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Endlich komme ich dazu, auf Ihren Brief vom 20. Juni zu antworten. Ich
möchte dabei den ersten Punkt heute auf sich beruhen lassen. Zu der Konkordatsfrage denke
ich mich noch einmal öffentlich zu äußern1, was dann zugleich eine Antwort auf Ihren Brief bedeuten wird. Daß
mir Mißverständnisse in meinen gegen Sie erhobenen Vorwürfen — z. T. ohne meine Schuld wie
in der Frage des Berichtes von Fr. W. Schmidt,
dessen Brief ich Ihnen zurücksende — passiert sind, bedaure ich herzlich und bin für die
Aufklärung dankbar.
Wichtiger ist mir heute der zweite Punkt. Es tut mir natürlich leid, wenn Marburger Studenten sich Ihnen gegenüber
väterlich-polizeilich |133 betragen haben; mehr noch, daß Sie das
so tragisch nehmen. Ist das wirklich Marburger Stil und nicht vielmehr überhaupt der Stil eines gewissen studentischen Stadiums?
Sie würden sich doch sehr täuschen, wenn Sie meinten, daß mir Entsprechendes von Seiten
Ihrer Schüler noch nicht passiert ist. Ich versuchte das humoristisch zu nehmen. Von
meinen Freunden Schlier und Krüger haben Sie offenbar eine falsche Vorstellung. Ich
freue mich zwar sehr darauf, mit Ihnen wieder im Gespräch zusammen zu sein; aber wenn Sie
es wirklich ablehnen sollten, sich dabei gegebenen Falls auch mit Schlier und Krüger zusammen zu setzen, so müßte ich mich freilich mit diesen solidarisch
erklären. Ich hoffe freilich, daß dieser Fall nicht eintritt. — Eva Kraffts Frage, ob Sie in meiner Arbeit eine
legitime «Fortsetzung» Ihrer Arbeit sehen, mag in der Form «albern» gewesen sein. Aber
sehen Sie denn nicht, daß dahinter die sie und viele Andere bewegende Frage steckt, die
Sie selbst eben in Zw.d.Z. an Heim gerichtet
haben2; wie sollen diese jungen Leute sich zwischen
Ihnen, mir und Anderen zurechtfinden? — Übrigens möchte ich um der Ehre von Eva Krafft willen bemerken, daß sie mir nie Äußerungen von Ihnen mitgeteilt oder von ihrer Korrespondenz mit Ihnen erzählt
hat. Jene Äußerung, auf die ich in meinem Brief an Sie Bezug nahm, habe ich von einer
Freundin E. Kraffts erfahren.
Daß für Sie das Bedürfnis der Auseinandersetzung mit meiner Arbeit nicht besteht, ist mir
natürlich bedauerlich. Wir meinten uns freilich nicht zu wichtig zu nehmen, wenn wir Sie
im vorigen Jahre um Ihr Kommen baten; denn wir Marburger empfanden jedenfalls das Bedürfnis, uns mit Ihnen auseinander zu
setzen um unserer selbst willen. Ob es wirklich so steht, wie Sie meinen, daß wir nur eine
Gestalt des alten Neuprotestantismus sind, das möchten wir eben wissen. Vorläufig kann ich
es nicht glauben. Daß ich mit v. Soden die
Theol. Rundschau herausgebe, dürfte doch wohl nicht als Symptom dafür bezeichnet werden,
und ich verstehe wirklich nicht, wie das eine Absage an Sie implizieren soll. Diejenigen
Liberalen, die sich bei v. Soden über den
Einfluß der dialektischen Theologie in der Rundschau beschweren, fassen es jeden|134falls nicht so auf. Ich meinerseits habe meine
Gemeinschaft mit v. Soden in der Herausgabe der
Rundschau so wenig als ein Bekenntnis zu seiner Theologie aufgefaßt wie Sie vermutlich
Ihre Verbindung mit Althaus und Heim in den «Forschungen zur Geschichte und Lehre des
Protestantismus»3 als ein Bekenntnis zur
Theologie dieser Kollegen.
Jedenfalls: was Ihnen so sicher ist, daß Ihr und mein Ansatz in principio
grundverschieden sind, ist es mir nicht. Ich meinerseits glaube zu sehen, daß Sie Fragen,
die mit Ihrem Ansatz gegeben sind und an deren Austrag mir liegt, künstlich niederhalten.
Aber ich will es heute nur durch einen Hinweis auf Thurneysens Vortrag über Christus und seine Zukunft4 andeuten. Wenn Th. meint, daß der Begriff Zukunft durch Jesus Christus umgestaltet
und daß das Kontinuum der Zeit durch ihn zerbrochen werde, so mag das richtig sein. Wenn
er dabei aber Zukunft und Zeit (in höchst unglücklichem Anschluß an Heim) nur vom Begriff der Nahezeit aus versteht und
wenn er als den christlichen Begriff von Zeit und Zukunft nichts Anderes herausstellen
kann, als was eine philosophische Analyse der Geschichtlichkeit auch aufzuweisen vermag,
so behaupte ich, daß hier ein Problem liegt, das er nicht sieht, aber von seiner Frage aus
sehen müßte. Es geht doch nicht an, die philosophische Arbeit so zu ignorieren, daß man
sich dann selbst darüber täuscht, daß man etwas Philosophisches gesagt hat, wo man etwas
Theologisches zu sagen meinte. — Ob ich es richtig mache, ist eine ganz
andere Frage; aber daß Sie in Ihrer Arbeit einen Fragenkomplex ersticken, der sich schon
einmal Luft machen wird, ist mir keine Frage. Daß Sie Gerh. Kuhlmann gegenüber im Recht sind, ist mir keine Frage, aber auch, daß
Sie auf seine Ausführungen in «Theologia naturalis bei Philon und Paulus» S. 123ff.5 antworten müssen.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus