Gespräch im Seminar von Peter Brunner
GESPRÄCH IM SEMINAR VON PETER BRUNNER
(HEIDELBERG)
Am 18. Juli 1952 nahm
Am 12. Juli erhielt Barth eine weitere Anfrage aus
Nach dem Gespräch schrieb Schäfer noch einmal an Barth, bedankte sich für dessen Kommen und resümierte: «Als wir Sie seinerzeit darum baten, rechneten wir tatsächlich kaum mit ihrer Zusage; umso größer war dann unsere Freude über Ihr Kommen. Und nachdem nun alles hinter uns liegt, meinen wir Ihnen versichern zu können, dass nicht nur eine Klärung mancher Fragen gelungen ist, sondern darüber hinaus, zum mindesten von uns Heidelberger Studenten her gesehen, ein wenig von dem ‹Verstehen› möglich wurde, von dem Sie hier sprachen. Schon deshalb wollen wir den 3. Artikel nicht vergessen!»21 Peter |363 Brunner schrieb zwei Monate später: «An das letzte Beisammensein im Sommer denke ich sehr gerne und mit aufrichtigem Dank zurück.»22
Das im Folgenden als Editionsgrundlage dienende Protokoll der Sitzung wurde von
1. Gesprächsprotokoll
Allgemeine Vorbemerkung. Das Gemeinsame aller mir eingereichten Fragen scheint mir in der Abwesenheit eines bestimmten Elementes zu liegen: eines Elementes, das entweder in meinen Texten nicht implizit oder explizit bemerkbar oder auch von Ihnen nicht wahrgenommen worden ist: credo in Spiritum Sanctum.27
364 Der Heilige Geist, das ist Gott, der in Jesus Christus durch die prophetische apostolische Verkündigung heute, hier, uns sich selbst vergegenwärtigt, sich selbst offenbart, selbst unter, an und in uns handelt, unsere Herzen erweckend, erleuchtend, bekehrend, tröstend. Und dies Alles als sein Werk von höchster und unüberbietbarer Realität, aber eben nur als sein Werk!
Ich glaube: das heißt, ich erkenne ihn als den Gott, von dem ich Alles erwarte, dem ich ganz vertraue, dessen Urteil, Weisung und Verheißung mir maßgebend sein soll.
Es gibt keine theologische Wahrheit, die nicht den Charakter geistlicher Wahrheit tragen müsste, das heißt aber, die nicht gedacht, gesprochen, gehört und vernommen sein will in diesem «credo in Spiritum Sanctum». Theologie unterwirft sich in diesem Glauben dem Gesetz, das alle ihre Sätze zum Ausdruck bringen müssen: 1. Gott mit uns, 2. Gott mit uns – in Einheit und Unterscheidung beider Momente, also von Kontinuität und Ereignis, Gottes Wort und Menschenwort, Gnade und Gericht, Neuem Testament und Altem Testament usf. – in unumkehrbarer Folge, unter Primat des ersten Momentes, aber unter Geltendmachung auch des zweiten. Theologie ist eine im Glauben an den Heiligen Geist zu vollziehende Erkenntnisbewegung, nicht ein System von richtigen Sätzen. Gerade in der Dogmatik muss Alles in dieser Bewegung gedacht und gesagt werden: von Gott her zu uns hin. Theologie ist immer Forschung und Lehre, Forschung, die auf Lehre zielt, und Lehre, die auf Forschung drängt.
I. Wort Gottes
(1) Die dreifache Gestalt des Wortes Gottes
In der dreifachen Gestalt des Wortes Gottes 28 als verkündigtes, geschriebenes und geoffenbartes Wort stellt die KD (I/1, 124f.) formal die vollkommene Analogie zur Dreieinigkeit fest, das heißt, alle drei Gestalten sind das eine Wort Gottes, erklärt dann aber, dass Verkündigung und Schrift dieses Wort je und je werden müssen, während die Offenbarung in Jesus Christus es ursprünglich und unmit|365telbar ist. Dort gelte «ubi et quando visum est Deo»29, hier aber «illic et tunc» ([KD] I/1, 120f.). Darf die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit, die der Offenbarung in Jesus Christus zukommt, nur dieser zugesprochen werden? Ist nicht das Wort Gottes genauso sicher gegenwärtig in Absolution und Sakrament, wie es in Jesus Christus gegenwärtig war, als[o] nicht nur «je und je»?
