7. Mai 1951

Gespräch mit Aargauer Pfarrern

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GESPRÄCH MIT AARGAUER PFARRERN

1951

Am 7. Mai 1951 war Barth in einer Arbeitsgemeinschaft aargauischer Pfarrer zu Gast, die sich regelmäßig in Aarau traf. Im Anschluss an frühere Seminare und Treffen dieser Arbeitsgemeinschaft hatte es in Holderbank und anderen Orten Evangelisationen und «viel hoffnungsvolles Aufbrechen» gegeben. Dem Pfarrer von Holderbank, Rudolf Bohren1, und einigen Kollegen stellte sich nun die Frage, «ob wir Verkündiger mit dem Evangelium durch diese offenen Türen hineingehen können oder ob wir zu faul und zu dumm sind und vor den Türen sitzen bleiben».2

So schrieb Bohren im Januar 1951 an Barth, bei dem er in Basel studiert hatte, und bat ihn um einen «Instruktionsdienst»: «Ich für mich wäre sehr dankbar, wenn die ganze Frage der Evangelisation vom systematischen Standpunkt her beleuchtet würde.»3 Er hoffte, so Bohren weiter, dass Barth «prinzipiell zusagen» werde, und, in Anspielung auf das Vorwort von KD III/2: «denn ich weiss, dass sie eine besondere Liebe für den Aargau haben, und die Liebe ist immer stärker als die Prinzipien, auch wenn diese in einem Vorwort eingehämmert sind».4

289 Barth antwortete, er wolle seiner «in der Tat nicht erloschenen Liebe zum Aargau Raum geben» und sei daher zu einer Fragebeantwortung bereit.5 Im Vorfeld erhielt er von Paul Dieterle6, der mit Bohren und Otto Bächli7 für die Organisation zuständig war, eine Sammlung von 18 Fragen zugeschickt,8 um die jene Pfarrer gebeten worden waren, die am Gespräch teilnehmen wollten.9 Klaus Gutscher10 übermittelte seine Frage auch persönlich und schrieb dazu: «Es wird uns allen eine Freude sein, uns wieder einmal mit Ihnen aussprechen zu können wie in früheren ungesorgteren Zeiten an der Uni.»11

Das Gespräch im Kirchgemeindehaus Aarau begann um 10 Uhr und dauerte insgesamt 4½ Stunden, unterbrochen nur durch eine «Mittagspause bei Thee und eigenem Proviant».12 Bei der Beantwortung der Fragen orientierte sich Barth an auf drei DIN A5-Blättern notierten Stichpunkten.13 Als Grundlage der folgenden Edition dient ein von Hans Schäfer14 aufgrund eigener Aufzeichnungen verfasstes Gesprächsprotokoll15; Barths Antwortnotizen sind nur in jenen Fällen, |290 in denen sie über dieses Protokoll hinausgehen oder von ihm inhaltlich sonst abweichen, in Anmerkungen angeführt.

Beantwortung von schriftlich gestellten Fragen durch Professor Karl Barth im aargauischen Colloquium vom 7. Mai 1951 in Aarau

Frage 1 [R. Bohren]:

Was bedeutet der Ausdruck «in Christus»?

[Barth]:

Beschreibung eines Ortes und einer Situation, in der sich bestimmte Menschen befinden. Sie sind nicht nur in der Welt (Familie, Staat usw.), sondern auch in der Gemeinde, nehmen Teil an ihrem Glauben (an Christus), ihrer Liebe (zu ihm und ihren Brüdern) und an ihrer Hoffnung (auf Christus). Sie sind auch Träger des Auftrages der Gemeinde. Damit sind sie lebendige Glieder am Leibe Christi, und es gilt von ihnen, was in Frage 1 des Heidelberger Katechismus gesagt ist.16 – Sie sind damit auch im Vollzuge eines bestimmten Erkennens. Sie wissen, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, dass Gott in Christus die Welt gerichtet hat, sein Urteil über sie ausgesprochen und vollzogen, die Sünde von ihr weg und auf sich selbst genommen, und damit hinweggetragen hat, dass der Tod abgetan ist und seinen Stachel verloren hat [vgl. 1.Kor. 15,55]. Die in Christus sind, sehen das. Das ist ihr Axiom. Dies kommt zum Ausdruck in einer bestimmten Bewegung, in einem Warten und Eilen (2.Petr. 3,12). Vom Ende, das hinter ihnen ist, blicken sie auf das Ende, das vor ihnen ist (von der Auferstehung Christi auf seine Offenbarung in der Wiederkunft und auf die Auferstehung der Toten). Dann wird all der Spuk und Zauber |291 vorbei sein, wird das neue Geschöpf das Einzige sein. – Darum eilen sie vom Kreuz her auf die Wiederkunft zu. – Das Alles, diese ganze christliche Existenz, geschieht nicht aus sich selber, sondern durch, für und in Christus, das heißt im heiligen Geist. Er ist die Macht der Verkündigung, die immer neue Krafttat Gottes, durch die er die Menschen in dieses Sein hineinruft, darin hält und bewegt. – Die «Sakramente» (kommt im Neuen Testament gar nicht vor!) dürfen nicht an die Stelle des Heiligen Geistes treten. Die Taufe ist ein wichtiges Merkmal des Hinzutrittes zur Gemeinde, das Abendmahl ein ebenso wichtiges ihres Zusammenhanges. In der ganzen Kirchengeschichte sind die Sakramente eher etwas überbetont worden. Sie gehören eigentlich mehr auf die Linie des Gebetes.

Frage 2 [R. Bohren]:

Was bedeutet die Gestaltwerdung Christi in den Gläubigen? Gal. 4,1917

[Barth]:

Nach Gal. 4,19 soll Christus im Leben der Gläubigen die Bedeutung zukommen, die seinem Wesen entspricht. Vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 31 und 32!18 Es soll in unserm Leben zu einer Analogie, zu einer Darstellung dessen kommen, was Christus ist. Das ist die wahre Mystik! Keine zu krampfhafte Gegenüberstellung von Individuum und Gemeinde! Der Einzelne gehört auch dazu!

Frage 3 [R. Bohren]:

Was sagen Sie zur Lehre Osianders von der Einwohnung der wesentlichen Gerechtigkeit Christi in den Gläubigen?19

292[Barth]:

Osiander spielte im 16. Jahrhundert eine ähnliche Rolle wie heute Bultmann. Er lehrte: Im Glauben empfangen wir Menschen Gott selber. Eph. 3,17 «auf dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen». Damit nimmt die ewige Gerechtigkeit Gottes in uns Wohnung. Dadurch werden wir gerechtfertigt. Jer. 23,6: Der Herr unsere Gerechtigkeit. – Osiander hat Recht: im Glauben empfangen wir Gott selber. Aber eben: durch den Glauben! Der Glaube hält sich aber an einen andern! Credo in Deum. Es ist ein Beziehungsverhältnis. Nur so empfangen wir Gott selber (2.Petr. 1,1). – Gott ist der, der uns in Christus als Mensch begegnet. – Wir sind gerechtfertigt, indem er unsere Gerechtigkeit ist. – Dieser Gerechtigkeit kann immer nur eine sehr vorläufige und unvollkommene Heiligung unsererseits entsprechen. – Osiander hatte eine Art enteschatologisierter Auffassung vom Glauben. Er beschreibt eigentlich das zukünftige ewige Leben.

Frage 4 [H. A. Schäfer]:

Wird die Drohung der Verwerfung nicht verharmlost, wenn das «Erleiden der Ausführung dieser Drohung nicht in Frage kommt»? Kommt Mt. 7,13f. noch zur Geltung? (Vgl. KD II/2, S. 350 📖)20

293 [Barth]:

Die betreffenden Ausführungen in der Dogmatik wollen sagen, worin die Antwort der Gemeinde auf den Atheismus bestehen soll. In der Verkündigung kann mehr als Drohung der Verwerfung nicht in Frage kommen. Die Gerichtsdrohung steht in der Bibel immer im Zusammenhang mit dem Evangelium. Der Gottlose sagt an einem Ort Nein, wo er gar nicht Nein sagen kann, weil Gott längst zu ihm Ja gesagt hat. – Es handelt sich darum, was wir verkündigen sollen. Vgl. Heidelberger Katechismus Frage 52 und 64!21 Es gibt keinen anderen Richter als den, der sich zuvor für uns dem Gericht gestellt hat. – Wir haben nicht den Unglauben, sondern den Glauben zu verkündigen. – Kein Dualismus, aber auch keine Apokatastasis.22

Frage 5 [H. A. Schäfer]:

Ist der Bibel gegenüber die Frage nach dem, was wirklich geschehen ist, nicht23 von größter Bedeutung? (Frage im Blick auf den in der Bibel als nicht entscheidend gesehenen Unterschied von Historie einerseits und Sage und Legende andererseits, KD I/2, S. 564 📖)24

294 [Barth]:

Was heißt «wirkliches Geschehen»? Sicher bezeugt uns die Bibel ein wirkliches Geschehen im Raum und in der Zeit auf dieser Erde. Aber nun ein Geschehen in einer ganz besonderen Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, im Bund (Altes Testament), in der Gemeinde (Neues Testament), auf seinem Höhepunkt in Christus sogar in der Einheit zwischen Gott und Mensch. – Wie soll dieses Geschehen «Historie» sein, das heißt für jedermann wahrnehmbar und kontrollierbar? Kann nun das Offenbarungsgeschehen Gegenstand von Historie sein? Zum Beispiel, wenn es im Alten Testament immer wieder heißt «und Gott sprach» oder [im Neuen Testament] «das Wort ward Fleisch» [Joh. 1,14], wenn vom Bund, von der Schöpfung und Erlösung die Rede ist. Das alles ist ein wirkliches Geschehen, aber es sprengt den Begriff der Historie. – Die Schöpfungsgeschichte ist weder Historie noch Mythus zu nennen, eher «Sage». Wir müssen auch Phantasie haben. Zu wenig Phantasie ist oft schlimmer als zu wenig Verstand. Unsere Apperzeptionsfähigkeit muss gelockert werden! Im Johannesevangelium haben wir nicht Worte Jesu «aus seinem Munde», sondern hier spricht der «neutestamentliche Christus».

Frage 6:25

Zur Eschatologie: In welchem Verhältnis stehen Mythus, Geschichtlichkeit, Christus und Eschatologie26 zu einander? (Schwierigkeit, Eschatologie zu vertreten gegenüber der Naturwissenschaft, im Gespräch mit Bezirksschullehrern)

[Barth]:

Die Wahrheit steht in der Bibel, daran einfach festhalten. Die Naturwissenschaften können nur Randbemerkungen machen.

Frage 7 [H. A. Schäfer]:

Nach der wirklichen Kirche. Ist es überhaupt erlaubt, von «Volkskirche» und «Landeskirche» zu sprechen? |295 Steht diese Redeweise nicht im Widerspruch zum Wesen der Kirche als «lebendige Gemeinde des lebendigen Jesus Christus»27?28

[Barth]:

Die Rede von der Volkskirche ist falsch, wenn gemeint ist die Kirche des Volkes. Subjekt in der Kirche ist nur Jesus Christus, nie das Volk. Unglück zur Zeit Konstantins.29 Nahm das Christentum in die Regie des Staates. Stärkste Stütze des Systems ist die Kindertaufe! – Aber Volkskirche könnte auch verstanden werden als Kirche für das Volk. Fenster sollen nach allen Seiten offen sein. – Der Unterschied muss in Predigt und Unterricht den Leuten klar gemacht werden.

296 Frage 8 [R. Bohren]:

Was sagen Sie zu Luthers Lehre von der Ecclesiola30?31

[Barth]:

Der Begriff wurde von Luther eingeführt in der Auseinandersetzung mit der Volkskirche. Er ist in unserer Lage unvermeidbar. Aber auch die Ecclesiola muss nach allen Seiten offene Fenster haben. Sie ist nicht für sich da, sondern für die Ecclesia, und diese für das Volk. – Und eine lebendige Gemeinde braucht keine Kerngemeinde.

Frage 9 [P. Dieterle]:

Klärung des Amtsbegriffes, damit wir unsern Dienst nicht ungeistlich in der Richtung römischer Amtssicherheit verstehen und selber kein falsches Amtsbewusstsein haben. 1.Kor. 2,1–5!32

297 [Barth]:

Wir müssen ja gar nicht vom «Amt» (= munus) reden. In der Evangelischen Kirche kann es nur Ministeria geben. Vergl. die Schriften von Ed[uard] Schweizer.33 «Pfarramt» nur in Anführungszeichen! Es gibt nur das Amt des Messias. Subjekt sind nicht die Einzelnen, sondern ist die Gemeinde. Nicht wir machen es, sondern Christus, und auf Erden die Gemeinde. Alles kommt darauf an, dass wir die Sache recht ansehen.

Frage 10 [A. Ernst34]:

Müssen wir nicht um der Wahrheit willen unbarmherzige Gerichtspredigt verkündigen können und sind dabei barmherziger, als wenn wir um falscher Barmherzigkeit willen der Wahrheit von Gottes Gericht die Spitze abbrechen?35

[Barth]:

Ja, Gerichtspredigt, wenn unter den gleichen Voraussetzungen wie bei den Propheten, nämlich

  • a) nicht aus eigenem Antrieb, sondern als uns auferlegte Last,
  • b) auf dem Boden des Bundes Gottes,
  • c) nicht in irgend einer menschlichen Entrüstung,
  • d) nur wenn wir die Predigt zuerst uns selber gehalten haben – was dann noch übrigbleibt,
  • e) konkret, nicht allgemeines Geschimpfe, niemals den Leuten den Kopf waschen, immer mit konkreter Weisung, wie man es besser machen kann,
  • 298 f) «Wie ein Vater seinem Kinde niemals ganz sein Herz entzeucht, ob es gleich bisweilen Sünde tut und aus der Bahne weicht, also hält auch mein Verbrechen mir mein frommer Gott nicht zu, will mein Fehlen mit der Rut’ und nicht mit dem Schwerte rächen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.» (P. Gerhardt, Sollt ich meinem Gott nicht singen 🎵 –, Vers 9, fehlt leider im Kirchengesangbuch!36) Die «unbarmherzige Gerichtspredigt» muss durch diesen Vers hindurchgegangen sein!
Frage 11 [Kl. Gutscher]:

Gibt es auch ein legitimes Fragen nach dem «Wie» der Verkündigung?37

[Barth]:

Das «Wie» ist der Ernst und die Kunst, die nötig sind für die Vermittlung des Wortes Gottes. Schwierigkeiten in der Wie-Frage gehen meistens darauf zurück, dass über das «Was» keine volle Klarheit besteht. Was man selber verstanden hat, kann man auch andern weitersagen.

Frage 12 [R. Bohren]:

Nach Hebr. 6 gehört die Handauflegung zum Grundriss der Dogmatik. Warum ist diese Lehre verschwunden? Welchen Sinn hat sie?38

[Barth]:

Hebr. 6,1–2 sind die «geläufigen Dinge» gemeint, die alle wissen. Demgegenüber ist die eigentliche Sache das einmalige Priesteramt Christi. – Nach der Apostelgeschichte gehört die Handauflegung ganz zum Gebet. Als getauftes Glied soll der Getaufte nun Ge|299brauch machen von dem, was ihm geschenkt ist. Wichtig ist die Nichtselbstverständlichkeit der Gegenwart des heiligen Geistes. Erst wenn wir diese aktuelle Auffassung des heiligen Geistes wieder haben, bekommt die Handauflegung ihren Sinn wieder. – Es ist fraglich, ob es sich im Neuen Testament um eine feste Institution handelt. – Lieber nicht bei Konfirmation und Trauung wieder einführen!

Frage 13 [R. Bohren]:

Was halten Sie von den Evangelisationen?

Barth

müsste sie aus eigener Anschauung kennen, um etwas darüber sagen zu können. Das ist aber nicht der Fall. Das Kriterium müsste sein, ob die Leute zur Gemeinde geführt werden.

Frage 14 [P. Dieterle]:

Was halten Sie von der Konfirmation?39

[Barth]:

Ein Kranker, der von einem Sanatorium ins andere geschleppt wird! Eine Misere, die wahrscheinlich «rebus sic stantibus» nicht zu beseitigen ist. Dahinter steht auch wieder die Kindertaufe und die Volkskirche. Wir machen zuerst, was nach dem Neuen Testament zuletzt kommt! Bekenntnis sollte nicht ganz unterdrückt werden, aber die Konfirmation müsste dann freiwilliger Akt sein. – Hier bröckelt alles! Man darf eher die Trinitätslehre angreifen als die Konfirmation! – Aber hier beginnen, hieße das Pferd am Schwanz aufzäumen. Zuerst 10, 20, 100 Jahre Predigt, dann lebendige Gemeinde, dann kommt das andere von selber in Ordnung.

