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Reformierte Lehre, ihr Wesen und ihre Aufgabe
Lassen Sie mich beginnen mit der Mitteilung einer kleinen Lesefrucht: «Einem
aufmerksamen Beobachter konnte es nicht entgehen, welch eine geringe Rolle unfruchtbare theologische Erörterungen an diesen Tagen spielten.
Die Konferenz war von einem stark geistigen Streben durchdrungen, die alten
Wahrheiten der Reformation in ihrer religiösen Bedeutung für die Gegenwart möglichst untheologisch zu erfassen und lebendig werden zu lassen
und mit dieser Rückwendung zum alten heiligen Erbe doch gleichzeitig sich von
einem Geiste resoluter Entschiedenheit führen zu lassen, der vorwärts drängt und die alten Wahrheiten an11 neuen Verhältnissen praktisch erproben will.» Diese Sätze stehen in einem
Bericht über die kürzlich abgehaltene Tagung der östlichen Sektion des
Reformierten Weltbundes in Zürich und entstammen der Feder einer der führenden
Persönlichkeiten dieser Veranstaltung (N. Z. Z. 3. Aug. 1923 Nr. 1055)
📖.12 Wenn
die hier sich äußernde Einstellung für die Neigungen und Abneigungen weitester und
gegenwärtig maßgebendster Kreise unsrer modernen reformierten Kirchen bezeichnend
ist – und es ist nicht zu bezweifeln, daß dies der Fall ist –, so ist die mir
heute zugewiesene Aufgabe keine dankbare Aufgabe. Über reformierte Lehre,
Theologie, Predigt, Verkündigung soll ich ja reden, also gerade darüber, worüber
man in Zürich «möglichst» geschwiegen hat und auch sonst weithin und in
zunehmendem Maße lieber schweigt als redet. Warum lieber schweigt? Ich meine drei
Gründe zu sehen: Erstens, weil im Protestantismus,
merkwürdigerweise vorab unter den protestantischen Theologen, die Flut der
Überzeugung noch immer im Steigen ist, |205 daß «Lehre»
etwas anderes, und zwar etwas weniger Gutes und Wichtiges sei als «Leben». Die Begriffe «theologisch» und «unfruchtbar» erscheinen vielen
unter uns als mindestens benachbart und die Frage nach dem rechten Predigtinhalt wenn nicht geradezu als gleichgültig, so doch als
aufschiebbar neben der Frage nach dem guten 180
Willen und den besten Wegen zur Verständigung über allerlei anderweitige
kirchliche Praxis, zur inneren und äußeren Einigung, zur Tat des gemeinsamen
Kampfes gegen «Rom» und den modernen Unglauben, zur gegenseitigen moralischen und
materiellen Hilfeleistung, zur Organisation und Entfaltung der vorhandenen Kräfte,
«in der Überzeugung, in der Richtung sich zu bewegen, die der Geist Jesu Christi uns weist», wie der genannte Bericht zum Schluß
sagt.13
Zweitens, weil die Frage nach der rechten Lehre nach den
Erfahrungen der Vergangenheit speziell der heute so wünschenswerten christlichen
Einigkeit zunächst vielleicht nicht eben förderlich sein
könnte, weil ein Versuch ernstlicher Verständigung darüber, in was die Glieder der sog. «reformierten Familie» auch nur der «östlichen
Sektion» (um von der westlichen nicht zu reden!) einig sein, für was sie gemeinsam kämpfen, in was sie sich gegenseitig
beistehen wollen, wahrscheinlich weniger harmonisch und erhebend zustande kommen
würde als z. B. die in Zürich zweifellos so glücklich getroffenen Übereinkünfte
strategischer und taktischer Natur oder auch die bei solchen Festivitäten an
malerisch-historischer Stätte unvermeidlich sich einstellenden Stimmungen
christlicher Weltverbrüderung. Wer sich auf reformierte Lehre in ihrer
Eigenart14 und Unterschiedenheit von anderer Lehre einläßt, der ruft
vielleicht auch den Gespenstern von |206 Marburg15 und andern unfreundlichen Schatten, und wer wollte das nicht lieber
umgehen, wenn es sein kann? Drittens und vor allem: die Frage
nach der rechten Lehre kann nicht aufgeworfen werden ohne Aufdeckung und
Eingeständnis einer großen, vielleicht der größten Verlegenheit
des modernen Protestantismus. Die Geringschätzung der «Lehre» hat denselben Grund
wie das Urteil des Fuchses über die Trauben16: Hätten wir mehr Wesentliches und
Autoritatives zu sagen, hätten wir eine über bestimmte Gruppen
und Kreise hinaus überzeugende und anerkannte Theologie, hätten
wir eine Botschaft, die wir verkündigen müßten, wir würden
anders denken. Aufs Ganze unserer Kirchen gesehen, haben wir das alles nicht. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich sage, daß dies
auch dort gilt, wo man nicht so pietätlos oder – nüchtern war, die überlieferten
Lehrnormen geradezu durch Abschaffung als obsolet zu erklären.17 Die Frage nach der rechten Lehre führt uns vor das Vakuum in der Mitte unsres Kirchen- und Christentums, und der Anblick dieses
Vakuums könnte beschämend und entmutigend genug sein, um zu der mun181tern Berufung auf «das alte heilige Erbe» und damit
auch zu dem «Vorwärtsdrängen» zur praktischen Erprobung ein sehr
störendes Fragezeichen zu setzen. Also: «O rühre, rühre nicht daran!»18 von allen Seiten! Und gerade an diesen unangenehmen wunden Punkt soll ich
nun doch rühren? Wäre es nicht besser, dem wohlbegründeten Instinkt der meisten
unsrer protestantischen Zeitgenossen folgend, eilends daran vorüberzugehen wie
Priester und Levit an dem unter die Räuber Gefallenen [vgl. Lk. 10,30–32], die Frage der
Lehre gleichsam in Klammern als «irgendwie» schon gelöst oder nachträglich |207 lösbar vorauszusetzen und uns mit «resoluter
Entschiedenheit» den Fragen des Christentums und unsres
Reformiertentums insbesondere zuzuwenden, über die man interessiert, friedlich und
freudig reden kann – besonders in unsrer Zeit, wo das Leben, auch das Leben der
Kirchen, wahrhaftig schon kompliziert genug ist und einfache Parolen und Wege mit
Recht schon als solche den Ruf der Vorzüglichkeit genießen?
Ich meine nun doch, daß wir, das Ergebnis falle aus, wie es wolle, Anlaß haben,
dem Moderamen des Reformierten Bundes dankbar zu sein dafür, daß es den Mut hatte,
diesen wunden Punkt auf unsre Tagesordnung zu setzen. Einmal muß ja doch wieder
davon geredet werden; warum sollen wir das Gespräch nicht eröffnen? Auch die
reformierte Internationale19 und die protestantische
Christenheit überhaupt wird früher oder später nicht umhin können, hier, koste es,
was es wolle, und geschehe dann, was geschehen mag, etwas ernsthafter zu werden,
als sie es jetzt ist. Der finstere Ernst des Zeitalters, in das wir eingetreten
sind, wird es den Kirchen (Europas jedenfalls!) nicht gestatten, sich bei
Scheinlösungen zu beruhigen, und wenn sie den Vorzug einleuchtendster Einfachheit
hätten. Die Rede von dem Vorwärtsdrängen zum praktischen Erproben der alten
Wahrheiten an neuen Verhältnissen ist aber eine Scheinlösung. Was soll sich hier erproben? Wird es den scharfen Augen der
Weltkinder und wird es uns selbst, den Kindern des Hauses, auf die Länge entgehen
können, daß hier ein Prädikat ohne Subjekt gesetzt ist? Ist es denn so einwandfrei
sicher, daß unsre reformierten Kirchen auch nur da, wo die Bekenntnisse noch in
Kraft oder doch auf dem Papier stehen, tatsächlich von den «alten Wahrheiten der
Reformation» widerhallen? «In ihrer religiösen Bedeutung für die Gegenwart»,
lautet ja der verdächtige Zusatz. Was heißt das? Sind die stillschweigend oder
offenkundig eingetretenen Verschiebungen, Veränderungen und Umdeutungen 182 der reformatorischen Botschaft, auf die er
hinweist, etwa so unerheblich, daß wir uns die Besinnung darüber ersparen dürften,
mit welchem Recht, mit welcher Berufung und Autorität unter dem Namen
evangelisch-reformierter Predigt in unsern Kirchen gerade dies und gerade das
vorgetragen wird? Von einer siegreichen Entscheidung der Kämpfe, die diese Frage
dem 19. Jahrhundert gekostet hat, ist mir |208 nichts
bekannt. Sollte der Vorschlag, mit dieser ungelösten Frage im Rücken
«vorwärtszudringen», wirklich so praktisch sein? Wir werden uns ferner der
Einsicht nicht verschließen können, daß die kirchlichen Instandsetzungs-,
Organisierungs- und Vorbereitungsarbeiten, mit denen man sich heute lieber als mit
Theologie zu beschäftigen erklärt, fatalerweise dem Augenblick entgegentreiben, wo
es sich dann eben doch darum handeln wird, dem durch soviel Zurüstung aufmerksam
gemachten Menschen in Ost und West wirklich etwas zu bieten oder ihm doch
mindestens zu sagen, was denn eigentlich los ist, – dem Augenblick, wo die
Gemeinde, auch die lebendigste, beteiligtste Gemeinde, schweigen wird, um endlich
und endlich zu hören, was ihr denn nun der Pfarrer oder gar
Professor der reformierten Weltkirche Wichtiges und Richtiges, die Lage des
Menschen zwischen Himmel und Erde Erhellendes, dem Anspruch, hier gehe es um
erlösende Wahrheit, Entsprechendes mitzuteilen habe. Sollte es
weise sein, die Frage nach dem Ereignis dieses Augenblicks, des für Sinn und Wert
alles Vorangehenden schlechthin entscheidenden, zu unterdrücken oder doch an das
Ende des ganzen Programms zu stellen? Müßte nicht besser das ganze Programm
warten, bis in dieser Frage eine Klarheit, ein Wille, eine Notwendigkeit auf dem
Plan ist? Ferner: Von der kommenden Auseinandersetzung mit «Rom»
ist auch in Zürich viel die Rede gewesen.20 An dem Ernst und der Aktualität dieser Aufgabe ist
wahrhaftig nicht zu zweifeln. Aber wie sollen und können wir uns mit «Rom»
auseinandersetzen, bevor wir uns ganz anders mit uns selbst auseinandergesetzt
haben über die Frage, was wir denn als nicht-römische Christen sind, vertreten und
wollen? Haben |209 wir heute ein einigermaßen dringendes
gemeinsames Anliegen gegenüber dem Katholizismus? Wenn wir es nicht haben oder selbst nicht recht wissen, was wir davon denken sollen,
wie sollen wir dann für das für 1925 vorgesehene ökumenische Konzil21 auch nur ein verhandlungsfähiger
Gesprächspartner sein, geschweige denn mehr als das? Noch etwas auf derselben
Linie: Die Freunde eines «möglichst untheologischen» Refor183miertentums berufen sich mit Vorliebe auf die
praktischen, unionistischen Tendenzen der alten Reformierten, speziell auf den
aktiven, organisatorischen, weltumspannenden Geist Calvins, übersehen aber beharrlich, daß
Calvin zuerst seine Institutio und dann jene vielbewunderte
kirchenpolitische Briefliteratur geschrieben hat22, m.a.W. zuerst ein Thema hatte und dann an dessen Variation dachte, zuerst wußte, was er
wollte, und dann wollte, was er wußte. «Mit resoluter
Entschiedenheit» diese höchst sachgemäße Ordnung auf den Kopf stellen, dort
anfangen wollen, wo Calvin aufhörte, mit
Calvin ernten wollen, ohne mit
Calvin gesät zu haben [vgl. Lk. 19,21], das dürfte
weder calvinisch noch sonst wohlgetan sein. Mit Predigten hat die Reformation Zwinglis, mit Vorlesungen
die Calvins ihren Anfang genommen. Wenn
die heute umgehende Rede von der «Bildung eines stärker ausgeprägten reformierten
Bewußtseins»23
allenfalls wahr sein sollte, so müßte sich das vor allem zeigen in der
Geneigtheit, den Weg, den Luther
und
Zwingli
und
Calvin gegangen sind, den Weg von der
Besinnung zum Handeln mit Ernst und Strenge auch zu gehen und keinen andern. Später, einige Jahre
später vielleicht, könnte dann das bewußte «stark geistige Streben» immer noch zu
seinem Recht kommen.
