Die Kirche und die Offenbarung
DIE KIRCHE UND DIE OFFENBARUNG
309 «Dankbar wäre ich Ihnen, wenn an irgendeiner Stelle Ihres Vortrages zum Ausdruck
käme, daß er durch die von
Über die mangelnde Resonanz in
Am 5. Dezember 1923 wiederholte
Für Leipzig hatte schon am 19. Juli 1923 Pfarrer
Nach Bekanntwerden der Zusage Barths für Leipzig hatte Pfarrer
Der Vortrag «Die Kirche und die Offenbarung» war von Barth
ursprünglich zur Veröffentlichung in «Zwischen den Zeiten» vorgesehen und
offenbar vom Schriftleiter
Der Befund an dem im Karl Barth-Archiv vorhandenen Manuskript spiegelt die Entstehungsgeschichte wider. Es liegen vor:
1. Ein mit Tinte geschriebenes, nicht in die Paginierung einbezogenes Thesenpapier mit der Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung (Inhaltsübersicht)», im folgenden an der Spitze des Vortrags abgedruckt.
2. Ein 30 Seiten langes, mit Tinte geschriebenes Manuskript mit der
Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung. Lübeck 30. Nov. 1923. Dieses Manuskript enthält Unterstreichungen mit Tinte – im Druck durch
Kursivsatz wiedergegeben – sowie zahlreiche weitere Unterstreichungen mit
Bleistift, offensichtlich zur Erleichterung des mündlichen Vortrags, die im
Druck vernachlässigt werden. Ferner enthält es am Rand eine größere Anzahl von
Textzusätzen, ebenfalls mit Bleistift geschrieben. Diese sind im Druck in den
Text eingefügt, aber durch Anmerkungen als Zusätze kenntlich gemacht. Man
könnte vermuten, daß diese Bleistiftzusätze
3. Eine Manuskript-Reinschrift mit der offensichtlich für die
geplante Veröffentlichung bestimmten, über vier Zeilen verteilten
Überschrift «Die Kirche und die Offenbarung. Vortrag, gehalten in
Die folgende Wiedergabe bietet die beiden Fassungen der Einleitung |313 zweispaltig: links die ursprüngliche Version, rechts die der Reinschrift. Von der Stelle an, wo der zweispaltige Druck in normales Schriftbild übergeht, stimmen Erst- und Reinschrift im wesentlichen überein. Der Abdruck folgt der Reinschrift bis zu deren Ende (bei Anm. 44). Nennenswerte Differenzen sind in den Anmerkungen notiert.
Vom Hrsg. eingeführte Absätze sind mit einem senkrechten Strich (|) gekennzeichnet.
Die Kirche und die Offenbarung
(Inhaltsübersicht)
- Kann die christliche Kirche, als Erzeugnis des religiösen Erlebens der Menschen aufgefaßt, wirkliche Gemeinschaft, d. h. Gemeinschaft in der Wahrheit sein?
- Vermag sie, in derselben Bedeutung verstanden, zu erbauen, d. h. Trägerin eines prophetischen Wortes an die Zeit zu sein?
- Die Verneinung dieser Fragen kann den Sinn haben, daß der religiöse Mensch als solcher sich unter das Gericht Gottes stellt.
- Die Verneinung dieser Fragen wäre dann identisch mit der Besinnung auf die durch die Taufe konstituierte Kirche.
- Diese, die wahre christliche Kirche ist die Gemeinschaft der im Gericht Begnadigten. Ihr immer aufs neue zu erkennender Grund ist nicht das religiöse Erleben der Menschen, sondern das an die Menschen gerichtete göttliche Offenbarungswort.
- Dieser Grund der wahren christlichen Kirche ist grundsätzlich das Ende des christlichen Subjektivismus und die Voraussetzung einer wirklichen christlichen Prophetie.
- Aber die Erkenntnis des Gerichts, der Taufe, des göttlichen Offenbarungswortes heißt Glaube. Und der Glaube ist das Werk des heiligen Geistes.
| [ursprüngliches Vortragsmanuskript] | |
| Bei der mir zuteil gewordenen freundlichen Einladung, hierher zu kommen,
bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, daß 314| vor nicht langer Zeit Herr Dr. |
|
| [fragmentarische Reinschrift] | |
| I | [I] |
| «Meinen eigenen Faden spinnen werde» – kein guter
Ausdruck, gar nicht passend zu dem, was ich heute sagen
oder vielmehr gesagt sein lassen möchte. Aber leider sehr passend zu der
allgemeinen Lage der Kirche oder dessen, was heute so heißt. Dieser
allgemeinen Lage kann ich mich so wenig entziehen wie sonst jemand: Wer
heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der 317| steht unter dem Gericht des Wortes: «Einen
jeglichen dünken seine Wege rein» [ |
Wer heute in christlichen Dingen das Wort ergreift, der tritt
unvermeidlich in den Schatten des Wortes: «Einen jeglichen dünken seine Wege rein». Seinen Faden spinnt er,
sein Sprüchlein sagt er, seine Fahne
trägt er, der Eine diese, der Andere jene. So empfindet er den Vorgang
selber, so wird es auch von ihm erwartet. Die Gestalten der jeweils
auffallendsten christlichen Redner und Schreiber wechseln und mit ihnen die
Parolen und sog. «Bewegungen»; vor zwanzig Jahren waren es andere als heute,
und vielleicht schon in zehn oder fünf Jahren werden es wieder ganz andre
sein. Aber daß sie Diese und Jene sind, nicht die Vertreter einer Sache, daß sie dieses und jenes vorbringen, das Ihrige,
Etwas, nicht das Eine, das scheinen sie alle fast hoffnungslos miteinander
gemein zu haben. Lebt nicht jeder von ihnen von der Dringlichkeit, dem Ernst
und Pathos seiner «Schau», seines
Anliegens? Ist er nicht wie selbstverständlich umgeben von der Frage, was er
etwa Neues, Originelles, Selbsterlebtes und -gedachtes zu bieten haben
möchte, oder in welcher neuen Form wenigstens das Altbekannte, in welcher
persönlichen Prägung das Allgemeine, in welchem eigenartigen Gang die
gewohnten Gedanken? Was würde aus ihm, wenn eines Tages durch ein göttliches
Straf- und |318 Reinigungswunder dieser ganze Glanz
des Neuen, Eigenen, Persönlichen von ihm abfallen, die anonyme «Stimme»
eines Predigers in der Wüste [vgl. |
Aber ist das nicht das Licht, in das sich heute mehr oder weniger auch jeder Pfarrer gesetzt sieht, ob er es will oder nicht, wenn er es nicht etwa, was auch nicht selten ist, vorzieht, sich mit Emphase selber in dieses Licht zu setzen? Was weiß und erwartet man von den Vertretern der Kirche, als daß eben ein jeder je nach Persönlichkeit, Gabe, Einstellung und Geistesrichtung sich selber sei und im besten Sinn sich selber darstelle? Und dem entspricht dann, billigerweise in derselben Freiheit, die Stellung, die man ihnen gegenüber einnimmt. Kann oder will der christliche Redner nicht über seinen eigenen Schatten springen, wie sollten es dann die Hörer etwa wollen oder müssen?
Eine Predigt oder ein Vortrag über ein christliches Thema bietet heute
normalerweise, wenn die außerordentlichsten Erwartungen von beiden Seiten in
Erfüllung gehen, das, was einst von der Kanzeltätigkeit
Muß ich zu diesem Stand der Dinge in der Kirche erst das
Ausrufzeichen setzen, oder spreche ich nicht aus, was wir sicher alle gelegentlich
|319 schon gedacht haben, wenn ich sage: Von Gott und göttlichen Dingen reden und hören –
und jeder seinen eigenen Faden spinnen, jeder in besten Treuen
sich selbst produzieren, sein Anliegen
vorbringen, oder, vom Standpunkt der Hörer aus betrachtet: Jeder das, nein den annehmen oder ablehnen, der ihn anspricht
– da kann doch wohl etwas nicht in Ordnung sein, und wenn der Mann
«Was wollt ihr Theologen eigentlich von uns und was sollen wir mit euch, wenn ihr uns das, wenn ihr uns nur von euch selbst erzählen wollt?», könnte ein ehrlicher Grobian uns ins Gesicht sagen, sicher im Namen Vieler, die es sich längst zum Gewohnheitsrecht gemacht haben, alle Reden über die Religion36 als unbeträchtliche Sache mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit links liegen zu lassen. Aber der ehrliche Grobian ahnt nicht, daß die Unbeträchtlichkeit dieser Sache ihn mehr angeht, als ihm lieb sein würde zu hören. Es geht wirklich nicht, sie allein auf uns arme, an der Verlegenheit freilich nächstbeteiligte Theologen zu schieben. Die Völker haben die Regierungen und die «Laien» haben die Theologen, die sie verdienen.37 Wir haben es, wenn das Beden|320ken, das uns aufgestiegen ist, nicht grundlos ist, mit einem Widerspruch, mit einer Not im innersten Wesen der heutigen Kirche zu tun, in die wir – die Sachverständigen und das Publikum wissen es nicht so recht wie – alle miteinander einmal oder allmählich hineingekommen sind, und besser als gegenseitige Anklage dürfte der Versuch sein, sie zunächst einmal zu überschauen und zu verstehen.
Ist das Himmelreich unter uns – soviel an der Kirche liegt wenigstens – nicht gleich dem Anzeigenteil einer Tageszeitung, in dem hier Einer seinen altbewährten Kramladen, dort Einer sein neuerfundenes Universalmittel anpreist, hier Einer auf die Aufmerksamkeit der Gebildeten und dort Einer (etwa mit Hilfe eines Lutherfilms!)38 auf die Schaulust des Pöbels spekuliert, während der ernste, weltfremde Amtsstil behördlicher Bekanntmachungen verrät, daß auch das Objektive, allgemeingültige Ansprüche und Verheißungen inmitten dieses Chaos wenigstens auf dem Papier stehen? Ich denke, ich brauche das Gleichnis nicht zu deuten. Es gab Zeiten, da wurde im Namen des Christentums gestritten, gebannt und verbrannt. Man hat diese Zeiten oft beklagt, und wer wollte sie zurückwünschen? Aber das besondere Gericht, unter dem die Kirche offenbar damals stand, darf uns nicht hindern, unseren Vätern zu Gute zu rechnen, daß ihre Streit- und Verketzerungssucht aufs Engste zusammenhing mit ihrer, wenn wir wollen, naiven Ansicht, daß es im Christentum nicht um beliebige Inwendigkeiten, sondern um die Wahrheit, nicht um Diesen oder Jenen, sondern um den Einen Gott gehe.
Welche Meinung vom Christentum aber äußert sich darin, daß es heute eine von
Theologen und Laien mit friedfertigem Achselzucken hingenommene, ja mit den
verschiedensten hochchristlichen Argumenten beschönigte Selbstverständlichkeit
ist, daß man in einer Kirchgemeinde, in einem Pfarrkollegium, in einer
theologischen Fakultät, in einer Landeskirche alles Andere, nur keine
Wahrheitsgemeinschaft, nur keinen Tempel des Einen Gottes zu finden erwarten darf?
