Brief Nr. 28 · 3. Februar 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Mit steifen Fingern — denn ich mußte heute zu Rad hin und zurück nach und von Kirchhain1, wo ich der Kreis-Pfarrer-Konferenz von der neuesten Forschung erzählen mußte — will ich noch schnell ein paar Worte an Sie schreiben. Ich bin so überlastet, daß es mir nicht möglich ist, Ihnen noch ausführlich von meinem Vortrag zu schreiben. Und ich sehe keine andere Möglichkeit, als daß ich Ihnen meine erste Skizze des Vortrags2 schicke, die sich freilich je länger je mehr von seiner definitiven Form (die übrigens noch nicht vorhanden ist) entfernt, z. T. fragmentarisch, z. T. unsinnig ist, aber Ihnen doch zeigen wird, in welcher Richtung sich meine Gedanken bewegen, und mit welchen Begriffen ich arbeite. Ich hoffe, einigermaßen lesbar sind die Blätter; von ungewöhnlichen Abkürzungen gebrauche ich wohl nur «sd» = sondern u. viell.(= eicht). Vom Manuskript wird sich der mündliche Vortrag zum Schluß wohl besonders in der Hinsicht entfernen, daß ich den Zusammenhang bzw. die Identität zwischen historischer (exegetischer) und systematischer Theologie zu zeigen versuche und damit die Identität zwischen kritischer Exegese und systematischer Theologie, die im Un|45terschied von der Predigt stets unabgeschlossen, d. h. kritisch ist. Hier wird vermutlich ein Unterschied zwischen uns zu Tage kommen: der Unterschied von Predigt und Theologie. Aber das wird wohl nur der Kundige merken; denn Ihren Namen werde ich nicht nennen. Ich hoffe durchaus, daß wir eine Front bilden werden. Und wenn Heidegger wirklich mitfährt, wie ich hoffe, so kann Hirsch etwas erleben. Dies müssen Sie aber streng vertraulich behandeln. Es wäre überhaupt gut, wenn in Göttingen sich die Kunde, daß H. mitkommt, nicht verbreitet! — Damit wir vor dem Vortrag am Abend für alle Fälle noch Zeit zur Verständigung haben, werde ich den D-Zug am Freitag benutzen, der, wenn ich nicht irre, kurz nach 12 [Uhr] in Göttingen eintrifft; dann müssen Sie mich freilich fürs Mittagessen mit in Kauf nehmen, d. h. wenn es Ihrer Frau paßt; sonst finde ich in der ‹Krone› oder sonstwo wohl Nahrung.

Ich freue mich recht auf das Wiedersehen und hoffe auf eine gedeihliche Auseinandersetzung!

Herzliche Grüße!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
15 km östlich von Marburg.↩
2
Über Bultmanns Vortrag vom 6.2.1925 in Göttingen (s. Nr. 26, Anm. 2) schrieb Barth am 15.2.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 306f. 📖: «Bultmann hielt hier […] einen Vortrag über Theologische Exegese, sehr gut, von Hirsch mit manifestem Mißerfolg bekämpft. Aus Marburg und Berlin waren 30 bis 40 Schüler eingetroffen, die dann zu einem Extragespräch mit mir auch hierher kamen. Nachher gabs noch eine zweite öffentliche Diskussion und dazwischen eine Reihe von Privatgesprächen, in denen (vor dem Volk hielten wir tunlichst zusammen) auch die Differenzen erörtert wurden. Er wirft mir vor, ich habe keine ‹sauberen› Begriffe (worüber ja wirklich einiges zu sagen ist), und ich ihm, er denke mir zu anthropologisch-kierkegaardisch-lutherisch (+ ‹gogartenisch›) (‹Von Gott reden heißt vom Menschen reden›), verhalte sich der Bibel gegenüber nach Luthers Vorgang unerhört eklektisch, sei auch die historizistischen Eierschalen noch nicht los […]. Aber es sind alles Gegensätze, über die sich mit Nutzen weiterreden läßt, eventuell mit der Schlußwendung: Tue du das, ich könnts nit! Ich sehe ihn in großer Nähe von Gogarten und denke wie bei diesem: zehn mal lieber das als Holl! Nur das nicht!»↩