Vielleicht besteht einer der wenigen wirklichen Dienste, den die deutschen reformierten Kirchen heute ihren westlichen Konfessionsver|210wandten leisten können, darin, sie (aber vor
allem sich selbst) daran zu erinnern, daß es, allen vermeintlichen
Zeitbedürfnissen und -notwendigkeiten zum Trotz, so etwas wie eine reformierte Sachlichkeit geben könnte.
Doch es ist an der Zeit, daß wir uns einer etwas grundsätzlicheren
Betrachtungsweise zuwenden. Wer sich «reformiert» nennt (nicht
katholisch, auch nicht lutherisch, auch nicht evangelisch in schöner – allzu viel
oder allzu wenig sagender – Allgemeinheit, sondern evangelisch-reformiert), reformierter Pfarrer, Theologe, Kirchenmann, und an solche
möchte ich mich im folgenden wenden, der vollzieht damit schlicht und nüchtern
das, was vorhin etwas pathetisch eine «Rückwendung zum alten heiligen Erbe» der
Reformation genannt wurde, und darf sich der Frage nicht verschließen, ob es ihm
damit ernst ist, ob er auch weiß und zu begründen weiß, was er damit tut. Was
heißt «Rückwendung 184 zum Erbe der Reformation»,
der reformierten Reformation insbesondere? Das wäre in nuce die Frage nach der
«reformierten Lehre». Ich höre hauptsächlich drei Antworten:
Die erste ist die Antwort des pietätvollen Freundes des Charakteristischen seiner eigenen christlich-kirchlichen Art, die nun
einmal die reformierte ist. Er liebt die reformierte Kirche, wie er sein Volk,
seine Stadt, das Hausgeräte seiner Vorfahren liebt. Er liebt sie mehr als andere, weil sie eben seine Kirche ist, wie er
das Tal seiner Heimat mehr liebt als andre Täler. Diese Freude an der ausgeprägten
Eigenart der Form, in der ihm das Christentum nun einmal bekannt und vertraut ist
– man darf sie gewiß Pietät nicht nur, sondern aufrichtige pietas nennen –, hat
ihn aufmerksam gemacht auf die schärferen Profile und Umrisse der reformierten
Vergangenheit mit ihrem kräftigeren christlich-kirchlichen Selbstbewußtsein, mit
ihren klassischen Literaturdenkmälern, mit ihren eigenartigen Überlieferungen in
Lehre und Leben. Mit einem wohlverständlichen Trotzgefühl gegenüber dem alles
nivellierenden und doch selber so unschöpferischen Geist des 19. und 20.
Jahrhunderts bekennt er sich zu den noch lebenden oder doch vielleicht noch
lebensfähigen Resten und Spuren reformierten Wesens in der Gegenwart. Calvin (oder in der Ostschweiz: Zwingli) muß wieder zu Ehren kommen, nur schon
weil er unser Mann ist. Der Heidelberger Katechismus muß
fernerhin und aufs neue getrieben werden, nur schon weil er unser althergebrach|211tes Buch ist.
Die Prädestination, die selbständige Bedeutung der zehn Gebote, die Notwendigkeit
einer Kirchenzucht sind zu behauptende Wahrheiten, nur schon weil wir in der
Geschichte unsrer Kirche lesen, daß es so sein muß. Mit
ausgestrecktem Finger verweist uns unser Unterredner darum auf die reformierten
Bekenntnisschriften, und vielleicht ist er auch gleich so freundlich, uns zu
sagen, welchem oder welchen von diesen immerhin nicht ohne weiteres einhelligen
Dokumenten wir seines Erachtens besondere Ehrfurcht und Nachachtung zu widmen
haben.
Die ernste Bedeutsamkeit dieser Antwort ist nicht in Frage zu stellen, auch wenn
sie letztlich so nicht gelten kann. Reformiert sein heißt in der Tat: sich als
Christ an seinen geschichtlichen Ort, d. h. in die geistige Gemeinschaft dieser
besonderen, durch ihre Vergangenheit, und zwar durch ihre ältere schärfer als
durch ihre jüngere und jüngste Vergangenheit charakterisierten Kirche stellen. Die
offene oder heimliche Rebellion gegen das Zufällige, Besondere, Geschichtliche
unsrer Lebenssituation, 185 der Wunschwille,
mindestens in christlicher Beziehung den direkten Flug ins Allgemeine und Absolute
anzutreten, die Ungeduld, mit der man lieber gleich ein Jünger Jesu als – wie
banal! – ein Reformierter sein möchte, ist freilich vielen von uns fast zu einer
selbstverständlichen Denkgewohnheit geworden. Sie verrät aber eine mindestens
einseitig gereifte Einsicht. Wir gehören alle irgendwohin, auch als Christen, auch
wenn wir uns dessen vielleicht lange nicht bewußt waren oder bewußt sein wollten.
Dieses Besondere in seinem ursprünglichen, bezeichnenden Charakter mindestens zu
sehen, zu verstehen, ernst zu nehmen, ist ein Akt schlichten Lebensgehorsams, dem
man sich vielleicht lange, aber sicher nicht endgültig entziehen kann. Die Stätte,
wo das Absolute sich bezeugt, ist das Relative, und zwar, späterer Entdeckungen und Fortschritte unbeschadet,
immer das Relative, das uns vor die Füße
gelegt ist. Die Stätte, wo die allgemeine christliche Kirche geglaubt wird, ist die besondere Kirche mit ihrer Geschichte und ihrem Gesicht. Der
Erkenntnis letzter Dinge kann nicht gedient sein mit vorschnellem Vorbeieilen an
den vorletzten und dem Frieden der Christenheit nicht mit dem gehaltlosen
Verständigungs- oder gar Unionswillen von Leuten, die noch nicht einmal sich
selbst, geschweige denn den Gegner ernst genommen haben. Die Tatsache, daß man
reformiert ist, ist an sich schon ein nicht schlechter Grund, es auch im Ernst,
und das |212 wird dann in der Tat heißen: im aufmerksamen
Blick auf die charakteristischen Anfänge reformierten Wesens zu sein und, wenn nichts Dringendes dazwischen kommt, zu bleiben. Das ist’s, was wir uns durch die bewußte Antwort sagen lassen
wollen.
Aber das ernste Bedenken, das sie erregt, darf nun auch nicht unterdrückt werden.
Mit der Liebe des Antiquars, des laudator temporis acti24, des religiösen Heimatschützlers, des Freundes reformierter Art, weil sie
reformiert ist, kann gerade der reformierten Kirche auf keinen Fall gedient sein.
Er wird sich sagen lassen müssen, daß gerade sie für die blaue Blume der
Romantik25 in dieser wie in anderer Hinsicht ein sehr schlechter
Boden ist. An den Anfängen unsrer Kirche steht im Unterschied zum Luthertum
überall in großer Pietätlosigkeit eine grundsätzliche Absage an die ganze
christliche Tradition, sofern sie etwa als solche religiöse Bedeutung in Anspruch
nimmt, sofern sie sich nicht vor der dem Geiste durch den Geist als Wahrheit
bezeugten Schrift rechtfertigen kann. Nicht Gegenstand liebevoll-andächtiger
Verehrung, sondern Gegenstand ernster kritischer Prüfung war 186 unsern Vätern das geschichtlich Gegebene, das ihnen
vor die Füße gelegt war. Das konservative Prinzip, das sie freilich auch
handhabten, war bei ihnen gekreuzt und gebrochen durch ein gerade
entgegengesetztes, und so ist’s denn nur sehr teilweise Treue gegenüber dem
Gewordenen, vielmehr auf weiteste Strecken glatter, schonungsloser Bruch damit,
was diese Anfänge kennzeichnet. Der Freund alt-reformierter Art wird doch diese
Haltung der Väter nicht etwa als durch die Schaffung einer neuen reformierten und
nun endgültig heiligen Tradition antiquiert erklären wollen? Es gibt wohl eine
Geschichte der reformierten Kirche, Urkunden ihres Glaubens, typische Linien ihrer
Lehre und ihres Lebens, die von dem, der sich reformiert nennen will, gekannt,
respektiert und bedacht sein wollen (und er wird damit nicht so bald fertig
werden), es gibt aber streng genommen keine reformierte Tradition außer der einen
zeitlosen: dem Appell an die offene Bibel und an den Geist, der aus ihr zum Geiste
redet. Wohlüberlegterweise haben uns unsre Väter keine das Wort
Gottes |213 authentisch interpretierende Augustana26, geschweige denn eine Konkordienformel hinterlassen, keine «Symbolischen Bücher», die später wie die lutherischen in den
Geruch der Inspiriertheit kommen konnten27, sondern nur Bekenntnisse, deren mehr als eines anfängt oder schließt mit dem offenen
Vorbehalt künftiger besserer Belehrung.28 Ein Dogma im strengen hieratischen Sinn kennt die reformierte Kirche also
gerade nicht. Lehrautorität ist ihr in keinem
Sinn die christliche Geschichte, sondern Schrift und Geist, die für sie beide (auch die Schrift!)
jenseits der christlichen Geschichte stehen. Den Vätern treu sein würde also
heißen müssen, es auch in diesem, gerade in diesem Stück halten, wie sie selber es
hielten: die Geschichte reden lassen, aber als Hinweis über die Geschichte hinaus
auf die Offenbarung, Altertum nicht verwechseln mit Ursprünglichkeit und die
Autorität, die der Kirche gegeben ist, nicht mit der Autorität, durch die die
Kirche begründet ist, keine Invariata29 und Invariabilis anerkennen außer der einen, vor keinem |214 aufgepflanzten Hut sich
bücken30, und wenn es der Hut Calvins selber wäre, Schrift und Geist, Geist und Schrift in
derselben Weise kritisch zur Geltung kommen lassen – auch gegenüber den
ehrwürdigsten Bestandteilen reformierter Lehre und Sitte, wie es
dort geschah gegenüber der wahrhaftig auch ehrwürdigen
christlichen Tradition des Mittelalters. Was sich auf Grund beider Notwendigkeiten: des respektvollen Achtens auf
die konkrete, durch ihre 187 Anfänge
charakterisierte Größe reformierten Christentums, aber auch der
gerade deshalb unvermeidlich zu übenden Kritik dieser Größe an
ihrem eigenen Ursprung, als unsre Erkenntnis herausstellen
würde, das wäre dann, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, «reformierte Lehre».
Sie könnte also in einer wohlüberlegten Repristination der
Theologie des Genfer31 oder Heidelberger Katechismus oder der fünf
Kapitel von Dordrecht32 bestehen, sie könnte aber auch –
wenn wir uns die dazu nötige Vollmacht und Einsicht zutrauen – in der Aufrichtung
eines neuen Bekenntnisses, einer Helvetica tertia bestehen, so gewiß die Väter
sich erlaubt haben, die prior durch eine posterior zu ersetzen.33 Beide Möglichkeiten sind in der reformierten
Kirche gleich mögliche Möglichkeiten.
