2. Oktober 1951 – 3. Oktober 1951

Gespräch im Salle du Consistoire in Genf

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GESPRÄCH IM SALLE DU CONSISTOIRE IN GENF

1951

Am 2. und 3. Oktober 1951 war Barth in Genf, um dort «in der Salle du Consistoire eine ganze Serie von theologischen Gesprächen im engeren Kreise meiner dortigen Freunde zu absolvieren», wie er seinem Sohn Christoph schrieb.1 Das von ihm selbst angeregte Treffen war durch das «Centre protestant d’études» und dessen Gründer und Leiter Jacques de Senarclens2 organisiert.

Ausgangspunkt der Abreden zu diesem Treffen waren Barths Absagen einer erneuten Teilnahme an den «Rencontres Internationales»3 und auch eines von Senarclens anstelle dessen vorgeschlagenen Vortrags in Genf. Barth sah sich zeitlich zu beidem nicht in der Lage, mochte Senarclens aber «auch nicht einfach leer ausgehen lassen» und ließ daher durch Charlotte von Kirschbaum fragen, ob ihm «nicht auch gedient wäre, wenn er etwa Anfang Oktober oder auch in der zweiten Septemberhälfte einmal 1 oder 2 Tage nach Genf käme, um dann im Kreise Ihrer Freunde (nicht öffentlich!) für eine Aussprache und Fragenbeantwortung sich bereit zu halten. Er hat jetzt einmal in Zürich und ein zweites Mal im Aargau4 den Eindruck gewonnen, dass ein solches Zusammensein und Gespräch unter Umständen dienlicher sein kann als ein öffentlicher Vortrag».5 Auch für das weitere Procedere |301 übermittelte Ch. von Kirschbaum konkrete Vorschläge: «Bei den beiden genannten Anlässen wurden ihm vorher schriftlich Fragen eingereicht, so dass er sich für das Gespräch entsprechend vorbereiten konnte. Aber er möchte es ganz Ihnen […] überlassen, wie Sie die Sache gestalten wollen, nur sollte sie einen geschlossenen Charakter haben.»6

Das Treffen mit «einer kleinen Studiengruppe, die zu ihrem eigenen Nutzen die ‹Dogmatik› übersetzt»7, begann nach einem Mittagessen, an dem neben Barth und Senarclens unter anderem Jaques Courvoisier und Fernand Ryser teilnahmen,8 am 2. Oktober um 14 Uhr, wurde nach einer halbstündigen Pause von 16.30–18 Uhr und nach dem gemeinsamen Nachtessen von 20.30–22.30 Uhr fortgesetzt; den Abschluss bildete eine nochmals zweistündige Sitzung am Morgen des 3. Oktober ab 8.30 Uhr. Vorbereitend hatte Barth wie gewünscht am 18. September 1951 eine Reihe von Fragen zugeschickt bekommen,9 zu denen er sehr unterschiedlich lange Antwortnotizen anfertigte.10

An den verschiedenen Gesprächsteilen nahmen nach Barths Erinnerung je etwa 20 Theologen teil;11 insgesamt waren 40 Genfer Theologen anwesend, die alle zu dem nicht öffentlich angekündigten Tref|302fen persönlich eingeladen worden waren.12 Barth hat, wie es im «Bulletin du Centre Protestant d’études» hieß, im Gespräch auf die gestellten Fragen «in einer sehr freien, familiären Weise und in seinem köstlichen Französisch» geantwortet.13 Das «Bulletin» druckte in den Ausgaben vom Oktober und vom Dezember 1951 ein aufgrund stenographischer Notizen angefertigtes Protokoll der Begegnung mit Barth ab.14 Die Veröffentlichung mit einer Auflage von ca. 400 Exemplaren wurde von Senarclens veranlasst und war mit Barth nicht abgesprochen.15

Der allergrößte Teil des Gesprächs rief auch nach der Veröffentlichung des Protokolls keinerlei öffentliche Reaktionen hervor. Einzig diese Sätze Barths aus dem Abendgespräch führten zu einer ganzen Welle von Antworten und Protesten:

Die Welt ist voll von Lügen, und ich frage mich oft, was die schlimmsten Lügen sind. Man lügt auf beiden Seiten… Haben Sie nicht auch oft den Eindruck, dass wir genug haben von den Zeitungen? Sie lügen alle, alle… auch unsere lieben Schweizer Zeitungen… voll von Lügen. Man riecht etwas dahinter, vielleicht sind es die Dollars?!… Und natürlich gibt es die Propaganda des Ostens. Man kann sie nicht mehr lesen, auch nicht mit dem besten Willen, diese Leute zu verstehen. Sie lügen, und sie machen es auf eine viel rohere Art und Weise als die anderen; deshalb erkennt man es besser als bei allen anderen.16

Nachdem auch diese Aussagen in der Dezemberausgabe des «Bulletin» veröffentlicht worden waren, griff die Zeitschrift «La Vie protestante» sie auf, druckte den entsprechenden Ausschnitt des Protokolls am 11. Januar 1952 ab und versah ihn mit einem kritischen Kommen|303tar unter dem Titel: «Presse vendue ?» (Gekaufte Presse?).17 So an eine breitere Öffentlichkeit gelangt, führten die Sätze Barths und die Empörung darüber in der angegriffenen Presse selbst zu einer Fülle von Antworten und Vorwürfen:

Eine Agenturmeldung der «Schweizerischen Politischen Korrespondenz» stellte fest, die «im übrigen barthianisch infizierte» Zeitschrift «La Vie protestante» habe ein «Beispiel des Barthschen Totalitarismus» veröffentlicht, und ergänzte nach der Wiedergabe von Barths Äußerungen: «Diese Entgleisung Karl Barths ist wohl die schlimmste, die uns bisher vor Augen gekommen ist.» Barth übernehme unbesehen die «Schlagworte der bolschewistischen Propaganda», und auch die Tatsache, dass er «in seiner üblichen pseudosalomonischen ‹Gerechtigkeit› beiläufig auch ‹die andere Seite›» kritisiere, vermöge nichts «an seiner Arroganz und politischen Intoleranz [...] zu ändern.» Die Meldung schließt mit der Feststellung, «dass man sich allen Ernstes die Frage vorlegen muss, ob es nicht an der Zeit wäre, den Herrn Theologieprofessor endlich einmal vor den Strafrichter zu zitieren!»18

Barths Aussagen wurden anschließend in verschiedenen Zeitungen kritisiert. «Der Bund» schrieb beispielsweise: «Falsche Nachrichten, die leider gelegentlich in den Zeitungen stehen, sind keine Lügen; sie wären es nur dann, wenn die Unwahrheit bewußt verbreitet würde. Und was die schmierige Anspielung mit den Dollars betrifft: gerade durch derartige Verdächtigungen werden Lügen in die Welt gesetzt.»19 In zahlreichen weiteren Artikeln wurden die Sätze Barths abgedruckt und mit meist sehr kritischen Kommentaren versehen. Verteidigt wurde Barth hingegen nur selten; in der in Spiez erscheinenden «Oberländer Volkszeitung» etwa hieß es: «Wir wollen bei diesem Kesseltreiben nicht mittun, denn es widersteht uns, mit den Wölfen zu heulen.» Auch hier wurde aber der Vorwurf der Lüge zurückgewiesen: «dadurch, daß er die Schweizerzeitungen der Käuflichkeit verdäch|304tigt, hat er schon selbst das begangen, was er den Zeitungen vorwirft.»20 Barth notierte in seinem Taschenkalender: «Getümmel in der Presse wegen ‹Lügen, Lügen›».21

Der Chefredaktor der «Appenzeller Zeitung», Alfred Bollinger22, fragte Barth in einem Brief direkt, ob die in der Presse verbreitete Darstellung seiner Äußerungen korrekt sei.23 Barth ließ ihm eine ausführliche Antwort zukommen, die von Bollinger – mit einem Kommentar versehen – am 21. Januar 1952 veröffentlicht wurde.24 Auch weitere Zeitungen druckten diese Antwort Barths und kommentierten sie wiederum überwiegend kritisch. Die «Neue Zürcher Zeitung» sah durch Barths Reaktion die «Gesprächsstücke [...] im wesentlichen bestätigt». Es bestehe «kein Anlaß, die von Sachkenntnis ungetrübte unwirsche Gebärde des grollenden Theologen zu dramatisieren [...]. Selbst ein erleuchteter Wissenschafter ist gegen Anwandlungen der Affekte nicht immer gefeit…».25 Barth verfasste unter dem Titel «Es tut mir leid!» noch eine weitere Stellungnahme zum Thema, schickte sie jedoch nicht ab.26

Auch der Geschäftsführer und der Präsident des Vereins der Schweizer Presse, Werner Bickel27 und René Braichet28, teilten Barth schriftlich mit, sie hätten «mit einigem Erstaunen»29 von seinen Äu|305ßerungen Kenntnis genommen. Sie fragten ihn, auf welche Fakten und welche Texte er sich mit seinen Anschuldigungen stütze.30 In seiner Antwort erklärte Barth, mit seinem Verweis auf den «Dollar» habe er der Schweizer Presse keine Käuflichkeit unterstellen wollen: «Auf was ich abgezielt hatte, war unsere Situation im (politischen und wirtschaftlichen) Einflussbereich der USA und den Reflex dieser Situation in unserer Presse.»31 Mit dem Vorwurf der «Lüge» habe er lediglich aussagen wollen, dass «die Informationen und die Urteile (fast) der gesamten Schweizer Presse über den gegenwärtigen Weltkonflikt einseitig» seien.32 Außerdem habe er damit auf den Beschuss seiner Person im Rahmen der Debatte mit Markus Feldmann reagiert.33 Barth bedauerte schließlich, «(in der Hast und etwas in Wut) von allen Schweizer Zeitungen gesprochen» zu haben.34 Braichet und Bickel antworteten Barth am 26. Februar 1952 und erklärten, der Vorstand des Vereins der Schweizer Presse könne sich über Barths Antwort «nicht befriedigt zeigen».35

Verteidigt wurde Barth von Senarclens, der mit der Veröffentlichung des Protokolls den Stein erst ins Rollen gebracht hatte: Er meldete sich in «La Vie protestante» zu Wort, betonte, Barth habe in |306 privatem Kontext gesprochen, und stellte fest: «Nach meiner Kenntnis hat keine anwesende Person aus dieser Stelle den Eindruck gewonnen, der Verfasser beschuldige die Presse positiv, ausländisches Geld entgegenzunehmen.»36 Auch wies er darauf hin, dass das Protokoll von Barth weder gegengelesen noch autorisiert worden war.37

Die folgende Edition basiert auf dem von Senarclens in zwei Teilen veröffentlichten Gesprächsprotokoll,38 das hier in deutscher Übersetzung geboten wird. Barths Notizen für das Gespräch sind im Editionstext ebenfalls in deutscher Übersetzung angemerkt.39 Das französische Original des Gesprächs und der Notizen Barths findet sich im Anhang.40

Antworten von Karl Barth auf einige der ihm gestellten Fragen

[Barth:]

Ich gestehe, dass ich mich in einer gewissen Schwierigkeit befinde, zu wissen, wo ich anfangen soll. Ich habe für den Anfang die Fragen 10, 11 und 13 ausgewählt – jedenfalls den ersten Teil von 13 –, weil in diesen drei ersten Fragen ein Wort erscheint, über das ich gestolpert bin und das ich zum Anfang ins Zentrum unserer Überle|307gungen stellen möchte, das Wort von der «Erneuerung der Kirche» («renouveau de l’Eglise»). Nachher werden wir über bestimmte Fragen des inneren Lebens der Kirche sprechen. Drittens über die Außenbeziehungen der Kirche; viertens über Fragen, die spezielle Punkte der Lehre betreffen; fünftens über Fragen zur Ethik; sechstens über einige persönliche Fragen.

