Vorwort zur 2. Auflage · 13. August 1993

Vorwort zur 2. Auflage

VII

VORWORT ZUR 2. AUFLAGE

Am 26. November 1969 gab mir Rudolf Bultmann die Erlaubnis, seinen Briefwechsel mit Karl Barth zu veröffentlichen. Zunächst hatte der damals 85jährige Gelehrte, in dessen Haus ich während meiner Studentenzeit mehrere Jahre wohnte, das Ansinnen einer solchen Publikation mit der Begründung abgewiesen, was er als Theologe zu sagen gehabt habe, sei in seinen Büchern zu lesen. Der Veröffentlichung dieser Briefe bedürfe es also nicht.

Ich stimmte Bultmann zu, gab aber zu bedenken, daß seine und Barths Briefe, gerade weil die Korrespondenten nie an eine Veröffentlichung gedacht hatten, einen wesentlich tieferen Einblick in die Entstehung und Durchführung ihres jahrelangen intensiven theologischen Gespräches gewährten, als er durch ihre entsprechenden Publikationen bisher möglich war. Im übrigen böte der Briefwechsel der nun heranwachsenden Generation von Theologen und Theologinnen, die ihn und Barth nicht mehr erlebt habe, die Möglichkeit, sie außer in ihrem umfangreichen gedruckten theologischen Werk unmittelbar vom ureigenen Zeugnis ihrer persönlichen Begegnung her «kurz und bündig» kennenzulernen. Dieses Argument trug ich mit verschiedenen Varianten Bultmann beim abendlichen «Vorlesedienst», den ich ihm in seinem Studierzimmer täglich zu verrichten hatte, immer wieder einmal vor. Am Abend jenes 26. November willigte er schließlich ein und sagte: «Nun gut, veröffentlichen Sie die Briefe, wenn Sie meinen, sie täten den jungen Leuten einen Dienst. Ich bin davon nicht ganz überzeugt, aber Sie wissen es wohl besser als ich. Sie kennen ja Ihre jungen Kommilitonen …»

Die Vorgeschichte der Veröffentlichung ist kurz erzählt: Eines Tages im Juli 1969 hatte ich beim Entleeren von Bultmanns Papierkorb ein Konvolut mit Briefen Karl Barths entdeckt. Als ich Bultmann sagte, es müsse wohl ein Irrtum sein, daß er diese Briefe weggeworfen habe, meinte er: Nein, keineswegs. Karl Barth sei tot, und seine Familie habe sich Kopien von den Briefen gemacht. Das genüge. Er brauche die Briefe nun nicht mehr aufzuheben und später seine Erben mit der hinterlassenen Korrespondenz «aus alten Zeiten» zu belästigen. Etwas zudringlich fragte ich, ob ich Barths Briefe vor ihrer endgültigen Vernichtung wenigstens einmal lesen dürfe. Bultmann gestattete es mir, nicht ohne |VIII etwas murrend zu bemerken, wichtiger als mich mit Allotria wie der Lektüre längst «erledigter Sachen» aufzuhalten, sei es, jede freie Minute für die Arbeit an meiner — gerade begonnenen — Dissertation zu nutzen.

Mit seiner Einwilligung und durch das freundliche Entgegenkommen der Erben Karl Barths wurden mir dann Ende 1969 auch Bultmanns Briefe aus dem damals im Aufbau befindlichen Karl Barth-Archiv zugänglich gemacht. Nun stand endgültig für mich fest: Der Barth-Bultmann-Briefwechsel muß als ein theologie- und kirchengeschichtliches Dokument ersten Ranges veröffentlicht werden. Nachdem Bultmann damit einverstanden war, stimmten auch die Barth-Erben zu.

War die Ausgabe des Briefwechsels zunächst unabhängig von dem Plan einer Gesamtausgabe der Werke Karl Barths ins Auge gefaßt worden, so ließ sich unter Zustimmung aller Beteiligten der Band in den Monaten Januar bis Juli 1970 so konzipieren, daß er bei der ersten Barth-Nachlaß-Tagung auf dem Leuenberg (Schweiz) im Juli 1970 als druckfertiges Typoskript vorlag. Vor allem auf Ernst Wolfs Fürsprache hin stimmte Bultmann einem Erscheinen des Briefwechsels innerhalb der Gesamtausgabe zu. Im April 1971 kam er als erster Band der Gesamtausgabe in der Abteilung V (Briefe) heraus.

