Brief Nr. 79 · 20. Oktober 1931

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!1

Ihr Brief ist mir ein rechter Kummer. Wegen des konkreten Anlasses, aber eigentlich noch mehr wegen der babylonischen Sprachverwirrung, in der wir, wie der Fall zeigt, offenbar auch in Bezug auf die praktischen Entscheidungen leben. Weder wollten wir erklären, daß wir Dehns «theologische Haltung» in globo bejahen, noch daß wir seine Berufung in die Hallenser Professur gutheißen, noch auch, daß wir sein Verhalten in der Berufungsangelegenheit billigen (ich bin gerade in der letzteren Hinsicht gar nicht mit ihm einverstanden!), wohl aber, daß wir uns angesichts einer Anpöbelung, die ihm wegen einer längst (aus der Chr. Welt sicher auch Ihnen!) bekannten Sache2 von dritter Seite wider|132fährt (— von einer Seite, der wir Auskunft über unsere Differenzen ihm gegenüber nun wirklich nicht schuldig sind!), schlicht auf seine Seite stellen, wie dies, wo der Pöbel gegen jemanden wütet, anständig ist, gleichviel, was man auch im Übrigen von diesem jemand halten möge. Unter den von Ihnen angegebenen Bedingungen könnten weder Sie sich mit mir noch ich mich mit Ihnen je «persönlich und sachlich solidarisch erklären», und wenn man einem von uns das Haus über dem Kopf anzündete. — Umgekehrt lag uns nichts ferner als das, was Sie mir als Ersatz unserer Aktion vorschlagen: eine Kapuzinerpredigt an die hallischen Studenten wegen Verletzung der Lehrfreiheit etc. Wir halten uns dazu nicht für berufen, halten auch die Möglichkeit eines solchen Exodus, wie er beabsichtigt war, an sich für eine nicht anzutastende studentische Freiheit, wollten aber den etwa nach Bonn Übersiedelnden sagen, daß sie hier sofort einen weitern Exodus veranstalten müßten und darum den aus Halle ebenso gut unterlassen könnten. Was sie ja nun wirklich auch unterlassen zu wollen scheinen. — Schade, daß wir ein weiteres Mal aneinander vorbei reden mußten.

Mit herzlichem Gruß
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Der folgende Brief wurde von Barth nicht abgeschickt. Barths Schwiegersohn, Max Zellweger, hat ihn am 4.7.1971 im Original in ungeordneten Papieren Barths entdeckt; heute im Karl Barth-Archiv.↩
2
In Jg. 45 (1931) der CW erschienen außer Dehns Vortrag Kirche und Völkerversöhnung (s. Nr. 77, Anm. 2) G. Dehn betreffende Artikel, Dokumente und Meldungen: Sp. 186–188.205f.237.290.313–316 📖..↩