18. Juli 1952

Gespräch im Seminar von Peter Brunner

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GESPRÄCH IM SEMINAR VON PETER BRUNNER
(HEIDELBERG)

1952

Am 18. Juli 1952 nahm Barth in Heidelberg an einer Sitzung des systematischen Seminars von Peter Brunner1 teil, das sich im Laufe des Sommersemesters 1952 mit den Prolegomena der KD beschäftigt hatte.2 Dabei war der Wunsch aufgekommen, Barth zu einer persönlichen Aussprache einzuladen.

Hans Martin Schäfer3, damals studentischer Mitarbeiter von Brunner, ließ Barth daher am 5. Juli 1952 die «ernstgemeinte Bitte» zukommen, «ob sich nicht ein gemeinsames Gespräch im persönlichen Gegenüber mit Ihnen, Herr Professor, selbst bewerkstelligen ließe». Nicht «Sensationslust oder sonst etwas» habe das Seminar zu dieser Anfrage bewogen, «sondern ein wenig ernste Sorge, ob Ihre Theologie in unserer Seminararbeit auch tatsächlich zu ihrem Recht kommt». Jedenfalls wäre es, schrieb Schäfer, für P. Brunner «eine große Freude», wenn die Begegnung zustande käme – «dass es für uns Studenten etwas ganz Besonderes wäre, das versteht sich, meine ich, von selbst.»4 Gerhardt Langguth, ehemaliger Student Barths, 1950 Mitorganisator des Gesprächs in Geroldseck5 und nun ebenfalls Teilnehmer am Seminar, schrieb zeitgleich an Charlotte von Kirschbaum und bat sie, für das Anliegen Schäfers bei Barth «ein gutes Wort [...] einzule|361gen», denn es erscheine einigen der 70–80 am Seminar teilnehmenden Studenten in den bisherigen Sitzungen so, «als seien die Fragen, die Prof. Brunner an Karl Barths Entwurf kritisch richtet, nicht immer begründet und in der rechten, sachgemäßen Weise interpretierend». Ein Besuch Barths, so Langguth, fände «im Rahmen des Seminars, d. h. seiner Teilnehmer statt und würde keine Veranstaltung der gesamten Fakultät und Fachschaft sein».6

Charlotte von Kirschbaum antwortete Langguth: «Ich kann Ihnen – wahrscheinlich zu Ihrer Freude – sagen, dass Prof. Barth zum ersten Mal seit langer Zeit – es kommen unzählige Anfragen ein wenig von überall her an ihn – positiv reagiert und gemeint hat, dass diese Diskussion eine sinnvolle Unternehmung sein könnte, um derenwillen es sich wohl lohnen würde ein bis zwei Ferientage dranzugeben.»7

Am 12. Juli erhielt Barth eine weitere Anfrage aus Heidelberg: Sowohl Edmund Schlink8 als auch sein damaliger Assistent Wolfhart Pannenberg9 baten ihn, anlässlich seines Besuchs dort auch einen öffentlichen Vortrag zu halten.10 Wohl in der Meinung, auch diese Anfrage hänge mit Schäfer zusammen, reagierte Barth mit einem knappen Telegramm an ihn: „Vortrag nicht möglich[;] bitte freundlich[,] sich verabredungsgemäss an Seminarsitzung genügen zu lassen“.11 Schäfer antwortete umgehend, beteuerte, von dieser anderen Anfrage nichts zu wissen, und sandte Barth zugleich einige Fragen, die inzwischen von Seminarangehörigen formuliert worden waren.12 Er be|362merkte dazu: «Sie werden sicher sehen, wo dabei auch der kritische Geist der Heidelberger Dogmatik die Feder führte.»13

Barth traf in Begleitung Charlotte von Kirschbaums am 18. Juli um 14.58 Uhr am Heidelberger Bahnhof ein.14 Das Gespräch fand in einer verlängerten Seminarsitzung von 16.30 bis 19.30 Uhr statt.15 Nachher waren Barth und Kirschbaum zum Nachtessen «bei P. Brunner (mit Schlink)» und trafen anschließend bei Schlink noch mit Gerhard von Rad16, Hans von Campenhausen17, Günther Bornkamm18 und Wilhelm Hahn19 zusammen.20

Nach dem Gespräch schrieb Schäfer noch einmal an Barth, bedankte sich für dessen Kommen und resümierte: «Als wir Sie seinerzeit darum baten, rechneten wir tatsächlich kaum mit ihrer Zusage; umso größer war dann unsere Freude über Ihr Kommen. Und nachdem nun alles hinter uns liegt, meinen wir Ihnen versichern zu können, dass nicht nur eine Klärung mancher Fragen gelungen ist, sondern darüber hinaus, zum mindesten von uns Heidelberger Studenten her gesehen, ein wenig von dem ‹Verstehen› möglich wurde, von dem Sie hier sprachen. Schon deshalb wollen wir den 3. Artikel nicht vergessen!»21 Peter |363 Brunner schrieb zwei Monate später: «An das letzte Beisammensein im Sommer denke ich sehr gerne und mit aufrichtigem Dank zurück.»22

Das im Folgenden als Editionsgrundlage dienende Protokoll der Sitzung wurde von Charlotte von Kirschbaum angefertigt.23 Die von Barth zuvor geschriebenen, maschinenschriftlich erhaltenen Antwortnotizen24 decken sich bei den Fragen, die Barth vorher mitgeteilt worden waren – im Gespräch ergaben sich spontan zusätzliche Fragen –, so weitgehend mit diesem Protokoll, dass die Vermutung naheliegt, Ch. von Kirschbaum habe sie bei der Ausarbeitung mit herangezogen. Wo sie abweichen, wird dies angemerkt. Die Notizen Barths bezüglich solcher Fragen, die dem Protokoll zufolge im Seminar nicht angesprochen wurden, finden sich in einem Anhang am Ende des Gesprächs; das Gleiche gilt für die in seinen Notizen vorhandenen Antworten auf mehrere nicht erhaltene Fragen,25 die im Seminar ebenfalls nicht thematisiert wurden.

