Brief Nr. 85 · 24. Februar 1934

Rudolf Bultmann an Karl Barth

140

85

Lieber Herr Barth!

Zweierlei Veranlassung führt mich zum Schreiben:

1.) Nach Semesterschluß würden v. Soden und ich gerne mit Ihnen und den gleichgesinnten Kollegen in Bonn zusammen kommen. Als |141 «Gleichgesinnten» werden wir von hier jedenfalls Schlier mitbringen. Wir warten, bis Hermelink nach Italien abgereist ist (am 1. März)1, damit uns seine Teilnahme nicht in Verlegenheit bringt. Daß wir Balla, Wünsch und Heiler nicht auffordern werden, werden Sie verstehen. Ich bin auch dafür, Frick daheim zu lassen.2 Wie stehen Sie zur Personalfrage? Und ferner: welcher Tag, bzw. welche beiden Tage sind Ihnen passend? Als Ort habe ich — in Erwiderung Ihres Besuches — Bonn vorausgesetzt. Aber es versteht sich von selbst, daß uns Marburg ebenso lieb ist, falls Ihnen das angenehmer sein sollte, — oder auch ein in der Mitte gelegener Ort. — Wir stehen in der ersten Märzhälfte zur Verfügung und hoffen, daß das auch Ihnen paßt. Es wäre wegen etwaiger Beschlüsse bedauerlich, wenn wir die Besprechung etwa gar auf das Ende der Ferien verschieben müßten. (Von Mitte März bis Mitte April bin ich voraussichtlich für 4 Wochen in Wiesbaden3; v. Sodens Ferienpläne stehen noch nicht fest).

2.) Pfarrer Lic. Jacob aus Noßdorf bei Forst (Lausitz) schickte mir ein Manuskript «Christl. Verkündigung u. polit. Existenz»4 und bittet mich, ihm zur Veröffentlichung zu helfen. Der Furche-Verlag hat den Druck wegen der zu großen Aktualität (!) abgelehnt. Ich weiß nun nichts Besseres als Ihre Schriftenreihe «Theol. Exist. heute 📖», in die ja |142 auch Wolf eingedrungen ist5, sodaß offenbar grundsätzliche Bedenken gegen die Mitarbeit anderer Autoren nicht bestehen. Um Zeit zu sparen, wage ich, Ihnen das Manuskript, ohne Ihre Antwort abzuwarten, zuzuschicken, und bitte deshalb um Verzeihung.

Vielleicht kennen Sie Jacob als Verfasser des «Gewissensbegriffs in der Theologie Luthers» (1929 bei Mohr-Siebeck).6 Sie werden eine Aversion dagegen haben, weil diese Schrift die Heideggersche Schulung deutlich zeigt. Ich bitte Sie, diese Aversion jedenfalls nicht zum Grund der Absage werden zu lassen; daß die Heideggersche Schulung nicht in die Reihen der «Deutschen Christen» führt, werden Sie ja zugeben. Und das Manuskript, um das es sich jetzt handelt, «heideggert» auch nicht. Es entspricht in seinem Stile wohl nicht den bisherigen Heften der «Theol. Ex. 📖»; aber das tut Wolfs Heft ja auch nicht. Jedenfalls scheint mir in Jacobs Aufsatz Notwendiges ausgezeichnet gesagt zu sein, und nach meiner Meinung würde er in Ihrer Sammlung auch in seiner Eigenart gut am Platze sein. — Ich habe meinerseits Jacob, da ich in seinem Aufsatz das Positive gegenüber dem Kritischen nicht hinreichend zur Geltung gebracht finde, dringend gebeten, den Aufsatz zusammen mit einem Vortrag über Luthers Verhältnis zum Staat7 zu publizieren. Dieser würde jenen ausgezeichnet ergänzen; er ist eine ausgezeichnete Leistung. Wenn Jacob dem zustimmt, und wenn Sie überhaupt geneigt sind, auf die Sache einzugehen, würde ich Jacob veranlassen, Ihnen den Luther-Vortrag zu schicken.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus.
Ihr
R. Bultmann

Das Manuskript schicke ich besonders.

Ist Lieb noch in Bonn?8

Sachfußnoten

1
Diese Exkursion Hermelinks mit Studenten nach Rom wurde zum Anlaß seiner späteren Zwangsentlassung als Professor (s. Nr. 88, Anm. 3), obgleich H. v. Soden und andere Kollegen sich noch für seinen Verbleib an der Marburger Universität einsetzten; vgl. B. Jaspert, Der Kirchenhistoriker Heinrich Hermelink, in: ders., Theologie und Geschichte. Gesammelte Aufsätze, Bd. I, Frankfurt a. M. 1989, S. 219–239. 📖↩
2
Diese Marburger Kollegen hatten seinerzeit gegenüber Bultmann und H. v. Soden Bedenken gegen den an den Reichsbischof gerichteten Offenen Brief geäußert, der bei der Begegnung zwischen den «Gleichgesinnten» aus Bonn und Marburg am 11./12.11.1933 (s. Nr. 82, Anm. 1) beschlossen worden war. Vgl. dazu H. v. Sodens Rundschreiben an Marburger Kollegen vom 16.11.1933, AKIZ A/2, S. 63–65 📖.↩
3
17.3.-16.4.1934 zu einem Kuraufenthalt.↩
4
G. Jacob, Christliche Verkündigung und politische Existenz, in: Junge Kirche, Jg. 2 (1934), S. 309–321. 📖 Nachdem Barth die Aufnahme des Artikels in die Reihe «Theologische Existenz heute 📖» abgelehnt hatte (s. Nr. 86), nahm ihn Hanns Lilje in die von ihm zusammen mit Fritz Söhlmann herausgegebene und ebenfalls auf Seiten der Bekennenden Kirche stehende Zeitschrift «Junge Kirche» auf. Nachdruck des Aufsatzes in: G. Jacob, Die Versuchung der Kirche. Theologische Vorträge der Jahre 1933–1944, Göttingen 1946, S. 7–21. 📖 ↩
5
E. Wolf, Martin Luther, das Evangelium und die Religion (ThExh 6), München 1934. 📖 Autor der bisherigen Hefte ThExh 1–5 war ausschließlich Barth.↩
6
G. Jacob, Der Gewissensbegriff in der Theologie Luthers (BHTh 4), Tübingen 1929, Nachdruck Nendeln (Liechtenstein) 1966 📖. ≈ ↩
7
Unveröffentlicht. Vgl. aus demselben Jahr G. Jacob, Luthers Kirchenbegriff, in: ZThK, Jg. 15 (1934), S. 16–32. 📖 — Günter Jacob (8.2.1906–29.9.1993), Mitglied des Provinzialbruderrates der Bekennenden Kirche in Berlin-Brandenburg, wurde 1946 Generalsuperintendent in Lübben, 1949 in Cottbus, 1963 Verwalter des Bischofsamtes der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg, Regionalsynode Ost.↩
8
Fritz Lieb wurde am 21.11.1933 die Lehrbefugnis entzogen. Im März 1934 ging er in die Emigration nach Paris.↩