Doch nicht etwa die allerdings oft gehörte Meinung, daß unser moderner
Protestantismus eben innerlich so unerhört frei, reich und lebendig und nicht wie
|321 die katholische Kirche – Sie kennen das
Schlagwort, das nun kommt – ein «Friedhof» sei? Darf man vom Friedhof so
leichtfertig und geringschätzig reden, wenn man auch nur von ferne weiß, mit was
man es im Christentum zu tun hat? Geht es im Christentum, wie doch wohl auch wir
Protestanten meinen sollten, um ewige Dinge, ist es dann nicht
allenfalls noch besser, die Kirche gleiche einem Friedhof als einem Jahrmarkt,
einer «Mustermesse» von Richtungen, Standpunkten und «edelsten Lebensäußerungen»,
von persönlich oder kollektiv vorgetragenen Heilsbotschaften von irgendwoher, von
unbefugt und unkontrolliert rumorenden, wichtigtuerisch in allerhand Fraktionen
und Fraktiönchen auseinanderlaufenden Gruppen und «Kreisen»? Will man aber
durchaus und mit protestantischer Begeisterung gerade diesen allgemeinen Jahrmarkt
haben, warum sieht dann nicht jeder Einzelne, der daselbst sein einzelnes Wesen
treibt, jeder Neuankömmling, der durch Aufrichtung einer weiteren eigenen Fahne
die Verwirrung und das Getöse noch vermehrt, wenigstens ein, daß er eben damit,
mit seinem Sonderunternehmen und Sonderanspruch, die Tatsache, daß es mit Christentum um ewige Dinge geht, in
Abrede stellt, und meinte er es noch gut und stünde der Name
Ich muß noch einmal etwas zur Situation sagen: Ist das nicht eine Not für mich, daß ich hier vor Ihnen stehe und ganz und gar nicht damit rechnen kann, ich sei von der Erwartung umgeben: hier wird die Wahrheit Gottes geredet werden, nicht etwa darum, weil ich dies und das er|322lebt und erarbeitet habe, beweisen, erklären und eindringlich sagen kann, sondern ganz banal darum, weil von einem rechtmäßig berufenen Lehrer der christlichen Theologie von Seiten christlicher Zuhörer etwas Anderes doch nicht erwartet werden kann, wer er auch sei und wie gut oder schlecht er im Übrigen seine Sache machen möge! Stattdessen ist jetzt Alles auf mein Denken und Reden gestellt, als ob es sich um mich und meine Sache handelte und als ob das für die Güte dieser Sache nicht höchst verdächtig wäre. Ist das nicht eine Not auch für Sie, daß die Möglichkeit jener Voraussetzung Ihnen fast ungeheuerlich vorkommen muß, daß Sie mich, wenn Sie klug sind, auch nur mit jener Reserve anhören können, die einem von den Vielen gegenüber (und was kann ich anderes sein?) nur zu berechtigt ist, die aber doch eigentlich unberechtigt, ja geradezu verboten sein müßte, wenn das Votum eines christlichen Lehrers die Stimme der Kirche, die Stimme der Kirche die Stimme des Christentums, die Stimme des Christentums die Stimme der Wahrheit Gottes sein sollte? Und ist das nicht eine Not, daß das das Verhältnis ist, nicht nur zwischen Ihnen und mir, sondern, ich wiederhole: zwischen jedem Pfarrer und seiner Gemeinde, zwischen jedem Kanzelredner und seinem Publikum, muß man leider sagen? Ist das nicht eine Not, in diesen Zeiten äußerer und innerer Bedrängnis doppelt schwer, daß wir – sehr im Gegensatz zu dem Geschlecht etwa, das den dreißigjährigen Krieg erlebte40 – die Kirche nicht haben, die wirklich eine ecclesia wäre, |323 zusammenberufen und zusammengehalten als Gemeinschaft durch jene höhere Stimme, statt dessen – alle durchgesetzten Präambeln41 und anderen Fiktionen können daran nichts ändern – eine libera societas42, einen freien Verein religiöser Produzenten und Konsumenten, gegründet auf jene stillschweigende Übereinkunft, daß der Anspruch allgemeingültiger Wahrheit in ihrer Sphäre als Anmaßung und Gefahr zu schweigen habe.
Täuschen wir uns nicht: Eben dieser Anspruch allgemeingültiger Wahrheit, er allein könnte überhaupt Gemeinschaft begründen. Leiden wir Menschen nicht darum Not, weil jener Anspruch schweigen muß unter uns und weil damit dem Grund, aus dem wir leben, Schaden, Gewalt und Frevel angetan ist? Oder sollte der Schatten, in dem heute mit unserer Christlichkeit unsere ganze Menschlichkeit steht, nicht etwa mindestens auch der Schatten dieser gerade im Heiligtum beharrlich und mit erhobener Hand verübten Majestätsbeleidigung sein?
Ich möchte mit dem allem in einer ersten Form die Frage aufwerfen, die das eigentliche Thema meines Vortrags ist. Beachten Sie wohl: um eine Frage handelt es sich. Ich meine nicht, als Tausendunderster im Be|324sitz der rettenden Panazee43 zu sein, die dem Wirrwarr ein Ende bereiten würde, wenn man mir sie nur abnähme. Nicht eine Antwort besitze ich, aber eine Frage bewegt mich, von der ich wohl möchte, daß sie Sie auch bewegen würde: Was dann, wenn uns diese unsere heutige Kirche, dieses unser heutiges Verhältnis zwischen christlichen Hörern und Rednern etwa eines Tages wirklich und unausweichlich als Not, also gar nicht mehr wie dem 18. Jahrhundert, dessen Kinder wir in christlicher Beziehung alle sind, als Licht, sondern als Finsternis, Krankheit und Armut erscheinen sollte? Wo werden wir dann stehen, wenn wir eines Tages dem ganzen Fädenspinnen, Pläneschmieden, Vorschlägemachen, Fahnenaufpflanzen hoch- und weniger hochbegabter Individualitäten, das für die heutige Kirche (im weitesten Sinn des Wortes) so charakteristisch ist, nicht nur mit jenem leisen, heute schon empfundenen Mißtrauen gegenüberstehen, sondern Beide, die Redner und die Hörer, an dem Sinn dieser Möglichkeit etwa verzweifeln sollten?
II
Lassen Sie mich diese Frage zunächst in einen größeren Zusammenhang stellen: Die eben gezeichnete Verlegenheit ist, wenn ich recht sehe, nur der Ausdruck einer Not, die viel tiefer und weiter greift. Es könnte ja sein, daß jenes bunte Chaos von religiösen Eigenwilligkeiten sein verhältnismäßiges Recht hätte in der subjektiven Wahrhaftigkeit, in der da tatsächlich geredet, und in der subjektiven «Erbauung», die da tatsächlich - wer wollte das bestreiten? – gefunden wird, daß das Licht, das bei solchem Mitteilen und Empfangen sichtbar wird, wenn es auch nicht das ewige, göttliche Licht ist, doch als zeitliches, menschliches Licht seinen guten Dienst tut und geradezu ausgelöscht zu werden darum doch nicht verdient. Es könnte ja auch eine Kirche geben, die, vielleicht nicht eben in einem klaren Verhältnis zum Christentum stehend, vielleicht ohne den ernstlichen Anspruch darauf, eine Stätte der Wahrheit zu sein, dennoch ein recht erfreuliches, für die Gesellschaft wertvolles, für unzählige Einzelne trost- und segensreiches Institut sein könnte. Was hindert |325 schließlich, daß ein jeder Vogel seine Melodie singt, wenn es nur eine gute, freundliche Melodie ist?