Ich werde also mit den Fragen beginnen, die sich um die Erneuerung der Kirche drehen. Ich werde mir die Freiheit nehmen, mich beim Sprechen nicht exakt auf die Fragen zu beschränken, und mein Bestes geben, um sie zu beantworten…

Was verstehen wir unter «Erneuerung» der Kirche?41 Erinnern wir uns daran, dass die Kirche an sich selbst die Gegenwart und die Aktualität der großen Neuigkeit ist, der konkurrenzlosen und absolut einzigartigen Neuigkeit, dieser Neuigkeit, dass Gott in Jesus Christus mit uns und für uns ist, für uns Menschen, in Jesus Christus… Die große Neuigkeit… Wo es die Kirche gibt, gibt es diese Neuigkeit. Und zu jeder Zeit, unter allen Umständen, auch in allen Formen der Kirche ist diese Neuigkeit gegenwärtig und wirksam durch uns Christen. Wir haben danach nichts Neues mehr zu tun. Das ist der Anfang aller Erneuerungen… «Erneuerung», was kann das sein? – Die Erneuerung der Kirche ist die Tatsache einer neuen Erinnerung und einer neuen Erwartung des Herrn, denn die Kirche existiert in dieser Erinnerung und in dieser Erwartung… Die Gegenwart der Kirche inmitten dessen, was in Jesus Christus geschehen ist und geschehen wird. Eine neue Erinnerung, eine neue Erwartung, das wird immer eine neue Erwartung, eine neue Erkenntnis, eine neue Liebe, einen neuen Gehorsam der Christen bedeuten. «Neu» im Sinne von «Erneuerung» kann nur bedeuten: dass es eine klarere, fröhlichere, ernsthaftere Erinnerung und Erwartung |308 gibt als zuvor. «Erneuerung» ist also diese Bewegung, die in uns, unter uns, – in gewissem Sinne auch: durch uns – geschieht. Aber vergessen wir nicht: nicht durch uns bewirkt, nicht durch uns geschaffen, sondern bewirkt, geschaffen durch den Herrn, durch den Heiligen Geist selbst. Eine Erneuerung der Kirche zu wünschen, wird immer heißen, sich Jesus Christus selbst zu wünschen, sich seinen Geist zu wünschen. Und weil das in uns, unter uns, durch uns geschieht, wird das immer bedeuteten: eine Wiederaufnahme der Erforschung der Zeugnisse Christi, eine Wiederaufnahme der Arbeit in seinem Dienst, und besonders das Gebet, mit dem wir um seinen Geist bitten. Wenn wir von Erneuerung der Kirche sprechen, wenn wir sie uns wünschen, wenn wir versuchen, auf so etwas hinzuarbeiten, dann dürfen wir uns sozusagen kein Bild davon machen, was diese Erneuerung konkret bedeuten kann. Eine Erneuerung der Kirche wird zum Beispiel nicht notwendigerweise eine Steigerung der Achtung bedeuten, die die Kirche in ihrer Umgebung findet. Sie bedeutet nicht notwendigerweise, dass der Einfluss der Kirche in der Welt gesteigert wird. Vielleicht gibt es eine Erneuerung, in der Einfluss und Achtung der Kirche zwangsläufig abnehmen werden. Noch besser: Glauben wir nicht, dass eine Erneuerung der Kirche eine Steigerung der Zahl der Mitglieder bedeuten muss… Es gibt keine Stelle im Neuen Testament, wo gesagt ist, dass es immer eine Steigerung der Anzahl der Christen geben wird… Vielleicht muss und wird die Zahl der Christen immer kleiner werden… Stellen wir uns die Kirche nicht wie ein Unternehmen vor, wie einen Staat, der seine Kräfte steigert und sich in der Welt ausbreitet… Das ist nicht der Weg der Kirche… Gott kann Steigerungen und Ausbreitungen in allen Bedeutungen des Wortes geben, aber es kann auch sein, dass wir stark sind – und lernen müssen, es zu sein –, während wir sehr wenig Achtung und Einfluss in der Welt haben. Die Erneuerung der Kirche ist eine geistliche Sache, keine weltliche…

Aber ich komme jetzt auf die Frage 13 zurück:


[Frage 13:]

Benötigt der Protestantismus nicht eine Transformation, die fast so radikal ist wie jene, die von den Reformatoren im 16. Jahrhundert herbeigeführt wurde? Ist er nicht in den meisten grundlegenden Punkten zur Situation der Kirche vor der Reformation zurückgekehrt: Seinsanalogie42, Verdienste, Institutionalismus, |309 usw. Steht er nicht in vielerlei Hinsicht näher bei der Lehre des Konzils von Trient43 als bei jener der Reformatoren? Eine Bewegung der Wiederausrichtung (redressement) zeichnet sich seit etwa 20 Jahren in seiner Mitte ab: Haben Sie Vertrauen in diese Erneuerung? Begünstigt der Ökumenische Rat44 diese Rückkehr zum Worte Gottes? Was sind die Gefahren, die uns gerade jetzt bedrohen? Warum ist der Katholizismus trotz seiner natürlichen Theologie christozentrischer geblieben ist als der Neuprotestantismus?

[Barth:]

In der 13. Frage wurde das Wort «Erneuerung» mit dem Wort «Wiederausrichtung» bezeichnet.45 Wiederausrichtung zur Reformation hin, zur Bibel, hin zu den Wahrheiten und den Aufgaben, die denjenigen auferlegt werden, die Schüler der Reformatoren und der Schrift werden… Aber erinnern wir uns daran: Wenn diese Wiederausrichtung gleichbedeutend ist mit der Erneuerung der Kirche, mit einem Handeln des Heiligen Geistes, dann muss sie auf das Wort |310 Gottes hin und durch das Wort Gottes erfolgen. Eine solche Wiederausrichtung kann sich nicht auf eine Art Reaktion beschränken, auf einen Rückzug in irgendeine Vergangenheit, und wäre es die ruhmreiche Vergangenheit der Reformation! Vielleicht haben wir in diesen letzten gut 20 Jahren oft den Eindruck erweckt, wir seien Reaktionäre, Romantiker, die sich auf die guten Zeiten Luthers und Calvins ausrichten. Die Wiederausrichtung kann nicht in der Vergangenheit geschehen. Die Wiederausrichtung «auf das» Wort Gottes hin wird nicht eine Rückwärts-, sondern eine Vorwärtsbewegung sein, hin zur Bibel, hin zur Reformation… Wenn wir zur Reformation zurückkehren, werden wir nicht etwa in Richtung der Vergangenheit geworfen, sondern nach vorne. Es wird [dann] nicht einmal Calvinismus geben und nicht einmal Biblizismus. Das ist es, was wir von den Reformatoren und von den Propheten lernen. Nach vorne, hin zu einem besseren Verständnis sowohl der Reformation als auch der Bibel. Besser als jenes, das wir früher hatten, besser als jenes, das unsere Väter hatten, besser als jenes, das wir gestern noch hatten. Ein besseres Verständnis all dieser göttlichen, biblischen, calvinischen Wahrheiten. Diese göttlichen, biblischen und calvinischen Wahrheiten zeichnen sich durch diese innere Bewegung aus: Sie treiben jene, die sie verstanden haben, nach vorne. In diesem Sinne wird eine Erneuerung der Kirche «zum» Wort Gottes notwendigerweise – entschuldigen Sie, wenn ich dieses Wort ausspreche – eine Bewegung des Liberalismus sein! Es gibt keine stärkere Bewegung… Der Gott der Freiheit, der Liebe und der Gnade… wird handeln. Diese Bewegung der Wiederausrichtung, diese Erneuerung, die all das beinhalten wird, was unsere Väter in ihrer Weise zu verstehen glaubten, kann nicht unter deren Niveau fallen…

Aber diese Bewegung wird auch eine Aktion in Richtung der Zukunft beinhalten. Nachdem die Lektionen, die zu lernen sind, gelernt sind, wird diese Wiederausrichtung einen Akt der Anwendung beinhalten, der neuen Anwendung, in der die gelernten Wahrheiten neue Formen annehmen werden. Eine Anwendung auf die Schwächen, auf die Krankheiten der Gegenwart, so wie wir sie spüren… Also wird die Wiederausrichtung notwendigerweise ein Akt des Suchens sein, des ununterbrochenen Suchens, weil die Wahrheit ewig ist. Die Suche nach einer neuen Form des Denkens, der Rede, des Handelns, wo wir |311 gleichzeitig gehorsam und frei sind, gleichzeitig gebunden durch die Vergangenheit, durch die Kirche, wie sie gelebt hat, durch die Gemeinschaft der Heiligen, und vollkommen frei. Deshalb ist die Sache der Gemeinschaft der Heiligen unsere Sache, für die Gegenwart und für die Zukunft.

So wird also «Erneuerung» der Kirche, «Wiederausrichtung» auf das Wort Gottes hin notwendigerweise etwas wie eine Offenbarung bedeuten. – Ich kann dieses Wort nicht vermeiden. – Es ist eine prophetische, eigenmächtige Offenbarung. Prophetisch, erforderlich gemacht durch das Wort selbst… Und weil wir Menschen sind, wird diese Erneuerung immer ihre Gefahren, ihre Versuchungen haben. Das ist ein Risiko, das wir eingehen müssen. Jeder Schritt, den wir in der Zukunft praktisch zu gehen wagen, wird immer ein Risiko sein. Man kann Fehler machen und sich dann verirren… Es gab schon oft Häresien… Aber man kann die Gefahren nicht vermeiden. Es braucht Mut, verbunden mit der vollkommensten Demut. Es ist nicht gut, dass die Christen immer vor etwas Angst haben. (Man befürchtet Gefahren, Missverständnisse…) Paulus selbst war sehr nahe an schweren Häresien, aber er hat weitergemacht… Es lässt sich nicht vermeiden. Eine Kirche, die sich nur an ungefährlichen Dingen erfreut, die nur angenehme und wahre Dinge sagt, ist nützlich; sie kann existieren. Aber die wahre Kirche existiert immer am Rande der Häresie, am Rande der Gefahr. Wohingegen eine Kirche, die sich damit zufriedengibt, sich im großen Fluss dessen tragen zu lassen, was in den Kirchen geschieht, in der Amtsausübung (officialité) der Kirchen, Gefahr läuft, nicht die wahre Kirche zu sein. Wer nicht wagt, wer nicht wagen will, kann nicht Christ und kein Glied einer christlichen Kirche sein.

In der Frage 13 wird auf eine Bewegung der Wiederausrichtung angespielt, «die sich seit etwa 20 Jahren in der Mitte der Kirche abzeichnet».46 Ich habe mich gefragt: Hat sich in der Kirche wirklich |312 eine solche Wiederausrichtung abgezeichnet? oder nicht? … Bevor man ja dazu sagt, bevor man es feststellt, möchte ich, dass man darüber nachdenkt, dass andere vor uns in der Kirche gelebt haben, die ihr Leben vor uns, etwa vor 20 Jahren, in der Kirche gelebt haben… Und sie glaubten alle ebenfalls – diese Herren, die uns anschauen –, dass es eine Erneuerung der Kirche gibt… Und man ist beeindruckt, wenn man in diese Zeit zwischen der Reformation und unserer Zeit zurückgeht, in der es so viele Hoffnungen, Überzeugungen, Wiederausrichtungen gab… Schließlich sind wir nicht die ersten, die von Wiederausrichtung sprechen… Und erinnern wir uns: Es gibt gewiss Bewegungen der Wiederausrichtung «zum» Wort Gottes, die in kompletter Dunkelheit stattfinden, in der Stille. In irgendeiner Stadt oder irgendeinem Dorf, wo es Christen gibt; ein guter Pfarrer, der während 40 Jahren gearbeitet hat oder während 20 Jahren. Es gibt Erneuerungen der Kirche, die nur eine ganz kleine Zahl jener betreffen, die in der Kirche sind, und ich zweifle nicht, dass es eine große Zahl an Bewegungen der Wiederausrichtung gibt, die wir vielleicht nicht miterlebt haben, aber die einmal stattgefunden haben. Übertreiben wir also nicht, wenn wir glauben, dass wir uns in einer solchen Wiederausrichtung befänden. Bleiben wir bescheiden. Denken wir daran, was andernorts im Geheimen geschehen ist. …

Eine Bewegung der Wiederausrichtung, die sich «abzeichnet». Man muss davon, wie der Verfasser dieser Frage, mit dieser Bescheidenheit sprechen. Es ist ein Phänomen. Eine Erneuerung wird in einem Heimweh bestehen, in bestimmten Bestrebungen, in bestimmten Anstrengungen, die man leistet, um ein neues Leben einzuführen. Man gibt sich mehr Mühe in den Predigten; man schreibt Dogmatiken! und dann unternimmt man alle möglichen Versuche, wie das «Centre protestant d’études»!47 … Die Erneuerung ist eine geistliche Realität. Weiß Gott, ob es eine Erneuerung gibt, und nur Gott weiß es… Wahrscheinlich wird es das Beste sein, nicht zu viel darüber nachzudenken, ob es eine Erneuerung gibt, denn wir haben Besseres zu tun… Vielleicht werden Historiker zu Beginn des nächsten Jahrhun|313derts sagen, dass es eine Erneuerung gegeben hat (und vielleicht werden sie sich irren! Historiker sind noch nicht der liebe Gott).

Wenn ich gefragt werde: Haben Sie Vertrauen in diese Erneuerung?, antworte ich: Nein, mein Herr! Ich richte mein Vertrauen allein auf Gott! Ich weiß, dass wir aufgerufen sind, für die Erneuerung der Kirche zu arbeiten. Wir sind nicht aufgerufen, Vertrauen in diese Erneuerung zu haben. Das funktioniert nicht! Leben wir, arbeiten wir, beten wir. Das ist alles, was wir tun können. Und dann werden wir vielleicht eher eine Erneuerung haben, wenn wir nichts davon wissen. Und das ist nicht unsere Sache. Es geschieht, wenn Gott es will, und wenn wir aufrichtig und geeint sind.


Frage 10:

Was muss man tun, um im Sinne der vier Punkte, die Sie auf S. 559ff. in III/4 geben,48 an der Erneuerung der Kirche zu arbeiten?

[Barth:]

In Frage 10 wird diese Vorstellung der Erneuerung auf vier Punkte in meiner Dogmatik bezogen. Ich würde nie sagen, dass die Erneuerung der Kirche nach diesen vier Punkten meiner Dogmatik erfolgen kann. Aber gehen wir, wenn Sie so wollen, davon aus, diese vier Punkte seien annäherungsweise richtig. Ich habe von vier Voraussetzungen gesprochen. Ich habe gesagt:49

1) Die Kirche muss als Volk Gottes verstanden werden und nicht als die Summe bestimmter Bevölkerungen. Man wird also weder von einer «Genfer Kirche» noch von einer «Deutschschweizer Kirche» sprechen können. Es gibt eine Kirche in Genf oder in der Deutschschweiz. Das Volk Gottes und die geographische Bevölkerung sind zwei verschiedene Dinge.

2) Die Kirche ist nicht identisch mit der Zahl derer, die einer be|314stimmten Institution beitreten, sondern die Kirche ist das lebendige Volk Gottes, das Volk, das aufgerufen ist, Gott zu folgen.

3) Die Kirche ist eine Gemeinschaft des Dienstes im Hinblick auf das Reich, das in Jesus Christus gekommen ist und kommt, und keine menschliche Unternehmung zur Pflege der moralischen Frömmigkeit oder zum Erreichen bestimmter menschlicher Ziele. Es geht um einen Dienst im Hinblick auf das Reich.

4) Die Kirche ist die Gemeinschaft (la communion) im gemeinsamen und allgemeinen Dienst aller ihrer Mitglieder, ohne dass dieser Dienst auf diejenigen Mitglieder beschränkt würde, die seiner würdig wären, und ohne dass jene beiseitegelassen würden, die für unwürdig gehalten würden. Denn wir sind alle unwürdig… Wir sind aufgerufen zu dienen. Es geht um einen Dienst ohne Beschränkung auf einen bestimmten Teil der Kirche, auf den Klerus, auf die Pfarrer, sondern um einen Dienst der ganzen Gemeinschaft.

Wie können wir uns für die Erneuerung der Kirche im Sinne dieser vier Punkte einsetzen? Man kann nichts tun. Man kann nur Kirche sein, jeder kann nur ein Glied der Kirche sein. Vielleicht wurden diese vier Punkte noch nicht verstanden. Vielleicht sind wir uns in diesen vier Punkten nicht einig… Vertiefen wir diesen Begriff der Kirche. – Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind… [Mt. 18,20] – Da ist die wahre Kirche. Man kann die Kirche nicht bauen. Sie wächst und existiert. Man kann sich an ihr nur freuen und in der Verantwortung leben, die das bedeutet.


Frage 11:

Die Geschichte der Kirche lehrt uns, dass bestimmte Gegenstände ihres Glaubens sich in der Liturgie äußerten, bevor sie zu einer theologischen Aussage (affirmation) wurden. Ist es daher gerechtfertigt, sich heute um eine Liturgiereform zu kümmern? Kann sie tatsächlich ihren Teil zu ihrer Erneuerung beitragen, oder kann sie nur eine Folge davon sein? Anders ausgedrückt: Ist die liturgische Bildung für die Erbauung der Kirche vorrangig?

[Barth:]

Was die in dieser Frage aufgeworfene Alternative betrifft: Ergibt sich die Reform der Liturgie aus einer Erneuerung der Kirche, oder ist es umgekehrt?50 Gibt es eine Reform der Kirche und |315 dann eine Reform der Liturgie? Es kommt darauf an, was mit «Liturgie» gemeint ist. Die Liturgie ist das Gebet der Kirche, verstanden im weitesten Sinne. Es ist wahr, wie es der Verfasser der Frage sagt, dass die Theologie wahrscheinlich immer auf das Gebet der Kirche gefolgt ist… Aber man kann auch sagen: Da, wo die Kirche wirklich gebetet hat, hat sie auch gelehrt. Man kann das Handeln der Kirche nicht vom Gebet trennen. Aber vielleicht wäre es besser, nicht zu sagen: zuerst die Kirche und die Theologie, dann die Liturgie.

Die Erneuerung der Kirche wird, wo sie tatsächlich geschieht, immer identisch sein mit einer Reform oder einer Erneuerung der Liturgie oder des Gebets. Und umgekehrt wird es dort, wo es ein neues Ernstnehmen der Liturgie gibt, also des Gebets der Kirche, auch eine Erneuerung der Kirche geben…

Ich frage mich, ob wir zu beten verstehen. Ich beziehe mich nicht auf das, was in unseren Herzen vor sich geht, sondern auf das sonntägliche Gebet in unseren Kirchen. Es scheint, dass es zwei Möglichkeiten gibt, nämlich entweder das zu tun, was seit langer Zeit geschieht, besonders in den vom Réveil51 berührten Kirchen: Langes und sehr freies Gebet; auf der anderen Seite die Wiederentdeckung der christlichen Ursprünge… Eine Kirche, die sich in einer Erneuerung, in einer Wiederausrichtung auf das Wort Gottes hin befände – wäre sie etwa eine Kirche, die durch das Herz und durch den Mund eines frommen Pfarrers betet, oder wäre sie eine Kirche, die sich der Vergangenheit zuwendet, hin zu Chrysostomos52, Calvin oder Luther? …oder vielmehr eine Kirche, die auf ihre eigene Weise betet, so wie man heute beten muss, nicht für unsere Zeit, für unsere Zeitgenossen, sondern für den gegenwärtigen Zustand der Kirche?

Es gibt noch einen kleinen Punkt in Frage 13, den ich gerne beantworten möchte: «Unterstützt der Ökumenische Rat diese Rückkehr zum Worte Gottes?» Das ist eine schwerwiegende Frage. Vielleicht |316 wird uns unser Freund Visser ’t Hooft53 seine Ansicht mitteilen… Wenn ich recht sehe, kann man sich unter zwei Gesichtspunkten für die Ökumene interessieren, und beide haben ein gewisses Recht.54

1.) Man akzeptiert den Fakt, dass es Kirchen gibt. – Man spricht vom «Panorama der Kirchen». – Es gibt die Orthodoxen, die Lutheraner usw. usw. Es ist eine große Menagerie… Sie sind alle da… Es ist von einer großen Schönheit, es ist interessant, diese verschiedenen Formen zu sehen. Überall geht es um Jesus Christus. Es ist notwendig, dass diese unterschiedlichen Arten sich treffen und sich die Hand geben. Man diskutiert, man lernt sich besser kennen. Aber es sind immer noch die Kirchen, wie sie sind, mit ihren Traditionen, mit ihren Liturgien. Man wird vergleichen… Ich gebe zu, dass mich das auch interessiert. Ich bin glücklich, dass diese Bewegung existiert, und ich würde nicht wollen, dass sie nicht existiert. Aber was hat die Erneuerung der Kirche mit diesen Gesprächen zu tun… Man ist durch diese existierenden Formen so sehr beschäftigt; sie sind so interessant, dass die Frage nach der Erneuerung, die Frage nach dem Heiligen Geist im Hintergrund bleibt…

Ich will mit diesem ersten Gesichtspunkt, der notwendig ist, nichts ins Lächerliche ziehen. Aber hier ist der zweite:

2.) Es könnte sich in diesen Gesprächen um die Entdeckung von Erneuerungen vielleicht lutherischer, methodistischer, calvinistischer Art handeln. Und dann könnte es sein, dass in der Begegnung dieser verschiedenen Erneuerungen der Kern einer Ökumene «von unten» (œcuménisme «de fond») entsteht, einer ernsthaften Ökumene… Der Austausch von Erfahrungen, nicht zwischen den Kirchen und ihren Bischöfen, ihren Präsidenten, sondern zwischen denen, die beunruhigt (troublés) sind, zwischen denen, die auf der Suche sind, zwischen denen, die nach der Zukunft streben… Wenn diese gemeinsame Begegnung und diese gemeinsame Entdeckung die Sache des Ökume|317nischen Rates wären, dann könnte man sagen, dass er die Rückkehr zum Worte Gottes begünstigt.

