Brief Nr. 86 · 27. Februar 1934

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Das ist nun eine schlimme Geschichte: ich reise am Freitag nach der Schweiz und bin dann die ganzen Ferien dort bzw. in der Zeit vom 8.-15. April in Paris, wo ich Vorträge halten, predigen und sogar mit den Studenten dreimal Seminar abhalten soll.1 Es geht nicht, daß ich meine Abreise verschiebe. Die gewiß nützliche Zusammenkunft müßte also, wenn ich dabei sein soll, doch auf das Ende der Ferien verschoben werden. Wollen Sie mir nicht nach der Schweiz — bis 9. März: Bern-Wabern, Bellevuestr. 152, von da bis 7. April: Zürich, Trittligasse 342 — berichten, welche Traktanden Ihnen für diese Zusammenkunft vorschweben? Die Absicht, dazu nur noch ganz sichere Leute zuzuziehen, leuchtet mir sehr ein. Von uns wird dann freilich Lieb nicht mehr dabei sein. Er ist augenblicklich noch hier, wird aber etwa um den 20. März herum nach Paris übersiedeln, um sich sprachlich und sonst noch mehr zu «russifizieren».

Die Arbeit von Günter Jacob war mir bereits von ihrem Verfasser selbst zugänglich gemacht worden, und ich hatte mich damals bereits von mir aus mit der Frage beschäftigt, ob ich sie nicht in die Th. Ex. 📖 übernehmen könnte. Das gelinde «Heideggern», das darin wahrzuneh|144men ist, würde mich davon auf keinen Fall abgehalten haben. Denn die hohen sachlichen Qualitäten, die der Arbeit eigen sind, haben sofort auch mir Eindruck gemacht. Aber nachdem ich sie zweimal und nun nach Ihrem Brief noch ein drittes Mal gelesen, möchte ich mich doch nicht in der Weise mit ihr solidarisieren, wie es durch ihre Übernahme auf mein U-Boot in den Augen weiter Kreise der Fall sein müßte. Es ist zweierlei, was mich an Jacobs Darlegungen stört und für das ich die Mitverantwortlichkeit nicht übernehmen möchte:

  1. Mir mißfällt die philosophisch sehr sauber — aber eben mehr philosophisch sauber als theologisch rein herausgearbeitete Stellung der «christlichen Verkündigung»: als Mitte eines Koordinatensystems, in dem sie eine Punktualität bekommt, die m. E. als einzige Bestimmung jenes Begriffs den Gegenstand trotz alles sichtbaren Wissens um ihn doch wieder verfehlt. Wo bleibt in der Konstruktion Jacobs die «Schrift»? Wo die «Gemeinde»? Steht die christliche Verkündigung nicht vor allem in diesen Beziehungen, und kann die von Jacob allein erwogene Beziehung («Prediger») theologisch richtig gewürdigt werden, abgesehen von ihrem Verhältnis zu diesen Beziehungen? Die Erinnerung an diese anderen Probleme hätte die Sache, die Jacob darstellen will, sozusagen als leibhaftige, im Raume sichtbar gemacht, während ich jetzt den Eindruck nicht los werde, es in dem, was er christliche Verkündigung nennt, mit einem Gespenst zu tun zu haben.
  2. Mir ist in dem Abschnitt über die politische Aufgabe des Predigers in hohem Maße mißfällig die allzu große Gerechtigkeit, mit der da das, was Jacob «enthusiastische Pathetik» und was er «verärgerte Kritik» nennt, gegeneinander ausgespielt wird. Das mag dialektisch sehr geschickt und einleuchtend sein, aber hier stimmt etwas nicht. Hinter dieser Kennzeichnung der beiden möglichen Irrungen steckt nun doch wieder — wie mir aus der auf S. 12 angestrichenen Stelle (aber nicht nur aus ihr) klar hervorzugehen scheint, jene für die Theorie und Praxis der Pfarrernotbund-Führung typische geschichtsphilosophische Voraussetzung: daß wir es im Nationalsozialismus unzweifelhaft mit einer «Wendung zur Zukunft», mit einem «die tiefsten Zonen des Seins» treffenden Erdbebenstoß etc. zu tun hätten.3 Woher weiß Jacob um diese |145 Wahrheit jenseits der beiden Irrtümer? Kraft welcher theologischen Einsicht fordert er, daß man der nationalsozialistischen Revolution zwar nicht pathetisch, aber auch — wie kommt es zu diesem Gegensatz? — beileibe nicht kritisch gegenüberstehen dürfe?4 Ist der Nationalsozialismus etwa erst im Augenblick seines manifesten Übergangs zur «politischen Religion» und prinzipiell gar nicht auch schon als «politische Ordnung» problematisch? Auch nicht vom Standpunkt des Wächteramtes der christlichen Predigt aus gesehen? Wirklich nicht? Dann ist offenbar dieser Standpunkt irgendwo innerhalb jener «tiefsten Zonen des Seins» zu suchen, in denen nach Jacobs Angabe der Nationalsozialismus eine unproblematische Gegebenheit ist. Ich muß bestreiten, daß er unter diesen Umständen der Standpunkt jenes Wächteramtes ist. An der Stelle, wo Jacob den Prediger hinstellen will, kann er weder für die Schrift noch für die Gemeinde wirklich offen sein. Daß er mich mit deutschchristlicher «Pathetik» in Ruhe lassen will, das will ich diesem Prediger hoch anrechnen, und daß er «um die Stunde des prophetischen Streites gegen die politische Religion schon weiß» (S. 17)5, das will ich ihm gerne zutrauen. Aber daß er die «Selbstkritik» so weit treibt, daß er sich eine «Kritik» zum vornherein verbietet, die vielleicht von der Schrift wie von der Gemeinde her gesehen höchst geboten sein könnte, daß er die Möglichkeit solcher «Kritik» zum vornherein mit dem Odium belastet, daß sie nur aus bürgerlichem, konservativem etc. Ressentiment geboren sei, daß er dieses Verbot damit rechtfertigt, daß er sich ja auch die «Pathetik» — nochmals: wie kommt es zu diesem Gegensatz? — verboten ha|146be, das wird mich zu der Frage veranlassen, ob er nun nicht doch auch einer von jenen Feldpredigern sein möchte, bei denen das Wort Gottes an der entscheidenden Stelle keine Freiheit hat.

