Brief Nr. 67 · 17. Februar 1930

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Schönen Dank für Ihren gestrigen Brief. Sie haben mir in Bismarckischer Weise «ans Portepee gegriffen»1, und so habe ich keine andere Wahl, als Ihnen zuzusagen, daß ich an jener Konferenz, wenn ich bis dann noch lebe, teilnehmen und auch den gewünschten Vortrag übernehmen werde. So ungünstig meine Stellung in einem aus lauter Schü|105lern von Ihnen zusammengesetzten Kreise dann zum vornherein sein wird. Aber das Wichtigste kann und soll ja dann in der Tat die Aussprache im engsten Kreise sein. Ich bitte Sie nur, das Datum möglichst frühzeitig festzulegen, damit Alle sich einrichten können. Ich werde Alles tun, um Thurneysen zu veranlassen, sich ebenfalls einzufinden, und außerdem muß doch wohl wegen ZdZ auch Georg Merz zugegen sein. Wie das Alles werden wird, ist mir zwar reichlich schleierhaft, weil die Möglichkeit, mit Gogarten zu reden wie mit andern vernünftigen Lebewesen, für mich zu jenen ontologischen Möglichkeiten gehört, denen ich mit soviel Unglauben gegenüberstehe. — Das Schicksal wollte inzwischen noch eine erhebliche Verstärkung meines «Pessimismus»: in unserer Fachschaft sprach am Freitag vor acht Tagen eben jene mit Gogarten nach dessen eigenen Erklärungen theologisch durchaus solidarische Frau von Tiling, eine baltische Baronin, der nur die Reitpeitsche fehlt, um ganz klar zu machen, wo die Sache mit dem Nächsten, mit der Liebe und mit den Ständen eigentlich hinauswill, und angesichts derer mir sowohl die tiefe Berechtigung des mulier taceat in ecclesia2 als auch der mögliche Sinn der angeblichen Christenverfolgungen im Baltikum sehr deutlich geworden ist: es war eine solche Offenbarung von intellektueller Brutalität, daß es mich noch heute schüttelt, wenn ich an jene Diskussion zurückdenke.3 Mit diesem typos didaches4 soll mir dann Gogarten im Oktober nicht kommen, wenn das zweite Marburger Gespräch nicht ebenso unergiebig verlaufen soll wie das erste.5

Sie werden auch froh sein, das Semester langsam seinem Ende entgegen gehen zu sehen. Auf uns wartet nun viel Abschied, Aufbruch und Neuanfang. Mit Heinrich Scholz bin ich im Lauf dieses Winters in so gute und nahe Fühlung gekommen, daß ich nicht weiß, ob ich, noch einmal vor die Wahl gestellt, Bonn nicht um seinetwillen ablehnen würde. Solche Nachbarschaft mit dem Philosophen werde ich dort sicher nicht wieder finden.6

106 Lassen Sie sich’s mit allen Ihrigen gut gehen und seien Sie herzlichst gegrüßt von
Ihrem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Vgl. O. Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, gegen Ende von Kap. 12 (Taschenausgabe in einem Band, Stuttgart/Berlin 1926, S. 271–274). 📖 Bismarck berichtet dort von einem Gespräch, das er, zwei Wochen nach seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten, am 4.10.1862 während einer Eisenbahnfahrt von Jüterbog nach Berlin mit König Wilhelm I. geführt habe. Der König befand sich nach Presseberichten über eine Bismarck-Rede und einem Besuch bei der zur Kur in Baden-Baden weilenden Königin in trüber Stimmung. Bismarck versuchte ihn für sich zu gewinnen. Er schreibt (S. 273f.): «Je länger ich in diesem Sinne sprach, desto mehr belebte sich der König und fühlte sich in die Rolle des für Königthum und Vaterland kämpfenden Offiziers hinein. […] Er hatte sich bis dahin auf seiner Fahrt nur gefragt, ob er vor der überlegenen Kritik seiner Frau Gemahlin und vor der öffentlichen Meinung in Preußen mit dem Wege, den er mit mir einschlug, würde bestehn können. Dem gegenüber war die Wirkung unsrer Unterredung in dem dunklen Coupé, daß er die ihm nach der Situation zufallende Rolle mehr vom Standpunkte des Offiziers auffaßte. Er fühlte sich bei dem Porte-épée gefaßt und in der Lage eines Offiziers, der die Aufgabe hat, einen bestimmten Posten auf Tod und Leben zu behaupten, gleichviel, ob er darauf umkommt oder nicht. Damit war er auf einen seinem ganzen Gedankengange vertrauten Weg gestellt und fand in wenigen Minuten die Sicherheit wieder, um die er in Baden gebracht worden war, ja selbst seine Heiterkeit.»↩
2
Vgl. 1.Kor. 14,34.↩
3
Vgl. Barths Bericht über diesen Vortrag von Magdalene von Tiling am 7.2.1930 in seinem Brief an Thurneysen vom 8.2.1930, Bw.Th. II, S. 715f. 📖↩
4
Vgl. Röm. 6,17.↩
5
Siehe Nr. 66, Anm. 6.↩
6
Barth hatte zum Sommersemester 1930 einen Ruf an die Universität Bonn angenommen. Seine Freundschaft mit dem Philosophen Scholz (17.12.1884–30.12.1956), mit dem auch Bultmann in Kontakt stand, überdauerte auch die Trennung durch Barths Weggang nach Bonn.↩