14. September 1952

Gespräch mit Kardinal Eugène Tisserant in Colmar

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GESPRÄCH MIT KARDINAL EUGÈNE TISSERANT
IN COLMAR

1952

Zu diesem Gespräch wurde Barth nur wenige Tage vorher eingeladen: Kardinal Eugène Tisserant1 war am 13. und 14. September im Elsass, um verschiedene kirchliche Einrichtungen zu besuchen und Gespräche unter anderem mit Politikern des Europarates und der Montanunion zu führen.2 Er besuchte auch das «Institut d’études européennes de Strasbourg» und traf sich am 14. September 1952 in Gunsbach zu einem gut halbstündigen Gespräch mit Albert Schweitzer.3 Es war Tisserants Wunsch gewesen, im Anschluss daran ebenfalls mit Barth zu sprechen, und so hatte er ihn bitten lassen, zu einem Gespräch nach Colmar zu kommen, wo man sich auf der Präfektur für eine gute Stunde treffen könne.4

Die hohe Stellung des Kardinals in der vatikanischen Hierarchie wird eine Rolle dabei gespielt haben, dass Barth der Einladung Folge leistete, leitete er doch zu diesem Zeitpunkt «das Referat Ost-West» |380 und war «Dean des Kardinalkollegiums», wie Charlotte von Kirschbaum am Nachmittag des Treffens schrieb.5

Laut der ihm mitgeteilten geeigneten Bahnverbindung erreichte Barth Colmar um 16.55 Uhr, traf sich mit Tisserant in der unmittelbar neben dem Bahnhof gelegenen Präfektur und reiste bereits um 18.14 Uhr wieder zurück nach Basel.6 – Vier Tage nach dem Gespräch erhielt Barth vom Generalsekretär der Präfektur, Frédéric Gerst, in dessen Büro es stattgefunden hatte, zwei Fotos und eine Ausgabe der Zeitung «Le Nouveau Rhin Français» vom 16. September zugesandt, in der ebenfalls ein Foto vom Treffen Tisserants mit Barth abgedruckt war.7

Auch im Nachhinein blieb der Eindruck Barths von diesem Treffen zwiespältig. Als Georges Casalis8, der wohl aus jenem Zeitungsbericht von dem Gespräch erfahren hatte, ihm schrieb: «Die Welt (d. h. die elsässisch kleine Welt) hat mit Staunen von Deiner Fahrt nach Colmar, Deinem Empfang in der Präfektur und Deiner Begegnung mit Kardinal Tisserand [sic!] Kenntnis genommen»,9 antwortete er unter anderem: Ich weiß «bis auf diesen Tag nicht […], was der Mann eigentlich von mir wollte».10

Weitere Reaktionen oder Quellen zu diesem Gespräch sind nicht erhalten. Die Edition beschränkt sich daher auf die Notizen in Barths Taschenkalender11 und einen kurzen Bericht in seiner Antwort an Georges Casalis12.

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Gespräch mit Kardinal Tisserant in Colmar

1. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 14. September 195213

Kommunismus – Materialismus – Amerika – Schuld der Kirche – Neujahrsansprache von Pius XII.14 – deutsche Remilitarisierung? – Stepanic[sic!] u[nd] Minczenty[sic!]15

2. Mitteilung Barths über das Gespräch im Brief an Georges Casalis vom 13. Oktober 1952

Die Zusammenkunft mit dem Kardinal war ja schon interessant genug, obwohl ich bis auf diesen Tag nicht weiß, was der Mann eigent|382lich von mir wollte. Ich meinerseits habe freilich einige merkwürdige Dinge von ihm gehört, z. B. dass der Papst tatsächlich nicht optieren will zwischen dem Ost- und dem Westblock, dass er den Kommunismus nicht als solchen, sondern nur wegen seines «matérialisme athée» bekämpft, dass er nicht für die deutsche Remilitarisierung ist, dass er die Fälle Stepanic[sic!] und Minczenty[sic!] nicht als Fälle von persécution de la foi16 betrachtet (speziell über M. hat sich Tiss. deutlich missbilligend ausgesprochen!). Einen eminent klugen Eindruck hat mir die Eminenz übrigens nicht gemacht!

