Am 7. Mai 1951 war Barth in einer Arbeitsgemeinschaft aargauischer Pfarrer zu Gast, die sich regelmäßig in Aarau traf. Im Anschluss an frühere Seminare und Treffen dieser Arbeitsgemeinschaft hatte es in Holderbank und anderen Orten Evangelisationen und «viel hoffnungsvolles Aufbrechen» gegeben. Dem Pfarrer von Holderbank, Rudolf Bohren1, und einigen Kollegen stellte sich nun die Frage, «ob wir Verkündiger mit dem Evangelium durch diese offenen Türen hineingehen können oder ob wir zu faul und zu dumm sind und vor den Türen sitzen bleiben».2
So schrieb Bohren im Januar 1951 an Barth, bei dem er in Basel studiert hatte, und bat ihn um einen «Instruktionsdienst»: «Ich für mich wäre sehr dankbar, wenn die ganze Frage der Evangelisation vom systematischen Standpunkt her beleuchtet würde.»3 Er hoffte, so Bohren weiter, dass Barth «prinzipiell zusagen» werde, und, in Anspielung auf das Vorwort von KD III/2: «denn ich weiss, dass sie eine besondere Liebe für den Aargau haben, und die Liebe ist immer stärker als die Prinzipien, auch wenn diese in einem Vorwort eingehämmert sind».4
289 Barth antwortete, er wolle seiner «in der Tat nicht erloschenen Liebe zum Aargau Raum geben» und sei daher zu einer Fragebeantwortung bereit.5 Im Vorfeld erhielt er von Paul Dieterle6, der mit Bohren und Otto Bächli7 für die Organisation zuständig war, eine Sammlung von 18 Fragen zugeschickt,8 um die jene Pfarrer gebeten worden waren, die am Gespräch teilnehmen wollten.9 Klaus Gutscher10 übermittelte seine Frage auch persönlich und schrieb dazu: «Es wird uns allen eine Freude sein, uns wieder einmal mit Ihnen aussprechen zu können wie in früheren ungesorgteren Zeiten an der Uni.»11
Das Gespräch im Kirchgemeindehaus Aarau begann um 10 Uhr und dauerte insgesamt 4½ Stunden, unterbrochen nur durch eine «Mittagspause bei Thee und eigenem Proviant».12 Bei der Beantwortung der Fragen orientierte sich Barth an auf drei DIN A5-Blättern notierten Stichpunkten.13 Als Grundlage der folgenden Edition dient ein von Hans Schäfer14 aufgrund eigener Aufzeichnungen verfasstes Gesprächsprotokoll15; Barths Antwortnotizen sind nur in jenen Fällen, |290 in denen sie über dieses Protokoll hinausgehen oder von ihm inhaltlich sonst abweichen, in Anmerkungen angeführt.
Beantwortung von schriftlich gestellten Fragen durch Professor Karl Barth im aargauischen Colloquium vom 7. Mai 1951 in Aarau
Frage 1 [R. Bohren]:
Was bedeutet der Ausdruck «in Christus»?
[Barth]:
Beschreibung eines Ortes und einer Situation, in der sich bestimmte Menschen befinden. Sie sind nicht nur in der Welt (Familie, Staat usw.), sondern auch in der Gemeinde, nehmen Teil an ihrem Glauben (an Christus), ihrer Liebe (zu ihm und ihren Brüdern) und an ihrer Hoffnung (auf Christus). Sie sind auch Träger des Auftrages der Gemeinde. Damit sind sie lebendige Glieder am Leibe Christi, und es gilt von ihnen, was in Frage 1 des Heidelberger Katechismus gesagt ist.16 – Sie sind damit auch im Vollzuge eines bestimmten Erkennens. Sie wissen, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist, dass Gott in Christus die Welt gerichtet hat, sein Urteil über sie ausgesprochen und vollzogen, die Sünde von ihr weg und auf sich selbst genommen, und damit hinweggetragen hat, dass der Tod abgetan ist und seinen Stachel verloren hat [vgl. 1.Kor. 15,55]. Die in Christus sind, sehen das. Das ist ihr Axiom. Dies kommt zum Ausdruck in einer bestimmten Bewegung, in einem Warten und Eilen (2.Petr. 3,12). Vom Ende, das hinter ihnen ist, blicken sie auf das Ende, das vor ihnen ist (von der Auferstehung Christi auf seine Offenbarung in der Wiederkunft und auf die Auferstehung der Toten).
