1923

Die Kirche und die Offenbarung

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DIE KIRCHE UND DIE OFFENBARUNG

1923
1. Lübeck 30. November 1923

Wilhelm Jannasch1, Hauptpastor von Lübeck, hatte sich in einem Brief vom 15. Oktober 1923 an Barth gewandt mit der Bitte, «uns hier in Lübeck einen für eine weitere Öffentlichkeit gedachten, immerhin in erster Linie auf sogen. Gebildete eingestellten Vortrag zu halten, etwa über den Gegenstand ‹Mysterium oder Wort Gottes›.»2 Anlaß für seine Anfrage waren zwei Vorträge von Friedrich Rittelmeyer3 in Lübeck, die eine breite, z. T. heftig geführte Auseinandersetzung4 in den Gemein|308den5 und in der Kirchenleitung6 ausgelöst hatten. Bereits in einem Brief vom 22. Oktober bestätigte Jannasch das von Barth angegebene Vortragsthema «Die Kirche und die Offenbarung» und setzte als Datum den 30. November fest.7 Als Barth kurzfristig seine Zusage wieder rückgängig machen wollte, antwortete ihm Jannasch: «Aus eigener vielfältiger Erfahrung weiß ich, wie drückend einem Vortragsverpflichtungen mitten in der Last der allgemeinen Berufsarbeit werden können. So fällt es mir menschlich richtig schwer, Sie auf Ihre Karte hin dennoch zu bitten: Bleiben Sie uns, wenn es irgend geht, für den 30.11. treu.» Er fügte – wohl auf eine entsprechende Äußerung Barths eingehend – hinzu:

309 «Dankbar wäre ich Ihnen, wenn an irgendeiner Stelle Ihres Vortrages zum Ausdruck käme, daß er durch die von Rittelmeyer veranlaßte Bewegung seinerseits veranlaßt ist; das wird man immerhin erwarten, und ich meine, daß sich das sagen läßt, ohne daß nun die Leute meinen, Sie seien als Hilfstruppe für die Kirche hierher verschrieben.»8 Es blieb bei der ursprünglichen Zusage Barths.9

Über die mangelnde Resonanz in Lübeck war Barth enttäuscht. «Das Lokal war voll bis zum Rand und ich ‹verdiente› 20 Rentenmark (= Billionen), aber das Gespräch mit den Lübecker Pfarrern nachher war ganz betrüblich. Nur einem ganz alten Herrn hatte ich es überaus recht gemacht.»10

2. Göttingen 5. Dezember 1923

Am 5. Dezember 1923 wiederholte Barth diesen Vortrag vor dem Göttinger Pfarrverein, «wo das Niveau denn doch etwas höher war»11.

3. Leipzig 22. Februar 1924

Für Leipzig hatte schon am 19. Juli 1923 Pfarrer Carl Niedner12 angefragt, ob Barth bereit sei, im Rahmen einer Vortragsreihe des kommenden Winters zu referieren13, deren Veranstalter die Ortsgruppe des Deutschen evangelischen Gemeindetags14 und die akademische Orts|310gruppe des Volkskirchlichen Laienbundes war. Als vorläufiges Thema wurde «Das religiöse Erleben und die Kirche» vorgeschlagen.15 Auf eine Absage hin bekräftigte Niedner dann in einem Brief vom 15. August dringend die Bitte um einen Vortrag16, der Barth dann entsprach17. Er wiederholte – in leicht überarbeiteter Fassung - seinen Lübecker Vortrag am Freitag, den 22. Februar 1924, abends um 8 Uhr im Auditorium Maximum der Universität Leipzig, das «gestoßen voll Menschen»18 war.19

Nach Bekanntwerden der Zusage Barths für Leipzig hatte Pfarrer Karl Aé20 sich an den Referenten gewandt: «Ich bitte Sie, am Montag, 25. II., in unser etwas abgelegenes Vogtland zu kommen und am Nachmittag auf der Pastoralkonferenz in Auerbach zu sprechen.»21 Dazu kam es jedoch nicht. Stattdessen waren Aé und Karl Fischer22 nach Leipzig «vom Lande herbeigeeilt an der Spitze einer kleinen Hundertschaft |311 entschlossener Anhänger»23. Mit diesen traf sich Barth dann am folgenden Morgen «in einem christlichen Lokal»24 zum Gespräch. Nach einem Besuch bei Landesbischof Ihmels25 fand dann nachmittags noch eine weitere, von der Fachschaft der Theologiestudierenden an der Universität Leipzig erbetene26 Aussprache statt «besonders für Studenten, aber auch mit Pfarrern, bei der ich nochmals drei Stunden lang reden mußte ‹über Alles›… Es war ein wahres Kreuzfeuer: Liberale, D. C. S. V.-Pietisten, Kirchliche, Joh. Müller-Leute, die unvermeidliche Jugendbewegung – Widersprecher, Unschlüssige, eifrige Neubekehrte, alle mußten begrüßt sein, so daß ich öfters die Pfeife neu anzünden mußte.»27

Der Vortrag «Die Kirche und die Offenbarung» war von Barth ursprünglich zur Veröffentlichung in «Zwischen den Zeiten» vorgesehen und offenbar vom Schriftleiter Georg Merz als Beitrag auch erwartet worden. Bereits vor der Wiederholung in Leipzig hatte Barth jedoch die Möglichkeit erwogen, davon Abstand zu nehmen: «Wenn er[= der Vortrag] mir nur nicht bis dahin verleidet ist und unserm Georg doch noch vorenthalten werden muß.»28 Am 20. April 1924 erwähnte Barth dann gegenüber E. Thurneysen seine Arbeit an der Druckfassung «unter Verwünschungen gegen Georg Merz und seine laut Prospekt in allen Himmelsgegenden so überaus beliebte Zeitung; denn der Vortrag gefällt mir gar nicht und die Anmerkung Hirschs, ich sollte nicht Alles drucken lassen, wird diesmal sehr am Platze sein … Das verflixte Schreiben um der Zeitschrift willen dient jedenfalls nicht zum Frieden, ist weltlich durch und durch.»29 Merz hat dann offenbar auf Barths Beitrag verzichtet. Am 18. Mai schreibt Barth in einem Rundbrief: «Nach München: Lieber |312 Georg! Ich bin wie erlöst, seit du den mir so widrig gewordenen Vortrag nicht mehr von mir forderst.»30

Der Befund an dem im Karl Barth-Archiv vorhandenen Manuskript spiegelt die Entstehungsgeschichte wider. Es liegen vor:

1. Ein mit Tinte geschriebenes, nicht in die Paginierung einbezogenes Thesenpapier mit der Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung (Inhaltsübersicht)», im folgenden an der Spitze des Vortrags abgedruckt.

2. Ein 30 Seiten langes, mit Tinte geschriebenes Manuskript mit der Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung. Lübeck 30. Nov. 1923. Dieses Manuskript enthält Unterstreichungen mit Tinte – im Druck durch Kursivsatz wiedergegeben – sowie zahlreiche weitere Unterstreichungen mit Bleistift, offensichtlich zur Erleichterung des mündlichen Vortrags, die im Druck vernachlässigt werden. Ferner enthält es am Rand eine größere Anzahl von Textzusätzen, ebenfalls mit Bleistift geschrieben. Diese sind im Druck in den Text eingefügt, aber durch Anmerkungen als Zusätze kenntlich gemacht. Man könnte vermuten, daß diese Bleistiftzusätze Barths Überarbeitung des Lübecker Manuskripts für die Wiederholung des Vortrags in Leipzig (und schon in Göttingen?) dokumentieren, daß er also das Manuskript beim ersten Male ohne diese Zusätze, beim (zweiten und) dritten Male mit ihnen vorgetragen hat.

3. Eine Manuskript-Reinschrift mit der offensichtlich für die geplante Veröffentlichung bestimmten, über vier Zeilen verteilten Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung. Vortrag, gehalten in Lübeck und Leipzig von Karl Barth». Dieses Manuskript bricht in der Mitte des 6. Blattes ab. Der Text entspricht dem des Erstmanuskriptes bis zu dessen S. 8 oben. Die Differenzen zwischen dieser Fassung und der ursprünglichen sind die folgenden: a) Die Bleistiftnachträge sind in den fortlaufenden Text eingearbeitet. b) Der Text ist stilistisch überarbeitet. c) Der einleitende Abschnitt mit den Bezugnahmen auf den in Lübeck vorausgegangenen Vortrag von Rittelmeyer ist weggelassen. (Diese Streichung erklärt den geringeren Umfang der zweiten Niederschrift.) Es handelt sich bei diesem Manuskript-Fragment offensichtlich um die im April 1924 begonnene Ausarbeitung für den Druck in ZZ.

Die folgende Wiedergabe bietet die beiden Fassungen der Einleitung |313 zweispaltig: links die ursprüngliche Version, rechts die der Reinschrift. Von der Stelle an, wo der zweispaltige Druck in normales Schriftbild übergeht, stimmen Erst- und Reinschrift im wesentlichen überein. Der Abdruck folgt der Reinschrift bis zu deren Ende (bei Anm. 44). Nennenswerte Differenzen sind in den Anmerkungen notiert.

Vom Hrsg. eingeführte Absätze sind mit einem senkrechten Strich (|) gekennzeichnet.

Die Kirche und die Offenbarung

(Inhaltsübersicht)

  1. Kann die christliche Kirche, als Erzeugnis des religiösen Erlebens der Menschen aufgefaßt, wirkliche Gemeinschaft, d. h. Gemeinschaft in der Wahrheit sein?
  2. Vermag sie, in derselben Bedeutung verstanden, zu erbauen, d. h. Trägerin eines prophetischen Wortes an die Zeit zu sein?
  3. Die Verneinung dieser Fragen kann den Sinn haben, daß der religiöse Mensch als solcher sich unter das Gericht Gottes stellt.
  4. Die Verneinung dieser Fragen wäre dann identisch mit der Besinnung auf die durch die Taufe konstituierte Kirche.
  5. Diese, die wahre christliche Kirche ist die Gemeinschaft der im Gericht Begnadigten. Ihr immer aufs neue zu erkennender Grund ist nicht das religiöse Erleben der Menschen, sondern das an die Menschen gerichtete göttliche Offenbarungswort.
  6. Dieser Grund der wahren christlichen Kirche ist grundsätzlich das Ende des christlichen Subjektivismus und die Voraussetzung einer wirklichen christlichen Prophetie.
  7. Aber die Erkenntnis des Gerichts, der Taufe, des göttlichen Offenbarungswortes heißt Glaube. Und der Glaube ist das Werk des heiligen Geistes.
[ursprüngliches Vortragsmanuskript]
Bei der mir zuteil gewordenen freundlichen Einladung, hierher zu kommen, bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß 314| vor nicht langer Zeit Herr Dr. Friedrich Rittelmeyer hier gesprochen, tiefe Eindrücke hinterlassen, aber auch zu lebhaften Auseinandersetzungen Anlaß gegeben habe. Darf ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, daß für mich ein Zusammenhang zwischen jenen Vorträgen und dem, was ich sagen möchte, nicht besteht, weder positiv noch negativ. Es ist mir im Einzelnen nicht bekannt, was Dr. Rittelmeyer hier gesprochen, und ich habe auch über die Verhandlungen, die sich daran angeknüpft, keine Übersicht. – Aber ich habe noch einen ernsthafteren Grund, mich neutral zu halten. Aus dem, was ich sonst von Dr. Rittelmeyer gelesen und gehört habe, vermute ich allgemein, daß er über den Weg gesprochen hat, den er der heutigen Christenheit unter eingehender Berücksichtigung der Bedürfnisse und Wünsche des modernen Menschen31, auf Grund seiner eigenen, 315| durch eine bestimmte seelische Technik erlangten höheren Erkenntnisse32 und an Hand der in seiner Christengemeinschaft erprobten praktischen Vorschläge meint empfehlen zu dürfen und zu müssen. Ich kann von dem allem nur sagen, daß das jedenfalls nicht mein Fall ist. Ich kann Ihnen in keiner Weise in Aussicht stellen, daß meine Ausführungen dem modernen Menschen besonders weit entgegenkommen werden. Ich bin ferner leider nicht im Besitz von irgendwelchen höheren Erkenntnissen. Ich habe fer316|ner keine Christengemeinschaft hinter mir und keinerlei praktische Vorschläge in Bereitschaft. Endlich habe ich überhaupt nicht die Absicht, einen Weg zu empfehlen, sondern bestenfalls die, eine Wahrheit auszusprechen, die ebensogut für wie gegen Rittelmeyer wie für oder gegen mich und uns alle redet. Von mir aus gesehen sind heute und damals zwei Kreise, die sich nicht schneiden. Daß es für Sie, wenn die damals empfangenen Eindrücke und entstandenen Gespräche ernsthaft waren, anders sein muß, ist wohl selbstverständlich. Aber erwarten Sie von mir nichts anderes, als daß ich, ohne Ihnen das Geschäft der Vergleichung zu erleichtern, meinen eigenen Faden spinnen werde.
[fragmentarische Reinschrift]
I [I]
«Meinen eigenen Faden spinnen werde» – kein guter Ausdruck, gar nicht passend zu dem, was ich heute sagen oder vielmehr gesagt sein lassen möchte. Aber leider sehr passend zu der allgemeinen Lage der Kirche oder dessen, was heute so heißt. Dieser allgemeinen Lage kann ich mich so wenig entziehen wie sonst jemand: Wer heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der 317| steht unter dem Gericht des Wortes: «Einen jeglichen dünken seine Wege rein» [Spr. 16,2]! Seinen Faden spinnt er, sein Sprüchlein sagt er, seine Fahne schwingt er, nach seinem eigenen Gefühl und nach allgemeiner Erwartung, der Eine so, der Andere anders. Also wieder Einer!, muß man doch wohl bei der Ankündigung jedes solchen Vortrages wie des heutigen im Stillen seufzen. Wieder einer von den Rednern und Schreibern, deren Namen augenblicklich durch die christlich interessierten Journale gehen; vor zwanzig Jahren waren es Andere, und vielleicht schon in zehn oder fünf Jahren werden es wieder ganz andere sein. Neue Parolen, neue Bewegungen, neue Führer – wieviele sind ihrer schon gekommen und gegangen! Steht nicht hinter jeder von diesen unheimlich rasch und zahlreich über die Bühne gehenden großen und kleinen Wahrsagergestalten mehr oder weniger vorsichtig unterdrückt und doch nicht zu verkennen der Anspruch: Jetzt kommt’s! und Ich hab’s!? Ist nicht die Frage, von der sie, wo sie sich zeigen, umgeben sind, notwendig die: Was wird er uns Seltsames, Neues, Eigenes, Selbsterlebtes oder -geschautes zu bieten haben, oder wenigstens: in welcher neuen Form das Altbekannte, in welcher persönlichen Prägung das Allgemeine, in welchem originellen Gang die gewohnten Gedanken? Wer heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der tritt unvermeidlich in den Schatten des Wortes: «Einen jeglichen dünken seine Wege rein». Seinen Faden spinnt er, sein Sprüchlein sagt er, seine Fahne trägt er, der Eine diese, der Andere jene. So empfindet er den Vorgang selber, so wird es auch von ihm erwartet. Die Gestalten der jeweils auffallendsten christlichen Redner und Schreiber wechseln und mit ihnen die Parolen und sog. «Bewegungen»; vor zwanzig Jahren waren es andere als heute, und vielleicht schon in zehn oder fünf Jahren werden es wieder ganz andre sein. Aber daß sie Diese und Jene sind, nicht die Vertreter einer Sache, daß sie dieses und jenes vorbringen, das Ihrige, Etwas, nicht das Eine, das scheinen sie alle fast hoffnungslos miteinander gemein zu haben. Lebt nicht jeder von ihnen von der Dringlichkeit, dem Ernst und Pathos seiner «Schau», seines Anliegens? Ist er nicht wie selbstverständlich umgeben von der Frage, was er etwa Neues, Originelles, Selbsterlebtes und -gedachtes zu bieten haben möchte, oder in welcher neuen Form wenigstens das Altbekannte, in welcher persönlichen Prägung das Allgemeine, in welchem eigenartigen Gang die gewohnten Gedanken? Was würde aus ihm, wenn eines Tages durch ein göttliches Straf- und |318 Reinigungswunder dieser ganze Glanz des Neuen, Eigenen, Persönlichen von ihm abfallen, die anonyme «Stimme» eines Predigers in der Wüste [vgl. Mt. 3,3] allein übrigbleiben würde? Ich schildere meine eigene Situation in diesem Augenblick.

