Brief Nr. 97 · 10. Dezember 1935

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Ich schicke Ihnen hiermit zwei Predigten mit der Frage, ob Sie sie in einem Heft der «Theologischen Existenz 📖» aufnehmen wollen. Da es ins Ausland geht, so bitte ich zu verzeihen, daß ich für etwaige Rücksendung nicht das Porto beilegen kann.

Die erste Predigt über das «echte Bekenntnis»1 hat den Charakter einer Homilie, die zweite über die «Adventsbereitschaft»2 den Charakter einer Thema-Predigt, ohne daß sie doch, wie ich denke, den Text nur als Motto benutzt. Ich sage schon seit langer Zeit den Studenten, daß sie sich von der Thema-Predigt möglichst abkehren und exegetische Pre|160digten halten sollen. Ich kann freilich nicht so radikal wie Sie m. W. die Themapredigt ablehnen.3 Ja, ich würde im Gegenteil sagen: diese steht gleichberechtigt neben jener. Es ist ja auch weder durch die Form der Homilie die Schriftgemäßheit garantiert, noch durch die Form der Thema-Predigt die Schriftautorität preisgegeben. Aber angesichts der Verderbnis der Thema-Predigten und aus erzieherischen Gründen trete ich heute mit Nachdruck für die Homilie ein.

Dies alles nicht als Apologie meiner 2. Predigt, sondern zum Verständnis. Und das ist auch das Motiv, aus dem ich Ihnen die Predigten sende. Ich weiß, Sie verfolgen meine Arbeit mit mehr oder weniger großem Mißtrauen. Und es wird Ihnen auch nicht verborgen sein, daß ich meinerseits zu manchem, was Sie sagen, traurig den Kopf schüttle. Gleichwohl bin ich überzeugt, daß wir gemeinsam für die gleiche Sache kämpfen; und meine Sendung möchte Sie fragen, ob Sie der gleichen Überzeugung sind. Es wäre eine Probe auf die Gemeinsamkeit, wenn Sie die Predigten in die «Theol. Existenz 📖» aufnehmen. Daß es mir schmerzlich ist, wenn Sie nein sagen, versteht sich ebenso von selbst, wie, daß ich es nicht persönlich übel nehmen würde.

Ich will um des Verständnisses willen es Ihnen lieber schwer als leicht machen, indem ich zu einigen Heften der «theol. Existenz» noch einige kritische Bemerkungen mache. Die Hefte «die Kirche und die Kirchen»4, «die theologische Voraussetzung kirchlicher Gestaltung»5, «Das Bekenntnis der Reformation und unser Bekennen»6, «Evangelium und Gesetz»7 habe ich mit voller Zustimmung gelesen, von einigen exegetischen Gewaltsamkeiten abgesehen. (Heft 32 S. 6: Ἰησοῦ in πίστις Ἰησοῦ Röm. 3,22; Gal. 2,16 etc. ist sicher nicht als Gen. subj. zu verstehen. S. 10: das ἔσεσθε Mt. 5,48 heißt nicht «genauer und richtiger»: ihr werdet sein, sondern: ihr sollt sein. S. 12: die Aufrichtung des Gesetzes von Röm. 3,21 ist sicher nicht die von Mt. 5,17f. S. 18 das τέλος Röm. 10,4 heißt trotz |161 Lohmeyer8 nicht «Ziel», sondern «Ende» etc.) Aber was ich schwer ertragen kann, das sind — offen gestanden — Ihre Predigten und Bibelstunden.9 Der Text wird von Ihnen nach dem Rezept einer Dogmatik abgefragt und redet nicht mit seiner eigenen Stimme. Nach wenigen Sätzen weiß man schon alles, was Sie sagen werden, und fragt sich nur gelegentlich: wie wird er das jetzt aus den folgenden Textworten herausbringen? Es geht offenbar anderen Hörern und Lesern anders als mir; aber von mir kann ich nur sagen: von dieser Exegese werde ich nicht getroffen; der Text redet mich nicht an, sondern die Decke der Dogmatik wird darüber gelegt. — Es wird auch zur Klärung dienen, wenn ich sage, daß ich das letzte Heft, Thurneysens «Fülle in Christus»10, mit schmerzlichem Entsetzen über diese dürre Dogmatik aus der Hand gelegt habe. — Sie werden in meinem Glauben und Verstehen11 die Ketzerei wittern. Aber ich bin der Meinung, daß Paulus anders in die Existenz der Hörer hineingesprochen hat, als Sie und Thurneysen es tun, nämlich so, daß dem Hörer unter dem Wort seine Existenz durchsichtig wird, daß Gott «per sui cognitionem infert nobis et nostri cognitionem» (Luther, Schol. zu Röm. 3,5)12. — Ich könnte auch sagen: das Element |162 Kierkegaards, das einst bei Ihnen und Thurneysen so kräftig wirkte, ist verschwunden. Und in der Tat: Kierkegaard verstand sich auf Exegese! — Und Sie? Ja, Sie predigen viel deutlicher und stärker in Ihren systematischen Aufsätzen als in Ihren Predigten; und dort höre ich auch durch Ihre Worte das Schriftwort.