Das ist eine Voraussetzung, die man in der Tat machen kann, und da wir alle den bezeichneten Zustand ohne allzu ernstes Murren ertragen haben und noch ertragen, scheinen wir diese Voraussetzung bewußt oder unbewußt wirklich gemacht zu haben. Es fragt sich, ob wir sie ruhigen Herzens und Gewissens fernerhin machen können. Sie könnte ja auch erschüttert, diese Rückzugslinie uns abgeschnitten sein.44
Was meinen wir denn damit, wenn wir ein religiöses Wort als erbaulich, wertvoll, trost- und segensreich bezeichnen? Ein religiöses Wort, wie anspruchslos es auch auftreten und entgegengenommen werden mag, ist auf alle Fälle ein Wort, das ein überlegenes, ein letztes Wissen auszudrücken scheint. Setzen wir einmal voraus, daß dieses Wissen ein in Beziehung auf seinen göttlichen Gegenstand begründetes und gesichertes Wissen sei. Dann muß es aber an dem Kriterium sich messen lassen, ob es als überlegenes, als wirklich religiöses Wissen nicht nur ein Wissen um Gott, sondern gleichzeitig und ebenso begründet und gesichert ein Wissen um den Menschen ist. Wer wirklich weiß, was es um Gott ist, der muß ja auch wohl wissen, was es um den Menschen ist. Was der Mensch, an den er sich mit seinem religiösen Wort wendet, ist und nicht ist, tut und tun sollte, das muß so klar vor seinem inneren Auge stehen wie das Wesen und Walten Gottes selber. Will er ihm von Gott reden, dann muß er ihn selbst anreden; darin muß es sich bewähren, daß er ihm wirklich von Gott redet. Und in dieser Bewährung dürfte dann die Erbaulichkeit eines religiösen Wortes bestehen.
Oder ist es nicht so: wo uns von Gott und göttlichen Dingen geredet wird, da
horchen wir, wenn wir auch noch so oft enttäuscht wurden, mit einer gewissen
qualifizierten Aufmerksamkeit auf, nicht wegen des interessanten Themas, sondern
weil wir ohne besondere Erklärung verstehen: es könnte sein, daß da wir selber angeredet werden. Das ist das immer wieder Einschlagende oder
doch Geheimnisvolle jeder Nennung des höchsten Namens, jedes religiösen Wortes
überhaupt, daß wir dabei sofort an den letzten Zusammenhang unserer Existenz
erinnert werden, daß dabei die Möglichkeit auftaucht, in diesen letzten
Zusammenhang unserer Existenz möchte durch das, was wir hören, Licht und Bewe|326gung kommen. Der Mann da vorne, der Mann da
oben auf der Kanzel scheint etwas zu wissen, nicht von Ideen – und wäre es die
Gottesidee –, nicht von einem Hohen oder Höchsten, das uns aber vielleicht nichts
angeht, sondern von dem, was uns am nächsten angeht, von uns selbst, von unserem Leben, und zwar von unserem ganzen
Leben, wie es ist, ohne die Trennung von Gedanken und Taten, von
Innerlichem und Äußerlichem, Seelischem und Leiblichem, Persönlichem und
Allgemeinem, so wie wir es eben tatsächlich leben, nicht vom Menschendasein an
sich, sondern von unserem Dasein hier in diesem Augenblick. Dieses unser Leben
scheint er zu kennen. Er sieht, deckt auf, beleuchtet, deutet, was da ist in den Verwicklungen unserer täglichen Erfahrung, im Geschehen des
Tages, zu dem ebensogut das öffentliche wie das private wie das rein inwendige Tun
und Leiden der Menschen gehören kann. Er trifft uns, indem er uns das wahre, gute,
gerechte Wesen der Dinge zeigt und unseren Abfall und den Weg der Rückkehr und
Genesung. Er straft und belehrt und ermahnt uns, er erschreckt und demütigt uns,
und er gibt uns Hoffnung und klare Weisung – aber immer uns selbst, immer so, daß wir nicht etwa ausweichen und auf ein anderes
Gebiet uns flüchten können, weil er uns gerade dort anredet, wo wir zu Hause sind,
ohne uns entschuldigen zu können: in unserer Sorge und unserem Zorn, in unserer
Mühsal und Ratlosigkeit oder Sicherheit und Begeisterung, in unserem Lieben und
Hassen, wie es wirklich ist und welchen Namen
es auch trage. Warum erwarten wir solches Erkannt- und Getroffen- und Bewegtwerden
von ihm? Darum, weil er den Namen des Höchsten genannt und uns damit spannungsvoll
vor die Möglichkeit eines höchst überlegenen, unser Woher? und Wohin?, unser Sein
und Sollen taghell klärenden Wortes gestellt hat45, eines Wortes, durch das
wir – und darauf warten wir – erkennen möchten, daß wir von Gott erkannt sind
[vgl.
Durch ein solches Wort haben sich die Propheten Israels als wirkliche Propheten legitimiert. Und wir wissen recht gut, nur zu gut, daß das auch heute die einzig mögliche Legitimation des religiösen Wortes wäre. Wo immer in all den verschiedenen Versuchen, von Gott zu reden, ein ehrliches Bemühen ist, da ist es das Bemühen, die Rede über Gott zu einer Anrede an den Menschen werden zu lassen. Wo immer in dem vielen |327 Hören nach allen Seiten ein aufrichtiges Verlangen ist, da ist es das Verlangen, so, von daher angeredet zu werden. Und wo immer man sich der Überzeugung immer noch hingeben kann, daß solches Bemühen des religiösen Redners etwa von Erfolg gekrönt sein, solches Verlangen des Hörers etwa auf seine Rechnung kommen werde, wo man also wirklich im Ernst meint, etwas in diesem tiefen, realen Sinn Erbauliches bieten und entgegennehmen, also ohne weiteres in die Fußstapfen der Propheten und ihrer Hörer eintreten zu können, da mag denn in der Tat jene Voraussetzung immer noch in Kraft stehen, da mag man sich auch durch die alarmierende Tatsache des allgemeinen Durcheinanders der verschiedenen Prophetenstimmen keine oder wenig Sorge erwachsen lassen.
