10. Mai 1952

Gespräch mit Nicht-Theologen in Aarau

354
22

GESPRÄCH MIT NICHT-THEOLOGEN IN AARAU

1952

Für den 10. Mai 1952, seinen 66. Geburtstag, hatte Barth seine Teilnahme an einem Diskussionsabend «in Aarau in einem Laienkreis» zum «unermüdlichen Thema Kirche und Politik» zugesagt.1 Der Abend im Aarauer Bahnhofsrestaurant2 war von Dr. Alfred Weber organisiert worden, einem Mitglied der Kirchenpflege Aarau, mit dem Barth schon 1945 einmal in Kontakt gekommen war.3

Nachdem Barth in einem Telefongespräch zugesagt hatte, an dem geplanten Gespräch teilzunehmen, schickte Weber ihm am 23. April 1952 die vorbereiteten Fragen in einer längeren und einer kurzen Fassung und den Entwurf des Einladungsschreibens, in dem Barth gemäß der Absprache bewusst nicht als «Referent» angekündigt wurde.4 Eine Liste der zum Gespräch Eingeladenen – es handelte sich nicht um eine öffentliche Veranstaltung – kündigte Weber im selben Brief an.

In der Vorbereitung auf das Gespräch schrieb Barth seine Antwortnotizen auf fünf Blätter, auf denen die ihm zugeschickten ausführlicher formulierten Fragen aufgeklebt waren. Jeweils an den Rand dieser Blätter schrieb er zusätzlich senkrecht zum Text und den Notizen |355 kurze durchnummerierte Fragen; vermutlich handelt es sich dabei um die Kurzfassung der ihm von Weber übermittelten Fragen. – Auf einem weiteren, mit dem Hinweis «Aarau, 10.V.52» versehenen Blatt sind zudem «Begriffe» notiert und stichpunktartig erläutert.5

Rückmeldungen zum Gespräch sind nicht erhalten. Es scheint aber zu Barths Zufriedenheit verlaufen zu sein, denn nach Mitteilung Charlotte von Kirschbaums kehrte er «spät in der Nacht sehr angeregt» zurück nach Basel, wo beide «bei einem besinnlichen Glas Wein im Bahnhofsrestaurant das [Geburtstags-]Fest beschlossen».6

Ein Protokoll des Gesprächs ist nicht erhalten. Im Folgenden werden die von Barth für den Abend in Aarau angefertigten Begriffserläuterungen sowie die Blätter mit jeweils beiden Fragefassungen und den Antwortnotizen Barths abgedruckt.

1. Notizen: Begriffsklärungen

Begriffe

Politik:
Gestaltung der Alle schützenden und für Alle verbindlichen (im Notfall durch Gewalt zu sichernden) Rechtsordnung (= Staat)

Politik treiben:
An dieser Gestaltung mitwirken durch Dasein, Worte, Taten
als Amt u[nd] Auftrag – als freier Einzelner – als Glied einer freien Gruppe

Kirche:
Eine freie Gruppe innerhalb jener Rechtsordnung (= Gemeinde als Versammlung)
Ihr Sinn und ihre Aufgabe: Gemeinsames Hören + gemeinsame Verkündigung des in der H[ei]l[igen] Schrift bezeugten Wortes Gottes
     (Ref[ormierte] Kirche:
     Göttl[iche] Autorität hat [nur]7 dieses Wort selbst
     356Kirche soll[,] kann ihm [nur]8 dienen
     Kirche muss diesen Dienst immer zuerst lernen
     Verantwortlich für Beides sind alle ihre Glieder)

Hat also gegenüber der Mitwirkung an der Gestaltung der allgemeinen Rechtsordnung eine eigene Funktion (ist keine «Partei»!)
     Muss in dieser ihrer eigenen Funktion verstanden sein
     Muss sich selbst in ihrer eigenen Funktion ernst nehmen
Kann aber ihre eigene Funktion nicht ausüben, ohne faktisch auch an der Gestaltung der allgemeinen Rechtsordnung mitzuwirken.
Wird inmitten der Allgemeinheit immer eine Minderheit sein!!

2. Fragen und Antwortnotizen

[Frage 1, Langfassung:] Der reformierte Christ in der Politik

Darf, soll und kann die Kirche als Organisation in der Öffentlichkeit wirken?

Wenn ja: Welches sind ihre Aufgaben (evangelische Parteien? christliche Parteien?)