1. Gesprächsprotokoll

Seminar von Prof. Peter Brunner, Heidelberg, 18.7.52 26
Karl Barth:

Allgemeine Vorbemerkung. Das Gemeinsame aller mir eingereichten Fragen scheint mir in der Abwesenheit eines bestimmten Elementes zu liegen: eines Elementes, das entweder in meinen Texten nicht implizit oder explizit bemerkbar oder auch von Ihnen nicht wahrgenommen worden ist: credo in Spiritum Sanctum.27

364 Der Heilige Geist, das ist Gott, der in Jesus Christus durch die prophetische apostolische Verkündigung heute, hier, uns sich selbst vergegenwärtigt, sich selbst offenbart, selbst unter, an und in uns handelt, unsere Herzen erweckend, erleuchtend, bekehrend, tröstend. Und dies Alles als sein Werk von höchster und unüberbietbarer Realität, aber eben nur als sein Werk!

Ich glaube: das heißt, ich erkenne ihn als den Gott, von dem ich Alles erwarte, dem ich ganz vertraue, dessen Urteil, Weisung und Verheißung mir maßgebend sein soll.

Es gibt keine theologische Wahrheit, die nicht den Charakter geistlicher Wahrheit tragen müsste, das heißt aber, die nicht gedacht, gesprochen, gehört und vernommen sein will in diesem «credo in Spiritum Sanctum». Theologie unterwirft sich in diesem Glauben dem Gesetz, das alle ihre Sätze zum Ausdruck bringen müssen: 1. Gott mit uns, 2. Gott mit uns – in Einheit und Unterscheidung beider Momente, also von Kontinuität und Ereignis, Gottes Wort und Menschenwort, Gnade und Gericht, Neuem Testament und Altem Testament usf. – in unumkehrbarer Folge, unter Primat des ersten Momentes, aber unter Geltendmachung auch des zweiten. Theologie ist eine im Glauben an den Heiligen Geist zu vollziehende Erkenntnisbewegung, nicht ein System von richtigen Sätzen. Gerade in der Dogmatik muss Alles in dieser Bewegung gedacht und gesagt werden: von Gott her zu uns hin. Theologie ist immer Forschung und Lehre, Forschung, die auf Lehre zielt, und Lehre, die auf Forschung drängt.


I. Wort Gottes

(1) Die dreifache Gestalt des Wortes Gottes

Frage:

In der dreifachen Gestalt des Wortes Gottes 28 als verkündigtes, geschriebenes und geoffenbartes Wort stellt die KD (I/1, 124f.) formal die vollkommene Analogie zur Dreieinigkeit fest, das heißt, alle drei Gestalten sind das eine Wort Gottes, erklärt dann aber, dass Verkündigung und Schrift dieses Wort je und je werden müssen, während die Offenbarung in Jesus Christus es ursprünglich und unmit|365telbar ist. Dort gelte «ubi et quando visum est Deo»29, hier aber «illic et tunc» ([KD] I/1, 120f.). Darf die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit, die der Offenbarung in Jesus Christus zukommt, nur dieser zugesprochen werden? Ist nicht das Wort Gottes genauso sicher gegenwärtig in Absolution und Sakrament, wie es in Jesus Christus gegenwärtig war, als[o] nicht nur «je und je»?

Barth:

Zur dreifachen Gestalt des Wortes Gottes. Dreieinigkeit: der eine Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, aber ohne Aufhebung ihrer besonderen Merkmale, Unterschiede und Ordnung. Die Einheit Gottes in den drei Personen bedeutet also nicht, dass diese identisch sind. Angewendet auf das Wort Gottes bedeutet das, dass das eine Wort Gottes in seinen drei Gestalten nicht identisch ist, sondern dass es sich auch hier um eine Einheit in der Verschiedenheit handelt. Jede dieser Gestalten: Offenbarung, Schrift und Verkündigung ist gerade in ihrem besonderen Verhältnis zu den30 anderen das eine, ganze Wort Gottes, ist gerade so ursprünglich, unmittelbar, sicher. Von der Verkündigung lässt sich nicht dasselbe aussagen wie von der Offenbarung in Jesus Christus. Der Herr Pfarrer ist nun einmal nicht Jesus Christus. Aber warum sollte er nicht das eine Wort Gottes verkündigen?31

Frage:

Darf man dann aber gewiss sein, dass man dann wirklich die Absolution empfangen hat?

Barth:

Die Frage ist falsch gestellt. Nicht, man «darf» oder «kann» gewiss sein, sondern man ist gewiss. Es handelt sich hier nicht um eine Möglichkeit, sondern um eine Wirklichkeit, um das Ereignis der Wirklichkeit des Heiligen Geistes, dessen man niemals habhaft werden kann, sondern das geschieht, wann und wo Gott es will. Seiner Verheißung gilt es zu vertrauen. Kann es etwas Gewisseres geben?

366Frage:

Ich darf aber doch wissen, dass Gott mir meine Sünden vergibt, und muss nicht darauf hoffen als auf ein künftiges Ereignis? Gottes Wort ist da. Es gibt eine Gegenwart des Wortes und also eine Vergebung der Sünden, die Gott dem Menschen am Kreuz erwirkt hat, die also objektive Tatsache ist auch abgesehen vom Glauben des Einzelnen.

Barth:

Darin sind wir einig, aber Sie dürfen den Glauben nicht ausklammern, denn damit klammern Sie den Heiligen Geist aus. Sicher kann ich nicht an meinen Glauben glauben, ich kann auch nicht um meinen Glauben wissen. «Ich kann nur glauben, dass ich glaube» (Althaus).32 Aber wiederum kann man auch nicht reden von einer Gegenwart und Offenbarung Gottes, einem Erwecken, Erleuchten, Bekehren, Trösten Gottes, das uns widerfährt, ohne vom Heiligen Geist zu reden und also vom Glauben. Sonst sind wir beim opus operatum!33 – In der Verkündigung muss der Zusammenhang von Gottes Heilstat und unserem Glauben sichtbar werden. Die Verkündigung ist Aufruf zum Glauben. Und wenn das Kerygma nicht auf Glauben stößt, so bleibt es Kerygma, aber nicht für mich. Und so wird mir die Verkündigung zum Gericht. Das Wort Gottes ist für mich nicht Wort Gottes, es sei denn durch den Heiligen Geist und also durch den Glauben. Das ist die Eigentümlichkeit der dritten Gestalt des Wortes Gottes, dass das zweifellos objektive Wort in Offenbarung und Schrift mir Wort Gottes wird.