Aber ist das nicht das Licht, in das sich heute mehr oder weniger auch jeder Pfarrer gesetzt sieht, ob er es will oder nicht, wenn er es nicht etwa, was auch nicht selten ist, vorzieht, sich mit Emphase selber in dieses Licht zu setzen? Was weiß und erwartet man von den Vertretern der Kirche, als daß eben ein jeder je nach Persönlichkeit, Gabe, Einstellung und Geistesrichtung sich selber sei und im besten Sinn sich selber darstelle? Und dem entspricht dann, billigerweise in derselben Freiheit, die Stellung, die man ihnen gegenüber einnimmt. Kann oder will der christliche Redner nicht über seinen eigenen Schatten springen, wie sollten es dann die Hörer etwa wollen oder müssen?

Eine Predigt oder ein Vortrag über ein christliches Thema bietet heute normalerweise, wenn die außerordentlichsten Erwartungen von beiden Seiten in Erfüllung gehen, das, was einst von der Kanzeltätigkeit Schleiermachers gerühmt wurde: «Die Anschauung einer hoch begabten, durch und durch gebildeten Individualität in den Momenten ihrer edelsten Lebensäußerung».33 Wohl dem, der sich dann gerade dieser Anschauung, dieser Individualität freuen kann, und wer dazu nicht in der Lage ist, nun, der möge sich nach einer anderen, ihm besser zusagenden, nach Belieben umsehen. Die Tafel ist so reich gedeckt, daß er irgendwo sicher auf seine Rechnung kommen wird.

Muß ich zu diesem Stand der Dinge in der Kirche erst das Ausrufzeichen setzen, oder spreche ich nicht aus, was wir sicher alle gelegentlich |319 schon gedacht haben, wenn ich sage: Von Gott und göttlichen Dingen reden und hören – und jeder seinen eigenen Faden spinnen, jeder in besten Treuen sich selbst produzieren, sein Anliegen vorbringen, oder, vom Standpunkt der Hörer aus betrachtet: Jeder das, nein den annehmen oder ablehnen, der ihn anspricht – da kann doch wohl etwas nicht in Ordnung sein, und wenn der Mann Schleiermacher hieße und die Zuhörerin vielleicht Bettina von Arnim, die andächtige, schlechthin ergriffene34. In welchen Proportionen steht dieses Tun zu jenem Gegenstand? Wer erlaubt uns, uns unter dem Dach der christlichen Kirche an Selbstdarstellungen zu vergnügen, passiv oder aktiv? Wie kommen die Theologen dazu, die Öffentlichkeit mit den Eruptionen ihres zufälligen Inwendigen zu behelligen? Sollte diese Methode glaubwürdiger sein als die der altrömischen Haruspices, die das Material ihrer Weissagungen den Eingeweiden geschlachteter Opfertiere zu entnehmen pflegten?35

«Was wollt ihr Theologen eigentlich von uns und was sollen wir mit euch, wenn ihr uns das, wenn ihr uns nur von euch selbst erzählen wollt?», könnte ein ehrlicher Grobian uns ins Gesicht sagen, sicher im Namen Vieler, die es sich längst zum Gewohnheitsrecht gemacht haben, alle Reden über die Religion36 als unbeträchtliche Sache mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit links liegen zu lassen. Aber der ehrliche Grobian ahnt nicht, daß die Unbeträchtlichkeit dieser Sache ihn mehr angeht, als ihm lieb sein würde zu hören. Es geht wirklich nicht, sie allein auf uns arme, an der Verlegenheit freilich nächstbeteiligte Theologen zu schieben. Die Völker haben die Regierungen und die «Laien» haben die Theologen, die sie verdienen.37 Wir haben es, wenn das Beden|320ken, das uns aufgestiegen ist, nicht grundlos ist, mit einem Widerspruch, mit einer Not im innersten Wesen der heutigen Kirche zu tun, in die wir – die Sachverständigen und das Publikum wissen es nicht so recht wie – alle miteinander einmal oder allmählich hineingekommen sind, und besser als gegenseitige Anklage dürfte der Versuch sein, sie zunächst einmal zu überschauen und zu verstehen.

Ist das Himmelreich unter uns – soviel an der Kirche liegt wenigstens – nicht gleich dem Anzeigenteil einer Tageszeitung, in dem hier Einer seinen altbewährten Kramladen, dort Einer sein neuerfundenes Universalmittel anpreist, hier Einer auf die Aufmerksamkeit der Gebildeten und dort Einer (etwa mit Hilfe eines Lutherfilms!)38 auf die Schaulust des Pöbels spekuliert, während der ernste, weltfremde Amtsstil behördlicher Bekanntmachungen verrät, daß auch das Objektive, allgemeingültige Ansprüche und Verheißungen inmitten dieses Chaos wenigstens auf dem Papier stehen? Ich denke, ich brauche das Gleichnis nicht zu deuten. Es gab Zeiten, da wurde im Namen des Christentums gestritten, gebannt und verbrannt. Man hat diese Zeiten oft beklagt, und wer wollte sie zurückwünschen? Aber das besondere Gericht, unter dem die Kirche offenbar damals stand, darf uns nicht hindern, unseren Vätern zu Gute zu rechnen, daß ihre Streit- und Verketzerungssucht aufs Engste zusammenhing mit ihrer, wenn wir wollen, naiven Ansicht, daß es im Christentum nicht um beliebige Inwendigkeiten, sondern um die Wahrheit, nicht um Diesen oder Jenen, sondern um den Einen Gott gehe.

Welche Meinung vom Christentum aber äußert sich darin, daß es heute eine von Theologen und Laien mit friedfertigem Achselzucken hingenommene, ja mit den verschiedensten hochchristlichen Argumenten beschönigte Selbstverständlichkeit ist, daß man in einer Kirchgemeinde, in einem Pfarrkollegium, in einer theologischen Fakultät, in einer Landeskirche alles Andere, nur keine Wahrheitsgemeinschaft, nur keinen Tempel des Einen Gottes zu finden erwarten darf? Doch nicht etwa die allerdings oft gehörte Meinung, daß unser moderner Protestantismus eben innerlich so unerhört frei, reich und lebendig und nicht wie |321 die katholische Kirche – Sie kennen das Schlagwort, das nun kommt – ein «Friedhof» sei? Darf man vom Friedhof so leichtfertig und geringschätzig reden, wenn man auch nur von ferne weiß, mit was man es im Christentum zu tun hat? Geht es im Christentum, wie doch wohl auch wir Protestanten meinen sollten, um ewige Dinge, ist es dann nicht allenfalls noch besser, die Kirche gleiche einem Friedhof als einem Jahrmarkt, einer «Mustermesse» von Richtungen, Standpunkten und «edelsten Lebensäußerungen», von persönlich oder kollektiv vorgetragenen Heilsbotschaften von irgendwoher, von unbefugt und unkontrolliert rumorenden, wichtigtuerisch in allerhand Fraktionen und Fraktiönchen auseinanderlaufenden Gruppen und «Kreisen»? Will man aber durchaus und mit protestantischer Begeisterung gerade diesen allgemeinen Jahrmarkt haben, warum sieht dann nicht jeder Einzelne, der daselbst sein einzelnes Wesen treibt, jeder Neuankömmling, der durch Aufrichtung einer weiteren eigenen Fahne die Verwirrung und das Getöse noch vermehrt, wenigstens ein, daß er eben damit, mit seinem Sonderunternehmen und Sonderanspruch, die Tatsache, daß es mit Christentum um ewige Dinge geht, in Abrede stellt, und meinte er es noch gut und stünde der Name Luthers selber auf seinem Fähnlein geschrieben? Ist die Freiheit, die wir uns gegenseitig zubilligen, um sie vor allem auch uns selbst zubilligen zu dürfen, die Freiheit, in christlichen Dingen zu sagen und zu hören, was uns beliebt, nicht gleichbedeutend mit der stillschweigenden Übereinkunft, daß wir auf die39 Erkenntnis der Wahrheit, auf das Reden und Hören von Gott verzichtet haben? Aber was wollen wir dann, wenn wir trotzdem noch immer die Kirche wollen? Haben dann nicht die recht, die entrüstet nichts mehr sagen und nichts mehr hören wollen, weil sie diesen Sachverhalt durchschaut haben? Müßte es nicht einmal laut und offiziell ausgesprochen werden: die Kirche hat auf die Wahrheit Gottes verzichtet!, damit Alle wüßten, wie sie mit dieser Einrichtung dran sind?

Ich muß noch einmal etwas zur Situation sagen: Ist das nicht eine Not für mich, daß ich hier vor Ihnen stehe und ganz und gar nicht damit rechnen kann, ich sei von der Erwartung umgeben: hier wird die Wahrheit Gottes geredet werden, nicht etwa darum, weil ich dies und das er|322lebt und erarbeitet habe, beweisen, erklären und eindringlich sagen kann, sondern ganz banal darum, weil von einem rechtmäßig berufenen Lehrer der christlichen Theologie von Seiten christlicher Zuhörer etwas Anderes doch nicht erwartet werden kann, wer er auch sei und wie gut oder schlecht er im Übrigen seine Sache machen möge! Stattdessen ist jetzt Alles auf mein Denken und Reden gestellt, als ob es sich um mich und meine Sache handelte und als ob das für die Güte dieser Sache nicht höchst verdächtig wäre. Ist das nicht eine Not auch für Sie, daß die Möglichkeit jener Voraussetzung Ihnen fast ungeheuerlich vorkommen muß, daß Sie mich, wenn Sie klug sind, auch nur mit jener Reserve anhören können, die einem von den Vielen gegenüber (und was kann ich anderes sein?) nur zu berechtigt ist, die aber doch eigentlich unberechtigt, ja geradezu verboten sein müßte, wenn das Votum eines christlichen Lehrers die Stimme der Kirche, die Stimme der Kirche die Stimme des Christentums, die Stimme des Christentums die Stimme der Wahrheit Gottes sein sollte? Und ist das nicht eine Not, daß das das Verhältnis ist, nicht nur zwischen Ihnen und mir, sondern, ich wiederhole: zwischen jedem Pfarrer und seiner Gemeinde, zwischen jedem Kanzelredner und seinem Publikum, muß man leider sagen? Ist das nicht eine Not, in diesen Zeiten äußerer und innerer Bedrängnis doppelt schwer, daß wir – sehr im Gegensatz zu dem Geschlecht etwa, das den dreißigjährigen Krieg erlebte40 – die Kirche nicht haben, die wirklich eine ecclesia wäre, |323 zusammenberufen und zusammengehalten als Gemeinschaft durch jene höhere Stimme, statt dessen – alle durchgesetzten Präambeln41 und anderen Fiktionen können daran nichts ändern – eine libera societas42, einen freien Verein religiöser Produzenten und Konsumenten, gegründet auf jene stillschweigende Übereinkunft, daß der Anspruch allgemeingültiger Wahrheit in ihrer Sphäre als Anmaßung und Gefahr zu schweigen habe.

Täuschen wir uns nicht: Eben dieser Anspruch allgemeingültiger Wahrheit, er allein könnte überhaupt Gemeinschaft begründen. Leiden wir Menschen nicht darum Not, weil jener Anspruch schweigen muß unter uns und weil damit dem Grund, aus dem wir leben, Schaden, Gewalt und Frevel angetan ist? Oder sollte der Schatten, in dem heute mit unserer Christlichkeit unsere ganze Menschlichkeit steht, nicht etwa mindestens auch der Schatten dieser gerade im Heiligtum beharrlich und mit erhobener Hand verübten Majestätsbeleidigung sein?

Ich möchte mit dem allem in einer ersten Form die Frage aufwerfen, die das eigentliche Thema meines Vortrags ist. Beachten Sie wohl: um eine Frage handelt es sich. Ich meine nicht, als Tausendunderster im Be|324sitz der rettenden Panazee43 zu sein, die dem Wirrwarr ein Ende bereiten würde, wenn man mir sie nur abnähme. Nicht eine Antwort besitze ich, aber eine Frage bewegt mich, von der ich wohl möchte, daß sie Sie auch bewegen würde: Was dann, wenn uns diese unsere heutige Kirche, dieses unser heutiges Verhältnis zwischen christlichen Hörern und Rednern etwa eines Tages wirklich und unausweichlich als Not, also gar nicht mehr wie dem 18. Jahrhundert, dessen Kinder wir in christlicher Beziehung alle sind, als Licht, sondern als Finsternis, Krankheit und Armut erscheinen sollte? Wo werden wir dann stehen, wenn wir eines Tages dem ganzen Fädenspinnen, Pläneschmieden, Vorschlägemachen, Fahnenaufpflanzen hoch- und weniger hochbegabter Individualitäten, das für die heutige Kirche (im weitesten Sinn des Wortes) so charakteristisch ist, nicht nur mit jenem leisen, heute schon empfundenen Mißtrauen gegenüberstehen, sondern Beide, die Redner und die Hörer, an dem Sinn dieser Möglichkeit etwa verzweifeln sollten?

