Anhang Nr. 11 · 28. November 1929

Karl Barth an Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung

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Anhang 11

I

[Separatvotum K. Barths für die Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Systematische Theologie in Münster an den Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Berlin: undatierter Entwurf vom November 1929 (Original mit handschriftlichem Vermerk Barths: «Nicht abgeschickt» im Karl Barth-Archiv):]

Da ich nicht in der Lage bin, mich dem Votum der Fakultät in Sachen der bevorstehenden Neubesetzung des planmäßigen Ordinariats für systematische Theologie anzuschließen, gestatte ich mir, als

Separatvotum

Folgendes vorzutragen:

I. Als ich mich entschloß, dem an mich ergangenen Ruf nach Bonn Folge zu leisten, war es mir vom ersten Augenblick an klar, daß ich mir einen anderen Nachfolger in meiner hiesigen Stellung nicht wünschen dürfe und könne als Pfarrer D. Friedrich Gogarten in Dorndorf, zur Zeit Privatdozent an der Universität Jena. Ich hätte mich an anderen Nennungen gemeinsam mit der Fakultät nur beteiligen können unter der Voraussetzung, daß dieser Name an die Spitze aller übrigen gesetzt worden wäre. Nun die Fakultät sich vielmehr dahin entschlossen hat, diesen Namen überhaupt nicht zu nennen, glaube ich die meiner Ansicht und meinem Wunsch in dieser Sache ohnehin besser entsprechende Möglichkeit zu haben, eben diesen Namen allein zu nennen.

Gogarten ist nicht mein persönlicher Freund. Auch sein wissenschaftlicher Weg ist weithin ein ganz anderer als der meinige. Wenn sein und mein Name häufig in einem Atemzug genannt werden und wenn wir gemeinsam Hauptmitarbeiter der theologischen Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» sind, so beruht das auf einer letzten sachlichen Übereinstimmung, die ernsthafte Differenzen in sich schließt. Was die Vorbehalte betrifft, mit denen Gogarten mir gegenübersteht, so verweise ich auf seine Recension meiner Dogmatik in Heft I der «Theologischen Rundschau» dieses Jahres.1 Ich meinerseits halte den Rahmen der Inter|233essen, innerhalb deren Gogarten arbeitet, für zu eng. Ich kann mich, anders als Bultmann, der Nähe zu der phänomenologischen Philosophie, in der Gogarten arbeitet, nur wenig freuen. Ich stehe auch dem akzentuierten Luthertum, das er vertritt, nicht ohne Bedenken gegenüber. Es fällt mir also durchaus nicht etwa leicht, gerade ihn für meine Nachfolge in Vorschlag zu bringen.

Wenn ich dies dennoch mit voller Entschiedenheit und aus ganzer Überzeugung tue, so habe ich dazu die beiden folgenden Gründe:

1. Gogarten hat sich in den rund 10 Jahren, seit denen sein Name eine weitere theologische und nicht-theologische Öffentlichkeit beschäftigt, als ein Mann erwiesen, der (im qualifizierten Sinn des Ausdrucks) etwas zu sagen hat. Seine Arbeit gilt, wie es heute unumgänglich notwendig ist, den Voraussetzungen und Grundbegriffen der Theologie. Gogarten, «der Typus eines deutschen kritischen Geistes», wie ihn ein ausländischer Beurteiler genannt hat, machte sich mit einer Zähigkeit, wie sie nur Wenige aufbringen, an diese Arbeit. Er wußte, was er preisgab, als er sich von der in seinem Lehrer Troeltsch stattlich repräsentierten Vorkriegstheologie lossagte, und er wußte um die Schwere des Unternehmens, als er sich, zunächst an Luther ganz allein sich orientierend, einen neuen Weg zu bahnen versuchte. Er tat dies in einer erstaunlichen Selbständigkeit auch uns Andern gegenüber, die zur gleichen Zeit ähnlichen Zielen nachgingen. Er tat es mit einer großen Fähigkeit, nicht loszulassen und sich nicht irre machen zu lassen. Er hat als Ergebnisse seiner Nachforschung gewisse Dinge (mir persönlich sind bes. seine Nachweisungen über die Zusammenhänge zwischen Geschichte und Ethik neu gewesen und wichtig geworden) mit einem Nachdruck ausgesprochen, wie es in der neueren Zeit vor ihm und nach ihm kein Anderer getan hat. Die drei Bände gesammelter Vorträge2 und das größere Buch «Ich glaube an den dreieinigen Gott»3, die er bei E. Diederichs in Jena hat erscheinen lassen, sind, wie man sich auch zu ihrem Inhalt stellen möge, nicht nur merkwürdige Zeugnisse eines unmittelbaren Wissens um die Dinge, von denen er spricht, sondern auch Zeugnisse eines |234 ungewöhnlichen Fleißes und Willens zur Konzentration auf die Sache und zu einer Sprache, die gehaltvoll genug ist, daß sie es erlaubt, ihn, zustimmend oder ablehnend, bei jedem Satz zu behaften, weil sie keine unnötigen und ungewichtigen Worte kennt. Man kann ruhig voraussagen, daß sie sich für das Auge einer künftigen Zeit als charakteristisch für das ernsthafteste Suchen der Theologie unserer Tage von Dutzenden und Dutzenden anderer Werke, denen sie an zunftmäßiger Gelehrsamkeit unterlegen sein mögen, abheben werden. Und es kann kein Zweifel sein, daß wir auch in Zukunft noch Anlaß haben werden, auf diesen Mann vor Anderen zu hören als auf einen berufenen Theologen, wie es deren nur ganz wenige gibt.

Ich kann es nun nicht für einen Ruhmestitel der deutschen theologischen Wissenschaft halten, daß sich bis jetzt noch keine Fakultät hat entschließen können, Gogarten bei eintretenden Vakanzen so zu empfehlen, daß seine Berufung aussichtsreich geworden wäre, und ich kann mich an dieser Unterlassung nicht beteiligen. Unter den von der Fakultäts-Mehrheit vorgeschlagenen Namen befinden sich zwei: […]4, die zweifellos, wenn auch in abgestuftem Maß, inneres Gewicht haben und deren Nennung ich unter anderen Umständen gerne zustimmen würde. Es kann diesmal nicht geschehen, nicht weil ich etwas gegen sie einzuwenden habe, sondern weil ich es beklagen würde, wenn Gogarten zu ihren Gunsten übergangen und in der seiner nicht würdigen Privatdozentur in Jena belassen würde.

2. Es darf zunächst allgemein darauf hingewiesen werden, daß die Bedeutung, die die von unserm Kreis aufgeworfenen Fragen in der theologischen Diskussion immerhin gewonnen haben, zu der uns gegönnten akademischen Vertretung heute in keinem Verhältnis steht. Und man wird es verständlich finden, wenn ich persönlich den starken Wunsch habe, die Arbeit meines hiesigen Nachfolgers möchte eine solche sein, die ich als eine Fortsetzung und nicht als eine Zerstörung der meinigen einschätzen darf. Nachdem ich es bei der Neubesetzung der bis 1925 von mir innegehabten reformierten Professur in Göttingen5 er|235lebt habe, was das Letztere bedeutet, darf ich wohl bitten, mir in diesem Punkt besonders Gehör zu schenken. Die Fakultät Münster ihrerseits hat in der Zeit, in der ich ihr anzugehören die Ehre hatte, an Ansehen und Studentenzahl jedenfalls nicht verloren. Ich darf darum annehmen, daß dieser mein Wunsch auch mit dem wohlverstandenen Interesse der Fakultät selbst vereinbar ist. Darüber, daß Gogarten Alles ganz anders anfassen wird als ich, kann nach dem oben Gesagten kein Zweifel bestehen. Ich habe aber zu ihm das unbedingte Zutrauen, daß er die Richtung und das Niveau der Forschungs- und Unterrichtsarbeit, wie ich sie in Vorlesungen und Übungen und in meiner literarischen Tätigkeit zu halten suchte, nicht nur halten, sondern in seiner Weise verbessern wird. Gogarten würde aber auch zu der Fakultät, nachdem man sich erst an ihn gewöhnt, durchaus passen. Er hat schon in dem kleinen Jena als Privatdozent eine bemerkenswerte Unterrichtstätigkeit ausgeübt und würde sie als Professor in Münster zweifellos erst recht ausüben. Er ist überdies Westfale und gehört, wenn irgendwohin, dann gerade nach Münster. Und was die westfälische evangelische Kirche betrifft, so hat mich Herr Generalsuperintendent D. Zoellner ausdrücklich ermächtigt, von seiner Erklärung Gebrauch zu machen, daß er sich ausgesprochen für die Möglichkeit einer Berufung des ihm von der Lausanner Kirchenkonferenz 1927 her genau bekannten Gogarten aufs wärmste interessiere.6