P. Brunner:

Wir sind darin einig, dass das eine Wort Gottes in der Verschiedenheit der drei Gestalten erkannt sein will. Aber ist diese |367 Unterschiedenheit so zu sehen, wie dies in der KD geschieht? Vielleicht könnte man sie ganz einfach so fassen: Jesus zieht durch Galiläa. Petrus erkennt den Sohn, Andere erkennen ihn nicht. Er ist der Sohn, trotzdem ereignet sich im einen Fall Erleuchtung durch den Heiligen Geist, im anderen Fall nicht. Gilt das nicht analog zu seiner Inkarnation auch für seine Selbstvergegenwärtigung in der Verkündigung?

Das Wort Gottes ist gegenwärtig, der Mensch aber kann Nein dazu sagen? Die Frage, die uns beschäftigt, ist die: ob das «ubi et quando visum est Deo» zwar für den Menschen gilt und für das Ereignis des Glaubens, ob es aber auch auf die Gegenwart des Wortes Gottes anzuwenden ist? Muss der Unglaube nicht verstanden werden als Widerspruch gegen das gegenwärtige Wort?

Barth:

Der Analogie zur Inkarnation könnte ich zustimmen, wenn die Verheißung ernst genommen wird. Die Kirche hat die Verheißung: «Siehe, Ich bin bei euch alle Tage» [Mt. 28,20], und um die Erfüllung dieser Verheißung geht es. Die Kirche ist nicht Christus selber, sondern sie ist der irdische Leib des himmlischen Herrn, der gegenwärtig ist im Heiligen Geist. Christus bleibt Subjekt, und die Kirche lebt von der Verheißung, dass Er sie je und je wahr macht. Es gibt nichts Realeres als den Glauben an diese Verheißung. – Wo differieren wir? Promissio ist ein gut lutherischer Begriff.34 Wenn damit ernst gemacht wird: ich glaube an die Verheißung, dann kann nicht real genug von dem geredet werden, was in der Verkündigung geschieht.

Frage:

Geschieht es auch dann, wenn ich nicht höre und nicht glaube? Wird mir dann das Wort Gottes nicht zum Gericht?

Barth:

Ist es uns allen nicht schon so ergangen, dass wir unter der Kanzel saßen und einen Mythus hörten? Was geschieht dann? Die Sache hat zwei Seiten: es kann an mir liegen und an meinem Unglauben, es kann aber auch an dem Mann auf der Kanzel liegen, und vielleicht sogar an den mythischen Vorstellungen, in denen die Gemeinde lebt. Das ist dann allerdings Gerichts-Situation. Das Gericht kann mich, es kann den Pfarrer, es kann die Gemeinde als solche betreffen. |368 Dieser Situation kann man sich nicht damit entziehen, dass man die Theorie aufstellt: In der Kirche wird das Wort Gottes verkündigt, und wir haben es zu hören. Wird es wirklich verkündigt? Seien Sie einmal 10 oder 20 Jahre Pfarrer und wagen Sie dann den Satz: Ich verkündige das Wort Gottes!!

Frage:

Aber darf ich nicht gewiss sein, wenn ich die Schrift verkündige, dass ich das Wort Gottes verkündige?

Barth:

Wiederum: Seien Sie gewiss! Es ist etwas Großes, wenn man als Theologe seiner Sache gewiss ist. Das bekommt man nicht mit der Ordination, darum will gebetet und gearbeitet sein. Das ist ein Geschenk, ein Charisma. Gewiss sein, das heißt: die Hände falten, das heißt: unermüdlich in der Bibel lesen, das heißt: unermüdlich die Menschen da aufsuchen, wo sie wirklich sind und wie sie wirklich sind. Dann begreift man vielleicht plötzlich etwas von dem, was Gewissheit meint. Das ist ein Ereignis, das je und je geschieht. Hätten wir sie ein für allemal, dann müssten wir nicht mehr darum bitten.


(2) Die Geistigkeit des Wortes Gottes

Frage:

Ist die Unterscheidung Natürlichkeit-Geistigkeit nicht der gefallenen Schöpfung entnommen und darum ungeeignet, das Gegenüber des Wortes Gottes zu bezeichnen? Ist nicht der Mensch als Gottes Geschöpf eine Einheit, in der Leib und Seele gleiche Bedeutung zukommt?

Barth:

Einheit, Unterscheidung und Ordnung von Seele und Leib gehören zur guten Schöpfung Gottes. Damit ist nicht gesagt, dass Seele und Leib identisch seien, der Mensch ist vielmehr die regierende Seele seines dienenden Leibes. Das Wort Gottes, von Gott kommend, steht über diesem Gegensatz, geht aber den Menschen an und nimmt insofern an dem Gegensatz teil, als es sich an die regierende Seele wendet (und so an die Ganzheit des Menschen) und insofern «geistig» ist.


(3) Wort Gottes in der Unterscheidung

Frage:

In § 5,4 der KD35 wird zwischen dem göttlichen Gehalt des Wortes und seiner welthaften Gestalt unterschieden, und der Glaube |369 beschrieben als die notwendig doppelte Bewegung: von der welthaften Gestalt des Wortes Gottes zu seinem göttlichen Gehalt und zurück.36 – Lässt sich bei Berücksichtigung des Chalcedonense37 eine derartige Scheidung durchführen, die diese doppelte Bewegung möglich macht, oder wird nicht das «Logos sarx egeneto» [Joh. 1,14] nur da ernst genommen, wo eine Lösung von der welthaften Gestalt überhaupt nicht stattfindet? Mit anderen Worten: Setzt diese Bewegung nicht eine Trennung der beiden Naturen voraus, die bis hin zur Anerkennung des «extra Calvinisticum»38 führen muss?

Barth:

Da das eine Wort Gottes als Wort Gottes der Welt zugewendet ist, muss göttlicher Gehalt und welthafte Gestalt – nicht «geschieden», nicht «getrennt» – aber unterschieden und in der Bewegung von Gott zur Welt hin als Einheit verstanden werden. Die Frage nach dem Chalcedonense hätte nicht kommen dürfen,39 denn ich meine ja gerade das, was dort gesagt wird: nicht Trennung der beiden Naturen, sondern Einheit, aber Einheit in der Unterschiedenheit. Wollte man nicht unterscheiden, dann gäbe es keine Geschichte mehr, denn dann wäre jene doppelte Bewegung des Glaubens nicht möglich. Diese Bewegung ist die geistliche Form des theologischen Denkens.