Sachfußnoten

1
Rudolf Bohren (1920–2010) hatte unter anderem bei Barth und Eduard Thurneysen in Basel studiert und war seit 1947 Pfarrer in Holderbank AG; später Prof. für Praktische Theologie an den Kirchlichen Hochschulen Wuppertal und Berlin, 1974 in Heidelberg.↩
2
Brief Bohrens an Karl Barth vom 24.1.1950 (KBA 9351.50).↩
3
Ebd.↩
4
Ebd. – In KD III/2, S. IX 📖, hatte Barth geschrieben: «Einen großen, freundlich gemeinten und hoffentlich freundlich aufgenommenen Wunsch kann ich nicht unterdrücken: es möchten mich wenigstens diejenigen, die an der in allen diesen Bänden unternommenen Arbeit innerlich Anteil nehmen, verstehen und entschuldigen, wenn es mir nur selten möglich ist, den vielen an mich gelangenden Einladungen zu Vorträgen, zur Übernahme von allerlei Sonderaufträgen, zur Beteiligung an Tagungen usw. Folge zu leisten.»↩
5
Brief Barths an Bohren vom 28.1.1951 (KBA 9251.18).↩
6
Paul Dieterle (1909–1997), Studium u. a. bei Barth in Bonn, 1947 Pfarrer in Oberentfelden AG.↩
7
Otto Bächli (1920–2010), Studium u. a. bei Barth in Basel, 1949 Pfarrer in Suhr AG.↩
8
Auf zwei DIN A4-Seiten sind die 18 Fragen römisch durchnummeriert und mit den Namen derjenigen versehen, die sie eingeschickt hatten. Die Reihenfolge entspricht nicht derjenigen, in der sie nach dem Protokoll (s. unten) im Gespräch verhandelt wurden. Die Fragen lagen einem Brief Dieterles an Barth vom 2.5.1951 bei (beide Dokumente in: KBA 45102).↩
9
In der auf den 24.4.1951 datierten Einladung zum «Colloquium» (KBA 45103) wurden die Pfarrer aufgefordert, eigene Fragen «bis spätestens am nächsten Sonntag» (= 29.4.1951) an Paul Dieterle zu schicken.↩
10
Klaus Gutscher (1914–2007), 1943 Pfarrer in Menziken AG.↩
11
Brief Gutschers an Barth vom 18.4.1951 (in: KBA 45102).↩
12
So der Zeitplan auf der Einladung zum «Colloquium» (KBA 45103).↩
13
KBA 45100. – Die Notizen sind auf die Barth vorliegenden, römisch nummerierten Fragen bezogen.↩
14
Hans Albert Schäfer (1910–?), Studium u. a. in Basel bei Barth, 1940 Pfarrer in Mellingen AG, 1959 Kirchenratssekretär und Hilfspfarrer in Basel.↩
15
KBA 45101. – Das Protokoll umfasst vier engzeilig beschriebene Seiten. Laut Notiz am oberen Rand der ersten Seite brachte Schäfer es im Januar 1975 in diese Typoskript-Form. Die Hervorhebungen im Text sind am Typoskript mit Kugelschreiber angebracht. Hinter den Fragen ist in eckigen Klammern der Name des Pfarrers vermerkt, der die jeweilige Frage eingeschickt hatte (vgl. Anm. 8).↩
16
BSRK, S. 682,19–683,2 📖: «[…] Was ist dein einiger trost in leben und in sterben? […] Das ich mit Leib und Seel, beyde in leben und in sterben nicht mein, sonder meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der mit seinem theuren blud, für alle meine sünden volkommlich bezalet, und mich auß allem gewalt des Teuffels erlöset hat, und also bewaret, das one den willen meines Vatters im Himmel, kein har von meinem haupt kan fallen, ja auch mir alles zu meiner seligkeyt dienen muß. Darumb er mich auch durch seinen heiligen Geist des ewigen lebens versichert, und jm forthin zu leben von hertzen willig und bereit macht» (vgl. RefBS 2/2, S. 175,31–176,6 📖).↩
17
Im Protokoll irrtümlich: «Gal. 4,17».↩
18
BSRK, S. 690,29–691,17 📖: «31. Frag. Warumb ist er Christus, das ist, ein gesalbter genannt? […] Daß er von Gott dem Vatter verordnet, unnd mit dem heiligen Geist gesalbet ist, zu unserm öbersten Propheten und Lehrer, der uns den heimlichen rath und willen Gottes von unser erlösung volkomlich offenbaret: Und zu unserem einigen hohen Priester, der uns mit dem einigen Opffer seines Leibs erlöset hat, und jmmerdar mit seiner fürbit für dem Vatter vertritt: Und zu unserm ewigen König, der uns mit seinem wort und geist regiert, unnd bey der erworbenen erlösung schützet und erhelt. […] 32. Frag. Warumb wirst aber du ein Christ genent? […] Daß ich durch den glauben ein glied Christi, unnd also seiner salbung theilhafftig bin, auff daß auch ich seinen Namen bekenne, mich jhm zu einem lebendigen danckopffer darstelle, und mit freiem gewissen in diesem leben wider die sünde und Teuffel streitte, und hernach in ewigkeyt mit jm uber alle Creaturen herrsche» (vgl. RefBS 2/2, S. 183,10–29 📖).↩
