Brief Nr. 72 · 2. Oktober 1930

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Ihr Brief machte mir Schmerz.1 Daß ich eine private Zusammenkunft vor Ihrem Vortrage vorschlug, beruht einfach darauf, daß Brunner, der als Einziger auf meine erste Anfrage antwortete2 (Sie, Thurneysen und Gogarten antworteten gar nicht; sollte etwa eine Karte an Sie nicht angekommen sein?), mir mitteilte, daß er nur am 25. und 26. Oktober in Marburg sein könne, — und daß andrerseits die Zusammenkunft der alten Marburger nur am Montag, den 27. beginnen konnte (nicht meinetwegen, sondern der Auswärtigen wegen). Nach dem, was Sie schreiben, muß nun ja die Zusammenkunft der στῦλοι ausfallen bzw. vertagt werden. Ich werde das gleich Brunner und Thurneysen mitteilen. Natürlich ist es ein böser Streich, den Gogarten uns gespielt hat, dadurch daß er plötzlich und unerwartet sein Kommen sowohl für die Zusammenkunft κατ᾽ ἰδίαν3 wie für die größere absagte. Aber wir können unmöglich um deswillen die ganze Tagung absagen. Die Einladungen (von denen ich eine einlege4) sind längst versandt; die Anmeldungen sind eingegangen (Urlaubsgesuche um dieser Tagung willen bei manchen) — das kann nicht rückgängig gemacht werden, zumal ich auf Reisen bin und erst am 23. oder 24. nach Marburg zurückkehre.

Daß Sie der Verabredung treu bleiben, haben wir natürlich nicht in der Hand. Ich bitte Sie sehr, den Teilnehmern nicht die Enttäuschung zu bereiten, daß Sie dann nicht da sind. Wenn meine früheren Anfragen |112 und Mitteilungen in Ihnen die Vorstellung erweckten, daß die Hauptsache in Marburg die Zusammenkunft mit Gogarten, Brunner und Thurneysen sei, so muß ich Sie um Entschuldigung bitten. In meinen Vorstellungen war die Zusammenkunft der alten Marburger mit Ihnen und die Aussprache mit Ihnen ebenso wichtig, und ich habe in der Erinnerung, daß ich Sie eben dazu in erster Linie gebeten hatte, — freilich unter der Voraussetzung der Teilnahme Gogartens. Rechnen Sie uns das Ausbleiben Gogartens nicht als Schuld an! Und erwägen Sie, ob es nicht auch fruchtbar sein könnte, mit uns Marburgern, die wir es uns seit Jahren wünschen, in ein rechtes Gespräch zu kommen!

Erschreckt hat mich freilich Ihr Satz, daß es einer 14tägigen Vorbereitung bedürfe. Ich möchte danach glauben, daß Sie sich die Art unseres Zusammenseins nicht ganz richtig vorstellen. Es geht höchst ungezwungen zu; wir rauchen dabei, sitzen um einen Tisch; ein Rednerpult gibt es nicht. Ihr «Vortrag» kann also die zwangloseste Form haben! Die Sache, um die es sich handelt, haben Sie ja oft genug für Ihre Dogmatik durchdacht; können Sie nicht einfach auf Grund Ihres Dogmatik-Manuskripts einige Thesen formulieren, die Sie dann gesprächsweise erläutern? Dann kann es Sie doch nicht eine Vorbereitung von 14 Tagen kosten!

Also bitte, lassen Sie uns nicht im Stich; wir würden das schwer empfinden.

Meine Frau, die mich begleitet, grüßt Sie und die Ihre mit mir!
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Vgl. auch das Schreiben Heinrich Schliers vom 3.10.1930 an Barth, das sich auf dessen Brief vom 30.9.1930 an Bultmann bezieht: Anh. 14.↩
2
Siehe Anh. 12.↩
3
Nach Gal. 2,2: im kleinen Kreise mit Barth, Brunner, Bultmann und Thurneysen. — Gogartens Absage ist nicht mehr erhalten.↩
4
Ein Exemplar im Karl Barth-Archiv. Es heißt in der Einladung u. a.: «Wie in den letzten drei Jahren soll auch in diesem wieder eine Arbeitszeit alter Marburger Theologen in Marburg stattfinden, und zwar vom 27.-29. Oktober. Wie im vorigen Jahre verabredet, wird das Thema lauten: ‹Die Frage der natürlichen Theologie›[.] Privatdozent Dr. Krüger wird ein histosisches, Prof. D. Karl Barth ein systematisches Referat halten. D. Gogarten hat seine Teilnahme in Aussicht gestellt.»↩