Anhang Nr. 26 · 20. Mai 1947

Theophil Wurm, Vorsitzender des Rats der evangelischen Kirche in Deutschland, an Karl Barth

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Anhang 26

[Brief vom Vorsitzenden des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof D. Theophil Wurm, z. Z. Bromerhof/Isnyberg, an K. Barth — zugleich in Abschrift an R. Bultmann (Orig. im Karl Barth-Archiv):]

Rat der Evangelischen Kirche
in Deutschland
Der Vorsitzende
Herrn
Professor D. Karl Barth
Bonn
Sehr verehrter Herr Professor!

Fast gleichzeitig habe ich hier im Urlaub zwei Sendungen erhalten, deren Zusammentreffen mir wie eine Fügung erscheint. Das eine ist eine maschinell vervielfältigte Betrachtung über die Auferstehung des Herrn1, in der Sie in einer mich sehr packenden Weise darlegen, welche Wirkung es haben müßte, wenn die Christenheit mit der Tatsächlichkeit der Auferstehung wirklich rechnen würde. Das andere ist ein Brief von Pfarrer Bruns in Marburg, der den Rat der EKD bittet, die Errichtung kirchlicher Hochschulen ins Auge zu fassen mit der Begründung, daß Professor Bultmann in Marburg in öffentlichem Vortrag von der «Legende des offenen Grabes» gesprochen habe und auf eine Zuschrift von ihm sich darauf berufen habe, daß es kaum einen wissenschaftlichen Theologen geben werde, der die Geschichte vom leeren Grab nicht für eine Legende halte.

Sie werden es verstehen, wenn ich mir erlaube, um der großen Verantwortung willen, die auf mir liegt, und im Blick auf das gewaltige theologische und kirchliche Problem, das mit solchen Erörterungen in |272 den Vordergrund tritt, mit dem Theologen in Verbindung zu treten, dem es wie keinem andern gegeben war, uns aus falschen Fragestellungen der historisch-kritischen Periode herauszuführen und uns ein neues Verhältnis zu der apostolischen Verkündigung gewinnen zu helfen.

Als ich im Jahr 1887 das theologische Studium in Tübingen begann, stand man in Württemberg unter dem Eindruck des theologischen Werkes, das der allverehrte Senior der Fakultät, Karl Weizsäcker, soeben herausgegeben hatte: «Das Apostolische Zeitalter»2. Der stark von F. Chr. Baur beeinflußte, aber immer eine mittlere Linie suchende Gelehrte hatte sich darin unendliche Mühe gegeben, nachzuweisen, daß auch die paulinische Verkündigung vom auferstandenen Christus die Tatsächlichkeit des leeren Grabes nicht einschließe oder voraussetze. Abgesehen von der älteren Pfarrergeneration, die unter dem handfesten Biblizismus von Tobias Beck aufgewachsen war, nahm man ihm das gerne ab, weil man auf diese Weise mit den peinlichen Perikopen der Osterzeit einigermaßen zurechtkommen konnte, ohne die Gemeinde zu verletzen und ohne den «wissenschaftlichen» Standpunkt zu verleugnen. Es ist aber doch wohl den meisten so gegangen wie mir, daß man sich angesichts des exegetischen Befundes von 1.Cor. 15 entscheiden mußte für oder gegen die Tatsächlichkeit der leiblichen Auferstehung Jesu Christi aus dem Grab, in das er am Karfreitag Abend gelegt worden war. Für diejenigen, die zu einer bejahenden Entscheidung geführt wurden, war in diesem Ringen um das Credo von großer Bedeutung, ob sie im Leben der christlichen Gemeinde verwurzelt waren.

Es war für die theologische Weiterentwicklung meiner Generation nicht günstig, daß die sog. positive Theologie jener Tage allzu harmlos die Auferstehung Jesu als «eine der bestbezeugten Tatsachen der Weltgeschichte» hinstellte. Wenn ich Ihre Schrift über 1.Cor. 153, die mir allerdings in meinem Ferienaufenthalt nicht zur Hand ist, recht deute, so sind Sie der Auffassung, daß die Faktizität der Auferstehung Jesu sich nicht in derselben Weise erkennen und nachweisen läßt wie die Faktizität irgend eines Ereignisses der älteren oder neueren Geschichte. Denn |273 es geht hier um den Punkt, auf dem die Heilige Schrift und die Kantische Erkenntnistheorie übereinstimmen, daß metaphysische Tatsachen und Vorgänge sich nicht mit der menschlichen Vernunft feststellen lassen, sondern nur dem geistlich urteilenden Menschen zugänglich sind. Wenn ich Bultmanns Bemühen recht verstehe, so wie es in dem Aufsatz über die Entmythologisierung des NT4 vor einigen Jahren viel Staub innerhalb der B[ekennenden] K[irche] aufgewirbelt hat, so möchte er die andersartige Faktizität der im NThrsg. von E. Jüngel (BEvTh 96), München 1985 (19883). 📖 bezeugten Heilstatsachen gegenüber der Faktizität der welthistorischen Tatsachen dadurch besonders betonen, daß er die neutestamentlichen Berichte als Erzeugnisse eines naiven religiösen Denkens ansieht, das sich nur in mythologischer Form über das Heilsgeschehen in Christus aussprechen kann. Aber wenn man dies hinsichtlich einiger Züge in den Osterberichten der Evangelien zugeben mag, so kann es doch nicht von dem Zeugnis des Paulus über die Tatsache der Auferstehung Jesu im Ganzen gelten. Sein Reden vom «egeirein» in Röm. 8 und vielen anderen Stellen meint doch im Grunde nichts anderes als das, was die Berichte des Evangelien auch meinen, nämlich das Verwandeltwerden des am Kreuze gestorbenen sarkischen Leibes in einen nicht mehr den Bedingungen von Zeit und Raum unterworfenen verklärten Leib. Die Kirche hat nicht die Vollmacht, in einem so entscheidenden Punkt anders zu lehren als die Apostel. Ich bin der Meinung, daß die Bultmann’sche Theorie weit über die Bemühung um eine saubere Fassung und Beantwortung des Erkenntnisproblems hinaus zu einer Darstellung gelangt ist, die mit der Negation der Berichte auch die Negation der Tatsache selbst in sich schließt, nicht für ihn selbst, aber wahrscheinlich für viele seiner Hörer und für die Gemeinde.