Wenden wir uns nun zu der zweiten Antwort auf die Frage, warum und in welchem Sinn
wir uns «reformiert» heißen. Sie ist die Antwort des Freundes gewisser eklektisch
aufgegriffener, für die reformierte Vergangenheit oder Gegenwart bezeichnender
Ideen, Tendenzen und Institutionen. Er freut sich vielleicht, um das Beste gleich
vorwegzunehmen, des reformierten «Deo soli gloria!», der darin ausgesprochenen
Zurückweisung, Beugung und Relativierung aller Menschen- und Eigengerechtigkeit,
der Aufdeckung aller pietistischen und methodistischen Illusionen, die hier
stattfindet, und des Hinweises auf den, bei dem die Vergebung der Sünde ist, daß
man ihn fürchte [vgl. Ps. 130,4]. Aber nein, vielleicht ist es gerade eine ganz andere Seite
reformierten Wesens, die ihm einleuchtet: die strenge direkte Parallelität des
reformierten Glaubens mit einem stark ausgeprägten individuellen und sozialen
Ethos, die so viel innerlicher und glaubwürdiger als in den luthe|215rischen Bekenntnisschriften begründete Aufrichtung des
Gesetzes und des Gehorsams, die «vita hominis christiani», wie
sie Calvin an zentralster Stelle seiner
Institutio dargestellt hat.34
Vielleicht ist ihm aber, indem er den humanistischen Einschlag im Reformiertentum
witterte, mehr als diese Dinge die gewisse durchgehende Geistigkeit dieses
Christentums angenehm aufgefallen: der Kampf gegen alle Kreaturvergötterung, den
es besonders in seiner Lehre von den Sakramenten durchgeführt hat, sein «finitum
non est capax infiniti»35, seine Affinität zu den besten Traditionen der
philosophischen Arbeit, zu Plato und
Kant. Ihm ist vielleicht, wenn er
etwa von Bengel oder Blumhardt herkommen sollte, die große
coccejanische Schau einer Reichsgottesgeschichte36 wichtig und teuer geworden. 188 Oder er
lobt sich sein Reformiertentum wegen der herben gesunden «abnegatio nostri»37, die für das Innerste des calvinischen Menschen so bezeichnend erscheint
und in der sich doch auch schon etwas von der Glut der Mystik Tersteegens ankündigt – vielleicht aber auch
umgekehrt gerade wegen seiner Weltoffenheit, die diesen calvinischen Menschen zu
einem aktiven, anregenden oder geradezu schöpferischen, jedenfalls nach allen
möglichen Seiten bündnisfähigen Faktor in den geistigen, kulturellen,
wirtschaftlichen Bewegungen der Neuzeit gemacht hat. Oder er hat sich als
Kirchenmann von dem Wert und der Brauchbarkeit der reformierten Verfas|216sungs- und Kultusformen überzeugt. Er ist
reformiert, weil er und sofern er ein Freund der Synodal-Presbyterialverfassung
ist, weil das Ideal der aktiv beteiligten Laiengemeinde, der lebendigen
Einzelgemeinde (im Gegensatz zu der lutherischen Pastorenkirche) auch sein Ideal
ist oder weil die ernste Nüchternheit des reformierten Gottesdienstes mit seinem
Verzicht auf alle krypto-katholischen Künste sein Herz gewonnen hat. Wir wollen
uns auch das alles – und es wäre noch mehr zu nennen – sagen lassen. Wer sich mit
dem bloßen Reformiertsein aus Treue und Gehorsam nicht begnügen kann (und wir alle
wissen, daß das ja noch kein letztes Wort sein kann), der mag sich hier aufmerksam
machen lassen auf den wahren Schatz von noch lange nicht ausgeschöpften
Wahrheiten, Orientierungen und Zielsetzungen, die mancher laue, seiner Sache nicht
recht gewisse Reformierte nur etwas mehr aus der Nähe kennen lernen müßte, um je
nach Gesinnung, Führung, Begabung und Stellung so oder so ein nicht nur geborenes,
sondern überzeugtes Glied seiner Kirche zu werden. Hat nicht fast jede der
genannten Ideen einzeln Bedeutsamkeit und Lebensfähigkeit genug, um einer
religiös-theologisch-kirchlichen, ja vielleicht einer über dieses Gebiet
hinausgreifenden Geistesbewegung Nahrung und Stoßkraft zu geben? An Begründungen,
weshalb man reformiert sein kann, fehlt es jedenfalls nicht.
Aber eben dieser Pluralis und dieses «kann» verrät auch die Schwäche dieser sehr
verbreiteten Art, auf die Frage zu antworten. Eine Kirche lebt nicht von
Wahrheiten, und wenn es noch so viele und noch so tiefe und lebendige Wahrheiten
wären, sondern von der Wahrheit, die man nicht wie diese und
jene Lehre, Theorie oder Überzeugung ergreifen kann, sondern
ergreifen muß, weil sie selber zuerst nach den
Menschen gegriffen und so die Kirche begründet hat. Reformiert sein kann man nicht
aus diesem oder jenem, sondern 189 nur aus einem Grunde. Das für unser modernes Reformiertentum selbst und für seine Beurteiler bezeichnende Nebeneinander verschiedener
Motive, so trefflich sie im Einzelnen sein, so anschaulich sie sich aus Zwingli und Calvin selbst belegen lassen mögen, die Velleität, mit der hier
einer nur von der Sünden- und Gnadenlehre ernstlich etwas wissen will, dort einer
nicht ohne ein Gerüchlein von Heidentum die christlich verstandene lex naturae
verkündigt, hier einer an der Grenze des Perfektionismus, dort einer an der des
Antinomismus und dort einer an der eines kommunistischen Enthusiasmus sein Zelt
aufschlägt, während ein Sechster von der Wiederher|217stellung der calvinischen Ordonnanzen38 und des Psalmengesangs alles oder doch beträchtliches Heil erwartet und
ein Siebenter, Allerkühnster ausgerechnet in dem reformierten Gottesbegriffe sein
zur Zeit und Unzeit geltend gemachtes Schibboleth gefunden hat – das alles muß
doch, wenn wir nicht so weltlich denken, um es mit «Reichtum» zu
verwechseln, ernstliches Mißtrauen erregen. So wäre die reformierte Kirche
jedenfalls nicht entstanden. Ihr Anfang war nicht dieses Pantheon von Idealen,
sondern eine Stätte der Anbetung des einen Gottes. Feuer von einem Altar waren ursprünglich die Lichter alle, in denen jetzt
hier, jetzt dort einer das Licht zu sehen meint. Einheit, nicht untereinander in
der Klammer eines systematischen Grundbegriffs, sondern in der einen, allen
Begriffen übergeordneten ursprünglichen Wahrheit waren doch die Belehrungen,
Weisungen und Richtlinien, die wir jetzt einzeln und an sich bejahen möchten, als
ob sie nicht einzeln und an sich höchst mißverständlich, höchst gefährlich, höchst
unchristlich in der Luft stünden, auch das dominierende «Deo soli gloria!» nicht
ausgenommen; denn wie sollte nicht auch diese Idee zum Götzen
werden können? Die reformierten Bekenntnisse unterscheiden sich von der Augustana
u. a. auch dadurch, daß sie, in gemessenen Abstand gegenüber dem einen
Gegenstand aller Lehre sich begebend, nicht auf die Karte einer Lehre alles setzen, sondern, theologisch weniger kunst- und
eindrucksvoll, mit der Beziehung aller Lehre auf den einen Gegenstand sich
begnügen, daß sie es Gott, nicht ihrem Gottesgedanken, sondern
Gott selbst, Gott allein39 in seinem
durch Schrift und Geist verkündigten Worte überlassen, die Wahrheit zu sein. Wieder müßten uns, wenn es mit unserm
Reformiertsein ernst gelten soll, alle noch so überzeugenden Gründe dafür über
sich selbst hinausführen zu der in der Schrift bezeugten und vernommenen 190 Offenbarung, die selber keine Idee, kein
Prinzip, keine Doktrin ist, sondern der Ursprung aller Doktrin, aber auch das Maß,
an dem alle Doktrin gemessen und immer wieder zu messen ist. Wieder müßten uns
also die uns jetzt so einleuchtenden, sympathischen, überzeugenden Ausdrücke und
Merkmale reformierter Christlichkeit frei|218lich zu ernster Aufmerksamkeit auffordern, aber sofort müßte diese
Aufmerksamkeit gestört werden und sich stören lassen durch das majestätische
Rauschen der uns vielleicht sehr abschreckenden, sehr unsympathischen, sehr wenig
überzeugenden, in ihrer Wahrheitsgeltung jedenfalls in keiner Weise von unserm
Verständnis und Beifall abhängigen Quelle aller jener so munter
nach allen Seiten plätschernden Ausflüsse. Nicht das Wohlgefallen, das wir an gewissen Wahrheitsmomenten gefunden, sondern eine im Objekt und exklusiv durch das Objekt begründete
Erkenntnis der einen Wahrheit, Gottes Wort wenn’s not tut gegen alle unsre Ideale müßte uns zu Reformierten machen. Und was
wir dann, nicht frei, sondern gebunden, nicht
selbstherrlich-einseitig auswählend, sondern unter der Nötigung einer nach allen
Seiten uns öffnenden und auf Wache stellenden Sachlichkeit, nicht uns selbst
darstellend, sondern uns selbst der übermächtigen Wahrheit unterwerfend zu sagen
hätten, das möchte dann etwa, unter diesem zweiten Gesichtspunkt betrachtet,
«reformierte Lehre» sein. Sie dürfte nicht zwängerisch durchaus gerade dies oder
das vorbringen wollen, was uns eben am Herzen liegt. Sie dürfte nicht mehr sein
wollen als eine Empfangsbestätigung. Nicht die Korrektheit der einzelnen Formel
und nicht die Systematik des Ganzen dürfte ihre eigentliche Absicht sein, sondern
die Unterordnung unter den Zwang, im Einzelnen wie im Ganzen das Eine nachträglich
menschlich zu sagen, was dem Menschen zuerst göttlich gesagt ist, die
Bereitschaft, ein Lernen viel mehr als eine «Lehre», eine διδαχή viel mehr als eine doctrina zu sein, in welcher
Begriffssprache sie auch sprechen, an welchen bevorzugten Gedanken der
betreffenden Zeit oder Gruppe und Richtung sie auch im übrigen orientiert sein
möchte.
Hören wir nun noch die dritte und modernste Antwort. Sie ist die des Freundes der
eigentümlich reformierten religiösen innern Bewegtheit und Persönlichkeit. Sein
Stichwort lautet «Frömmigkeit». Er hat die reformierte Kirche, in ihren Vätern,
Begründern und Helden vor allem, erlebt. Ihre Charakterköpfe, ihr kämpfe- und
leidensreiches Leben, ihr straff vollbrachtes Werk, vor allem aber die
eigentümliche Färbung und Temperatur ihrer Religiosität 191 haben es ihm angetan. Sie sind ja in dieser
Eigenschaft neben der alles überragenden und erdrückenden Gestalt Luthers verhältnismäßig erst spät entdeckt
worden, obwohl z. B. die persönliche Pietät gegenüber Zwingli schon in der Kirchenge|219schichte des 16. Jahrhunderts ihre nicht
immer glückliche Rolle gespielt hat.40 Aber die Neuzeit mit ihrer freilich etwas epigonenhaften Kunst der
Einfühlung41 und Nachempfindung
hat sie entdeckt und zu Ehren gezogen. Worte wie «calvinisch» und «Calvinismus», die man einst
zornig den Gegnern überließ, haben ihren Übeln Klang verloren, und «reformiert»
heißt nun in der Tat weithin zu einem nicht unwesentlichen Teil Bewunderung,
Anpreisung und da und dort wirklich versuchsweise auch Nachahmung Calvins. Der Weg zur Freude an dem Mann und an
den Männern ist zu einem vielbetretenen, jedenfalls vielempfohlenen Weg zur Freude
an der Sache geworden. Wer wollte hier Einhalt gebieten? Es ist ja, historisch
betrachtet, einfach wahr: Am Anfang unsrer Kirche steht überall in fast
beängstigender Weise das Rätsel der bedeutenden religiösen Persönlichkeit, des
Menschen, der es in einzigartiger Weise mit Gott gegen die halbe Welt gewagt und
dessen geschichtliches Bild dadurch in einzigartiger Weise den Charakter des
Heroischen und darum Verehrungswürdigen und zur Nachfolge Reizenden bekommen hat.
Es war auch an der Zeit, daran zu erinnern, daß, wenn es sich denn einmal um das
bewundernde Nacherleben des protestantischen Menschen handeln soll, der Typus
Luther jedenfalls nicht der einzige
mögliche Typus dieses Menschen ist. Und es ist auch wahr, daß die Bilder dieser
großen Glaubenden, Betenden und Arbeitenden der Vorzeit einer kleinkalibrigen
Gegenwartschristenheit immer wieder heilsame Anre|220gung zur Besinnung auf die Anfänge und damit vielleicht auch auf
den Ursprung zu bieten vermögen.