Zur dreifachen Gestalt des Wortes Gottes. Dreieinigkeit: der eine Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, aber ohne Aufhebung ihrer besonderen Merkmale, Unterschiede und Ordnung. Die Einheit Gottes in den drei Personen bedeutet also nicht, dass diese identisch sind. Angewendet auf das Wort Gottes bedeutet das, dass das eine Wort Gottes in seinen drei Gestalten nicht identisch ist, sondern dass es sich auch hier um eine Einheit in der Verschiedenheit handelt. Jede dieser Gestalten: Offenbarung, Schrift und Verkündigung ist gerade in ihrem besonderen Verhältnis zu den30 anderen das eine, ganze Wort Gottes, ist gerade so ursprünglich, unmittelbar, sicher. Von der Verkündigung lässt sich nicht dasselbe aussagen wie von der Offenbarung in Jesus Christus. Der Herr Pfarrer ist nun einmal nicht Jesus Christus. Aber warum sollte er nicht das eine Wort Gottes verkündigen?31
Darf man dann aber gewiss sein, dass man dann wirklich die Absolution empfangen hat?
Die Frage ist falsch gestellt. Nicht, man «darf» oder «kann» gewiss sein, sondern man ist gewiss. Es handelt sich hier nicht um eine Möglichkeit, sondern um eine Wirklichkeit, um das Ereignis der Wirklichkeit des Heiligen Geistes, dessen man niemals habhaft werden kann, sondern das geschieht, wann und wo Gott es will. Seiner Verheißung gilt es zu vertrauen. Kann es etwas Gewisseres geben?
Ich darf aber doch wissen, dass Gott mir meine Sünden vergibt, und muss nicht darauf hoffen als auf ein künftiges Ereignis? Gottes Wort ist da. Es gibt eine Gegenwart des Wortes und also eine Vergebung der Sünden, die Gott dem Menschen am Kreuz erwirkt hat, die also objektive Tatsache ist auch abgesehen vom Glauben des Einzelnen.
Darin sind wir einig, aber Sie dürfen den Glauben nicht ausklammern, denn damit klammern Sie den Heiligen Geist aus. Sicher kann ich nicht an meinen Glauben glauben, ich kann auch nicht um meinen Glauben wissen. «Ich kann nur glauben, dass ich glaube» (
Wir sind darin einig, dass das eine Wort Gottes in der Verschiedenheit der drei Gestalten erkannt sein will. Aber ist diese |367 Unterschiedenheit so zu sehen, wie dies in der KD geschieht? Vielleicht könnte man sie ganz einfach so fassen: Jesus zieht durch
Das Wort Gottes ist gegenwärtig, der Mensch aber kann Nein dazu sagen? Die Frage, die uns beschäftigt, ist die: ob das «ubi et quando visum est Deo» zwar für den Menschen gilt und für das Ereignis des Glaubens, ob es aber auch auf die Gegenwart des Wortes Gottes anzuwenden ist? Muss der Unglaube nicht verstanden werden als Widerspruch gegen das gegenwärtige Wort?
Der Analogie zur Inkarnation könnte ich zustimmen, wenn die Verheißung ernst genommen wird. Die Kirche hat die Verheißung: «Siehe, Ich bin bei euch alle Tage» [
Geschieht es auch dann, wenn ich nicht höre und nicht glaube? Wird mir dann das Wort Gottes nicht zum Gericht?
Ist es uns allen nicht schon so ergangen, dass wir unter der Kanzel saßen und einen Mythus hörten? Was geschieht dann? Die Sache hat zwei Seiten: es kann an mir liegen und an meinem Unglauben, es kann aber auch an dem Mann auf der Kanzel liegen, und vielleicht sogar an den mythischen Vorstellungen, in denen die Gemeinde lebt. Das ist dann allerdings Gerichts-Situation. Das Gericht kann mich, es kann den Pfarrer, es kann die Gemeinde als solche betreffen. |368 Dieser Situation kann man sich nicht damit entziehen, dass man die Theorie aufstellt: In der Kirche wird das Wort Gottes verkündigt, und wir haben es zu hören. Wird es wirklich verkündigt? Seien Sie einmal 10 oder 20 Jahre Pfarrer und wagen Sie dann den Satz: Ich verkündige das Wort Gottes!!
