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30. Mai 1921
Hier Röm. 8,1–10
📖. Du siehst, daß Fritz Liebs Anwesenheit Räder an den Wagen gebracht hat. Viel Merkwürdiges rückt auf: der Zitterrochen,1 eine weitere kleine Christologie, der «Ursprung» fast mit Händen zu greifen und doch wieder nicht, und viele kleine Nebenübungen am hohen Trapez. Was soll, was soll das alles? Weißt du, daß in den Kreisen unserer Freunde und «Mitsucher der Wahrheit», um mit Brunner zu reden, die Anek|493dote zirkuliert, wir zwei seien uns einmal einen ganzen Nachmittag rauchend gegenübergesessen. Nach einer Stunde habe ich gesagt: Vielleicht!! und nach einer Stunde weitern Schweigens du: vielleicht auch nicht!!! und das sei unser Gespräch gewesen und der konzentrierte Inhalt unseres Systems! Irgendwie sehen unsere Bemühungen vom Himmel oder auch nur vom Mond aus jedenfalls sehr mißlich aus.
Ich hatte allerlei Besuch diese Woche. Am Montag Peter, mit dem es diesmal gut ging, obwohl er sich immer an einem bestimmten Punkt weigert, die Medizin zu schlucken, die wir den Leuten mit Teufelsgewalt eingeben wollen. Am Donnerstag J., wie gewohnt unsicher zuerst, an Lehramt und Weltreisen denkend, dann [von mir] energisch bedroht und belehrt, schließlich für einmal wieder beruhigt abreisend. Ein seltsamer Zeitgenosse. Die Gelegenheit, in der Sache, in der ich auf deinen Wink ein wenig Kutter spielen sollte für ihn, war günstig, ich bemerkte aber keinerlei Spuren von Einschnappen. Gestern Sonntag traf Wilhelm Vischer2 hier ein, eine gute Gestalt, wo das Rütteln an allem, was etwa noch niet- und nagelfest sein könnte, […] besonders lockend und lohnend ist. Er bleibt noch bis heute Mittag hier.
Der Verkehr mit dem Epheben Lieb ist überaus ergötzlich. Der säuft nun (im Gegensatz zu Peter) die bewußte Medizin literweise in sich. […] Seine gestrige Predigt stellte die erste ungefähr auf den Kopf. […] Für den nächsten Sonntag habe ich ihm nun die Aufgabe gestellt: sich auf die Füllung des einzelnen Wortes mit beziehungsreichem Inhalt zu konzentrieren. […] Seine hemmungslose Intelligenz und Ehrlichkeit läßt viel Gutes hoffen. Er hat jedenfalls eine echte philosophische Ader. Gestern teilte er uns einiges Selbstentdeckte über nicht-euklidische Geometrie mit, was wirklich gut war und wahrscheinlich demnächst im Römerbrief
📖 als Wegzeichen auftauchen wird.
Am Donnerstag nahm ich ihn mit ins [Pfarr-] Kapitel. Es war entmutigender als je zuvor. Der Präsident hielt eine ganz unmögliche Eröffnungsrede über Religion und Gewissen und nachher |494 stieg Quatsch auf Quatsch, sodaß wir bald wieder entflohen. […] Am Sonntag sehen wir uns auf dem Bergli. Auch ich habe großes Verlangen, dein Angesicht zu sehen. Hast du eigentlich dein Dostojewski-Manuskript
📖 abgeliefert?! Hü! wenns noch nicht geschehen ist. Alle Welt schreit darnach, es im Druck zu lesen, und auch ich brauche es dringend für den Schluß des Römerbriefs. […]
Grüße Marguerite und sei selbst gegrüßt von mir, Fritz Lieb
und Wilhelm Vischer.