In der Tat, was braucht mich das zu bekümmern, solange ich als Redner überzeugt
bin, daß meine Stimme wenigstens fähig ist,
legitimierte Reden über Gott zu führen, oder als Hörer, daß die
Stimme wenigstens, die ich höre, legitimierterweise von Gott
redet? Aber eben das fragt sich, ob irgend jemand, ob Redner
oder Hörer, heute mit Recht dieser Überzeugung sein kann. Keine
Gewißheit des Ernstes, mit dem wir reden, oder der Erschütterung, die wir aus
solcher Rede empfangen, kein noch so großer Tiefsinn dessen, was wir sagen und
hören, darf uns hindern, mit jenem Kriterium sehr genau umzugehen. Ob wir vor ihm
bestehen, darüber müssen die Tatsachen entscheiden. Ist das, was heute von Gott
gesagt und gehört wird, gesagt und gehört werden kann, – eine
Anrede an den wirklichen heutigen Menschen? Ist das, was der Mann da vorne oder da
oben auf der Kanzel sagt, glaubwürdig und ernsthaft in dem Sinn, daß er eben
tatsächlich weiß, wie es um uns steht, weiß um
unsere Schuld oder Rechtfertigung oder beides, weiß um das Ende
oder den besseren Neuanfang, dem wir entgegengehen, weiß um das
eigentliche Geschehen in der Tagesgeschichte, wie sie sinnbetörend, atemberaubend,
herzbeklemmend um uns her, nein mit uns selber spielt wie die Brandung mit Sand
und Muscheln? Weiß er, woher sie kommt und wohin sie führt,
diese Tagesgeschichte, und weiß er, was unsere ganz bestimmte
Stellung in ihr ist, was ihr Sinn ist, dem wir uns mit ganzer Liebe zuzukehren,
und ihr Unsinn, von dem wir uns mit ganzem Abscheu abzukehren haben? Was gilt mir
sein angebliches Wissen von Gott, wenn er das alles etwa nicht weiß oder nicht
mehr davon [weiß], als auch die Gottlosen wissen? Kennt er den Menschen, den
heutigen Menschen, |328 dessen Existenz nun einmal
rettungslos in diese Tagesgeschichte verwickelt, ja mit ihr eins46 ist,
kennt er ihn also von außen und von innen, von innen und von außen, nicht als theoretisierender Zuschauer, nicht als
interessierter47 Betrachter und
Analysator, nicht wie die Psychologen und Literaten ihn kennen, sondern so, wie er
ihn kennen muß als der, der es gewagt hat, ihm von Gott zu
reden, also so, daß er im Falle ist, durch sein Wort für seine Seele zu sorgen, wie sein schöner Titel lautet, so daß er ihn begreift, nicht nur betastet, sondern begreift und eben damit bewegt, bewegt zur Gerechtigkeit und zum Heil durch das Wissen
von Gott, durch die Klarheit: Gott kennt dich!, die48 er ihm mitteilt?
Ist sein Wort von Gott ein Wort zur Lage – und wie sollte ein Wort von Gott etwas
Anderes sein –, ist es (ich brauchte vorhin schon den Ausdruck) ein aufdeckendes
Wort, aufdeckend (wieder muß ich konkret werden) z. B., wo der große Fehler in der
Rechnung sitzt, dessen Opfer das deutsche Volk heute auf alle Fälle geworden
ist49: wer hier
gesündigt hat und inwiefern hier gesündigt worden ist und in was heute Umkehr und Erneuerung bestehen müßte? Das ist’s, was
der von Gott angeredete deutsche Mensch der Gegenwart heute offenbar hören müßte.
Ist die Kirche in der Lage, es ihm zu sagen?50
Getraut sich ihr Vertreter wirklich etwas zu sagen z. B. über
Recht und Unrecht im Kommunismus, über das Gottlose und Verheißungsvolle eines
Unternehmens wie des Völkerbundes51, oder rückwärtsblickend, aber für die Gegenwart: über Wahrheit und
Irrtum bei der Bismarckschen
Reichsgründung? etwas zu sagen über die rätselhaften Masken, hinter denen sich
unsere ein|329zelnen, scheinbar oder wirklich
führenden Zeitgenossen verbergen, über einen Mann wie
Aber nicht wahr, wir wissen ja, was wir zu halten haben von der Vollmacht und
Sendung gerade der Lautesten unter denen, die wir diesen Prophetenweg antreten
sehen, als ob der Herr sie gesandt hätte. Geht es uns mit ihren Gerichts- und
Heilsweissagungen, mit ihren Anklagen und Wegweisungen nicht wie Hiob mit denen
seiner Freunde: «Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und
[ich] habe es verstanden. Was ihr wisset, das weiß ich auch und bin nicht geringer
denn ihr. Doch wollte ich gern zu dem Allmächtigen reden und
wollte gerne mit Gott rechten. Aber ihr deutet es fälschlich und seid alle unnütze
Ärzte. Wollte Gott, ihr schwieget, so wäret ihr weise» [
Wieder bin ich damit bei meiner Frage angelangt, wiederum mit
der ausdrücklichen Warnung vor der Meinung, als werde ich die tröstliche Antwort
nachher schon noch irgendwie geben können. Nein, ich weiß keinen Weg, wie wir zu
der prophetischen, d. h. zu der das Leben begreifenden, den Menschen treffenden,
die Zeit deutenden und eben dadurch legitimierten religiösen Rede wieder kommen
können. Meine Frage ist wirklich eine Frage, und sie lautet, nun allgemeiner: Was
dann, wenn uns allen die Augen aufgehen sollten nicht nur für die Sinnlosigkeit
jener Willkür, mit der jeder seinen Faden spinnt in der Kirche, sondern nun auch
für die tiefer liegende Aussichtslosigkeit, hier überhaupt etwas
zu wollen, für die Unmöglichkeit des Unternehmens religiöser
Rede überhaupt, für die Schranke, die dem Menschen dadurch gesetzt scheint, daß er
wohl sachlich, ordentlich und glaubwürdig zu reden weiß über Sozialfürsorge,
Landerziehungsheime und Alkoholfrage, noch besser wohl über
III