Aber eine scharfe Warnung muß auch hier ausgesprochen werden. Es hat seinen Grund,
daß die Bekenntnisschriften unsrer Kirchen in starkem Kontrast zur
Konkordienformel42 von der Möglichkeit, sich auf Zwingli oder Calvin zu
berufen, durchweg keinen Gebrauch machen, sondern auch diese Personen gänzlich verschwinden lassen hinter der Sache, daß
die altreformierte Dogmatik ein Analogon zu dem altlutherischen Locus «De
vocatione Lutheri»43
nicht kennt, daß die Bekehrungsgeschichte Calvins ihm selbst und seiner Umgebung zum
Leidwesen seiner modernen Biographen so wenig interessant war, daß uns zur
erbaulichen Betrachtung dieser Sache im wesentlichen nur die zwei Worte 192 «subita conversione»44 und eine Anzahl
Vermutungen zur Verfügung stehen, daß man im alten Genf pietätlos genug war, die
Stätte des Grabes des großen Mannes gänzlich in Vergessenheit geraten zu lassen,
daß die reformierte Heiligenlegende und der reformierte Heroenkultus ernsthaft
erst zu einer Zeit aktuell wurde, da man der reformierten Sache
nicht mehr recht sicher war. Die Frage wird erlaubt sein, was wohl Calvin selbst gesagt haben möchte zu dem
fünfbändigen Panegyrikus seines französischen Bewunderers45, ob er nicht, wenn er wiederkäme, selber
lieber und interessierter zu dem bösen Kampschulte46 greifen würde |221 und ob ihm nicht die
reformierte Siegesallee, die das neue Genf zu seinem und seiner
grimmigen Genossen Gedächtnis erstellt hat47, ganz
einfach ein Greuel wäre? Nach der, allerdings sehr «unhistorischen», Ansicht der
Väter selbst gehört an den Anfang einer Kirche gerade nicht die
«religiöse Persönlichkeit», sondern – ein Gesetz. Die
Reformationsfrage im alten Genf lautet nicht, ob man sich von
diesem und jenem religiös anregen, beeindrucken, begeistern und hinreißen lassen
will, sondern ob man will «vivre selon la parole de Dieu»48. Nicht einmal als
Prophet, geschweige denn als christlicher Heros, sondern als minister, als Diener des göttlichen Wortes49 nur kommt der Mensch in Betracht, der zur Verkündigung und
Vollstreckung dieses Gesetzes berufen ist, und seine «Frömmigkeit» nicht als ein
Werk von eigenem Gewicht und selbständiger Bedeutung, sondern als anonymer, farb-
und anspruchsloser, rein privater Gehorsamsakt. Die Größe der
Väter bestand gerade darin, daß sie den Schlagbaum sahen, der aller menschlichen
Größe, und ihrer eigenen zuerst, höchst konkret in die Quere gelegt war, daß sie
so wenig mit sich selbst beschäftigt waren, daß ihre
Bekenntnisse so gar nicht Darstellungen ihrer immerhin beachtenswerten innern
Erlebnisse sein wollten, sondern, und das ist etwas anderes: «testificationes
conceptae |222 intus fidei«50. Daß dies auch ihnen nicht immer rein gelungen ist, daß ihnen
genug Menschliches, Persönliches, Eigenes unterlaufen ist, darf uns das ein Anlaß
sein, es anders zu halten, als sie es jedenfalls halten wollten?
Gibt es eine andere Verehrung und Nachfolge Calvins als die, die darin besteht, sich selbst dorthin zu stellen,
wo Calvin stand: in den Gehorsam des
Berufenen gegenüber dem Gesetz, und wenn wir etwa nicht mehr wissen sollten, was
Gehorsam, Berufung, Gesetz christlich verstanden sein möchte,
danach zu fragen, bis wir es auch wieder wissen, jedenfalls aber mit
Calvinbewundern 193 oder gar Calvinspielen keine
Zeit und Kraft zu verlieren? Galvanisierte Väterfrömmigkeit ist gerade nicht das, was wir brauchen. Was gewesen ist, kehrt nicht wieder,
soll auch nicht wiederkehren. Wohl aber könnten uns die Anfänger zur Aufforderung
werden, selber Anfänger zu werden, in ihr Suchen, Fragen,
Verlegen- und Bedrängtsein, in die ganze grenzenlose Schwere und Not des Menschen,
der vor seinem Herrn steht, auch einzugehen in unsrer Zeit. Dann würden sie offenbar die Mission, die sie auch als
Menschen, als Persönlichkeiten, als Helden immer noch an uns haben, erfüllen. Was
wir dann, wenn wir, von allen historischen Vorbildern zurückgeworfen auf uns
selbst, vor demselben Schlagbaum stehen würden wie jene – was wir dann noch zu
bekennen wagen würden, das würde dann etwa (wir haben damit ein drittes Moment
gefunden) «reformierte Lehre» heißen dürfen. Ihr historischer Charakter, ihre
emotionale Färbung, ihr Stimmungsgehalt müßte uns durchaus cura posterior sein,
dringendes Anliegen aber der Dienst, nicht der Menschen –, nicht der
Gemeindedienst, sondern das ministerium verbi divini, das uns heute in derselben
nüchternen, aber strikten Weise auferlegt sein könnte wie den Männern, deren
Gräber zu schmücken sonst wahrlich ein eitles Beginnen sein müßte.
Die Erwägung der verschiedenen Antworten auf die Frage: Dic cur hic?51, die wir uns vorgelegt haben, weist uns von allen Seiten auf einen die reformierte Lehre zunächst charakterisierenden Punkt hin. Er
ist in |223 der Kirchengeschichte bekannt unter dem Namen
des Schriftprinzips. Am Anfang der reformierten Kirche steht die
Erkenntnis, daß die Wahrheit allein im Worte Gottes und das Wort Gottes allein in
der alt- und neutestamentlichen Schrift enthalten sei, daß alle Lehre der Wahrheit also in der Schrift ihre unveränderliche und
unüberschreitbare Regel zu anerkennen habe. Was man dann über
Gott, Welt und Mensch allenfalls zu sagen wagt, weil man es sagen muß – nachdem man die Schrift, die Schrift selbst, nicht die durch eine
bestimmte Überlieferung interpretierte Schrift, die ganze, nicht die unter einem
bestimmten vorweggenommenen Gesichtspunkt beleuchtete oder gar ausgewählte
Schrift, die Schrift, nicht zu verwechseln mit der Stimme frommer Männer aus
Vergangenheit oder Gegenwart, und die Schrift nie ohne das entscheidende Wort des
Geistes, aus dem sie selbst stammt, hat zu sich reden lassen – was dann unter
Furcht und Zittern [vgl. 2.Kor. 7,15 u.ö.] in eines Menschen Mund kommen mag von den Dingen, von
denen der Mensch von sich aus nichts oder nur 194
Torheit auszusagen vermag, das hieß am Anfang unsrer Kirche reformierte Lehre.
Doctrina ist das durch die Krisis, die erbarmungslose Läuterung und Reinigung des
in der Schrift bezeugten Gotteswortes hindurchgegangene christliche Menschenwort.
Es bleibt Menschenwort, es wird nicht selber zum verbum divinum, wohl aber, wenn
es diesen Weg gegangen ist, zur legitimen reinen «praedicatio verbi divini»52. Man hat dieses Prinzip der Schriftgemäßheit das reformatorische Formalprinzip genannt,
nicht ohne ein ganz leises Bedauern darüber, daß es hier, primär jedenfalls, «nur»
um die Form und nicht wie in dem tiefsinnigeren Luthertum um den Inhalt gegangen
sei.53 Vorsicht in solchen Behauptungen ist dringend zu empfehlen. Allzu leicht
verrät man damit, wie sehr wir Epigonen Zuschauer und nicht Beteiligte des ganzen
Vorgangs sind. Daß Gott sich bezeugt in der Heiligen Schrift,
das war unsern Vätern durchaus nicht «nur» Form, ja ganz und gar nicht «Form»,
sondern gegenwärtigster, lebendigster, vollster Inhalt. Allerdings: dieser, dieser unerhörte, unermeßliche, in keinem andern aufgehende und
sich erschöpfende In|224halt, also nicht identisch mit dem Inhalt dieser oder jener bestimmten Anschauung
oder Erfahrung, auch nicht mit der der Sündenvergebung! Auch nicht so, daß eine
solche einzelne Anschauung oder Erfahrung die Inhaltlichkeit der Erkenntnis: Gott redet! erst sicherstellen müßte, wo doch vielmehr alle
einzelnen Anschauungen oder Erfahrungen durch die eine Erkenntnis: Gott redet! sichergestellt und begründet werden. Gott
redet, er, auch die höchste, die spezifisch religiöse Beziehung
des Gnadenerlebnisses, in dem er auch redet, darf nicht an die
Stelle Gottes selber treten. Gott redet, nicht nur im
Evangelium, sondern auch im Gesetz, nicht nur im Neuen, sondern vollgenugsam auch
im Alten Testament, nicht nur von Sündenvergebung und ewigem Leben (obwohl schon
im «Paradeis» auch davon!), sondern auch, und mit gleichem
Ernst, von der Ordnung unsres zeitlichen Daseins, nicht nur als der offenbare und
freundliche, sondern auch und immer wieder als der verborgene und schreckliche
Gott, nicht nur Glauben, sondern auch (und das ist nicht ganz dasselbe, aber es
ist auch von Gott) Gehorsam fordernd. In sich selber wahr und
dringlich, auf der ganzen Linie die letzte Frage aufrollend und zu größten
Entscheidungen auffordernd, höchst konkret gerade wegen seiner Absolutheit, wahre
Ströme von «Lehre» entfesselnd, gerade weil hier dem Menschen grundsätzlich
Schweigen geboten wird, so steht dieses «Gott
195 redet!» den Vätern gegenüber. Wenn die Berner
Disputationsthesen von 1528 anfangen mit den lapidaren Worten: «Die heilige
christliche Kirche, deren einig Haupt Christus ist, ist aus dem Worte Gottes
geboren, in demselben bleibt sie und hört nicht die Stimme eines Fremden»54, so ist damit tatsächlich nicht ein Zweites,
sondern das Erste, das Begründende der reformierten Reformation ausgesprochen. Daß
die «Gschrift» über Wahrheit und Unwahrheit aller Lehre zu entscheiden habe, das
stand mit größter Selbstverständlichkeit und nicht ohne Vergewaltigung der
katholischen Gesprächsteilnehmer schon in den Geschäftsordnungen jener
Disputationen, aus denen die ältesten Bekenntnisse hervorgingen, das stand fest,
noch bevor auch nur ein Satz der Bekenntnisse selbst aufgesetzt, geschweige denn
bewiesen und anerkannt war. Und auch theoretisch haben die Väter von einer
vorangehenden Begründung dieses einen Grundes bekanntlich nichts wissen wollen.
Dieser Grund begründet sich |225 selbst; Geist wird nur
durch Geist, Gott nur durch Gott erkannt. Weder mechanisch-rational, noch
erlebnishaft-irrational ist die Berufung auf diesen Grund gemeint – was hat die
Kategorie der Offenbarung mit diesen Kategorien zu schaffen? –,
sondern als schlichte Beugung vor Gottes Selbstkundgebung: «Summa scripturae
probatio passim a Dei loquentis persona sumitur» (Calvin).55 Bei
Gott ist kein «Warum?». Was er will und spricht und schafft, das hat seinen
Realgrund und seinen Erkenntnisgrund nur in
ihm. «Du bist’s allein, Macht und Gewalt sind dein!»56, das gilt auch in der Wahrheitsfrage. Gott ist nicht nur selber und allein
die Wahrheit, er offenbart auch selber und allein, daß er die
Wahrheit ist. Wie könnte der Satz, daß die Bibel sein Wort ist, etwa anders
bewiesen werden als durch den Akt freiesten Wohlgefallens, durch den er selbst diesen Beweis führt? Wäre das Gottes
Wort, was anders als durch ihn selbst bewahrheitet werden müßte? Man hat jenen
erstaunlichen Satz einen axiomatischen Satz genannt.57 Er ist es doch nur seiner logischen Form nach. Inhaltlich hat die
Gewißheit, die er ausspricht, mit der Selbstevidenz der mathematischen Axiome gar
nichts zu tun. Was er ausspricht, ist vielmehr die Selbstevidenz der Offenbarung, die Gott gleichzeitig den biblischen Zeugen und den
Seinigen, die das Zeugnis jener annehmen, schenkt, der Gehorsam gegen das
«testimonium Spiritus sancti internum»58, gegen den Gottesgeist, in dem der Menschengeist des Schreibers und des
Lesers eins werden in gemeinsamer Anbetung; und die Wahrheit 196 des Satzes fällt zusammen mit der Wirklichkeit dieses
von Gott ausgehenden und in Gott begründeten Herrschaftsaktes. Eben diese
Regulierung der Lehre durch die logisch betrachtet unbegründete,
die Väter sagten: in Gott begründete Autorität war das Geheimnis
dieser Reformation und dieser Kirche. Nicht
die Genialität einer besondern Einsicht oder Frömmigkeit war die bezeichnende
Eigenschaft der Väter, sondern dieses ihr schlichtes Verständnis für die
Begründetheit des in Gott und sonst in nichts Begründeten. Anders ausge|226drückt: ihr Mut, sich eine so zufällige,
kontingente, menschliche Größe wie die Bibel allen Ernstes zum Zeugnis von Gottes
Offenbarung, diese an sich profane zur Heiligen Schrift werden
zu lassen. «Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm
zur Gerechtigkeit» [Gen. 15,6]. So entsteht Lehre, Botschaft, Predigt und anders nicht. Wir müssen
uns sehr klar machen, daß heute unser aller Augen gerade in dieser Hinsicht
gehalten sind, daß unser christliches Zeitalter gerade in dieser entscheidenden
Beziehung ein pygmäisches59 ist. Die Tage
ließen nicht lange auf sich warten, da man dieses schlichte Verständnis verlor, da
man vergaß, daß man von Gott redete, wenn man die Bibel Gottes
Wort nannte, da man aus dem lebendigen Zirkel von Schrift und Geist heraustrat, um
dann nur zu bald überhaupt nicht mehr zu wissen, was man mit jenem Satz sagte. Aus
der in sich selbst begründeten und darum Lehre begründenden Wahrheit wurde ein
Theorem, das, wie lebhaft man es auch behauptete, selber der Begründung bedurfte.
