnerschen Buches, das wohl nicht nur in den Kreisen der Schleiermacher-Spezialforschung ernstlich zu reden geben wird.»4 Gleichzeitig schrieb Barth an Thurneysen bezüglich seiner Vorlesung: «Ich werde mich wohl hüten, eine solche Attacke zu reiten wie der!»5

Nach Erscheinen des Buches teilte Barth dann – vielleicht auf eine entsprechende Anfrage hin – im Rundbrief vom 5. Februar 1924 mit: «An |402 Georg Merz [als Schriftleiter von ZZ]: … Die Anzeige von Brunners Schleiermacher will ich übernehmen.»6 «Brunners Buch wird wirken ‹wie Wurmpulver›»7, urteilte er; jedoch äußerte er in Briefen zunehmend Vorbehalte8, die dann in der Rezension breiter ausgeführt wurden. Die unmittelbare Reaktion Brunners darauf erfuhr Barth durch dessen an Thurneysen gerichteten Brief.9 Noch in späteren Jahren wiederholte Barth seine in der folgenden Besprechung aufgeworfene Kritik.10

Brunners Schleiermacherbuch

In Schleiermachers zweitem «Sendschreiben an Lücke»a steht der Satz: «Ein Freund versprach mir schon vor ein paar Jahren, meine Glaubenslehre von seiten der Eschatologie anzugreifen, und das wäre gewiß geistvoll und lehrreich geworden; er hat aber nicht Wort gehalten.» Es ist bezeichnend für das Schicksal der modernen protestantischen Theologie, daß dieser ungenannte «Freund» damals (zwischen 1822 und 1829 muß jene Äußerung gefallen sein) nicht Wort gehalten und daß es nun rund hundert Jahre gebraucht hat, bis ein anderer kam, um sein Versprechen einzulösen. Darum handelt es sich nämlich in Brunners Buch: um den Angriff auf die Schleiermachersche Glaubenslehre und Theologie überhaupt von der Eschatologie her.

403 Brunner selbst hat den Punkt, von dem aus er den Hebel seiner Kritik bewegt, gekennzeichnet durch den allgemeinen Begriff «Das Wort». Gemeint ist das biblisch-reformatorische «Wort», das Gott spricht, im Gegensatz zu dem Schleiermacherschen Gefühl, das der Mensch hat, dem Heiligtum der alten und neuen, der heidnischen und christlichen «Mystik». Er bringt den Gegensatz (ich versuche eine kurze Wiedergabe des Inhalts seines Buches) auch auf eine Reihe von andern Formeln: Glaube als Vernehmen des Wortes12 im Gegensatz zu einem antiintel-lektualistischen, in Wahrheit agnostizistischen Expressionismus.13 Offenbarung als Mittlertum, als geschichtliche Selbstkundgebung Gottes, als Autorität, also im Gegensatz zu der romantisch-religiösen Apotheose des Individuellen (= Zufälligen!).14 Gottesverhältnis als Gehorsam im Gegensatz zu dem Naturalismus eines im Schema der Kausalität gedachten Von-Gott-Gesetzt-Seins.15 Geist gegen Psychologismus.16 Objektive, in der Furcht Gottes zu erkennende Wahrheit gegen «Religionismus», gegen den Kultus jener vermeintlich 50heiligen «Provinz» im menschlichen Gemüt.17 Gleichzeitigkeit und darum Absolutheit im Verhältnis des Christen zur Offenbarung gegen den die Offenbarung zu einer «Kraft» erniedrigenden und damit notwendig relativierenden Historismus der Schleiermacherschen «Christologie».18 Erkenntnis der Sünde als Bruch mit Gott, an dem gerade auch das Zentrum der Menschen teilnimmt, gegen eine Auffassung, die sie zum bloß teilweisen, allmählich zurückbleibenden Widerstand der Sinnlichkeit, zum bloßen «Atavismus» macht.19 Erlösung als autoritative Erklärung Gottes über |404 das absolut paradoxe Zusammenbestehen des Unvereinbaren in der Vergebung, als justitia forensis also, gegen eine vermeintlich erfahrbare virtuose «Kräftigung des Gottesbewußtseins» mit «Annäherung an den Zustand der Seligkeit».20 Hoffnung des ewigen Lebens gegen geschichtsphilosophischen Optimismus.21 Zweilinige Geschichtsbetrachtung, Verzicht auf alle Synthesen zwischen αἰὼν οὗτος und αἰὼν μέλλων, die Idee des Antichrist also gegen einen christlich maskierten monistischen Evolutionismus.22 Begründung der Ethik auf das Gesetz statt auf die Zweideutigkeiten einer Geistnatur.23 Die Kategorie des Einzelnen, des existierenden Menschen gegen den Individualismus, den der Mensch mit jedem Blatt am Baume gemeinsam hat.24 Kritizismus gegen naiven Realismus.25 Freiheit im Sollen statt im Sein.26 Absoluter Ernst der Entscheidung statt des alle und jede Amphibolie ermöglichenden Prinzips der stetigen Reihen zwischen den entgegengesetzten Polen (echte statt unechte Dialektik also!).27 Subordination des hypothetischen Imperativs der Wissenschaft unter den kategorischen Imperativ der Ethik statt der geistleugnenden Neutralität «Gottes» in dem Urgegensatz des Gegebenen und Nicht-Gegebenen.28 Kurzum: Bruch der Immanenz, göttliche Wahrheit als Tatsache, das Kreuz Jesu Christi29, Gefangennahme des Subjekts durch die Wahrheit statt alles «Gott und …»30. Und darum Alternative, Ultimatum: der christliche Glaube oder die moderne Religionsauffassung31, die in Schleiermacher mit Recht ihren Klassiker, ihren «Kirchenvater»32 verehrt.

405 Der Nerv dieser ganzen Kritik, das, was für die Begründung aller dieser (z. T. ja schon von Früheren erhobenen) Einsprüche gegen die Schleiermachersche Lehre im Zusammenhang von Brunners Denken charakteristisch ist, das, was alle diese einzeln befestigten Stellungen zu einer geschlossenen Kampffront verbindet, ist doch wohl die Eschatologie, das Bedenken des «Letzten», der Grenze, von der her der Mensch gerichtet und begnadigt wird, des Futurums Gottes33, in dem ihm alles verheißen ist, aus dem er aber eben darum kein Präsens zu machen ver51 suchen soll, bei Strafe ebenso sicher alles zu verlieren. Dieses Bedenken findet Brunner bei Schleiermacher mit Ausnahme weniger in das Ganze seines Systems offenbar nicht passenden Andeutungen nicht. Was er bei ihm findet, ist auf der ganzen Linie nicht das «Wort», sondern die «Mystik», d. h. der Versuch, sich um jenes Bedenken zu drücken, den Himmel auf Erden zu genießen, eine Theologie der Wirklichkeit diesseits der Todesgrenze, eine theologia gloriae trotz aller Hemmungen durch die christliche Tradition möglich zu machen.34 Das ist’s, was Brunner Schleiermacher zürnt. Das will er in allen seinen Gründen und Konsequenzen bei ihm aufdecken, durch Konfrontierung mit dem so ganz andern «biblisch-reformatorischen»35 Denken brandmarken und überwinden. Um der neuern Theologie im Spiegel ihres Meisters dieses heillose, weil prinzipielle Manko nachzuweisen, hat er, wenn ich ihn recht verstehe, sein Buch geschrieben. «Wo der Mensch an seinem Ende ist – und bleibt –, da ist die Grenze des heiligen Landes. In istis tenebris Christus fide apprehensus sedet sicut Deus in Sinai et in templo |406 sedebat in medio tenebrarum (Luther)», heißt es noch auf der letzten Seite.36

Eine kritische Auseinandersetzung mit Schleiermacher will das Buch sein. Es hat wahrlich keinen Sinn, nun, wie bereits geschehen ist, zu jammern, wieviel schöner und erfreulicher es doch gewesen wäre, wenn Brunner sich eine positive Aufgabe, z. B. die einer Darstellung des reformatorischen Glaubens, gestellt hätte.37 Nein, solche Aufräumungsarbeiten dürfen und müssen auch getan sein und können unter Umständen die Situation mit einem Ruck weiter fördern als zehn «positive» Darbietungen. Das Buch ist, damit muß man sich nun einmal abfinden, auch nicht dazu geschrieben, um Schleiermacher darzustellen, sondern um ihn zu bekämpfen. Der Verfasser setzt voraus, daß der Leser Schleiermacher schon kenne, und könnte sich für sein Vorgehen auf Schleiermacher selbst berufen, der es in seiner «Kritik aller bisherigen Sittenlehre» nicht nur mit einem, sondern mit den sämtlichen Philosophen der Vergangenheit ebenso gehalten hat.38 Historische Darstellung und Würdigung des Mannes wäre, wie Brunner mehrfach vermerkt, eine Sache für sich, aber diesmal nicht seine Sache. Er geht davon aus – und welcher Verehrer des Mannes dürfte ihm das übelnehmen? –, daß Schleiermacher für uns nur zum geringsten Teil eine «historische» Größe ist, sondern daß er mitten unter uns lebt39, nicht nur kraft der Anpreisungen all |407 der Naiven und weniger Naiven, die ihn immer wieder mit Paulus und Luther in einem Atemzug zu nennen pflegen, sondern kraft der Schule ohnegleichen, die er tatsächlich im 19. Jahrhundert gemacht hat und immer 52 noch, immer wieder unter uns macht, als der eigentliche Genius und Spiritus rector ungefähr alles dessen, was seit ihm (wenigstens den großen Heerstraßen entlang) protestantische Theologie heißt, so vielfach ihm widersprochen worden ist, so wenige den Mut gehabt haben, mit den Konsequenzen seines Ansatzes unbedingten Ernst zu machen. Brunner diskutiert deshalb mit Schleiermacher, wie wenn er wirklich einen Zeitgenossen vor sich hätte. Man kann das methodisch beanstanden – ich bin in Bezug auf die Durchführung dieser Diskussion auch nicht einverstanden mit Brunner –, zu grundsätzlichem Protest haben jedenfalls die kein Recht, die uns auf die «Reden»40 und auf die Glaubenslehre41 als auf halbkanonische Bücher hinzuweisen nicht müde wurden. Sie hätten den Einwand, Schleiermacher müsse «geschichtlich» verstanden und gewürdigt werden, zuerst sich selber machen sollen und müßten nun einsehen, daß es zur Flucht in die Historie für diesmal zu spät ist.

