Brief Nr. 53 · 26. Mai 1928

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Nachrichten aus 2. Hand sind stets kritisch zu prüfen, damit kein Mißverständnis entsteht. Es liegt so: am 28. IV. habe ich einen Brief an Sie geschrieben1 und dazu eine ganze Reihe von Blättern mit kritischen Bemerkungen zu Ihrer Dogmatik, die Ihnen samt dem Briefe zugehen sollten, sobald sie in die Maschine geschrieben wären. Inzwischen haben sich die Blätter vermehrt, aber die Dame, der ich das kleine Verdienst gerne zuwenden wollte2, wurde krank und hatte nachher zu viel zu tun. Ich bitte Sie deshalb, sich noch ein wenig zu gedulden. — Es versteht sich doch von selbst, daß ich von vornherein meine kritischen Bemerkungen für Sie und mich geschrieben habe. Für Sie — freilich nicht, um als einer von der «Stätte der richtigen Begriffe» Sie zu «katechisieren» (ich verstehe nicht recht, warum Sie die Einladungen nach Marburg so auffassen; sie sind doch dem ehrlichen Wunsch entsprungen, disputando von Ihnen zu lernen! war es denn das vorige Mal in unserem Seminar so schlimm?), sondern 1.) als Dank für die Gabe, 2.) um besser von Ihnen zu lernen, 3.) um mich Ihnen besser verständlich zu machen, 4.) um Sie zu warnen, ja zu beschwören, manche Fragen (zu denen nun freilich die nach klaren Begriffen gehören) nicht länger zu ignorieren, was einen schlimmen Schaden für die Sache, die — davon bin ich überzeugt — unsere gemeinsame ist, bedeuten würde. — Übrigens: nach München habe ich meine kritischen Bemerkungen noch keines|81wegs geschickt; nur in einem Briefe an Merz einiges einfließen lassen, was Sie also demnächst in erheblich größerem Umfange vor Augen haben werden. Meine Frau dankt für Ihre Grüße und erwidert sie. Mit herzlichem Gruß und der Bitte, Marburgs in größerem Wohlwollen zu gedenken,

Ihr
Rudolf Bultmann