Man begann, dem Zeugnis des Heiligen Geistes noch andere Gründe zur Seite zu
stellen zur Unterstützung des Beweises, den man ihm nicht mehr ganz und allein
zutraute. Eine menschenfreundliche Apologetik begann den festen Stamm des «Gott redet» zu umranken und seinen Wurzeln die Nahrung zu rauben.
Immer isolierter, immer gefährlicher wurde gerade durch ihre Künste die Situation
des immer geistloser als heilig erklärten Buchstabens. Und als dann die
historische Kritik einsetzte mit ihren Einwänden gegen das Alter, die Echtheit,
die historische Zuverlässigkeit der biblischen Literatur, da wußte man die einzig
mögliche Antwort, die Antwort der Freiheit und der christlichen Sachlichkeit nicht
mehr zu geben, versteifte sich (etwa wie die Verfasser der helvetischen
Konsensformel von 167560) auf die wohlgemeinte, aber wie ein dürrer Ast
unglaubwürdig in die Luft ragende dogmatische Behauptung oder verwickelte sich,
uneinsichtig mit den Uneinsichtigen, in einen apologetischen Kleinkrieg, dessen
Ausgang kein 197 anderer sein konnte, als der er
ge|227wesen ist. Man hatte das Wunder Gottes verloren und mußte mit der Behauptung eines Weltwunders: des Mirakels in der Geschichte und im innern Leben (beides
gleich bedenklich!) ein immer kümmerlicheres, immer sorgenvolleres Dasein fristen
lernen. Die große Misere des modernen Protestantismus setzte ein: Erstarrung der
von ihrem erzeugenden Ursprung gelösten Doktrin in der Orthodoxie, Flucht in die ebenso irrtümlich mit diesem Ursprung
verwechselte christliche Erfahrung im Pietismus, Reduktion der
nicht mehr verstandenen und in der Tat nicht mehr verständlichen Doktrin auf
moralisch-sentimentale Maximen in der Aufklärung, endlich
Reduktion auch der christlichen Erfahrung auf die Gegebenheit einer höchsten
Erscheinung des allgemeinen religiösen Instinktes bei Schleiermacher und seinen Nachfolgern
links und rechts. Das sind die vier Ecksteine des Gefängnisses,
in dem wir alle (ich sage mit Bedacht: wir alle!) stecken, der eine mehr in
dieser, der andre mehr in jener Ecke: «ein jeder mag sich seinen Helden
wählen!»61 Das Dach, das diese vier Säulen gemeinsam tragen, das sie alle miteinander
verbindet und das uns, den Insassen, den Anblick des Himmels abschneidet, ist die
latente oder offene Eskamotierung der Offenbarung. In den Mauern dieses
Gefängnisses kann reformierte Lehre nicht gedeihen, sondern nur die Surrogate, von
denen die Rede war: Reformiertheit aus antiquarischer, ideologischer oder
emotionaler Liebhaberei. Reformierte Lehre braucht, um überhaupt als solche
entstehen zu können, die freie, scharfe Zugluft der Erkenntnis des Wortes Gottes
aus Schrift und Geist, aus der einst die reformierte Kirche mit der Naturgewalt
eines vulkanischen Ausbruchs «geboren», als christliche Kirche wiedergeboren
wurde. «Durch Gottes Wort reformiert»62, das ist der alte und sachgemäße Sinn |228 des
Namens, den wir tragen. Was heißt «Rückwendung zum Erbe der Reformation», wenn sie
in der Besinnung auf diesen Sinn unsres Namens nicht bestehen soll? Daß diese Besinnung heute noch aussteht (und da
vielleicht am meisten, wo man am stärksten auf die Väter pocht), daß unser Name
heute, ehrlich gesagt, keinen Sinn hat, da er diesen Sinn offenbar nicht hat, das
ist die große Verlegenheit, von der anfangs die Rede war, der einzige ernsthafte, aber allerdings sehr ernsthafte
Grund, weshalb man heute um die Frage der reformierten Lehre in weitem Bogen
herumgeht.
198 Von den spezifischen Inhalten der reformierten Lehre war bisher nur im Vorbeigehen
die Rede. Die Erinnerung an ihre Voraussetzung, an ihre Genesis
ist denn auch das dringendste, was mir heute zu diesem Thema zu sagen nötig
scheint. Mit welchem Recht und Sinn sollten wir von der reformierten Lehre über
die Prädestination, über die Buße, über das Abendmahl reden können, solange wir
nicht einig sind, und zwar nicht nur programmatisch-intellektuell, sondern in Tat
und Wahrheit einig sind darüber, woher das alles ursprünglich
gesagt ist? Nur von dorther könnte es oder etwas Analoges heute
wieder mit Vollmacht gesagt werden. Anderswoher geredet, wäre auch die wörtlichste
Wiederholung des Canones von Dordrecht, wäre auch die Verkündigung des
urcalvinischsten Lebens- und Kirchenideals keine reformierte
Lehre, sondern archaistische Schaumschlägerei. Wesen und Aufgabe der reformierten
Lehre erschöpft sich ja, so gewiß Form und Inhalt hier nicht zweierlei sind, auch
im Einzelnen und Speziellen unter allen Umständen in der Verkündigung dessen, was
sie erzeugt und begründet. Das Wohin? ist hier letztlich identisch mit dem Woher?.
Wenn der Mensch die aus dem Worte Gottes geborene Lehre gläubig
vernommen hat, dann soll das Ergebnis nicht diese oder jene Einsicht oder
Empfindung oder Entschließung sein, sondern, von was auch im einzelnen die Rede
war, was auch der Leser oder Hörer im einzelnen gelernt und empfunden und
beschlossen haben mag, die erneute Erkenntnis des Wortes Gottes als des Wortes
Gottes, der Majestät, von der er freudig oder erschrocken nur aufs neue lauschend,
erwartungsvoll, glaubens- und gehorsamsbereit anbeten kann:
Rede, Herr, dein Knecht höret! [1.Sam. 3,9]. Dürften wir dieses A und O reformierter Lehre, nicht als
Formal-, sondern als lebendigstes Materialprinzip, in unsern Kirchen, oder sagen
wir be|229scheidener: nur einmal in den
Studierstuben unsrer Pfarrhäuser voraussetzen, so brauchte uns um den Inhalt, und
zwar um den echt reformierten Inhalt unsrer Dogmatik II nicht bange zu sein. Es
wäre dann wie einst die Sache verhältnismäßig einfacher, große Freiheiten des
Systems und der Formel und vor allem künftige gemeinsame bessere Belehrung nicht
aus-, sondern einschließender Verständigung. Vielleicht, solange man Grund hat,
sich noch nicht auf eigenen Füßen bewegen zu wollen, der Verständigung über die
Auffassung der altreformierten Lehrnormen, wobei ich für meine Person entschieden
für den Catechismus Genevensis von 1545 eintreten würde, vielleicht auch – aber es
liegt mir 199 ferne, heute dazu auffordern zu
wollen – über die Aufstellung eines bewußt und ausdrücklich neu-reformierten, aus unsrer Lage in unsrer Sprache zu unsrer Zeit redenden Bekenntnisses.
Aber zuerst müßte die Frage nach der Voraussetzung eines
christlichen Bekenntnisses überhaupt in unsern Kirchen ganz
anders wach werden! Vorher hat es wenig Sinn, sich über der Frage nach den Folgerungen den Kopf zu zerbrechen. In der Vorbereitung einer neuen Erfassung des «Schriftprinzips», das doch viel mehr enthält, als dieser Name sagt (in der
Vorbereitung, sage ich, denn machen und erzwingen läßt sich diese neue Erfassung
nicht!), sehe ich den einzigen ernsthaften Programmpunkt einer reformierten
Theologie für die nächste Zukunft. Es wird, soweit es sich hier um ein
menschliches Tun überhaupt handeln kann, darum gehen, die Kategorie der Offenbarung wieder denken und unter diesem Gesichtspunkt die
Bibel Alten und Neuen Testaments wieder lesen zu lernen. Nur zur Erläuterung dieser Zentralaufgabe, die für uns zunächst einfach die
Zentralverlegenheit ist, und darum nur in Form von drei Fragen
im Anschluß an die Geschichte der reformierten Anfänge möchte ich jetzt also doch
noch auf den sog. Lehrinhalt, auf einige wichtigste
Einzelaussagen des reformierten Bekenntnisses kurz eintreten.
Liest man die Schriften Zwinglis und
Calvins und die ältesten reformierten
Bekenntnisse mit der Frage, was ihre Verfasser denn eigentlich gegen die alte katholische Kirche einzuwenden hatten, so stößt man durch alle
Kritik an den mittelalterlich-christlichen Dogmen und Riten hindurch überall
deutlich auf einen Punkt: Sie werfen ihr vor, sie verfälsche und
verkehre in unheilvoller Weise das Thema der christlichen Verkündigung, ja des
Christentums überhaupt, indem sie an Stelle Gottes den Menschen setze, seine
Geschichte mit ihren Überlieferungen, seine |230 Vernunft
mit ihren Wahrscheinlichkeiten, seinen guten Willen mit seiner Fähigkeit, der
Gnade entgegenzukommen. Sie sahen in dem ganzen kunst- und weihevollen kirchlichen
Aufbau der Heilsvermittlung, in dem tiefsinnigen System des Kompromisses zwischen
Natur und Gnade, in der Genialität des Versuchs einer Ermöglichung des
Unmöglichen, der für den vollendeten mittelalterlichen Katholizismus so
bezeichnend ist, eine Beleidigung Gottes, der seiner nicht habhaft werden läßt,
der selber und allein das Ende und der Anfang sein will. Sie wollten wieder
unzweideutig festgestellt 200 wissen, daß das
Subjekt im religiösen Verhältnis Gott sei und nicht der Mensch. Daß dieser Einwand
nicht ohne weiteres identisch ist mit dem Luthers, die alte Kirche verführe die armen erschrockenen Gewissen
zum Leichtsinn oder zur Verzweiflung63, das zeigt sich in lehrreicher Weise etwa bei einem Vergleich zwischen der
Rechtfertigungslehre der Augustana und der der gleichzeitigen oberländischen
Tetrapolitana64: nicht sowohl darauf legt das reformierte Bekenntnis den Nachdruck, daß
der Mensch statt durch Werke durch den Glauben
gerechtfertigt werde, als darauf, daß es Gott sei und nicht der
Mensch, der diese Rechtfertigung vollziehe. Dieses Primäre im
religiösen Verhältnis interessiert die Reformierten und dann wieder das Letzte:
die Verherrlichung Gottes, der es dienen soll, weniger, viel weniger, wenigstens
in der älteren klassischen Zeit, die Mitte, der Heilsweg als solcher. Die
reformierte Kampfthese ist aber auch von Haus aus umfassender; mit gleicher
Energie wie den Gegensatz: Glauben und Werke reißt sie eine Reihe anderer
Gegensätze auf, die sich in jenen Begriffen nicht erschöpfen lassen: Schöpfer und
Geschöpf, Gotteswahrheit und Menschenerfindung, Gottesgebot und Kirchengebot. Also
nicht nur das religiöse Verhältnis im engern Sinn, die Dialektik von Sünde und
Vergebung, sondern zum vornherein, entsprechend der Breite, mit der auch der
Katholizismus den ganzen Menschen, nicht nur sein Herz und
Gewissen, in Anspruch nimmt, das ganze durch die katholische
Idee bestimmte Dasein des Menschen fällt für die Reformierten in den Bereich |231 jener Kritik und Absage. Und nur die positive
Formulierung dieser an den mittelalterlichen Menschen gerichteten Absage ist dann
die reformierte Gotteslehre mit ihrer schroffen Unterstreichung
von Gottes Einzigkeit, Herrschaft und Freiheit, pointiert vollzogen in den
polemischen Kernlehren von der ewigen göttlichen Vorsehung und Erwählung, die in
ihrem Nerv Aussagen nicht sowohl (wofür man sich später so dringend interessierte)
über die Führung und das Los der Menschen an sich, als über die Art des Wollens
und Wirkens Gottes an den Menschen gewesen sind.