Es ist gut, daß dieses Buch da ist. Es ist ein nötiges und nützliches Buch. Auch die Gegner Brunners werden ja anerkennen, daß es wichtig war, daß der von Schleiermacher selbst vergeblich, aber offenbar mit Interesse erwartete Angriff von der Eschatologie her einmal unternommen und unter kritischer Berücksichtigung aller frühern Angriffe durchgeführt wurde. Sie werden dem Verfasser auch nicht abstreiten können, daß er legitimiert ist, über Schleiermacher zu reden, sofern er ihn jedenfalls kennt, sofern solide sachliche Arbeit hinter seinem Buche steht. Seine These «sitzt», und das Entweder – Oder, zu dem er auffordert42, schwebt nicht in der Luft, sondern steht dem, was Schleiermacher tatsächlich gesagt und nicht gesagt hat, mehr oder weniger genau |408 auch dem, was seine Nachfolger sagten und sagen, unmittelbar gegenüber. Besonders dankenswert ist es, daß Brunners Kritik Schleiermacher über die «Reden», die Glaubenslehre, die Kurze Darstellung43 und die Sendschreiben an Lücke hinaus bis in die dunklen Wälder seiner «Dialektik»44 und «Philosophischen Ethik»45 nachgeht, um dort die Wurzeln seines Denkens bloßzulegen. Oder wird man ihm etwa gerade das zum Vorwurf machen, daß er sich nicht einfach an den Theologen, an die frommen Eindrücke und Anregungen, die man doch bei allem Vorbehalt aus seinen bekannteren Schriften empfangen könne, gehalten, sondern so unerbittlich nach den letzten Voraussetzungen gefragt habe? Die einzige Rezension, die mir bis 53 jetzt zu Gesicht kamb, scheint allerdings darauf hinzuweisen, daß Brunner sich auf diesen Vorhalt gefaßt machen muß. Ich brauche nicht zu begründen, daß er auf eine Ausflucht hinausläuft, mit der man ihn wirklich nicht widerlegen kann. Allerdings: auch ich möchte es bedauern, daß Brunner es grundsätzlich unterlassen hat, vor allem die Predigten Schleiermachers heranzuzie|409hen.49 Er hätte dort für seine Auffassung in allen Punkten ein geradezu erdrückendes Material gefundenc, und der Einwand, Schleiermacher sei bei ihm in seinem religiös-theologischen Lebenszentrum, im unmittelbaren Erguß seiner christlichen Persönlichkeit nicht genügend zu Wort |410 und zu Ehren gekommen, wäre dann abgeriegelt gewesen. Auch die so berühmte und beliebte «Weihnachtsfeier»57 hätte er sich unter keinen Umständen entgehen lassen dürfen, und dem Kunstwerk der «Kurzen Darstellung» und den Geheimnissen der «Sendschreiben» an Lücke hätte ich eine eingehendere Beleuchtung wohl wünschen mögen. Aber das ändert nichts daran, daß die These Brunners gründlich belegt und klar formuliert dasteht und auf sachliche Beantwortung 54 wartet. Auf dem Umschlag des Buches lese ich u. a. mit Interesse, daß eine von den früheren Schriften des Verfassers das Prädikat erhalten hat: «… in manchem die Karl Barthsche Position erklärend, nur alles deutlicher, im Zusammenhang mit der übrigen wissenschaftlichen Forschung.»58 Zweifellos kann Brunner auch in diesem Buch das, was z. B. auch Gogarten und ich gegen die Theologie, von der wir herkommen, auf dem Herzen haben, vielen einleuchtender, schlagender, handgreiflicher sagen als wir. Und daß es sich hierseits darum handelt, ausgerechnet Schleiermacher – |411 nicht den Respekt, aber die Nachfolge (und zwar im Unterschied zu den älteren und neueren «Positiven» grundsätzlich und gänzlich) zu kündigen, das mußte nun einmal demonstrativ gesagt werden. Brunner hat es gesagt, und dafür werden ihm alle, die grundsätzlich mit ihm einig gehen, dankbar sein. Aber es ist sehr zu hoffen, daß die Diskussion sich an Brunner selbst und seinen Schleiermacher halten wird. Anders wird man diesmal auch «uns» Danebenstehenden nicht beikommen können, als indem man (gründlich) beweist (nicht nur beteuert), daß Brunner dem Meister Unrecht getan habe. Es gibt Zeitgenossen, ich will sie mit keinem Namensaufruf behelligen, die diesem Buch gegenüber einfach nicht schweigen dürfen, und ich brauche nicht zu sagen, daß von der Kraft, mit der sie Schleiermacher nun in Schutz nehmen müssen, einiges abhängt, und zwar, so wie die Dinge hegen, nicht nur für die Schleiermacherforschung.

Aber nun möchte ich doch nicht verhehlen, daß ich gegen Brunners Buch ein Bedenken habe. Es betrifft zunächst die Form des Buches, aber die Form, wie ich meine, um der Sache willen. Ich spreche es aus, weil ich es nicht für richtig halten würde, aus taktischer Rücksicht auf etwa schadenfrohe Leser, nicht auch in diesem Fall ganz offen zu sein. Wie mißlich, meine ich, daß Brunner seiner Darlegung fast von den ersten Seiten an den Charakter der Rede eines scharfsinnigen, alles genau wissenden und alles bestimmt sagen könnenden Staatsanwalts gegeben, dem «armen Schleiermacher» (so Wernle!)59 die Stellung des Angeklagten zugewiesen und damit die Szene zum Tribunal gemacht60 hat! Gewiß, es ist ein überlegenes, siegreiches, eindrucksvolles Verfahren, wie dieser Angeklagte Punkt für Punkt verhört, überführt, schuldig erklärt wird. Aber mir ist nicht recht wohl dabei, obwohl ich mit den Resultaten, soweit ich kontrollieren kann, einverstanden bin und obwohl ich für unnötige Sentimentalität im theologischen Verkehr auch nicht viel übrig habe. Es dürfte doch wohl zweierlei sein, wenn z. B., wie neulich geschehen, Paul Althaus ungefähr in 55 dieser Form mit mir – «abrech|412net»61, wie man sagt, als wenn man sich «auseinandersetzen» will mit einem vor neunzig Jahren Dahingegangenen, der sich nicht mehr erklären, verbessern, in meliorem partem deuten, durch neue Evolutionen überbieten kann. Nimmt man einen solchen so vor, wie dies Brunner mit Schleiermacher getan hat, so kann sich der Zuschauer des Eindrucks fast nicht erwehren, hier geschehe «irgendwie» Gewalt und Unrecht. Und im vorliegenden Fall werden sich zahlreiche Zuschauer diesem Eindruck (sie wissen warum!) nur zu gern hingeben. Mein Bedenken hat mit dem Schrei nach «historischer Gerechtigkeit» nichts zu tun. Brunner brauchte sich die Aufgabe, die Theologie Schleiermachers zu bekämpfen wie die eines Zeitgenossen, durchaus nicht nehmen zu lassen. Aber ich bedaure es, daß er nicht den Weg einer zurückhaltenderen, – sit venia verbo – «raffinierteren», einer immanenten Kritik an Hand einer gelassenen systematischen Entwicklung des Gegenstandes (etwa in der Art, wie seinerzeit Bender sein Werk über Schleiermacher62 geschrieben) gewählt hat. Warum gleich die anklägerische Überschrift «Die Mystik und das Wort»? Warum nicht ganz trocken: «Schleiermacher»? Warum den Mann nicht ganz einfach zu Worte kommen lassen, breit und vielseitig wie er war, in seinem eigenen Zusammenhang seine Sache selbst vortragend, begründend, beleuchtend und – widerlegend? Gewisse Hauptstellen bei Schleiermacher (und viele Nebenstellen!) braucht man ja Unbefangenen nur mit erhobener Stimme vorzulesen, um diese letzte Wirkung zu erzielen! Wie, wenn Brunner – er wird es mir nicht als Schulmeisterei auslegen, wenn ich ihm post festum diese Vorschläge unterbreite –, statt mit der großen «Auseinandersetzungs»Kelle anzurichten, uns einfach ein liebevoll minutiöses Bild seines Mannes gezeichnet hätte, mit den Augen eines Wissenden natürlich (so gut wie das Schleiermacherbild Diltheys63 etwa mit den Augen eines Wissenden – nur daß dieser etwas anderes zu wissen meinte – gezeichnet ist!) – aber nicht mit den Augen eines alles wissen Wollenden, und |413 darum, mit Ausnahme einiger nicht zu unterdrückender Randglossen und Zwischenrufe vielleicht, unter resolutem Verzicht auf alles Perorieren, alles Widerlegenwollen, auf den ganzen Kampfapparat und nicht zuletzt auf das allzu öffentliche Schautragen der überwundenen Mächte und Gewalten (Kol. 2,15), das uns ja doch nicht zukommen kann? Dafür mit viel reichhaltigeren Mitteilungen aus Schleiermachers Werken, und zwar mit ausgesuchter Sorgfalt auch von solchen Stellen, die die Einheitlichkeit des Bildes in Frage stellen konnten. Nur so hätte meines Erachtens der systematisch-programmatische Zweck des Buches wirklich erreicht werden 56 können. Es geht mir natürlich nicht nur um die Form als solche, auch nicht nur um den besseren, «feineren»64 Eindruck, den das Buch so gemacht, oder um die erhöhte Schlagkraft, die es gerade so sicher gewonnen hätte; gewiß auch um das, wie sollte es nicht? Ich fühle mich beteiligt genug, um dem Brunnerschen Buch eine möglichst ungehemmte Wirkung zu wünschen und alles zu bedauern, was sie stören kann. Ich meine aber grundsätzlich: bei einem kritischen Buch gerade mit diesem sachlichen Hintergrund müßte überall eine offene Türe sichtbar werden, eine an den Autor selbst sich richtende Frage übrig bleiben, sein Triumph dürfte nicht eklatant werden. Das geschieht bei Brunner. Und das ist nicht gut. Ich will versuchen, mich zu präzisieren:

Es scheint mir einmal: wenn Brunner gemessener, gelassener, vornehm-kaltblütiger mit seinem Mann umgegangen wäre, das Bild Schleiermachers wäre dann reicher, komplexer, differenzierter ausgefallen, als es bei Brunner aussieht, und das wäre für die kommende Aussprache über sein Votum sicher von Gewinn gewesen. Wenn es richtig wäre, die ganze Theologie Schleiermachers auf die eine Formel «Mystik» zu bringen, auf die sich die Anti-Kritiker nun stürzen werden, so verstände ich wirklich auch nicht recht, wie es möglich war, daß ein ganzes Jahrhundert theologisch von diesem Erbe leben konnte. Ist nicht ein mindestens ebenso starkes und jedenfalls selbständiges theologisches Motiv bei Schleiermacher (von den Reden bis zu den Sendschreiben an Lücke und nicht zuletzt in den Predigten gerade der Reifezeit sich verratend) das |414 apologetische? Möglich machen, rechtfertigen, retten, anpreisen will der kluge Mann das Christentum in der modernen Welt (was hat dieses Unternehmen mit Mystik zu tun?). Und das ist mindestens so deutlich, so folgenschwer und – so schlimm bei ihm wie das andere, daß er das Christentum (zu diesem apologetischen Zwecke, oder aus primären Nötigungen? wer will da entscheiden?) ins Zinzendorfische und Hardenbergische und Schellingsche und …, kurzum ins «Mystische» übersetzt hat. Und als drittes, wiederum selbständiges, nicht an sich aus «Mystik» abzuleitendes Hauptproblem der Theologie Schleiermachers würde ich das der «Kulturreligion» nennen. Das ist doch das Merkwürdige an dem Mann, daß er neben seiner unverwüstlichen Herrnhuterei nicht nur theologischer Advokat, sondern doch vor allem auch «schlechthiniger», mit Haut und Haaren der Göttin «Arbeit» verfallener Berliner Professor, Akademiker und Politiker war. Mystischer Quietist auf der einen Seite, kann er auf der andern mit nicht geringerem Pathos als später Al57brecht Ritschl und die Seinen vom «Wirken» im Einzelnen und im Dienste des «Ganzen» reden65 und Lobreden auf – Friedrich den Großen66 halten. Originelle «Mystik» auf alle Fälle! Ich kenne auch Stellen bei ihm, wo man seitenlang einen heutigen Evangelisch- oder gar Religiös-Sozialen reden zu hören meint.d Brunner hat ja mit Recht (S. 127, 153ff. 📖) besondere Sorgfalt verwendet auf die Analyse des § 9 der Glau|415benslehre mit seiner sehr überraschenden Entdeckung einer der ästhetischen übergeordneten (!) teleologischen «Art» des «schlechthinigen Abhängigkeitsgefühls». Aber er hätte sich doch nicht begnügen dürfen, zum Schluß festzustellen, daß es sich hier um die widerspruchsvolle Einführung von Elementen «aus ganz andern Gedankenzusammenhängen»70 handle, denn wenn man diesen nachgeht, so findet man Schleiermacher nicht weniger bei sich selbst zu Hause als vorher, nur eben – in einem andern Zimmer seines geräumigen Hauses.e Die unerkannte (in |416 eine mittelst des Stetigkeitsprinzips in eine erschlichene Synthese oder vielmehr Symbiose verwandelte) Paradoxie des «Bete und arbeite!»76 – mit den merkwürdigen Folgen, die dieses Verhältnis rückwirkend auf die Lehre vom Gebet haben muß! – ist nicht auch das der echte, 58 der ganze Schleiermacher, der ganze Neuprotestantismus? (Wiederum: Was ist nun das Primäre in Schleiermachers Theologie? Die «Mystik» oder die Kulturreligion? Wer will da entscheiden?) Könnte man nicht ernstlich die These vertreten, daß Schleiermacher «im Grunde» eben doch nicht «Mystiker», sondern Ethiker – neuprotestantisch-aktivistischer Ethiker gewesen sei?! Der Eifer, Schleiermacher polemisch waidgerecht beizukommen, dürfte Brunner hier doch zu einer unerlaubten |417 Vereinfachung verleitet haben, die man ihm nun von allen Seiten (auf der Flucht vor der Sache, die er vertritt!) vorhalten wird, wogegen es mir scheint, daß seine Kritik an Wucht nur noch gewonnen hätte, wenn er uns, weniger schematisch, weniger siegreich, weniger direkt vorstoßend, aber mit mehr Naturtreue das finstere Rätsel des Schleiermacherschen, d. h. des modern-protestantischen Denkens gerade in seiner inkohärenten Mannigfaltigkeit vorgeführt hätte. Ist der Hebel seiner Kritik nicht mächtig genug, daß er sich und dem Gegner diese Freiheit hätte leisten können? Und wenn es ihm dann, bei dem Versuch, Schleiermacher in der Gebrochenheit seiner verschiedenen Motive zu beleuchten, nicht gelungen wäre, ihn so sauber aufzuarbeiten, wie jetzt, da er ihn auf ein Motiv festnagelt und damit seiner Herr wird, wäre das nicht, in Anbetracht, daß es sich um diese Kritik handelt, überzeugender und vor allem sachgemäßer gewesen?

Eine zweite bedenkliche Folge von Brunners direktem Verfahren scheint mir darin zu liegen, daß er sich dadurch selber genötigt hat, auch seine eigene historische Position zu entwickeln und zu begründen, und zwar en passant, im laufenden Gefecht mit Schleiermacher, das ihm wahrhaftig alle Hände voll zu tun geben mußte. Das konnte nicht gelingen, wenigstens nicht in überzeugender Weise. Es ist mir, ich lese schon, was die andern dazu sagen werden! Nicht umsonst ist das Arbeitsmittel, das Brunner hier hauptsächlich zur Anwendung bringt, das – Zitatf, die Berufung auf Plato78, Paulus79, Luther80, Calvin81, Kant82, Kierke|418gaard83. Eine gute, eine anständige Ahnenreihe, kein Zweifel! Aber so einfach die Theologien und Philosophien, die hinter diesen Namen stehen, unter dem Begriff «biblisch-reformatorisches Denken» zusammenzufassen, als fix und fertige Einheit sie in die theologische Rechnung einzusetzen, oder vielmehr: als entscheidenden Beweisgrund sie meinen Feinden an den Kopf zu werfen, das würde ich an Brunners Stelle unterlassen haben. Es kann ihm ja nicht 59 entgehen, daß wir es mit Leuten zu tun haben, die auch Paulus, auch Luther – mit Recht oder Unrecht – mit ganz andern Augen lesen als wir, die über dicta probantia, bei denen unsereinem das Herz im Leibe lacht, hinwegblättern werden, als wäre nichts geschehen. Und Brunner wird ja sicher so wenig als ich verhehlen wollen, daß sich hinter mehr als einem von diesen Namen gerade im Verhältnis ihrer Träger zu dem in Schleiermacher verkörperten NeuProtestantismus auch für uns historische Probleme verbergen, mit denen wir durchaus nicht fertig sind. Ich will nur drei nennen: Wäre nicht die Frage des Verhältnisses Schleiermachers zu Plato eines sehr eingehenden Exkurses wert gewesen, wenn Brunner Schleiermacher mit Plato schlagen wollte? Schleiermacher hat Plato nicht nur übersetzt84, sondern (anders als zu Luther z. B.) zweifellos ein sehr lebendiges Verhältnis zu ihm gehabt, und sein Plato-Verständnis wird m. W. auch von neukantisch orientierten Plato-Kennern höchlichst anerkannt. Wo sitzt der Fehler in seiner Rechnung, vorausgesetzt, daß Brunners Rechnung richtig ist? Darüber hätte geredet oder dann von Plato geschwiegen werden müssen. – Auf Luther wiederum pflegen sich die andern bekanntlich auch zu berufen, und zwar gerade für ihre Erfahrungstheologie.g |419 Ich meine nicht, daß sie recht haben; ich möchte nur darauf hinweisen, daß man mit gewaltig daherbrausenden Lutherzitaten wenn nicht alles, so doch sehr vieles beweisen kann und daß die «richtige» Theologie Luthers, als solche bewiesen, bewiesen als testis veritatis für unser Anliegen gegenüber Schleiermacher und den Seinen, nicht so fest in unsrer Faust sitzt, wie es bei Brunner den Anschein haben könnte. – Wieder in anderm Sinn wäre zur Berufung auf Calvin eine nähere Erläuterung und Begründung erforderlich gewesenh, 60weniger in Bezug auf ihn selbst (obwohl mir auch bei ihm einiges problematisch ist) als in Bezug auf den Calvinismus, das Reformiertentum, für dessen Beteiligung oder NichtBeteiligung an der modernen Katastrophe ich wenigstens noch keine eindeutige Formel habe. Schleiermacher selbst meinte «durchaus» von der «reformierten Schule» herzukommeni, und Alexander Schweizer, |420 dem man Sachverständigkeit nach beiden Seiten jedenfalls nicht ohne weiteres absprechen kann, ist derselben Meinung: «Die großartige Anregung, welche Schleiermacher der neuern Dogmatik gegeben, ist offenbar aus der reformierten Richtung her»j. Peinlich für Brunner und mich, wenn es so wäre! Daß dem nicht so ist – ich wäre gerne völlig überzeugt davon! –, ist aber vorläufig nicht so sehr über allen Zweifel erhaben, daß man darauf geradezu sein Haus bauen kann. Gewiß kann und soll man solche «Stimmen der Väter» gelegentlich, re bene gesta als merkwürdige historische Analogien, mit dem Vorbehalt etwa nötiger besserer Belehrung, als Ausrufzeichen gleichsam, geltend machen. Aber das dürfte doch nur ein Parergon des eigentlichen Beweises sein, den man, solange wir eine Kirchenlehre als kritische Richtlinie sinnreicher theologischer Gemeinschaft noch nicht wieder haben (und auf solche Kirchenlehre wollen wir allerdings horribile dictu hinaus!), mit eigenen Mitteln oder aber direkt in Form von Schriftauslegung wird führen müssen, natürlich nicht en passant! Bei Brunner aber wird mit der Berufung auf die kompakte Größe «biblisch-reformatorisches Denken» und auf dessen angebliche Vorläufer und Nachfolger bewiesen und geschlagen, und dazu sind wir m.E. mangels eindeutiger Bestimmung dieser Größe im einzelnen wie im ganzen nicht in der Lage. Brunner hätte mehr getan, wenn er |421 weniger gewollt, wenn er ohne die Erstellung solcher historischer «Widerlager», die er gelegentlich sogar für «außergewöhnlich stark» hält (S. 273 📖)92, sich mit klugem (aber nicht allzu klugem!) Auge an Schleiermacher selbst gehalten, Schleiermacher an sich selbst gemessen, Schleiermacher durch Schleiermacher selbst aufgehoben hätte. Ein passendes Motto aus Luther oder Calvin über jedem Kapitel würde zur Erinnerung an die historischen Beziehungen dieser Kritik vollständig genügt haben. Und wieder würde vielleicht gerade das Fehlen solcher historischer «Widerlager» deutlicher von der heillosen Situation gezeugt haben, in 61 die wir unter der Fahne Schleiermachers hineingekommen sind, als ihr Vorhandensein, deutlicher bezeugt, daß der Angriff gegen Schleiermacher wirklich nicht von irgendeiner «Orthodoxie» (vielleicht Kierkegaardischer Observanz!), sondern von der Eschatologie herkommt, von der aus gesehen auch Luther und Calvin (und noch viel mehr wir Angreifer selbst) Schleiermacher nicht nur – gegenüberstehen!