Dann wird all der Spuk und Zauber |291 vorbei sein, wird das neue Geschöpf das Einzige sein. – Darum eilen sie vom Kreuz her auf die Wiederkunft zu. – Das Alles, diese ganze christliche Existenz, geschieht nicht aus sich selber, sondern durch, für und in Christus, das heißt im heiligen Geist. Er ist die Macht der Verkündigung, die immer neue Krafttat Gottes, durch die er die Menschen in dieses Sein hineinruft, darin hält und bewegt. – Die «Sakramente» (kommt im Neuen Testament gar nicht vor!) dürfen nicht an die Stelle des Heiligen Geistes treten. Die Taufe ist ein wichtiges Merkmal des Hinzutrittes zur Gemeinde, das Abendmahl ein ebenso wichtiges ihres Zusammenhanges. In der ganzen Kirchengeschichte sind die Sakramente eher etwas überbetont worden. Sie gehören eigentlich mehr auf die Linie des Gebetes.
Frage 2 [R. Bohren]:
Was bedeutet die Gestaltwerdung Christi in den Gläubigen? Gal. 4,1917
[Barth]:
Nach Gal. 4,19 soll Christus im Leben der Gläubigen die Bedeutung zukommen, die seinem Wesen entspricht. Vgl. Heidelberger Katechismus, Frage 31 und 32!18 Es soll in unserm Leben zu einer Analogie, zu einer Darstellung dessen kommen, was Christus ist. Das ist die wahre Mystik! Keine zu krampfhafte Gegenüberstellung von Individuum und Gemeinde! Der Einzelne gehört auch dazu!
Frage 3 [R. Bohren]:
Was sagen Sie zur Lehre Osianders von der Einwohnung der wesentlichen Gerechtigkeit Christi in den Gläubigen?19
292[Barth]:
Osiander spielte im 16. Jahrhundert eine ähnliche Rolle wie heute Bultmann. Er lehrte: Im Glauben empfangen wir Menschen Gott selber. Eph. 3,17 «auf dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen». Damit nimmt die ewige Gerechtigkeit Gottes in uns Wohnung. Dadurch werden wir gerechtfertigt. Jer. 23,6: Der Herr unsere Gerechtigkeit. – Osiander hat Recht: im Glauben empfangen wir Gott selber. Aber eben: durch den Glauben! Der Glaube hält sich aber an einen andern! Credo in Deum. Es ist ein Beziehungsverhältnis. Nur so empfangen wir Gott selber (2.Petr. 1,1). – Gott ist der, der uns in Christus als Mensch begegnet. – Wir sind gerechtfertigt, indem er unsere Gerechtigkeit ist. – Dieser Gerechtigkeit kann immer nur eine sehr vorläufige und unvollkommene Heiligung unsererseits entsprechen. – Osiander hatte eine Art enteschatologisierter Auffassung vom Glauben. Er beschreibt eigentlich das zukünftige ewige Leben.
Frage 4 [H. A. Schäfer]:
Wird die Drohung der Verwerfung nicht verharmlost, wenn das «Erleiden der Ausführung dieser Drohung nicht in Frage kommt»? Kommt Mt. 7,13f. noch zur Geltung? (Vgl. KD II/2, S. 350
📖)20
293 [Barth]:
Die betreffenden Ausführungen in der Dogmatik wollen sagen, worin die Antwort der Gemeinde auf den Atheismus bestehen soll. In der Verkündigung kann mehr als Drohung der Verwerfung nicht in Frage kommen. Die Gerichtsdrohung steht in der Bibel immer im Zusammenhang mit dem Evangelium. Der Gottlose sagt an einem Ort Nein, wo er gar nicht Nein sagen kann, weil Gott längst zu ihm Ja gesagt hat. – Es handelt sich darum, was wir verkündigen sollen. Vgl. Heidelberger Katechismus Frage 52 und 64!21 Es gibt keinen anderen Richter als den, der sich zuvor für uns dem Gericht gestellt hat. – Wir haben nicht den Unglauben, sondern den Glauben zu verkündigen. – Kein Dualismus, aber auch keine Apokatastasis.22
Frage 5 [H. A. Schäfer]:
Ist der Bibel gegenüber die Frage nach dem, was wirklich geschehen ist, nicht23 von größter Bedeutung? (Frage im Blick auf den in der Bibel als nicht entscheidend gesehenen Unterschied von Historie einerseits und Sage und Legende andererseits, KD I/2, S. 564
📖)24
294 [Barth]:
Was heißt «wirkliches Geschehen»? Sicher bezeugt uns die Bibel ein wirkliches Geschehen im Raum und in der Zeit auf dieser Erde. Aber nun ein Geschehen in einer ganz besonderen Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, im Bund (Altes Testament), in der Gemeinde (Neues Testament), auf seinem Höhepunkt in Christus sogar in der Einheit zwischen Gott und Mensch. – Wie soll dieses Geschehen «Historie» sein, das heißt für jedermann wahrnehmbar und kontrollierbar? Kann nun das Offenbarungsgeschehen Gegenstand von Historie sein? Zum Beispiel, wenn es im Alten Testament immer wieder heißt «und Gott sprach» oder [im Neuen Testament] «das Wort ward Fleisch» [Joh. 1,14], wenn vom Bund, von der Schöpfung und Erlösung die Rede ist. Das alles ist ein wirkliches Geschehen, aber es sprengt den Begriff der Historie. – Die Schöpfungsgeschichte ist weder Historie noch Mythus zu nennen, eher «Sage». Wir müssen auch Phantasie haben. Zu wenig Phantasie ist oft schlimmer als zu wenig Verstand. Unsere Apperzeptionsfähigkeit muss gelockert werden! Im Johannesevangelium haben wir nicht Worte Jesu «aus seinem Munde», sondern hier spricht der «neutestamentliche Christus».
Frage 6:25
Zur Eschatologie: In welchem Verhältnis stehen Mythus, Geschichtlichkeit, Christus und Eschatologie26 zu einander? (Schwierigkeit, Eschatologie zu vertreten gegenüber der Naturwissenschaft, im Gespräch mit Bezirksschullehrern)
[Barth]:
Die Wahrheit steht in der Bibel, daran einfach festhalten. Die Naturwissenschaften können nur Randbemerkungen machen.
Frage 7 [H. A. Schäfer]:
Nach der wirklichen Kirche. Ist es überhaupt erlaubt, von «Volkskirche» und «Landeskirche» zu sprechen? |295 Steht diese Redeweise nicht im Widerspruch zum Wesen der Kirche als «lebendige Gemeinde des lebendigen Jesus Christus»27?28
[Barth]:
Die Rede von der Volkskirche ist falsch, wenn gemeint ist die Kirche des Volkes. Subjekt in der Kirche ist nur Jesus Christus, nie das Volk. Unglück zur Zeit Konstantins.29 Nahm das Christentum in die Regie des Staates. Stärkste Stütze des Systems ist die Kindertaufe! – Aber Volkskirche könnte auch verstanden werden als Kirche für das Volk. Fenster sollen nach allen Seiten offen sein. – Der Unterschied muss in Predigt und Unterricht den Leuten klar gemacht werden.
296 Frage 8 [R. Bohren]:
Was sagen Sie zu Luthers Lehre von der Ecclesiola30?31
[Barth]:
Der Begriff wurde von Luther eingeführt in der Auseinandersetzung mit der Volkskirche. Er ist in unserer Lage unvermeidbar. Aber auch die Ecclesiola muss nach allen Seiten offene Fenster haben. Sie ist nicht für sich da, sondern für die Ecclesia, und diese für das Volk. – Und eine lebendige Gemeinde braucht keine Kerngemeinde.
Frage 9 [P. Dieterle]:
Klärung des Amtsbegriffes, damit wir unsern Dienst nicht ungeistlich in der Richtung römischer Amtssicherheit verstehen und selber kein falsches Amtsbewusstsein haben. 1.Kor. 2,1–5!32
297 [Barth]:
Wir müssen ja gar nicht vom «Amt» (= munus) reden. In der Evangelischen Kirche kann es nur Ministeria geben. Vergl. die Schriften von Ed[uard] Schweizer.33 «Pfarramt» nur in Anführungszeichen! Es gibt nur das Amt des Messias. Subjekt sind nicht die Einzelnen, sondern ist die Gemeinde. Nicht wir machen es, sondern Christus, und auf Erden die Gemeinde. Alles kommt darauf an, dass wir die Sache recht ansehen.
Frage 10 [A. Ernst34]:
Müssen wir nicht um der Wahrheit willen unbarmherzige Gerichtspredigt verkündigen können und sind dabei barmherziger, als wenn wir um falscher Barmherzigkeit willen der Wahrheit von Gottes Gericht die Spitze abbrechen?35
[Barth]:
Ja, Gerichtspredigt, wenn unter den gleichen Voraussetzungen wie bei den Propheten, nämlich
- a) nicht aus eigenem Antrieb, sondern als uns auferlegte Last,
- b) auf dem Boden des Bundes Gottes,
- c) nicht in irgend einer menschlichen Entrüstung,
- d) nur wenn wir die Predigt zuerst uns selber gehalten haben – was dann noch übrigbleibt,
- e) konkret, nicht allgemeines Geschimpfe, niemals den Leuten den Kopf waschen, immer mit konkreter Weisung, wie man es besser machen kann,
- 298 f) «Wie ein Vater seinem Kinde niemals ganz sein Herz entzeucht, ob es gleich bisweilen Sünde tut und aus der Bahne weicht, also hält auch mein Verbrechen mir mein frommer Gott nicht zu, will mein Fehlen mit der Rut’ und nicht mit dem Schwerte rächen. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.» (P. Gerhardt, Sollt ich meinem Gott nicht singen
🎵 –, Vers 9, fehlt leider im Kirchengesangbuch!36) Die «unbarmherzige Gerichtspredigt» muss durch diesen Vers hindurchgegangen sein!
Frage 11 [Kl. Gutscher]:
Gibt es auch ein legitimes Fragen nach dem «Wie» der Verkündigung?37
[Barth]:
Das «Wie» ist der Ernst und die Kunst, die nötig sind für die Vermittlung des Wortes Gottes. Schwierigkeiten in der Wie-Frage gehen meistens darauf zurück, dass über das «Was» keine volle Klarheit besteht. Was man selber verstanden hat, kann man auch andern weitersagen.
Frage 12 [R. Bohren]:
Nach Hebr. 6 gehört die Handauflegung zum Grundriss der Dogmatik. Warum ist diese Lehre verschwunden? Welchen Sinn hat sie?38
[Barth]:
Hebr. 6,1–2 sind die «geläufigen Dinge» gemeint, die alle wissen. Demgegenüber ist die eigentliche Sache das einmalige Priesteramt Christi. – Nach der Apostelgeschichte gehört die Handauflegung ganz zum Gebet. Als getauftes Glied soll der Getaufte nun Ge|299brauch machen von dem, was ihm geschenkt ist. Wichtig ist die Nichtselbstverständlichkeit der Gegenwart des heiligen Geistes. Erst wenn wir diese aktuelle Auffassung des heiligen Geistes wieder haben, bekommt die Handauflegung ihren Sinn wieder. – Es ist fraglich, ob es sich im Neuen Testament um eine feste Institution handelt. – Lieber nicht bei Konfirmation und Trauung wieder einführen!
Frage 13 [R. Bohren]:
Was halten Sie von den Evangelisationen?
Barth
müsste sie aus eigener Anschauung kennen, um etwas darüber sagen zu können. Das ist aber nicht der Fall. Das Kriterium müsste sein, ob die Leute zur Gemeinde geführt werden.
Frage 14 [P. Dieterle]:
Was halten Sie von der Konfirmation?39
[Barth]:
Ein Kranker, der von einem Sanatorium ins andere geschleppt wird! Eine Misere, die wahrscheinlich «rebus sic stantibus» nicht zu beseitigen ist. Dahinter steht auch wieder die Kindertaufe und die Volkskirche. Wir machen zuerst, was nach dem Neuen Testament zuletzt kommt! Bekenntnis sollte nicht ganz unterdrückt werden, aber die Konfirmation müsste dann freiwilliger Akt sein. – Hier bröckelt alles! Man darf eher die Trinitätslehre angreifen als die Konfirmation! – Aber hier beginnen, hieße das Pferd am Schwanz aufzäumen. Zuerst 10, 20, 100 Jahre Predigt, dann lebendige Gemeinde, dann kommt das andere von selber in Ordnung.