Aber darf ich nicht gewiss sein, wenn ich die Schrift verkündige, dass ich das Wort Gottes verkündige?
Wiederum: Seien Sie gewiss! Es ist etwas Großes, wenn man als Theologe seiner Sache gewiss ist. Das bekommt man nicht mit der Ordination, darum will gebetet und gearbeitet sein. Das ist ein Geschenk, ein Charisma. Gewiss sein, das heißt: die Hände falten, das heißt: unermüdlich in der Bibel lesen, das heißt: unermüdlich die Menschen da aufsuchen, wo sie wirklich sind und wie sie wirklich sind. Dann begreift man vielleicht plötzlich etwas von dem, was Gewissheit meint. Das ist ein Ereignis, das je und je geschieht. Hätten wir sie ein für allemal, dann müssten wir nicht mehr darum bitten.
(2) Die Geistigkeit des Wortes Gottes
Ist die Unterscheidung Natürlichkeit-Geistigkeit nicht der gefallenen Schöpfung entnommen und darum ungeeignet, das Gegenüber des Wortes Gottes zu bezeichnen? Ist nicht der Mensch als Gottes Geschöpf eine Einheit, in der Leib und Seele gleiche Bedeutung zukommt?
Einheit, Unterscheidung und Ordnung von Seele und Leib gehören zur guten Schöpfung Gottes. Damit ist nicht gesagt, dass Seele und Leib identisch seien, der Mensch ist vielmehr die regierende Seele seines dienenden Leibes. Das Wort Gottes, von Gott kommend, steht über diesem Gegensatz, geht aber den Menschen an und nimmt insofern an dem Gegensatz teil, als es sich an die regierende Seele wendet (und so an die Ganzheit des Menschen) und insofern «geistig» ist.
(3) Wort Gottes in der Unterscheidung
In § 5,4 der KD35 wird zwischen dem göttlichen Gehalt des Wortes und seiner welthaften Gestalt unterschieden, und der Glaube |369 beschrieben als die notwendig doppelte Bewegung: von der welthaften Gestalt des Wortes Gottes zu seinem göttlichen Gehalt und zurück.36 – Lässt sich bei Berücksichtigung des Chalcedonense37 eine derartige Scheidung durchführen, die diese doppelte Bewegung möglich macht, oder wird nicht das «Logos sarx egeneto» [
Da das eine Wort Gottes als Wort Gottes der Welt zugewendet ist, muss göttlicher Gehalt und welthafte Gestalt – nicht «geschieden», nicht «getrennt» – aber unterschieden und in der Bewegung von Gott zur Welt hin als Einheit verstanden werden. Die Frage nach dem Chalcedonense hätte nicht kommen dürfen,39 denn ich meine ja gerade das, was dort gesagt wird: nicht Trennung der beiden Naturen, sondern Einheit, aber Einheit in der Unterschiedenheit. Wollte man nicht unterscheiden, dann gäbe es keine Geschichte mehr, denn dann wäre jene doppelte Bewegung des Glaubens nicht möglich. Diese Bewegung ist die geistliche Form des theologischen Denkens.
Die Frage, die hier aufgeworfen wurde, ist die Frage nach der Eigenart der Bewegung von der welthaften Gestalt zum göttlichen Gehalt zurück. Erfasst der Glaube je das Göttliche so, dass er die welthafte Gestalt transzendiert?
Nein. Das Eine wird durch das Andere beleuchtet. Gerade in der Bewegung wird jeweils das Andere sichtbar. Da wäre ich falsch verstanden, wenn die Meinung die wäre, es bliebe etwas zurück. Am göttlichen Gehalt leuchtet auch die welthafte Gestalt auf. Sie wird gerade nicht transzendiert. (Es geht darum, den Buchstaben am Geist zu messen, aber auch den Geist am Buchstaben).
(4) Biblische Hermeneutik
Ist die Voraussetzung für jegliches Verstehen der vorgängige Bezug zur Sache, von der zu mir geredet wird, und fehlt solcher vorgängige Bezug als Voraussetzung für das Hören der Offenbarung in der Bibel, wird dann nicht eine besondere biblische Hermeneutik notwendig?
