Karl Barth an Rudolf Bultmann
105
Es hat mich (denn ich habe immer wieder Anlaß, an Sie zu denken!) gefreut, wieder einmal von Ihnen zu hören und nun gar einen persönlichen Gruß — und nun noch einen so gewichtigen wie Ihren Aufsatz zu
Sie erinnern sich wohl, daß mein bescheidener Versuch zu dieser Sache einst gleichzeitig mit meinem berüchtigten Versuch, «Sie zu verstehen», ans Licht kam.2 Ich wollte damals ursprünglich ausdrücklich ge|199sagt haben: dies sei ein Spezimen meiner Exegese eines neutestamentlichen Textes, überließ es dann aber lieber den geneigten Lesern, sich den Vers auf jene Koinzidenz selber zu machen. Sie als die Hauptperson haben nun den Braten jedenfalls gerochen.
Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich genommen haben, sich mit mir zusammen- und auseinanderzusetzen, und werde mich nun hinsetzen und versuchen, Ihnen Satz für Satz zu folgen. Mein Prima vista-Eindruck ist zunächst der, daß wir es in der Verschiedenheit unsrer Auslegungen mit einem vielleicht typischen Reflex Ihres und meines |200 Herangehens an das NT überhaupt zu tun haben, über dessen Verschiedenheit wir nun wohl in diesem Leben nicht mehr hinauskommen werden. Im Himmel (als dem obersten Stockwerk des mythologischen Weltbildes) suchen wir dann vielleicht — ich freilich erst nach einem längeren Abstecher zu
Gerne würde ich Sie auch wieder einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Z. B. um von Ihnen zu hören, was Sie davon halten, daß man nun Ihre Schüler, wie es scheint, samt und sonders wieder nach dem «historischen Jesus» Ausschau halten sieht.3 Auch was Sie von dem
Unser gemeinsamer Freund
201 Wie dem auch sei: ich wünsche Ihnen und den Ihrigen eine heitere Weihnachts- und Neujahrszeit und bin — nochmals mit herzlichem Dank — freundlich grüßend