Neben vielen anderen verdankte ich vor allem Barths Tochter Franziska Zellweger-Barth und Bultmanns Tochter Antje Lemke-Bultmann wertvolle Hilfe bei der Arbeit an dem Buch. Ohne ihre intensive Beratung und Unterstützung wäre mir damals als Anfänger in der theologischen Wissenschaft ein solches Editionsprojekt wie dieser Briefwechsel in so kurzer Zeit kaum möglich gewesen.

Der Briefwechsel, weltweit von der Kritik als großes Ereignis der Theologie des 20. Jahrhunderts begrüßt, erschien 1973 in einer um vier Nummern erweiterten Lizenzausgabe in der DDR. In demselben Jahr erlebte er eine spanische und 1981 eine amerikanische Ausgabe. Seit 1988 ist die deutsche Erstauflage vergriffen.

Bei den Überlegungen zur Neuauflage zeigte sich bald, daß gegenüber der ersten Auflage von 1971 eine umfassende Revision notwendig war:

  1. In der Zwischenzeit wurden 10 weitere, z. T. wichtige Briefe und Postkarten beider Korrespondenten aufgefunden. Das Gesamtcorpus des Briefwechsels besteht jetzt aus 108 Stücken: 40 von Barth (27 Briefe, 13 Postkarten), 68 von Bultmann (31 Briefe, 37 Postkarten).
  2. IXDie Editionstechnik war den 1971 erst im Grundriß fixierten, seitdem gültigen Richtlinien für die Barth-Gesamtausgabe anzupassen. So werden z. B. in den Brieforiginalen verwendete Abkürzungen jetzt in der Regel stillschweigend ausgeschrieben; die Interpunktion ist — in den Briefen Barths und Bultmanns, nicht jedoch in den sonstigen Dokumenten des Anhangs — im Interesse der besseren Lesbarkeit modernisiert.1
  3. Im Anhang wurde auf den neuerlichen Abdruck einiger Dokumente, die mittlerweile andernorts leicht zugänglich sind, verzichtet. Stattdessen konnten mehrere andere Dokumente, die seinerzeit noch nicht greifbar waren, neu aufgenommen werden.
  4. Ebenfalls verzichtet wurde — aus Kostengründen — auf die Abbildungen und Faksimilia der ersten Auflage.

So entschloß ich mich in Abstimmung mit Editionsleitung und Verlag zu einer revidierten und erweiterten zweiten Auflage. In ihr wurden überdies Fehler der ersten Auflage ebenso korrigiert wie bestimmte notwendige Ergänzungen, Präzisierungen und Straffungen im Anmerkungsteil vorgenommen. Die Dokumente des Anhangs wurden jetzt — wie die Briefe im Hauptteil — mit Anmerkungen versehen. Die Register wurden knapper gefaßt.

Bei der Arbeit an der Revision war mir über mehrere Jahre hin mein Freund Hinrich Stoevesandt, der Leiter der Gesamtausgabe, ein unermüdlicher Helfer. Ohne seine Unterstützung wäre mir das oft schwierige Recherchieren kaum gelungen. Ihm gebührt mein herzlichster Dank! Seiner Assistentin, cand. theol. Ruth Ziemer, danke ich für die Neufassung der Register und ihrer Vorgängerin, cand. theol. Caren Algner, für ihre Mitwirkung bei der Angleichung des Druckmanuskripts an die heutigen Editionsrichtlinien.

Da alle Texte des Bandes, das Briefcorpus wie der Anhang, Stück für Stück neu kollationiert wurden und dies neben meiner Tätigkeit als Studienleiter an der Evangelischen Akademie Hofgeismar geschehen mußte, zog sich die Arbeit an der Neuauflage länger hin als gewünscht. Die große Nachsicht, mit der der Leiter des Theologischen Verlages Zürich, |X Herr Werner Blum, wie auch Hinrich Stoevesandt als «Endredaktor», diese Wegstrecke begleiteten, ehrt sie nicht nur als geduldige Männer, sondern hat mir auch geholfen, das Werk ohne Druck und Hast zu Ende zu bringen. Dafür danke ich beiden.