Im Zusammenhang mit dem vorigen noch ein Drittes, Gewichtigstes. Ich gestehe, daß ich nicht vorbeikomme an einem Satz aus einem Buch, das ich im übrigen so wenig liebe wie Brunner93, nämlich aus dem Schlußwort des bekannten Schleiermacherbuches von Heinrich Scholz. Es lautetk: «Nicht alles ist Schleiermacher gelungen: die Leistung als Ganzes aber ist so groß, daß sie nur durch eine entsprechende Gegenleistung, nicht durch spitze Einzelkritik in ihrem Bestande bedroht werden kann.» Ich habe durch Sperrung angedeutet, was mich an diesem Satz in Bezug auf Brunners Verhältnis zu Schleiermacher, das in der Sache auch das meinige ist, interessiert. Also das Ergebnis unsrer erneuten Beschäf|422tigung mit Schleiermachers Theologie besteht darin, daß sie uns nun – es hat einiges gebraucht, bis wir nach der Mißleitung, die man uns auf Hochschulen seinerzeit angedeihen ließ, soweit waren! – nur noch eine lapidare Warnung ist, wie man auf alle Fälle nicht Theologie treiben darf. «Ob wir auf den Fundamenten und nach den Plänen Schleiermachers weiterbauen wollen, wie man jetzt ein Jahrhundert lang getan, das ist die Frage, und wir haben sie mit aller Bestimmtheit verneint95 … Entweder der christliche Glaube oder die moderne Religionsauffassung», so schließt Brunner (S. 390f.). Brauche ich anzudeuten, daß diese Absage, lebten wir in einer klassischeren Zeit als der unsrigen, noch ganz anders kräftig und schallend formuliert werden könnte? Aber was bedeutet nun diese «Absage»? Es kann uns ja nicht einfallen, in Abrede stellen zu wollen, daß der Protestantismus jedenfalls unter seinen Theologen seit den Tagen der Reformation keinen Größeren gehabt hat als eben diesen: Schleiermacher. Das ganze 19. Jahrhundert hat auf seinem Grunde gebaut, sagt uns Brunner, und ich sehe nicht, wie ihm zu widersprechen wäre: Die herablassende Art, wie etwa der Erlanger Frank in seiner «Geschichte und Kritik der neuern Theologie» von Schleiermacher redet96, entspricht doch allzu wenig der Tatsache, daß auch die Konservativen in den entscheidenden Punkten von seinem Brot ge62lebt haben und bis heute leben97 (kein Wunder, daß wir sie heute immer mehr mit den Ritschlianern usf. in einer Front unter unsern Gesprächsgegnern finden!). Und Brunner hätte hinzufügen müssen, daß die Schleiermachersche Theologie auch nach rückwärts keineswegs als eine zufällige isolierte Irrlehre dasteht, sondern der Niagara ist, in dem die Hauptströme des theologischen Denkens von mindestens zwei Jahrhunderten mit fataler Notwendigkeit zu – Fall kommen. Also: εἰς αὐτόν und ἐξ αὐτοῦ τὰ πάντα [Röm. 11,36], möchte man beinahe zitieren; denn wie erschreckend wenig wirkliche Opposition ist neben dem, was zu Schleiermacher hinführt oder von ihm herkommt in der Geschichte der prote|423stantischen Theologie, abgesehen von ihren Anfängen, zu verzeichnen! Und nun frage ich mich eben, ob Brunner – und hier wird mein Bedenken gegen sein Buch am dichtesten – mit seiner forschen Schleiermacherkritik sich selbst und jedenfalls seinen Lesern genügend zum Bewußtsein gebracht hat, wie furchtbar die historische Situation ist, in der man sich befindet, wenn man sein Urteil über Schleiermacher teilt, vor welchem unerhörten (fast «eschatologischen»!)98 historischen Loch99 und vor welcher noch unerhörteren historischen Aufgabe man dann als protestantischer Theologe steht, wieviel Anlaß man angesichts dieses Befundes hätte, die Hände erschüttert und resigniert sinken zu lassen oder eben – man winkt uns ja schon vom andern Ufer!100– katholisch zu werden. Ist Brunner über seiner Beschäftigung mit Schleiermacher nicht auch beinahe irre geworden jedenfalls im Glauben an die historische Kraft der reformatorischen Wahrheit und noch höher hinauf: im Glauben an das Walten der göttlichen Vorsehung und Leitung über der christlichen Kirche, das sich doch, wenn es mit Schleiermacher so steht, wenn überhaupt, dann nur als Zorngericht verstehen läßt? Geht Brunner nicht viel zu sicher, viel zu schneidig, viel zu schmissig um mit seiner Parole «Wort contra Mystik!», als daß er den mutigen Jünglingen, die nach seinem Buche greifen werden und greifen sollen, die Augen zu öffnen vermöchte darüber, daß der rettende Kahn, der uns von Schleiermacher weg in ein besseres Land – aber eben nicht in das Land der Selbstironie und nicht in die katholische Kirche! – bringen müßte, keineswegs |424 zur Abfahrt bereit steht, sondern im Schweiß unsres Angesichts [vgl. Gen. 3,19] und unter Lebensgefahr erst zu bauen ist, während das Schiff, auf dem wir uns befinden, tiefer und tiefer sinkt? Kommt es nicht darauf an, daß unser aller Augen dafür geöffnet werden, wenn wir nicht von einer Schleiermacherei – in die andre geraten wollen, in ein neues bloß vermeintliches Haben, Wissen, Beteuern, Starke-Worte-Ausstoßen? Ich erinnere nun an das Wort von der «entsprechenden Gegen63leistung». Der Sinn, in dem Scholz es gemeint hat, ist schon bedenklich genug für uns: Schleiermacher hat seine Sache zweifellos gut, glänzend gemacht. Es genügt nun nicht, zu wissen und zu sagen, daß er ein Erzketzer ist und daß eine andre Sache gemacht werden müßte, sondern es bedürfte des Wissens, Könnens und Vollbringens, diese andre Sache mindestens annähernd ebenso gut zu machen wie er die seinige101, die wir für verloren halten müssen. Bevor dieses Wissen, Können und Vollbringen – aber wo und wer ist der starke Mann dazu? – auf dem Plan ist, dürfte man sich schon die Frage «Schleiermacher erledigt?» (S. 390 📖)102 eigentlich nur im stillen Kämmerlein vorlegen, wo man in der Lage ist, sich selbst auf den Mund zu schlagen, bevor es einem von den andern widerfährt. Aber die Sache reicht weiter: Steht es so, daß die Schleiermachersche Häresie keine zufällige Einzelerscheinung ist, sondern der gigantische Exponent einer nicht allzu fern von der Reformation selbst anhebenden Mißentwicklung, ist es dann nicht klar, daß die «Gegenleistung», das vollkräftige, überlegene Ja, das ein wirklich «erledigendes» Nein Schleiermacher gegenüber tragen sollte, in einer theologischen Revolution bestehen müßte, die in ihrer Tiefe und Energie wahrlich nicht kleiner sein dürfte als die Reformation selber? Weiß; Brunner und sagt er es seinen Lesern, daß er diese Revolution proklamiert und was das bedeutet? Besser zu machen, was Schleiermacher schlimm gemacht hat, heißt das etwas anderes als das theologische Denken, wie es nun (übrigens bis tief in die Reihen der katholischen Theologie hinein – man soll |425 dort nicht meinen, als tertius gaudens dabei sein zu können!!)l seit mindestens drei Jahrhunderten gerichtet war, in einem Winkel von 180° um seine eigene Achse zu drehen, und ist das nicht das Unternehmen einer Hybris, mit der wir alle nach menschlichem Ermessen nur scheitern können? Weiß Brunner, wie dicht die Patina frömmster Tradition ist, von der der Heilige der «modernen Religionsauffassung», den er «in seinem Bestände bedrohen» will, heute umgeben ist? Was es heißt, daß wir gegen den Verdacht –– nun ganz einfach des Herostratentums anlaufen müssen und letztlich keine Heiligenbilder haben, auf die wir unsrerseits nun hinweisen können, sondern letztlich nur die Heilige Schrift und das Prinzipielle von Glauben und Offenbarung, das uns unwidersprechlich in ihr zu begegnen scheint? Natürlich weiß Brunner von dieser seiner, unsrer, seiner verstehenden Leser Lage. Er sagt es auch.103 Aber er hat doch vielleicht zu wenig danach getan. 64 Können wir uns bei solcher Rebellion, bei solchem Ungehorsam gegen die Geschichte (der Neuzeit!) anders rechtfertigen als damit, daß wir eben noch viel mehr erschrocken sind vor der Hybris dieser drei Jahrhunderte und vor der Zumutung, in dieser Hybris zu verharren? Aber dann müssen wir wirklich auch für uns selbst erschrocken sein: darüber, daß wir eine andre Rechtfertigung als diese, eine positive Rechtfertigung unsres Tuns Gott und uns selbst und unsern Zeitgenossen nicht vorzuweisen haben. Und nur aus diesem zweiten Erschrockensein heraus dürfte dann etwa zum Angriff gegen die falschen Götter unsres Zeitalters geblasen werden. Nur damit wäre es allenfalls zu bewähren, daß der Angriff wirklich «von seiten der Eschatologie» herkommt und nicht – anderswoher. Dann erst würde die Posaune einen ganz deutlichen Ton geben [vgl. 1.Kor. 14,8]. Brunners gescheites und wissendes, erwünschtes und empfehlenswertes Buch ist mir in diesem Sinn zu «unerschrocken». Ich weiß und bedenke übrigens, daß ich mich mit derselben «Unerschrockenheit» auch schon verfehlt habe.

