18. August 1952

Gespräch mit dem «Theologischen Arbeitskreis Schaffhausen» in Neuhausen am Rheinfall

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GESPRÄCH MIT DEM
„THEOLOGISCHEN ARBEITSKREIS SCHAFFHAUSEN“
IN NEUHAUSEN AM RHEINFALL

1952

Dieses Gespräch «im kleinen Kreise derer, die seinerzeit zu ‹Wipkingen› gehörten», war im Sommer 1952 mit dem Pfarrer von Neuhausen am Rheinfall, Willy Meyer, verabredet worden.1 Barth und Meyer kannten sich seit den 1930er Jahren von ihrem gemeinsamen Engagement im «Schweizerischen Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland» und dessen in Wipkingen stattfindenden Tagungen her.

Aus jenem kleinen «Theologischen Arbeitskreis Schaffhausen» heraus wurden vorbereitend sechs Fragen formuliert, die Meyer am 18. August 1952 an Barth schickte:2

  1. Wie stellen Sie sich zum Atlantikpakt?
  2. Nationalsozialismus und Kommunismus als religiöse Versuchung
  3. Gemeinde Jesu Christi und Kirchengesetz (Konkordat zwischen Kirche und Staat)
  4. Das Nichtige und der Diabolos im N[euen] T[estament] (Ist der Διάβολος nicht in größerem Maße eine Potenz?) Worauf gründet die Mächtigkeit der Sünde, wenn die Sünde das Nichtige ist?
  5. Was ist an Ostern in Raum und Zeit geschehen?
  6. Geschichtlichkeit der Urgeschichte und Geschichtlichkeit der Endgeschichte in unserer Verkündigung.

384Als Termin hatte Barth aus mehreren Vorschlägen den 1. Oktober 1952 ausgewählt;3 das Gespräch sollte am frühen Vormittag beginnen und bis in den Nachmittag dauern, weil man Barth «gerne für einen ganzen Tag» bei sich haben wollte.4 Neben Meyer nahmen unter anderem Arthur Rich, Gottfried W. Locher, Eduard Werner und Christian Maurer teil.5 Am späten Nachmittag um 17.47 Uhr verließ Barth Neuhausen wieder6 und wurde von Charlotte von Kirschbaum am Bahnhof in Basel empfangen.7

Nach dem Gespräch schrieb Meyer: «Auch mir bleibt jener Tag, den Sie unserm kleinen Kreis hier kürzlich geschenkt haben, in schönster Erinnerung. Ich habe dabei allerdings die Wahrnehmung gemacht, dass man nicht ‹ungestraft› eine Reihe von Privatdozenten einlädt! Die Guten wollen dann bei einer solchen Gelegenheit dem Professor zeigen, was alles sie können und wissen, so dass der Meister selber ein bisschen zu wenig zu Worte kommt, was am Nachmittag jenes Tages der Fall war. [...] Ihnen aber, lieber Herr Professor, danke ich noch |385 einmal von ganzem Herzen für den Liebesdienst, den Sie uns mit Ihrem Besuch erwiesen haben.»8 Auch Barth scheint das Zusammensein mit Meyer und den Schaffhauser Theologen in guter Erinnerung geblieben zu sein: Fast genau zehn Jahre später, am 30. August 1962, traf er sich mit dem Schaffhauser Pfarrkonvent unter der Leitung Meyers zu einem Gespräch – diesmal in Basel.9

Nur für die fünfte der Barth übermittelten Fragen sind von ihm geschriebene Antwortnotizen erhalten,10 die im Folgenden wiedergegeben werden.

Neuhausen, 1. Okt[ober] 1952

[Frage:] Was ist an Ostern [im Raum und in der Zeit]11 geschehen?
[Barth:]

1. Gemeint ist:
sichtbar, hörbar, betastbar (1.Joh. 1,1)

unterschieden    von einer zeitlos wahren Idee
von einem bloss innern Erlebnis
von dem «eschatologischen» Geschehen der Entdeckung des Glaubens
an J[esus] X [Christus] (in Erkenntnis der Bedeutsamkeit s[eines]
Kreuzestodes[)]

im selben Sinn Geschichte wie sein Kreuzestod – wie Entstehung der Gemeinde – 40 Tage
Offenbarung der δόξα des Logos

              in seinem getöteten σάρξ (Joh. 1,1[4])
in innerweltlicher Gegenständ|386lichkeit
vom Glauben unterschieden als dessen „Darum“
(Grund!)

