«Diskussionsthesen» für einen Vortrag in Bremen
«DISKUSSIONSTHESEN» FÜR EINEN VORTRAG IN BREMEN
- von Ihrer Auffassung vom ‹Glauben (Hohlraum)›
- von Offenbarung (die sich schneidenden Ebenen)
- von Heiligung – auch darüber berühren mich Ihre Gedanken eigenartig –
- vom Geist
- vom Verhältnis der Historie zum Glaubenserlebnis
- von Religion und Kirche und Ihre[n] eigenartigen Gedanken…
Mit der Form Ihrer Darbietung – Schaffung eines Bremer Religionsgesprächs –
sind wir einverstanden – wir halten gerade das für nutzbrin|177gend, – nur bitten wir, wenn irgend möglich, um einige Thesen Ihrerseits, die wir hier könnten vervielfältigen, damit wir Leitendes für die
Aussprache in Händen haben. Wenn wir solche kurzen Sätze könnten bis Montag4
vor Ihrem Kommen in den Händen haben.»5
Barth war am 6./7. Dezember Gast im Hause des Bremer Richters Dr.
Barths Thesen blieben unveröffentlicht. Der Abdruck folgt einem maschinenschriftlichen Durchschlag.
«Diskussionsthesen» für einen Vortrag in Bremen
1. Die Schrift und die Offenbarung
Die Bibel ist das der menschlichen Geschichte angehörige und selber menschliche Zeugnis von der Wirklichkeit, Heiligkeit und Barmherzigkeit des Gottes, der der Anfang und das Ende und die Grenze des Menschen und alles Geschehens ist – von seinem Willen, den von ihm geschaffenen Menschen und seine Welt zu richten und durch Gericht zu erlösen. Alle wesentlichen Aussagen der Bibel besagen das Unmögliche, das Unannehmbare; denn sie beziehen sich auf Offenbarung. Offenbarung heißt Berührung (Begrenzung!) der Zeit durch die Ewigkeit, des Todes durch das Leben, des Menschen durch Gott, des Geschöpfes durch seinen Herrn. Offenbarung heißt Jesus Christus und steht dem Menschen und seiner Welt in jedem Punkt exklusiv gegenüber, weil sie Gottes Richter- und Erlöserwillen und gerade darin (und nicht anders) seinen Schöpferwillen offenbart.
2. Der Geist
Gott wird nur durch Gott erkannt, Offenbarung nur durch Offenbarung. Wird das Zeugnis
der Schrift vom Menschen erkannt und bejaht in seiner Einzigartigkeit und Wahrheit als
Gottes Wort, dann hat nicht
3. Der Glaube
Ist die sogenannte «Religion» des Menschen eigenen Geistes letztes und höchstes Werk,
so ist Glaube ein Prädikat, zu dem ein ganz und gar neues Subjekt
gehört. Er ist das erste Werk des heiligen Geistes, immer Wunder,
Anfang und Schöpfung, immer Gabe des erwählenden Gottes (der keinem
etwas schuldig ist), aber nie dem Menschen gegeben, immer jenseits
aller menschlichen Habe, Gewißheit und Gerechtigkeit, glauben heißt von
Gott entschieden sein für die Wahrheit des biblischen Zeugnisses und in dieser Entschiedenheit (aber nie anders als
4. Der Mensch
Im Glauben versteht der Mensch sich selber ganz und gar als eine an Gott gerichtete Frage. Er weiß zwar von der Unendlichkeit der Sünde, |179 des Todes und der Hölle nur darum, weil er weiß von einer ewigen Gerechtigkeit, Lebendigkeit und Seligkeit, aber immer weiß er das zweite nur in und mit dem ersten. In der Gemeinschaft mit Gott erkennt er seine Distanz von Gott, aber nur in der Distanz auch die Gemeinschaft.
5. Die Kirche
Die Kirche Gottes wird konstituiert durch die Anwesenheit des Zeugnisses und des Geistes der Offenbarung in der Geschichte. Sie ist also die Gemeinschaft des Glaubens. Wer zu ihr gehört, ist in jedem Augenblick nur Gott bekannt. Denn was von ihr in die Sichtbarkeit tritt, ist nur die durch die Verkündigung des Zeugnisses durch Wort und Zeichen und durch die mit solcher Verkündigung geübte Zucht an ihren Gliedern erbaute und immer wieder zu erbauende Gemeinde. Eine Kirche, die in ihrer Sichtbarkeit die Kirche Gottes sein will, ist als solche die Kirche des Antichrist.
6. Die Forderung
Das Problem der Ethik ist die unvermeidliche und unendliche Beunruhigung, die durch den Glauben in das Leben jedes Einzelnen und durch die Kirche in das Leben der Gesellschaft hineingetragen wird, wenn Glaube und Kirche sind, was sie sind. Die im Evangelium sichtbar werdende Grenze des Menschen ist auch die ihm gesetzte Norm, das Gesetz Gottes, an dem der Mensch freilich nur scheitern kann, was aber nicht hindert, daß es die Ordnung ist, unter die er gestellt ist.
7. Die Hoffnung
Es ist dafür gesorgt, daß der Mensch trotz (und wegen!) der Anwesenheit des Zeugnisses
und Geistes der Offenbarung seine Nicht-Identität mit dem neuen, glaubenden und durch
seinen Glauben gerechten und lebendigen Menschen nicht vergessen kann. Aber eben darum
auch nicht das Warten auf die letzten Dinge, auf das Geschehensein des
Willens Gottes auf Erden wie im Himmel [vgl.