Wenn nein: Bleibt also das politische Handeln Aufgabe des einzelnen Christen? Welche Aufgaben hat er als Politiker in der Schweiz? Welche Hilfe kann er von der Kirche erwarten? [Sollte die Kirche nicht mehr von den üblichen Propaganda-Mitteln Gebrauch machen, um das Evangelium zu verkünden? Sie beschränkt sich eigentlich immer noch auf die mittelalterliche Form der Predigt mit lockendem Glockengeläute und auf die Form der Reformation, also Bücher und Broschüren.]9

Wie weit darf sich der politisch handelnde Christ auf seine Kirche berufen? Christlicher Glaube als Grundlage politischen Handelns?10 Missbrauch des Christentums in der Politik?

[Frage 1, Kurzfassung:]

Soll die Kirche Politik treiben?

[Antwortnotizen Barths:]

Sie tut es faktisch: ob gut oder schlecht! |357 auch in Form scheinbarer Unterlassung. Ist sogar (so oder so) politischer Faktor ersten Ranges:
Weil alles politische Handeln auf einem „Glauben“ beruht (Unglaube, Irrglaube, Aberglaube)
Weil Gott der Herr der ganzen Welt u[nd] Geschichte, seine Sache ein Reich: keine Privatsache, Verkündigung und Hören seines Wortes direkt oder indirekt auch ein Mitwirken an der Gestaltung der Rechtsordnung (= Politik treiben) ist.

Legitim nur, wenn in Ausübung ihrer eigenen Funktion: in der Freiheit des Gehorsams gegen das Wort Gottes
  a) durch ihre faktische Existenz u[nd] deren Dienst: die ewige Gerechtigkeit als Norm aller zeitlich-menschlichen[,] b) durch das «Politik treiben» ihrer Glieder[,] c) durch Entscheidungen der Gemeinde in bestimmter Lage

Illegitim: alles Heraustreten aus jener Freiheit: christl[icher] Staat! christl[iche] Partei! christl[iche] Zeitung! Vertauschung der Sache Gottes[,] der die Christen nur dienen können, mit ihren eigenen Sachen!


[Frage 2, Langfassung:] Die politische Bedeutung der reformierten Kirche in der Schweiz

Es macht den Anschein, dass sich verschiedene politische Parteien in den letzten 20 Jahren wieder mehr nach christlichen Grundsätzen richten und in vermehrtem Maß christliche Postulate unterstützen. Weshalb? – Erscheinen ihnen die christlichen Grundsätze solider als ihre Parteigrundsätze? Oder sind innerhalb der Parteien die Christen aktiver, mitentscheidender, gewichtiger geworden? Oder haben die Parteien gemerkt, dass das reformierte Kirchenvolk ein Faktor ist, mit dem man im politischen Kräftespiel rechnen muss? Oder hat eine wachsende Aktivität der Kirche als solcher dazu beigetragen?

[Frage 2, Kurzfassung:] Rechnen die Politiker mit der Kirche?
[Antwortnotizen Barths:]

Dazu selber etwas sagen!

Phänomen in dem Mass interessant, als jenes «Rechnen» mit der «Kirche» sich
   a) auf das «Notwendige»[?], eine in ihrer eigenen Funktion verstandene und von den «Politikern» gewürdigte Kirche (nicht bloss auf allerhand Unmögliches!)
   358b) auf eine in ihrer eigenen Funktion «mitwirkende» Kirche (nicht aber auf deren illegitime Lebensäusserungen)
beziehen würde!


[Frage 3, Langfassung:] Seine geistigen und weltanschaulichen Grundlagen – und die Praxis

Welches sind die geistigen und weltanschaulichen Grundlagen des politisch handelnden Christen?

Wie weit sind sie es – in gemeinsamer Weise? – auch für unsere demokratischen Parteien der Schweiz? Wie können sie der Verwirklichung nahegebracht werden? Wie können sie Spannungen verkleinern, die zwischen verschiedenen Parteien – die sogar diese Grundlagen theoretisch gemeinsam anerkennen – bestehen, so dass es nicht zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt?

Durch eine Organisation? – Halt und Kraft der Organisation? Oder nur durch Einzelne? – Stärke und Schwäche dieser Einzelnen?