Ich kann also auf diese Frage keine endgültige Antwort geben. Ich werde mich hüten, Nein zu sagen… Ich würde vielleicht sagen: Er verhindert sie nicht! … Vor allem müsste man diese Ökumene «zweiten Grades» vermeiden, und ich denke, dass alle, auch Freund Visser ’t Hooft, in dieser «Verlegenheit» sind: Man steht zwischen den Kirchen und der Erneuerung der Kirchen und ist bekümmert durch die Kirchen, wie sie sind, aber es gibt Momente, in denen man dankbar ist zu sehen, dass es Kirchen gibt!

[Frage:]

Sie haben gesagt, dass es sich um eine Erneuerung handelt, um eine Bewegung, die uns mit der Vergangenheit verbindet und die uns für die Gegenwart frei macht… Ich möchte Sie fragen, wie sehr man die Philosophie, die gegenwärtige Zeit, die wissenschaftlichen Entdeckungen, die menschliche Stimmung einer Epoche berücksichtigen kann.

Barth:

Die Philosophie oder die Philosophien jeder Epoche werden immer das intellektuelle Symbol für die Stimmung dieser Zeit, dieses Jahrhunderts oder dieses halben Jahrhunderts sein. Zweifellos ist zum Beispiel der Existenzialismus das Symbol der Stimmung unserer Zeit zwischen und nach den beiden Kriegen. Nun leben wir in diesem Zeitalter, auch wir, die Kirche… Und die Kirche hört, mehr oder weniger deutlich, die Dichter, die Literatur, die Zeitungen mehr oder weniger deutlich die Sprache des Existenzialismus sprechen. Und beachten Sie: Die Christen sind aus dieser Zeit; und ohne es zu wissen sind wir alle Existenzialisten, auch wenn wir keine einzige Zeile von Sartre55 oder Jaspers56 gelesen haben, denn der Geist dieser Philosophie zieht uns alle hinein… Die Kirche lebt mehr oder weniger in dieser existenzialistischen Atmosphäre. Es ist unmöglich, dass die Sprache der Kirche nicht bis zu einem gewissen Grad durch die Sichtweise des Existenzialismus getönt ist. Zu jeder Epoche gab es eine herrschende Philosophie: es gab Hegel57, usw. … und alle unsere Vor|318fahren haben aus dieser Atmosphäre gesprochen… Man kann den «heiligen Alexandre Vinet»58 nicht lesen, ohne zu bemerken, wie er in diese Atmosphäre eingetaucht ist… Das alles gehört also zur menschlichen Natur der Kirche… Indessen kommt die Erneuerung der Kirche nicht dadurch zustande, dass ihr Denken oder ihre Sprache sich einer Philosophie überlässt. Oft, sehr oft geschieht die Erneuerung im Gegensatz zu dieser herrschenden Philosophie. Und wenn diese Anpassung an den Geist des Jahrhunderts zu leicht geschieht, heißt das, dass es keine Erneuerung gibt, sondern das Gegenteil. Schämen wir uns also nicht: wir sind alle auch Philosophen. Aber verstehen wir auch, dass die Theologie und die Philosophie immer miteinander streiten müssen, weil es um das Wort Gottes geht, das dem menschlichen Wort widerspricht, obwohl das Wort Gottes nur durch das menschliche Wort ausgedrückt werden kann… Die Philosophen gehen vorbei, bis der Herr kommt.

[Frage:]

Könnte die Liturgie bei der Erneuerung nicht zum Gemeindeaufbau beitragen, indem sie ihr eine reichere Vorstellung vom Wort Gottes gibt, indem sie es durch das Anschauen (vue), durch den Tastsinn aufwertet? … Denn ist das Wort in unserer Welt nicht abgewertet?

[Barth]:

Offen gesagt mag ich diese Argumentation nicht besonders. Das Wort ist abgewertet… Aber woher wissen wir das eigentlich? … Ich hätte gerne eine bessere Verteidigung der Liturgie als die von Ihnen Vorgetragene… Das Anschauen! … Im Wort Gottes geht es nicht um ein Anschauen! Es geht auch nicht etwa um ein Sehen, sondern um ein Hören… Das heißt, das «sichtbare Wort» könnten die Sakramente sein – Augustin59: verbum visibile.60 Andernfalls könnte man sich fragen, welches diese sichtbaren Elemente sind.

319[Redaktioneller Einschub:]

Der Brauch des Friedenskusses61 wird hier erwähnt.

Barth:

Man wünscht sich, dass etwas geschieht… Vielleicht Friedensküsse… Aber nicht wahr, so kann man nicht denken; man möchte etwas tun, also sagt man sich: Lasst uns diesen Brauch einer früheren Liturgie wieder aufgreifen…

Aber diese Dinge müssen mit der Erneuerung der Kirche geboren werden, wir können nicht durch die Einführung dieser früheren Riten die Erneuerung der Kirche bewirken. In der Liturgischen Bewegung62 gibt es eine antikisierende Tendenz und eine Bewegung des Modernismus. (Wie zum Beispiel: dass es in der Kirche nicht nur «Kerzen» geben soll, sondern auch einen kleinen Brunnen… Oder eine Art der Prozession, weiß gekleidete Leute, die im Dunkeln gehen; dann zündet man eine Kerze an, danach weitere Kerzen, eine nach der anderen, bis jeder eine Kerze hat.63) Das Unsichtbare bleibt unsichtbar. Jesus Christus wird nicht umsonst der Logos genannt…

[Frage:]

…wenn das Glaubensbekenntnis gelesen würde und die Gemeinden daran gewöhnt würden, es zu sprechen, würde der Kirche dann nicht wieder bewusst werden, dass es notwendig ist, seinen Glauben zu bekennen?

320 Barth:

…die große Reform, die ich gerne einführen können möchte, bestünde darin, dass unsere Gemeinden mit lauter Stimme zu singen lernen! In Ungarn schreien und brüllen die Gemeinden.64 Es ist die Antwort auf das Wort Gottes. Diese Antwort kann nicht durch eine Art Drama erfolgen (lutherische Kirche). Es braucht einfach nur dies: das Wort, dann die Antwort der Kirche, dann das Gebet… Das Gebet muss das Fundament des Gottesdienstes sein… Es bräuchte vielleicht gar nicht notwendigerweise eine Wiederaufnahme alter Formen oder eine Erfindung moderner Formen… Lernen wir vor allem zu beten, predigen wir richtig und lehren wir unsere Gemeinden zu singen, wie es sich gehört.

[Frage:]

Sie haben gesagt: «Die wahre Kirche existiert immer am Rande der Häresie». Inwieweit kann die Häresie der Erneuerung nützlich sein?

Barth:

Das ist ein Text65, der den Kirchenvätern gefiel, weil sie über die Häresien nachgedacht haben. Ihre Antwort war, dass Gott sich der Häresien bedient, um die Kirche zu provozieren, damit sie reagiert. Ohne sie würde die Kirche nicht vorankommen.

Visser ’t Hooft, über die Ökumene:

… Ich glaube, dass es tatsächlich diese zwei Seiten der Ökumene gibt. Es gibt die eine Seite, die man als oberflächliche Ökumene bezeichnen kann. Es ist hilfreich für die Kirchen, sich gegenseitig zu entdecken, zusammenzuarbeiten, einen gemeinsamen Glauben zu haben, sich gegenseitig zu unterstützen. Das bleibt eine oberflächliche Ökumene, und die große Gefahr besteht darin, dass es Leute gibt, die wollen, dass die Ökumene nicht weiter geht.

321 Aber ich würde gerne hinzufügen, dass die Ökumene nicht in einer angemessenen Weise beschrieben wird, wenn man nur diese Seite berücksichtigt. Ich denke an all das, was durch das Ökumenische Institut in Bossey66 geht, ich denke an Kraemer67, an Suzanne de Diétrich68 … Ich denke an die Kommission der 25.69 Das ist eine Kommission aus Spezialisten, aber auch aus einigen Laien – unter denen man sehr wenige Kirchenführer findet –, denen man die Aufgabe gegeben hat zu sagen, was der Grundtext der nächsten ökumenischen Versammlung sein soll… Es gibt dort eine echte Bemühung, in diese Richtung zu gehen, wo es zu einem Kampf für die Wahrheit wird.

Bezeichnend für die gegenwärtige Situation scheint mir die Spannung zu sein, die zwischen den beiden Ökumenen existiert; eine analoge Spannung zu jener, die zwischen der offiziellen und der erneuerten Kirche besteht. … In diesem Punkt bin ich nicht einverstanden mit Karl Barth… Es gibt bei ihm eine kleine Spur von Defätismus… Man darf die existierende Kirche niemals ihrem Schicksal überlassen… Es geht darum, die Kirche in den Kirchen zu befreien. Darin scheint mir die wahre Bedeutung der Ökumene zu bestehen… Aber man sollte nicht sagen, dass die offiziellen Kirchen nicht die Kirche sein könnten. Das lässt an den Satz denken: «kann auch ein Pastor selig werden?»70

Barth:

Mein Freund Visser ’t Hooft hat «Defätismus» gesagt… Für mich ist das Zusammenfallen der offiziellen Kirche mit der Erneuerung der Kirche eine eschatologische Hoffnung… Bis jetzt habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn jemand Bischof oder Amtsträger |322 wird, ist er verloren! …und das, was diesen Sommer passiert ist,71 gibt mir bis jetzt recht.


Frage 5:

Das christliche Leben verläuft zwischen Taufe und Abendmahl. Während die christlichen Gemeinschaften über das Abendmahl radikal gespalten sind, sind sie in erstaunlicher Weise einig, was die Taufe betrifft (die beim Übertritt von einer Gemeinschaft in die andere nicht wiederholt wird). Unter diesen Bedingungen findet die Trennung der Christenheit statt, während man bereits in der Kirche ist. Diese Trennung findet in der Mitte der Kirche statt, und nicht, bevor man dort ist.

Sollte man daher – unter anderem – heute mehr den Aspekt der Kontinuität als den Aspekt des Bruchs betonen, wenn man über die Reformation des 16. Jahrhunderts spricht?