370 P. Brunner:

Die Frage, die hier aufgeworfen wurde, ist die Frage nach der Eigenart der Bewegung von der welthaften Gestalt zum göttlichen Gehalt zurück. Erfasst der Glaube je das Göttliche so, dass er die welthafte Gestalt transzendiert?

Barth:

Nein. Das Eine wird durch das Andere beleuchtet. Gerade in der Bewegung wird jeweils das Andere sichtbar. Da wäre ich falsch verstanden, wenn die Meinung die wäre, es bliebe etwas zurück. Am göttlichen Gehalt leuchtet auch die welthafte Gestalt auf. Sie wird gerade nicht transzendiert. (Es geht darum, den Buchstaben am Geist zu messen, aber auch den Geist am Buchstaben).

II. Schrift

(4) Biblische Hermeneutik
Frage:

Ist die Voraussetzung für jegliches Verstehen der vorgängige Bezug zur Sache, von der zu mir geredet wird, und fehlt solcher vorgängige Bezug als Voraussetzung für das Hören der Offenbarung in der Bibel, wird dann nicht eine besondere biblische Hermeneutik notwendig?

Barth:

Der «Sachbezug» ist die Voraussetzung, dass die Sache dem Leser nicht fremd bleiben muss, sondern sich ihm im Lesen eröffnen kann. Im Falle der Bibel: Die «Sache» bezieht sich auf jeden Menschen, denn jeder Mensch ist Mitmensch Jesu Christi, jeder Mensch ist auf der Erde, auf die das Himmelreich gekommen ist, jeder Mensch ist Angehöriger der durch Jesus Christus versöhnten Welt, der Heilige Geist ist auch ihm erschienen, und die Bibel ruft auch ihn zum Glauben auf. Verstehen heißt: lesen unter Entdeckung dieser ontologischen Zuordnung des Lesers. Formal also gleich wie bei allen anderen Texten. Es geht zwar um eine einzigartige Sache in der Bibel, und darum ist auch der Sachbezug ein einzigartiger. Aber auch die Bibel ist ein menschliches Dokument. Exegese hat diese Buchstaben zu lesen und zu verstehen, was sie sagen wollen. Die Aufgabe ist die gleiche wie die der Exegese anderer Bücher.40 Also keine besondere biblische Hermeneutik!

371 Frage:

Aber fordert nicht die andere Sache auch eine andere Hermeneutik? Muss die biblische Hermeneutik nicht die Realität des Heiligen Geistes einbeziehen?

Barth:

Der Heilige Geist gehört gewiss zur Sache, um die es in der Bibel geht. Aber auch über ihn belehren uns die hebräischen und griechischen Texte, die studiert sein wollen. Ich kann nicht sehen, wie der Heilige Geist ein besonderes hermeneutisches Prinzip bedeuten sollte? Mit dem Verweis auf den Heiligen Geist wollte ich hinweisen auf den geistlichen Charakter aller Theologie. Es geht nicht um ein Prinzip, und darum glaube ich auch nicht, dass andere Regeln gelten; es ist mir nie eingefallen, von «pneumatischer Exegese» zu reden.41 Es gibt nur sachliche Exegese, das heißt aber, die Bibel die Sache sagen zu lassen, die sie sagen will, und ihr nicht eine «wächserne Nase»42 aufzusetzen, und sei es eine existenzphilosophische!

P. Brunner:

Es wurde gesagt, die Auslegung habe zur Voraussetzung das Hören dieser besonderen Sache. Das ist die Voraussetzung alles Verstehens. Aber bei einem Goethe-Text bedarf es dazu nicht des Heil[igen] Geistes. Und wenn Sie sagen, das Verstehen des Menschen sei von einem analogen Geheimnis umgeben wie das Wort Gottes, so wäre es wichtig, diese Analogie zu definieren. Der «breite Graben»43 macht es doch fraglich, ob man wirklich Linien ziehen kann vom Hören und Verstehen des Wortes Gottes zum Hören und Verstehen anderer Worte?

372 Barth:

Kann man Goethe wirklich verstehen ohne den Heiligen Geist? Ist es denn nicht so, dass da, wo ein Mensch den anderen versteht, der Heilige Geist am Werk ist? Der Heilige Geist ist nicht auf die Kirchenmauern beschränkt. Gott geht zu den Zöllnern und Sündern und tut ihnen die Augen auf. Ist das Pneuma eine Privatangelegenheit von uns, die wir mit Ernst Christen sein möchten?44 Verstehen Sie: ich möchte den Heiligen Geist nicht zum Paragraphen 1 machen lassen!

P. Brunner:

Aber wir müssen doch unterscheiden zwischen dem Geist des Schöpfers und dem Geist, der in Wort und Sakrament gegenwärtig ist?

Barth:

Wo es um wirkliches Verstehen geht, da geht es um die Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Er lässt sich nicht reservieren für uns Theologen!

Frage:

Gibt es denn aber nicht auch ein Verstehen in der Solidarität der Sünde? Und also ein dämonisches Verstehen, etwa innerhalb der atheistischen Weltanschauung?

Barth:

Ich glaube, wo Menschen in einer «Weltanschauung» vereinigt sind, da verstehen sie in der Regel weder sich selber noch den Anderen, sei es in einer atheistischen oder in einer frommen, oder vielleicht auch in einer sanft abendländischen Weltanschauung! Gewiss gibt es auch da Solidarität, aber eben eine Solidarität im Missverstehen. Wirkliches Verstehen ist ohne das Wunder des Heiligen Geistes nicht möglich.

Frage:

Ist nicht der Unterschied zwischen dem Verstehen des Gotteswortes und dem menschlicher Worte der, dass im ersten Falle alles bezogen ist auf das göttliche45 Subjekt, während dieses im zweiten Falle fehlt? Und so sind wohl Methode und Interpretation der Texte die gleichen, aber ihr Sachbezug ist ein anderer. Liegt hier nicht der Unterschied zwischen der biblischen und der profanen Hermeneutik?

