Vorwort zur 2. Auflage
VORWORT ZUR 2. AUFLAGE
Am 26. November 1969 gab mir
Ich stimmte Bultmann zu, gab aber zu bedenken, daß seine und Barths Briefe, gerade weil die Korrespondenten nie an eine Veröffentlichung gedacht hatten, einen wesentlich tieferen Einblick in die Entstehung und Durchführung ihres jahrelangen intensiven theologischen Gespräches gewährten, als er durch ihre entsprechenden Publikationen bisher möglich war. Im übrigen böte der Briefwechsel der nun heranwachsenden Generation von Theologen und Theologinnen, die ihn und Barth nicht mehr erlebt habe, die Möglichkeit, sie außer in ihrem umfangreichen gedruckten theologischen Werk unmittelbar vom ureigenen Zeugnis ihrer persönlichen Begegnung her «kurz und bündig» kennenzulernen. Dieses Argument trug ich mit verschiedenen Varianten Bultmann beim abendlichen «Vorlesedienst», den ich ihm in seinem Studierzimmer täglich zu verrichten hatte, immer wieder einmal vor. Am Abend jenes 26. November willigte er schließlich ein und sagte: «Nun gut, veröffentlichen Sie die Briefe, wenn Sie meinen, sie täten den jungen Leuten einen Dienst. Ich bin davon nicht ganz überzeugt, aber Sie wissen es wohl besser als ich. Sie kennen ja Ihre jungen Kommilitonen …»
Die Vorgeschichte der Veröffentlichung ist kurz erzählt: Eines Tages im Juli 1969 hatte ich beim Entleeren von Bultmanns Papierkorb ein Konvolut mit Briefen Karl Barths entdeckt. Als ich Bultmann sagte, es müsse wohl ein Irrtum sein, daß er diese Briefe weggeworfen habe, meinte er: Nein, keineswegs. Karl Barth sei tot, und seine Familie habe sich Kopien von den Briefen gemacht. Das genüge. Er brauche die Briefe nun nicht mehr aufzuheben und später seine Erben mit der hinterlassenen Korrespondenz «aus alten Zeiten» zu belästigen. Etwas zudringlich fragte ich, ob ich Barths Briefe vor ihrer endgültigen Vernichtung wenigstens einmal lesen dürfe. Bultmann gestattete es mir, nicht ohne |VIII etwas murrend zu bemerken, wichtiger als mich mit Allotria wie der Lektüre längst «erledigter Sachen» aufzuhalten, sei es, jede freie Minute für die Arbeit an meiner — gerade begonnenen — Dissertation zu nutzen.
Mit seiner Einwilligung und durch das freundliche Entgegenkommen der Erben Karl Barths wurden mir dann Ende 1969 auch Bultmanns Briefe aus dem damals im Aufbau befindlichen Karl Barth-Archiv zugänglich gemacht. Nun stand endgültig für mich fest: Der Barth-Bultmann-Briefwechsel muß als ein theologie- und kirchengeschichtliches Dokument ersten Ranges veröffentlicht werden. Nachdem Bultmann damit einverstanden war, stimmten auch die Barth-Erben zu.
War die Ausgabe des Briefwechsels zunächst unabhängig von dem Plan einer Gesamtausgabe der Werke Karl Barths ins Auge gefaßt worden, so ließ sich unter Zustimmung aller Beteiligten der Band in den Monaten Januar bis Juli 1970 so konzipieren, daß er bei der ersten Barth-Nachlaß-Tagung auf dem Leuenberg (Schweiz) im Juli 1970 als druckfertiges Typoskript vorlag. Vor allem auf Ernst Wolfs Fürsprache hin stimmte Bultmann einem Erscheinen des Briefwechsels innerhalb der Gesamtausgabe zu. Im April 1971 kam er als erster Band der Gesamtausgabe in der Abteilung V (Briefe) heraus.
Neben vielen anderen verdankte ich vor allem Barths Tochter Franziska Zellweger-Barth und Bultmanns Tochter Antje Lemke-Bultmann wertvolle Hilfe bei der Arbeit an dem Buch. Ohne ihre intensive Beratung und Unterstützung wäre mir damals als Anfänger in der theologischen Wissenschaft ein solches Editionsprojekt wie dieser Briefwechsel in so kurzer Zeit kaum möglich gewesen.
Der Briefwechsel, weltweit von der Kritik als großes Ereignis der Theologie des 20. Jahrhunderts begrüßt, erschien 1973 in einer um vier Nummern erweiterten Lizenzausgabe in der DDR. In demselben Jahr erlebte er eine spanische und 1981 eine amerikanische Ausgabe. Seit 1988 ist die deutsche Erstauflage vergriffen.
Bei den Überlegungen zur Neuauflage zeigte sich bald, daß gegenüber der ersten Auflage von 1971 eine umfassende Revision notwendig war:
- In der Zwischenzeit wurden 10 weitere, z. T. wichtige Briefe und Postkarten beider Korrespondenten aufgefunden. Das Gesamtcorpus des Briefwechsels besteht jetzt aus 108 Stücken: 40 von Barth (27 Briefe, 13 Postkarten), 68 von Bultmann (31 Briefe, 37 Postkarten).
