Gespräch mit Nicht-Theologen in Aarau
GESPRÄCH MIT NICHT-THEOLOGEN IN AARAU
Für den 10. Mai 1952, seinen 66. Geburtstag, hatte
Nachdem Barth in einem Telefongespräch zugesagt hatte, an dem geplanten Gespräch teilzunehmen, schickte Weber ihm am 23. April 1952 die vorbereiteten Fragen in einer längeren und einer kurzen Fassung und den Entwurf des Einladungsschreibens, in dem Barth gemäß der Absprache bewusst nicht als «Referent» angekündigt wurde.4 Eine Liste der zum Gespräch Eingeladenen – es handelte sich nicht um eine öffentliche Veranstaltung – kündigte Weber im selben Brief an.
In der Vorbereitung auf das Gespräch schrieb Barth seine Antwortnotizen auf fünf Blätter, auf denen die ihm zugeschickten ausführlicher formulierten Fragen aufgeklebt waren. Jeweils an den Rand dieser Blätter schrieb er zusätzlich senkrecht zum Text und den Notizen |355 kurze durchnummerierte Fragen; vermutlich handelt es sich dabei um die Kurzfassung der ihm von Weber übermittelten Fragen. – Auf einem weiteren, mit dem Hinweis «Aarau, 10.V.52» versehenen Blatt sind zudem «Begriffe» notiert und stichpunktartig erläutert.5
Rückmeldungen zum Gespräch sind nicht erhalten. Es scheint aber zu Barths Zufriedenheit verlaufen zu sein, denn nach Mitteilung
Ein Protokoll des Gesprächs ist nicht erhalten. Im Folgenden werden die von
1. Notizen: Begriffsklärungen
Begriffe
Politik:
Gestaltung der Alle schützenden und für Alle verbindlichen (im Notfall durch Gewalt zu sichernden) Rechtsordnung (= Staat)
Politik treiben:
An dieser Gestaltung mitwirken durch Dasein, Worte, Taten
als Amt u[nd] Auftrag – als freier Einzelner – als Glied einer freien Gruppe
Kirche:
Eine freie Gruppe innerhalb jener Rechtsordnung (= Gemeinde als Versammlung)
Ihr Sinn und ihre Aufgabe: Gemeinsames Hören + gemeinsame Verkündigung des in der H[ei]l[igen] Schrift bezeugten Wortes Gottes
(Ref[ormierte] Kirche:
Göttl[iche] Autorität hat [nur]7 dieses Wort selbst
356Kirche soll[,] kann ihm [nur]8 dienen
Kirche muss diesen Dienst immer zuerst lernen
Verantwortlich für Beides sind alle ihre Glieder)
Hat also gegenüber der Mitwirkung an der Gestaltung der allgemeinen Rechtsordnung eine eigene Funktion (ist keine «Partei»!)
Muss in dieser ihrer eigenen Funktion verstanden sein
Muss sich selbst in ihrer eigenen Funktion ernst nehmen
Kann aber ihre eigene Funktion nicht ausüben, ohne faktisch auch an der Gestaltung der allgemeinen Rechtsordnung mitzuwirken.
Wird inmitten der Allgemeinheit immer eine Minderheit sein!!
2. Fragen und Antwortnotizen
Darf, soll und kann die Kirche als Organisation in der Öffentlichkeit wirken?
Wenn ja: Welches sind ihre Aufgaben (evangelische Parteien? christliche Parteien?)
Wenn nein: Bleibt also das politische Handeln Aufgabe des einzelnen Christen? Welche Aufgaben hat er als Politiker in der Schweiz? Welche Hilfe kann er von der Kirche erwarten? [Sollte die Kirche nicht mehr von den üblichen Propaganda-Mitteln Gebrauch machen, um das Evangelium zu verkünden? Sie beschränkt sich eigentlich immer noch auf die mittelalterliche Form der Predigt mit lockendem Glockengeläute und auf die Form der Reformation, also Bücher und Broschüren.]9
Wie weit darf sich der politisch handelnde Christ auf seine Kirche berufen? Christlicher Glaube als Grundlage politischen Handelns?10 Missbrauch des Christentums in der Politik?
Soll die Kirche Politik treiben?
Sie tut es faktisch: ob gut oder schlecht! |357 auch in Form scheinbarer Unterlassung. Ist sogar (so oder so) politischer Faktor ersten Ranges:
Weil alles politische Handeln auf einem „Glauben“ beruht (Unglaube, Irrglaube, Aberglaube)
Weil Gott der Herr der ganzen Welt u[nd] Geschichte, seine Sache ein Reich: keine Privatsache, Verkündigung und Hören seines Wortes direkt oder indirekt auch ein Mitwirken an der Gestaltung der Rechtsordnung (= Politik treiben) ist.