Barth:

Die Sache ist gewiss eine besondere: in der Bibel geht es um Gottes Person und Werk. Aber das Wort ward Fleisch [Joh. 1,14]. Gott ist in die Geschichte eingegangen, und nun wird die Begegnung |373 mit Gott und seinem Wort eine Begegnung in der Geschichte. Handelt es sich hier wirklich nicht mehr um das göttliche46 Subjekt? Ich kann ja keinen einzigen kleinen Liedervers, ich kann das47 Gedicht «Sah ein Knab ein Röslein steh’n»48 nicht verstehen, wenn ich nicht vordringe zu dem Subjekt Goethe! Verstehen, das heißt ja, dass dieser Mann mir in diesem Vers begegnet. Das ist ein Ereignis auf der menschlichen Ebene, hier geht es um Mensch und Mitmensch. Aber auch hier gibt es kein wirkliches Verstehen ohne Erleuchtung durch den Heiligen Geist. Nur wer Gottes Wort versteht, kann in Wahrheit auch Goethe verstehen.


(5) Unterschiedliche christologische Aussagen

Frage:

Die hermeneutische Prinzipienlehre in [KD I/2,] § 19,1 sieht vor, dass der Leser der heiligen Schrift, der unter der Voraussetzung an sie herangeht, dass sie Gottes Wort ist, im Hören durch das menschliche Wort die Offenbarung zu Gesicht bekommt, im Verstehen das menschliche Wort von der Offenbarung her erforscht, im Auslegen das Wort Gottes in seiner Beziehung zur Offenbarung erklärt (S. 515). – Wie lassen diese Erklärungsgrundsätze sich realisieren in der Exegese des Neuen Testamentes angesichts der unterschiedlichen christologischen Aussagen, z. B. in den Epiphanie-Stoffen (Herrlichkeit des Gottessohnes) und Phil. 2,6ff. (Kenose49)? Oder die johanneische Christologie (Präexistenz) und die adoptianische Christologie (Einsetzung zum Gottessohne)? – Darf jeweilig die präzise Wortgestalt als Ausdruck der «Sache» mit einer vielleicht gegensätzlichen Wortgestalt des Neuen Testamentes nivelliert bzw. ausgetauscht werden? Bindet sich nicht die Sache an dieses konkrete Wort?50

374Barth:

Die Schrift ist in der Tat jeweils in ihrer präzisen Wortgestalt zu verstehen, die als solche nicht mit anderen zu nivellieren ist. Die Aufgabe bleibt aber – «Fehlbarkeit» bzw. Widerspruch der Zeugen kann nur als Grenzfall in Frage kommen –, nach der Einheit in der Verschiedenheit zu fragen. Lassen Sie es mich an den Aussagen über die Christologie nachweisen.
   a) Christus im Erweis seiner Herrlichkeit: erweist er sie anders als in seiner Niedrigkeit, auf dem Weg zum Kreuz? als der gehorsame Knecht Gottes, der sich eben so als der Herr offenbart?
   b) Christus in seiner Kenose: hörte die Sohnschaft und Herrlichkeit in seiner Erniedrigung auf? War er nicht eben darin der Herr, dass er Knecht wurde? Hat er nicht am Kreuz triumphiert? – Es darf nicht geleugnet werden, dass verschiedene Schichten vorhanden sind, aber das heißt nicht, dass man sich für die eine oder andere entscheiden müsste. Das könnte so oder so zur Häresie führen. Bedeuten die verschiedenen Schichten einen sachlichen Widerspruch? Wird nicht viel|375mehr mir widersprochen von beiden Seiten? Wir sollen Alles je für sich und also in seiner Verschiedenheit hören – aber Alles bezogen auf die Einheit Jesu Christi. Das Neue Testament ist kein dogmatisches Lehrbuch. Die Apostel waren Zeugen eines Geschehens und nicht Systematiker!51

P. Brunner:

Die Sache und die Wortgestalt der apostolischen Verkündigung liegen ganz ineinander. Ich bekomme die Sache nicht zu Gesicht, ohne dass mir die konkrete Wortgestalt deutlich ist. Dann aber liegen Sache und Wortgestalt so ineinander, dass ich nicht gleichzeitig eine andere Wortgestalt als Sachträger erkennen kann.

Barth:

Das ist ein Trugschluss. Denn wenn ich in der einen Wortgestalt den wirklich bezeugten Gehalt der biblischen Botschaft erkenne, so dass ich bei einem anderen Text eine andere Wortgestalt wahrnehme,52 gerade daran erkenne ich, dass in dieser und in jener Gestalt derselbe Herr bezeugt und gerühmt wird. Das wäre ein schrecklicher Fanatismus, wenn nur eine Wortgestalt als die richtige erkannt würde. So entstanden die Häresien, immer auf Grund der Bibel. Demgegenüber ist es Aufgabe eines besonnenen geistlichen Denkens, die Einheit in der Verschiedenheit zu erkennen, nicht um die Bibel auf einen systematischen Nenner zu bringen, aber um sich durch die Existenz der verschiedenen Wortgestalten zu einer umfassenden Erkenntnis Christi aufrufen zu lassen. Damit aber wären wir wieder beim Heiligen Geist!53

376

2. Antwortnotizen Barths zu nicht angesprochenen Fragen

[6.]54 Unterschied von A[ltem] und N[euem] T[estament] –

  beider Einheit in J[esus] Chr[istus] selbst, der Israel und der Kirche angehört, das Haupt des einen Volkes Gottes ist, in Propheten und Aposteln seine Zeugen hat.
  beider Verschiedenheit wieder in J[esus] Chr[istus] selbst, der hier als Träger von Gottes Gnade und Gericht erwartet, dort als Träger von Gottes Gnade im Gericht erinnert ist. In diesem Sinn: ante-post Chr[istum].
  im H[ei]l[igen] Geist Erkenntnis beider auf dem Weg von hier nach dort.

7. Fehlbarkeit der Schrift als Menschenwort –

ersichtlich darin, dass sie a) in verschiedenen Wortgestalten, b) in verschiedenen Zuspitzungen, c) in verschiedenem Grad von Deutlichkeit bzw. Dunkel den einen J[esus] C[hrisus] bezeugt. Wäre ohne solche Fehlbarkeit kein menschl[iches] Wort. Ist nicht Kodex offenbarter Theologie, sondern Zeugnis. «Verlassen» kann man sich nur auf den von ihr Bezeugten. Indem sie in ihrer Verschiedenheit das eine Zeugnis gibt, erweist sie sich als Zeugnis des H[ei]l[igen] G[eistes].


