Brief Nr. 59 · 9. Dezember 1928

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

An Lieb1 werde ich heute antworten, daß ich seine Umhabilitierung nach Marburg sehr gerne sehen würde und daß sich die Fakultät ver|93mutlich einverstanden erklären würde — vorausgesetzt, 1.) daß er keine Bezahlung beansprucht, weil wir nicht mehr bezahlte Lehraufträge bekommen werden, als wir schon haben; 2.) daß er sich für Kirchengeschichte habilitieren wird, solange wir 2 systematische Privatdozenten hier haben. — Ich hoffe, daß es gelingt, denn ich schätze L. sehr. — Diese Mitteilungen übrigens vertraulich!

Meine Bemerkungen zu Ihrer Dogmatik habe ich in den Sommerferien geschrieben. Erna Schlier (geb. Haas)2 will sie wie die früheren in die Maschine schreiben, da nur sie meine Schrift mit den Abkürzungen lesen kann. Sobald sie damit fertig ist, schicke ich sie Ihnen. Sie dürfen freilich nichts Besonderes erwarten. Das Wesentliche ist in den früheren3 schon gesagt, und ich hatte nicht Zeit, die Sache gründlich und systematisch auszuführen, sondern habe mich auf einzelne Bemerkungen beschränkt. — Über die Unbelehrbarkeit Rades bin ich doch recht enttäuscht. Ich hatte die Illusion, daß meine Antwort auf seinen Aufsatz vom Wagnis des Glaubens4 ihm unser Anliegen deutlicher machen könne; aber nun geht es im alten Tone weiter, und er wird gar nicht unsicher in der Meinung, zu wissen, worum es sich handelt.

Wie glücklich sind Sie dran, daß Sie im nächsten Semester nicht zu lesen brauchen!5

Herzliche Grüße von Haus zu Haus!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Fritz Lieb (10.6.1892–6.11.1970), seit 1924 Privatdozent für Systematische Theologie in Basel. Die Umhabilitierung erfolgte 1930 nach Bonn, wo Lieb 1931 Professor wurde; dort 1933 abgesetzt, war er bis 1936 als Emigrant in Paris, seit 1936 mit kurzer Unterbrechung bis 1962 Professor in Basel. — Bultmanns Karte vom 9.12.1918 muß ein bisher nicht aufgefundener Barth-Brief vorausgegangen sein, in dem Barth über Liebs Umhabilitierung schreibt.↩
2
Siehe Nr. 20, Anm. 1, und Nr. 53 bei Anm. 2.↩
3
Siehe Nr. 53ff. ↩
4
M. Rade, Wagnis des Glaubens, in: CW, Jg. 42 (1928), Sp. 545f. 📖; Bultmanns Antwort darauf: Der Glaube als Wagnis, in: CW, Jg. 42 (1928), Sp. 1008–1010 📖; dazu G. Wobbermin, Wagnis im Glauben, in: CW, Jg. 42 (1928), Sp. 1188f. 📖 ↩
5
Barth verbrachte sein Freisemester im Sommer 1929 auf dem «Bergli», d. h. im Sommerhaus seiner Freunde Rudolf und Gerty Pestalozzi in Oberrieden am Zürichsee.↩