1922

«Diskussionsthesen» für einen Vortrag in Bremen

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«DISKUSSIONSTHESEN» FÜR EINEN VORTRAG IN BREMEN

1922

Anton Mallow1, Pastor in Bremen, hatte sich im Herbst 1922 brieflich mit der Bitte an Barth gewandt, er möchte ihm Kritisches zum Römerbrief 📖 (wohl Rezensionen u. ä. zur Neubearbeitung von 1922) leihweise zur Verfügung stellen. «Mir ist der Auftrag zuteil geworden, in unserer Bremer Quartalkonferenz, einer Konferenz sozus. der positiven Richtung Bremens, über Ihren Kommentar zum Römerbrief einen Bericht zu erstatten.»2 In einem Brief vom 15. November 1922 bedankte sich Mallow für eine «Karte mit den Angaben von Literatur» und lud Barth nach Bremen ein: «Wir wollten Sie bitten, kommen Sie einen Tag herüber und lassen Sie uns persönlich in Ihre eigenartige Gedankenwelt hineinschauen, und wir wollen es Ihnen von Herzen danken.»3 Barth sagte in einem nicht mehr erhaltenen Schreiben auf den 6. Dezember zu, offenbar verbunden mit der Bitte, man möge ihm einige dort zur Behandlung erwünschte Themen nennen. Am 25. November antwortete Mallow: «Mir scheint, um etliches zu nennen, Sie könnten zu uns reden – immer übergreifend auf den Römerbrief –

  • von Ihrer Auffassung vom ‹Glauben (Hohlraum)›
  • von Offenbarung (die sich schneidenden Ebenen)
  • von Heiligung – auch darüber berühren mich Ihre Gedanken eigenartig –
  • vom Geist
  • vom Verhältnis der Historie zum Glaubenserlebnis
  • von Religion und Kirche und Ihre[n] eigenartigen Gedanken…

Mit der Form Ihrer Darbietung – Schaffung eines Bremer Religionsgesprächs – sind wir einverstanden – wir halten gerade das für nutzbrin|177gend, – nur bitten wir, wenn irgend möglich, um einige Thesen Ihrerseits, die wir hier könnten vervielfältigen, damit wir Leitendes für die Aussprache in Händen haben. Wenn wir solche kurzen Sätze könnten bis Montag4 vor Ihrem Kommen in den Händen haben.»5 Barth bereitete also keinen Vortrag vor, sondern beschränkte sich auf die Übermittlung von sieben am 29. November formulierten «Diskussionsthesen». Am 30. November schrieb er an seine Mutter: «Am nächsten Mittwoch halte ich in Bremen in einem Kreis von Pfarrern eine Art Vortrag mit Diskussion im Anschluß an sieben Thesen, die ich gestern ausgearbeitet [habe] und auf die sie sich nun vorbereiten müssen. Ich bin gespannt, ob sich dieses neue Verfahren, auf das ich durch Zwingli aufmerksam wurde6, einigermaßen bewähren wird.»7

Barth war am 6./7. Dezember Gast im Hause des Bremer Richters Dr. Wilhelm Carstens (1885–1945) und dessen Schweizer Ehefrau Luggi, geb. Zurlinden8 (1888–1959). Über den Verlauf des Bremer Gespräches berichtete er später: «Ich wurde von den religiös interessierten Granden und von den dortigen Theologen überaus wohl aufgenommen, hatte 7 Thesen über die Hauptpunkte der christlichen Lehre aufgestellt und verfocht sie mit kurzen Unterbrechungen durch Fragen und Einwände in fast 3stündiger Rede, sodaß ich nachher mit Aspirin wieder auf die Füße gestellt werden mußte.»9

Barths Thesen blieben unveröffentlicht. Der Abdruck folgt einem maschinenschriftlichen Durchschlag.

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«Diskussionsthesen» für einen Vortrag in Bremen

1. Die Schrift und die Offenbarung

Die Bibel ist das der menschlichen Geschichte angehörige und selber menschliche Zeugnis von der Wirklichkeit, Heiligkeit und Barmherzigkeit des Gottes, der der Anfang und das Ende und die Grenze des Menschen und alles Geschehens ist – von seinem Willen, den von ihm geschaffenen Menschen und seine Welt zu richten und durch Gericht zu erlösen. Alle wesentlichen Aussagen der Bibel besagen das Unmögliche, das Unannehmbare; denn sie beziehen sich auf Offenbarung. Offenbarung heißt Berührung (Begrenzung!) der Zeit durch die Ewigkeit, des Todes durch das Leben, des Menschen durch Gott, des Geschöpfes durch seinen Herrn. Offenbarung heißt Jesus Christus und steht dem Menschen und seiner Welt in jedem Punkt exklusiv gegenüber, weil sie Gottes Richter- und Erlöserwillen und gerade darin (und nicht anders) seinen Schöpferwillen offenbart.