Lieber Herr Bultmann, mir ist sehr wohl bewußt, daß ich selbst das von Jacob behandelte Problem der politischen Aufgabe der Predigt in meinen Heften noch nicht — jedenfalls noch nicht explizit — in Angriff genommen habe. Was dazu zu sagen wäre, wäre ja gerade dies, daß zwischen politischer Religion und politischer Ordnung auf keinen Fall prinzipiell unterschieden werden dürfe, daß in dem Dreieck Schrift-Prediger-Gemeinde heute auch und gerade der Nationalsozialismus als solcher (der Erdbebenstoß etc.!) durchaus kein Noli me tangere! sein könne. Vielleicht kommt einmal der Augenblick, wo ich das offen aussprechen muß, um dann wahrscheinlich bei diesem Anlaß endgültig in die Luft zu fliegen. Sie verstehen aber, daß ich vorher in meinen Heften wenigstens nicht das gerade Gegenteil von dem, was ich für richtig halte, drucken lassen möchte. — Ich schicke einen Durchschlag dieses Briefes an Herrn Jacob und lasse das Ihnen zugehörige Exemplar seiner Arbeit als Drucksache an Sie zurückgehen.

Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Barths Vorträge, die er vom 10. bis 12.4.1934 auf Einladung der Faculté Libre de Théologie Protestante(Paris) in der Sorbonne gehalten hat, wurden veröffentlicht unter dem Titel: Offenbarung, Kirche, Theologie (ThExh 9), München 1934 📖 (= Th. Fr. A., S. 158–184 📖; «Dialektische Theologie» … [s. Nr. 81, Anm. 3], S. 142–167 📖). Barths Predigt vom 15.4.1934 über Joh. 10,12f., gehalten in der Deutschen Evangelisch-lutherischen Christuskirche in Paris, erschien in: K. Barth, Der gute Hirte (ThExh 10), München 1934 (Reprint 1980), S. 6–13. 📖 Das Vorwort zu diesem Heft unterzeichnete Barth am 4.5.1934, an dem Tag, an dem Bultmann, von Soden und Schlier von ihrer Besprechung mit ihm und Wolf über die Erklärung Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Kirchen 📖 wieder nach Marburg zurückfuhren (s. Nr. 88, Anm. 2). Beachtenswert sind die inhaltlichen Parallelen zwischen Barths Vorwort und dieser Erklärung. — Zu den Fragen, die ihm die Studenten am 12.4.1934 in Paris stellten, s. K. Barth, Réponse à quelques questions, in: Le Semeur, 37. a., no. 1 (1.11.1934), S. 1–10. 📖 ↩
2
D.h. bei Barths Mutter (Bern) bzw. bei seinen Freunden Rudolf und Gerty Pestalozzi (Zürich).↩
3
Zu Barths Kritik an der Pfarrernotbund-Führung vgl. K. Kupisch, Zur Genesis des Pfarrernotbundes, in: ThLZ, Jg. 91 (1966), Sp. 721–730, bes. 730 📖, wo Jacobs entscheidende Mitwirkung bei der Konzipierung des Pfarrernotbundes hervorgehoben wird.↩
4
Die Stelle lautet bei Jacob, Christliche Verkündigung und politische Existenz, a.a.O., S. 317 📖: «Nun ist die nationalsozialistische Revolution, die kein Einsichtiger aus einer Wendung zur Zukunft in eine nur-nationale Restauration mehr umdeuten kann, von einer solchen Radikalität, daß ihr Stoß wie ein Erdbeben auch den Grund der Existenz, die tiefsten Zonen des Seins trifft. Es ist für den Prediger in der Sorge um die Unbestechlichkeit seines Auftrags wichtig genug, kritisch gegen sich selbst seine Verwurzelung in bestimmten Zonen zu entdecken, in jenen Schichten, aus denen gerade heute auch ihm die Leidenschaften aufsteigen. Sonst bleibt er hoffnungslos in jenen Zirkel von enthusiastischer Pathetik und verärgerter Kritik, von revolutionärem Schwung und bürgerlichem Vorbehalt verstrickt, und er verfälscht in diesem Zirkel die Verkündigung selbst.»↩
5
Vgl. Jacob, a.a.O., im Druck S. 321. 📖 ↩