«Leibliche» Auferstehung bezw. Gegenwart Jesu nach s[einem] Tode

2. Warum so?

Weil sonst    die Rechtfertigung des am Kreuz Gerichteten (und in ihm die unsere!) Röm. 4,25, 1.Tim. 3,16
seine «Erhöhung» d. h. Offenbarung als κύριος (Phil. 2,10)
die Überwindung des Todes (als Anzeige neuen Lebens) (1.Kor. 15,55)
der lebendige J[esus] C[hristus] als Inhalt des Kerygmas und Gegenstand des
Glaubens (1.Kor. 15,14)
Sache einer ungewissen u[nd] zweideutigen
in den Glauben wie im Kerygma eingeschlossenen, statt sie begründenden
von den glaubenden bzw. verkündigenden Menschen verantworteten Überzeugung, Behauptung wäre
Weil sonst    der Glaube nicht Glauben an – die Botschaft nicht Botschaft von J[esus]
C[hristus] sein könnte
Der Begegnungscharakter der beide begründenden Theophanie fehlen würde.

3. Was geschah?
  Die erste «Parusie» J[esu] X [Christi] d. h. die erste, vorläufige Enthüllung der in seinem menschl[ichen] Leben, Leiden, Sterben geschehenen Versöhnung der Welt (sündiger u[nd] sterbl[icher] Mensch) mit Gott.

    In den Ev[an]g[elien] gekennzeichnet als Geschichtsbereich schlechthin singulärer Art: Auferstehung nicht erzählt, Engel, allgemeiner Zweifel u[nd] Furcht, nicht rekonstruierbar zu einem Bild. Widersprüche [?].

    Zum «Beweis» untauglich (nach 1.Kor. 15,4f.!) Nur eben eine Reihe von Hinweisen

Sachfußnoten

1
Vgl. Brief Meyers an Barth vom 11.8.1952 (KBA 9352.474; dort auch das Zitat), in dem Meyer auf eine schon bestehende Absprache hin Terminvorschläge schickt. – Willy (Wilhelm Gottfried) Meyer (1903–1987), seit 1947 Pfarrer in Neuhausen am Rheinfall, zugleich Dekan der Schaffhauser Pfarrerschaft.↩
2
KBA 9352.487 (Beilage zum Brief vom selben Tag [Anm. 3]).↩
3
Vgl. Brief Meyers vom 18.8.1952 (KBA 9352.486). – Das Gespräch fand auch wirklich an diesem Tag statt, obwohl es im Taschenkalender Barth irrtümlich unter dem Datum des 29. September 1952 eingetragen ist: Im selben Kalender findet sich in der Monatsübersicht zum 1. Oktober der Eintrag: «Neuhausen», alle diesbezüglichen Briefe sowie Barths eigene Antwortnotizen nennen den 1. Oktober als Datum, und Ch. von Kirschbaum schrieb an diesem Tag: «Karl hole ich gleich an der Bahn ab. Er war heute in Schaffhausen in einem Pfarrkreis» (Brief Ch. von Kirschbaums an L. Schwenzel vom 1.10.1952 [KBA 98789.387]).↩
4
Brief Meyers an Barth vom 23.9.1952 (KBA 9352.546).↩
5
So die Ankündigung Meyers in seinem Brief vom 23.9.1952. – Arthur Rich (1910–1992), geb. in Neuhausen, 1948 Direktor des Lehrerseminars Schaffhausen, 1954 Prof. für Systematische und Praktische Theologie in Zürich; Gottfried Wilhelm Locher (1911–1996), 1941 Pfarrer in Feuerthalen ZH, 1958 Prof. für Systematische Theologie und Dogmengeschichte in Bern; Eduard Werner (1917–1997), Pfarrer am Münster in Schaffhausen; Christian Maurer (1913–1992), 1937 Pfarrer in Beggingen SH, 1951 in Fehraltorf ZH, 1954 Prof. für Neues Testament an der Kirchlichen Hochschule in Bethel, 1966 in Bern.↩
6
So seine handschriftliche Verbindungsnotiz auf dem Schreiben Meyers vom 23.9.1952 (Anm. 4); eine spätere Rückfahrtmöglichkeit wurde von ihm notiert und dann durchgestrichen.↩
7
Vgl. den Brief Kirschbaums vom 1.10.1952 (Anm. 3) und den Eintrag im Taschenkalender Barth: «In Basel L.»↩
8
Brief Meyers an Barth vom 20.10.1952 (KBA 9352.593).↩
9
Vgl. Gespräche 1959–1962, S. 381–394 📖.↩
10
KBA 11234. – Da keine Berichte über das Gespräch ermittelt werden konnten, ist unklar, wie viele und welche Fragen dort besprochen wurden. Ebenso ist fraglich, ob Barth meinte, für die anderen der ihm vorgelegten Fragen keine Notizen schreiben zu müssen, oder ob weitere Notizen Barths verlorengegangen sind.↩
11
Diese eckigen Klammern sind im Dokument nachträglich mit Bleistift ergänzt.↩