III. Glaube

8. Glaube und Heilsgewissheit –

Gl[aube] in der Tat nicht ohne Heilsgewissheit. Aber Heilsgewissheit nicht ausserhalb des Glaubens. Und Gl[aube] nicht anderswoher als durch den H[ei]l[igen] G[eist] von seinem Gegenstand: J[esus] C[hristus].

9. Gnade und Sünde –

Der Go[ttes] Gnade total ergreifende und sich selbst total als Sünder erkennende Mensch ist – in dieser Unterschiedenheit – der eine |377 Christ: beides von J[esus] C[hristus] her, immer im Übergang vom einen zum anderen.

10. Glaube und Kirche (Kontinuität und Ereignis) –

[Frage:] 55

Der Glaube wird je und je Ereignis in der Begegnung mit der Offenbarung.
  Muss das Christsein eine[s] Menschen auf diese Begegnungsmomente beschränkt bleiben, oder spricht nicht das paulinische ἐν Χριστῷ εἶναι von einem kontinuierlichen Leben im Glauben (im NT sogar öfters ein «Wachsen im Glauben»)?

Die Kirche ist nicht kontinuierlich, sondern sie wird zur Kirche in dem Ereignis, dass das Wort Gottes zu ihr gesprochen und von ihr geglaubt wird (S. 275)56. Frage: Muss die Kirche nicht, als σῶμά του Χριστοῦ, als Realität gedacht werden, die auch abgesehen von den Momenten ihres In-Erscheinung-Tretens in jenem Ereignis da ist?

[Barth:]

Beide sind kontinuierlich als «Sein in Christus» – sofern aber menschl[iches] «Sein in Christus» beide nur im Ereignis der Tat und Gabe des H[ei]l[igen] Geistes.

11. Glaube als Erinnerung und Erwartung –

«Gehaltenwerden» des Gl[aubens] zwischen und von beiden ist immer wirklich, will aber im «Ereignis» (H[ei]l[iger] Geist!) offenbar und erkannt werden.

12. Prädestination –

[Frage:]

Das Wort Gottes als Tat Gottes ist Entscheidung. Es ist Entscheidung Gottes über den Menschen zum Glauben und zur Gerechtigkeit oder zum Unglauben und zur Sünde ([KD] I/1, 165 f.). Frage: Wirkt Gott in gleicher Weise den Glauben wie den Unglauben und können somit die Aussagen von der Wahl der Gnade zum Glauben ohne Differenzierung neben die Aussagen von der Wahl der Ungnade zum Unglauben als gleiche Taten Gottes nebeneinanderstehen?

378 [Barth:]

Stelle Röm. [8,30]57 (vgl. KD I/1, S. 165ff.58) scheint etwas ungeschützt. Entscheidung Go[ttes] hier und dort sehr verschieden, wie ja und nein, rechts und links, Erwählung und Verwerfung, Gnade und Gericht! W[ort] G[ottes] ist Jesus Christus: in ihm ist für Glauben und Gerechtigkeit gegen Unglauben und Sünde entschieden.


IV. Konfession

13. Das Dogma –

Als absolute Wahrheit identisch mit G[ottes] W[ort]: eschatologische Grösse. Als Dogma der Kirche in der Zwischenzeit immer nur Annäherung von rel[ativer] Wahrheit. Wieso hier gerade Taufe, Abendmahl, Absolution auszunehmen?

14. Bekenntnis 1934–195259 –

Sektenaffinität vielleicht doch nicht genügender Anlass zu neuem Bekenntnis
  Wichtig wäre:
  1. Bereinigung des Verh[ältnisses] von Schrift und Tradition
  2. Frage, ob 1934 als einigendes Bekenntnis gilt oder nicht gilt, verstanden oder nicht verstanden ist?
  3. Befreiung von dem Starren auf die Bekenntnisse des 16.J[ah]hrh[underts], samt der damit verbundenen Scholastik.