[Frage 3, Kurzfassung:] Hat der Bürger als Christ oder als Parteimann am politischen Leben teilzunehmen?
[Antwortnotizen Barths:]

  • Die Grundlagen:
  • 1. Der Mensch hat einen Herrn, dem er verantwortlich ist – ist also nicht meisterlos – und dies ist seine Freiheit!
  • 2. Diese Verantwortung vollzieht sich in der menschl[ichen] Gemeinschaft
  • 3. Der Mensch wird sich im Vollzug dieser Verantwortung immer als völliger Versager entdecken müssen
  • 4. Er lebt von der Vergebung und Geduld Gottes – und davon, dass ihm solche auch von s[einen] Mitmenschen widerfahre
  • 5. Er wird eben von daher seinem Herrn ganz verpflichtet und für den Nächsten ganz offen sein
  • 6. Er hofft auf die jenseitige Offenbarung der Herrschaft Gottes in seiner und in der allgemeinen Geschichte
  • 7. Er rechnet mit der Relativität aller menschlichen Unternehmungen und Erfolge

Von da aus muss, kann, darf «politisch gehandelt» werden.


359[Frage 4, Langfassung:] Die «Verschweizerung» als Rettung Europas?

Gemeinsame Grundwerte der schweizerischen demokratischen Parteien: Gewissen, Rechtsstaat, persönliche Freiheiten, Aufteilung der Gewalten. Kann darauf eine gesunde, verheißungsvolle westeuropäische Politik aufgebaut werden?

[Frage 4, Kurzfassung:] Ist heute eine aufbauende Politik auf christlicher Grundlage in der Schweiz und in Westeuropa möglich?
[Antwortnotizen Barths:]

«Verschweizerung» ein mögliches – «Verchristlichung» ein unmögliches Programm!

Sehen wir zu, dass es in Europa wenigstens christl[iche] Kirche giebt!


[Frage 5, Langfassung:] Soziale Gerechtigkeit

Das soziale Verantwortungsgefühl ist in den letzten 100 Jahren gewachsen. Schutz des irgendwie Schwachen durch den Staat führt zur Spannung: Mensch und Staat – Individuum und Gemeinschaft (Organisation) – Freiheit und Gerechtigkeit. Beurteilung aus evangelischer Sicht? Gibt es heute in der Schweiz eine Gefahr der «Verstaatlichung» des Menschen und wo liegt sie? Gibt es eine Mitte zwischen «Staat» und «Mensch»? Welche Hilfe bietet da der christliche Glaube?

Ost und West
Das «Wächteramt» der Kirche im Osten und im Westen heute? Leidende und kämpfende Kirche?

[Frage 5, Kurzfassung:] Was ist von der Bibel her zur politischen Antinomie Individualismus – Kollektivismus zu sagen?
[Antwortnotizen Barths:]

Christl[icher] Glaube kennt den Menschen als Geschöpf u[nd] Kind Gottes in der strengen, aber freien Gemeinschaft mit den Mitmenschen – also weder als Individual- noch als Kollektivwesen
   Mensch[liche] Aktionen führen immer in neue Schuld
  Schweiz ein glücklicher Ausgleich. Aber in der Tiefe? Auf die Länge? Christl[icher] Glaube für uns noch nötiger als [für] die Andren!

Ost u[nd] West: Lieber im Streben nach Frieden «irren», als Recht haben u[nd] den Krieg vorbereiten!

Sachfußnoten

1
Brief Ch. von Kirschbaums an W. Simpfendörfer vom 16.5.1952 (KBA 9252.83).↩
2
Vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 10.5.1952: «Abends nach Aarau (Dr. Weber, Diskussionsabend im Bahnhofsrestaurant)».↩
3
Weber hatte am 10. Februar 1945 mit seinen Dienstkameraden in Arlesheim Barths Vortrag «Die Deutschen und wir» gehört; in einem «im Felde» geschriebenen Brief bedankte er sich kurz darauf bei Barth für diesen Vortrag und stellte ihm zu Fragen, die von seinen Kameraden und ihm im Anschluss diskutiert worden waren, einige Nachfragen (vgl. Brief Webers an Barth vom 13.2.1945 [KBA 9345.81]). Für Barths unmittelbare Antwort (Brief an Weber vom 15.2.1945 [KBA 9245.34]) bedankte Weber sich erst mit einem Neujahrsgruß zum darauffolgenden Jahr 1946 (undatierter Brief an Barth [KBA 9346.3]).↩
4
Vgl. Brief Webers an Barth vom 23.4.1952 (KBA 9352.220). Das Einladungsschreiben ist nicht erhalten.↩
5
Alle Notizen in: KBA 45200.↩
6
Brief Ch. von Kirschbaums an G. Merz vom 15.5.1952 (KBA 9252.82).↩
7
Von Barth gesetzte Klammer.↩
8
Von Barth gesetzte Klammer.↩
9
Von Barth gesetzte Klammer.↩
10
Die Frage wurde von Barth unterstrichen.↩