Karl Barth an Rudolf Bultmann
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Das ist nun eine schlimme Geschichte: ich reise am Freitag nach der
Die Arbeit von
- Mir mißfällt die philosophisch sehr sauber — aber eben mehr philosophisch sauber als theologisch rein herausgearbeitete Stellung der «christlichen Verkündigung»: als Mitte eines Koordinatensystems, in dem sie eine Punktualität bekommt, die m. E. als einzige Bestimmung jenes Begriffs den Gegenstand trotz alles sichtbaren Wissens um ihn doch wieder verfehlt. Wo bleibt in der Konstruktion Jacobs die «Schrift»? Wo die «Gemeinde»? Steht die christliche Verkündigung nicht vor allem in diesen Beziehungen, und kann die von Jacob allein erwogene Beziehung («Prediger») theologisch richtig gewürdigt werden, abgesehen von ihrem Verhältnis zu diesen Beziehungen? Die Erinnerung an diese anderen Probleme hätte die Sache, die Jacob darstellen will, sozusagen als leibhaftige, im Raume sichtbar gemacht, während ich jetzt den Eindruck nicht los werde, es in dem, was er christliche Verkündigung nennt, mit einem Gespenst zu tun zu haben.
- Mir ist in dem Abschnitt über die politische Aufgabe des Predigers in hohem
Maße mißfällig die allzu große Gerechtigkeit, mit der da das, was Jacob «enthusiastische Pathetik» und was er
«verärgerte Kritik» nennt, gegeneinander ausgespielt wird. Das mag dialektisch sehr
geschickt und einleuchtend sein, aber hier stimmt etwas nicht. Hinter dieser
Kennzeichnung der beiden möglichen Irrungen steckt nun doch wieder — wie mir aus der
auf S. 12 angestrichenen Stelle (aber nicht nur aus ihr) klar hervorzugehen scheint,
jene für die Theorie und Praxis der
Pfarrernotbund -Führung typische geschichtsphilosophische Voraussetzung: daß wir es im Nationalsozialismus unzweifelhaft mit einer «Wendung zur Zukunft», mit einem «die tiefsten Zonen des Seins» treffenden Erdbebenstoß etc. zu tun hätten.3 Woher weiß Jacob um diese |145 Wahrheit jenseits der beiden Irrtümer? Kraft welcher theologischen Einsicht fordert er, daß man der nationalsozialistischen Revolution zwar nicht pathetisch, aber auch — wie kommt es zu diesem Gegensatz? — beileibe nicht kritisch gegenüberstehen dürfe?4 Ist der Nationalsozialismus etwa erst im Augenblick seines manifesten Übergangs zur «politischen Religion» und prinzipiell gar nicht auch schon als «politische Ordnung» problematisch? Auch nicht vom Standpunkt des Wächteramtes der christlichen Predigt aus gesehen? Wirklich nicht? Dann ist offenbar dieser Standpunkt irgendwo innerhalb jener «tiefsten Zonen des Seins» zu suchen, in denen nachJacobs Angabe der Nationalsozialismus eine unproblematische Gegebenheit ist. Ich muß bestreiten, daß er unter diesen Umständen der Standpunkt jenes Wächteramtes ist. An der Stelle, wo Jacob den Prediger hinstellen will, kann er weder für die Schrift noch für die Gemeinde wirklich offen sein. Daß er mich mit deutschchristlicher «Pathetik» in Ruhe lassen will, das will ich diesem Prediger hoch anrechnen, und daß er «um die Stunde des prophetischen Streites gegen die politische Religion schon weiß» (S. 17)5, das will ich ihm gerne zutrauen. Aber daß er die «Selbstkritik» so weit treibt, daß er sich eine «Kritik» zum vornherein verbietet, die vielleicht von der Schrift wie von der Gemeinde her gesehen höchst geboten sein könnte, daß er die Möglichkeit solcher «Kritik» zum vornherein mit dem Odium belastet, daß sie nur aus bürgerlichem, konservativem etc. Ressentiment geboren sei, daß er dieses Verbot damit rechtfertigt, daß er sich ja auch die «Pathetik» — nochmals: wie kommt es zu diesem Gegensatz? — verboten ha|146be, das wird mich zu der Frage veranlassen, ob er nun nicht doch auch einer von jenen Feldpredigern sein möchte, bei denen das Wort Gottes an der entscheidenden Stelle keine Freiheit hat.
Lieber Herr