Sachfußnoten

1
Peter Brunner (1900–1981), 1932 Prof. für Systematische Theologie in Gießen und Pfarrer in Ranstadt (Hessen), 1933 Verlust der Professur, aktives Mitglied der Bekennenden Kirche, 1935 mehrmonatige Haft im KZ Dachau, 1945 Pfarrer in Wuppertal-Elberfeld, 1947–1968 Prof. für Systematische Theologie in Heidelberg.↩
2
Nach dem Brief H. M. Schäfers an Barth vom 5.7.1952 (KBA 9352.423) stand dabei die Beschäftigung mit KD I/1, §§ 1–7 📖, und KD I/2, §§ 19ff. im Zentrum.↩
3
Hans Martin Schäfer (1929–2024), später Pfarrer an der Stadtkirche in Pforzheim und Dekan.↩
4
Brief Schäfers vom 5.7.1952 (Anm. 2)↩
5
Siehe oben, S. 227-235.↩
6
Brief Langguths an Ch. von Kirschbaum vom 5.7.1952 (KBA 9352.422).↩
7
Brief Ch. von Kirschbaums an Langguth vom 7.7.1952 (KBA 9252.126).↩
8
Edmund Schlink (1903–1984), seit 1946 Prof. für Systematische Theologie in Heidelberg.↩
9
Wolfhart Pannenberg (1928–2014), Studium u. a. in Basel bei Barth, später Prof. für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, in Mainz und in München.↩
10
Vgl. die Briefe E. Schlinks und W. Pannenbergs vom 12.7.1952 (KBA 9352.433 und KBA 9352.435). Pannenberg hatte am selben Tag auch schon per Telegramm angefragt (KBA 9352.434).↩
11
Erhalten ist von Barths Antwort nur dieser auf die Rückseite von Pannenbergs Telegramm (Anm. 10) geschriebene Entwurf.↩
12
Das Typoskript (2 Seiten, engzeilig beschrieben; KBA 45212) enthält – je untergliedert – 1.) «Fragen zur Hermeneutik», 2.) «Fragen zum ‹Ereignis›-Charakter des Wortes Gottes etc.», 3.) «Fragen zur Prädestinationslehre». – Das Gespräch im Seminar orientierte sich zwar an diesen Fragen, nicht aber an ihrer Zusammenordnung und Reihenfolge.↩
13
Brief Schäfers an Barth vom 12.7.1952 (KBA 9352.431).↩
14
Vgl. Brief Ch. von Kirschbaums an Langguth vom 7.7.1952 (Anm. 7).↩
15
So die Planung, die G. Langguth Ch. von Kirschbaum mitteilte (Brief vom 5.7.1952 [Anm. 6]). Ganz ähnlich im Taschenkalender Barth, Eintrag vom 18.7.1952: «4–7 Uhr!»↩
16
Gerhard von Rad (1901–1971), seit 1949 Prof. für Altes Testament in Heidelberg.↩
17
Hans von Campenhausen (1903–1989), seit 1945 Prof. für Kirchengeschichte in Heidelberg.↩
18
Günther Bornkamm (1905–1990), seit 1949 Prof. für Neues Testament in Heidelberg.↩
19
Wilhelm Hahn (1909–1996), seit 1950 Prof. für Praktische Theologie in Heidelberg.↩
20
Vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 18.7.1952.↩
21
Brief Schäfers an Barth vom 1.8.1952 (KBA 9352.465). – Schäfers Erinnerung an die Diskussion wurden Jahrzehnte später veröffentlicht: H. M. Schäfer, Karl Barth in Heidelberg – Seminarsitzung mit prominenter Besetzung im Juli 1952. Eine persönliche Erinnerung, in: Badische Pfarrvereinsblätter. Mitteilungsblatt des Evangelischen Pfarrvereins in Baden e.V., Heft 2/2019, S. 116f. 📖↩
22
Brief P. Brunners an Barth vom 29.9.1952 (KBA 9352.562).↩
23
Typoskript, 7 Seiten DIN A4, engzeilig beschrieben (KBA 45210).↩
24
Typoskript, 3 Seiten DIN A4, engzeilig beschrieben (KBA 45211.1, KBA 45211.2).↩
25
Ein im Brief Schäfers vom 12.7.1952 (Anm. 13) angekündigtes weiteres Schreiben, dem auch weitere Fragen beiliegen sollten, ist nicht erhalten.↩
26
Die Angabe von Ort und Datum findet sich im Original oberhalb; dort irrtümlich: «17.7.52».↩
27
Lateinisch für: «Ich glaube an den Heiligen Geist» (nach dem 3. Artikel des Apostolikums).↩
28
Im Protokoll nachträglich per Hand unterstrichen.↩
29
Aus Art. V («Vom Predigtamt») der Confessio Augustana (BSLK, S. 58,7f. 📖; BSLK.NE, S. 101,4f. 📖).↩
30
Protokoll: «der»; verbessert in Anlehnung an die entsprechende Antwortnotiz Barths (Anm. 24): «[…] nicht in Identität, sondern in Einheit und Verschiedenheit dieser drei Gestalten, jeder in ihrem bes[onderen] Verh[ältnis] zu den anderen, […].»↩
31
Zu den letzten beiden Sätzen findet sich keine Entsprechung in Barths Antwortnotizen (Anm. 24).↩
32
So konnte der Satz nicht verifiziert werden. Ähnlich P. Althaus, Theologie des Glaubens, in: ZSTh 2 (1924), S. 281–322, dort S. 290 📖: «Denn der Glaube will nicht um sich wissen. Die Reflexion ist seine Gefahr. Glaube ist er nur als der ständige actus des sich in Gottes Arme Werfens.» In KD I/1, S. 249 📖, zitiert Barth dens., Grundriß der Dogmatik. Erster Teil, Erlangen 1929, S. 19 📖: «Ich weiß nicht, ob ich glaube; aber ich weiß, an wen ich glaube.» – Paul Althaus (1888–1966), 1925 Prof. für Systematische und Neutestamentliche Theologie in Erlangen, 1947 im Zuge der Entnazifizierung des Dienstes enthoben, 1948 wieder Lehrbeauftragter in Erlangen.↩
33
In der römisch-katholischen Theologie wird davon gesprochen, dass sakramentale Handlungen «ex opere operato» die Gnade vermitteln, also aufgrund des korrekten Vollzugs der Handlung (z. B. im 1547 am Konzil von Trient erlassenen Dekret über die Sakramente, Can. 8 [DH 1608 📖]).↩
34
Vgl. O. Bayer, Promissio. Geschichte der reformatorischen Wende in Luthers Theologie, Göttingen 1971 📖; ders., Art. «Verheißung», in: RGG4 VIII, Sp. 1015f. 📖↩
35
KD I/1, S. 168–194 📖.↩
36
Auf dem Frageblatt (KBA 45212) ist dieser erste Teil der Frage ausführlicher formuliert: «In § 5,4 wird zwischen dem göttlichen Gehalt des Wortes Gottes und seiner welthaften Gestalt unterschieden und eine dieser Unterscheidung entsprechende Reihe aufgestellt: Verhüllung – Enthüllung; Gestalt – Gehalt; Gesetz – Evangelium; Forderung – Verheißung; Buchstabe – Geist; Gottes Zorn und Gericht – Gottes Gnade. Besonders auf den Seiten 183–187 wird der Glaube beschrieben als die notwendig doppelte Bewegung: von der welthaften Gestalt des Wortes Gottes zu seinem göttlichen Gehalt und zurück.»↩
37
Nach der Formulierung des Konzils von Chalkedon (451) wird Christus «in zwei Naturen unvermischt, unveränderlich, ungetrennt, unteilbar erkannt» (DH 302 📖).↩
