Brief Nr. 99 · 14. März 1937

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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99

Lieber Herr Bultmann!

Indem ich hier (zwischen meinen Gifford-Lectures in Aberdeen1) errötendst in Ihren Spuren wandle2, kann ich nicht umhin, Ihrer zu gedenken. Wirklich errötendst — denn Sie haben hier eine furchtbare Wirtschaft hinterlassen durch Ihre Lehre, daß X3 eventuell auch nicht gelebt haben könnte. Ganz St. Andrews spricht noch heute davon, und ich habe die größte Mühe, in deutscher und englischer Sprache zu erklären, was Kritisches Sie damit gemeint haben könnten. Aber bis jetzt ist Alles umsonst, und diese ganze Sache wird glatt auf mein Konto geschrieben! Im Übrigen ist es sehr schön hier, und der Gedanke an das kontinentale Reich der Finsternis erschreckt uns nur aus weiter Ferne.

Mit sehr herzlichem Gruß
Ihr
Karl Barth
165 [darunter:]
Lieber Herr Bultmann.

Sie müssen nicht alles glauben, was Herr Barth sagt!! Ich sende herzlichen Gruß an Sie4 selbst und Frau Bultmann.

Ihr
D. M. Baillie5

Sachfußnoten

1
Vgl. K. Barth 📖, Syllabus of Gifford Lectures 1937. Part I, Aberdeen 1937; ders., The Knowledge of God and the Service of God, according to the teaching of the Reformation; deutsch: Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre. 20 Vorlesungen (Gifford-Lectures) über das Schottische Bekenntnis von 1560, gehalten an der Universität Aberdeen im Frühjahr 1937 und 1938, Zollikon 1938. 📖 ↩
2

Bultmann war am 28.6.1935 zum Empfang des theologischen Ehrendoktors in St. Andrews; s. Nr. 95.

Vgl. Fr. von Schiller, «Das Lied von der Glocke», V. 70 📖:

Errötend folgt er ihren Spuren …↩
3
Christus.↩
4
Mskr.: «an Ihnen».↩
5
Donald Macpherson Baillie (5.11.1887–31.10.1954), seit 1935 Professor für Systematische Theologie in St.Andrews.↩