Legitim nur, wenn in Ausübung ihrer eigenen Funktion: in der Freiheit des Gehorsams gegen das Wort Gottes
a) durch ihre faktische Existenz u[nd] deren Dienst: die ewige Gerechtigkeit als Norm aller zeitlich-menschlichen[,] b) durch das «Politik treiben» ihrer Glieder[,] c) durch Entscheidungen der Gemeinde in bestimmter Lage
Illegitim: alles Heraustreten aus jener Freiheit: christl[icher] Staat! christl[iche] Partei! christl[iche] Zeitung! Vertauschung der Sache Gottes[,] der die Christen nur dienen können, mit ihren eigenen Sachen!
Es macht den Anschein, dass sich verschiedene politische Parteien in den letzten 20 Jahren wieder mehr nach christlichen Grundsätzen richten und in vermehrtem Maß christliche Postulate unterstützen. Weshalb? – Erscheinen ihnen die christlichen Grundsätze solider als ihre Parteigrundsätze? Oder sind innerhalb der Parteien die Christen aktiver, mitentscheidender, gewichtiger geworden? Oder haben die Parteien gemerkt, dass das reformierte Kirchenvolk ein Faktor ist, mit dem man im politischen Kräftespiel rechnen muss? Oder hat eine wachsende Aktivität der Kirche als solcher dazu beigetragen?
Dazu selber etwas sagen!
Phänomen in dem Mass interessant, als jenes «Rechnen» mit der «Kirche» sich
a) auf das «Notwendige»[?], eine in ihrer eigenen Funktion verstandene und von den «Politikern» gewürdigte Kirche (nicht bloss auf allerhand Unmögliches!)
358b) auf eine in ihrer eigenen Funktion «mitwirkende» Kirche (nicht aber auf deren illegitime Lebensäusserungen)
beziehen würde!
Welches sind die geistigen und weltanschaulichen Grundlagen des politisch handelnden Christen?
Wie weit sind sie es – in gemeinsamer Weise? – auch für unsere demokratischen Parteien der Schweiz? Wie können sie der Verwirklichung nahegebracht werden? Wie können sie Spannungen verkleinern, die zwischen verschiedenen Parteien – die sogar diese Grundlagen theoretisch gemeinsam anerkennen – bestehen, so dass es nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt?
Durch eine Organisation? – Halt und Kraft der Organisation? Oder nur durch Einzelne? – Stärke und Schwäche dieser Einzelnen?
- Die Grundlagen:
- 1. Der Mensch hat einen Herrn, dem er verantwortlich ist – ist also nicht meisterlos – und dies ist seine Freiheit!
- 2. Diese Verantwortung vollzieht sich in der menschl[ichen] Gemeinschaft
- 3. Der Mensch wird sich im Vollzug dieser Verantwortung immer als völliger Versager entdecken müssen
- 4. Er lebt von der Vergebung und Geduld Gottes – und davon, dass ihm solche auch von s[einen] Mitmenschen widerfahre
- 5. Er wird eben von daher seinem Herrn ganz verpflichtet und für den Nächsten ganz offen sein
- 6. Er hofft auf die jenseitige Offenbarung der Herrschaft Gottes in seiner und in der allgemeinen Geschichte
- 7. Er rechnet mit der Relativität aller menschlichen Unternehmungen und Erfolge
Von da aus muss, kann, darf «politisch gehandelt» werden.
Gemeinsame Grundwerte der schweizerischen demokratischen Parteien: Gewissen, Rechtsstaat, persönliche Freiheiten, Aufteilung der Gewalten. Kann darauf eine gesunde, verheißungsvolle westeuropäische Politik aufgebaut werden?
«Verschweizerung» ein mögliches – «Verchristlichung» ein unmögliches Programm!
Sehen wir zu, dass es in
Das soziale Verantwortungsgefühl ist in den letzten 100 Jahren gewachsen. Schutz des irgendwie Schwachen durch den Staat führt zur Spannung: Mensch und Staat – Individuum und Gemeinschaft (Organisation) – Freiheit und Gerechtigkeit. Beurteilung aus evangelischer Sicht? Gibt es heute in der Schweiz eine Gefahr der «Verstaatlichung» des Menschen und wo liegt sie? Gibt es eine Mitte zwischen «Staat» und «Mensch»? Welche Hilfe bietet da der christliche Glaube?
Ost und West
Das «Wächteramt» der Kirche im Osten und im Westen heute? Leidende und kämpfende Kirche?
Christl[icher] Glaube kennt den Menschen als Geschöpf u[nd] Kind Gottes in der strengen, aber freien Gemeinschaft mit den Mitmenschen – also weder als Individual- noch als Kollektivwesen
Mensch[liche] Aktionen führen immer in neue Schuld
Schweiz ein glücklicher Ausgleich. Aber in der Tiefe? Auf die Länge? Christl[icher] Glaube für uns noch nötiger als [für] die Andren!
Ost u[nd] West: Lieber im Streben nach Frieden «irren», als Recht haben u[nd] den Krieg vorbereiten!