19
Andreas Osiander (1498–1552) war ein reformatorischer lutherischer Theologe, der mit Philipp Melanchthon über die rechtfertigungstheologische Frage stritt, ob ein Sünder auch nach der Rechtfertigung Sünder bleibe (so Melanchthons Position) oder ob die Rechtfertigung eine Einwohnung der Gerechtigkeit Gottes im Gläubigen bedeute (so Osiander).↩
20
Im ersten Teil der Antwort gehen Barths Notizen (Anm. 13) über das im Protokoll Wiedergegebene hinaus: «‹Verwerfung› […] Widerspruch der Gemeinde, des Glaubens, der Verkündigung gegen die menschliche Gottlosigkeit. Gottlosigkeit steht unter der Drohung der Verwerfung, befindet sich auf dem breiten Weg[,] der z[um] Verderben führt [vgl. Mt. 7,13]. Dies ist einzuschärfen – aber mehr als Drohung kommt schon darum nicht in Frage, weil ja die Gemeinde in ihrer Verkündigung das ‹Erleiden ihrer Ausführung› notabene[?] nicht vorweg nehmen kann: sie so wenig wie die Erfahrung der Erfüllung ihrer Verheißung. Und nun soll ja der Gottlose zur Busse gerufen werden. Wie? Insistieren auf der Drohung? Nein, durch den Aufweis, dass er sich als Gottloser auf einem Holzweg befindet: Gott hat sie in X [Christus] durchgestrichen, hat auch zu ihm Ja gesagt, hat die ihm drohende Verwerfung auf sich genommen. Seine Gottlosigkeit ist sinnlos geworden. So wird das Wort der Gemeinde zur heilsamen Anklage d. h. mehr als Drohung kommt auch sachlich nicht in Frage – und Drohung nur von der Verheissung her!» – Der zweite Teil der Notizen entspricht inhaltlich der Wiedergabe im Protokoll.↩
21
Vgl. BSRK, S. 696,6–15 📖: «52. Frag. Was tröstet dich die widerkunfft Christi zu richten die lebendigen und die todten? […] Daß ich in allem trübsal und verfolgung mit auffgerichtem haupt, eben des Richters der sich zuvor eben dem gericht Gottes für mich dargestellt, und alle vermaledeyung von mir hinweg genommen hat, auß dem Himmel gewertig bin, daß er alle seine unnd meine feinde, in die ewige verdamnuß werffe: mich aber sampt allen auserwehlten zu jm in die himlische freud und herrligkeyt neme» (vgl. RefBS 2/2, S. 188,1–10 📖); BSRK, S. 699,16–21: «64. Frag. Macht aber diese lehr nicht sorglose und verrůchte leuth? […] Nein: Denn es unmöglich ist, daß die, so Christo durch waren glauben sind eingepflantzt, nicht frucht der danckbarkeyt sollen bringen» (vgl. RefBS 2/2, S. 191,6–10).↩
22
«Apokatastasis panton» (griechisch: «ἀποκατάστασις πάντων») heißt «Wiederbringung aller» (als Bezeichnung der Allversöhnung).↩
23
Im Barth übermittelten Frageblatt (in: KBA 45102):«nicht doch».↩
24
Auf einem Extra-Blatt mit seinen Fragen an Barth (in: KBA 45102) formulierte Schäfer seine Frage deutlich ausführlicher: «Zur Entmythologisierung. Dogm. I,2, S. 564 📖 unten wird gesagt, die Unterscheidung zwischen Historie auf der einen, Sage und Legende auf der anderen Seite sei ohne letzten Ernst und also die von daher sich erhebenden Einwände ohne letzte Schwere. Wir verstehn aber doch unter Sagen und Legenden Erzählungen, die zwar allenfalls einen historischen Kern haben, aber durch volkstümliche oder fromme Phantasie ausgeschmückt und weitergebildet sind, so dass von Fall zu Fall gefragt werden muss, was wirklich geschehen ist. Für den Glauben hängt alles daran, dass das, woran wir glauben, wirklich geschehen ist. Also müssen wir auch den Erzählungen der Bibel gegenüber kritisch sein, und je legendenhafter und sagenhafter ein biblischer Bericht ist, umso weniger kann er für uns glaubensbegründend sein, je mehr er uns dagegen den Eindruck der Geschichtlichkeit macht, umso mehr vermag er Glauben zu erwecken. Ist nicht doch auch der Bibel gegenüber die Frage, was wirklich geschehen ist, von grösster Bedeutung?»↩