II

Lassen Sie mich diese Frage zunächst in einen größeren Zusammenhang stellen: Die eben gezeichnete Verlegenheit ist, wenn ich recht sehe, nur der Ausdruck einer Not, die viel tiefer und weiter greift. Es könnte ja sein, daß jenes bunte Chaos von religiösen Eigenwilligkeiten sein verhältnismäßiges Recht hätte in der subjektiven Wahrhaftigkeit, in der da tatsächlich geredet, und in der subjektiven «Erbauung», die da tatsächlich - wer wollte das bestreiten? – gefunden wird, daß das Licht, das bei solchem Mitteilen und Empfangen sichtbar wird, wenn es auch nicht das ewige, göttliche Licht ist, doch als zeitliches, menschliches Licht seinen guten Dienst tut und geradezu ausgelöscht zu werden darum doch nicht verdient. Es könnte ja auch eine Kirche geben, die, vielleicht nicht eben in einem klaren Verhältnis zum Christentum stehend, vielleicht ohne den ernstlichen Anspruch darauf, eine Stätte der Wahrheit zu sein, dennoch ein recht erfreuliches, für die Gesellschaft wertvolles, für unzählige Einzelne trost- und segensreiches Institut sein könnte. Was hindert |325 schließlich, daß ein jeder Vogel seine Melodie singt, wenn es nur eine gute, freundliche Melodie ist?

Das ist eine Voraussetzung, die man in der Tat machen kann, und da wir alle den bezeichneten Zustand ohne allzu ernstes Murren ertragen haben und noch ertragen, scheinen wir diese Voraussetzung bewußt oder unbewußt wirklich gemacht zu haben. Es fragt sich, ob wir sie ruhigen Herzens und Gewissens fernerhin machen können. Sie könnte ja auch erschüttert, diese Rückzugslinie uns abgeschnitten sein.44

Was meinen wir denn damit, wenn wir ein religiöses Wort als erbaulich, wertvoll, trost- und segensreich bezeichnen? Ein religiöses Wort, wie anspruchslos es auch auftreten und entgegengenommen werden mag, ist auf alle Fälle ein Wort, das ein überlegenes, ein letztes Wissen auszudrücken scheint. Setzen wir einmal voraus, daß dieses Wissen ein in Beziehung auf seinen göttlichen Gegenstand begründetes und gesichertes Wissen sei. Dann muß es aber an dem Kriterium sich messen lassen, ob es als überlegenes, als wirklich religiöses Wissen nicht nur ein Wissen um Gott, sondern gleichzeitig und ebenso begründet und gesichert ein Wissen um den Menschen ist. Wer wirklich weiß, was es um Gott ist, der muß ja auch wohl wissen, was es um den Menschen ist. Was der Mensch, an den er sich mit seinem religiösen Wort wendet, ist und nicht ist, tut und tun sollte, das muß so klar vor seinem inneren Auge stehen wie das Wesen und Walten Gottes selber. Will er ihm von Gott reden, dann muß er ihn selbst anreden; darin muß es sich bewähren, daß er ihm wirklich von Gott redet. Und in dieser Bewährung dürfte dann die Erbaulichkeit eines religiösen Wortes bestehen.

Oder ist es nicht so: wo uns von Gott und göttlichen Dingen geredet wird, da horchen wir, wenn wir auch noch so oft enttäuscht wurden, mit einer gewissen qualifizierten Aufmerksamkeit auf, nicht wegen des interessanten Themas, sondern weil wir ohne besondere Erklärung verstehen: es könnte sein, daß da wir selber angeredet werden. Das ist das immer wieder Einschlagende oder doch Geheimnisvolle jeder Nennung des höchsten Namens, jedes religiösen Wortes überhaupt, daß wir dabei sofort an den letzten Zusammenhang unserer Existenz erinnert werden, daß dabei die Möglichkeit auftaucht, in diesen letzten Zusammenhang unserer Existenz möchte durch das, was wir hören, Licht und Bewe|326gung kommen. Der Mann da vorne, der Mann da oben auf der Kanzel scheint etwas zu wissen, nicht von Ideen – und wäre es die Gottesidee –, nicht von einem Hohen oder Höchsten, das uns aber vielleicht nichts angeht, sondern von dem, was uns am nächsten angeht, von uns selbst, von unserem Leben, und zwar von unserem ganzen Leben, wie es ist, ohne die Trennung von Gedanken und Taten, von Innerlichem und Äußerlichem, Seelischem und Leiblichem, Persönlichem und Allgemeinem, so wie wir es eben tatsächlich leben, nicht vom Menschendasein an sich, sondern von unserem Dasein hier in diesem Augenblick. Dieses unser Leben scheint er zu kennen. Er sieht, deckt auf, beleuchtet, deutet, was da ist in den Verwicklungen unserer täglichen Erfahrung, im Geschehen des Tages, zu dem ebensogut das öffentliche wie das private wie das rein inwendige Tun und Leiden der Menschen gehören kann. Er trifft uns, indem er uns das wahre, gute, gerechte Wesen der Dinge zeigt und unseren Abfall und den Weg der Rückkehr und Genesung. Er straft und belehrt und ermahnt uns, er erschreckt und demütigt uns, und er gibt uns Hoffnung und klare Weisung – aber immer uns selbst, immer so, daß wir nicht etwa ausweichen und auf ein anderes Gebiet uns flüchten können, weil er uns gerade dort anredet, wo wir zu Hause sind, ohne uns entschuldigen zu können: in unserer Sorge und unserem Zorn, in unserer Mühsal und Ratlosigkeit oder Sicherheit und Begeisterung, in unserem Lieben und Hassen, wie es wirklich ist und welchen Namen es auch trage. Warum erwarten wir solches Erkannt- und Getroffen- und Bewegtwerden von ihm? Darum, weil er den Namen des Höchsten genannt und uns damit spannungsvoll vor die Möglichkeit eines höchst überlegenen, unser Woher? und Wohin?, unser Sein und Sollen taghell klärenden Wortes gestellt hat45, eines Wortes, durch das wir – und darauf warten wir – erkennen möchten, daß wir von Gott erkannt sind [vgl. Gal. 4,9].

Durch ein solches Wort haben sich die Propheten Israels als wirkliche Propheten legitimiert. Und wir wissen recht gut, nur zu gut, daß das auch heute die einzig mögliche Legitimation des religiösen Wortes wäre. Wo immer in all den verschiedenen Versuchen, von Gott zu reden, ein ehrliches Bemühen ist, da ist es das Bemühen, die Rede über Gott zu einer Anrede an den Menschen werden zu lassen. Wo immer in dem vielen |327 Hören nach allen Seiten ein aufrichtiges Verlangen ist, da ist es das Verlangen, so, von daher angeredet zu werden. Und wo immer man sich der Überzeugung immer noch hingeben kann, daß solches Bemühen des religiösen Redners etwa von Erfolg gekrönt sein, solches Verlangen des Hörers etwa auf seine Rechnung kommen werde, wo man also wirklich im Ernst meint, etwas in diesem tiefen, realen Sinn Erbauliches bieten und entgegennehmen, also ohne weiteres in die Fußstapfen der Propheten und ihrer Hörer eintreten zu können, da mag denn in der Tat jene Voraussetzung immer noch in Kraft stehen, da mag man sich auch durch die alarmierende Tatsache des allgemeinen Durcheinanders der verschiedenen Prophetenstimmen keine oder wenig Sorge erwachsen lassen.

In der Tat, was braucht mich das zu bekümmern, solange ich als Redner überzeugt bin, daß meine Stimme wenigstens fähig ist, legitimierte Reden über Gott zu führen, oder als Hörer, daß die Stimme wenigstens, die ich höre, legitimierterweise von Gott redet? Aber eben das fragt sich, ob irgend jemand, ob Redner oder Hörer, heute mit Recht dieser Überzeugung sein kann. Keine Gewißheit des Ernstes, mit dem wir reden, oder der Erschütterung, die wir aus solcher Rede empfangen, kein noch so großer Tiefsinn dessen, was wir sagen und hören, darf uns hindern, mit jenem Kriterium sehr genau umzugehen. Ob wir vor ihm bestehen, darüber müssen die Tatsachen entscheiden. Ist das, was heute von Gott gesagt und gehört wird, gesagt und gehört werden kann, – eine Anrede an den wirklichen heutigen Menschen? Ist das, was der Mann da vorne oder da oben auf der Kanzel sagt, glaubwürdig und ernsthaft in dem Sinn, daß er eben tatsächlich weiß, wie es um uns steht, weiß um unsere Schuld oder Rechtfertigung oder beides, weiß um das Ende oder den besseren Neuanfang, dem wir entgegengehen, weiß um das eigentliche Geschehen in der Tagesgeschichte, wie sie sinnbetörend, atemberaubend, herzbeklemmend um uns her, nein mit uns selber spielt wie die Brandung mit Sand und Muscheln? Weiß er, woher sie kommt und wohin sie führt, diese Tagesgeschichte, und weiß er, was unsere ganz bestimmte Stellung in ihr ist, was ihr Sinn ist, dem wir uns mit ganzer Liebe zuzukehren, und ihr Unsinn, von dem wir uns mit ganzem Abscheu abzukehren haben? Was gilt mir sein angebliches Wissen von Gott, wenn er das alles etwa nicht weiß oder nicht mehr davon [weiß], als auch die Gottlosen wissen? Kennt er den Menschen, den heutigen Menschen, |328 dessen Existenz nun einmal rettungslos in diese Tagesgeschichte verwickelt, ja mit ihr eins46 ist, kennt er ihn also von außen und von innen, von innen und von außen, nicht als theoretisierender Zuschauer, nicht als interessierter47 Betrachter und Analysator, nicht wie die Psychologen und Literaten ihn kennen, sondern so, wie er ihn kennen muß als der, der es gewagt hat, ihm von Gott zu reden, also so, daß er im Falle ist, durch sein Wort für seine Seele zu sorgen, wie sein schöner Titel lautet, so daß er ihn begreift, nicht nur betastet, sondern begreift und eben damit bewegt, bewegt zur Gerechtigkeit und zum Heil durch das Wissen von Gott, durch die Klarheit: Gott kennt dich!, die48 er ihm mitteilt? Ist sein Wort von Gott ein Wort zur Lage – und wie sollte ein Wort von Gott etwas Anderes sein –, ist es (ich brauchte vorhin schon den Ausdruck) ein aufdeckendes Wort, aufdeckend (wieder muß ich konkret werden) z. B., wo der große Fehler in der Rechnung sitzt, dessen Opfer das deutsche Volk heute auf alle Fälle geworden ist49: wer hier gesündigt hat und inwiefern hier gesündigt worden ist und in was heute Umkehr und Erneuerung bestehen müßte? Das ist’s, was der von Gott angeredete deutsche Mensch der Gegenwart heute offenbar hören müßte. Ist die Kirche in der Lage, es ihm zu sagen?50 Getraut sich ihr Vertreter wirklich etwas zu sagen z. B. über Recht und Unrecht im Kommunismus, über das Gottlose und Verheißungsvolle eines Unternehmens wie des Völkerbundes51, oder rückwärtsblickend, aber für die Gegenwart: über Wahrheit und Irrtum bei der Bismarckschen Reichsgründung? etwas zu sagen über die rätselhaften Masken, hinter denen sich unsere ein|329zelnen, scheinbar oder wirklich führenden Zeitgenossen verbergen, über einen Mann wie Poincaré52 oder Mussolini53 oder Stinnes54, wohlverstanden nicht was der erste beste Politiker je nach seinem Parteistandpunkt auch darüber sagen könnte, sondern was er als einer, der von Gott und göttlichen Dingen weiß, dazu sagen müßte? Und wahrhaftig, das sind nicht Dinge, über die man sich das Urteil ebenso gut offen lassen kann, sondern das Leben und was mehr ist als das Leben kann im heutigen Deutschland u.U. davon abhängen, ob man in diesen Dingen das rechte Urteil hat. Getraute er sich etwa mit seinem Wort nicht nur vor seine gewohnten gläubigen oder doch geduldigen Zuhörer, sondern vor einen verantwortlichen Staatsmann zu treten, wohlverstanden nicht in seiner Eigenschaft als Vaterlands- oder Menschenfreund, nicht als Anhänger dieser politischen oder jener wirtschaftlichen Doktrin, sondern in seiner Eigenschaft als Gottesredner, als solcher, erbeten oder unerbeten zu raten, was von Gott aus zu seinem Tun und Lassen im jetzigen geschichtlichen Augenblick zu raten ist? Kein Zweifel, daß die wirklichen Propheten gerade das getan und gerade damit ihre Prophetie bewährt haben. Glaubt er etwa im Besitz des Wortes des Trostes, der Buße, der zurechthelfenden Liebe zu sein, des Wortes, das unser seit |330 zehn Jahren so namenlos und immer wieder und von allen Seiten betrogenes deutsches Volk trösten, das verlorene Vertrauen ihm wieder schenken, aus der stumpfen Gelassenheit oder aus dem hellen Wahnwitz, in den es heute zu versinken droht, es herausreißen könnte? Wer hier mit Ja antworten kann, der mag mit Recht der Überzeugung sein, daß sein Religionsunternehmen, sein Versuch von Gott zu reden, legitim sei. Ich übersehe nicht, wieviel guter, jedenfalls in der Absicht herzlich guter Wille da ist, solch ernsthaftes und glaubwürdiges Reden von Gott als Anrede an den Menschen doch noch zu Stande zu bringen und damit die in Frage stehende Legitimation sich zu erwerben, wieviel Bereitschaft auch, gerade einem solchen, dem allein möglichen Reden von Gott Gehör zu schenken. Es fehlt uns wirklich auch heute nicht an christlichen Beratern, Beurteilern, Bußpredigern, Priestern, Zur-Lage-Rednern aller Art, und es fehlt ihnen nicht an einem dankbaren Publikum.