Barth:

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas zu dieser Unterscheidung zwischen der Taufe und dem Prinzip der Einheit auf der einen und der Spaltung bezüglich der Zulassung zum Abendmahl auf der anderen Seite bemerken.72 Ich kann nicht sagen, dass diese Voraussetzungen bezüglich der Taufe und des Abendmahls für mich sehr überzeugend sind. Ich kann nicht der Meinung sein, dass die christlichen Gemeinschaften in grundsätzlicher Weise durch das Abendmahl gespalten seien, weil es nicht überall Interkommunion |323 gibt, und dass sie andererseits in erstaunlicher Weise vereint seien in der Frage der Taufe. Die Taufe… Es gibt einen Haufen verschiedener Auffassungen der Taufe… Ich könnte also diese Frage nicht an der Vorstellung der Taufe und des Abendmahls «aufhängen» (anbinden). Das Wichtige ist hier die Vorstellung der Kontinuität und des Bruchs. Der Verfasser [der Frage] hat Recht, und ich stimme ihm zu, wenn er sagt, dass die Trennung innerhalb der Kirche geschieht. Aber die Sache ist nicht so einfach. Jede Trennung enthält mindestens die Gefahr, mindestens die Bedrohung einer Trennung nicht nur innerhalb der Kirche, sondern vom Innersten der Kirche.73 Man kann nicht prinzipiell oder allgemein sagen, wo die Grenze liegt. Doch hier stellt sich das Problem einer Trennung, das heißt eines Schismas. Das Schisma kann die Häresie enthalten. Wo es diese Häresie gibt, gibt es die Möglichkeit einer Trennung nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch von der Kirche. Und das ist die Frage, die sich immer zwischen der Kirche von Rom und der unseren stellt, und mehr oder weniger auch zwischen den geteilten Kirchen. Diese Spaltung ist eine ernste Sache, da sie diese Frage stellt: Seid ihr, die anderen, Kirche? Vielleicht hat – und zwar sogar in der Kirche von Rom, unsere Reformatoren haben es festgestellt – die Kirche nicht zu existieren aufgehört? Aber in der Kirche von Rom gibt es ein Element des Götzendienstes, des Heidentums, des Antichristentums. Diese Frage kann nicht weggelassen werden, wo immer es diese Trennung gibt. Also stellt sich diese Alternative: Kontinuität oder Bruch, immer wieder neu. Sie stellt sich sogar in unseren Kirchen, sogar in unserer reformierten Kirche. Es kann hier eine Trennung von der Kirche geben, sogar im Inneren der Kirche. Wir können nicht sicher sein, ob es nicht in unseren Kirchen reines Heidentum gibt…

Aber die Kirche ist ein lebendiges Wesen, so dass sie auch in diesen Trennungen weiter bestehen kann, und die Situation kann sich verändern, in glücklicher und auch in unglücklicher Weise. Da, wo es Kirche gab, kann sie plötzlich aufhören zu existieren… Man muss also immer mit beiden Möglichkeiten rechnen. Man muss, um in einer Kirche mit den anderen getrennten Kirchen zu leben, Verzweiflung |324 auf der einen Seite und Illusionen auf der anderen Seite vermeiden. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir in der Mitte der Kirche leben. Die Kirche lebt in der Gefahr, nicht mehr Kirche zu sein. Aber es gibt keinen Grund zur Verzweiflung, weil man dann am Herrn verzweifeln müsste…

… Die Reformatoren hatten den Anspruch, nicht eine neue Kirche zu sein, sondern die wahre Kirche. Aber dieser Anspruch ist ein fast noch schwerwiegenderer Bruch, vom Moment an, in dem wir nicht nur eine neue Form der Kirche sein möchten… Wenn wir sagen, dass man ein neuer Zweig des Baumes ist…, während die römische Kirche einer dieser Zweige bleibt, ist die Kontinuität sehr einfach… Aber wenn wir beanspruchen, dass wir der Baum sind, wo ist da die Kontinuität? Die Reformatoren hatten nicht den Anspruch, dass die römische Kirche ein Zweig ist, sondern ein abgeschnittener Zweig, daher ist ihre Vorstellung die eines Bruchs…

Dazu ist noch die Proklamation des Dogmas von Mariä Himmelfahrt gekommen,74 die für mich ein Schock gewesen ist. Ich habe mir gesagt: Wo sind wir eigentlich? Ist das hier nicht ein irreparabler Bruch…?


Frage 9:

Was bedeutet Toleranz, Respekt vor der Freiheit in der Kirche? Welche Haltung soll man gegenüber den «Liberalen» einnehmen? Sie warnen stark vor dem Schisma ([KD] III/4, S. 567). Wie sollten wir uns in der Kirchenpolitik verhalten? Sollte Parteipolitik betrieben werden (um Stellen wieder zu besetzen, für eine Mehrheit in den Leitungsorganen der Kirche usw.)? Gibt es an diesem Punkt einen Unterschied zwischen Ihnen und Calvin: dass Sie weniger zur Anwendung eines gewissen Zwanges im Leben der Kirche zu neigen scheinen? Worin besteht die Kirchenzucht?

Wie ist das Wort des Paulus zu verstehen: Oportet haereses esse? (1.Kor. 11,1975)

325 Barth:

Toleranz, Achtung der Freiheit in der Kirche76… Sie ist möglich, und nicht nur möglich, sie ist notwendig, sie ist geboten… Wo wir einander finden in dem, was ich heute in meiner Antwort Erkenntnis, Liebe und Gehorsam Jesus Christus gegenüber genannt habe; da, wo man sich als Glieder desselben Leibes erkennt, mit den Unterschieden der Glieder (Unterschied der geistigen Gaben, der Aufgaben – ich sage nicht der menschlichen Neigungen –, der Pflichten). Es gibt in der Kirche viele Möglichkeiten der legitimen, und ich würde sogar sagen: der notwendigen Unterschiede. In diesem Zentrum, wo man in jedem der verschiedenen Glieder das Oberhaupt wiederfindet, wo man im Nächsten den anderen Christen wiederfindet, Christus selbst, seine Botschaft, seinen Geist, da ist die Toleranz selbstverständlich! Aber sie ist zweifellos nicht einfach, denn es gibt oft sehr seltsame Tendenzen unter den Gliedern des Leibes! … Ich erinnere Sie an die Kapitel 12 bis 14 des 1. Korintherbriefs… In der Kirche ist diese Toleranz geboten.

Aber jetzt geht es um die «Liberalen»77… Hier sind andere Fragen zu stellen. Es gibt Liberale und Liberale. Es ist nicht so einfach. Was ist ein Liberaler? Es gibt davon verschiedene Sorten, und es wäre vielleicht klug, eine Kategorie nicht als solche zu beurteilen. Aber offensichtlich gibt es, wenn sich jemand als Liberaler bezeichnet, Gründe, «Verdacht» zu schöpfen, aber keinen Grund zu sagen, Toleranz habe nichts damit zu tun… Eine andere Frage: Wissen Sie, es gibt einen |326 Liberalen in jedem von uns! In mir auf jeden Fall! … Und wenn man diesen Liberalen im schlechten Sinne des Wortes kennt, das heißt in sich selbst, dann bekämpft man ihn… Aber bekämpfen wir ihn zunächst in uns selbst. Dann wird es nicht mehr interessant sein, den Pfarrer Soundso zu bekämpfen; es wird derjenige in uns selbst sein, gegen den zu kämpfen interessant ist…

Eine weitere Frage vorab: Es gab sicherlich einen Liberalismus und Liberale in der Kirche im 17. Jahrhundert, die Gott benutzte, um vielleicht einfach die Sünden der Orthodoxie zu bestrafen. Man entdeckt Situationen, wo man sich sagt: Es ist eindeutig notwendig, dass es Liberalismus gegeben hat. In den gleichen Situationen des 17. oder 18. Jahrhunderts wären wir Liberale gewesen… Gott hat sich des Liberalismus bedient, um die Kirche zu einer gewissen Bescheidenheit zu rufen, um gewisse notwendige Korrekturen vorzunehmen… Auf jeden Fall gab es immer Liberale und Liberalismus unter uns und unter jenen, die sich überall Reformierte Kirche nennen, und es wird sie immer geben, wenn man nicht mehr erkennt, dass es in ihr um Jesus Christus geht. – Es geht nicht um bestimmte Formulierungen und Verneinungen, sondern um den Moment, in dem man schlicht einem fremden Geist gegenübersteht, in dem man sich sagt: Wenn das, was da gepredigt wird, was gepredigt und gelesen wird, wenn das die Kirche sein sollte, dann bin ich nicht mehr von dieser Kirche. Insoweit ich Jesus Christus zu kennen glaube, bin ich von dieser liberalen Kirche getrennt. Ich kann nicht erkennen, dass das guter Same ist. Ich kann das nur als Unkraut erkennen [vgl. Mt. 13,24–30], als eine Krankheit der Kirche… Unter dem Titel des Liberalismus trifft man diesen fremden Geist, dieses Unkraut… Man trifft ihn in seiner Nähe, in sich selbst. Der große Kampf gegen diesen Liberalismus, gegen diesen fremden Geist, ist eine Sache, die positiv angegangen werden muss, keine Ausgrenzung, keine Unterdrückung, weder geistlich noch moralisch. Verkündigen wir die gute Nachricht, und lernen wir, sie besser zu verkündigen, als wir das bisher getan haben. Und wenn wir uns vor dieser Aufgabe finden, werden wir vielleicht sehen, wie schwierig es ist, nicht liberal zu sein, das Richtige und Gute zu sagen. Die Aufgabe, die sich gegenüber dem Liberalismus stellt, muss eine aufbauende (konstruktive) Polemik sein und keine destruktive. Nach meiner Erfahrung geschieht der Kampf gegen den Liberalismus, sogar im theo|327logischen Bereich, viel mehr durch positive Aussagen als durch Kritik. Ich weiß nicht, ob Sie mit mir einverstanden sind, dass ich in meiner Karriere nicht viel reine Polemik gegen den Liberalismus gemacht habe. Was sie verärgert hat, ist das, was ich bejaht (affirmé) habe. Es hat sie irritiert, wenn ich von Jesus Christus gesprochen habe… Alle direkten Kämpfe haben etwas Schwaches an sich… Calvin war stark, als er ganz einfach die großen Wahrheiten des Glaubens ausgesprochen hat, als er sie wieder erkannt hat, wohingegen seine Polemiken in der «Institutio» zeitgebunden und ziemlich menschlich waren. Und wenn er stark war gegenüber den Wiedertäufern und den Katholiken, dann dadurch, dass er ganz einfach das gesagt hat, was zu sagen notwendig war… Natürlich muss man sich, um das zu tun, seiner Sache sicher sein. Oft, wenn man glaubt, es sei notwendig, direkte Polemik gegen die Liberalen zu betreiben, ist das ein Zeichen dafür, dass man seiner positiven Aussagen nicht sicher ist. Wenn man sich sicher ist, kann man die Liberalen zwar nicht tolerieren, aber sie als das sehen, was sie sind. Es gibt einige sehr bemerkenswerte Liberale. Für mich ist der Beweis, das Kriterium einer guten Position im Gegenüber zum Liberalismus des vergangenen Jahrhunderts, dass ich stets den christlichen Glauben ohne Liberalismus bejahen und gleichzeitig Schleiermacher lieben kann, die Struktur eines solchen Geistes schätzen, ihn begreifen; und das erlebe ich auch bei meinen Studierenden. Es ist so nützlich für sie, den Liberalismus zu studieren! … Jene, die sich nicht gerne mit dem Liberalismus beschäftigen, sind diejenigen, die Gefahr laufen, Liberale zu werden! … Das ist natürlich nur ein Kriterium, nämlich, dass man einen gewissen Liberalismus gegenüber dem Liberalismus haben muss! … Ich würde Ihnen also raten, sich immer wieder neu mit dem Liberalismus auseinanderzusetzen, mit Liebe, und nicht in einem Geist der Polemik. Auch wir wollen, dass man uns unsere Sünden vergibt, auch die theologischen Sünden! … Vergebung gibt es für die Heiden ebenso wie für die Gerechten … und auch für die Liberalen! Es fehlt uns an diesem einfachen Vertrauen, und ich füge hinzu: es fehlt uns auch an rechter Demut und an rechtem Humor – denn es braucht Humor im Gegenüber zu den Liberalen, weil die Liberalen immer trübselig sind, und man muss ihnen mit einem gewissen Humor helfen – und natürlich auch mit einer unerschütterlichen Hartnäckigkeit. All dies entspringt aus unserem Vertrauen in das |328 Wort Gottes. Wenn wir dieses Vertrauen haben und wenn wir in diesem Vertrauen leben und in den von mir soeben erwähnten Tugenden leben, dann muss man keine Angst haben. Was die Kirchenzucht betrifft, so geschieht sie durch das Wort Gottes. Der Liberale und der Liberalismus können nur durch das Wort Gottes verändert und beseitigt werden. Der Zwang, der für die Beseitigung des Liberalismus notwendig ist, kommt nicht von uns. Bleiben wir dem Dienst Gottes treu, und es wird Disziplin herrschen.

