Da ich nicht in der Lage bin, mich dem Votum der Fakultät in Sachen der bevorstehenden
Neubesetzung des planmäßigen Ordinariats für systematische Theologie anzuschließen,
gestatte ich mir, als
Separatvotum
Folgendes vorzutragen:
I. Als ich mich entschloß, dem an mich ergangenen Ruf nach Bonn Folge zu leisten, war es mir vom ersten
Augenblick an klar, daß ich mir einen anderen Nachfolger in meiner hiesigen Stellung
nicht wünschen dürfe und könne als Pfarrer D. Friedrich Gogarten in Dorndorf, zur Zeit Privatdozent an
der Universität Jena. Ich hätte mich an
anderen Nennungen gemeinsam mit der Fakultät nur beteiligen können unter der
Voraussetzung, daß dieser Name an die Spitze aller übrigen gesetzt worden wäre. Nun die
Fakultät sich vielmehr dahin entschlossen hat, diesen Namen überhaupt nicht zu nennen,
glaube ich die meiner Ansicht und meinem Wunsch in dieser Sache ohnehin besser
entsprechende Möglichkeit zu haben, eben diesen Namen allein zu nennen.
Gogarten ist nicht mein persönlicher Freund.
Auch sein wissenschaftlicher Weg ist weithin ein ganz anderer als der meinige. Wenn sein
und mein Name häufig in einem Atemzug genannt werden und wenn wir gemeinsam
Hauptmitarbeiter der theologischen Zeitschrift «Zwischen den Zeiten» sind, so beruht das
auf einer letzten sachlichen Übereinstimmung, die ernsthafte Differenzen in sich
schließt. Was die Vorbehalte betrifft, mit denen Gogarten mir gegenübersteht, so verweise ich auf seine Recension meiner
Dogmatik in Heft I der «Theologischen Rundschau» dieses Jahres.1 Ich meinerseits halte den Rahmen der Inter|233essen, innerhalb deren Gogarten arbeitet,
für zu eng. Ich kann mich, anders als Bultmann, der Nähe zu der phänomenologischen Philosophie, in der Gogarten arbeitet, nur wenig freuen. Ich stehe auch
dem akzentuierten Luthertum, das er vertritt,
nicht ohne Bedenken gegenüber. Es fällt mir also durchaus nicht etwa leicht, gerade ihn
für meine Nachfolge in Vorschlag zu bringen.
Wenn ich dies dennoch mit voller Entschiedenheit und aus ganzer Überzeugung tue, so
habe ich dazu die beiden folgenden Gründe:
1. Gogarten hat sich in den rund 10 Jahren,
seit denen sein Name eine weitere theologische und nicht-theologische Öffentlichkeit
beschäftigt, als ein Mann erwiesen, der (im qualifizierten Sinn des Ausdrucks) etwas zu
sagen hat. Seine Arbeit gilt, wie es heute unumgänglich notwendig ist, den
Voraussetzungen und Grundbegriffen der Theologie. Gogarten, «der Typus eines deutschen kritischen Geistes», wie ihn ein ausländischer Beurteiler
genannt hat, machte sich mit einer Zähigkeit, wie sie nur Wenige aufbringen, an diese
Arbeit. Er wußte, was er preisgab, als er sich von der in seinem Lehrer Troeltsch stattlich repräsentierten
Vorkriegstheologie lossagte, und er wußte um die Schwere des Unternehmens, als er sich,
zunächst an Luther ganz allein sich
orientierend, einen neuen Weg zu bahnen versuchte. Er tat dies in einer erstaunlichen
Selbständigkeit auch uns Andern gegenüber, die zur gleichen Zeit ähnlichen Zielen
nachgingen. Er tat es mit einer großen Fähigkeit, nicht loszulassen und sich nicht irre
machen zu lassen. Er hat als Ergebnisse seiner Nachforschung gewisse Dinge (mir
persönlich sind bes. seine Nachweisungen über die Zusammenhänge zwischen Geschichte und
Ethik neu gewesen und wichtig geworden) mit einem Nachdruck ausgesprochen, wie es in der
neueren Zeit vor ihm und nach ihm kein Anderer getan hat. Die drei Bände gesammelter
Vorträge2 und das größere Buch «Ich glaube an den dreieinigen Gott»3, die er bei E. Diederichs in
Jena hat erscheinen lassen, sind, wie man
sich auch zu ihrem Inhalt stellen möge, nicht nur merkwürdige Zeugnisse eines
unmittelbaren Wissens um die Dinge, von denen er spricht, sondern auch Zeugnisse eines
|234 ungewöhnlichen Fleißes und Willens zur Konzentration auf
die Sache und zu einer Sprache, die gehaltvoll genug ist, daß sie es erlaubt, ihn,
zustimmend oder ablehnend, bei jedem Satz zu behaften, weil sie keine unnötigen und
ungewichtigen Worte kennt. Man kann ruhig voraussagen, daß sie sich für das Auge einer
künftigen Zeit als charakteristisch für das ernsthafteste Suchen der Theologie unserer
Tage von Dutzenden und Dutzenden anderer Werke, denen sie an zunftmäßiger Gelehrsamkeit
unterlegen sein mögen, abheben werden. Und es kann kein Zweifel sein, daß wir auch in
Zukunft noch Anlaß haben werden, auf diesen Mann vor Anderen zu hören als auf einen
berufenen Theologen, wie es deren nur ganz wenige gibt.