Aber nicht wahr, wir wissen ja, was wir zu halten haben von der Vollmacht und Sendung gerade der Lautesten unter denen, die wir diesen Prophetenweg antreten sehen, als ob der Herr sie gesandt hätte. Geht es uns mit ihren Gerichts- und Heilsweissagungen, mit ihren Anklagen und Wegweisungen nicht wie Hiob mit denen seiner Freunde: «Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und [ich] habe es verstanden. Was ihr wisset, das weiß ich auch und bin nicht geringer denn ihr. Doch wollte ich gern zu dem Allmächtigen reden und wollte gerne mit Gott rechten. Aber ihr deutet es fälschlich und seid alle unnütze Ärzte. Wollte Gott, ihr schwieget, so wäret ihr weise» [Hi. 13,1–5]. Ist es nicht so weit, daß wir uns diejenigen loben, die, verzichtend auf jene Bewährung, mit aller Lebenswahrheit und Tagesweisheit uns verschonen, weil sie so weit sind, sich einzugestehen, daß sie Lebenswahrheit, Tagesweisheit uns ja doch nicht mitzuteilen haben? Danken wir nicht Gott, heute mehr als je, für Jeden, der uns so in Ermangelung eines Besseren wenigstens mit seinem Dilettantismus in Allem, was über die sog. «religiöse Sphäre» hinausgeht, in Frieden läßt? Aber wenn dem so ist, wo bleibt dann unsere Überzeugung, daß wir doch auch heute in der Lage seien, wirkliche, wertvolle, erbauliche religiöse Worte zu reden und zu hören? Was ist es mit dem Gott, von dem nach dem Urteil gerade der Echtesten, Einsichtigsten, Ernsthaftesten nur in der «religiösen Sphäre» die Rede sein kann? Sollte die auf den engsten Kreis sich be|331schränkende Prophetie auch nur dort glaubwürdig sein? Eben darum, weil sie so klug war zu verzichten auf das, was doch, wo von Gott die Rede ist, unbedingt geschehen müßte? Sind wir dann nicht doch wieder dort, wo die Anrede an den Menschen unterbleibt? Ist damit nicht zugestanden, daß diese Prophetie auf die entscheidende Frage: «Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir denn nun tun?» [Act. 2,37] keine Antwort hat? Ihre Träger wissen gerade in der Sache, in der sie von brennender Erwartung umgeben sind, so wenig Bescheid wie sonst jemand. Sollten sie dann wirklich um Gott Bescheid wissen? Sollte diese Prophetie dann nicht unecht sein auch in diesem ihrem Schlupfwinkel, wo es sich überdies – dies ist wohl zu bedenken – nicht um das Kleinere, sondern um das Größere handelt? Kann man sich dann sonstwie, als Redner oder Hörer, dieser Sache freuen? Oder steht nicht Alles in der Luft, sobald es einmal heraus ist, das Geheimnis, daß gerade ein überlegenes Reden, ein Reden von Gott her in das Zentrum des menschlichen Lebens hinein hier doch nicht im Ernst in Betracht kommen kann? Ist eine Kirche nicht erledigt, die (N. B. wenn sie klug ist!) in dem Augenblick schweigt, wo sie reden müßte?55 Gibt es dann, wenn dieser Verzicht etwa als unumgänglich erkannt sein sollte, aufrichtig gesagt, nicht andere, anspruchslosere, aber erfreulichere Reden als alle Reden über die Religion? Wollen wir dann nicht lieber hören, was «der Dichter spricht» oder ein erfahrener Arzt, Nationalökonom oder Erzieher, oder ein kundiger Psychologe oder Historiker? Gewiß, da befinden wir uns dann mitten in der Welt, jedesmal mitten in einem kleinen Teilgebiet der Welt sogar nur, und je genauer uns darüber Bescheid gesagt wird, je mehr praktische Winke wir empfangen, um uns darin zurechtzufinden, desto deutlicher sehen wir im Hintergrund wohl überall das große Rätsel unseres Daseins, die Frage nach unserer Existenz und ihrem Zusammenhang. Aber ein Rätsel, das als solches groß und ernst dasteht, nicht als Auflösung, von der sich hinterdrein erweist, daß sie doch keine ist! Es unterbleibt dann doch konsequenterweise auch das so verheißungsvolle und doch immer wieder täuschende Blendwerk mit dem höchsten Namen. Das ist’s, was uns alles profane Reden, wenn es nur sachlich ist, so viel glaubwürdiger erscheinen läßt als alles, fast alles fromme. Daher der müde Wunsch, den man heute von den verschiedensten Seiten und |332 wirklich nicht nur von Uneinsichtigen hören kann, man möchte doch alles Reden von Gott bis auf weiteres einstellen. Einstellen – weil man weithin, wenn ich nicht irre, bis tief in die christlichen Kreise hinein, die Empfindung hat, daß die ganze Religionsunternehmung sich auf einem Sackgeleise befinde. Bis auf weiteres – ich weiß nicht, ob man damit die Hoffnung ausdrücken will, es möchte sich die Lage in einigen Jahren oder Jahrzehnten verbessern, so daß dann wieder in Ehren gesagt werden dürfe, was heute so aussichtslos sei. Jedenfalls: dieser Wunsch ist da, und es ist nicht ausgeschlossen, daß er dem freien Verein religiöser Produzenten und Konsumenten noch einmal in viel krasserer Form entgegentreten könnte, als dies heute schon geschieht.

Wieder bin ich damit bei meiner Frage angelangt, wiederum mit der ausdrücklichen Warnung vor der Meinung, als werde ich die tröstliche Antwort nachher schon noch irgendwie geben können. Nein, ich weiß keinen Weg, wie wir zu der prophetischen, d. h. zu der das Leben begreifenden, den Menschen treffenden, die Zeit deutenden und eben dadurch legitimierten religiösen Rede wieder kommen können. Meine Frage ist wirklich eine Frage, und sie lautet, nun allgemeiner: Was dann, wenn uns allen die Augen aufgehen sollten nicht nur für die Sinnlosigkeit jener Willkür, mit der jeder seinen Faden spinnt in der Kirche, sondern nun auch für die tiefer liegende Aussichtslosigkeit, hier überhaupt etwas zu wollen, für die Unmöglichkeit des Unternehmens religiöser Rede überhaupt, für die Schranke, die dem Menschen dadurch gesetzt scheint, daß er wohl sachlich, ordentlich und glaubwürdig zu reden weiß über Sozialfürsorge, Landerziehungsheime und Alkoholfrage, noch besser wohl über Deutschland zur Zeit Karls des Großen, über Luthers Jugendzeit oder über Goethes letzte Lebensjahre und am besten sicher über Anilinverfahren, Segelflugversuche und Tibetreisen – über Gott aber, d. h. über die Auflösung des Rätsels, das hinter dem allem steht, nur unsachlich, nur dilettantisch, nur advokatorisch vorspiegelnd? Wo stehen wir dann, wenn es uns etwa klar werden sollte, daß diese Einsicht nicht nur der zufällige Sinn unserer heutigen Lage ist, keineswegs ein Stück deutscher Nachkriegspsychose, wie ich vor einiger Zeit aus Frankreich zu hören bekommen habe56, sondern nur das Akut |333 werden einer höchst allgemeinen Krankheit, daß es noch nie und nirgends einem Menschen gelungen ist, ein Gottesredner zu werden, daß noch Keiner, der ein Prophet, und wäre es auch ein kleiner, sein wollte, es wirklich gewesen ist, daß das Unternehmen, das kühne Unternehmen als solches, vor Andere hinzutreten und ihnen von Gott aus «wahr sagen» zu wollen, unmöglich ist und damit natürlich auch das Unternehmen, das Entsprechende hören zu wollen, unmöglich, weil gegenstandslos, m.e. W. das Unternehmen religiöser Gemeinschaft auf Grund eines gemeinsamen religiösen Besitzes? Was dann, frage ich, wenn mit der Illusion des Gemeinsamen auch die Illusion des Besitzes sich vor einer eindringenden Besinnung nicht mehr sollte halten lassen? Was dann, wenn, indem uns diese Illusionen als solche klar werden, die Not unseres Wollens und Nicht-Könnens in der religiösen Gemeinschaft, die wir die Kirche nennen, nackt und groß vor uns stehen wird?

III

Dann – und hierhin wollte ich Sie zunächst führen –, dann stellt sich die Kirche eben mit dieser Erkenntnis unter das Gericht. Die Kirche: d. h. zunächst alle diejenigen, die sich diesen Illusionen einer religiösen Gemeinsamkeit und eines religiösen Besitzes hingegeben haben, alle diejenigen, denen Gott unter der Hand zu einem Objekt menschlicher Taten und Unternehmungen geworden ist. Das dürfte uns alle angehen. Aber nicht nur heute; denn es wird dafür gesorgt sein, daß wir das in irgend einem Maße immer wieder tun. Aber nicht etwa nur die Pfarrer sind gemeint, wenn ich sage: die Kirche. Nicht nur die zahlreichen berufenen und unberufenen «Führer in den religiösen Wirren der Gegenwart»57. Sie, wir Theologen, haben sie ja nicht erfunden, wir haben sie nur ausgeplaudert, die große verhängnisvolle Verwechslung, die mit je|334ner Erkenntnis ins Gericht kommt. Womit nicht geleugnet sein soll, daß jene hochgemute Art, Gott und das Göttliche sozusagen in Pachtbetrieb zu nehmen und darüber zu verfügen, als ob es sich da um eine «Sache» handle, eine besondere Theologen- und überhaupt Wortführersünde ist. Aber die anderen, die Zuhörenden, die Geführten, die Gemeinde, die sog. «Laien», die Gebildeten vor Allem, aber ich möchte selbst die kirchenfeindliche Opposition im Proletariat nicht ausnehmen, sie sind hier mitverantwortlich. Ob die Kirche bejaht oder verneint wurde, ob man eifrig an ihrer zeitgemäßen Verbesserung arbeitete oder ob man sich begnügte, sie untätig zu kritisieren, ob man an ihre überlieferten Formen sich festklammerte oder ob man mehr oder weniger stürmisch das Betreten neuer Wege von ihr forderte, man meinte doch von allen Seiten die Gemeinschaft der religiösen Menschen mit dem, was sie sind und haben und was sie einander und der Gesellschaft allenfalls bieten können. Man liebte sie, wie man eben ein ehrwürdiges, wertvolles und gesegnetes Werk der menschlichen Gemeinschaft zu lieben pflegt. Man beharrte bei ihrer Vergangenheit mit demselben bedächtigen Konservativismus und man korrigierte an ihr herum mit demselben unruhigen Fortschrittsgeist, den man wahrscheinlich entsprechend auch als Staatsbürger betätigte. Man verteidigte sie, wie man auch die gute Sache der Bildung oder der Sittlichkeit verteidigte, und oft in demselben Atemzuge mit diesen, und man bekämpfte sie wiederum im gleichen Atemzug etwa mit Kapitalismus und Militarismus. Diese Kirche nun, diese Menschenkirche (die offener- oder heimlicherweise auf dem Boden des Naturrechts steht) – aber ich wiederhole: mit dieser Kirche sind wir alle, wie wir auch leben mögen, solidarisch; denn wir haben sie so gewollt und geglaubt, wir sind diese Kirche und werden sie in bestimmtem Sinn immer wieder sein –, diese Kirche kommt ins Gericht, wenn die Frage nach der religiösen Gemeinsamkeit und die Frage nach dem religiösen Besitz wirklich akut wird. Und aus diesem Gericht kommt sie nicht wieder heraus und soll es auch nicht.

An diesem Punkt wartet nun eine befreiende Einsicht auf uns. Aber nur auf diejenigen, die die Frage, die Kirchenfrage ganz ernst genommen haben. d. h. nur auf diejenigen, die ganz genau wissen, was für ein dringendes, brennendes Anliegen es ist, daß unter uns Menschen von Gott geredet und gehört werde – die dann aber auch das Andere wissen: das eben ist unmöglich, darum gerade sind wir zu Schanden geworden und |335 werden wir immer wieder zu Schanden werden, wie wir uns auch drehen und wenden mögen. Wem die gestellte Frage leichter, einfacher erscheint als so, sei es, weil er das Anliegen gar nicht kennt oder aber die Unmöglichkeit seiner Erfüllung ihm verborgen ist, der wird auch das Befreiende als solches nicht einzusehen vermögen, das eben da auf uns wartet, wo nur das Gericht übrig bleibt.

Und es ist zweitens zu solcher Einsicht nötig, daß man die Kirchenfrage nicht als Zuschauer sieht, sondern mit voller persönlicher Verantwortung sie auf sich selber genommen hat, daß man ganz bestimmt weiß: das alles, was da ins Gericht kommt: diese Willkür des Einzelnen, dieses Wollen des Menschen überhaupt, der da seine Hand nach Gott ausstreckt und darüber zu Schanden wird, diese fromme Sünde, der Gipfel aller Sünde, die Sünde des «Großinquisitors», der die Sache Christi in seine Hand nimmt, um sie selber und besser zu machen58 – das alles ist nicht nur der Pfarrer oder ein Anderer, der es augenfällig so treibt, das ist nicht nur das katholische oder das moderne Christentum oder diese oder jene Richtung, Gruppe oder Partei. Das ist nicht etwa nur der kirchliche Mensch – das ist in keiner Weise ein fremder Ort, wo wir ruhig oder zornig unseren Schutt abladen und unseres Weges gehen könnten – das ist der Mensch überhaupt, der in der Menschenkirche nur seinen merkwürdigsten Ausbruch sich leistet, der Mensch in seinem verkehrten, prahlerischen, prometheischen Verhältnis zu Gott, das bin ich. Ich, ich habe die Kirche so gewollt und geglaubt und hätte, so wie ich bin, eine andere Kirche gar nicht wollen und glauben können. Wer das nicht zugeben will, wer noch Lust hat, die Frage von sich selbst auf Andere zu wälzen und die Katastrophe der Kirche zu betrachten wie ein schlimmes Schauspiel, an dem der Gerechte, der ja auch ein gerechter Atheist sein könnte59, eben nur als Betrachter beteiligt ist, der mag wohl sehr scharfsinnig sein für das Menschen Elend, das sich da vor seinen Augen ausbreitet (aber vielleicht doch nicht ganz scharfsichtig nicht einmal dafür); von des Menschen Erlösung60 aber, die gerade hier warten soll, wird er auf alle Fälle gar nichts sehen.