25
Diese Frage ist im Barth übermittelten Frageblatt keiner Person zugeordnet.↩
26
Im Barth übermittelten Frageblatt (in: KBA 45102): «eschatologische Erwartung».↩
27
Vgl. K. Barth, Die Kirche – die lebendige Gemeinde des lebendigen Herrn Jesus Christus, in: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 1: Die Kirche in Gottes Heilsplan. Oekumenische Studien, durchgeführt unter den Auspizien des Oekumenischen Rates der Kirchen und herausgegeben von der Studienkommission des Oekumenischen Rates in Genf, Genf 1948, S. 71–79 📖.↩
28
Auf dem Extra-Blatt mit seinen Fragen (in: KBA 45102) formulierte Schäfer seine Frage so: «Zur Frage nach der ‹wirklichen Kirche›. Ist es eigentlich erlaubt, von ‹Volks- und Landeskirchen› zu sprechen? Diese Redeweise scheint mir je länger je mehr nicht nur sehr gefährlich, sondern direkt verkehrt und irreführend, weil sie im Widerspruch steht zum Wesen der Kirche als ‹lebendige Gemeinde des lebendigen Jesus Christus›. Durch sie wird es dem ‹Kirchenvolk› fast unmöglich gemacht, das Wesen der Kirche zu verstehen.»
Barths Antwortnotizen (Anm. 13) nennen jeweils nicht nur das «Volk», sondern auch das «Land» als Bezugsgröße: «‹Kirche› Volks-, Landeskirche […] Falsch: K[irche] des V[olke]s, des Landes, so Konstantin! Richtig: K[irche] für V[olk] u[nd] Land, oder: in V[olk] u[nd] L[and] – Wie stehen Sie zur K[inder]t[aufe]?»↩
29
Konstantin (ca. 280–337), 306 römischer Kaiser, 313 im gesamten Westreich, 324 Alleinherrscher. – Obwohl die Entwicklung zur römischen Reichskirche unter Konstantin noch nicht zum Abschluss kam, hat sich die Idee eines engen Bundes von Staat und Kirche an seinen Namen geheftet. Die Wendung «konstantinisches Zeitalter» meint in diesem Sinn die mit Konstantin beginnende und sich bis ins 19./20. Jahrhundert erstreckende Zeit des Bündnisses von Staat und Kirche. Vgl. dazu M. Hüttenhoff, «Das konstantinische Zeitalter». Über die Karriere und Funktion einer historisch-theologischen Formel, in: Kl. M. Girardet (Hrsg.), Kaiser Konstantin der Große. Historische Leistung und Rezeption in Europa, Bonn 2007, S. 177–192 📖. – Zu Barths Position s. auch KD I/2, S. 365–367 📖.↩
30
Lateinisch für «Kirchlein» im Sinne einer gläubigen Kerngemeinde innerhalb einer größeren, durchmischten Kirche. Bei Luther findet sich in der Vorrede zur Deutschen Messe (1526), WA 19, 75,5 📖, der Gedanke einer Sammlung derer, die «mit ernst Christen wollen seyn». Inwiefern Luther ein Konzept der «ecclesiola in ecclesia» vertrat, ist umstritten (vgl. G. Neebe, Apostolische Kirche. Grundunterscheidungen an Luthers Kirchenbegriff unter besonderer Berücksichtigung seiner Lehre von den notae ecclesiae [TBT 82], Berlin / New York 1997, S. 139–144 📖). Später begegnet die Wendung prominent bei Philipp Jacob Spener (1635–1705); vgl. dazu Gespräche 1959–1962, S. 152, Anm. 90 📖.↩
31
Antwortnotizen Barths (Anm. 13): «‹Ecclesiola› […] Falsch: als Absonderung innerhalb der lebendigen Gemeinde. Richtig: als Korrektiv gegenüber der Relig[ion] des Konstantinismus».↩
32
