Brief Nr. 105 · 18. Dezember 1959

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Es hat mich (denn ich habe immer wieder Anlaß, an Sie zu denken!) gefreut, wieder einmal von Ihnen zu hören und nun gar einen persönlichen Gruß — und nun noch einen so gewichtigen wie Ihren Aufsatz zu Röm. 5,12f. zu bekommen.1

Sie erinnern sich wohl, daß mein bescheidener Versuch zu dieser Sache einst gleichzeitig mit meinem berüchtigten Versuch, «Sie zu verstehen», ans Licht kam.2 Ich wollte damals ursprünglich ausdrücklich ge|199sagt haben: dies sei ein Spezimen meiner Exegese eines neutestamentlichen Textes, überließ es dann aber lieber den geneigten Lesern, sich den Vers auf jene Koinzidenz selber zu machen. Sie als die Hauptperson haben nun den Braten jedenfalls gerochen.

Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich genommen haben, sich mit mir zusammen- und auseinanderzusetzen, und werde mich nun hinsetzen und versuchen, Ihnen Satz für Satz zu folgen. Mein Prima vista-Eindruck ist zunächst der, daß wir es in der Verschiedenheit unsrer Auslegungen mit einem vielleicht typischen Reflex Ihres und meines |200 Herangehens an das NT überhaupt zu tun haben, über dessen Verschiedenheit wir nun wohl in diesem Leben nicht mehr hinauskommen werden. Im Himmel (als dem obersten Stockwerk des mythologischen Weltbildes) suchen wir dann vielleicht — ich freilich erst nach einem längeren Abstecher zu W. A. Mozart — den Apostel Paulus gemeinsam auf, um uns von ihm erklären zu lassen, wie er es endlich und zuletzt selbst gemeint habe. Doch soll dieser erfreuliche Aspekt keine Ausrede sein, mich von Ihnen, wenn es gelingt, wenigstens in den Einzelheiten besser informieren zu lassen.

Gerne würde ich Sie auch wieder einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Z. B. um von Ihnen zu hören, was Sie davon halten, daß man nun Ihre Schüler, wie es scheint, samt und sonders wieder nach dem «historischen Jesus» Ausschau halten sieht.3 Auch was Sie von dem Heidegger-Buch unsres Herrn Ott4 und dessen sonstigen Wegen denken. Auch ob und inwiefern Sie sich von der über den Atlantik über uns gekommenen neuen Tillich-Woge haben beeindrucken und eventuell zu neuen Gestaden haben hintragen lassen?5

Unser gemeinsamer Freund Baumgartner6 ist nun auch munter im Ruhestand, wogegen ich noch vollamtlich im Pflug bin und die Kirchl. Dogmatik (die Sie arger Mensch bekanntlich nicht lesen) immer noch ein wenig weiter treibe.7

201 Wie dem auch sei: ich wünsche Ihnen und den Ihrigen eine heitere Weihnachts- und Neujahrszeit und bin — nochmals mit herzlichem Dank — freundlich grüßend

Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
R. Bultmann, Adam und Christus nach Römer 5, in: ZNW, Jg. 50 (1959), S. 145–165 📖; Nachdruck in: R. Bultmann, Der alte und der neue Mensch in der Theologie des Paulus (Libelli XCVIII), Darmstadt 1964, S. 41–66 📖(= Exegetica, S. 424–444 📖); engl. Übers.: Adam and Christ According to Romans 5, in: Current Issues in New Testament Interpretation. Essays in honor of Otto A. Piper, ed. by W. Klassen and G. F. Snyder, London 1962, S. 143–165. 📖↩
2
K. Barth, Christus und Adam nach Röm. 5. Ein Beitrag zur Frage nach dem Menschen und der Menschheit (ThSt 35), Zollikon-Zürich 1952 ; zur Neuauflage von 1964 📖, in der diese Schrift Barths mit derjenigen über Bultmann vereinigt ist, s. Nr. 103, Anm. 1. In seiner «Vorbemerkung» zur Neuauflage der beiden Schriften schrieb Barth im Januar 1964, a.a.O., S. 5f. u. a. 📖: «Ich stellte damals [1952] diese zweite neben jene erste Schrift [d. h. Christus und Adam … neben Rudolf Bultmann …], weil ich es für gut hielt, die Polemik der ersten sofort positiv durch ein weiteres Beispiel solcher Erklärung des Neuen Testamentes zu ergänzen und zu erläutern, wie ich sie im Unterschied zu Bultmann für die sachgemäße halte. Dieser Zusammenhang ist von den Rezensenten, soweit es mir bekannt ist, nicht beachtet, jedenfalls nicht hervorgehoben und erörtert worden. Vielleicht hat Bultmann selbst ihn bemerkt, als er ‹Christus und Adam nach Röm. 5› mehrere Jahre später in der ‹Zeitschrift für neutestamentliche Wissenschaft› 1959 S. 145–165 📖 unter dem sofort Alles sagenden Titel: ‹Adam und Christus nach Röm. 5› (das Rad wurde wieder energisch zurückgedreht!) total ablehnte, während es ihn offenbar nicht gelockt hatte, auf meinen damaligen ‹Versuch ihn zu verstehen› [scil. öffentlich] antikritisch einzutreten. Daß ich ihn verstehe, habe ich ja 1952 auch nicht behauptet und könnte es heute weniger als je behaupten. Es ist aber deutlich, daß er seinerseits auch mich nicht versteht. Und nachdem ich seine milde Bejahung der durch den Chr. Kaiser-Verlag nun auch in deutscher Sprache verbreiteten Plattfußtheologie des Bischofs von Woolwich [John A. T. Robinson, Gott ist anders — Honest to God 📖] zur Kenntnis genommen habe [R. Bultmann, Ist der Glaube an Gott erledigt?, in: Die Zeit, 10.5.1963, S. 18 📖 (= GuV IV, S. 107–112 📖); ders., Der Gottesgedanke und der moderne Mensch, in: ZThK, Jg. 60 (1963), S. 335–348 📖 (= GuV IV, S. 113–127)], frage ich mich ernstlich: ob eine Verständigung zwischen ihm und mir vor dem Ende aller Tage überhaupt denkbar, geschweige denn möglich ist? Anders gefragt: ob den nicht wenigen älteren und jüngeren Zeitgenossen, die heute so gerne einen Standort ‹jenseits von Barth und Bultmann› beziehen möchten, nicht zu raten wäre, davon zu lassen, um statt dessen entweder konsequent den einen oder ebenso konsequent den anderen der beiden da in Frage kommenden Wege zu wählen und zu Ende zu gehen? Als koexistierende Wappenlöwen links und rechts des Eingangstors zu dem Paradies einer künftigen besseren Theologie eignen sich offenbar weder Rudolf Bultmann noch ich — Tillich und ich übrigens auch nicht — und auch nicht Bonhoeffer (der posthum nach der heutigen Mode frisierte Bonhoeffer nämlich) und ich. Meine Ansicht, die ich hier unter vorübergehender Zurückstellung aller Altersweisheit aussprechen möchte, geht dahin, daß es heute an Stelle alles weiteren Herumstolperns in der Sackgasse wieder einmal zu Entscheidungen kommen müßte: nicht identisch mit denen, aber auf der Linie derer und ähnlich denen, die vor mehr als vierzig Jahren in der Theologie fällig wurden und zu vollziehen waren.»↩
3

Die «neue Frage» nach dem historischen Jesus hatte Ernst Käsemann schon sechs Jahre zuvor programmatisch in seinem Vortrag Das Problem des historischen Jesus am 20.10.1953 auf der Tagung der «alten Marburger» in Jugenheim gestellt; Abdruck des Vortrags in: ZThK, Jg. 51 (1954), S. 125–153 📖 (= E. Käsemann, Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. I, Göttingen 1960, S. 187–214 📖). Käsemanns Arbeit löste eine jahrelange Diskussion aus.

Am 25.7.1959 nahm Bultmann Stellung zur Diskussion mit seinem Vortrag Das Verhältnis der urchristlichen Christusbotschaft zum historischen Jesus (s. Nr. 103, Anm. 28). 📖 Darauf antwortete Käsemann mit dem Aufsatz Sackgassen im Streit um den historischen Jesus, in : ders., Exegetische Versuche und Besinnungen, Bd. II, Göttingen 1964, S. 31–68. Dazu Bultmann: Antwort an Ernst Käsemann, in: GuV IV S. 190–198. 📖↩

4
H. Ott, Denken und Sein. Der Weg Martin Heideggers und der Weg der Theologie, Zollikon 1959. 📖 ↩
5
In jener Zeit begannen auf deutsch Paul Tillichs Systematische Theologie, 3 Bde., Stuttgart 1956–1966 📖, und Gesammelte Werke, 14 Bde., Stuttgart 1959–1975 📖, zu erscheinen.↩
6
Walter Baumgartner; s. Nr. 30, Anm. 7.↩
7
1959 erschien der 11. Band der Kirchlichen Dogmatik: KD IV/3 (2 Teile). 📖↩