336 Und es gilt (dritte und zusammenfassende Vorbedingung) zu begreifen, daß das Gericht, in dem die Kirche steht, gerade nicht eine Katastrophe, ein Unglück, eine Niederlage ist, wie solche in der Natur oder in der Geschichte vorkommen. Handelte es sich um solche, dann müßte und könnte die Kirchenfrage nicht in dem genannten Sinn ernst genommen werden, dann könnten wir uns fernerhin nach möglichen Erleichterungen und Verbesserungen der schlimmen Lage umsehen. Dann könnte man auch wirklich nicht von jedermann verlangen, daß er sich mitbeteiligt, mitverantwortlich wisse, dann könnte es, wie bei jedem solchen Unglück, in der Tat Zuschauer geben. Anders steht es, und das ist’s, was hier zu begreifen wäre, wenn das Gericht über die Kirche das Gericht Gottes wäre, wenn Gott es sein sollte, der gerade in der Unbeantwortbarkeit der Kirchenfrage sein entscheidendes Wort zu uns spräche. Das würde dann einerseits bedeuten, daß wir sie als Frage, als unbeantwortbare Frage ernst nehmen müssen, daß es keine höhere Instanz gibt, an die appellierend wir uns etwa vor der Frage flüchten könnten, daß dem Halt!, das uns hier geboten ist, gehorcht werden muß, andererseits, daß diese Frage nicht ein allgemeines theoretisches oder geschichtliches Problem ist, das Alle und Niemand angeht, sondern eine an mich, den Einzelnen, Auge in Auge61 gerichtete Frage. Denn wer könnte ein Gericht als das Gericht Gottes erkennen, der nicht streng und direkt sich selber gerichtet weiß durch dieses Gericht? In welchem Verhältnis würde es sich als das Gericht Gottes erkennen lassen als in dem persönlichen Verhältnis des Sünders zu dem Heiligen – und dieses Verhältnis ist das prinzipielle Ende aller Zuschauerverhältnisse.

Es steht nun nicht in meiner Macht, Sie zu der Einsicht zu zwingen, daß der Sinn der Lage der Kirche das Gericht Gottes ist, in dem sie steht. Nicht einmal dazu kann ich Sie ja zwingen, mit mir einzusehen, daß die Lage der Kirche, ihr Mangel an Gemeinschaft und ihr Mangel an Prophetie, ein Jammer, daß sie eine unerträgliche Lage ist.62 Es wäre vielmehr das Gegenteil von dem, worauf ich hinaus möchte, wenn ich es auch nur versuchen wollte, Sie zu dieser Einsicht zu zwingen. Darauf müssen wir am Schluß noch einmal zurückkommen. Ich habe keine Beweise vorzulegen für den Satz, daß wir im Gericht Gottes stehen. Ich |337 würde sogar bestreiten, daß das nun etwa ein von mir aufgestellter Satz sei, ebenso bestreiten, daß es überhaupt möglich sei, das als Satz aufzustellen. Sonst würden wir ja, gerade durch solches Aufstellen, doch wieder tun, was ja eben durch jenen Satz, wenn er wahr ist, gerichtet ist. Nein, hier gibt es nichts aufzustellen und nichts zu beweisen. Diesen Satz und die befreiende Wahrheit, die hinter ihm steht, – wir hätten sie mit sehenden Augen doch nicht gesehen [vgl. Mt. 13,13], wenn wir noch in irgendeinem Sinn meinten, hier etwas behaupten und erhaschen, ableiten und begreifen zu können. Wohl kommt es zu dieser Einsicht durch einen Zwang, aber nicht durch den Zwang eines Beweises, den wir führen könnten, sondern durch den Zwang eines Beweises, der schon geführt ist.

Und noch vor einem Mißverständnis ist hier zu warnen: Es handelt sich bei dieser Einsicht, daß die Kirche im Gericht Gottes steht, in keinem Sinn um das, was man in den letzten zwanzig Jahren in gebildeten christlichen Kreisen ein «religiöses Erlebnis» genannt hat, also um eine Art Erschütterung und Umwälzung unseres tiefsten Seelengrundes durch ein Gefühl völliger Erniedrigung oder gar Vernichtung, die wir nun zu erwarten oder wohl gar mit irgendwelchen Mitteln herbeizuführen, durch die wir hindurchzugehen hätten, wie Tamino und Pamina in der «Zauberflöte» durch Feuer und Wasserfluten63, um dann jenseits solcher Schreckenskluft umso munterer wieder weiterzuleben. Ich vergesse Luthers Klostererlebnis64 nicht, wenn ich diese Meinung ablehne, und ich möchte damit auch nicht bestreiten, daß ein bißchen «religiöses Erlebnis» von dieser Seite, also ein bißchen Erschütterung, Demütigung und Kloster – oder auch mehr als ein bißchen – dem modernen Menschen nur heilsam sein kann. Aber auch das akuteste Erlebnis dieser Art ist an sich nicht der Weg, das Gericht Gottes einzusehen. Es gibt Erlebnisse dieser Art, die nirgendanderswohin führen als zu einer neuen tollen Form des Wahns, als habe der Mensch von sich aus einen unmittelbaren Zugang zu der Wirklichkeit Gottes, zu einer neuen wilden Gestalt der kirchlichen und außerkirchlichen Prophetie, die durch die Einsicht, |338 daß wir von Gott gerichtet sind, ja eben erledigt sein müßte. Und es gibt andererseits eine Einsicht in Gottes Gericht, bei der vielleicht von lutherähnlichen Erlebnissen weit und breit gar nichts wahrzunehmen ist. So einfach, wie etwa Schleiermacher meinte, an der Notwendigkeit eines wirklichen und scharfen Gegensatzes und Kampfes in unserer Seele vorbeikommen zu können, wird es zwar nicht gehen. Aber auch die haben nicht recht, die aus dem Erlebnis Luthers den Weg aller Wege machen, wo doch der wirkliche Weg aller Wege überhaupt kein menschliches Erlebnis ist. Luthers Erlebnis bedeutete für ihn selbst und für das reformatorische Christentum, soweit es sich selbst verstand, alles Andere als eine neue probate Methode, den Himmel zu stürmen; sonst hätte er wahrhaftig auch einen «Orden von der Rechtfertigung durch den Glauben» gründen können, um seine Entdeckung zur Geltung und in Schwung zu bringen. Nein, was hier Erlebnis des Menschen ist, das kann wie das Sein und Tun des Menschen überhaupt nur die Gestalt und Form sein, in der das Gericht Gottes in unserem Leben auftritt. Schätzen wir sie nicht gering! Gestaltlos und formlos geht wirklich auch Gottes Gericht nicht über uns. Aber die Gestalt ist nicht das Wesen, die Form ist nicht der Gehalt, und daß wir uns selbst richten, das ist nicht Gottes Tun an uns. Wir können uns auch mit dem freilich sehr notwendigen Urteil über uns selbst nicht an die Stelle Gottes setzen.

IV

Ist uns das alles einigermaßen klar, dann haben wir jetzt vielleicht Ohren zu hören – nicht was ich nun sagen kann als Krönung meines Gedankenganges (nein, hier brechen alle menschlichen Gänge prinzipiell ab, die sog. irrationalen übrigens so gut wie die sog. rationalen!), sondern was zu uns allen gesagt ist durch die schlichte Tatsache, daß wir getaufte Christen sind. Ich betone das Wort «getauft». Denn ich meine jetzt nicht das, was und wie wir als solche zu glauben, zu tun, zu fühlen oder gesinnt zu sein haben. Das ist ein Kapitel für sich, ein ernstes, wichtiges Kapitel, aber es kann frühestens das zweite oder dritte Kapitel sein. Allzu leicht denkt man, wenn man seinen Christenstand bedenkt, sofort an diese und jene Anschauungen und Überzeugungen, die man hat oder auch nicht hat, oder wohl gar an diese und jene praktische Lebensrich|339tung, die man gewählt oder nicht gewählt hat, oder, was das Gefährlichste ist, an diese oder jene innerlichste Einstellung, die man bezogen oder nicht bezogen hat. Ich nenne es gefährlich, sofort und zuerst daran zu denken, wenn man seinen Christenstand bedenkt, weil man sich dabei vielleicht nicht klar ist darüber, daß unser Christenstand in diesem Sinn unter Gottes Gericht steht, zu dem gehört, was sterben muß, so gut wie unser Menschendasein überhaupt. Wenn wir uns noch einmal einschärfen wollen, wie tief das Gericht Gottes über uns einschneidet, was das heißt, daß wir sterben müssen [vgl. Ps. 90,12], dann kann uns der Blick auf unsere christliche Überzeugung, Moral und Innerlichkeit auch an dieser Stelle freilich nur gut sein. Möchten wir aber mehr sehen, als daß wir unter Gottes Gericht stehen, mehr als das, daß wir sterben müssen, dann müssen wir unseren Christenstand von einer ganz anderen Seite bedenken.

An die schlichte Tatsache, daß wir getauft sind, müssen wir uns dann erinnern. Die Taufe und unser Stand in der Taufe schließt insofern sofort und direkt an an unser Stehen im Gerichte Gottes, als auch in der Taufe auf unserer Seite gar nichts vorausgesetzt wird, Gott selbst und Gott allein Eins und Alles ist. Sie ist am Anfang des Neuen Testamentes die Axt, die den Bäumen an die Wurzel gelegt ist [Mt. 3,10], und dabei bleibt es. Denken wir an uns selbst, wenn wir an unsere Taufe denken, so wird es uns wohl verleiden, an unsere Überzeugung, Moral und Innerlichkeit, an unser Gewissen und dergl. zu denken; denn da wir getauft wurden, da waren wir, so verdrießlich uns das jetzt sein mag, unvernünftige, kleine Geschöpfe, die von Allem nichts wußten noch wollten und die sich gegen die ihnen widerfahrende Prozedur mit lautem kindischem Geschrei gewehrt haben. Das ist unser Christenstand, an den zu denken es sich lohnt. So wird die Kirche begründet. Der Gedanke an unsere Taufe sagt uns, kräftiger als der ganze Römerbrief und alle Reformatoren miteinander es uns sagen können, daß wir kleine oder große Adamskinder sind und d. h. «Kinder des Zorns von Natur» [Eph. 2,3], bei denen es gar nicht in Betracht kommt, daß sie von sich aus etwas von Gott sehen und hören, geschweige denn ihn «erleben» können. Wenn es nun wahr ist, daß die christliche Kirche keineswegs durch das Tun und Lassen der beteiligten Menschen, sondern ganz primitiv nur durch die Taufe konstituiert wird, dann ist eben damit klar (und damit haben wir den Anschluß an das Vorige), daß eben die Kirche, die un|340ter dem Gericht Gottes steht, die Sünderkirche (die Kirche, die als freier Verein betrachtet ein Chor von Verführern und Verführten ist), – daß eben diese Kirche die wahre christliche Kirche ist.

«Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine große Liebe, damit er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat er uns samt Christo lebendig gemacht […] und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt … So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbauet auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist» [Eph. 2,4–6. 19f.] Also Gottes Gericht die Stätte von Gottes Gnade. Gottes Gericht über die Möglichkeit jeder Menschenkirche die Konstituierung der wahren Kirche, seiner Kirche. Die Kirche der Sünder gerade die Kirche der Lebendiggemachten, der Auferweckten, der in das himmlische Wesen Versetzten.

Wohlverstanden (man kann ja bei der heutigen Verwirrung der Geister nicht genug Sicherungen und Vorbehalte anbringen!): Die Wendung, auf die ich eben hingewiesen habe, hat mit Sakramentsmagie hell gar nichts zu tun. Die Taufe an sich ist ein Verheißungszeichen, das Wasser sowohl wie die dabei gesprochenen Worte. Aber ein Verheißungszeichen, das einen Gegenstand [hat] und an das man sich darum halten darf. Und dieser Gegenstand, dieses Objekt, nein dieses Subjekt und sein Tun: Gott für uns und mit uns, Immanuel65 [vgl. Mt. 1,23], ist eben die bezeichnete Wendung. Und noch ein Vorbehalt: Die Worte, mit denen ich soeben auf diese Wendung hingewiesen habe, sind nicht meine Worte. Und die Wendung selbst (ich müßte mir das energisch verbitten) ist nicht eine von mir mehr oder weniger künstlich oder gelungen durchgeführte dialektische Bewegung. Die Wendung ist sogar gar keine Wendung, sondern nur die schnurgerade Entwicklung dessen, was wir von uns selbst und von der Kirche zu halten haben, wenn wir bei unserer Taufe nun nicht uns selbst (und damit unser Gericht), sondern unseren Richter, seine Verheißung und Zusage ansehen. Diese Wendung liegt in der Sache und ist in ihrer Begründung einzusehen, ganz gleichviel, wie wir uns auch dazu stellen mögen. Es dürfte nämlich |341 wohlgetan sein, beim Verständnis der Taufe und dessen, was daraus für die Kirche folgt, von unserer gläubigen oder ungläubigen Stellungnahme dazu zunächst ganz abzusehen. Und die Worte, die ich anführte, sind Worte des Apostels Paulus aus einem Abschnitt des Briefs an die Epheser, in dem er ihnen eben das auseinandersetzt, wovon wir jetzt auch reden: die Begründung der Kirche, der Gemeinde Gottes, «nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme» [Eph. 2,9], sondern «aus Gnade» [2,5], durch die Offenbarung. Und die Berechtigung, diese Worte des Paulus zur Interpretation der Taufe heranzuziehen und uns damit vor jene Wendung zu stellen, die doch keine ist, greife ich wieder nicht aus der Luft, sondern es gibt eben keine andere Interpretation der Taufe und damit der Kirche als die durch das Zeugnis der Apostel, auf das die Taufe und die Kirche nun einmal, mag unterdessen geschehen sein, was da will, begründet ist. Wir haben, wenn wir sauber denken wollen, gar keine andere Möglichkeit, um uns über den Sinn unseres Christenstandes, über den Sinn der Kirche zu belehren, als eben dieses Zeugnis ihrer Anfänger. Lebten wir in einer anderen Zeit und Lage, so könnten wir der Sicherheit halber auch auf Autoritäten zweiten Grades, auf die kirchlichen Symbole und Bekenntnisse, zurückgreifen. Es ist eine Not, aber es hat vielleicht auch sein Gutes, daß wir angesichts der Zerfaserung, in der sich heute alle kirchliche Autorität befindet, und bevor wir eine solche wieder haben, fast noch unmittelbarer als die Reformationszeit auf das Zeugnis der Anfänger hingewiesen sind. Autorität ersten Grades müßte es uns in dieser Sache auf alle Fälle sein.