Dann – und hierhin wollte ich Sie zunächst führen –, dann stellt sich die Kirche eben mit dieser Erkenntnis unter das Gericht. Die Kirche: d. h. zunächst alle diejenigen, die sich diesen Illusionen einer religiösen Gemeinsamkeit und eines religiösen Besitzes hingegeben haben, alle diejenigen, denen Gott unter der Hand zu einem Objekt menschlicher Taten und Unternehmungen geworden ist. Das dürfte uns alle angehen. Aber nicht nur heute; denn es wird dafür gesorgt sein, daß wir das in irgend einem Maße immer wieder tun. Aber nicht etwa nur die Pfarrer sind gemeint, wenn ich sage: die Kirche. Nicht nur die zahlreichen berufenen und unberufenen «Führer in den religiösen Wirren der Gegenwart»57. Sie, wir Theologen, haben sie ja nicht erfunden, wir haben sie nur ausgeplaudert, die große verhängnisvolle Verwechslung, die mit je|334ner Erkenntnis ins Gericht kommt. Womit nicht geleugnet sein soll, daß jene hochgemute Art, Gott und das Göttliche sozusagen in Pachtbetrieb zu nehmen und darüber zu verfügen, als ob es sich da um eine «Sache» handle, eine besondere Theologen- und überhaupt Wortführersünde ist. Aber die anderen, die Zuhörenden, die Geführten, die Gemeinde, die sog. «Laien», die Gebildeten vor Allem, aber ich möchte selbst die kirchenfeindliche Opposition im Proletariat nicht ausnehmen, sie sind hier mitverantwortlich. Ob die Kirche bejaht oder verneint wurde, ob man eifrig an ihrer zeitgemäßen Verbesserung arbeitete oder ob man sich begnügte, sie untätig zu kritisieren, ob man an ihre überlieferten Formen sich festklammerte oder ob man mehr oder weniger stürmisch das Betreten neuer Wege von ihr forderte, man meinte doch von allen Seiten die Gemeinschaft der religiösen Menschen mit dem, was sie sind und haben und was sie einander und der Gesellschaft allenfalls bieten können. Man liebte sie, wie man eben ein ehrwürdiges, wertvolles und gesegnetes Werk der menschlichen Gemeinschaft zu lieben pflegt. Man beharrte bei ihrer Vergangenheit mit demselben bedächtigen Konservativismus und man korrigierte an ihr herum mit demselben unruhigen Fortschrittsgeist, den man wahrscheinlich entsprechend auch als Staatsbürger betätigte. Man verteidigte sie, wie man auch die gute Sache der Bildung oder der Sittlichkeit verteidigte, und oft in demselben Atemzuge mit diesen, und man bekämpfte sie wiederum im gleichen Atemzug etwa mit Kapitalismus und Militarismus. Diese Kirche nun, diese Menschenkirche (die offener- oder heimlicherweise auf dem Boden des Naturrechts steht) – aber ich wiederhole: mit dieser Kirche sind wir alle, wie wir auch leben mögen, solidarisch; denn wir haben sie so gewollt und geglaubt, wir sind diese Kirche und werden sie in bestimmtem Sinn immer wieder sein –, diese Kirche kommt ins Gericht, wenn die Frage nach der religiösen Gemeinsamkeit und die Frage nach dem religiösen Besitz wirklich akut wird. Und aus diesem Gericht kommt sie nicht wieder heraus und soll es auch nicht.
An diesem Punkt wartet nun eine befreiende Einsicht auf uns. Aber nur auf diejenigen, die die Frage, die Kirchenfrage ganz ernst genommen haben. d. h. nur auf diejenigen, die ganz genau wissen, was für ein dringendes, brennendes Anliegen es ist, daß unter uns Menschen von Gott geredet und gehört werde – die dann aber auch das Andere wissen: das eben ist unmöglich, darum gerade sind wir zu Schanden geworden und |335 werden wir immer wieder zu Schanden werden, wie wir uns auch drehen und wenden mögen. Wem die gestellte Frage leichter, einfacher erscheint als so, sei es, weil er das Anliegen gar nicht kennt oder aber die Unmöglichkeit seiner Erfüllung ihm verborgen ist, der wird auch das Befreiende als solches nicht einzusehen vermögen, das eben da auf uns wartet, wo nur das Gericht übrig bleibt.
Und es ist zweitens zu solcher Einsicht nötig, daß man die
Kirchenfrage nicht als Zuschauer sieht, sondern mit voller persönlicher Verantwortung sie auf sich selber genommen hat, daß man ganz
bestimmt weiß: das alles, was da ins Gericht kommt: diese Willkür des Einzelnen,
dieses Wollen des Menschen überhaupt, der da seine Hand nach Gott ausstreckt und
darüber zu Schanden wird, diese fromme Sünde, der Gipfel aller Sünde, die Sünde
des «Großinquisitors», der die Sache Christi in seine Hand
nimmt, um sie selber und besser zu machen58 – das alles ist nicht nur der Pfarrer oder ein Anderer, der es augenfällig
so treibt, das ist nicht nur das katholische oder das moderne Christentum oder
diese oder jene Richtung, Gruppe oder Partei. Das ist nicht etwa nur der
kirchliche Mensch – das ist in keiner Weise ein fremder Ort, wo wir ruhig oder
zornig unseren Schutt abladen und unseres Weges gehen könnten – das ist der Mensch überhaupt, der in der Menschenkirche nur seinen
merkwürdigsten Ausbruch sich leistet, der Mensch in seinem verkehrten,
prahlerischen,
336 Und es gilt (dritte und zusammenfassende Vorbedingung) zu begreifen, daß das Gericht, in dem die Kirche steht, gerade nicht eine Katastrophe, ein Unglück, eine Niederlage ist, wie solche in der Natur oder in der Geschichte vorkommen. Handelte es sich um solche, dann müßte und könnte die Kirchenfrage nicht in dem genannten Sinn ernst genommen werden, dann könnten wir uns fernerhin nach möglichen Erleichterungen und Verbesserungen der schlimmen Lage umsehen. Dann könnte man auch wirklich nicht von jedermann verlangen, daß er sich mitbeteiligt, mitverantwortlich wisse, dann könnte es, wie bei jedem solchen Unglück, in der Tat Zuschauer geben. Anders steht es, und das ist’s, was hier zu begreifen wäre, wenn das Gericht über die Kirche das Gericht Gottes wäre, wenn Gott es sein sollte, der gerade in der Unbeantwortbarkeit der Kirchenfrage sein entscheidendes Wort zu uns spräche. Das würde dann einerseits bedeuten, daß wir sie als Frage, als unbeantwortbare Frage ernst nehmen müssen, daß es keine höhere Instanz gibt, an die appellierend wir uns etwa vor der Frage flüchten könnten, daß dem Halt!, das uns hier geboten ist, gehorcht werden muß, andererseits, daß diese Frage nicht ein allgemeines theoretisches oder geschichtliches Problem ist, das Alle und Niemand angeht, sondern eine an mich, den Einzelnen, Auge in Auge61 gerichtete Frage. Denn wer könnte ein Gericht als das Gericht Gottes erkennen, der nicht streng und direkt sich selber gerichtet weiß durch dieses Gericht? In welchem Verhältnis würde es sich als das Gericht Gottes erkennen lassen als in dem persönlichen Verhältnis des Sünders zu dem Heiligen – und dieses Verhältnis ist das prinzipielle Ende aller Zuschauerverhältnisse.