[Frage:]

Könnte es nicht, um den Liberalismus zu verhindern, die Annahme eines Glaubensbekenntnisses geben, mindestens durch die Pfarrer?

Barth:

Ich wünschte, wir hätten Kirchen, die ein Glaubensbekenntnis haben. Das Bekenntnis wird kommen, wenn wir gute Bekenner haben, und wir müssen zur bekennenden Kirche werden. Wir müssen damit beginnen, bekennende Kirche zu werden, denn die Kirche als solche ist zweideutig, wie die Ökumene. Sie nennt sich Kirche, Leib Christi. Ist das, was sich Kirche nennt, vielleicht nicht mehr als eine Gelegenheit zu predigen, an Jesus Christus zu glauben? Vielleicht ist das, was wir Kirche nennen, sogar nur ein Dach; und unter diesem Dach muss die wahre Kirche entstehen. Und es kann geschehen, dass das, was wir Kirche nennen, identisch mit der wahren Kirche wird, eine bekennende Kirche, die auch ein Glaubensbekenntnis haben wird… Man kann durch das Bekenntnis nichts suggerieren. Man kann nicht sagen: Hier ist das Bekenntnis, ihr müsst es annehmen. Man muss mit Anderen leben und darauf hoffen, dass unser Bekenntnis sie überzeugt. Alles, was wir können, ist bezeugen. Das muss getan werden; versuchen wir, es zu tun; und sie werden laut schreien. Aber es kann auch sein, dass dieses Zeugnis sie erreicht. Das ist der Weg in Richtung einer Kirche, die ein Bekenntnis hat.

[Frage:]

Finden Sie es auch bedauerlich, dass das Bekenntnis aufgegeben wurde?

Barth:

Ich finde nicht bedauerlich, dass das Helvetische Bekenntnis aufgegeben wurde.78 Faktisch war es ja schon aufgegeben, als es |329 aufgehoben wurde. Gewiss ist der Stand der Dinge, den wir jetzt haben, bedauerlich. Wir haben Kirchen, und niemand weiß genau, was sie wollen, was ihr Zeugnis ist. Aber statt für ein Bekenntnis zu kämpfen, würde ich lieber das gute Bekenntnis in dieser Kirche, so, wie sie ist, verkündigen.

[Frage:]

Man kann nicht zurückkehren und das erzwingen, was gewesen ist. Aber es ist bedauerlich, Kirchen zu haben, in die jeder kommen kann, wenn er nur aufrichtig und ehrlich ist.

Barth:

Man kann unsere offiziellen Kirchen nicht Kirchen Jesu Christi nennen. Es sind Gebäude, unter deren Dach das Evangelium von Jesus Christus verkündigt werden kann. Tun wir unser Bestes… Tun wir unser Bestes, um diese Leere zu füllen…

Gab es je eine Epoche der Kirche, in der wir eine gute Kirchenzucht hatten, sogar zur Zeit Calvins? Gewiss ist Kirchenzucht wesentlich… Und wie kann man sie ausüben? Ich würde sagen: Sie wird ausgeübt durch die Predigt, durch die Seelsorge, durch die Theologie… Ich könnte mir eine Gemeinde vorstellen, die sich weigert, diesen oder jenen Pfarrer wiederzuwählen, weil sie entscheidet, dass das, was er lehrt, nicht der christliche Glaube ist. Und die Gemeinden sollten darin unterrichtet werden, eine solche Kirchenzucht auszuüben… Es braucht eine geistliche Erfahrung vor dem Bekenntnis. Es braucht zunächst eine bekennende Kirche, und nicht eine konfessionelle Kirche. Man sollte keinen neuen Konfessionalismus einführen, keine Erweckung der guten alten Zeiten…

[Unterbrechung des Gesprächs; Fortsetzung am Abend des 2. Oktober 1951, 20.30 Uhr]


Barth:

Ich habe heute Nachmittag versucht, einige Fragen zu beantworten, zunächst zur Erneuerung der Kirche und dann zum inneren Leben der Kirche. Heute Abend wird es um die äußeren Beziehungen der Kirche gehen.

Aber zuerst gibt es, was die Frage 13 betrifft, noch ein letztes Element, mit dem ich mich noch nicht beschäftigt habe:

[Frage:]

«Wie ist es zu erklären, dass der Katholizismus, trotz seiner natürlichen Theologie, christozentrischer geblieben ist als der Neuprotestantismus?»

330 [Barth:]

Es scheint mir, dass der fundamentale Fehler dieser beiden Tendenzen derselbe ist.79


Frage 14:

Was kann der Beitrag der reformierten Kirchen im ökumenischen Dialog sein?

[Barth:]

Lassen Sie mich mit der Feststellung zu beginnen, dass ich diesen Begriff des «Beitrags» der Kirchen nicht besonders mag, besonders nicht, wenn es sich um die Kirche handelt, der ich angehöre!80 … Ich verstehe den Sinn dieses Wortes. Aber es scheint mir, als müssten es die Anderen sein, die zu uns über den «Beitrag» der reformierten Kirche reden, und niemals wir selbst… In den ökumenischen Diskussionen ist es nie ein guter Moment, wenn man beginnt, die Herrlichkeiten der eigenen Konfession hinzustellen und zu beschreiben und den Anderen sagt: Das sind die schönen Dinge, die wir mitzubringen haben. Im ökumenischen Dialog mag ich das Zuhören lieber als das Mitbringen…

Kurz und gut, nehmen wir an, dass diese Frage angebrachter ist, als es tatsächlich der Fall ist… Wenn wir die Anderen fragen, was sie interessiert oder was sie schockiert, wenn sie uns treffen, uns Reformierte, was sie bei uns kritikwürdig finden, gibt es eine Reihe von Punkten, die festgestellt werden. Ich werde sie benennen und dabei für jeden Punkt sagen, wie wir ihn verstehen sollten, ohne in unserer reformierten Tradition zu verharren, sondern indem wir sie sogleich durch die Teile an Wahrheit korrigieren, die die Anderen zu verteidigen haben… Es gab so viele Konferenzen zu diesem Thema… Zum Beispiel in der Presbyterian World.81 Erstens: Man beginnt im All|331gemeinen bei der «Souveränität Gottes»… Ich möchte zuhören und dann sagen: Ja, ja, das ist ein wesentlicher Punkt. Aber was ist die Souveränität Gottes? Es ist nicht die Herrlichkeit Ludwigs XIV.!82 … Es ist die Souveränität seiner Barmherzigkeit, die er in Jesus Christus aktualisiert und manifestiert hat… Selbst bei «unserem Vater Calvin» finde ich, dass diese Beziehung zwischen Gott und Jesus Christus in der Frage der Souveränität zu eng ist. Denn sie ist die Souveränität des Gottes, der sich uns in Jesus schenkt. Ein zweiter Punkt: Natürlich, wir sind die Kirche, die die Autorität der Schrift anerkennt: die Bibel und nur die Bibel… Es gibt so viele Dinge über diese Souveränität Gottes zu sagen, die die Propheten und die Apostel bezeugen. Aber erinnern wir uns, wie Calvin die Autorität der Bibel ausgelegt hat: Es ist die des Heiligen Geistes, der durch die Propheten und die Apostel gesprochen hat und der immer noch zu uns spricht. Es ist eine lebendige Autorität, keine tote. Diejenigen, die uns für Biblizisten halten, haben uns also missverstanden. In der Bibel geht es um den Heiligen Geist, folglich geht es in der Bibel um einen Gott, der immer zu entdecken ist, immer aufs Neue; und nicht um einen Gott, der fixiert ist, und zwar dort fixiert… Die Frage ist uns in einer neuen Weise gestellt, nicht durch die Zeit und die Umstände, sondern durch den Heiligen Geist, der uns in die ganze Wahrheit führt [vgl. Joh. 16,13]. Daher: ja, die Schrift, aber nicht so, wie sie am Ende des 16. Jahrhunderts verstanden wurde, eine Autorität, die ein «papierener Papst» war! Die Anderen sind [drittens] über die interessante Rolle überrascht, die das Bekenntnis in den reformierten Kirchen spielt. Sie sehen, dass auch wir Bekenntnisse haben, sogar einen Haufen Bekenntnisse! Schon im 16. Jahrhundert hat man die Calvinisten «Konfessionisten»83 genannt, das heißt: «die, die Mengen von Be|332kenntnissen haben». Niemals hat ein reformiertes Bekenntnis die gleiche Bedeutung erhalten, die gleiche Rolle gespielt wie das Augsburger Bekenntnis für die Lutheraner. Die Reformierten haben oft hinzugefügt: Wir bekennen diesen Glauben, bis dass der Heilige Geist uns Besseres lehrt. Die alten Reformierten maßen ihren Bekenntnissen einen relativen Wert zu. Für die Orthodoxen ist das schwer zu verstehen, und man fragt sich, wie es möglich war, dass eine konfessionell reformierte Orthodoxie entstehen konnte. Es ist bemerkenswert, dass die Orthodoxie damit von ihren reformierten Ursprüngen abgewichen ist. Man müsste ergänzen, dass dieser Relativismus der Bekenntnisse und diese Freiheit, die wir ihnen gegenüber haben, dazu dienen sollte, dass wir die Freiheit haben, bei jeder Gelegenheit mit dem Bekennen fortzufahren. Ein Bekenntnis, das im engen Sinn des Wortes ein Dogma wird, ist ein erstarrtes, gefrorenes Bekenntnis. In der reformierten Kirche ist es notwendig, dass der Frühling immer von neuem kommt und die Wasser fließen lässt, nicht dafür, dass wir mit dem Bekennen aufhören, sondern im Gegenteil dafür, dass wir immer wieder von neuem zum Bekennen geführt werden… Ein viertes Element, das die anderen erstaunt, – die einen bewundern es, die andern verabscheuen es –, ist die Ordnung der Kirche, diese berühmte Idee Calvins vom «Presbyterium», vom Diakonat, vom Pfarramt;84 und in den folgenden Jahrhunderten haben sich die reformierten Kirchen in vielen Ländern wegen dieser Ordnung eine imposante Form angeeignet, die eine seltsame Mischung aus Aristokratie und Republik war: es war eine aristokratische Republik! Gewisse Mitglieder anderer Kirchen beneiden uns deswegen, obwohl uns heute nur noch wenige Spuren davon geblieben sind… Aber wenn wir Lust haben, uns zu rühmen und vom «Beitrag» der Reformierten bezüglich der Ordnung der Kirche zu reden, dann müssen wir davon ausgehen, dass diese |333 Ordnung immer neu angeordnet wird – immer aufs Neue – durch Jesus Christus. Noch einmal, es gibt keine Ordnung – sogar diese berühmte reformierte Ordnung! – als eine Ordnung der Stabilität: Es ist Jesus Christus, der befiehlt, er, der anordnet, und nicht die Ordnungen, die letztendlich menschliche Dinge sind und die auch oftmals «Behinderungen» des Willens Gottes waren…

Ein letztes Element als Beispiel: Eine Bemerkung, die man von Seiten der anderen Kirchen an uns richtet, auch ein Vorwurf, ist, dass wir gehorsam sind, wir Reformierten: «Sie wissen, was Gehorsam ist!», sagt man. Andere sagen: «Sie sind Legalisten!»