38
Zur Herleitung des Begriffs «Extra calvinisticum», mit dem lutherische Kritiker die calvinische Zuordnung unendlicher göttlicher und endlicher menschlicher Natur Christi bezeichneten, vgl. V.u.kl.A. 1922–1925, S. 235, Anm. 75 📖; zu Barths Positionierung dazu vgl. Chr.Dogm., S. 360–364 📖.↩
39
Während sich der erste Satz von Barths Antwort fast wörtlich in seinen Notizen (Anm. 24) findet, fehlt der Teil der Antwort, der mit der Erwähnung des Chalcedonense beginnt, dort ganz.↩
40
Die Sätze von «Es geht zwar um eine einzigartige Sache in der Bibel…» bis hierhin fehlen in Barths Antwortnotizen (Anm. 24), an die seine im Gespräch gegebene Antwort sich sonst eng anlehnt, ganz.↩
41
Vgl. schon K. Barth, Erklärung des Philipperbriefes, München 1928 📖, Vorwort: «An dem Streit über die ‹pneumatische Exegese› gedenke ich mich hier nicht zu beteiligen. Habe ich, wenn ich recht sehe, mit den Anlaß dazu gegeben, so ist jedenfalls dieses unsympathische Stichwort nicht meine Prägung.» Vgl. auch Chr.Dogm, S. 516–518 📖.↩
42
Mit «wächserne Nase» ist etwas umschrieben, was sich nach Belieben formen und verändern lässt; zur Rückführung der Formulierung auf Lessing und Calvin vgl. KD I/1, S. 109 📖.↩
43
Vgl. G. E. Lessing, Über den Beweis des Geistes und der Kraft, in: ders., Gesammelte Werke, hrsg. von P. Rilla, Bd. VIII: Philosophische und theologische Schriften II, Berlin/Weimar 19682, S. 9–16, dort S. 14 📖: «[Z]ufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen Vernunftswahrheiten nie werden. […] Das, das ist der garstige breite Graben, über den ich nicht kommen kann, so oft und ernstlich ich auch den Sprung versucht habe.»↩
44
In der Vorrede zur Deutschen Messe (1526) spricht M. Luther über «die ienigen, so mit ernst Christen wollen seyn» (WA 19, 75,5 📖).↩
45
Im Original des Protokolls nachträglich mit Tinte durchgestrichen.↩
46
Im Original des Protokolls nachträglich mit Tinte durchgestrichen.↩
47
Im Original des Protokolls fehlt hier ein Artikel, nachträglich ist «ein» eingefügt; vom Hrsg. korrigiert.↩
48
Anfang des Gedichts «Heidenröslein» von J. W. von Goethe (ders., Gedichte 1756–1799, hrsg. von K. Eibl [Sämtliche Werke I,1], Frankfurt am Main 1987, S. 278 📖).↩
49
Griechisch κένωσις: Selbstentäußerung.↩
50
Auf dem Barth zugeschickten Frageblatt (KBA 45212) ist diese Frage deutlich ausführlicher formuliert: «Die Epiphaniestoffe verkündigen Jesus als den Gottessohn, der in Wundern und Taten seine himmlische Herrlichkeit auf Erden erweist. Hingegen Phil. 2,6ff. betont in Übereinstimmung mit Paulus die Kenosis des Praeexistenten. Oder: Die johanneische Christologie betont die Praeexistenz, die adoptianische Christologie hingegen die Einsetzung zum Gottessohn. Welche Folgerungen ergeben sich aus der oben genannten hermeneutischen Prinzipienlehre angesichts der Aufgabe, solche neutestamentlichen Stellen miteinander zu verstehen? Können wir hier von einem Hören der ‹Sache› reden, ohne dass die Sache sich in gerade dieser präzisen Wortgestalt einen Ausdruck verschafft hätte, so dass diese Wortgestalt nicht einfach mit einer anderen, vielleicht gegensätzlichen Wortgestalt des Neuen Testaments auszutauschen wäre? Die ‹Sache› bindet sich hier doch offensichtlich an dieses Wort. Können wir beim Verstehen das menschlich konkrete Wort von der Offenbarung her erforschen in der Weise, dass nun die gegensätzlichen Aussagegehalte so nivelliert werden, dass sie gegenüber einer vorgegebenen ‹Sache› (die sich uns tatsächlich doch nur im konkreten Wort offenbart) bedeutungslos werden? Setzt hier, in unserem Falle bei bestimmten christologischen Aussagen, schon die Fehlbarkeitsmöglichkeit des apostolischen Wortes ein derart, dass wir mit ihr in der Exegese, im Verstehen realiter rechnen müssen? Erweist sich das apostolische Wort damit als ein der Sache so unangemessenes Zeichen, dass wir von seinem spezifischen Aussagegehalt jeweils absehen dürfen, wenn er dem Aussagegehalt anderer apostolischer Worte widerspricht, oder ist nicht das Zeugnis gerade dieser Gestalt des Wortes von nicht übersehbarer Bedeutung?»↩
51
Laut seinen Antwortnotizen (Anm. 24) wollte Barth auch auf das in Frage genannte zweite Beispiel für unterschiedliche christologische Aussagen eingehen: «[…] Präexistenz: bei Joh[annes] wahrer Gott und wahrer Mensch / Einsetzung: wurde in seiner Auferstehung als Beides offenbar und erkannt […]».↩
52
Der voranstehende Satzteil ist im Original des Protokolls handschriftlich korrigiert zu: «so dass ich ihn bei einem anderen Text in der andere[n] Wortgestalt wahrnehme».↩
53
Der letzte Satz ist im Original des Protokolls am Seitenende handschriftlich hinzugefügt.↩
54
Im Protkoll Nummer 5. – Barth hatte in seinen Notizen (Anm. 24) alle seine Antworten nummeriert; die Frage, auf die er unter 6. einging, wurde im Gespräch als letzte aufgenommen, bekam im Protokoll also die Nummer 5, während seine in den Notizen 5. Antwort laut Protokoll nicht mehr angesprochen wurde – und hier nun als Nummer 6 erscheint.↩
55
Hier und unten bei 12. sind die Fragen, auf die sich Barths Antworten beziehen, in dem erhaltenen (ersten) Fragenkomplex (KBA 45212) enthalten und werden daher mitangeführt.↩
56
Vgl. KD I/1, S. 275 📖: „Also ist auch die Kirche nicht konstant, nicht kontinuierlich die Kirche Jesu Christi, sondern sie ist es je in dem Ereignis, daß das Wort Gottes zu ihr gesprochen und von ihr geglaubt wird.“↩
57
Die Versangabe ist vom Hrsg. ergänzt aus KD I/1, S. 165 📖.↩
58
In den Notizen nur: «1,1 165ff.»↩
59
Die Jahreszahl 1934 spielt auf die «Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche», die sogenannte «Barmer Theologische Erklärung» an, die federführend von Barth mitverfasst wurde (vgl. V.u.kl.A. 1934–1935, S. 264–301 📖).↩