Originalfußnoten

a
Ausg. von Mulert S. 63f. 📖11↩
b
Paul Wernle im «Kirchenblatt für die reformierte Schweiz» 1924 📖 Nr. 20 und 21.46 Inzwischen kam hinzu: Wobbermin in der «Theol. Literaturzeitung» 1924 Nr. 12. 📖47 Daß Brunner Schleiermacher «ausschließlich» von seiner philosophischen Spekulation aus zu verstehen gesucht habe48, scheint mir dem Tatbestand in seinem Buch nun doch nicht zu entsprechen.↩
c
Aus Vielem nur eine bezeichnende Kleinigkeit zum Kapitel «Stetigkeitsprinzip»50: Schleiermacher pflegte zu Ostern in deutlichen Worten zu verraten, daß er sich das Rätsel des Festthemas durch die Scheintodhypothese erkläre! (Predigten II 177, 180f.; III 256–258).51 Hätte er sich selbst drastischer illustrieren können als damit? Oder zur «Christologie» folgende Stelle aus der Himmelfahrtspredigt von 1810 (Pred. VII 406f.)52: «Es gibt nichts Größeres, nichts Herrlicheres und alle Himmel können es nicht aufweisen, als die menschliche Natur, die von der göttlichen durchdrungen ist, ganz ausgebildet zum Werkzeuge des göttlichen Geistes, ganz darstellend das Ebenbild des göttlichen Vaters. … Der Höchste – so können wir uns zureden – er sieht uns nicht, so wie wir uns sehen, er ist nicht beschränkt auf den Augenblick und auf dessen Erscheinung, sondern er überschaut die allmähliche Entwicklung der menschlichen Kräfte in der Zeit; er sieht uns nicht, sondern Christum nur des Menschen Sohn, in welchem die Fülle der Gottheit lebendig wohnt, den hat er sitzen zu seiner Rechten und der vertritt uns, die wir in ihm gewurzelt sind; und so steht das Erdengeschlecht da den Fuß in Ungewittern und verwickelt in Kampf und Schwierigkeiten, aber das ewige Haupt in Sonnenstrahlen; der Sohn Gottes zur Rechten des Vaters und von ihm strömt aus jenes beseligende Gefühl, die Fülle der Kraft und der Liebe, und diese Fülle wohnt auch in uns» usf. – Oder es wäre zum Kapitel «Begründung der Ethik»53 zu zeigen gewesen, wie die berühmten «Hausstandspredigten» von 181854 prinzipiell dasselbe «Ideal der romantischen Liebe» (Philos. Ethik, Schweizer § 260)55 vertreten wie die Lucindenbriefe von 1800.56↩
d
Und zwar wirklich nicht schlecht. Vgl. z. B. Predigten III 52f., 103, 348, 352–355, 390f., 620, 754f.; V 127f., 407.67 Seltsamerweise scheint diese Seite bei Schleiermacher sogar von Spezialforschern wie Uhlhorn68 und Troeltsch69 übersehen worden zu sein.↩
e
Eine freundliche kleine Probe zum Kapitel «Fortschrittsoptimismus»71: In der «Christl. Sitte» S. 281f. 📖72 stellt Schleiermacher zur sittlichen Rechtfertigung des Krieges folgende Erwägungen an: Daß im Kriege «Feinde den Tod finden, ist nicht Folge des bestimmten Willens, sie zu töten, und nicht Folge davon, daß man sich und sie in eine bestimmte Stellung zu setzen gewußt hat, sondern nur davon, daß sie willkürlich Widerstand leisten. Früher war das freilich [ganz] anders; aber es kann uns gar nicht zweifelhaft sein, welche Art Krieg zu führen die sittlichere sei, die alte oder die jetzige. Allerdings entwickelte sich wohl größere persönliche Tapferkeit, als man noch bloß mit Schwert und Lanze focht. Aber weil dabei73 leichter ein Kampf auf Leben und Tod entstand, als bei der jetzt herrschenden Anwendung des Geschützes, die nur darauf ausgeht, den Gegner zu veranlassen, sich vor der Entwicklung einer bestimmten Masse von Naturkräften zurückzuziehen: so ist die heutige Kriegführung bei weitem edler. Unchristlich ist nur unser Vorpostenkrieg und die Verwendung von Scharfschützen, wobei es auf die Einzelnen abgesehen ist, womit aber auch74 gerade am wenigsten ausgerichtet wird. Und was nun die eigenen Untertanen betrifft: so kann auch nicht die Rede davon sein, daß sie im Kriege bestimmt dem Tode entgegengeführt werden oder entgegengehen, sondern nur davon, daß ein Teil derselben einer größeren Gefahr des Todes ausgesetzt wird oder sich aussetzt, um einen gewissen Zweck zu erreichen. Das kann aber nicht Unrecht sein «usf. Auf Grund solcher Überlegung wird dann «unsere Regierung» in aller Form gegen die «Quäker und Mennoniten» scharf gemacht!75 Dergleichen Dinge, die von «Mystik» allerdings weit abliegen, hätte uns Brunner wirklich nicht vorenthalten dürfen.↩
f
Ob der andere Ast, auf den er sich – gelegentlich ziemlich weit – hinausgesetzt hat, die Ebnersche Theorie vom «Wort»77, wirklich tragfähig ist, kann ich nicht beurteilen. Ganz wohl ist es mir nicht bei diesem Vorgang.↩
g
Die erlebte «unio substantialissima» der Gläubigen mit Christus bei Luther ist neulich von Holl gegen Gogarten mit dürren Worten behauptet worden (Christl. Welt 1924, Nr. 18/19 Sp. 313 📖).85 Und was sagt Brunner zu dem Luther-zitat, mit dem P. Althaus seine Auseinandersetzung mit mir (Zeitschr. f. system. Theologie I 4 S. 786 📖) triumphierend gekrönt hat: «Wenn ein Christ anfähet Christum zu kennen als seinen Herrn und Heiland, durch welchen er ist erlöset aus dem Tode und in seine Herrschaft und Erbe gebracht, so wird sein Herz gar durchgottet, daß er gerne wollt jedermann auch dazu helfen»86? Daß der Schein in solchen Lutherstellen – und ich bin selber schon noch «schlimmeren» begegnet – für den pietistisch verdorbenen Neuprotestantismus spricht, das müssen wir doch einfach zugeben, und daß es sich bloß; um einen Schein handelt, das kann man nicht voraussetzen und noch weniger en passant beweisen. Den Vorbehalt, den ich Luther gegenüber auf alle Fälle machen zu müssen meine, habe ich an einem m.E. auch in Sachen Schleiermacher wichtigen Punkt in dem Lutheraufsatz in Heft 4 dieser Schriftenfolge87 anzumelden versucht.↩
h
Zwingli, der gelegentlich ebenfalls mobil gemacht wird88, wäre, wie mir scheint, in diesem Fall vorsichtigerweise besser ganz aus dem Spiel zu lassen gewesen!↩
i
Sendschr. an Lücke 📖 S. 30.89↩
j
Glaubenslehre der ev.-ref. Kirche I S. 91 📖.90 Über die angebliche Nähe der Schleiermacherschen Christologie zur altreformierten vgl. auch Schneckenburger, Vergleichende Darstellung des luther. und reform. Lehrbegriffs II 221f. 📖91↩
k
Christentum und Wissenschaft in Schleiermachers Glaubenslehre. 2. Aufl. 1911 S. 201. 📖94↩
l
Wenn es wahr ist, daß die katholische Kirche der überlegene Ort jenseits solcher Irrungen ist, warum ist dann Brunners Buch nicht schon vor 100 Jahren mutatis mutandis von einem Katholiken geschrieben worden? Welch entgangene Gelegenheit!↩