Das Zeugnis der Anfänger ist – darüber sollten wir uns wiederum einigen können, ohne die Glaubensfrage aufzurollen – Zeugnis von der Gnade, die dem Sünder, dem Gerichteten, dem Toten, oder von der Offenbarung, die dem Volk, das im Finstern wandert [vgl. Jes. 9,1], widerfährt. Besinnen wir uns auf den Sinn der christlichen Gemeinschaft, und sollten wir der modernen Illusion so müde geworden sein, daß wir wieder verstehen, was Gericht heißt und was Taufe, dann wird uns nichts übrig bleiben, als das Zeugnis der Apostel und Propheten jedenfalls anzuhören. Wir hören hier aber – daran kann auch für eine bloße Zuschauerbetrachtung kein Zweifel sein – auf keinen Fall von dem, was etwa zu unserer Menschenkirche passen würde: von Großtaten menschlicher Frömmigkeit, von Aufschwüngen, Fortschritten, Begeisterungen in Bezug auf Gott, die da den Menschen gelungen wären und an die wir uns |342 nun etwa anzuschließen hätten, sondern wir hören – wenigstens wenn wir die Quellen reden lassen, so wie sie reden, und nicht unsere eigenen Phantasien hineinlesen – auf der ganzen Linie von Dingen, die Gott getan haben soll gegenüber menschlich-religiös betrachtet größtenteils (man denke gerade an die Jünger Jesu!) sehr klein- und schwachmütigen, sehr wenig vorbildlichen Menschen. Gar nicht ihr religiöses Heroentum tritt uns da entgegen, wie es doch der Fall sein müßte, wenn es mit unserem Begriff von christlicher Gemeinschaft seine Richtigkeit hätte, sondern im Gegenteil ihre Schwachheit und Blindheit, ihr Halb- und Unglaube. Aber das Menschentum, das wir da finden, scheint eben überhaupt nicht um seiner selbst willen, nicht in eigenen Farben leuchtend, uns entgegentreten zu wollen, sondern nur dazusein, um den Widerschein aufzufangen und festzuhalten von einem Licht, das – allem Menschlichen gegenüber, auch dem reinsten und edelsten, ein ganz Neues und Verschiedenes – nun doch als die Auflösung seiner Rätsel in den Umkreis des Menschlichen eingegangen ist, ja Menschengestalt, Menschennatur angenommen hat.

Was sollen wir sagen von dem Licht, von dem diese Menschen erleuchtet sind, von Jesus Christus, der der Gegenstand ihres Zeugnisses ist? Was haben sie «gehört, gesehen, beschaut, betastet», wie einer von ihnen schreibt [I.Joh. 1,1]? Eine Liebe, die mit Allem, was wir so heißen, so gar nicht verwandt ist und von der es nun doch heißt, daß sie dort, wo mit allem Menschlichen auch unsere menschliche Liebe als Stückwerk erkannt ist, Alles trägt, Alles glaubt, Alles hofft, Alles duldet [1.Kor. 13,7]? Eine Freiheit, die so wenig mit unseren Freiheiten zu verwechseln ist, daß, die ihre berufensten Verkündiger waren, sich selbst nur als Knechte bezeichnen konnten, und von der nun doch gesagt werden kann, sie mache recht frei [Joh. 8,36]? Eine Barmherzigkeit, die erst die zu kennen scheinen, die den Kelch der Unbarmherzigkeit des Lebens bis auf die Hefen geleert, [die] ihnen aber bekannt ist als Abgrund des Erbarmens? Eine Herrschaft, die mit den größten und kleinsten Thronen und Fürstentümern [vgl. Kol 1,16] dieser Welt nicht in Konkurrenz tritt, weil sie ihr alle zu Füßen gelegt sind, die nicht das Geringste von dem zu besitzen scheint, was wir Macht nennen, weil sie die Macht über Alles ist? Eine Heiligkeit, die gar keine Heiligtümer und gar keine Heiligen kennt, weil sie in jedem Heiligtum und in jedem Heiligen, die vor ihr Staub und Asche sind [vgl. Hi. 42,6], nur Gottes Heilig|343keit sein und bleiben will? Jedenfalls: hier wird kein Mensch Gott ähnlich, Gott angenähert, göttlichen Wesens teilhaftig, weil hier im Zentrum, von dem jenes Licht ausgeht, das Umgekehrte geschehen sein soll, daß Gott Mensch wurde, Herrlichkeit Niedrigkeit, Leben Tod, Gerechtigkeit Sünde, Ewigkeit Zeit, Jenseits Diesseits, und so (nicht anders, sondern so!) strahlt jenes Zentrum, in dessen Widerschein wir die biblischen Menschen sehen. Auferstehung nennen darum sie selber das Scheinen dieses Lichtes an dem dunklen Ort [vgl. 2.Petr. 1,19], wo die Juden nur Ärgernis und die Griechen nur Torheit wahrzunehmen vermögen [vgl. 1.Kor. 1,23]. Und Glauben nennen sie das, was sie selber tun mit ihren Augen, in die dieser helle Schein gefallen ist, und müssen doch sofort sich selber erklären: was kein Auge gesehen hat …, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben [1.Kor. 2,9]. Von einer neuen Geburt eines neuen Menschen zu einem neuen Leben reden sie, geschaffen in ihnen durch jenes unmögliche Scheinen und jenes blinde Sehen, von einer Gemeinschaft also der Menschen mit dem Gott, der es aus der Finsternis Licht werden läßt in die Finsternis hinein, aber auch von einer Gemeinschaft der Menschen untereinander, nicht kraft einer menschlichen Habe, Gewißheit und Gerechtigkeit, sondern kraft des gemeinsam gesehenen hellen Scheins, der in ihre Herzen gefallen ist [vgl. 2.Kor. 4,6] und in dessen Licht das Unmögliche möglich wird, daß Einer im Anderen seinen Bruder erkennt. Ein Wandel wird möglich und notwendig, gewiß nicht in der vermessenen Annahme einer etwa irgendwie gegebenen und nun mehr und mehr wachsenden Vereinigung des Menschen mit Gott, nein, das Licht Gottes hört für Keinen auf, ein aus der Finsternis in die Finsternis leuchtendes Licht [vgl. Joh. 1,5] zu sein, aber ein Wandel im Scheine dieses Lichts, in Furcht und Zittern [vgl. 2.Kor. 7,15 u.ö.], aber auch in Dankbarkeit, weil das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist [vgl. Mk. 1,15]. Der Rest aber ist Hoffnung, Erwartung, Bereitschaft für den Bräutigam [vgl. Mt. 25,1–13], solange die Zeit währt. Denn sein Kommen, die Erfüllung der Verheißung ist das Ende der Zeit und aller Dinge. Nur Hoffnung? Die Apostel sagen nicht: «nur Hoffnung». Sie sagen: «Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!» [1.Petr. 1,3]. Hoffnung heißt für sie Leben. Darum ist ihr ganzes Leben Hoffnung.66 Sie lassen |344 sich, darüber kann wieder kein Zweifel sein, an der Gnade genügen [vgl. 2.Kor. 12,9]. Eben darum ist es ihnen aber auch mit der zweiten Bitte: Dein Reich komme! [Mt. 6,10] tiefster, furchtbarster Ernst. Wie könnte das Eine ohne das Andere sein?

Soviel in den allerkürzesten Zügen über ihr Zeugnis. Sie haben das, wovon sie da zeugen, aufgefaßt als ein ganz unbegreifliches, nach menschlichem Ermessen nicht nur unmögliches, sondern auch unmöglich zu vernehmendes, aber unbedingt wahres und klares Ja Gottes zum Menschen. Alles liegt daran, daß man es so sagt und ja nicht etwa umgekehrt, also nicht eine höchste, unerhörte Vollendung des Ja, das der Mensch zu Gott spricht, nicht die vollkommene Einigung eines menschlichen mit dem göttlichen Willen, nicht die reinste Offenbarung der göttlichen Tiefe der menschlichen Persönlichkeit, so rein, daß man den Menschen, wenn man den Mund etwas voll nehmen will, nahezu oder ganz Gott nennen kann, nicht die absolute Religion und wie diese, wissenschaftlich und christlich betrachtet, gleich kitschigen Formeln alle lauten. Offenbarung heißt streng und exklusiv: Ja Gottes zum Menschen, Menschwerdung Gottes (ohne Umkehrung!) – nur so ist sie das, als was sie hier streng und exklusiv bezeugt wird: Gnade – Gnade auch da, wo sie für uns Gesetz ist, Gnade auch, indem sie, solange die Zeit währt, Gnade im Gericht ist, immer Gnade, d. h. immer freies, aber völlig eindeutiges göttliches Wohlwollen gegen den Menschen. Dem so sich offenbarenden Herrn fühlten sich die Anfänger verpflichtet, nicht als Träger ihres eigenen Christusenthusiasmus, sondern als Christi für richtige Übermittlung verantwortliche Boten, nicht als die Verkündiger eines aus dem Unaussprechlichsten der Seele quellenden Wortes über Gott, sondern als die Bevollmächtigten zur Bekanntmachung eines durch Totenauferstehung auf ihre Lippen gelegten göttlichen Selbstwortes, nicht als Vögel, die fröhlich ihre Melodie singen, nicht als religiöse Unternehmer, sondern, noch einmal muß das bezeichnende Wort fallen: als Knechte, als Beamte würde man wohl heute sagen, die sich an ihr Pflichtenheft67 zu halten haben.

Und nun kann nach dem Sinn der christlichen Kirche, wenn wir recht getan haben, dabei von der Taufe auszugehen, kein langes Fragen mehr sein. Daß wir getauft sind, das heißt nach dem eindeutigen Zeugnis de|345rer, die mit dem Befehl der Taufe erstmals ausgegangen sind in alle Welt: daß das Ja des göttlichen Wohlwollens, daß die Gnade auch uns gilt, uns den kleinen Unvernünftigen von damals, uns den großen Sündern von jetzt, uns den Gerichteten. Wir können es auch so sagen: Die wahre christliche Kirche, in der wir stehen, ist die von Gott selbst gestiftete Gemeinschaft zwischen ihm und uns, von der uns unsere Taufe und das sie interpretierende Wort der christlichen Zeugen Kunde gibt.

Das bedeutet grundsätzlich das Ende jener eigenmächtigen Prophetie, von der wir eingangs geredet, das Ende des Subjektivismus, des Illuminatenvereins und der Sektiererei, in die wir heute hineingekommen sind. An einem persönlichen Erlebnis sich orientieren, ob man es nun Offenbarung nennt oder mit Zinzendorf offen zugibt: «Es ist mir so»68, oder an einer selbstentworfenen, a priori gesetzten Gottesidee, das hat nur solange Sinn, als die Offenbarung vergessen und damit jedenfalls die durch die Taufe konstituierte Kirche verloren ist. Seiner Taufe gedenken und damit der Offenbarung und damit wieder wissen, was Kirche ist – nein, nicht nur wissen, sondern damit wieder sein in der wahren christlichen Kirche –, das heißt, den Ausblick wieder gewinnen, nicht auf eine sentimentale Toleranz oder gar Verbrüderung zwischen Allen und Allen, wohl aber auf die una sancta catholica69, in der es, um nochmals den Epheserbrief zu zitieren, heißen wird, nein heute schon heißt: «ein Leib, ein Geist, einerlei Hoffnung eures Berufes, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller» [Eph. 4,4–6], Worte, die wir jetzt nicht auf die Lippen nehmen können, ohne uns zu schämen. Die verlorene und doch nicht verlorene Kirche, von der uns unsere Taufe redet, muß und wird ein Bekenntnis haben. Heute nach dem Bekenntnis zu fragen und einander um des Bekenntnisses willen zu plagen, hat keinen Sinn. Die Menschenkirche steht auf alle Fälle nicht auf dem Bekenntnis, auch wenn sie ein solches hat. Das Gebot der Stunde ist nicht die Frage nach dem Bekenntnis, sondern die Frage nach der das Bekenntnis begründenden Offenbarung.

Das bedeutet dann aber zweitens grundsätzlich die neue Ermögli|346chung eines prophetischen Wortes an die Zeit und zur Lage, dessen Mangel wir als weiter und tiefer greifendes Übel der jetzigen Kirche erkannt haben. Die christliche Ethik ist heute darum auf ein haltloses Dilettieren oder auf ein ebenso haltloses Schweigen [gegenüber] den wirklichen Fragen und Anliegen des Menschen angewiesen, weil sie nicht aus der Offenbarung, sondern aus dem löchrigen Brunnen [vgl. Jer. 2,13] des religiösen Bewußtsems schöpft, das selber nicht über, sondern in der Welt, die im Argen liegt [vgl. 1.Joh. 5,19], seinen Ort hat. Wenn diese Pseudoprophetie sich einmal überleben sollte, so könnte es geschehen, daß die wirkliche Prophetie, an die uns die Taufe erinnert, das «So spricht der Herr!», mit dem Mose und Paulus die Zeichen der Zeit deuteten, wieder lebendig würde. Die Offenbarung und die banale Alltagswirklichkeit, die Auferstehung und das Dasein des Mannes auf der Straße, «Christus und das menschliche Leben» (aber ein wenig anders, als der Verfasser des so betitelten Buches70 es sich denkt!), das sind die göttlich-menschlichen Realitäten, die sich gegenseitig anschauen, während das religiöse Bewußtsein, das keins von beiden sein will, Dunst und Nebel ist. Und diese Korrelation würde sichtbar, wo das Wort Gottes (als Gottes Wort) wieder geredet und gehört werden dürfte, und damit hätte die Kirche wieder ihre Daseinsberechtigung vor Gott und vor den Menschen. «Würde», «hätte» muß ich sagen, weil ich von der verlorenen, von der erst wieder zu entdeckenden Kirche rede. Aber warum sollte ich nicht «ist» und «hat» sagen, ist uns doch die Möglichkeit ihrer Entdeckung vor die Füße gelegt.