Der «Sachbezug» ist die Voraussetzung, dass die Sache dem Leser nicht fremd bleiben muss, sondern sich ihm im Lesen eröffnen kann. Im Falle der Bibel: Die «Sache» bezieht sich auf jeden Menschen, denn jeder Mensch ist Mitmensch Jesu Christi, jeder Mensch ist auf der Erde, auf die das Himmelreich gekommen ist, jeder Mensch ist Angehöriger der durch Jesus Christus versöhnten Welt, der Heilige Geist ist auch ihm erschienen, und die Bibel ruft auch ihn zum Glauben auf. Verstehen heißt: lesen unter Entdeckung dieser ontologischen Zuordnung des Lesers. Formal also gleich wie bei allen anderen Texten. Es geht zwar um eine einzigartige Sache in der Bibel, und darum ist auch der Sachbezug ein einzigartiger. Aber auch die Bibel ist ein menschliches Dokument. Exegese hat diese Buchstaben zu lesen und zu verstehen, was sie sagen wollen. Die Aufgabe ist die gleiche wie die der Exegese anderer Bücher.40 Also keine besondere biblische Hermeneutik!
Aber fordert nicht die andere Sache auch eine andere Hermeneutik? Muss die biblische Hermeneutik nicht die Realität des Heiligen Geistes einbeziehen?
Der Heilige Geist gehört gewiss zur Sache, um die es in der Bibel geht. Aber auch über ihn belehren uns die hebräischen und griechischen Texte, die studiert sein wollen. Ich kann nicht sehen, wie der Heilige Geist ein besonderes hermeneutisches Prinzip bedeuten sollte? Mit dem Verweis auf den Heiligen Geist wollte ich hinweisen auf den geistlichen Charakter aller Theologie. Es geht nicht um ein Prinzip, und darum glaube ich auch nicht, dass andere Regeln gelten; es ist mir nie eingefallen, von «pneumatischer Exegese» zu reden.41 Es gibt nur sachliche Exegese, das heißt aber, die Bibel die Sache sagen zu lassen, die sie sagen will, und ihr nicht eine «wächserne Nase»42 aufzusetzen, und sei es eine existenzphilosophische!
Es wurde gesagt, die Auslegung habe zur Voraussetzung das Hören dieser besonderen Sache. Das ist die Voraussetzung alles Verstehens. Aber bei einem Goethe-Text bedarf es dazu nicht des Heil[igen] Geistes. Und wenn Sie sagen, das Verstehen des Menschen sei von einem analogen Geheimnis umgeben wie das Wort Gottes, so wäre es wichtig, diese Analogie zu definieren. Der «breite Graben»43 macht es doch fraglich, ob man wirklich Linien ziehen kann vom Hören und Verstehen des Wortes Gottes zum Hören und Verstehen anderer Worte?
Kann man
Aber wir müssen doch unterscheiden zwischen dem Geist des Schöpfers und dem Geist, der in Wort und Sakrament gegenwärtig ist?
Wo es um wirkliches Verstehen geht, da geht es um die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Er lässt sich nicht reservieren für uns Theologen!
Gibt es denn aber nicht auch ein Verstehen in der Solidarität der Sünde? Und also ein dämonisches Verstehen, etwa innerhalb der atheistischen Weltanschauung?
Ich glaube, wo Menschen in einer «Weltanschauung» vereinigt sind, da verstehen sie in der Regel weder sich selber noch den Anderen, sei es in einer atheistischen oder in einer frommen, oder vielleicht auch in einer sanft abendländischen Weltanschauung! Gewiss gibt es auch da Solidarität, aber eben eine Solidarität im Missverstehen. Wirkliches Verstehen ist ohne das Wunder des Heiligen Geistes nicht möglich.
Ist nicht der Unterschied zwischen dem Verstehen des Gotteswortes und dem menschlicher Worte der, dass im ersten Falle alles bezogen ist auf das göttliche45 Subjekt, während dieses im zweiten Falle fehlt? Und so sind wohl Methode und Interpretation der Texte die gleichen, aber ihr Sachbezug ist ein anderer. Liegt hier nicht der Unterschied zwischen der biblischen und der profanen Hermeneutik?