Sachfußnoten

1
Emil Brunner (1889–1966), 1916–1924 Pfarrer in Obstalden (Kanton Glarus), 1924–1955 o. Professor für Systematische und Praktische Theologie in Zürich. Über Barths Beziehung zu Brunner schon in den Jahren des Safenwiler Pfarramtes vgl. Bw.Th. I, S. 533 📖 (Register). Auf E. Thurneysens Anregung hin (vgl. Bw.Th. II, S. 143 📖) erschienen mehrfach Beiträge von Brunner in ZZ, erstmals: Das Grundproblem der Philosophie bei Kant und Kierkegaard. Vortrag vor der Kantgesellschaft in Utrecht, Dezember 1923, in: ZZ, [Jg. 2] 1924, Heft VI, S. 31–46. 📖↩
2
E. Brunner, Die Mystik und das Wort. Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben dargestellt an der Theologie Schleiermachers, Tübingen 1924. 📖↩
3
Bw.Th. II, S. 193 (undatiert; ca. 13.10.1923). 📖↩
4
Th. Schl., S. 7f. Bezugnahmen auf Brunners Buch auch S. 375.386.391. 📖↩
5
Bw.Th. II, S. 196 (31.10.1923). 📖↩
6
A.a.O., S. 225. 📖↩
7
A.a.O., S. 217 (30.1.1924). 📖↩
8
Vgl. a.a.O., S. 223 (5.2.1924 📖); 255 (18.5.1924).↩
9
a.a.O., S. 297 (8.12.1924) 📖: «Aber da ist soeben via München [= Georg Merz] Emils Brief eingetroffen, den ich dir zurückschicken muß. […] Daß ihm meine Rezension nun nachträglich, da er das Büchlein verschlungen hat wie der Apokalyptiker, ein bißchen Bauchgrimmen macht [vgl. Apk. 10,9f.], ist durchaus in der Ordnung. […] Ich möchte ihn gewiß nicht schlecht behandeln und schätze seine Gescheitheit sehr […]. Warum hat er auch bei seiner Klugheit so wenig Übersicht?»↩
10
K. Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte, Zollikon/Zürich 1947, S. 7.9.382.389f 📖; ders., Nachwort, in: Schleiermacher-Auswahl, hrsg. von H. Bolli, München/Hamburg 1968, S. 296. 📖↩
11
Schleiermachers Sendschreiben über seine Glaubenslehre an Lücke (Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus, 2. Quellenheft), hrsg. von H. Mulert, Gießen 1908, S. 63f. 📖 – Hervorhebung von Barth.↩
12
Vgl. bei E. Brunner, a.a.O., den Abschnitt S. 79–106 📖: «Glaube ist: Vernehmen des Wortes». In der Zusammenstellung von charakteristischen «Formeln» folgt Barth im wesentlichen dem Duktus von Brunners Buch.↩
13
Vgl. die Abschnitte S. 36–44: «Der Antiintellektualismus: Religion ist kein Wissen» 📖; S. 106–121: «Die Verkehrung des Wortes: Agnostischer Expressionismus».↩
14
Vgl. den Abschnitt S. 121–146: «Die große Einschiebung: Das Wort von Jesus Christus» 📖.↩
15
Vgl. den Abschnitt S. 146–168: «Die Verkennung des Ethos: Glaube ist Gehorsam» 📖.↩
16
Vgl. den Abschnitt S. 169–205: «Der Psychologismus» 📖.↩
17
Vgl. bes. S. 182–205 📖.↩
18
Vgl. den Abschnitt S. 206–228: «Der geschichtliche Jesus und der Jesus Christus des Glaubens» 📖.↩
19
Vgl. den Abschnitt S. 228–247: «Die Sünde als Atavismus und als Schuld» 📖.↩
20
Vgl. den Abschnitt S. 247–267: «Die Erlösung als religiöse Virtuosität und als Rechtfertigung» 📖.↩
21
Vgl. bes. S. 268–287 📖.↩
22
Vgl. den Abschnitt S. 288–312: «Der Entwicklungsoptimismus und die Idee des Antichrist» 📖.↩
23
Vgl. bes. S. 312–321 📖.↩
24
Vgl. den Abschnitt S. 322–332: «Das Individuum und der Einzelne» 📖.↩
25
Vgl. bes. S. 336–342 📖.↩
26
Vgl. bes. S. 342–344 📖.↩
27
Vgl. bes. S. 345–350 📖.↩
28
Vgl. bes. S. 350–358 📖.↩
29
Zu diesen drei «Formeln» vgl. S. 384 📖.↩
30
Vgl. S. 385.390f 📖.↩
31
Vgl. S. 391 und den Untertitel des Buches 📖.↩
32
Anspielung auf Chr. Lülmann, Schleiermacher der Kirchenvater des 19. Jahrhunderts (SgV 48), Tübingen 1901. 📖 Brunner nimmt a.a.O., S. 6–8 darauf Bezug. 📖↩
33
Vgl. S. 271 📖: «Darum ist in der ganzen biblischen Gedankenwelt … das Warten des Knechts auf das Kommen des Herrn, das große Futurum Gottes, das beständige Thema.»↩
34
Vgl. S. 388 📖: «Darum hat, mit einem Wort, die Schleiermachersche Theologie, trotz ihrer christlich tönenden Formeln, mit evangelischem Glauben viel weniger zu tun als mit heidnischer Mystik. Sie ist, wie alle christliche Mystik, theologia gloriae, nicht theologia crucis.»↩
35
Der Wendung «biblisch-reformatorisch» bedient sich Brunner in Abgrenzung von Schleiermacher immer wieder, z. B. S. 162 📖: «Es ist höchst bezeichnend für Schleiermacher, daß für ihn Gottesbewußtsein und Frömmigkeit (bzw. Religion, Religiosität, Glaube) dasselbe ist. Biblisch-reformatorischem Denken wäre diese Einssetzung so viel als Leugnung der Sünde.» Vgl. auch S. 120.163.243.247.275.375.391 u.ö.↩
36
a.a.O., S. 393 📖. Das Zitat bei Brunner aus: M. Luther, In epistolam S. Pauli ad Galatas Commentarius (1535), WA 40/I, 229,16–18 📖: «Et tamen in istis tenebris Christus fide apprehensus sedet, Quemadmodum Deus in Sinai …»↩
37
Vgl. P. Wernle, Zum Andenken Schleiermachers, in: KBRS, Jg. 39 (1924), S. 77f.81f. 📖 «Ich weiß nicht, ob es nicht manchem Leser dieses Buches [scil. von Brunner] wie mir geht: ich wäre viel lieber dem Verfasser gefolgt, wenn er in positiver Weise den Glauben des Neuen Testamentes oder der Reformatoren dargestellt hätte, statt Seite für Seite den armen Schleiermacher totzuschlagen. Vermutlich würde ich in solchen positiven Ausführungen weite Strecken mit dem Verfasser einig gehen …» (S. 77).↩
38
Fr. Schleiermacher, Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre, in: ders., Sämmtliche Werke (im folgenden: SW), 3. Abth., Bd. 1, Berlin 1846. 📖↩
39
Vgl. E. Brunner, a.a.O., bes. S. 6–8; S. 7 📖: «Es liegt uns deshalb gänzlich fern, über das biographisch-geschichtliche Problem Schleiermachers eine neue oder sogar abschließende Anschauung zu vertreten. Wir haben es nur indirekt mit ihm zu tun, nur mit dem Schleiermacher nämlich, der ein gegenwärtiger ist.» S. 6: «Überall stoßen wir heute auf Anschauungen, Argumente, Forderungen, Formulierungen, Zusammenhänge, die entweder direkt auf ihn zurückgehen, oder denen jedenfalls er den klarsten, klassischen Ausdruck verliehen hat.»↩
40
Fr. Schleiermacher. Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), hrsg. von H. -J. Rothert (PhB 255), Hamburg 1958. 📖↩
41
Ders., Der christliche Glaube nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, 2 Bde., Berlin 1830/312 (SW, 1. Abth., Bd. 3/ 4, Berlin 1835/36); Neuausgabe, hrsg. von M. Redeker, 2 Bde., Berlin 1960. 📖↩
42
Vgl. E. Brunner, a.a.O., S. 5 📖: «Entweder die Mystik oder das Wort.» S. 10: «Entweder Christus oder die moderne Religion.» S. 391: «Entweder der christliche Glaube oder die moderne Religionsauffassung.»↩
43
Fr. Schleiermacher, Kurze Darstellung des theologischen Studiums zum Behuf einleitender Vorlesungen entworfen (1811.18302), SW, 1. Abth., Bd. 1, Berlin 1843 📖; kritische Neuausgabe (Quellenschriften zur Geschichte des Protestantismus, Heft 10) von H. Scholz, Leipzig 1910 (unveränderter Nachdruck Darmstadt 1973) 📖. Vgl. Barths Besprechung dieser Schrift in Th. Schl., § 4, S. 245–317. 📖↩
44
Ders., Dialektik, SW, 3. Abth., Bd. 4/2, hrsg. von L. Jonas, Berlin 1839. 📖↩
45
Ders., Entwurf eines Systems der Sittenlehre. Aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlasse, SW, 3. Abth., Bd. 3, hrsg. von A. Schweizer, Berlin 1835. 📖↩
46
Siehe oben Anm. 37↩
47
G. Wobbermin, [Rez. von E. Brunner, Die Mystik und das Wort,] in: ThLZ, Jg. 49 (1924), Sp. 241–244. 📖↩
48
G. Wobbermin, Sp. 241f. 📖: «B. wiederholt in neuer und selbständiger Form die Theorie Benders, die ganze Theologie Schleiermachers sei ausschließlich von seiner in seinem philosophischen Nachlaß, zumal in seiner Dialektik, niedergelegten philosophischen Spekulation aus zu verstehen.» Es ist «gerade bei Schleiermacher seinen methodischen Prinzipien zufolge wichtiger, die einzelnen … Aufstellungen nach ihren Motiven und in ihrem vollen Sinngehalt zu erfassen, als lediglich nach der Konsequenz des Systemzusammenhangs zu fragen. Letzteres ist überall das ausschließliche Verfahren B.’s.»↩