V

Aber das Letzte könnte doch zu viel gesagt sein. Es handelt sich bei der Erkenntnis der Kirche und der Offenbarung um die kindlich einfachste Erkenntnis. Wie sollte das nicht einfach sein, was in den beiden Worten ausgesprochen ist: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, daß ihr hingeht und viel Frucht bringt» (Joh. 15,16), und in der Antwort: «Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns |347 zuerst geliebt» (1.Joh. 4,19)? Aber es liegt nicht an unserem Wollen und Laufen [vgl. Röm. 9,16], diese einfache Erkenntnis zu vollziehen. Das behaupten, hieße ja eben diese Erkenntnis leugnen. Ich bin in allem Bisherigen der Glaubensfrage, soweit sie nicht die Apostel, sondern uns angeht, ausgewichen. Und nun sind alle Schwierigkeiten, nun ist alle Not unserer Lage wieder da, sobald wir uns klar machen, daß es nun eben darum gehen würde, das, was in unserer Taufe zu uns gesagt ist, zu glauben. Die Taufe ist ja nicht nur unser Gericht, nicht nur Gnadenverheißung, sondern wahrhaftig auch Glaubensforderung71. Wollen wir denn, können wir denn, müssen wir denn glauben? Denn man glaubt offenbar erst dann, wenn man glauben muß, wenn es gar keine andere Möglichkeit gibt, als zu glauben. Die intellektuellen Schwierigkeiten, an die wir modernen Menschen, wenn es sich um den Glauben handelt, sofort zu denken pflegen, sind doch wohl mehr Symptome eines tiefer liegenden Hindernisses. Vielleicht merken wir auch, daß wir oft geradezu froh sind, die sog. moderne Weltanschauung vorschieben zu können, um unseren Unglauben zu entschuldigen. Und wenn wir das merken, werden wir wohl nicht Lust haben, jene als ernsthaften Grund, weshalb wir nicht glauben könnten, geltend zu machen.

Wir haben gesehen: es hängt beim Verständnis der Taufe Alles daran, daß wir als Menschen und nicht zuletzt als religiöse Menschen im Gericht Gottes stehen und sterben müssen, gerade wie beim Verständnis der Offenbarung Alles darauf ankommt, daß wir die Finsternis sehen, von der sich das Licht, das Kreuz, von dem sich die Auferstehung abhebt. Nur als die Stätte des offenbaren Gerichts ist die Taufe die Stätte der offenbaren Gnade. Und nun sagte ich ausdrücklich: zu dieser Erkenntnis, daß wir in Gottes Gericht, daß wir unter dem Kreuz stehen, kann man weder sich selbst noch Andere zwingen, hier gibt es keinen rationalen und keinen irrationalen Weg, keine Manier und keine Methode. Hier ist die enge Pforte [vgl. Mt. 7,13; Lk. 13,24], vor der alle Führung durch Worte und alle menschliche Führung überhaupt Halt machen muß, weil hier auch der beste Führer keinen Schlüssel hat, sondern bestenfalls dringend darauf hinweisen kann, daß hier, hier die enge Pforte ist, die zum Leben führt. Die enge Pforte, wo auf der einen Seite die Menschen stehen und [wo sie] wirklich sind, wie es in der Bergpre|348digt heißt: geistlich Arme [Mt. 5,3], oder nach Lukas vielleicht noch besser: Arme schlechthin [Lk. 6,20], nichts haben als leere Hände, nichts sind als verloren, nichts wissen als: Vater, ich habe gesündigt! [Lk. 15,21]-und auf der anderen Seite wirklich Jesus Christus, er selbst, der Gegenstand des Zeugnisses der Apostel und Propheten, der zu diesen Menschen sagt: Selig seid ihr, denn euer, euer ist das Himmelreich [Lk. 6,20]. Wo das ist, wo diese Beiden sich treffen: wirklich Arme und wirklich Jesus Christus (und diese beiden sind immer beieinander!), das ist das Gericht Gottes, das ohne Gnade gar nicht zu denken ist. Da ist die wahre christliche Kirche. Das Neue Testament hat dafür noch ein letztes, viel mißbrauchtes Wort. Es sagt: da ist – der heilige Geist. Die Frage nach der Kirche hat uns auf die Taufe geführt. Die Taufe weist uns auf die ersten Zeugen hin und diese auf die Offenbarung. Die Offenbarung aber redet für sich selber. Daß sie redet und daß wir hören, das ist das Werk des Geistes, der mit dem Vater und dem Sohne der wahre Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. Indem sein Werk geschieht, müssen wir glauben.

Sachfußnoten

1
Wilhelm Jannasch (1888–1966), 1913 Hilfsprediger in Jena, 1914 Pastor an St. Aegidien, ab 1921 Hauptpastor von Lübeck, 1934 Zwangspensionierung und Dienst in der Bekennenden Kirche, 1939 Pfarrer der Bekenntnis-Gemeinde von Berlin-Friedenau, 1945 der Kirche «Zum guten Hirten» ebd., 1946 o. Professor für Praktische Theologie in Mainz.↩
2
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
3
Friedrich Rittelmeyer (1872–1938), 1902–1916 Pfarrer in Nürnberg, 1916–1922 in Berlin. Beeinflußt durch die Anthroposophie Rudolf Steiners legte Rittelmeyer sein Pfarramt nieder und gründete die (anthroposophisch orientierte) «Christengemeinschaft», deren «Erzoberlenker» er 1922 wurde. Am 16.9.1922 nahm Rittelmeyer in Dornach die erste sog. «Menschenweihehandlung» vor, eine Art priesterliche Aussendung.↩
4

Jannasch schreibt in seinem o. a. Brief weiter: «Der Vortrag ist gemeint als Förderung derjenigen, die durch zwei Rittelmeyersche Vorträge zum ersten Mal mit Bewußtsein vor die Frage gestellt worden sind, ob der Gottesdienst der Kirche Wort Gottes an uns oder vielmehr zauberhafte Veranstaltung des Menschen zu Gott hin sein soll. Die Mehrzahl der in Frage kommenden Menschen steht dabei zunächst noch sehr einseitig unter dem Eindruck, daß ein Gottesdienst das zu geben habe, was der Mensch suche und wolle, also etwa eine tiefe Erschütterung oder noch lieber ein gewaltiges ‹Erlebnis›. Sie sind der Predigt als eines intellektuellen Menschenwortes überdrüssig und fragen sich zum mindesten, ob nicht Rittelmeyers Magie mit ihren sicheren Versprechungen vollen Erfolges für sie das Richtige sein würde. Ich habe zunächst in einem Zeitschriftenartikel den Gegensatz zwischen Rittelmeyer und evangelischem Christentum klar herauszustellen versucht unter besonderer Betonung, daß Rs Tatgottesdienst eine Wiedererweckung des alten magischen Mysteriums sei und daß es sich hier zu entscheiden gelte. Am kommenden Sonntag wird [Privatdozent] D. Bruhn-Kiel über Theosophie und Anthroposophie sprechen, wie ich annehme, in der sehr abgewogenen und zum Teil anerkennenden Weise, mit der er diesen Gegenstand zu behandeln pflegt. Wir brauchen mithin gerade Ihre Art noch, damit die innere Entscheidung, vor die uns R. gestellt hat, wirklich als solche innere Entscheidung von dem oder jenem vollzogen werden könne. All das Gesagte sollen nur Andeutungen sein, gewissermaßen für die Einleitung des erbetenen Vortrages, der, von Ihnen, sehr verehrter Herr Professor, gehalten, schon von selber die richtige Antithese zu Rs These sein wird.» Bereits im Winter 1922/23 waren Vortragende der Christengemeinschaft nach Lübeck gekommen. An den Lübecker Kirchenrat war man wenig später mit dem Gesuch herangetreten, die Benutzung der St. Jürgen-Kapelle zum Vollzuge einer sog. «Menschenweihehandlung» zu erlauben. Mit Hinweis darauf, daß es sich bei der Christengemeinschaft nicht um eine evangelische Vereinigung handle, wurde das Gesuch jedoch nach einigem Zögern abgelehnt.

Jannasch hatte zu den Rittelmeyer-Vorträgen mehrfach das Wort ergriffen in: Lübeckische Blätter. Zeitschrift der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit, Jg. 65 (1923); dort erschien:.Nachklänge zu den Rittelmeyer-Abenden!, S. 472f. (Nr. 43 vom 28.10.) 📖; Nachklänge zu den Rittelmeyer-Abenden (Entgegnungen 2.), S. 496f. (Nr. 45 vom 11.11.) 📖; Offener Brief an Herrn Klein, S. 511–513 (Nr. 46 vom 18.11.). 📖↩