Die Sache ist gewiss eine besondere: in der Bibel geht es um Gottes Person und Werk. Aber das Wort ward Fleisch [
(5) Unterschiedliche christologische Aussagen
Die hermeneutische Prinzipienlehre in [KD I/2,] § 19,1 sieht vor, dass der Leser der heiligen Schrift, der unter der Voraussetzung an sie herangeht, dass sie Gottes Wort ist, im Hören durch das menschliche Wort die Offenbarung zu Gesicht bekommt, im Verstehen das menschliche Wort von der Offenbarung her erforscht, im Auslegen das Wort Gottes in seiner Beziehung zur Offenbarung erklärt (S. 515). – Wie lassen diese Erklärungsgrundsätze sich realisieren in der Exegese des Neuen Testamentes angesichts der unterschiedlichen christologischen Aussagen, z. B. in den Epiphanie-Stoffen (Herrlichkeit des Gottessohnes) und
Die Schrift ist in der Tat jeweils in ihrer präzisen Wortgestalt zu verstehen, die als solche nicht mit anderen zu nivellieren ist. Die Aufgabe bleibt aber – «Fehlbarkeit» bzw. Widerspruch der Zeugen kann nur als Grenzfall in Frage kommen –, nach der Einheit in der Verschiedenheit zu fragen. Lassen Sie es mich an den Aussagen über die Christologie nachweisen.
a) Christus im Erweis seiner Herrlichkeit: erweist er sie anders als in seiner Niedrigkeit, auf dem Weg zum Kreuz? als der gehorsame Knecht Gottes, der sich eben so als der Herr offenbart?
b) Christus in seiner Kenose: hörte die Sohnschaft und Herrlichkeit in seiner Erniedrigung auf? War er nicht eben darin der Herr, dass er Knecht wurde? Hat er nicht am Kreuz triumphiert? – Es darf nicht geleugnet werden, dass verschiedene Schichten vorhanden sind, aber das heißt nicht, dass man sich für die eine oder andere entscheiden müsste. Das könnte so oder so zur Häresie führen. Bedeuten die verschiedenen Schichten einen sachlichen Widerspruch? Wird nicht viel|375mehr mir widersprochen von beiden Seiten? Wir sollen Alles je für sich und also in seiner Verschiedenheit hören – aber Alles bezogen auf die Einheit Jesu Christi. Das Neue Testament ist kein dogmatisches Lehrbuch. Die Apostel waren Zeugen eines Geschehens und nicht Systematiker!51
Die Sache und die Wortgestalt der apostolischen Verkündigung liegen ganz ineinander. Ich bekomme die Sache nicht zu Gesicht, ohne dass mir die konkrete Wortgestalt deutlich ist. Dann aber liegen Sache und Wortgestalt so ineinander, dass ich nicht gleichzeitig eine andere Wortgestalt als Sachträger erkennen kann.
Das ist ein Trugschluss. Denn wenn ich in der einen Wortgestalt den wirklich bezeugten Gehalt der biblischen Botschaft erkenne, so dass ich bei einem anderen Text eine andere Wortgestalt wahrnehme,52 gerade daran erkenne ich, dass in dieser und in jener Gestalt derselbe Herr bezeugt und gerühmt wird. Das wäre ein schrecklicher Fanatismus, wenn nur eine Wortgestalt als die richtige erkannt würde. So entstanden die Häresien, immer auf Grund der Bibel. Demgegenüber ist es Aufgabe eines besonnenen geistlichen Denkens, die Einheit in der Verschiedenheit zu erkennen, nicht um die Bibel auf einen systematischen Nenner zu bringen, aber um sich durch die Existenz der verschiedenen Wortgestalten zu einer umfassenden Erkenntnis Christi aufrufen zu lassen. Damit aber wären wir wieder beim Heiligen Geist!53
2. Antwortnotizen Barths zu nicht angesprochenen Fragen
[6.]54 Unterschied von A[ltem] und N[euem] T[estament] –
beider Einheit in J[esus] Chr[istus] selbst, der Israel und der Kirche angehört, das Haupt des einen Volkes Gottes ist, in Propheten und Aposteln seine Zeugen hat.
beider Verschiedenheit wieder in J[esus] Chr[istus] selbst, der hier als Träger von Gottes Gnade und Gericht erwartet, dort als Träger von Gottes Gnade im Gericht erinnert ist. In diesem Sinn: ante-post Chr[istum].
im H[ei]l[igen] Geist Erkenntnis beider auf dem Weg von hier nach dort.
