Brief Nr. 78 · 18. Oktober 1931

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Es tut mir herzlich leid, Ihre Bitte abzuschlagen, aber ich kann nicht anders. Denn 1.) bin ich über die Vorgänge in Halle nicht orientiert (eine Presse-Notiz und das kurze Referat Ihrer Kundgebung widersprechen sich schon; natürlich akzeptiere ich Ihr Referat, würde aber doch gerne genauer orientiert sein sowohl über Dehns Verhalten in der ganzen Sache wie über den Wortlaut der Aufforderung der Hallenser Studenten). Und 2.) ist es mir unmöglich, mich mit Dehn persönlich und sachlich solidarisch zu erklären. Diese allgemeine und weitgehende Formulie|130rung würde ja besagen, daß ich Dehns theologische Haltung bejahe; und das kann ich, soweit sie mir bekannt ist, schlechterdings nicht tun. Die Erklärung würde weiter besagen, daß ich Dehns Berufung in eine praktische Professur bejahe, — und dagegen habe ich von Anfang an die stärksten Bedenken gehabt. Ich habe schon seine Berufung nach Heidelberg für einen schweren Fehler gehalten (ungeachtet, daß ich angesichts des Verlaufs der Sache dort zu Dibelius stehe gegen die andere Fakultät)1 und hielt die Berufung nach Halle für eine Torheit. Soweit ich die Sache auf Grund meiner Kenntnis von außen beurteilen kann, frage ich mich, ob Dehn den Ruf nicht hätte ablehnen sollen.

Nun bin ich aber mit Ihnen darin ganz einig, daß ich die Hallenser Demonstration ablehne, die ja zweifellos aus politischen Motiven erfolgt ist, und ebenso darin, daß ich meine, man sollte in dieser Situation etwas tun. Wenn Sie und K. L. Schmidt Ihrerseits einverstanden sind, daß die Erklärung anders formuliert wird, so mache ich gerne mit und werde von Marburg noch mehr Unterschriften gewinnen. Vielleicht genügt zu sagen «… erklären hiermit, daß sie sich mit dem Verhalten D. Dehns in dieser Berufungs-Angelegenheit solidarisch erklären». Dazu müßte ich freilich noch genauer orientiert sein. Aber das wird Ihnen nicht genügen. Kann man nicht negativ formulieren: «…, daß sie das Verhalten jener Studentengruppe als unsachgemäß verurteilen und es für eine grobe Verletzung des akademischen Geistes halten, aus politischen Gründen die Lehrfreiheit eines Professors anzutasten» (oder ähnlich)?

Eile wäre ja not; aber besser eine spätere Erklärung von Vielen als eine frühe von Wenigen, wenigstens wenn es auf den Eindruck auf die Studentenschaft ankommt, und das tut es doch wohl.2

131 Bald die Antwort auf Ihren vorigen Brief!3

Mit herzlichem Gruß
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Dehns Berufung vom Dezember 1930 wurde im Januar 1931 durch Beschluß der Theologischen Fakultät Heidelberg bei einer Gegenstimme (Martin Dibelius) revoziert, nachdem dort Dehns Vortrag Kirche und Völkerversöhnung (s. Nr. 77, Anm. 2) 📖 bekannt geworden war, der teilweise heftigen Protest ausgelöst hatte. Abdruck der Voten der Fakultät Heidelberg zur Berufung des D. Dehn in: CW, Jg. 45 (1931), Sp. 205f. 📖, mit «Sondergutachten des Prof. Dibelius».↩
2
Bultmann unterschrieb kurz darauf eine von Otto Schmitz und Wilhelm Stählin (Münster) vorbereitete und von mehr als 30 Theologieprofessoren unterzeichnete Erklärung an den Rektor der Universität Halle: «Die unterzeichneten ordentlichen Professoren der Theologie, verschiedenen theologischen und politischen Überzeugungen angehörig, fühlen sich verpflichtet, öffentlich zu erklären, daß sie jeden Versuch studentischer Kreise, D. Günther Dehn an der akademischen Lehrtätigkeit zu hindern, auf das schärfste verurteilen.» Aus der Marburger Theologischen Fakultät unterschrieben neben Bultmann: Emil Balla, Karl Bornhäuser, Karl Budde, Heinrich Frick, Friedrich Heiler, Heinrich Hermelink, Adolf Jülicher, Friedrich Niebergall, Rudolf Otto, Martin Rade, Hans Freiherr von Soden. Abdruck der Erklärung in: ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 361. 📖 — Karl Barth äußerte sich zum «Fall Dehn» öffentlich außerdem in dem Artikel: Warum führt man den Kampf nicht auf der ganzen Linie? Der Fall Dehn und die «dialektische» Theologie, in: Frankfurter Zeitung vom 15.2.1932, S. 6 📖; unter dem Titel Der Fall Dehn und die «dialektische» Theologie auch in: Neuwerk, Jg. 13 (1932), S. 366–372 📖 (= K. Barth, Klärung — Wirkung — Aufbruch, hrsg. von W. Feurich, bearb. von A. Feurich und H. Trebs, Berlin 19862, S. 253–260 📖).↩
3
Siehe Nr. 80.↩