Zurückkommend auf die Liste der Fakultät muß ich erklären, daß die Namen: […]7 für mich hinsichtlich der gewünschten Kontinuität in der Fortsetzung meiner Arbeit nicht tragbar sind. Beide sind mir so fremde Geister, daß ich von ihnen nur ein gänzliches Abbrechen der von mir innegehaltenen Linie erwarten könnte, und ich bitte gehorsamst, mir diese diesmal, wenn immer möglich, ersparen zu wollen. Daß man sie an innerem Gewicht und bezüglich des Ansehens der Fakultät Gogarten an die Seite zu stellen wagt, ist mir ein Gegenstand tiefer Verwunderung.

236 II. Was die im Schreiben der Fakultät ebenfalls berührte Frage bezüglich der künftigen Stellung und Einkünfte des bisherigen Inhabers des planmäßigen Extra-Ordinariats Professor D. Fr. W. Schmidt betrifft, so halte auch ich in Anbetracht der von ihm geleisteten Arbeit und in Anbetracht seiner persönlichen Verhältnisse seine gegenwärtige Lage für durchaus reformbedürftig und erlaube mir den Vorschlag, es möchten, falls Gogarten, wie ich es als selbstverständlich voraussetze, zu meinem Nachfolger im planmäßigen Ordinariat bestimmt werden sollte, die Einkünfte Professor Schmidts durch angemessene Erhöhung der Kolleggeld-Garantie auf die Höhe der Einkünfte eines im Dienstalter gleichen planmäßigen Ordinarius erhoben werden.

Sachfußnoten

1
Fr. Gogarten, Karl Barths Dogmatik, in: ThR NF, Jg. 1 (1929). 60–80. 📖 ↩
2
Fr. Gogarten, Die religiöse Entscheidung, Jena 1921 📖; ders., Von Glauben und Offenbarung. Vier Vorträge, Jena 1923 📖; ders., Illusionen. Eine Auseinandersetzung mit dem Kulturidealismus, Jena 1926. 📖↩
3
Fr. Gogarten, Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über Glauben und Geschichte, Jena 1926. 📖 ↩
4
Im Mskr. folgt hier ein freigelassener Raum, in den Barth wohl gegebenenfalls die betreffenden Namen einsetzen wollte.↩
5
Die reformierte Theologie wurde in Göttingen nach Barths Weggang bis 1934 von dem Alttestamentler Hans Duhm (12.8.1878–4.1.1946) durch einen Lehrauftrag mit wahrgenommen.↩
6
Ein im Karl Barth-Archiv erhaltener Briefwechsel zwischen Barth und Zoellner (B. an Z.: 20.10.1929; Z. an B.: 27.10.1929) dokumentiert, daß beide anläßlich eines westfälischen Examens über Gogarten als ihnen erwünschten Nachfolger Barths gesprochen und daß Zoellner nachher mit einigen Mitgliedern der Münsteraner Fakultät darüber Fühlung genommen hatte, die Aussichten jedoch ungünstig beurteilte.↩
7
Wie bei Anm. 4.↩