7. Fehlbarkeit der Schrift als Menschenwort –
ersichtlich darin, dass sie a) in verschiedenen Wortgestalten, b) in verschiedenen Zuspitzungen, c) in verschiedenem Grad von Deutlichkeit bzw. Dunkel den einen J[esus] C[hrisus] bezeugt. Wäre ohne solche Fehlbarkeit kein menschl[iches] Wort. Ist nicht Kodex offenbarter Theologie, sondern Zeugnis. «Verlassen» kann man sich nur auf den von ihr Bezeugten. Indem sie in ihrer Verschiedenheit das eine Zeugnis gibt, erweist sie sich als Zeugnis des H[ei]l[igen] G[eistes].
III. Glaube
8. Glaube und Heilsgewissheit –
Gl[aube] in der Tat nicht ohne Heilsgewissheit. Aber Heilsgewissheit nicht ausserhalb des Glaubens. Und Gl[aube] nicht anderswoher als durch den H[ei]l[igen] G[eist] von seinem Gegenstand: J[esus] C[hristus].
9. Gnade und Sünde –
Der Go[ttes] Gnade total ergreifende und sich selbst total als Sünder erkennende Mensch ist – in dieser Unterschiedenheit – der eine |377 Christ: beides von J[esus] C[hristus] her, immer im Übergang vom einen zum anderen.
10. Glaube und Kirche (Kontinuität und Ereignis) –
Der Glaube wird je und je Ereignis in der Begegnung mit der Offenbarung.
Muss das Christsein eine[s] Menschen auf diese Begegnungsmomente beschränkt bleiben, oder spricht nicht das paulinische ἐν Χριστῷ εἶναι von einem kontinuierlichen Leben im Glauben (im NT sogar öfters ein «Wachsen im Glauben»)?
Die Kirche ist nicht kontinuierlich, sondern sie wird zur Kirche in dem Ereignis, dass das Wort Gottes zu ihr gesprochen und von ihr geglaubt wird (S. 275)56. Frage: Muss die Kirche nicht, als σῶμά του Χριστοῦ, als Realität gedacht werden, die auch abgesehen von den Momenten ihres In-Erscheinung-Tretens in jenem Ereignis da ist?
Beide sind kontinuierlich als «Sein in Christus» – sofern aber menschl[iches] «Sein in Christus» beide nur im Ereignis der Tat und Gabe des H[ei]l[igen] Geistes.
11. Glaube als Erinnerung und Erwartung –
«Gehaltenwerden» des Gl[aubens] zwischen und von beiden ist immer wirklich, will aber im «Ereignis» (H[ei]l[iger] Geist!) offenbar und erkannt werden.
12. Prädestination –
Das Wort Gottes als Tat Gottes ist Entscheidung. Es ist Entscheidung Gottes über den Menschen zum Glauben und zur Gerechtigkeit oder zum Unglauben und zur Sünde ([KD] I/1, 165 f.). Frage: Wirkt Gott in gleicher Weise den Glauben wie den Unglauben und können somit die Aussagen von der Wahl der Gnade zum Glauben ohne Differenzierung neben die Aussagen von der Wahl der Ungnade zum Unglauben als gleiche Taten Gottes nebeneinanderstehen?
Stelle
IV. Konfession
13. Das Dogma –
Als absolute Wahrheit identisch mit G[ottes] W[ort]: eschatologische Grösse. Als Dogma der Kirche in der Zwischenzeit immer nur Annäherung von rel[ativer] Wahrheit. Wieso hier gerade Taufe, Abendmahl, Absolution auszunehmen?
14. Bekenntnis 1934–195259 –
Sektenaffinität vielleicht doch nicht genügender Anlass zu neuem Bekenntnis
Wichtig wäre:
1. Bereinigung des Verh[ältnisses] von Schrift und Tradition
2. Frage, ob 1934 als einigendes Bekenntnis gilt oder nicht gilt, verstanden oder nicht verstanden ist?
3. Befreiung von dem Starren auf die Bekenntnisse des 16.J[ah]hrh[underts], samt der damit verbundenen Scholastik.