Die Beziehung dieser Konzeption zu dem positiv und inhaltlich verstandenen
«Schriftprinzip» ist unverkennbar. So eben, als diesen im Sinn des Alten
Testamentes eifersüchtigen Gott, der seine Ehre keinem andern lassen will [vgl.
Jes. 42,8; 48,11], als diesen Einen, Einzigen und
Einzigartigen, Alleinmächtigen und Alleinherrlichen, in unbedingter Freiheit den
Menschen Richtenden und Begnadigenden, schlechthin Überlegenen und ohne 201 Verhandlung Gebietenden – so eben hörten die
alten Reformierten Gottes Stimme in der Schrift; und was war ihre stürmische
Berufung auf die exklusive Wahrheit und Autorität und Heilsamkeit dieses einen Buches als das (gerade nicht
«spekulativ», sondern höchst konkret, kontingent, existentiell gemeinte)
Bekenntnis zu diesem Gott? Die Frage, die aufzuwerfen ist,
lautet, ob wir etwa auf dieser Kampffront mit der reformierten Reformation einig
sind? Man denkt sich ja, wie angekündigt, mit «Rom» auseinanderzusetzen. Aber man
sollte heute nicht zu schnell mit Ja antworten. Ist uns jene Absage eine
Notwendigkeit? Stehen wir unter dem überwältigenden Druck jener
Gotteserkenntnis, so daß wir nicht anders können als
protestieren, und zwar protestieren aus diesem Grunde, nicht
etwa so, wie es jeder moderne Individualist und Aufklärer auch könnte? Könnte es
nicht mehr als einem modernen Reformierten passieren, daß er, zur Rechenschaft
aufgefordert, aus Versehen gerade nicht die reformierte, sondern die lutherische
These vorbringen würde, oder das größere Übel, daß seine modern-protestantische
These der semipelagianischen, die die Reformation bekämpft hat, ähnlich sehen
könnte wie ein schlechtes Ei einem guten? Ist der moderne Protestantismus zur
Linken und zur Rechten mit seinem gebrochenen Verhältnis zur
Offenbarung, mit seiner Scheu vor allem Entweder-Oder, mit seiner großen
grundlegenden Konzession an das Recht und die Würde des Menschen etwas anderes |232 als ein durch verschiedene, nicht allzu tragisch zu
nehmende Häresien entstellter Katholizismus? Wie gegenstandslos und beschämend
könnte doch die geplante Auseinandersetzung verlaufen! Ist es uns klar, was es
bedeutet, daß dieselbe Kampffront, die Zwingli und Calvin dem
Katholizismus gegenüber bezogen haben, hundert Jahre später von den Vätern von
Dordrecht gegen die Arminianer verteidigt worden ist?65
Wo aber wird heute, wenn man genau hinhört, nicht arminianisch gelehrt, als ob
sich das von selbst verstünde? Es fällt mir nicht ein, das «Ite, ite,
dimittimini!» des grimmigen Bogermann von dazumal66 in meinen Mund zu nehmen, aber die Frage ist aufzuwerfen, mit welchem Sinn
und Recht wir, wenn wir uns, ehrlich gesagt, den Arminianern verwandter fühlen als
ihren hartköpfigen Gegnern, als Reformierte gegen den Papst streiten wollen?
Könnte dies nicht ebensogut unterlassen werden? Und wenn wir es nicht unterlassen
wollen, müßte dann nicht vorsichtigerweise die Aufgabe der Selbstbesinnung über das, was wir wollen und nicht 202 wollen, den Gedanken an ein Geistesturnier mit dem
wahrhaftig besser gewappneten Gegner für lange Zeit in den Hintergrund drängen?
Wohlverstanden: nicht um Zwinglis Lehre
von der Vorsehung67 geht es und nicht um die Calvins
vor der Erwählung68,
und noch einmal: nicht um die Canones von Dordrecht, aber um die grundsätzliche
Frage, ob das Anliegen, das die Väter zu so scharfem Bruch mit der alten Kirche
und gleichzeitig zur Aufstellung ihrer so unerhört exklusiven Gotteslehre geführt
hat, noch das unsrige ist oder ob wir nicht in Er|233mangelung dieses Anliegens besser täten, offen zu kapitulieren, wie
es heimlich längst geschehen ist? Ob wir den Feind, den die Väter bekämpfen zu
müssen meinten, und die Wahrheit, die ihm entgegengehalten wurde, eigentlich noch
sehen, und zwar so scharf und dringlich sehen, daß wir, sei es in den Worten der
Alten, sei es denn in unsrer Begriffssprache, aber jedenfalls laut und
unzweideutig und den notwendigen Angriff vor allem auf unsre eigene
protestantische Christlichkeit und Kirchlichkeit nicht scheuend, davon
reden müssen? An der Beantwortung dieser Frage entscheidet es
sich, ob es eine reformierte Lehre vom ersten Artikel fernerhin geben soll.
Ein zweiter wichtiger Bestandteil der alten reformierten Literatur ist der
Auseinandersetzung mit dem Luthertum gewidmet. Ich wundere mich, in der
geschichtlichen Forschung so wenig Aufmerksamkeit zu finden für das Rätsel, das
darin besteht, daß der Streit zwischen den alten Lutheranern und Reformierten gerade nicht um die Dinge ging, die
uns heute an dem Gegensatz der Konfessionen interessieren: nicht um die
verschiedene Auffassung des Verhältnisses von Religion und Sittlichkeit, nicht um
die verschiedenen soziologischen Ideale hüben und drüben, sondern um die für unser
Empfinden so abgelegenen, ja abstrusen Gegenstände: Abendmahl und Christologie.
Ist es nicht, als ob die Geschichte uns necken wollte, indem sie gerade dort
schweigt, wo wir etwas hören möchten, und gerade dort redet, wo wir uns am
liebsten die Ohren zuhielten? Das ist nun einmal so: darin sahen sich unsre Väter
trotz aller aufrichtigen christlichen Friedensliebe, trotzdem sie wahrhaftig kein
kleinliches Geschlecht waren, (trotz aller Not der Zeit noch mitten im
Dreißigjährigen Kriege!) von der auf den Namen, das Leben und die Lehre Luthers begründeten Kirche bestimmt geschieden
– darin, daß sie nicht lassen konnten von dem Bekenntnis, daß im Abendmahl eine
doppelte Nießung stattfindet, leiblich des Brotes und Weines, geistlich des wahren
Leibes und Blutes des Herrn69, 203 beide wohl |234 vereinigt in der «unio sacramentalis»70, aber in der Vereinigung zweierlei – und von dem andern
Bekenntnis, das doch dasselbe Anliegen betraf: Christus der Mensch, der geboren,
gestorben, begraben, auferstanden und gen Himmel gefahren ist, ist jetzt in einem
andern Raum als wir, in der himmlischen Herrlichkeit und nicht hier, wiederum
unbeschadet seiner unauflöslichen «unio personalis»71 mit der allgegenwärtigen Gottheit, aber in der Einheit
verschieden von jener, nicht teilhaftig ihrer göttlichen Allgegenwart, also
verborgen allen unsern Sinnen, nur dem Glauben und dem Glauben nur durch den Geist
von oben zugänglich. Was heißt das alles? Wo von Christi Menschheit in ihrem
Verhältnis zu uns und von der Art seiner Gegenwart im Abendmahl die Rede ist, da
geht es offenbar um das Problem der Offenbarung im engsten Sinn,
um Gottes Selbstmitteilung, um die Realität der Beziehung zwischen ihm und den Menschen in der Welt. Kann und darf diese
Realität zum Gegenstand einer eindeutigen, undialektischen Aussage in eines
Menschen Mund werden? Ja, sagten Luther
und die Seinen, sie muß das sogar, wenn anders das Heil Gottes,
das hier ausgesagt werden soll, nicht wieder zu einer Frage werden darf. Nein,
sagten die alten Reformierten, sie darf das unter keinen Umständen, wenn es nicht
fraglich werden soll, daß das Heil, das hier ausgesagt72 wird, wirklich das Heil Gottes ist. Zwei Menschenworte zum mindesten sind hier notwendig, damit
wirklich das Wort Gottes verkündigt werde. Sie waren mit den Lutheranern einig darin, daß Christus wahrer
Mensch und wahrer Gott in unauflöslicher Einheit, daß Gottes Offenbarung in ihm
wirklich ein Endlich-, Zeitlich-, Kontingentwerden der ewigen Majestät sei und
Christi Gegenwart im Abendmahl, d. h. in der konzentrierten Selbstdarbietung,
durch die er sich seiner Kirche bezeugt, wirklich die Gegenwart dieses fleisch-
und blutgewordenen Gottes. Aber in dieser Einigkeit meinten sie Einhalt rufen zu
müssen, wenn die Lutheraner in der
Beteuerung der |235 Einheit von Gott und Mensch, in der
Ausführung der «communicatio idiomatum»73, in der Anpreisung der Fülle der Gnadengabe im Sakrament soweit gingen,
die feine, aber bestimmte Grenze zwischen Gott und der Welt, die
auch in Christus ebensowohl gesetzt wie aufgehoben ist,
eigenmächtig niederzureißen, die Verborgenheit gerade des mensch-gewordenen Herrn, und das hieß für die Reformierten: das Wunder des
Geistes und des Glaubens nach Hebr. 11,1, zu beseitigen, aus der indirekten, nur 204 in Gott selbst vollzogenen Identität zwischen
himmlischer und irdischer Gabe, zwischen Sache und Zeichen, zwischen Zeugnis und
Offenbarung eine direkte irdisch-mirakulöse Identität, also aus
der Offenbarung, die, wenn sie echt ist, immer auch Verhüllung ist, eine direkte
Mitteilung74, eine religiöse Gegebenheit zu machen. So jedenfalls faßten sie das
auf, was Luther und die Seinen im
zweiten Artikel lehrten, und daß es anders gemeint sein könnte, vermochten ihnen
jene nicht zu zeigen, wie sie selbst nicht in der Lage waren, jenen zu zeigen, daß
ihre These keine Verdunkelung der Wirklichkeit der Offenbarung, keine versteckte
Leugnung der Menschwerdung und Selbstdarbietung des Offenbarers bedeute. Soweit
der Tatbestand in den gröbsten Umrissen.
Wiederum ist seine Beziehung zu dem alles erzeugenden Schriftprinzip nicht zu
verkennen. Die strenge himmlische Ferne des reformierten Christus, das berüchtigte
«Extra calvinisticum»75, das den göttlichen Vorbehalt auch in der Offenbarung zum Ausdruck
brachte, was ist das anderes als die nie zu übersehende, nie zu mindernde
Verborgenheit und Erhabenheit, die Gott zu unserm Heil bewahrt, auch wenn, ja
gerade |236
wenn er uns in seinem Wort sich selber schenkt? Muß es nicht im
Abendmahl (wie in dieser Selbsthingabe Gottes in seinem Wort) der nach seinem
freien Wohlgefallen ausgegossene Geist sein, der zum Zeichen die
Sache, zum Zeugnis von der Offenbarung die Offenbarung selbst hinzufügt? Darf der
Mensch zusammenfügen, was Gott, weil er Gott ist und bleibt,
geschieden hat [vgl. Mt. 19,6]? So mußte offenbar die Kirche vom zweiten Artikel
lehren, die so entstanden war. Was aber sollen wir dazu sagen?