5
Vgl. die zahlreichen – z. T. gegen Jannasch gerichteten – Leserbriefe, a.a.O., s. 473f.486.497f.523. 📖↩
6
In seiner Sitzung vom 31.10.1923 beschloß das Geistliche Ministerium Lübecks die Gründung einer besonderen Kommission für diese Frage (lt. Mitteilung des Kirchenarchivs Lübeck aus dem handschriftlichen Protokollbuch an den Hrsg.). Dort sollte die Frage geklärt werden, «welche der Rittelmeyer’schen Anregungen zur Hebung oder Vertiefung unseres religiös-kirchlichen Lebens geeignet erscheinen möchten. Dieser Ausschuß, in dem dann Mitglieder des Kirchenrates und des Kirchentages, Geistliche und Laien beiderlei Geschlechtes unter dem Vorsitz des Hauptpastors Lic. Jannasch zusammentraten, und der sich nachmals ‹Ausschuß für Fragen des gottesdienstlichen Lebens› nannte, hat eine Reihe von Sitzungen abgehalten und mancherlei wertvolle Anregungen gegeben …» (Jahresbericht des Kirchenrates für das Jahr 1923 [Lübeck o. J.], S. 7). 📖↩
7
Original im Karl Barth-Archiv, Basel. Dort heißt es weiter: «Ich würde es bedauern, wenn Sie im Ernst gemeint hätten, wir wollten einen Konkurrenzvortrag (? oder wie das Wort sonst heißt, das Sie geschrieben haben) gegen Rittelm.; mir erschien es lediglich wertvoll, den Menschen einmal die ganz andere Seite der Sache zu zeigen, und da erschienen Sie mir als der schärfste Gegensatz zu Rs Magie.»↩
8
Brief vom 13.11.1923 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel). Barths Karte ist nicht mehr erhalten.↩
9
Vgl. den Einladungsartikel [N. N., vermutlich W. Jannasch], Vortrag von Karl Barth, in: Lübeckische Blätter, S. 525 (Nr. 47 vom 25. 11.) 📖: «Am Freitag, 30. November, wird Karl Barth, Professor für reformierte Theologie in Göttingen, in der Aula der Ernestinenschule seinen bereits vor einiger Zeit angekündigten Vortrag über Kirche und Offenbarung halten. Ihn zu hören wird nicht nur denen wichtig sein, die nach den verschiedenen anthroposophischen Darbietungen der letzten Zeit einmal die genau entgegengesetzte Auffassung kennen lernen möchten, sondern allen, denen es darum zu tun ist, die neueste Bewegung nicht nur der evangelischen Theologie, sondern des evangelischen Christentums überhaupt, auf sich wirken zu lassen … Der Vortrag beginnt am genannten Tage um 8 Uhr abends.» Vgl. auch die Ankündigung a.a.O., S. 473 (Nr. 43 vom 28.10).↩
10
Brief Barths an seine Mutter vom 4.12.1923 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel); vgl. auch Bw.Th. II, S. 209 (20.12.1923). 📖↩
11
Bw.Th. II, S. 209. 📖↩
12
Carl Niedner (1875–1960), 1916–1946 Pfarrer an der Friedenskirche in Leipzig-Gohlis.↩
13
Original seines Briefes im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
14
Vgl. W. Jannasch, Art. «Gemeindetag», in: RGG3, Bd. II, Sp. 1345f. 📖↩
15
Allerdings räumte Niedner ein: «Die Formulierung des Themas im Einzelnen ist hier natürlich nur andeutungsweise erfolgt. Wir überlassen es den Herren Referenten selbstverständlich, das Thema selbst genauer zu bestimmen.»↩
16
Original im Karl Barth-Archiv, Basel. «Ihre freundliche Antwort auf meinen Brief war für uns ein schwererer Schlag, als Sie wohl ahnen konnten. Wenn es sicher richtig ist, daß gerade für Sie, hochverehrter Herr Professor, ein Vortrag eine ganz andere Bedeutung hat als für irgend einen Redner sonst in der Regel, so darf ich Sie aber auch versichern, daß gerade auch für uns Ihr Vortrag ohne Zweifel von eminenter, innerer Bedeutung werden würde.»↩
17
Vgl. Brief Niedners vom 28.10.1923 an Barth (Original im Karl Barth-Archiv, Basel): «Empfangen Sie unsern allerherzlichsten Dank für Ihre gütige Zuschrift und Zusage …»↩
18
Bw.Th. II, S. 232 (4.3.1924). 📖 Vgl. Barths Bericht über seinen Aufenthalt in Leipzig a.a.O., S. 232–234.↩
19
Barths Vortrag war der letzte in einer Reihe von vieren unter dem Thema «Die evangelische Kirche in der Krisis der Gegenwart». Nach dem als Postkarte gedruckten Programm (ein Expl. im Karl Barth-Archiv, Basel) waren dem Vortrag Barths vorausgegangen: am 11.1. Prof. Franz Rendtorff (Leipzig) über «Was hat der Kirche in ihrer gegenwärtigen Lage Luther zu sagen?»; am 25.1. Prof. Heinrich Boehmer (Leipzig) über «Die Laienbewegung in der kath. Kirche der Gegenwart und die evangelische Kirche»; am 8.2. Oberkirchenrat und Stadtsuperintendent A. Cordes (Leipzig) über «Die lutherischen Kirchen Nordamerikas und wir».↩
20
Karl Aé (1891–1952), 1920–1926 Pfarrer in Rodewisch (Vogtland), ab 1926 in Dresden, dort ab 1945 Superintendent.↩
21
Brief vom 31.1.1924 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel).↩
22
Karl Fischer (1895–1941), Pfarrer in Lauenstein (Erzgebirge), später in Dresden, wurde zum Führer der Bekennenden Kirche in Sachsen.↩
23
Bw.Th. II, S. 233. 📖↩
24
Ebd. 📖↩
25
Ludwig Ihmels (1858–1933), Professor für Systematische Theologie in Erlangen und (seit 1902) in Leipzig, seit 1922 Landesbischof von Sachsen mit Sitz in Dresden.↩
26
Karl Hennig, derzeitiger Vorsitzender des Theologischen Fachschaftsausschusses an der Universität Leipzig, hatte sich mit einem entsprechenden Schreiben am 27.1.1924 an Barth gewandt (Original im Karl Barth-Archiv, Basel).↩
27
Bw.Th. II, S. 234. 📖↩
28
A.a.O., S. 209 (20.12.1923). 📖↩
29
A.a.O., S. 243f. 📖↩
30
A.a.O., S. 254. 📖↩
31
Vgl. etwa Fr. Rittelmeyer, Die religiöse Krisis und die Anthroposophie, in: Die Drei. Monatsschrift für Anthroposophie, Dreigliederung und Goetheanismus, Jg. 1 (1921/22), S. 889–904 📖 (zu Barths Lektüre dieses Aufsatzes im Februar 1922 vgl. Bw.Th. II, S. 52 📖); S. 897f.: «Man kann nun gewiß wünschen, die religiöse Verkündigung möchte durch sich selbst diese Empfänglichkeit im Menschen wecken und bilden. Tatsache aber ist, daß die religiöse Verkündigung in der Gegenwart bei den meisten Menschen einfach diese Wirkung nicht mehr auszuüben vermag. Der Grund dafür könnte sein, daß der starke Materialismus der Gegenwart gewisse innere Kräfte der Seele schwach und schwächer macht, und daß der herrschende Intellektualismus der Gegenwart, der sein Begleiter ist, diese inneren Kräfte, wo sie sich etwa regen wollen, immer wieder unsicher macht. Gibt es nun eine Erkenntnis des Menschen, die ihn die tieferen Kräfte der Seele, an die sich auch die Religion wendet, in ihrem klaren, notwendigen Zusammenhang mit seiner ganzen geistigen Organisation erkennen und anerkennen lehrt, gibt es eine Erziehung des Menschen, die diese inneren Kräfte zu neuer Entwicklung und Entfaltung bringt, dann würde davon ohne Frage gerade auch die Religion den Gewinn haben. Eine solche Erkenntnis und eine solche Erziehung will die Anthroposophie sein. Das ist ihre Antwort auf die oben geschilderte Not: die Kraftlosigkeit der Religion gegenüber dem modernen Leben.»↩
32
Vgl. etwa a.a.O., S. 899 📖: «Je mehr anthroposophische Erkenntnis vorwärts schreitet, um so klarer ergibt sich, daß der Hintergrund dieser unserer Sinnenwelt eine ungeheuer viel reichere, unerhört lebendige geistige Welt ist. Aus dieser geistigen Welt stammt alles, was unsere Augen schauen. Aus dieser geistigen Welt stammt aber auch alles, was als Kunde von einer höheren Welt in den Religionen lebt. Aus dieser geistigen Welt stammt schließlich vor allem der Mensch selbst, der nicht nur von der geistigen Welt, sondern auch für die geistige Welt geschaffen ist, und der durchaus alle Anlagen in sich trägt, sich dieser geistigen Welt zu verbinden. Das ergibt nun freilich eine ganz andere Begründung der Religion, als sie der Theologie der letzten Jahrhunderte möglich war.» Rittelmeyer spricht weiterhin von dem «höheren Geistesreich», der «höhere[n] Geistesmitteilung Gottes selbst» (ebd.), vom «neue[n] höhere[n] Menschtum» (S. 900); es «will und kann uns die Anthroposophie hinaufleiten zu einem völlig wachen, klaren Schauen, das von den Erkenntniskräften des Menschen zugleich voll durchschaut werden kann, ja selbst erkannt wird als eine Wiedergeburt der menschlichen Erkenntniskräfte auf einer höheren Stufe …» (S. 903). – Vgl. auch oben S. 153, Anm. 39.↩
33
A. Sydow im Vorwort zu dem von ihm aus Schleiermachers handschriftlichem Nachlaß und aus Nachschriften der Hörer hrsg. Band Fr. Schleiermacher, Predigten in den Jahren 1789 bis 1810 gehalten, in: ders., Sämmtliche Werke, 2. Abth., Bd. 7, Berlin 1836, S. VIII 📖: «Abgesehen von der Erbaulichkeit, mit welcher er [Schleiermacher] die Überzeugungen und Erfahrungen eines von dem Erlöser ganz ergriffenen Gemüths ausdeutete und für das Leben fruchtbar zu machen verstand, gewährte er auch als Redner dem empfänglichen Sinne noch einen andern, heutiges Tages so seltenen, geistigen Genuß, nämlich die Anschauung …»↩
34
Über Bettina von Arnim als Predigthörerin Schleiermachers vgl. E. von Willich, Aus Schleiermachers Hause. Jugenderinnerungen seines Stiefsohnes, Berlin 1909, S. 127–135. 📖↩
35
Zu dem auf etruskische Einflüsse zurückgehenden Orakelkult der Haruspices vgl. C. von Orelli, Allgemeine Religionsgeschichte, Bd. 2, Bonn 19132, S. 269. 📖↩
36
Anspielung auf Fr. Schleiermacher, Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern (1799), hrsg. von H.-J. Rothert (PhB 255), Hamburg 1958. 📖↩
37
Vgl. das in einem Brief vom 15./27.8.1811 vom damaligen sardinischen Gesandten in St. Petersburg, Graf Joseph de Maistre (1754–1821), geprägte und berühmt gewordene Wort, das er im Hinblick auf neue Gesetze des russischen Kaisers Alexander I. äußerte: «Toute nation a le gouvernement qu’elle mérite» (Lettres et Opuscules, Bd. 1, Paris 1851, S. 215 📖).↩
38
In der Erstfassung lediglich: «… und dort Einer auf die Schaulust der Masse spekuliert …» Vgl. zu diesem Einschub Barths Rundbrief vom 4.3.1924 (Bw.Th. II, S. 233 📖), wo er von seinem Vortragsaufenthalt in Leipzig berichtet, daß dort «in denselbigen Tagen ein Luther-Film unter dem Jubel aller guten Christen von Läpzich [= Leipzig] rollte».↩
39
In der Erstfassung: «… daß wir, mit Lessing dem Vater in die Linke fallend, jedenfalls auf die …» Vgl. dazu oben S. 120, Anm. 51.↩
40
Von hier an bis zu der Stelle im folgenden Absatz, von dem an die beiden Fassungen wieder übereinstimmen, lautet der Text der Erstfassung: «… – ganz allgemein heute eine Kirche haben, die nur dem Namen nach ecclesia ist, d. h. zusammenberufen durch eine höhere Stimme, in Wirklichkeit aber (daran können alle von konservativer Seite vorgebrachten Klagen und durchgesetzten Präambeln selbstverständlich nichts ändern) eine libera societas, wie einst die englischen Bahnbrecher dieses mod. Gedankens sagten, ein freier Verein religiöser Produzenten und Konsumenten (und das wirklich nicht erst seit gestern), gegründet auf jenes stillschweigende Abkommen, daß eine allgemeingültige Wahrheit hier weder geboten noch erwartet werde? Ohne Wahrheit gibt es keine Gemeinschaft. Was es heißt, wenn die menschliche Gesellschaft nicht mehr Gemeinschaft ist, das beginnen wir heute eben wieder zu begreifen. Es könnte aber sein, daß die Not der menschlichen Gesellschaft mit der bewußten Not der Kirche enger zusammenhinge, als es auf den ersten Blick aussieht. Und sollten es nur wir Menschen, wir heutigen Menschen sein, die unter dieser Lage allenfalls Not leiden, oder sollte es nicht sein, daß durch die Willkür, die ich als das Merkmal dieser Lage bezeichnen möchte, einem viel Höheren Schaden, Gewalt und Frevel angetan wird, nämlich eben jener allgemeingültigen Wahrheit, die durchaus in der Kirche verkündigt und gehört sein möchte? Sollte der Schatten, in dem heute …»↩
41
Vgl. oben S. 150, Anm. 34.↩
42
Die protestantischen Independentisten Englands traten um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert ein für die Kirche als «Gemeinschaft von Gläubigen, die durch einen freiwilligen Vertrag mit Gott sich unter den Gehorsam Gottes und Christi begeben haben» (H. Weingarten, Die Revolutionskirchen Englands. Ein Beitrag zur inneren Geschichte der englischen Kirche und der Reformation, Leipzig 1868, S. 21 📖). Ihre Gemeindebildungen gründeten sich darum «auf die unbedingte Freiheit und Berechtigung des Individuums». «Die Kirche scheint hier gänzlich von der historischen Continuität losgerissen und als Neuschöpfung ihrer jedesmaligen Mitglieder, die bei ihrem Zusammentreten ein Glaubensbekenntniss aufsetzen und einen Covenant unterzeichnen» (S. 32). «In den so beschaffenen Gemeinden kann von einem geistlichen Vorrechte nicht mehr die Rede sein, noch weniger von einer Auctorität weltlicher Gewalten: bei der gleichen Erwählung und der gleichen Gabe des lebendigen Glaubens giebt es in geistlichen Dingen nichts, was Einer dem Anderen oder Allen vorschreiben dürfte. Dies der innere Grund ihres unermüdlichen Eifers gegen jede Prärogative eines geistlichen Amtes; jeder Unterschied zwischen Geistlichen und Laien ist aufgehoben. Nichts ist häufiger bei den älteren Independenten, als ihre Polemik gegen das ‹Pharisäerthum der Zeit›, die gelehrten und schulmäßig vorgebildeten Priester der anderen Kirchen» (S. 28).↩
43
= Allheilmitte.↩
44
Hier endet die Reinschrift in der Mitte von Bogen 6; vgl. die Einleitung.↩
45
Die Fortsetzung des Satzes ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
46
Die Worte «ja mit ihr eins» sind Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
47
Die Worte «theoretisierender», «nicht als interessierter» sind Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
48
Die Worte «durch die Klarheit: Gott kennt dich!, die» sind Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand. Statt ihrer im Mskr. ursprünglich: «das».↩
49
Unmittelbar aktuell waren damals die Folgen des Versailler Friedensvertrages von 1919. Die hohen Reparationsforderungen der alliierten Siegermächte und die Auseinandersetzungen um das Ruhrgebiet führten am Ende des Jahres 1923 zum Höchstpunkt der Inflation in der deutschen Nachkriegszeit. Der Wert des Dollars betrug am Jahresende 1923, im Augenblick der Stabilisierung, 4,2 Billionen Reichsmark. Ende November 1923 kam mit der geplanten Erarbeitung eines neuen Reparationsplanes («Dawes-Plan») eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Lage in greifbare Nähe.↩
50
Die letzten beiden Sätze sind Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
51
Vgl. oben S. 122, Anm. 57.↩
52
Raymond Poincaré (1860–1934), 1913–1920 Staatspräsident, 1922–1924 (nochmals 1926–1929) Ministerpräsident Frankreichs. Als Vorsitzender der Reparationskommission, die Deutschland einen vorsätzlichen Bruch der Reparationsverpflichtungen gemäß dem Versailler Vertrag vorwarf, hatte er maßgeblichen Anteil an der am 9.1.1923 vollzogenen Besetzung des Ruhrgebietes durch französisch-belgische Armee-Einheiten. Die dortige Bevölkerung reagierte mit einem «passiven Widerstand», der erst am 26.9.1923 beendet wurde. In der bis zum Januar 1924 – besonders von Poincarées Seite – heftig geführten Auseinandersetzung um die Reparationsfrage zeichnete sich erst bei der Einbeziehung amerikanischer Vertreter eine Lösung ab.↩
53
Benito Mussolini (1883–1945), Hauptinitiator des italienischen Faschismus, hatte im Oktober 1922 26000 Anhänger zum «Marsch auf Rom» versammelt, womit die Übertragung der Regierung auf faschistische Kreise erzwungen werden konnte. Mussolini wurde Präsident des Ministerrates. Ausschreitungen und Gewalttätigkeiten seiner Gesinnungsgenossen an politischen Gegnern machten 1923/24 immer wieder Schlagzeilen.↩
54
Hugo Stinnes (1870–1924), Großindustrieller, baute in der Inflationszeit den Stinnes-Konzern auf, dem Werke der Schiffahrts-, Papier-, Automobilindustrie u. a. angehörten. Seine Rolle zur Zeit der Ruhrbesetzung war gerade am Ende des Jahres 1923 heftig umstritten (Ausnutzung der Inflation zu Spekulationen, erstrebte Einführung einer längeren Arbeitszeit unter französischem Militärschutz gegen den von den Gewerkschaften geforderten Achtstundentag).↩
55
Dieser Satz ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
56
Vgl. H. Strohl, Marcion: L’Evangile du Dieu étranger, in: Revue d’Histoire et de Philosophie religieuses, Jg. 3 (1923), S. 166 📖, der sich für dieses Urteil beruft auf E. Foerster, Marcionitisches Christentum. Der Glaube an den Schöpfergott und der Glaube an den Erlösergott, in: CW, Jg. 35 (1921), Sp. 809–827 📖, bes. Sp. 817.↩
57
Der Ausdruck scheint von irgendeinem Zeitgenossen auf Barth selbst gemünzt gewesen und dann von ihm und seinen Freunden als geflügeltes Wort gebraucht worden zu sein. Zu seinem 40. Geburtstag am 10.5.1926 erhielt er ein Telegramm aus München mit folgendem Wortlaut: «Dem Führer in den religiösen Wirren herzlichen Glückwunsch. Schriftleitung und Verlag». (Telegramm von Georg Merz und dem Chr. Kaiser Verlag im Karl Barth-Archiv, Basel.)↩
58
Vgl. F. M. Dostojewski, Die Brüder Karamasoff, 5. Buch, Kap. 5. 📖↩
59
Der Relativsatz ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
60
Vgl. die Überschriften über die ersten beiden der drei Teile des Heidelberger Katechismus (1563) 📖: «Von des menschen elend» (BSRK 683,17 📖), «Von des menschen Erlösung» (685,22).↩
61
Die Satzteile «ist, das Alle und Niemand angeht» und «Auge in Auge» sind Bleistiftnachträge im Mskr.↩
62
Dieser Satz ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
63
E. Schikaneder / W. A. Mozart, Die Zauberflöte, 2. Aufzug, 32. 📖 Auftritt.↩
64
Der sog. «reformatorische Durchbruch» Luthers, dessen literarische Zeugnisse spätestens auf die Jahre 1514/15 deuten, vollzog sich im Wittenberger Kloster, wo ihn die Frage nach dem gnädigen Gott (vgl. oben S. 239, Anm. 84) und der iustitia Dei umtrieb.↩
65
Der Satzteil «dieses Objekt» bis «Immanuel» ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
66
Die letzten beiden Sätze sind Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩
67
= Dienstanweisung.↩
68
Zu dieser für Zinzendorf charakteristischen Wendung vgl. K. Barth, Das christliche Leben. Die Kirchliche Dogmatik IV/4, Fragmente aus dem Nachlaß. Vorlesungen 1959–1961, hrsg. von H.-A. Drewes und E. Jüngel, Zürich 1976. 19792, S. 304f., Anm. 75. 📖↩
69
Vgl. Symbolum Nicaenum, BSLK 27,7. 📖↩
70
Fr. W. Foerster, Christus und das menschliche Leben, München 1922. 19512. 19533. 📖↩
71
Dieser Satz ist Bleistiftnachtrag am Mskr.-Rand.↩