49
Vgl. P. Wernle, a.a.O., S. 82 📖: «Wer den Christen Schleiermacher recht kennen lernen will, der muß zu seinen Predigten greifen, die oft erst den abstrakten Gedanken der Glaubenslehre Leben und Farbe geben.» – Barth selbst hatte zu Beginn seiner Vorlesung (Th. Schl., S. 10 📖) erklärt: «Schleiermacher ist 1. Pfarrer gewesen, 2. Theologieprofessor, 3. Philosoph. Danach hätten wir 1. von Schleiermachers Predigten zu reden. Wir können nicht besser in Schleiermacherseigenem Sinn und Interesse handeln, als indem wir sie an den Anfang stellen.» Entsprechend behandelt Kapitel I: «Die Predigt» (S. 13–243) 📖, Kapitel II: «Die Wissenschaft» (S. 245–463). 📖↩
50
Vgl. den Abschnitt bei Brunner, a.a.O., S. 345–350: «Stetigkeit und Widerspruch». 📖↩
51
Fr. Schleiermacher, Christi Auferstehung ein Bild unseres neuen Lebens. Am Osterfest (1812), SW, 2. Abth., Bd. 2, Berlin 1834, S. 177.180f. 📖 (Vgl. Barths Besprechung dieser Predigt in: Th. Schl., S. 173–175. 📖) – Ders., Am zweiten Ostertage 1832 (über Lk. 24,1–3), SW, 2. Abth., Bd. 3, Berlin 1835, S. 256–258. 📖 (Vgl. Barths Besprechung dieser Predigt in: Th. Schl., S. 185–188.)↩
52
Ders., Die Herrlichkeit, die unserm Erlöser zu Theil geworden ist nach seinem Verschwinden von der Erde. Über Mark. 16,19 und Apostelgesch. 1,10.11 (1810), SW, 2. Abth., Bd. 7, hrsg. von A. Sydow, Berlin 1836, S. 406f. 📖 Hervorhebung im folgenden Zitat von Barth. (Vgl. Barths Besprechung dieser Predigt in: Th. Schl., S. 188f. 📖)↩
53
Vgl. den Abschnitt bei Brunner, S. 312–321: «Das Problem der Ethik» 📖.↩
54
Fr. Schleiermacher, SW, 2. Abth., Bd. 1, Berlin 1834, S. 567–692. 📖 (Vgl. Barths Besprechung der «Hausstandspredigten» in: Th. Schl., S. 197–243. 📖)↩
55
Fr. Schleiermacher, Entwurf eines Systems der Sittenlehre, hrsg. von A. Schweizer, a.a.O. (Anm. 45), S. 262 📖: «Absolute Einzigkeit, Ideal der romantischen Liebe, setzt Vollendung des individuellen voraus.»↩
56
Ders., Vertraute Briefe über Friedrich Schlegels Lucinde (1800), SW, 3. Abth., Bd. 1, Berlin 1846, S. 421–506. 📖 (Vgl. Barths Exkurs über die «Vertrauten Briefe» im Rahmen des Referates über die «Hausstandspredigten» in: Th. Schl., S. 216–228. 📖)↩
57
Fr. Schleiermachers Weihnachtsfeier (1806), hrsg. von H. Mulert (PhB 117), Leipzig 1908 📖; Neuausgabe Darmstadt 1953 📖. Vgl. Barths Besprechung dieser Schrift in Th. Schl., S. 108–134 📖, und in seinem daraus hervorgegangenen Aufsatz Schleiermachers «Weihnachtsfeier», in diesem Band S. 458ff.↩
58
Auf S. 2 des Einbandes wird vom Verlag hingewiesen auf E. Brunner, Erlebnis, Erkenntnis und Glaube, Tübingen 19232.3. 📖 «Aus den Besprechungen der 1921 erschienenen ersten Auflage» der Publikation ist u. a. angeführt die Buchanzeige eines lediglich mit K. bezeichneten Autors aus: Kirchlicher Anzeiger für Württemberg. Zeitschrift des Evangelischen Pfarrvereins, Stuttgart, Jg. 32 (1923), S. 18 📖: «Eine außerordentlich interessante, mit scharfgeschliffenen Waffen geführte Bekämpfung des Psychologismus wie Intellektualismus, herrschende Strömungen klar beleuchtend, in manchem die Karl Barth’sche Position erklärend …»↩
59
Siehe oben Anm. 37.↩
60
Vgl. Fr. von Schillers Ballade «Die Kraniche des Ibykus» (1797), V. 181f. 📖:
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal …
↩
61
P. Althaus, Theologie und Geschichte. Zur Auseinandersetzung mit der dialektischen Theologie, in: ZSTh, Jg. 1 (1923), S. 741–786. 📖↩
62
W. Bender, Schleiermachers Theologie mit ihren philosophischen Grundlagen, 2 Bde., Nördlingen 1876/1878. 📖↩
63
W. Dilthey, Leben Schleiermachers, Bd. I, Berlin 1870; spätere Ausgaben hrsg. von H. Mulert, Berlin 1922; in 2 Halbbänden hrsg. von M. Redeker, Göttingen 1970 📖.↩
64
Wohl eine Anspielung auf P. Wernle, a.a.O., S. 81 📖: «Trotz allem würde ich Brunners Kritik Schleiermachers nur begrüßen, wenn sie mit einem feinen Verständnis des Mannes Hand in Hand ginge. Brunners Buch aber bleibt reine Kampfschrift und geht dem tiefsten Verständnis Schleiermachers aus dem Wege.»↩
65
Vgl. z. B. Fr. Schleiermacher, Die christliche Sitte nach den Grundsäzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt, SW, 1. Abth., Bd. 12, hrsg. von L. Jonas, Berlin 1843. 18842, S. 70 📖: «Der einzelne muß in relativem Gegensaze gegen das ganze stehen; es muß in ihm entwikkelt sein, was im ganzen noch nicht ist, und er muß mit dem, was er vor dem ganzen voraus hat, auf das ganze wirken, bis der Gegensaz aufgehoben ist, sonst giebt es keine Fortentwikkelung des ganzen.»↩
66
Vgl. J. Bauer, Schleiermacher als patriotischer Prediger. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalen Erhebung vor hundert Jahren (= Studien zur Geschichte des neueren Protestantismus, Bd. 4), Gießen 1908, S. 109–206 📖 («Die Predigt über Friedrich den Großen»), bes. S. 177–193 («Lobreden auf Friedrich den Großen»). – Schleiermacher hat in den Jahren 1810–1834 siebenmal am 24. Januar, dem Geburtstag Friedrichs des Großen (1712–1786), bei der Feier der Berliner Königlichen Akademie der Wissenschaften die Gedenkrede auf den preußischen König gehalten; vgl. Fr. Schleiermacher, Reden und Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften, SW, 3. Abth., Bd. 3, hrsg. von L. Jonas, Berlin 1835, S. 28–40.45–48.69–72.73–84.100–106.150–162.163–172. 📖↩
67
Diese Belegstellen führte Barth auch in seiner Vorlesung (Th. Schl., S. 75f. 📖) an zur Illustration von Schleiermachers «Prinzip … des sozialen Ausgleichs» (S. 74). – Fr. Schleiermacher, Am 10. Sonntage nach Trinitatis 1831 (über Mt. 7,6), SW, 2. Abth., Bd. 3, S. 52f. 📖; ders., Am 20. Sonntage nach Trinitatis 1831 (über Lk. 14,18ff.), a.a.O., S. 103; ders., Am 9. Sonntage nach Trinitatis [1832] (über Act. 9,5), a.a.O., S. 348; ders., Am 11. Sonntage nach Trinitatis 1832 (über Act. 10,31), a.a.O., S. 352–355; ders., Am 17. Sonntage nach Trinitatis 1832 (über Act. 11,27–30), a.a.O., S. 390f.; ders., Am 3. Sonntage nach Trinitatis 1833 (über Lk. 6,32–35), a.a.O., S. 620; ders., Am Neujahrstage 1834 (über Joh. 20,19), a.a.O, S. 754f; ders., [Predigt über] Marcus II,23 bis III,5, in: SW, 2. Abth., Bd. 5, hrsg. von F. Zabel, Berlin 1835, S. 127ff. 📖; ders., [Predigt über] Marcus VIII,1–9, a.a.O., S. 407.↩
68
Vgl. G. Uhlhorn, Die christliche Liebesthätigkeit, 3 Bde., Stuttgart 1882–1890 📖, wo Schleiermacher lediglich am Rande erwähnt wird. – Diese Bemerkung betr. Uhlhorn hatte Barth schon in Th. Schl., S. 74 📖 gemacht.↩
69
Vgl. E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (ders., Gesammelte Schriften, Bd. I), Tübingen 1911.19192 📖. Schleiermacher wird in diesem Werk mehrfach erwähnt, aber nicht eigens behandelt und lediglich als «spiritualistischer» (S. 935) Vertreter der «Romantik» (S. 929) neben Novalis gewürdigt.↩
70
E. Brunner, a.a.O., S. 155 📖: «In Wirklichkeit handelt es sich darum, daß unter dem Schutz komplizierter Formeln mit dem schlechthinigen Abhängigkeitsgefühl Elemente verbunden werden, die aus ganz anderen Gedankenzusammenhängen entlehnt sind und mit den grundlegenden Definitionen im schärfsten Widerspruch stehen.»↩
71
Vgl. E. Brunner, a.a.O., den Abschnitt S. 288–312 📖: «Der Entwicklungsoptimismus und die Idee des Antichrist».↩
72
Fr. Schleiermacher, Die christliche Sitte …, a.a.O., S. 281f. (Hervorhebungen von Barth). 📖↩
73
Im Erstdruck irrtümlich: «daher»; Korrektur vom Hrsg.↩
74
Im Erstdruck irrtümlich: «doch»; Korrektur vom Hrsg.↩
75