Müssen wir auch noch so lehren? Der Streit, um den es da
ging, ist längst verklungen, nicht weil er mit einem Sieg oder mit einer
Verständigung geendigt hätte, sondern weil er, abgesehen von dem anhaltenden
Protest einiger lutherischer Outsiders, eingeschlafen und, gerade in Deutschland,
dem Hauptschauplatz der alten Fehde, auf Befehl des Königs von Preußen sogar für tot erklärt
worden ist76. Wir alle werden uns eine Wiederkehr der Tage eines Matthias Höe von Höenegg77 gewiß nicht wünschen. Aber ob man sich des erlangten konfessionellen
Friedens im Protestantismus darum so vorbehaltlos freuen darf, wie es heute alle
anständigen Menschen zweifellos tun, das ist die Frage, die hier trotzdem
aufzuwerfen ist. Warum haben wir eigentlich Frieden, aus Kraft oder aus Schwäche,
aus Einsicht oder aus Blindheit? Sollte die geschäftige Kunst unsrer historischen
Theologen wirklich unzureichend sein zu der Feststel205lung, daß hier nicht, wie man tausendmal gehört hat,
öde Schulstreitigkeiten und Haarspaltereien vorliegen, sondern ernste, ja
entscheidende Probleme, mit denen wir keineswegs fertig sind, sondern über die,
wenn in unsern Kirchen nicht gemunkelt, sondern geredet werden soll von dem Wort,
das Fleisch ward [Joh. 1,14], |237 die Aussprache auf beiden Seiten
weitergehen muß? Sollte uns vielleicht die, wenn auch gewiß ergänzungsbedürftige,
Richtigkeit und Wichtigkeit dessen, was die Väter hier wollten und nicht wollten,
so gänzlich unverständlich und gleichgültig geworden sein: ihr Beharren auf einem
dialektischen, indirekten Verständnis der Offenbarung und Selbstmitteilung Gottes,
ihre Zurückhaltung, die auch im Akte höchster Gemeinschaft zwischen Gott und
Mensch Gott Gott sein läßt und den Menschen daran erinnert, daß
er Staub und Asche [vgl. Hi. 42,6] ist, ihr Protest gegen die himmelstürmende Geradlinigkeit, mit der
Luther, aus dem Geheimnis ein Faktum
machend, die Realpräsenz des fleischgewordenen Gottes in der Dinglichkeit ohne aufhaltendes Aber! verkündigen wollte78, ihre Erinnerung an die nie und nimmer, auch nicht im Glauben, gerade im
Glauben nicht zu beseitigende oder zu leugnende Pilgrims- und Fremdlingschaft des
Menschen, ihr wartendes und eilendes [vgl. 2.Petr. 3,12]: «Suchet was droben ist!»79 [Kol. 3,1] mit
einem Worte? Wenn uns das gleichgültig ist, was soll dann die Rede vom «Erstarken
des reformierten Bewußtseins»? Warum sind wir dann nicht alle Lutheraner? Die Tatsache, daß auch bei jenen
die Unsicherheit der eigenen Sache gegenüber sehr überhand genommen hat, daß es
drüben, wenn nicht alles trügt, von Krypto-Calvinisten und sogar Krypto-Zwinglianern jedenfalls in der Abendmahlsfrage nur so wimmelt,
dürfte uns nicht täuschen über die Tatsache, daß auch das Wahrheitsanliegen, das
die lutherische Kirche uns
gegenüber zweifellos zu vertreten hat, keineswegs erledigt ist, daß wir
damit ringen müßten (als mit einem Gegenpartner, der auch in uns selbst lebt und
leben soll), auch wenn uns wirklich heute gar keine lutherische Direktheit, Geradlinigkeit und
Allzugewißheit auch äußerlich gegenüberstehen würde, was doch jeder, der Ohren hat
zu hören, was seine nächsten lutherischen Freunde sagen, eigentlich nicht bezweifeln kann. Nicht
um die Fortsetzung des Zanks geht es, die milder gewordenen theologischen Sitten
wollen wir uns gerne gefallen lassen, aber um die Fortsetzung des Gesprächs, nicht
um die Formeln, sondern um die Sache, nicht einmal notwendig um Chri|238stologie und Abendmahl, aber um das heute
mehr denn je 206 brennende Problem der
kontingenten Offenbarung. Auf welcher Kanzel wird nicht davon
geredet? Die Möglichkeit, ja Notwendigkeit, nicht aufs Geratewohl, sondern auf
unsre besondere, bestimmte, reformierte Weise davon zu reden, könnte sich eines
Tages, wenn alte Erkenntnis in uns neu würde, wieder einstellen, eine reformierte
Theologie des zweiten Artikels, die wir heute sicher nicht haben.
Im eigentlichen Mittelpunkt der reformierten Bekenntnisschriften steht endlich
unpolemisch, positiv – wir kommen zum Gegenstand des dritten und vierten Buches
von Calvins Institutio – eine ganz
bestimmte Auffassung vom Wesen des persönlichen praktischen Christentums in der
Welt. Nichts wäre ja verkehrter als die Annahme, als ob es hier vor lauter «gloria
Dei» und «mediatio futurae vitae» nicht zum Ernstnehmen der Situation des Menschen
in der Zeit gekommen sei. Im Gegenteil: gerade hier ist es dazu
gekommen. Unheimlich fest steht gerade der reformierte Mensch, dem die
Selbstkundgebung Gottes wie ein Felsblock auf den Weg gelegt ist, mit beiden Füßen
auf dem Erdboden. Nicht allzu laut und emphatisch wird er zwar das finstere Tal,
in dem wir wandern [vgl. Ps. 23,4], als Gottes Erdboden preisen, weiß er doch, daß die
Welt als Schöpfung Gottes uns ebenso verborgen, ebenso nur dem
Geist und seiner Erkenntnis offenbar ist wie die wahre
Menschheit Christi. Aber gerade in der sich bescheidenden Einsicht, daß wir in
diesem finstern Tal nur in Hoffnung selig sein können [vgl. Röm. 8,24], ist er in der Lage,
daselbst gewisse Tritte zu tun [vgl. Hebr. 12,13]. Das Reformiertentum vertritt innerhalb
der Gesamtreformation mit Entschiedenheit die Wendung von der Anschauung Gottes
(die in dieser Zeitlichkeit nur Eines sein kann, nicht Alles) zurück zum Leben, zum Menschen und seiner Lage. Das Luthertum kennt diese Wendung auch, aber man
wird, wenn man sich wenigstens an seine maßgebliche Kundgebung, die von Luther selbst in aller Form gebilligte
Augustana80, halten darf, nicht verkennen
können, daß es seine Stärke anderswo hat, daß dagegen diese Wendung zum Leben dort
etwas Sekundäres, bloß Be|239hauptetes, nicht
durchaus Notwendiges nie ganz losgeworden ist. Für die einstigen Humanisten
Zwingli und Calvin ist die Erkenntnis der göttlichen
Majestät primär die allerdings überraschende, allerdings höchst heterogene Antwort
auf die Frage: «Quis humanae vitae praecipuus est finis?»81 Und durchaus als Beantwortung
dieser Frage erscheint die Formulierung, in der Calvin jene überwältigende 207 Erkenntnis in seinem Katechismus wiedergibt: Gott
erkennen82, und das heißt in specie recht glauben, gehorchen, beten,
danksagen.83 Ein
ganzes, entschiedene Aktivität des Menschen voraussetzendes Lebensprogramm, fast
beängstigend sicher hingestellt, möchte man sagen. Gerade weil die Reformierten
unverkennbar von dieser Frage und nicht von der spezifischen Mönchsfrage nach dem
gnädigen Gott84 herkommen, muß ihnen offenbar in der Schrift jener unnahbare, in Wahrheit
allein aktive, welt- und lebensfremde Gott entgegentreten, der Gott, demgegenüber
der Mensch sich endgültig in seine Stellung auf der untern
Bühne, in der nicht zu beseitigenden noch zu übersehenden Geschöpflichkeit zu finden hat. Aber gerade die Erkenntnis dieses Gottes muß sie nun auch wieder instand setzen, die echt
menschlich-irdische Frage: Was soll geschehen? in illusionsloser Sachlichkeit ernst zu nehmen, freudig ernst Zwingli, bitter ernst
Calvin, es kommt auf diese Nuance nicht viel an, aber die calvinische ist unstreitig bezeichnender. Sie reden also vom Glauben an nicht minder zentraler Stelle als Luther und hierin unverkennbar als seine
dankbaren Schüler. Aber der Kern des reformierten Glaubens liegt nun doch nicht
wie der des lutherischen darin, daß er
fiducia85 ist, so gewiß sie auch das mit Luther gesagt haben86,
sondern |240 darin, daß er Gottes Gabe
ist, und so kann ihm nun der Gehorsam gegen desselben Gottes Forderung selbständig und nicht minder wichtig zur Seite
treten.87 Die mühseligen Überlegungen der Augustana, ob und inwiefern Glaube und
gute Werke sich nicht aus-, sondern einschließen88, |241 fallen hier dahin, weil hier der Glaube an sich nicht
wie im Luthertum den Charakter einer zwischen Gott und dem Menschen die Mitte
haltenden Hypostase hat, weil hier das ganze Christentum mit Einschluß des
Glaubens nichts sein will als eine Reihe von Beziehungen des
Menschen zu seinem Schöpfer und Erlöser, weil hier in der Tat letztlich von Gott und nur von Gott, dem schenkenden und fordernden, nicht aber mit jener herzbewegenden Einlinigkeit
Luthers vom Glauben und nur vom Glauben die Rede sein soll. Also auf der einen
Seite eine Relativierung des Glaubensaktes als solchen, auf der andern Seite ein
ernstes, wenn auch ebenso relatives Geltendmachen der Buße, die
nicht nur als Vorstufe zum Glauben, sondern als ein vor dem Angesichte Gottes in
sich notwendiges, wenn auch keineswegs verdienstliches Tun gewertet wird.
Bleibende und positive Bedeutung hat darum hier das Alte Testament mit seinen
nicht angekommenen, 208 sondern wandernden
Erzvätern, mit seinem auch das Evangelium – aber auch das
Evangelium als Gesetz verkündigenden Mose, mit seinen keineswegs bloß an die
«Innerlichkeit» des einzelnen, sondern an die politische Volksgemeinschaft sich wendenden Propheten, mit seinem David, in dem Calvin mehr den Elia
und sich selbst wiedererkannt hat als das Vorbild Jesu Christi.89
Nicht vorgesehen ist hier ein Zustand des Menschen, in dem der
Glaube so sehr in der Liebe tätig geworden ist, daß das Gesetz suspendiert werden
kann, weil alles aus Freiheit geschieht. Hier wird die Ethik überhaupt nicht auf
die Liebe, sondern auf den Gehorsam gegen die Gebote, weil sie Gottes Gebote sind, begründet. Wirklich als etwas Zweites, Anderes tritt
das Gesetz immer wieder neben das Evangelium, gleich wahr und
gebieterisch und notwendig, weil der eine Gott hinter beiden steht, weil der eine Heilige Geist
beides dem Menschen schenkt: die Gewißheit der Rechtfertigung des Sünders vor Gott
und den Antrieb zur Heiligung desselben Sünders vor demselben
Gott, beides nicht miteinander zu vermischen (an der rein imputativen
Gerechtigkeit darf kein Jota geändert werden), aber auch nicht voneinander zu
trennen, als ob Rechtfertigung auch nur einen Augenblick sein könnte ohne
Heiligung, sondern beide gemeinsam und parallel das Werk des Geistes des Herrn,
dessen Ehre gerade darin leuchtet, daß beides geschieht, das
Glauben und das Gehorchen, aber beides als Antwort auf seinen Ruf und beides zu|242letzt und zuhöchst als sein Werk. Es war der Sieg eines
fremdartigen apokryphen Interesses, als in der zweiten und dritten Generation (bei
Beza, wenn ich recht sehe, zuerst
und dann vor allem bei den englischen Presbyterianern) die Frage der
«Heilsgewißheit» in den Mittelpunkt rückte und für das Ganze der Lehre bezeichnend
wurde.90
Der reformierte Christ der ersten Generation war
ein Kämpfer, der für dieses wehleidige Anliegen keine Zeit und kein Interesse
hatte, weil er sich droben in der Hand des Herrn wohlaufgehoben wußte. «Ihr Heil»,
sagt Calvin von den Erwählten, die die
wahre Kirche bilden, «stützt sich auf so sichere und solide Balken, daß es, und
wenn die ganze Weltmaschine zusammenfiele, nicht brechen und stürzen könnte. Denn
es steht mit der Erwählung Gottes und könnte auch nur mit dieser ewigen Weisheit
sich ändern oder fallen. Mögen sie darum zittern und hin- und hergerissen werden,
mögen sie auch fallen, so können sie doch nicht untergehen, weil der Herr sie hält
in seiner Hand.»91
Auf 209 dem Grund dieser unsichtbaren
Gotteskirche der Erwählten erbaut sich darum unter Furcht |243 und Zittern
[vgl. 2.Kor. 7,15 u. ö.], aber welt- und aktionsfähig die
sichtbare Menschenkirche, konstituiert durch die wahrhaftige Predigt des Wortes
Gottes, durch die reine Verwaltung der vom Herrn eingesetzten Sakramente, aber
auch durch die Zucht, in der sie ihre Glieder hält. Die allzu resignierte
Interpretation der communio sanctorum in der Augustana92, die von heiligen Menschen gar nichts wissen will, hat
Calvin mit Bewußtsein nicht mitgemacht, ohne darum von einer Kirche der Heiligen, von einer auf
die Liebe gegründeten Gemeinschaft zu träumen.93 Unverwechselt mit der Heiligkeit Gottes droben gibt es eine Heiligung des
Einzelnen und der Gemeinde drunten: kein gutes Werk, keine Brücke in den Himmel, keine Vereinigung
mit der Gottheit, keine Vorwegnahme des Endzustandes, wohl aber
ein notwendiger Hinweis auf die aus der Bibel nicht wegzubehauptende Idee des
tausendjährigen Reiches [vgl. Apk. 20,1–6], eine Demonstration zur Ehre
Gottes, die bei aller Gebrechlichkeit unsres Wollens und Vollbringens als der
peregrinantes, die wir jetzt sind, gerade im Blick auf das ewige Ziel der vita
futura94
nicht unterbleiben darf.