In seinem Brief an Barth vom 2.5.1951 (Anm. 8) formulierte Paul Dieterle diese Frage deutlich ausführlicher: «Müssen wir das gesellschaftliche Ansehen, das wir in unserem Amt (wenigstens noch äusserlich konventionell) geniessen, nicht entschlossen als unserem Auftrag, dem Worte Gottes ausschliesslich geistlich, d. h. nur mit der dem Worte selbst innewohnenden Autorität zu dienen, als hinderlich und schädlich erkennen? 1. hinderlich für die Verkündigung als der Beweisung des Geistes und der Kraft (1.Kor. 2,4), weil die Knechtsgestalt verdeckt wird, und weil der Pfarrer für alle gesellschaftlich und sozial niedriger Stehenden die evangelische Nähe trotz aller persönlichen Bescheidenheit verliert? 2. Für das persönliche Glaubensleben des Pfarrers hinderlich, weil er gar leicht die offiziell gültige oder auch die theologisch überzeugend begründete Amtswürde und ihr entsprechendes Amtsbewusstsein als einen Glauben missversteht und sich so über seine Anfechtungen und wesentliche Glaubenslosigkeit hinwegtäuscht, anstatt betend hindurchringt?»
In Barths Antwortnotizen (Anm. 13) heißt es nach dem Hinweis auf die Schriften Eduard Schweizers (s. Anm. 33): «Ein ‹Amt› (munus) oder ‹Ämter› giebt es in d[er] n[eu]t[estament]lichen Gemeinde nicht: sie sind von J[esus] C[hristus] übernommen[?] u[nd] verwaltet. Singulär ist nur der ihn als direkter Zeuge verkündigende Apostel. Sonst nur ‹Dienste›, immerhin[?] gesichert[?] u[nd] dauernd[?] (a[lt]t[estament]liches Reden und frühkatholische[?] Ansätze vielleicht in der Urgemeinde[,] vielleicht in den Paul[inischen] Brief[en]) Subjekt, [‹]Säule u[nd] Grundfeste der Wahrheit› [1.Tim. 3,15] ist die ἐκκλησία als solche. Also: Stärkung des Dienstbewusstseins in der Gemeinde, Verzicht auf alle Amtlichkeit».↩
33
In seinen Antwortnotizen (Anm. 13) wies Barth hin auf: E. Schweizer, Das Leben des Herrn in der Gemeinde und ihren Diensten (AThANT 8), Zürich 1946 📖; ders., Gemeinde nach dem Neuen Testament (ThSt 26) Zollikon-Zürich 1949 📖.↩
34
Alfons Ernst (1901–1975), nach einer längeren Tätigkeit in der Mission 1935 Pfarrer in Reiden LU, 1943 Pfarrer, später Dekan in Reinach AG↩
35
Antwortnotizen Barths (Anm. 13): «‹Unbarmherzige Gerichtspredigt›. […] (vgl. 4!) Ja, wie Prophetie: wenn unter Verwendung des Bundes, nicht menschlichen Zorns, der uns antreibt. Ja, wenn man an sich selbst adressiert. Ja, wenn konkret gemacht u[nd] begründet und mit deutlicher Weisung verbunden. Ja, wenn auch ‹Wie ein Vater seinem Kinde…[›]»↩
36
Enthalten ist die Strophe 9 des Liedes noch in GERS (1891) 3.↩
37
Klaus Gutscher schrieb zur Verdeutlichung dieser Frage an Barth (Brief vom 18.4.1951 [in: KBA 45102]): «Gibt es auch ein legitimes Fragen nach dem Wie der Verkündigung, und, wenn ja, wie kann dieses Fragen auch dogmatisch legitimiert werden? (Es scheint nämlich oft, als sei nur das Fragen nach dem Was dogmatisch zu rechtfertigen, während sich die Frage nach dem Wie nur im ‹bloß praktischen› Raume – wie wenn es einen solchen, dogmatisch gesehen, gäbe! – bewegen soll).»↩
38
Antwortnotizen Barths (Anm. 13): «‹Handauflegung› […] Ist Hebr. 6,1–2 ein ‹Grundriss d[er] Dogmatik›. Sammlung von bekannten, allen bekannten christl[ichen] Schlagworten. Darunter [?] ‹Handauflegung› (unter Gebet) – samt der Rufe im Blick auf den Sinn: Gabe des H[ei]l[igen] Geistes: Act. 6,6 die Diakone[,] 8,17 nach Taufe, 19,6 nach Taufe[,] 13,3 Barnabas u[nd] Saulus[,] 1.Tim. 4,14[,] 2.Tim. 1,6 einen erweckenden Geber = d[en] H[ei]l[igen] Geist».↩
39
Auf dem Barth übermittelten Fragenblatt (Anm. 8) war diese Frage deutlich ausführlicher formuliert: «Was halten Sie von dem Weg, den Pfr. R. de Pury in Lyon mit der Trennung von Unterrichtsabschluss und Konfirmation geht, im Blick auf die Not, in der wir uns alljährlich sehen, wenn wir die geschlossenen ‹Jahrgänge› durch die Konfirmation schleusen?» – Gemeint ist Roland de Pury (1907–1979), 1932 Studium unter anderem bei Barth in Bonn, ab 1938 Pfarrer in Lyon.↩