a.a.O., S. 282 📖: «Wenn man also die Theorie aufgestellt hat, die Obrigkeit könne nicht befehlen, Menschenblut zu vergießen, denn die heilige Schrift verbiete es; sie könne also auch von niemandem fordern, am Kriege Theil zu nehmen, dem sein Gewissen dieses verbiete; so ist die ganze Voraussezung eine unrichtige, und haben christliche Religionsgesellschaften, wie Quäker und Mennoniten, diese Theorie aufgestellt: so haben sie damit eigentlich sich selbst außerhalb des Staates gestellt und es scheint uns eine zu große Nachgiebigkeit unserer Regierung zu sein, wenn sie demohnerachtet im Staate geduldet werden.»↩
76
Deutsches Sprichwort, zurückgehend auf den dem älteren Mönchtum entstammenden Leitspruch «ora et labora».↩
77
In einer Fußnote zum Literaturverzeichnis (S. 395) schreibt E. Brunner zu F. Ebner, Das Wort und die geistigen Realitäten. Pneumatologische Fragmente, Innsbruck 1921 📖: «Dieses bedeutende Werk mußte, obschon nicht zur Schleiermacherlitaratur gehörig, hier genannt werden, weil es bisher von der Fachtheologie noch nicht bemerkt worden zu sein scheint. Wir verdanken ihm mannigfache Anregungen.» Nur S. 3 nimmt Brunner jedoch ausdrücklich Bezug auf Ebner. – Barth wiederholte diese Kritik noch 1968 im Nachwort zur Schleiermacher-Auswahl, a.a.O. (Anm. 10). 📖↩
78
Vgl. E. Brunner, a.a.O., S. 105.376.379. 📖↩
79
Vgl. S. 29.95.158.166.227.246.268 u.ö. 📖↩
80
Vgl. S. 40.95.98.101.105.150–152. 189f. u.ö. 📖↩
81
Vgl. S. 40.95f.188f.191.224.228.247f. u.ö. 📖↩
82
Vgl. S. 159.171.175f.180f.236.240–243 u.ö. 📖↩
83
Vgl. S. 99–101.105.166.235f.248 u.ö. 📖↩
84
Vgl. Fr. Schleiermacher, Platons Werke, 6 Bde., Berlin 1805–1828 📖; Neuausgabe (ergänzt durch bei Schleiermacher nicht vorliegende Übersetzungen): Platon. Werke in acht Bänden. Griechisch und deutsch, hrsg. von G. Eigler, Darmstadt 1971–1983. 📖↩
85
K. Holl, Gogartens Lutherauffassung. Eine Erwiderung, in: CW, Jg. 38 (1924), Sp. 307–314; Sp. 313 📖: «Gott verwirft nicht nur, was der Mensch tut, er schafft auch immer im Menschen einen guten Willen. Und so wahr Gott der Allmächtige ist, dringt er damit endlich durch. Bei Gogarten fällt dieses Zweite ganz auf den blinden Fleck. Mag Luther es noch so oft versichern, daß Christus in ihm ist, daß er als der ‹Herr Zebaoth› in ihm (wie in jedem Gläubigen) streitet, daß er allzu scharfe Worte, die sich ihm auf die Zunge drängen, in ihm unterdrückt oder ein andermal ihn heißt, Bestimmtes zu tun – es bleibt dabei: Christus steht neben dem Gläubigen: daß die unio substantialissima erlebt wird, ist für sie und ihren Sinn ganz belanglos.»↩
86
M. Luther, Das XIV. und XV. Kapitel S. Johannis (1538), WA 45,540,13–16 📖, zu Joh. 14,13f. Hervorhebung von Althaus.↩
87
K. Barth, Ansatz und Absicht in Luthers Abendmahlslehre, in: ZZ, [Jg. 1,] 1923, H. 4, S. 17–51 📖; in diesem Band S. 248ff.↩
88
Vgl. E. Brunner, a.a.O., S. 31.160.168.189.282.312. 📖↩
89
Schleiermachers Sendschreiben über seine Glaubenslehre an Lücke, a.a.O. (Anm. 11), S. 30 📖: «Schon als ich zuerst das Werk ausarbeiten wollte, habe ich lange geschwankt, ob ich den einzelnen Teilen die Stellung geben sollte, die sie nun haben und auch, wie Sie hoffentlich bald sehen werden, für jetzt noch behalten, oder ob ich sie umkehren sollte, mit dem jetzigen zweiten Teil anfangen und mit dem ersten schließen. Wäre es nicht auch ganz natürlich und anständig gewesen für einen Theologen, der durchaus von der reformierten Schule herkommt und dies auch selbst in dem gegenwärtigen Zustande der Union gar nicht glaubt in Abrede stellen zu dürfen, wenn ich mich hierin dem Heidelbergischen Katechismus näher angeschlossen hätte?»↩
90
A. Schweizer, Die Glaubenslehre der evangelisch-reformierten Kirche dargestellt und aus den Quellen belegt, Bd. I, Zürich 1844, S. 91. 📖↩
91
M. Schneckenburger, Vergleichende Darstellung des lutherischen und reformirten Lehrbegriffs, hrsg. von E. Güder, Stuttgart 1855, 2. Theil, S. 221 📖: «Hier sei noch bemerkt, daß es als durchaus verkehrt bezeichnet werden muß, wenn Schleiermachers Erlösertheorie deshalb für eine sich wesentlich vom kirchlich reformirten Lehrbegriffe entfernende ausgegeben wird, weil sie sich darauf reducire, daß der Mensch durch seine Lebensgemeinschaft mit dem Urbilde der Menschheit, d. h. als ein in der Entwicklung begriffener Theil der Erscheinung Christi, ein Gegenstand des göttlichen Wohlgefallens werde. Vielmehr ist dieß dem Wesen nach gut reformirt …»↩
92
Im Erstdruck irrtümlich: «S. 243»; Korrektur vom Hrsg. – Nach einer Skizzierung der Eschatologie bei Calvin und Luther fährt Brunner (S. 273 📖) fort: «Es war nötig, zunächst etwas außergewöhnlich starke Widerlager herzustellen, von denen aus erst die Schleiermachersche Darstellung der ‹christlichen› Hoffnung mit genügender Energie abgestoßen werden kann …»↩
93
Zu Brunners – meist ablehnender – Auseinandersetzung mit der Monographie von H. Scholz vgl. bei ihm S. 18.21f.26.113f.156.196f.202.287f. u.ö. 📖↩
94
H. Scholz, Christentum und Wissenschaft in Schleiermachers Glaubenslehre. Ein Beitrag zum Verständnis der Schleiermacherschen Theologie, Leipzig 19112, S. 201. 📖 – Wohl im Anklang an diese Worte von Scholz beschloß Barth am 28.2.1924 seine Vorlesung (Th. Schl., S. 463 📖) mit der Erinnerung an die Notwendigkeit einer «positiven Gegenleistung».↩
95
Hervorhebung von Barth.↩
96
Fr. H. R. von Frank, Geschichte und Kritik der neueren Theologie, insbesondere der systematischen, seit Schleiermacher, aus dem Nachlaß hrsg. von P. Schaarschmidt, Erlangen/Leipzig 18952, bes. S. 54–131. 📖↩
97
Vielleicht Anspielung auf Fr. Naumann, Zur Einführung, in: Schleiermacher der Philosoph des Glaubens. Sechs Aufsätze, Berlin-Schöneberg 1910, S. 8 📖: «Der Abfall vom Protestantismus würde nicht so groß geworden sein, wenn der Protestantismus mehr vom Brote Schleiermachers gegessen hätte.»↩
98
Vgl. den Abschnitt bei Brunner, S. 268–287 📖: «Das eschatologische Loch».↩
99
Bereits im Rundbrief vom 4.3.1924 (Bw.Th. II, S. 235 📖) hatte Barth geschrieben: «Ob Brunner es sich klar gemacht [hat], vor welchem unerhörten Loch wir stehen, nachdem dieser Turm [= Schleiermacher] vom Keller aus in die Luft gesprengt ist??»↩
100
Vgl. ebd. 📖: «Schon winken uns ja von drüben die Herren Jesuiten und Benediktiner, die wohl sehen, was die Glocke geschlagen hat – und sollen darum in der Vorrede zur 4. Auflage des Römerbriefs ehrenvoll erwähnt werden.» Vgl. den 3. Wiederabdruck von Römerbrief 2 (4. Auflage), S. XXIV 📖. – Gemeint sind: E. Przywara S. J., Gott in uns oder Gott über uns? (Immanenz und Transzendenz im heutigen Geistesleben), in: Stimmen der Zeit. Monatsschrift für das Geistesleben der Gegenwart, Bd. 105 (1923), S. 343–362 📖; J. Engert, Metaphysik und Historismus im Christentum, in: Hochland, Jg. 21 (1924), S. 502–517.638–651 📖; J. Wittig, Neue religiöse Bücher 📖 [u. a. Rezension von Römerbrief 2 und K. Barth, Der Christ in der Gesellschaft], a.a.O., S. 420–423 📖; H. Lang O. S. B., Sammelrezension Religion und Theologie, in: Literarischer Ratgeber für die Katholiken Deutschlands, Jg. 21 (1924/25), S. 60–72 📖; dort S. 64 über Barths Römerbrief 2.↩
101
Vgl. den (undatierten) Bleistiftnachtrag am Rand der letzten Manuskriptseite von Barths Vorlesung Th. Schl., S. 463 📖: «Schleiermacher hat seine Sache zweifellos gut gemacht. Es genügt nun nicht zu wissen, daß eine andere Sache gemacht werden müßte, sondern es bedürfte des Könnens, diese andere Sache mindestens ebenso gut zu machen wie er die seinige.»↩
102
E. Brunner, S. 390 📖: «So ist denn also ‹Schleiermacher erledigt›?»↩
103
Vgl. z. B. a.a.O., S. 223f.384–387. 📖↩