- IXDie Editionstechnik war den 1971 erst im Grundriß fixierten, seitdem gültigen Richtlinien für die Barth-Gesamtausgabe anzupassen. So werden z. B. in den Brieforiginalen verwendete Abkürzungen jetzt in der Regel stillschweigend ausgeschrieben; die Interpunktion ist — in den Briefen Barths und Bultmanns, nicht jedoch in den sonstigen Dokumenten des Anhangs — im Interesse der besseren Lesbarkeit modernisiert.1
- Im Anhang wurde auf den neuerlichen Abdruck einiger Dokumente, die mittlerweile andernorts leicht zugänglich sind, verzichtet. Stattdessen konnten mehrere andere Dokumente, die seinerzeit noch nicht greifbar waren, neu aufgenommen werden.
- Ebenfalls verzichtet wurde — aus Kostengründen — auf die Abbildungen und Faksimilia der ersten Auflage.
So entschloß ich mich in Abstimmung mit Editionsleitung und Verlag zu einer revidierten und erweiterten zweiten Auflage. In ihr wurden überdies Fehler der ersten Auflage ebenso korrigiert wie bestimmte notwendige Ergänzungen, Präzisierungen und Straffungen im Anmerkungsteil vorgenommen. Die Dokumente des Anhangs wurden jetzt — wie die Briefe im Hauptteil — mit Anmerkungen versehen. Die Register wurden knapper gefaßt.
Bei der Arbeit an der Revision war mir über mehrere Jahre hin mein Freund Hinrich Stoevesandt, der Leiter der Gesamtausgabe, ein unermüdlicher Helfer. Ohne seine Unterstützung wäre mir das oft schwierige Recherchieren kaum gelungen. Ihm gebührt mein herzlichster Dank! Seiner Assistentin, cand. theol. Ruth Ziemer, danke ich für die Neufassung der Register und ihrer Vorgängerin, cand. theol. Caren Algner, für ihre Mitwirkung bei der Angleichung des Druckmanuskripts an die heutigen Editionsrichtlinien.
Da alle Texte des Bandes, das Briefcorpus wie der Anhang, Stück für Stück neu kollationiert wurden und dies neben meiner Tätigkeit als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Hofgeismar geschehen mußte, zog sich die Arbeit an der Neuauflage länger hin als gewünscht. Die große Nachsicht, mit der der Leiter des Theologischen Verlages Zürich, |X Herr Werner Blum, wie auch Hinrich Stoevesandt als «Endredaktor», diese Wegstrecke begleiteten, ehrt sie nicht nur als geduldige Männer, sondern hat mir auch geholfen, das Werk ohne Druck und Hast zu Ende zu bringen. Dafür danke ich beiden.
Die Briefe Barths an Bultmann sowie einige Dokumente des Anhangs befinden sich seit dem 25. April 1972 als Geschenk von Professor D. Dr. Rudolf Bultmann in der Handschriften-Abteilung der Universitäts-Bibliothek Marburg/Lahn (Signatur: Ms. 860). Die Briefe Bultmanns an Barth wie einige weitere Dokumente des Anhangs liegen im Karl Barth-Archiv Basel. Das Original des Barth-Briefes vom 14. April 1922 (Nr. 3) ist im Besitz von Professor Dr. Hartwig Thyen (Heidelberg), das Original des Barth-Briefes vom 23. November 1929 (Nr. 62) befindet sich im Besitz von Professor Dr. Otto Merk (Erlangen). Beiden Herren danke ich für ihren Hinweis auf diese Briefe und die freundliche Abdruckerlaubnis.
Für die frühe Zeit des geistigen Austausches zwischen Barth und Bultmann ließ sich außer dem oben erwähnten Brief
Bultmanns vom 11.6.1911 trotz intensiver Nachforschungen bisher keine
Korrespondenz finden. Die im Vorwort zur ersten Auflage dieses Buches ausgesprochene
Vermutung, «daß nach der berühmten
Einige zeitliche Lücken der Korrespondenz, wie sie die erste Auflage des Bandes noch
aufwies, konnten inzwischen durch Funde weiterer Korrespondenzstücke gefüllt werden. Und
doch bleiben immer noch Lücken. Sie erklären sich über das eben Gesagte hinaus zum einen
daher, daß Barth und Bultmann sich mehrfach zum
persönlichen Gespräch trafen, besonders während Barths Lehrtätigkeit in
Daß sich die wenigen Lücken, die sich jetzt noch in dieser zweiten Auflage der Korrespondenz durch fehlende Antwortbriefe oder Postkarten feststellen lassen, eines Tages mittels entsprechender Funde noch schließen könnten, ist 22 Jahre nach der Erstauflage des Buches kaum zu erwarten, aber nicht ganz auszuschließen. Denn die Geschichte der christlichen Theologie — gerade in dem zu Ende gehenden 20. Jahrhundert — ist allemal und immer wieder voller Überraschungen, wie auch dieser Briefwechsel zu seinem Teil als historisches Dokument zweier theologischer Denkwege auf eindrucksvolle Weise belegt.