Ich kann es nun nicht für einen Ruhmestitel der deutschen theologischen Wissenschaft halten, daß sich bis jetzt noch
keine Fakultät hat entschließen können, Gogarten bei eintretenden Vakanzen so zu empfehlen, daß seine Berufung
aussichtsreich geworden wäre, und ich kann mich an dieser Unterlassung nicht beteiligen.
Unter den von der Fakultäts-Mehrheit vorgeschlagenen Namen befinden sich zwei: […]4, die zweifellos, wenn
auch in abgestuftem Maß, inneres Gewicht haben und deren Nennung ich unter anderen
Umständen gerne zustimmen würde. Es kann diesmal nicht geschehen, nicht weil ich etwas
gegen sie einzuwenden habe, sondern weil ich es beklagen würde, wenn Gogarten zu ihren Gunsten übergangen und in der
seiner nicht würdigen Privatdozentur in Jena
belassen würde.
2. Es darf zunächst allgemein darauf hingewiesen werden, daß die Bedeutung, die die von
unserm Kreis aufgeworfenen Fragen in der theologischen Diskussion immerhin gewonnen
haben, zu der uns gegönnten akademischen Vertretung heute in keinem Verhältnis steht.
Und man wird es verständlich finden, wenn ich persönlich den starken Wunsch habe, die
Arbeit meines hiesigen Nachfolgers möchte eine solche sein, die ich als eine Fortsetzung
und nicht als eine Zerstörung der meinigen einschätzen darf. Nachdem ich es bei der
Neubesetzung der bis 1925 von mir innegehabten reformierten Professur in Göttingen5
er|235lebt habe, was das Letztere bedeutet, darf
ich wohl bitten, mir in diesem Punkt besonders Gehör zu schenken. Die Fakultät
Münster ihrerseits hat in der Zeit, in der
ich ihr anzugehören die Ehre hatte, an Ansehen und Studentenzahl jedenfalls nicht
verloren. Ich darf darum annehmen, daß dieser mein Wunsch auch mit dem wohlverstandenen
Interesse der Fakultät selbst vereinbar ist. Darüber, daß Gogarten Alles ganz anders anfassen wird als ich,
kann nach dem oben Gesagten kein Zweifel bestehen. Ich habe aber zu ihm das unbedingte
Zutrauen, daß er die Richtung und das Niveau der Forschungs- und Unterrichtsarbeit, wie
ich sie in Vorlesungen und Übungen und in meiner literarischen Tätigkeit zu halten
suchte, nicht nur halten, sondern in seiner Weise verbessern wird. Gogarten würde aber auch zu der Fakultät, nachdem man
sich erst an ihn gewöhnt, durchaus passen. Er hat schon in dem kleinen Jena als Privatdozent eine bemerkenswerte
Unterrichtstätigkeit ausgeübt und würde sie als Professor in Münster zweifellos erst recht ausüben. Er ist
überdies Westfale und gehört, wenn
irgendwohin, dann gerade nach Münster. Und
was die westfälische evangelische Kirche
betrifft, so hat mich Herr Generalsuperintendent D. Zoellner ausdrücklich ermächtigt, von seiner Erklärung Gebrauch zu machen,
daß er sich ausgesprochen für die Möglichkeit einer Berufung des ihm von der Lausanner Kirchenkonferenz 1927 her genau bekannten
Gogarten aufs wärmste interessiere.6
Zurückkommend auf die Liste der Fakultät muß ich erklären, daß die Namen: […]7 für mich hinsichtlich der gewünschten Kontinuität
in der Fortsetzung meiner Arbeit nicht tragbar sind. Beide sind mir so fremde Geister,
daß ich von ihnen nur ein gänzliches Abbrechen der von mir innegehaltenen Linie erwarten
könnte, und ich bitte gehorsamst, mir diese diesmal, wenn immer möglich, ersparen zu
wollen. Daß man sie an innerem Gewicht und bezüglich des Ansehens der Fakultät Gogarten an die Seite zu stellen wagt, ist mir ein
Gegenstand tiefer Verwunderung.
236 II. Was die im Schreiben der Fakultät ebenfalls berührte Frage bezüglich der künftigen
Stellung und Einkünfte des bisherigen Inhabers des planmäßigen Extra-Ordinariats
Professor D. Fr. W. Schmidt betrifft, so
halte auch ich in Anbetracht der von ihm geleisteten Arbeit und in Anbetracht seiner
persönlichen Verhältnisse seine gegenwärtige Lage für durchaus reformbedürftig und
erlaube mir den Vorschlag, es möchten, falls Gogarten, wie ich es als selbstverständlich voraussetze, zu meinem
Nachfolger im planmäßigen Ordinariat bestimmt werden sollte, die Einkünfte Professor
Schmidts durch angemessene Erhöhung der
Kolleggeld-Garantie auf die Höhe der Einkünfte eines im Dienstalter gleichen planmäßigen
Ordinarius erhoben werden.