Brief Nr. 98 · 22. Dezember 1935

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Ich rechne auf Ihr ganzes freundschaftliches Wohlwollen, wenn ich Ihnen nun die Predigten in der Tat zurückschicke. Auch Thurneysen hat Ihren Brief und die Predigten gelesen, und denken Sie nur: Ihre Kritik an den unsrigen scheint wirklich keine zufällige zu sein, nicht auf irgendwelche vermeidbare Fehler sich zu beziehen. Denn mit ganz derselben Bestimmtheit müssen wir Ihnen sagen, daß wir Ihre Predigten nicht «gut» (im Sinn dessen, was wir für eine gute Predigt halten) finden können. Es entspricht wohl Ihrer Beschwerde über die «dürre Dogmatik» unsrer Erzeugnisse, wenn wir unsrerseits in den Ihrigen nicht eigentlich Christus verkündigt, sondern — was u. E. in einer «guten» Predigt nicht geschehen dürfte — den glaubenden Menschen expliziert sehen, und wenn wir sie darum gerade als Predigten — ich muß das schreckliche Wort aussprechen, um auch unser praktisch-theologisches Bedenken deutlich zu machen — langweilig finden, nicht hinausgehend über das, was man etwa von «positiven Ritschlianern» (einem hierzulande sehr verbreiteten Genus) zu hören bekommt. Hinter dieser unsrer gegenseitigen Beanstandung steckt natürlich eine sachliche Differenz. «Mißtrauen» ist wirklich ein schlechtes Wort für das, was ich auch in |163 der Sache Ihnen gegenüber empfinde. Ich sehe angesichts Ihres Kreisens um die Existenz des Glaubenden — wie ich sie auch in diesen Predigten wiederfinde — nicht ein, inwiefern Sie nun eigentlich, nachdem allerlei Pulverdampf sich verzogen hat, das Schema der Theologie des 18. und 19. Jahrhunderts durchbrochen haben. War es nicht eine schmerzliche Bestätigung dessen, daß wir an entscheidender Stelle noch nicht beieinander sind: daß sich im Kirchenkampf zwischen Marburg und Bonn so gar keine Einigkeit erzielen ließ, daß Sie den Eid, über den ich «gestolpert» bin, ruhig geschworen haben und auch mich dazu veranlassen wollten, daß Ihr Freund v. Soden (den auch ich unterdessen persönlich aufrichtig schätzen gelernt habe) sicher nicht ohne Ihr Einverständnis das Kirchenregiment Marahrens eingesetzt hat, auf das ich meinerseits alle Übel des vergangenen Jahres zurückführe, nachdem ich von Anfang an dagegen protestiert habe.2 Ich glaube, daß das Alles mit unserer Differenz über das Verhältnis von Christologie und Anthropologie sehr viel zu tun hat. Und darum würde ich es für eine Irreführung der Leserschaft halten, wenn Sie nun ganz gemächlich trotz Allem in der Theol. Ex. 📖 erscheinen würden, wo nun eben bisher mit mehr oder weniger Glück eine andere Linie zu halten versucht wurde.

Möchte es uns in absehbarer Zeit beschieden sein, wieder einmal mündlich an einander heranzukommen. Ich habe hier einen Schüler namens Schweizer3, der auch Ihr Schüler war und ist und der im Seminar und im Offenen Abend fleißig aus Ihren Heften zu zitieren weiß. |164 Auch so ist also gesorgt dafür, daß Sie mir kata pneuma beständig gegenwärtig sind.

Und nun empfangen Sie zum Weihnachtsfest mit allen Ihrigen die herzlichsten Grüße und Wünsche von
Ihrem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Im Mskr. Schreibfehler: Januar.↩
2

Zur Einsetzung der Ersten Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche unter Vorsitz von Landesbischof Marahrens (vgl. Vereinbarung über die Bestellung eines vorläufigen Kirchenregiments der DEK vom 22.11.1934, in: KJ, Jg. 60–71 [1933–1944], Gütersloh 19762, S. 87f. 📖) und zu Barths daraufhin erfolgtem Austritt aus dem Reichsbruderrat der Bekennenden Kirche s. K. Meier, Der evangelische Kirchenkampf, Bd. I, Göttingen 19842, S. 501ff. 📖

Daß Bultmann mit der Einsetzung des Vorläufigen Kirchenregiments unter Marahrens einverstanden gewesen sei, kann quellenmäßig nicht belegt werden. Zu v. Sodens Anteil an den Vorgängen, insbesondere bei der entscheidenden Sitzung des Reichsbruderrates am 29.10.1934, s. H. Prolingheuer (s. Nr. 92, Anm. 1), S. 43 (mit Zitat aus dem Sitzungsprotokoll); K. Meier, a.a.O., S. 514. 518.628f.↩

3
Eduard Schweizer (geb. 18.4.1913), 1936 Pfarrer in Basel, 1938 in Nesslau/St. Gallen, 1940 Privatdozent für Neues Testament in Zürich, 1946 Ordinarius in Mainz, 1949 in Bonn und in demselben Jahr bis zur Emeritierung 1979 in Zürich. ↩