Sachfußnoten

1
Eugène Tisserant (1884–1972), 1936 Kardinal und Sekretär der Kongregation für die orientalischen Kirchen, 1951 Vorsitzender des Kardinalskollegiums (Kardinaldekan), 1958 und 1963 Leiter der Papstwahlen.↩
2
Die weiteren Termine und Besuche Tisserants während seines Elsass-Aufenthalts sind aufgelistet im Artikel Der Elsassbesuch von Kardinal Tisserant, in: Le Nouveau Rhin Français, Jg. 8, No. 214 vom 13.9.1952 📖.↩
3
Der im Elsass geborene Albert Schweitzer (1875–1965), der für das Jahr 1952 den Friedensnobelpreis zugesprochen bekommen sollte, verbrachte «in seiner Heimatgemeinde einen kurzen Urlaub» (Kardinal Tisserant im Elsass, in: Le Nouveau Rhin Français, Jg. 8, No. 216 vom 16.9.1952 📖). – Ein Foto vom Treffen Tisserants mit Schweitzer findet sich in: Karl Barth – Bilder und Dokumente, S. 232 📖.↩
4
Vgl. Brief Jules A. Jaegers an Barth vom 10.9.1952 (KBA 9352.515). Jules Albert Jaeger (1898–1964), elsässischer Journalist und Herausgeber mehrerer regionaler Zeitungen, hatte das «Institut d’études européennes de Strasbourg» 1939 gegründet und 1945 wiedereröffnet.↩
5
Brief Ch. von Kirschbaums an G. Eichholz vom 14.9.1952 (KBA 9252.154).↩
6
Vgl. Brief Jaegers vom 10.9.1952 (Anm. 4). Der vorab erstellte Zeitplan deckt sich sehr genau mit dem im Artikel Kardinal Tisserant im Elsass (Anm. 3) 📖 beschriebenen Ablauf des Tages.↩
7
Vgl. Brief Gersts an Barth vom 18.9.1952 (KBA 9352.535). Die Fotos sind erhalten (KBA 9105.2; KBA 9105.3), das Foto in der Zeitung zeigt Gerst, Tisserant und Barth (ganz ähnlich wie KBA 9105.2, wo jedoch noch eine vierte Person zu sehen ist).↩
8
Der mit Barth befreundeteGeorges Casalis (1917–1987) war seit 1951 Pfarrer der lutherischen Kirche Elsass-Lothringens in Straßburg.↩
9
Brief G. Casalis’ an Barth vom 9.10.1952 (KBA 9352.580).↩
10
Brief Barths an G. Casalisvom 13.10.1952 (KBA 9252.178).↩
11
Taschenkalender Barth, Eintrag vom 14.10.1952.↩
12
Siehe oben, Anm. 10.↩
13
Die Begriffe finden sich eingeklammert hinter der hier für die Überschrift gewählten Notiz: «Rencontre mit Kardinal Tisserant in Colmar». – Hinter der Klammer folgt noch eine Notiz zum Ort des Treffens: «Sous Préfect[ure] Gerst». – Frédéric Gerst (1913–2012), elsässischer Jurist und Ministerialbeamter, seit 1945 in verschiedenen elsässischen Unterpräfekturen tätig, 1951 im Generalsekretariat des Departements Haut-Rhin.↩
14
Pius XII. (1876–1958), Papst seit 1939. Möglicherweise meint Barth die Weihnachtsansprache 1951, über die am 29. Dezember 1951 berichtet wurde: «Papst Pius XII. benützte die feierliche Gelegenheit, um einmal mehr ‹ein deutliches und bestimmtes Wort› über Auftrag und Bedeutung der Kirche für den Frieden zu verkünden. Er erklärte, dieses freie und offene Wort sei umso notwendiger geworden, als die eindeutig in zwei Gruppen getrennte Menschheit heute ‹einem nur schwerlich die Freiheit zugestehen will, mitten zwischen den gegnerischen Parteien eine politische Neutralität zu bewahren›. In überaus klarer und bestimmter Weise nahm der Hl. Vater sodann eine allseitige Abgrenzung und Begriffsbestimmung jener Neutralität vor, welche die katholische Kirche in der heutigen Zeit befolge. Pius XII. sagte dabei auch, daß die Kirche ihre Haltung selbst bestimme und sich immer nach dem Lichte göttlichen Rechts und den ewigen Werten und Normen richte. Ob sie neutral bleibt oder aus ihrer Neutralität heraustritt, so tut sie das immer kraft ihres gottgewollten Auftrages» (Zwischen Weihnachten und Neujahr, in: Freiburger Nachrichten, Jg. 88, Nr. 300 vom 29.12.1951, S. 1 📖); vgl. auch JK 13 (1952), S. 165f. 📖↩
15
Alois Stepinac (1898–1960), 1934 Bischof, 1937 Erzbischof von Zagreb, dem vorgeworfen wurde, ab 1941 mit dem faschistischen Ustascha-Regime sympathisiert zu haben und in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen zu sein. Er wurde 1946 in Zagreb in einem Schauprozess als Kriegsverbrecher zu 16 Jahren Haft verurteilt (1951 in Hausarrest umgewandelt); zum «Fall Mindszenty» in Ungarn vgl. oben, S. 150f., Anm. 22–24. ↩
16
Französisch für: «Verfolgung des Glaubens».↩