Es steht nun nicht in meiner Macht, Sie zu der Einsicht zu zwingen, daß der Sinn
der Lage der Kirche das Gericht Gottes ist, in dem sie steht. Nicht einmal dazu
kann ich Sie ja zwingen, mit mir einzusehen, daß die Lage der Kirche, ihr Mangel
an Gemeinschaft und ihr Mangel an Prophetie, ein Jammer, daß sie
eine unerträgliche Lage ist.62 Es wäre vielmehr das Gegenteil von dem,
worauf ich hinaus möchte, wenn ich es auch nur versuchen wollte, Sie zu dieser
Einsicht zu zwingen. Darauf müssen wir am Schluß noch einmal zurückkommen. Ich
habe keine Beweise vorzulegen für den Satz, daß wir im Gericht Gottes stehen. Ich
|337 würde sogar bestreiten, daß das nun etwa ein von
mir aufgestellter Satz sei, ebenso bestreiten, daß es
überhaupt möglich sei, das als Satz aufzustellen. Sonst würden wir ja, gerade
durch solches Aufstellen, doch wieder tun, was ja eben durch jenen Satz, wenn er
wahr ist, gerichtet ist. Nein, hier gibt es nichts aufzustellen und nichts zu
beweisen. Diesen Satz und die befreiende Wahrheit, die hinter ihm steht, – wir
hätten sie mit sehenden Augen doch nicht gesehen [vgl.
Und noch vor einem Mißverständnis ist hier zu warnen: Es handelt sich bei dieser
Einsicht, daß die Kirche im Gericht Gottes steht, in keinem Sinn
um das, was man in den letzten zwanzig Jahren in gebildeten christlichen Kreisen
ein «religiöses Erlebnis» genannt hat, also um eine Art
Erschütterung und Umwälzung unseres tiefsten Seelengrundes durch ein Gefühl
völliger Erniedrigung oder gar Vernichtung, die wir nun zu erwarten oder wohl gar
mit irgendwelchen Mitteln herbeizuführen, durch die wir hindurchzugehen hätten,
wie
IV
Ist uns das alles einigermaßen klar, dann haben wir jetzt vielleicht Ohren zu
hören – nicht was ich nun sagen kann als Krönung meines Gedankenganges (nein, hier brechen alle menschlichen Gänge
prinzipiell ab, die sog. irrationalen übrigens so gut wie die sog. rationalen!),
sondern was zu uns allen gesagt ist durch die schlichte
Tatsache, daß wir getaufte Christen sind. Ich betone das Wort
«getauft». Denn ich meine jetzt nicht das, was und wie wir als solche zu glauben,
zu tun, zu fühlen oder gesinnt zu sein haben. Das ist ein Kapitel für sich, ein
ernstes, wichtiges Kapitel, aber es kann frühestens das zweite oder dritte Kapitel
sein. Allzu leicht denkt man, wenn man seinen Christenstand bedenkt, sofort an
diese und jene Anschauungen und Überzeugungen, die man hat oder auch nicht hat,
oder wohl gar an diese und jene praktische Lebensrich|339tung, die man gewählt oder nicht gewählt hat, oder, was das
Gefährlichste ist, an diese oder jene innerlichste Einstellung, die man bezogen
oder nicht bezogen hat. Ich nenne es gefährlich, sofort und zuerst daran zu denken, wenn man seinen Christenstand bedenkt, weil man sich
dabei vielleicht nicht klar ist darüber, daß unser Christenstand in diesem Sinn unter Gottes Gericht steht, zu dem gehört,
was sterben muß, so gut wie unser Menschendasein überhaupt. Wenn wir uns noch
einmal einschärfen wollen, wie tief das Gericht Gottes über uns
einschneidet, was das heißt, daß wir sterben müssen [vgl.
An die schlichte Tatsache, daß wir getauft sind, müssen wir uns
dann erinnern. Die Taufe und unser Stand in der Taufe schließt insofern sofort und
direkt an an unser Stehen im Gerichte Gottes, als auch in der Taufe auf unserer
Seite gar nichts vorausgesetzt wird, Gott selbst und Gott allein Eins und Alles
ist. Sie ist am Anfang des Neuen Testamentes die Axt, die den Bäumen an die Wurzel
gelegt ist [
«Aber Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, durch seine
große Liebe, damit er uns geliebt hat, da wir tot waren in den Sünden, hat er uns
samt Christo lebendig gemacht […] und hat uns samt ihm auferweckt und samt ihm in
das himmlische Wesen gesetzt … So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge,
sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbauet auf dem Grund der
Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist» [
Wohlverstanden (man kann ja bei der heutigen Verwirrung der Geister nicht genug
Sicherungen und Vorbehalte anbringen!): Die Wendung, auf die ich eben hingewiesen
habe, hat mit Sakramentsmagie hell gar nichts zu tun. Die Taufe
an sich ist ein Verheißungszeichen, das Wasser sowohl wie die dabei gesprochenen
Worte. Aber ein Verheißungszeichen, das einen Gegenstand [hat] und an das man sich
darum halten darf. Und dieser Gegenstand, dieses Objekt, nein dieses Subjekt und sein Tun: Gott für uns und mit uns, Immanuel65 [vgl.