Gehorsam, und auf der anderen Seite das Gesetz… Diejenigen, die uns für Legalisten hielten, hatten nicht immer Unrecht, wenn sie das sagten. Auf der anderen Seite wurde dieser Gehorsam durch die Historiker bewundert… Ja, das Gesetz, das Gebot, der Gehorsam sind wichtig, vorausgesetzt, wir verstehen, dass es nur ein Gesetz, nur eine Autorität gibt, die uns beherrschen kann und muss, und dieses Gesetz ist nicht das, was man gewöhnlich Gesetz nennt. Im Gegenteil, es ist das Evangelium. Gehorchen, nicht etwa einem finstern Willen, sondern der Gnade Gottes gehorchen: Das ist christlicher Gehorsam!

Gehorchen, nicht indem man einen Akt der Unterwerfung erfüllt – ja, es ist eine Unterwerfung, wenn [Sie] so wollen –, sondern es ist ein Gehorsam, der mit der Freiheit identisch ist. Das ist das gute Gesetz, das uns den Gehorsam der Freiheit gebietet: Es ist das Evangelium, es sind die Zehn Gebote, nicht im jüdischen Sinn, sondern verstanden im Sinn des Gnadenbundes – ebenso die Bergpredigt. Das Gesetz der guten Nachricht, das Gesetz, das uns eine Erlaubnis gibt, das ist das Gesetz, das uns wirklich «verpflichtet».

Wir müssen unsere Situation als Reformierte akzeptieren und unseren Beitrag leisten. Im ökumenischen Dialog wird dieser Beitrag schon durch den Beitrag der Anderen korrigiert, und ich glaube, dass wir in diesem Sinne wirklich gute Calvinisten, authentische Reformierte sein sollten. Aber um das zu sein, müssen wir uns von vielen Grenzen unserer reformierten Tradition als solcher freimachen…


Frage 15:

Man spricht viel über ein Handeln der Kirche zugunsten des Friedens. Was müsste Ihrer Meinung nach dieses Handeln sein? Ist nicht der erste Dienst der Kirche für den Frieden, dass sie ihre eigenen |334 Angelegenheiten in Ordnung bringt? Dann, dass sie auf die Errichtung von gerechteren Lebensbedingungen hinwirkt? Schließlich, dass sie durch ihre Predigt ein wenig Licht in die Dunkelheit aller Propaganda wirft?

Barth:

Die drei Punkte dieser Frage sind gut, und ich kann ihnen zustimmen… Lassen Sie mich vielleicht dasselbe etwas anders sagen.85 Ich würde sagen:

Es gibt sicherlich eine Möglichkeit der Kirche, sich für den Frieden einzusetzen. Sie würde darin bestehen:

1.) In erster Linie in der Bemühung der Kirche, sich immer zu erneuern, um ganz einfach Kirche zu sein, die Kirche Jesu Christi und nichts anderes. Denn ich frage mich, ob es in der heutigen Welt neben der Kirche noch eine andere dritte Kraft gibt… Wenn es eine gibt, dann kann es nur die Kirche sein. Es ist extrem schwer, etwas über ihr Handeln und über ihren genauen Ort zu sagen. Aber wenn es einen Punkt gibt, wo sich diese beiden gegensätzlichen Kräfte, diese beiden Welten, die wir heute haben, treffen könnten, wenn es einen Ort über dem Getümmel gibt, dann könnte das wahrscheinlich die Kirche sein. Und nur sie… Denn ich sehe keinen anderen Ort der Begegnung zwischen diesen beiden Welten. Aber damit das so ist, muss sie Kirche sein, und nichts anderes. Eine Kirche, die mit einer Nation, mit dieser oder jene Kultur, mit dieser oder jener Zivilisation, mit dieser oder jener Ideologie verbunden ist, kann dem Frieden nicht dienen… es ist unmöglich… Sie würde das tun, was viele Kirchen im Osten und im Westen tun – denn die im Westen tun es leider auch –: sie würde Partei ergreifen. Sie würde einen kalten Krieg führen, aber einen Krieg. Und was in erster Linie helfen kann, ist die Vorstellung einer freien, wirklich nach allen Seiten freien Kirche. Diese Freiheit kann nur mit Gehorsam koexistieren, und dieser Gehorsam bedeutet Gehorsam allein gegenüber Jesus Christus.

2.) Die Kirche soll also die Kirche Gottes sein, der der Herrscher ist über den Westen und den Osten, der Gott der Demokraten wie auch der Kommunisten. Abgesehen davon kann die Kirche die einzigartige |335 Bedeutung des Menschen als solchen nicht genug betonen. Der Mensch und nicht die Dinge oder die Ideen… Ganz einfach der Mensch. Die Welt ist nun zerrissen durch die Herrschaft der Dinge: Geld, Kapital, die Herrschaft bestimmter gigantischer Ideen, so wie jene des Ostens, des Kommunismus… Und wo ist da der Mensch in der Mitte? Was haben sie in Korea getan,86 beide, wirklich beide? Im Namen der Freiheit und der Gerechtigkeit hat man ein Ruinenfeld gemacht… das ist ein Beispiel! Millionen Tote, und der Mensch – niedergetreten?

Die Aufgabe der Kirche ist es, mit lauter Stimme zu sagen, dass der Mensch wichtiger ist als die Dinge und die Ideen; alle Güter der Welt, alle Wahrheiten der Welt wiegen nicht das Leben eines Menschen auf, eines einzigen Menschen, eines kleinen Kindes. Das ist es, was man vergisst, und vielleicht hat man es niemals richtig gewusst! Die Kirche Jesu Christi ist die Kirche Gottes – des wahren Gottes, und des Menschen – des wahren Menschen, und muss die Würde des Menschen verkünden, von der man so oft gesprochen hat, ohne zu wissen, was man sagt.

3) Ja, die Propaganda, die von den Götzendiensten ausgeht… Es ist seltsam: in einer materialistischen Welt, westlich und östlich, sind es die Götzendienste, die sich gegenseitig bekriegen! … Und jetzt müsste die Kirche gegen die Ideen den Logos verkünden – nicht eine -logie –, das Wort der Wahrheit. Die Welt ist voll von Lügen, und ich frage mich oft, was die schlimmsten Lügen sind. Man lügt auf beiden Seiten… Haben Sie nicht auch oft den Eindruck, dass wir genug haben von den Zeitungen? Sie lügen alle, alle…, auch unsere lieben Schweizer Zeitungen…, voll von Lügen. Man riecht etwas dahinter, vielleicht sind es die Dollars?! … Und natürlich gibt es die Propaganda des Ostens.87 Man kann sie nicht mehr lesen, auch nicht mit dem besten Willen, diese Leute zu verstehen. Sie lügen, und sie machen es auf eine viel rohere Art und Weise als die anderen; deshalb erkennt man es besser als bei allen anderen.

336 Gegenüber diesem Ozean von Lügen sollten wir die Wahrheit vertreten, dass zwei und zwei nicht fünf macht, sondern vier… Von allen Kanzeln unserer Kirchen müsste das verkündet werden, auf dass wir wieder einfach werden, fern von allen westlichen und östlichen Phantasien… Möge die Kirche ehrlich sein. Vielleicht hat es im christlichen Denken derzeit immer etwas «Unehrliches», Unanständiges, wo es an Einfachheit fehlt, am einfachen Akzeptieren der Gegenwart Gottes, der extremen Bedeutung des Menschen, des Nächsten… Stattdessen machen wir immer wieder Nuancierungen. Ich habe eine inständige Bitte an die Ökumene: seid einfacher, weniger diplomatisch, christlicher, direkter! Ihr seid künstlich. Seid weniger diplomatisch. Die Kirche sollte nicht diplomatisch sein, sie müsste klar sein, denn Klarheit ist Frieden. Wir haben eine sehr klare und einfache Botschaft, und das könnte unser christlicher Beitrag zum Frieden sein. Natürlich werden wir uns in diesem Fall nicht den sogenannten Friedensbewegungen anschließen können. Die Kirche hat anderes zu tun.

[Unterbrechung des Gesprächs; Fortsetzung am 3. Oktober 1951, 8 Uhr]


Frage 1:

Die biblische Anthropologie zeigt uns einen Menschen mit einer psychischen Struktur (σώμα, νοῦς, σάρξ, πνεῦμα usw.), die sich radikal von der unterscheidet, von der die klassische Psychologie berichtet, die auf einer geschichteten Vorstellung von Körper, Seele und Geist beruht, die platonischen Ursprungs ist. Was ist die Konsequenz dieses Unterschieds für die Beschäftigung mit der Psychologie aus christlicher Sicht? Ist eine experimentelle Methode denkbar, die diesen Unterschied berücksichtigt und nach einer neuen Orientierung sucht? Oder spricht die biblische Offenbarung nur zum neuen Menschen, der glaubt, was er ist, außerhalb von experimentellen Phänomenen?

Barth:

Diese Frage verwirrt mich ein wenig.88 Sicherlich gibt es eine Anthropologie, die gleichzeitig einfach und komplex ist, und die |337 uns den Menschen in seiner Ganzheit verstehen lässt. (III/2).89 Was können die Konsequenzen dieser Anthropologie für die Beschäftigung mit der Psychologie sein? Ich glaube, es ist nicht unsere Aufgabe, das zu sagen; es wäre eher Sache eines Psychologen, diese Konsequenzen zu ziehen.

Gewiss sprechen diese biblischen Offenbarungen nicht nur vom neuen Menschen, sondern vom Menschen, wie er ist. Auf den ersten Blick kann es dort also einen möglichen Dialog mit der Psychologie geben.

Man fragt mich, in welchem Maße die Psychologie diese biblischen Gegebenheiten (données) berücksichtigen könnte. Meiner Ansicht nach bestünde das darin, dass man akzeptierte, eine Leerstelle für die Gegebenheiten des Heiligen Geistes zu lassen: in einem Wort, die Frage nach dem Sein des Menschen offen zu lassen.


Frage 2:

Stellt der Band III/3 nicht in gewissem Maße eine Beschränkung, ein Korrektiv des klassischen Dogmas der Schöpfung ex nihilo90 dar?

