Brief Nr. 84 · 17. November 1933

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Kollege Bultmann!

Schönen Dank für das H. W.-Lied! Leider kann ich Ihnen die Tübinger Sachen nicht zugänglich machen, da ich sie selber nur vorübergehend einsehen konnte. Es handelt sich um ein mir neues kleines Scriptum von Kittel zum Arierparagraphen und um ein Schreiben des Dekans Wehrung, in welchem dieses Scriptum als einhelliger Ausdruck der Überzeugungen der Fakultät in die Hände der sämtlichen ausländischen Theologieprofessoren gelegt wird.

Ich wurde am Dienstag früh von Pfarrer Jacobi1 in Berlin Hals über Kopf dorthin berufen zur Beratung über die durch den bekannten Sportpalastskandal geschaffene neue Lage.2 Wollen Sie Herrn von Soden sagen,

140 1. daß es mir wünschenswert erscheint, daß unsere Erklärung möglichst bald erscheint. Die Reichskirchenregierung hat sich ja nun plötzlich in die Toga der Orthodoxie gehüllt3, und gerade in diesem Zustand sollte sie nun von uns begrüßt werden.

2. daß ich den am Sonntag mehrfach erwähnten «Brüderrat» des Pfarrernotbundes aus der Nähe kennen gelernt habe und zu diesem Gremium, besonders auch zu seinem Führer Niemöller4 sehr wenig Vertrauen gewinnen konnte. Wenn das etwa nach einem Sturz der D. C.- Herrlichkeit die zukünftigen Bischöfe werden sollten, so wird wenig geholfen sein.

Unter den Marburger Kollegen, die nachträglich lieber nicht mit unterschreiben wollen, ist hoffentlich Herr Wünsch.5 Er ist der einzige, mit dem ich meinerseits nicht allzu gerne Schulter an Schulter an die Öffentlichkeit trete.

Mit freundlichem Gruß!
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Gerhard Jacobi (25.11.1891–12.7.1971), Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (nach dem 2. Weltkrieg zunächst Generalsuperintendent in Berlin, später Bischof in Oldenburg), war seit dem 20.10.1933 im Bruderrat des Pfarrernotbundes, dem neben Martin Niemöller und Jacobi angehörten: Superintendent Hugo Hahn (Dresden), Pfarrer D. Ludwig Heitmann (Hamburg), Pfarrer Eberhard Klügel (Hannover), Pfarrer Karl Lücking (Dortmund), Superintendent Ludolf Müller (Heiligenstadt), Pfarrer Georg Schulz (Barmen).↩
2
Zur «Sportpalastkundgebung» der Deutschen Christen («D. C.») (13.11.1933) vgl. K. Meier, Die Deutschen Christen. Das Bild einer Bewegung im Kirchenkampf des Dritten Reiches, Göttingen 1964, S. 32ff. 📖; ders., Der evangelische Kirchenkampf, Bd. I, Göttingen 19842, S. 122ff. 📖; K. Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich, Bd. I, Frankfurt a. M. / Berlin/Wien 1977 (Neuausgabe 1986), S. 701ff. 📖 Zu Barths Reise nach Berlin und dem Treffen im Hause Jacobi am 15.11.1933, wo es u. a. zu einer Auseinandersetzung mit M. Niemöller (s. Anm. 4) kam, vgl. Barths Bericht im Vorwort seiner Broschüre Lutherfeier 1933 (ThExh 4), München 1933, S. 3–7. 📖 Vgl. ferner dazu und zum weiteren Vorgehen der kirchlichen Opposition: J. Schmidt, Martin Niemöller im Kirchenkampf (Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte VIII), Hamburg 1971, S. 149f. 📖; K. Scholder, a.a.O., S. 705–709.↩
3
Angesichts der durch die «Sportpalastkundgebung» verursachten Unruhe in der Kirche hatte das Reichskirchenkabinett am 16.11.1933 beschlossen, «den umstrittenen Arierparagraphen fallen zu lassen und zugleich durch einen reichsbischöflichen Erlaß die Verpflichtung der Kirche auf Bibel und Bekenntnis zu betonen» (K. Scholder, a.a.O., S. 711 📖).↩
4
Martin Niemöller (14.1.1892–6.3.1984), damals Pfarrer in Berlin-Dahlem, später mit Barth befreundet, wurde eine der großen Gestalten der Bekennenden Kirche, 1937–1945 in KZ-Haft, 1945–1956 Leiter des Kirchlichen Außenamtes der EKD, 1947–1964 Kirchenpräsident der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, lange Jahre in bedeutenden Funktionen des Weltkirchenrates tätig. ↩
5
Georg Wünsch (29.4.1887–22.11.1964), 1931–1955 Ordinarius für Systematische Theologie und Sozialethik in Marburg. ↩