Vielleicht habe ich nun alles verdorben; aber auf diese Probe mußte ich es ankommen lassen.

Ihnen und Ihrer Frau von meiner Frau und mir herzliche Grüße!
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Predigt vom 6.4.1935 in Bremen über Joh. 6,60–69, jetzt in: VW, S. 279–292. 📖↩
2
Predigt vom 1.12.1935 in Marburg über Röm. 13,11–12, jetzt in: VW, S. 293–304. 📖 ↩
3
Barth lehnte in der Tat die Themapredigt entschieden ab. Vgl. seine im Wintersemester 1932/33 und im Sommersemester 1933 gehaltenen «Übungen in der Predigtvorbereitung», deren Protokoll später veröffentlicht wurde: K. Barth, Homiletik. Wesen und Vorbereitung der Predigt, Zürich 1966 (19863), S. 34f.84. 📖 Vgl. ders., Die Kirche Jesu Christi (ThExh 5), München 1933, S. 3. 📖↩
4
ThExh 27 (1935) 📖; diese und die übrigen Schriften stammen von Barth.↩
5
ThExh 28 (1935). 📖↩
6
ThExh 29 (1935). 📖↩
7
ThExh 32 (1935). 📖↩
8
E. Lohmeyer, Grundlagen paulinischer Theologie (BHTh 1), Tübingen 1929, S. 63ff. 📖 ↩
9
ThExh 17 (1934): Drei Predigten 📖; ThExh 19 (1935): Vier Bibelstunden über Luk. 1 📖; ThExh 22 (1935): Vier Predigten. 📖↩
10
ThExh 33 (1935). 📖 Alle Hefte von ThExh: Reprint München 1980. 📖↩
11
Vgl. R. Bultmann, Glauben und Verstehen. Gesammelte Aufsätze, Bd. I, Tübingen 1933 (19939). 📖↩
12
Bultmann zitiert nach Luthers Vorlesung über den Römerbrief 1515/1516. Die Scholien (Anfänge reformatorischer Bibelauslegung, Bd. I), hrsg. von J. Ficker, Leipzig 19304, S. 67, Z. 22f 📖; vgl. WA 56, 229,21f. 📖: «Et ita Deus per suum exire nos facit ad nos ipsos introire et per sui cognitionem infert nobis et nostri cognitionem.» — Diese Stelle zitierte Bultmann bereits in Der Begriff der Offenbarung im Neuen Testament (SGV 135), Tübingen 1929, S. 39 📖 (= GuV III, S. 29 📖), hier zusammen mit Barths Satz: «Gottes Wort hören, heißt nicht in metaphysische Fernen schweifen, sondern endlich, endlich zu sich selbst kommen, sich selber sehen lernen, sich selber offenbar werden, wie man ist», K. Barth, Die christliche Dogmatik im Entwurf (s. Nr. 48, Anm. 1), München 1927, S. 398 = Neuausgabe (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1982, S. 516. 📖 Diese Lutherstelle ist ein Schlüsseltext für Bultmanns Verständnis von Offenbarung. Er erwähnt sie noch mehrmals in wichtigen Arbeiten, so z. B. in: Die Frage der natürlichen Offenbarung, in: R. Bultmann, Offenbarung und Heilsgeschehen (BEvTh 7), München 1941, S. 21 📖 (= GuV II, S. 99); Zum Problem der Entmythologisierung, in: KuM II (1952, 19652), S. 200. 📖 ↩