Das Zeugnis der Anfänger ist – darüber sollten wir uns wiederum einigen können,
ohne die Glaubensfrage aufzurollen – Zeugnis von der Gnade, die dem Sünder, dem Gerichteten, dem Toten, oder von der
Offenbarung, die dem Volk, das im Finstern wandert [vgl.
Was sollen wir sagen von dem Licht, von dem diese Menschen
erleuchtet sind, von Jesus Christus, der der Gegenstand ihres Zeugnisses ist? Was
haben sie «gehört, gesehen, beschaut, betastet», wie einer von ihnen schreibt
[
Soviel in den allerkürzesten Zügen über ihr Zeugnis. Sie haben das, wovon sie da zeugen, aufgefaßt als ein ganz unbegreifliches, nach menschlichem Ermessen nicht nur unmögliches, sondern auch unmöglich zu vernehmendes, aber unbedingt wahres und klares Ja Gottes zum Menschen. Alles liegt daran, daß man es so sagt und ja nicht etwa umgekehrt, also nicht eine höchste, unerhörte Vollendung des Ja, das der Mensch zu Gott spricht, nicht die vollkommene Einigung eines menschlichen mit dem göttlichen Willen, nicht die reinste Offenbarung der göttlichen Tiefe der menschlichen Persönlichkeit, so rein, daß man den Menschen, wenn man den Mund etwas voll nehmen will, nahezu oder ganz Gott nennen kann, nicht die absolute Religion und wie diese, wissenschaftlich und christlich betrachtet, gleich kitschigen Formeln alle lauten. Offenbarung heißt streng und exklusiv: Ja Gottes zum Menschen, Menschwerdung Gottes (ohne Umkehrung!) – nur so ist sie das, als was sie hier streng und exklusiv bezeugt wird: Gnade – Gnade auch da, wo sie für uns Gesetz ist, Gnade auch, indem sie, solange die Zeit währt, Gnade im Gericht ist, immer Gnade, d. h. immer freies, aber völlig eindeutiges göttliches Wohlwollen gegen den Menschen. Dem so sich offenbarenden Herrn fühlten sich die Anfänger verpflichtet, nicht als Träger ihres eigenen Christusenthusiasmus, sondern als Christi für richtige Übermittlung verantwortliche Boten, nicht als die Verkündiger eines aus dem Unaussprechlichsten der Seele quellenden Wortes über Gott, sondern als die Bevollmächtigten zur Bekanntmachung eines durch Totenauferstehung auf ihre Lippen gelegten göttlichen Selbstwortes, nicht als Vögel, die fröhlich ihre Melodie singen, nicht als religiöse Unternehmer, sondern, noch einmal muß das bezeichnende Wort fallen: als Knechte, als Beamte würde man wohl heute sagen, die sich an ihr Pflichtenheft67 zu halten haben.
Und nun kann nach dem Sinn der christlichen Kirche, wenn wir recht getan haben, dabei von der Taufe auszugehen, kein langes Fragen mehr sein. Daß wir getauft sind, das heißt nach dem eindeutigen Zeugnis de|345rer, die mit dem Befehl der Taufe erstmals ausgegangen sind in alle Welt: daß das Ja des göttlichen Wohlwollens, daß die Gnade auch uns gilt, uns den kleinen Unvernünftigen von damals, uns den großen Sündern von jetzt, uns den Gerichteten. Wir können es auch so sagen: Die wahre christliche Kirche, in der wir stehen, ist die von Gott selbst gestiftete Gemeinschaft zwischen ihm und uns, von der uns unsere Taufe und das sie interpretierende Wort der christlichen Zeugen Kunde gibt.
Das bedeutet grundsätzlich das Ende jener eigenmächtigen
Prophetie, von der wir eingangs geredet, das Ende des Subjektivismus, des
Illuminatenvereins und der Sektiererei, in die wir heute hineingekommen sind. An
einem persönlichen Erlebnis sich orientieren, ob man es nun Offenbarung nennt oder
mit
Das bedeutet dann aber zweitens grundsätzlich die neue Ermögli|346chung eines prophetischen Wortes an
die Zeit und zur Lage, dessen Mangel wir als weiter und tiefer greifendes Übel der
jetzigen Kirche erkannt haben. Die christliche Ethik ist heute darum auf ein
haltloses Dilettieren oder auf ein ebenso haltloses Schweigen [gegenüber] den
wirklichen Fragen und Anliegen des Menschen angewiesen, weil sie nicht aus der
Offenbarung, sondern aus dem löchrigen Brunnen [vgl.
V
Aber das Letzte könnte doch zu viel gesagt sein. Es handelt sich bei der
Erkenntnis der Kirche und der Offenbarung um die kindlich einfachste Erkenntnis. Wie sollte das nicht einfach sein, was in den
beiden Worten ausgesprochen ist: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe
euch erwählt und gesetzt, daß ihr hingeht und viel Frucht bringt» (
Wir haben gesehen: es hängt beim Verständnis der Taufe Alles daran, daß wir als
Menschen und nicht zuletzt als religiöse Menschen im Gericht Gottes stehen und
sterben müssen, gerade wie beim Verständnis der Offenbarung Alles darauf ankommt,
daß wir die Finsternis sehen, von der sich das Licht, das Kreuz, von dem sich die
Auferstehung abhebt. Nur als die Stätte des offenbaren Gerichts ist die Taufe die
Stätte der offenbaren Gnade. Und nun sagte ich ausdrücklich: zu dieser Erkenntnis,
daß wir in Gottes Gericht, daß wir unter dem Kreuz stehen, kann man weder sich
selbst noch Andere zwingen, hier gibt es keinen rationalen und keinen irrationalen
Weg, keine Manier und keine Methode. Hier ist die enge Pforte [vgl.