Das inhaltlich verstandene Schriftprinzip ist offenbar der Hebel auch in dieser
Lehre vom dritten Artikel, vom Heiligen Geist und seinen Wirkungen. Das meinten
die Väter als die dem Menschen durch das Wort Gottes zugewiesene Stellung und
Aufgabe begreifen zu müssen: daß er Gott erkenne, wie Calvin so schlicht sagte. Aber dieses Eine
entfaltete sich ihnen, die von Haus aus mit mehr als einer Frage
an die Bibel, und zwar an die ganze Bibel herantraten, zu einer
Mannigfaltigkeit von Antworten, die sich zueinander verhielten wie eine Reihe von
parallelen Geraden, die ihren Schneidepunkt nicht im Endlichen haben können:
brennend ist das Anliegen, daß der Mensch werde, sei und bleibe ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, aber ebenso brennend das andere: daß er
seine Frucht bringe zu seiner Zeit [vgl. Ps. 1,3]. Darum wird hier der Römerbrief getrieben, aber auch der Jakobusbrief
nicht als «stroherne Epistel»95 verdächtigt. Des Menschen, auch des gläubigen Men|244schen Herz vermag das als Eines nur insofern zu fassen,
als er in beiden Notwendigkeiten Gottes Verherrlichung erkennt:
in Gott und nur in Gott ruht die Begründung
und die Systematik dessen, was als menschliches Tun und Erleben immer als
zweierlei erscheint. Aber in Gott ruht sie, und darum gilt für des Menschen Leben 210
das Zweierlei, ja Vielerlei, darum gibt es für Calvin ein Gehorchen neben
dem Glauben, ein Beten neben dem Gehorchen, eine sichtbare, Gott
danksagende Gemeinde neben der unsichtbaren der Erwählten96 – gewiß in Gott eins das alles, aber von uns Menschen
darum nicht weniger ein jedes in seiner besondern irdisch-christlichen Logik ernst zu nehmen. Genug, daß der Mensch in seinem
Widerspruch97, in den verschiedenen Beziehungen, in denen er zu Gott steht, darin alles hat: Demütigung und
Aufrichtung, Beunruhigung und Frieden, Trost und Mahnung, Erleuchtung und
Belehrung – darin, daß er so und so wirklich und wahrhaftig als
Geschöpf des Schöpfers und als Glied am Leibe Christi vor Gott
steht. So meinten die Väter die Antwort des Alten und des Neuen
Bundes auf die Frage nach dem Zweck der vita humana verstehen zu müssen. Was
sollen wir dazu sagen? Wenn irgendwo, so möchten wir wohl hier bereit sein,
verstehend und erfreut zuzugreifen und Ja zu sagen. Aber wenn irgendwo, so wird es
sich hier darum handeln müssen, für die Freiheit und Nüchternheit reformierter
Lehre erst wieder reif zu werden. Ihre ganze Weihe und Kraft ruht in der
grundsätzlichen Scheidung zwischen der himmlisch-einheitlichen
und der irdisch-mannigfaltigen Lösung des Lebensproblems, zwischen Erfüllung und
Verheißung und in dem Mut, die zweite, als in das Licht der ersten gestellt, nun
dennoch (trotz, nein wegen jener Scheidung!) in ihrer ganzen Eigenart ernst zu
nehmen. Ihre vorletzte Voraussetzung ist jenes reformierte Wachsein, dem wirklich und vorbehaltlos die ganze vita humana zum Problem, zur Frage geworden ist, und jene
reformierte Bereitschaft, nun wirklich und unvoreingenommen die
ganze Bibel darauf antworten zu lassen, jener reformierte Universalismus mit einem Wort, der weniger extensiver als
intensiver Universalismus ist: das Wagnis und der Zwang, mit Gott aufs Ganze zu
gehen. Ihre letzte Voraussetzung aber ist auch hier die Maje|245stät eines Redens Gottes durch Schrift und
Geist zum Geschlecht der Gegenwart, zu uns selber. Ohne Besinnung auf diese Voraussetzungen, die letzte vor allem,
nachsagen zu wollen, was uns die Väter vorgesagt haben, wäre töricht und gefährlich, und wenn es noch so
überzeugt und pathetisch und mit noch soviel Plerophorie nachgesagt würde.
Wahrheit und Leben und damit Weg [vgl. Joh. 14,6] wird das alles erst
dadurch, daß es, neu erzeugt aus denselben Voraussetzungen wie einst, heute gesagt werden darf, gesagt werden 211
muß, nicht vorher und nicht anders. Nicht am strahlenden Morgen,
sondern am düstern Abend der Reformation ist diese Lehre gebildet worden: als die
Schatten länger wurden und die Einsicht unvermeidlich, daß nicht alle Blütenträume
reiften98. In diese Situation, in den grimmigen Verzicht, dei sie kennzeichnet, uns zu finden, dieses
«alte heilige Erbe» anzutreten, ist nicht so selbstverständlich, wie die
Festredner uns und sich selbst vortäuschen möchten. Wir kommen alle mehr oder
weniger her von den engeren, einseitiger «religiösen», der Problematik des
wirklichen Lebens weniger gewachsenen, aber dafür unstreitig enthusiastischeren,
tiefsinnigeren, theologisch befriedigenderen Geist-Gedanken des Luthertums. Sie
haben das «deutsche Gemüt» unzweifelhaft für sich, aber auch, in etwas
rationalisierter Form, die sog. religiösen Bedürfnisse des durchschnittlichen
Kirchenpublikums diesseits und jenseits der deutschen Grenzen,
und vor allem wir Theologen selbst werden uns immer wieder wie magnetisch zu ihrer
(wenigstens scheinbar) zentraleren Orientierung hingezogen fühlen. Es lohnt sich
wohl, sich klar zu machen, was man damit aufgibt, und manchem Reformierten wäre
wohl kein besserer Rat zu geben als der, zunächst einmal recht gründlich lutherisch zu werden, wie es ja Zwingli und Calvin auch getan haben. Der entschiedene Schritt über das
Luthertum der Augustana hinaus – ich
sehe noch nicht klar genug, ob er tatsächlich zugleich den Schritt zurück zum jüngern
Luther bedeutet – ist ein gewagter
Schritt. Er führt in die Wüste, wo nicht nur Entbehrungen, sondern auch
Versuchungen unsrer warten. Denn wo |246 das Wort Gottes
so eindeutig als Antwort auf die menschliche Lebensfrage aufgefaßt wird, da lauern
neben befreienden Erkenntnissen auch schwerste Mißverständnisse und Mißbräuche.
Alles hängt dann davon ab, daß unerbittlich daran festgehalten wird: auch die
menschliche Lebensfrage ist die dem Menschen von Gott gestellte
Frage. Es ist nicht leicht, daran tatsächlich festzuhalten. Schon was Zwingli und Calvin selbst in Wort und Tat in der Richtung ihrer Geist-Lehre
gewagt haben, steht teilweise haarscharf auf der Grenze des ernsthaft
Bedenklichen. Aus der Verherrlichung Gottes ist jedenfalls nach
ihnen auch in der reformierten Kirche die übelste Selbstverherrlichung des
Menschen geworden. Wie sollten schwerste Unglücksfälle, wie sollte die
Pharisäerkirche großen oder kleinen Formates mit allen ihren Greueln vermeidlich
sein, wenn wir etwa ohne ihren Geist mit ihren Geist-Gedanken
uns bewaffnen wollten? 212 Um der reinen
reformierten Lehre willen, noch einmal: nur keine calvinischen Experimente! Sie könnten uns nur
übel bekommen. Mὴ παιδὶ μάχαιραν99, muß es hier heißen, bis wir es wieder wagen dürfen, auch hier die
verlorene Spur neu aufzunehmen. Dies alles bedacht, mag nun auch das andere gesagt
sein, daß allerdings auch in dieser, ja gerade in dieser wichtigsten Richtung die
Konsequenz reformierter Lehre eines Tages wieder wird gezogen werden müssen. Jener
grimmige Verzicht auf allzu einseitige Religiosität, auf allzu große Tiefe und
Einheitlichkeit (im Blick auf die Systematik, die Gott sich
selber vorbehalten hat) könnte uns eines Tages als das theologische Gebot der
Stunde erscheinen, jener Verweis auf Evangelium und Gesetz als
die aktuellste Heilsbotschaft gerade für den Menschen des untergehenden
Abendlandes100 und jene Konstituierung einer
unter dem Gericht Gottes stehenden und gerade darum sich heiligenden Gemeinde als
die nicht nur erlaubte, sondern notwendige kirchliche Möglichkeit. Reformierte
Lehre vom Heiligen Geist würde uns dann zur gebieterischen Aufgabe. Dann nämlich,
wenn wir dem Zeugnis von Gottes Offenbarung gegen|247über in unsrer Lage mit unsern
Augen wieder dastehen würden wie die Väter in ihrer Lage mit ihren Augen. Bevor dies geschieht, kann auch jene Aufgabe nicht
mit Vollmacht in Angriff genommen werden, wird die reformierte Lehre auch in
dieser Hinsicht sein müssen, was sie jetzt ist: ein Torso, nein ein Schemen.
Gerne würde ich nun, wie es bei solchen Vorträgen üblich ist, mit einem freudigen
Trompetenstoß schließen. Aber ich kann die Situation auch zum Schluß nicht anders
darstellen, als wie wir sie heute sehen müssen: auf allen Seiten wohl große an der
Historie genährte Visionen, aber wenig eigene existentielle, glaubwürdige
Erkenntnis, wohl treffliche Wegweiser, aber wenig gangbare Wege, wohl große
Hoffnung, aber wenig gegenwärtige Kraft zum Gebären [vgl. Jes. 37,3]. In der Mitte, wo wir
selber sind, eine große Schwachheit. Sollen wir sie Schuld heißen oder Schicksal?
«Reformierte Lehre» ist uns heute vielleicht wenigstens in dem Punkt möglich, daß
wir unsre Schwachheit ernstlich und vorbehaltlos Schuld und nicht
Schicksal nennen. In der Sehnsucht, in dem Schreien nach dem Schöpfer
Geist101, der einmal auch dieses
Feld voller Totenbeine anwehen wird [vgl. Hes. 37,1–9], werden wir uns dann auf alle Fälle mit den Vätern
treffen, deren Erbe wir im übrigen noch nicht erworben haben, um es zu
besitzen.102