Deshalb wird nun aus dem theologischen Problem ein sehr gewichtiges kirchliches Problem, wie der Brief von Pfarrer Bruns zeigt. Es wird viel darauf ankommen, daß nun auch das kirchliche Problem anders angefaßt wird als in den Zeiten, wo man mit groben Schlagworten gegen|274einander kämpfte. Wir haben gegenwärtig in der württembergischen Landeskirche den Fall eines Pfarrers, der ganz evangelisch zu lehren behauptet, aber die Unterwerfung der gesamten Christenheit unter die Lehrgewalt des römischen Papstes als heilsnotwendig ansieht. Bei aller Milde gegenüber einem sein Amt mit innerlicher Hingabe versehenden Mann kommen wir nicht um die Entscheidung herum, daß er mit dieser Lehre im Gegensatz zu den neutestamentlichen Grundlagen der evangelischen Kirche steht, sich selbst ausschließt und aus dem landeskirchlichen Pfarramt auszuscheiden hat.5

Falls Professor Bultmann nicht in der Lage ist, seinem theologischen Anliegen eine Form zu geben, die mit dem Credo der Kirche vereinbar ist, so wird in der Tat die Frage, ob die Kirche nicht neue Wege zur theologischen Heranbildung ihres Nachwuchses suchen muß, akut. Aber es liegt mir sehr daran, in dieser Hinsicht keine entscheidenden Schritte vorzuschlagen, ehe mit führenden akademischen Theologen Fühlung genommen ist. Dieser Brief stellt den ersten Versuch in dieser Richtung dar und will von Ihnen Rat erbitten, Hilfe für das Bemühen, eine so schwerwiegende Sache im rechten Geiste anzufassen. Ich denke mir, daß zunächst im unmittelbaren Benehmen mit Professor Bultmann die Klärung der theologischen Frage anzustreben ist, und auch dabei wäre Ihre Hilfe mir von großem Wert.

Ich bin noch bis 31. Mai hier, von da an in Stuttgart, Stafflenbergstr. 51. Ich gebe diesen Brief Herrn D. Asmussen mit, der mich morgen aus anderem Anlaß besuchen und mit meinem Schritt einverstanden sein wird. Wir sind Herrn Professor Bultmann, der in den schweren Kampfjahren treu zur evangelischen Kirche gestanden ist, jede Rücksicht schuldig. Die Frage der Wahrheit und des Glaubens an die Wahrheit ist aber allen persönlichen Erwägungen übergeordnet.

Eine Abschrift dieses Schreibens lasse ich Herrn Professor Bultmann |275 direkt zugehen, um jeden Schein zu vermeiden, als ob hinter seinem Rücken über ihn gerichtet werden sollte.

Mit verehrungsvoller Begrüßung
Ihr ergebener
D. Wurm

Sachfußnoten

1
Eine Abschrift von K. Barths Osterartikel Jesus Christus ist auferstanden, erschienen in: Leben und Glauben. Evangelisches Wochenblatt (Laupen), Jg. 22, Heft 14, 5.4.1947, S. 2 📖, und in: Unterwegs (Berlin), Jg. 1 (1947), Nr. 2, S. 1–3 📖.↩
2
C. Weizsäcker, Das apostolische Zeitalter der christlichen Kirche, Freiburg i. Br. 1886. 📖↩
3
K. Barth, Die Auferstehung der Toten. Eine akademische Vorlesung über 1. Kor. 15, München 1924 (Zollikon-Zürich 19534). 📖 ↩
4
R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: ders., Offenbarung und Heilsgeschehen (BEvTh 7), München 1941, S. 27–69 📖; auch in: KuM I (1948), S. 15–53 📖 = KuM I (19512, 19675), S. 15–48; Nachdruck (= 2. Aufl.) der 1941 erschienenen Fassung mit Korrekturen der Druckfehler des Nachdrucks in KuM hrsg. von E. Jüngel (BEvTh 96), München 1985 (19883). 📖 ↩
5
Gemeint ist der württembergische Pfarrer Richard Baumann, der für eine offizielle Anerkennung des Petrusamtes durch die evangelische Kirche mit dem Ziel einer Union mit der römisch-katholischen Kirche kämpfte. Nach einem Lehrzuchtverfahren, in dem sich Hans Asmussen gutachtlich zu seinen Gunsten geäußert hatte, wurde Baumann 1953 aus dem Pfarrdienst entlassen. Siehe die Dokumentation bei E. Kaufmann, Glaube — Irrtum — Recht. Zum Lehrzuchtverfahren in der evangelischen Kirche unter besonderer Berücksichtigung des Falles Richard Baumann, Stuttgart 1961. 📖 ↩