2. Der Geist

Gott wird nur durch Gott erkannt, Offenbarung nur durch Offenbarung. Wird das Zeugnis der Schrift vom Menschen erkannt und bejaht in seiner Einzigartigkeit und Wahrheit als Gottes Wort, dann hat nicht Mose, Matthäus oder Paulus gesprochen, aber auch nicht des erkennenden Menschen eigener Geist, sondern der heilige Geist, der nie eines Menschen Geist war noch sein wird, gerade weil er der ewige göttliche Ursprung des Menschengeistes ist.

3. Der Glaube

Ist die sogenannte «Religion» des Menschen eigenen Geistes letztes und höchstes Werk, so ist Glaube ein Prädikat, zu dem ein ganz und gar neues Subjekt gehört. Er ist das erste Werk des heiligen Geistes, immer Wunder, Anfang und Schöpfung, immer Gabe des erwählenden Gottes (der keinem etwas schuldig ist), aber nie dem Menschen gegeben, immer jenseits aller menschlichen Habe, Gewißheit und Gerechtigkeit, glauben heißt von Gott entschieden sein für die Wahrheit des biblischen Zeugnisses und in dieser Entschiedenheit (aber nie anders als Marc. 9,24 beschrieben) vor Gott in der Welt leben dürfen.

4. Der Mensch

Im Glauben versteht der Mensch sich selber ganz und gar als eine an Gott gerichtete Frage. Er weiß zwar von der Unendlichkeit der Sünde, |179 des Todes und der Hölle nur darum, weil er weiß von einer ewigen Gerechtigkeit, Lebendigkeit und Seligkeit, aber immer weiß er das zweite nur in und mit dem ersten. In der Gemeinschaft mit Gott erkennt er seine Distanz von Gott, aber nur in der Distanz auch die Gemeinschaft.

5. Die Kirche

Die Kirche Gottes wird konstituiert durch die Anwesenheit des Zeugnisses und des Geistes der Offenbarung in der Geschichte. Sie ist also die Gemeinschaft des Glaubens. Wer zu ihr gehört, ist in jedem Augenblick nur Gott bekannt. Denn was von ihr in die Sichtbarkeit tritt, ist nur die durch die Verkündigung des Zeugnisses durch Wort und Zeichen und durch die mit solcher Verkündigung geübte Zucht an ihren Gliedern erbaute und immer wieder zu erbauende Gemeinde. Eine Kirche, die in ihrer Sichtbarkeit die Kirche Gottes sein will, ist als solche die Kirche des Antichrist.

6. Die Forderung

Das Problem der Ethik ist die unvermeidliche und unendliche Beunruhigung, die durch den Glauben in das Leben jedes Einzelnen und durch die Kirche in das Leben der Gesellschaft hineingetragen wird, wenn Glaube und Kirche sind, was sie sind. Die im Evangelium sichtbar werdende Grenze des Menschen ist auch die ihm gesetzte Norm, das Gesetz Gottes, an dem der Mensch freilich nur scheitern kann, was aber nicht hindert, daß es die Ordnung ist, unter die er gestellt ist.

7. Die Hoffnung

Es ist dafür gesorgt, daß der Mensch trotz (und wegen!) der Anwesenheit des Zeugnisses und Geistes der Offenbarung seine Nicht-Identität mit dem neuen, glaubenden und durch seinen Glauben gerechten und lebendigen Menschen nicht vergessen kann. Aber eben darum auch nicht das Warten auf die letzten Dinge, auf das Geschehensein des Willens Gottes auf Erden wie im Himmel [vgl. Mt. 6,10], auf die Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, auf die Erweisung des Geistes als Kraft der Auferstehung auch des Leibes, auf das ewige (alles Zeitliche erfüllende und verwandelnde) Leben, da Gott Alles in Allem ist [1.Kor. 15,28].

Sachfußnoten

1
Anton Mallow (1873–1952), 1907–1913 Hilfsprediger in Oslebshausen, 1913–1917 in Essen-Altstadt, 1917–1939 Pastor an St. Pauli in Bremen-Neustadt.↩
2
Original im Karl Barth-Archiv, Basel. Das Schreiben ist auf den «28.XI.22» datiert. Fehlschreibung für 28.X.?↩
3
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
4
Vielleicht wollte man die erbetenen Thesen in der an jedem dritten Montag zusammenkommenden «Montagsgesellschaft» positiver Pastoren Bremens, der auch Mallow angehörte, besprechen.↩
5
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
6
Vgl. etwa die 1. und 2. Zürcher Disputation von 1523 (auch «Religionsgespräch» genannt) und das Marburger Religionsgespräch von 1529. – Barth las im Wintersemester 1922/23 vierstündig über «Die Theologie Zwinglis».↩
7
Original im Karl Barth-Archiv, Basel.↩
8
Sie war Barth von der Tanzstunde in Bern her bekannt und hatte ihn am 30.11.1922 schriftlich eingeladen, in ihrem Haus (Sonnenstraße 30b) zu logieren (Original im Karl Barth-Archiv, Basel).↩
9
Brief an seine Mutter und seinen Bruder Heinrich Barth vom 21.12.1922 (Original im Karl Barth-Archiv, Basel).↩