Die Briefe Barths an Bultmann sowie einige Dokumente des Anhangs befinden sich seit dem 25. April 1972 als Geschenk von Professor D. Dr. Rudolf Bultmann in der Handschriften-Abteilung der Universitäts-Bibliothek Marburg/Lahn (Signatur: Ms. 860). Die Briefe Bultmanns an Barth wie einige weitere Dokumente des Anhangs liegen im Karl Barth-Archiv Basel. Das Original des Barth-Briefes vom 14. April 1922 (Nr. 3) ist im Besitz von Professor Dr. Hartwig Thyen (Heidelberg), das Original des Barth-Briefes vom 23. November 1929 (Nr. 62) befindet sich im Besitz von Professor Dr. Otto Merk (Erlangen). Beiden Herren danke ich für ihren Hinweis auf diese Briefe und die freundliche Abdruckerlaubnis.

Barth und Bultmann begegneten einander zum ersten Mal während Barths Marburger Studienzeit 1908/09. Sie lernten sich näher kennen bei den «offenen Abenden» im Hause Martin Rades, an dessen Zeitschrift «Die Christliche Welt» Barth 1908/09 als Hilfsredaktor tätig war. Am 6.12.1908 schrieb Barth aus Marburg an seine Eltern, sie möchten ihm seine im Februar 1907 bei Adolf Harnack in Berlin geschriebene Seminararbeit über «Die Missionsthätigkeit des Apostels Paulus nach der Darstellung der Apostelgeschichte» zusenden, denn «Repetent Bultmann verlangt stürmisch sie zu sehen». Diese Mitteilung über den damals in der Hessischen Stipendiatenanstalt «Seminarium Philippinum» in Marburg an seiner theologischen Dissertation arbeitenden Bultmann gehört zu den frühesten schriftlichen Zeugnissen, die wir über die Begegnung beider Theologen aus ihrer eigenen Feder besitzen. In jenen Jahren freundete sich Bultmann vor allem mit Karl Barths Bruder Peter an, der im Briefwechsel mehrmals genannt wird. Peter Barth schrieb auch jene Postkarte, die nach unserem heutigen Wissen den ersten schriftlichen Kontakt zwischen Karl Barth und Rudolf Bultmann dokumentiert: «Herrn Lic. Rud. Bultmann, Oldenburg, Deutsches Reich. — Vom Biertisch senden Ihnen Ihre Schweizerfreunde herzliche Grüße (von der Aarauerconferenz nämlich) Peter Barth, F. Zimmerlin, Alphons Koechlin, A. Kind, Karl Barth, Eduard Thurneysen, Fr. Hoch, G. Wieser.» (Poststempel Aarau, 21.3.1911). Am 11.6.1911 reagierte Bultmann auf ei|XIne Verlobungsanzeige Barths mit «Mitfreude und […] treulichen Wünsche[n]» — jetzt das erste Dokument des Briefwechsels zwischen beiden in diesem Band (S. 3). Dreizehn Jahre später schrieb Barth einen «Freudigen Feriengruß» unter eine Karte, die Eduard Thurneysen am 15.8.1924 aus Pany (Graubünden) an Bultmann schickte. Diese beiden Karten ebenso wie jene Ansichtskarte, die R. Imberg am 14.4.1952 von Grindelwald aus an Barth schickte und die u. a. auch Bultmann unterschrieb, wurden nicht in die vorliegende Ausgabe aufgenommen. Daß nun das früheste Dokument um volle elf Jahre älter ist als das, mit dem die erste Auflage begann, schlägt sich auch in einer leichten Abwandlung des Titels nieder: Statt «Briefwechsel 1922–1966» heißt es jetzt: «Briefwechsel 1911–1966».

Für die frühe Zeit des geistigen Austausches zwischen Barth und Bultmann ließ sich außer dem oben erwähnten Brief Bultmanns vom 11.6.1911 trotz intensiver Nachforschungen bisher keine Korrespondenz finden. Die im Vorwort zur ersten Auflage dieses Buches ausgesprochene Vermutung, «daß nach der berühmten Tambacher Tagung 1919, an der beide teilnahmen, ein — wenn auch nicht gerade intensiver — Briefwechsel stattgefunden hat, von dem aber bisher noch jede Spur fehlt», halte ich nicht mehr aufrecht, da im Karl Barth-Archiv zwar zahlreiche Briefe von Menschen verwahrt sind, die Barth in Tambach kennengelernt hatte, aber keine Korrespondenz von Bultmann. Barth war im übrigen im Aufbewahren der an ihn gerichteten Briefe und Postkarten sehr sorgfältig. Dies erklärt auch, daß im vorliegenden Briefwechsel wohl kein Schreiben von Bultmann an Barth fehlt. Die Lücken in der Korrespondenz Barths an Bultmann sind dem Umstand zuzuschreiben, daß Bultmann grundsätzlich nicht jede Postkarte, die ihm geschickt wurde, aufhob, und Briefe mit freier Rückseite z. T. als Vorlesungs- oder Vortragsmanuskripte benutzte, z. T. gar nicht aufhob, jedenfalls nicht so systematisch sammelte wie Barth.

Einige zeitliche Lücken der Korrespondenz, wie sie die erste Auflage des Bandes noch aufwies, konnten inzwischen durch Funde weiterer Korrespondenzstücke gefüllt werden. Und doch bleiben immer noch Lücken. Sie erklären sich über das eben Gesagte hinaus zum einen daher, daß Barth und Bultmann sich mehrfach zum persönlichen Gespräch trafen, besonders während Barths Lehrtätigkeit in Göttingen, Münster und Bonn. Bultmann versuchte, auch nach Barths politisch |XII bedingter Übersiedlung in die Schweiz 1935, durch gelegentliche, von den deutschen NS-Parteibehörden mißtrauisch verfolgte Besuche in Basel die Verbindung aufrecht zu erhalten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden dann auch diese spärlichen Kontakte unmöglich. Zweifellos trug aber auch die im großen und ganzen zwar einmütige, im Detail aber doch unterschiedliche Haltung der beiden Männer dem Nationalsozialismus gegenüber ebenso zur vorübergehenden Einstellung des Kontaktes bei wie grundlegende theologische Differenzen, die — in ihren Ursprüngen aus der Mitte der zwanziger Jahre stammend — erst nach dem Kriege zum offenen Ausbruch kamen, als Barth auf Bultmanns berühmt gewordenen Entmythologisierungsvortrag (1941) hin seinen ebenso berühmten Versuch unternahm, Bultmann zu verstehen (1952). Wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm Barth anläßlich seiner Reise zur Treysaer Kirchenkonferenz wieder Kontakt zu Bultmann auf und besuchte ihn am 31. August 1945 in Marburg. Bultmann besuchte Barth dann am 21. September 1948 und später noch mehrmals in Basel. Über alle sachlichen Differenzen hinaus blieben beide einander bis zum Schluß in Freundschaft zugetan.

Daß sich die wenigen Lücken, die sich jetzt noch in dieser zweiten Auflage der Korrespondenz durch fehlende Antwortbriefe oder Postkarten feststellen lassen, eines Tages mittels entsprechender Funde noch schließen könnten, ist 22 Jahre nach der Erstauflage des Buches kaum zu erwarten, aber nicht ganz auszuschließen. Denn die Geschichte der christlichen Theologie — gerade in dem zu Ende gehenden 20. Jahrhundert — ist allemal und immer wieder voller Überraschungen, wie auch dieser Briefwechsel zu seinem Teil als historisches Dokument zweier theologischer Denkwege auf eindrucksvolle Weise belegt.

Bernd Jaspert

Sachfußnoten

1
Nichts verändert wurde daran, daß in einigen Briefen Barths griechische Worte in lateinischer Schrift erscheinen. Diese Schreibweise erklärt sich daraus, daß die betreffenden Briefe mit der Schreibmaschine — eine solche besaß Barth seit 1927 — geschrieben sind.↩