Welche Beziehung besteht zwischen dem «Nichtigen» und dem «Bösen»?91

Ist es Absicht, dass B[arth] bei der Behandlung des Nichtigen den biblischen Ausdruck der ewigen Qualen nicht erwähnt? Ist damit eine zufriedenstellende Antwort gegeben, dass man sagt, die ewigen Qualen seien schlicht Teil dessen, was Gott verworfen hat, dessen, was Gott zurückgestoßen hat, nicht gewählt hat, nicht gewollt hat?

[Barth:]

Man fragt mich, ob ich gemäß dem Band III/3 meiner Dogmatik eine Beschränkung des klassischen Dogmas der Schöpfung ex nihilo eingeführt habe. Ich antworte:92 In einem gewissen Sinne |338 schon, denn die Schöpfung ex nihilo könnte nur eine Spekulation sein, mit der andere Spekulationen bekämpft werden (Monismus und Dualismus93). Ebenfalls in Bezug auf meinen Band III/3 fragt man mich, welche Beziehung ich zwischen «dem Nichtigen» und «dem Bösen» festlege. Der Ausdruck «das Nichtige» impliziert ein Urteil; er bedeutet nicht nur «das Nichts» (le rien), sondern – wenn Sie mir dieses Wortspiel erlauben: «das Nichtsnutzige» (le vaurien). Ich verstehe unter dem «Nichtigen» das Böse in all seinen Formen, was die alten Theologen «das malum physicum», «das malum morale» und «den Tod» genannt haben.94

Im selben Kontext fragt man mich nach Präzisierungen zu den ewigen Qualen. Das ist ein Thema, das ich im Text über die Versöhnung behandeln sollte. Lassen Sie uns hier einfach sagen, dass die ewigen Qualen nur die physische Form der Sünde sind, aber als solche sind sie Teil von dem, was Gott verworfen, zurückgestoßen hat. Erinnern wir uns immer daran, dass Jesus die ewigen Qualen an unserer Stelle erlitten hat. Es steht fest, dass die Hölle in der alten Kirche und sogar zur Zeit der Reformation als eine von Jesus Christus unabhängige Wirklichkeit verstanden wurde. Was man über sie sagte, spiegelte gewissermaßen nur das Elend jener Zeit wider.

Bei all dem haben wir nur einen Ausweg: die Rückkehr zum Kreuz. Es ist Gott, der gerichtet hat und der richtet, aber so, dass sein Gericht auf Golgatha geschehen ist. Das ist unsere einzige Zuflucht; wir sind aufgerufen, daran zu glauben und uns vollständig der Gnade anzuvertrauen.


Frage 6:

Enthält das Sakrament mehr oder etwas anderes als das gepredigte Wort? Wenn ja, was? Wenn nein, warum ist es noch notwendig?

339 Barth:

Das ist die Frage nach der Beziehung zwischen dem Wort und den Sakramenten.95 Ich verweise hier auf meinen Band I/2, in dem ich zu zeigen versucht habe, dass das Sakrament das Wort unter der Form einer sichtbaren Handlung ist, das Wort im Vollzug. Es zeigt uns, dass der Mensch eine Ganzheit ist und dass Gott sich nicht nur an seinen Verstand richtet. Ich würde also sagen, dass das Sakrament nicht mehr oder etwas anderes als das Wort enthält, sondern dasselbe in einer anderen Form. Es bezeugt, dass der Glaube nicht nur eine Sache des Denkens ist.

Ich bin allerdings mit dieser Antwort nicht völlig zufrieden. Sie wissen vielleicht, dass mein Sohn Markus96 gerade ein Buch über die Taufe veröffentlicht hat, in dem er die Idee eines Sakraments als solches zu beseitigen beabsichtigt.97 Nach ihm handelt es sich beim Sakrament um ein heidnisches Erbe gnostischer Herkunft. Mein Sohn versucht zu zeigen, dass die Christen, was dieses bestimmte Gebiet angeht, bis heute das Neue Testament im Lichte der Gnosis gelesen haben. Selbst die calvinische Tradition ist dieser Verzerrung nicht entkommen.

Es ist mir im Moment unmöglich zu sagen, ob mein Sohn Recht hat. Mit der Behauptung, dass Taufe und Abendmahl Ausdruck des gehorsamen Gebets und der christlichen Ethik seien, endet Markus Barth jedenfalls bei einem übersteigerten Zwinglianismus. Man kann bezüglich dieser Arbeit von einer wahrhaftigen Entmythologisierung98 der Taufe und des Abendmahls sprechen.

340 [Frage:

Sind Sie mit Cullmanns99 Unterscheidung zwischen der Herrschaft Christi und der Herrschaft Gottes einverstanden?]100

[Barth:]

Man fragt mich, ob ich mit Herrn Cullmanns Unterscheidung zwischen der Herrschaft Christi und der Herrschaft Gottes einverstanden sei.101 Grundsätzlich bin ich einverstanden, ich würde eine solche Unterscheidung allerdings nicht zu weit treiben. Im Neuen Testament fallen die Herrschaft Christi und die Herrschaft Gottes zusammen. Es ist die Herrschaft Gottes, die in Christus in einer verborgenen und versteckten Weise gekommen ist. Hier wie andernorts finde ich Cullmann zu geometrisch.


Frage 8:

Muss die Theologie eine Ontologie enthalten?102

Barth:

Man stellt mir diese Frage, weil man mir vorwirft, bei mir fehle eine Ontologie. Hier protestiere ich, denn was ich zu tun versuche, ist gute Ontologie zu betreiben. Die biblische Exegese an sich ist eine Ontologie. Gott hat sich so offenbart, wie er ist, und wir versuchen, uns darüber klar zu werden. Nach dem Neuen Testament gibt es ein Gottesbild, das all unsere Theologie bestimmt. Gott ist Mensch geworden, und es kann keine bessere Ontologie geben als diese gute Nachricht.

Unabhängig vom fleischgewordenen Worte Gottes eine Ontologie betreiben zu wollen, heißt in einem statischen System zu enden, heißt vom Heiligen Geist so zu sprechen, dass wir ihn nicht mehr brauchen.


341 Frage 16:

Welchen Platz haben die nicht-christlichen Religionen im Verhältnis zur Offenbarung? (siehe Band I/2)103

Barth:

Stellen wir gleich klar, dass es keine abstrakte Anthropologie gibt, die den von Gott getrennten Menschen beschreiben würde. Jeder Mensch steht in Beziehung zu Gott. Alle Religionen, einschließlich des Christentums, sind ein notwendiger Ausdruck der menschlichen Natur, die untrennbar mit Gott verbunden ist. Aber diese Natur wird durch die Sünde korrumpiert, so dass der Mensch als solcher auf der religiösen Ebene immer dem Götzendienst und seiner eigenen Gerechtigkeit verfallen wird. Der grundlegende Charakter der Religion besteht darin, dass der Mensch sich einen Gott nach seinem Bilde macht und versucht, diesem Gott zu genügen. Er kommt aus diesem Teufelskreis nicht heraus. Aber das Geheimnis der Offenbarung bedeutet: Dieser Teufelskreis ist durchbrochen. In diesem Sinne ist auch die christliche Religion, als Phänomen betrachtet, Heidentum. Aber die Offenbarung stellt uns vor den wahren Gott und seine freie Gnade. Sie verursacht eine Krise in Bezug auf die Religionen, ebenso wie auf den Sinn des Christentums selbst als Religion.

Was soll man also über die Irreligiosität denken, die unsere Zeit zu charakterisieren scheint, fragt man mich. Ich antworte: Gibt es darunter wirklich etwas Anderes als maskierte Religion? (vgl. den Kommunismus, den Existenzialismus, wo wir den Götzendienst und die eigene Gerechtigkeit wiederfinden, die auch das Wesen der Religion ausmachen).

Immer und überall begegnen wir dem religiösen Phänomen, und das ist die Sünde selbst, weil die Religion die höchste Form der Sünde ist.

Sachfußnoten

1
Brief K. Barths an Chr. Barth vom 25.11.1951 (KBA 9251.193).↩
2
Jacques de Senarclens (1914–1971), Pfarrer in Champel (Genf), 1951 Leiter des Genfer Verlags «Labor et Fides», in dem ab 1953 die französische Übersetzung von Barths «Kirchlicher Dogmatik» erschien, ab 1961 Prof. für Systematische Theologie in Genf. Senarclens hatte das «Centre protestant d’études» für theologisch-ethische Studien 1945 gegründet.↩
3
Zu Barths Teilnahme 1949 vgl. oben, S. 155–199.↩
4
Gemeint sind die im selben Jahr veranstalteten Gespräche in Zürich-Schwamendingen (I) und mit Aargauer Pfarrern; s. oben, S. 236–253 und S. 288–299.↩
5
Brief Ch. von Kirschbaums an J. de Senarclens vom 27.6.1951 (KBA 9251.107).↩
6
Ebd.↩
7
Vgl. Bulletin du Centre Protestant d’Études 3 (1951), Nr. 7 (Oktober), p. 1 📖: «un petit group d’étude qui traduit la ‹Dogmatique› pour son propre profit». – Es handelt sich um die Gruppe, aus deren Mitte unter Federführung von Senarclens und maßgeblicher Übersetzung durch Fernand Ryser die französische Ausgabe der «Kirchlichen Dogmatik» auf den Weg gebracht wurde: K. Barth, Dogmatique I–IV, Genève 1953–1969 📖.↩
8
Vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 2.10.1951. – Jaques Courvoisier (1900–1988), 1939–1969 Prof. für Kirchengeschichte in Genf; Fernand Ryser (1911–1977), Pfarrer in Genf.↩
9
Vgl. den Brief Senarclens’ an Barth vom 18.1.1951 (KBA 9351.633); dem Brief lagen fünf Tskr.-Seiten DIN A4 bei, die insgesamt 18 Fragen enthalten (KBA 45111).↩
10
Die Notizen umfassen sechs handschriftlich beschriebene DIN A5-Seiten (KBA 45110). Eine stringente Zuordnung zum Gesprächsverlauf ist mitunter schwierig, denn die Antworten gehen teils zusammenfassend auf mehrere, inhaltlich verwandte Fragen ein, zum Teil gibt es aber zusätzlich noch Notizen zu konkreten Aspekten auch dieser Fragen. Die Notizen zu einzelnen oder von Barth zusammengefassten Fragen können eine ganze Seite füllen (so die zusammenfassende Antwort auf die Fragen 10, 11 und 13), umfassen überwiegend aber nur wenige Zeilen oder gar nur einzelne Stichworte.↩
11
Vgl. Brief Barths an A. Frey vom 8.10.1951 (KBA 9251.168).↩
12
Vgl. Brief Senarclens’ an Barth vom 18.1.1952 (KBA 9352.39).↩
13
Vgl. Bulletin du Centre Protestant d’Études 3 (1951), Nr. 7 (Oktober), S. 1 📖: «[…] il a répondu d’une manière très libre, très familière et dans son français savoureux».↩
14
Reponses de Karl Barth à quelques-unes des questions qui lui furent posées, in: Bulletin du Centre Protestant d’Études 3 (1951), Nr. 7 (Oktober), S. 1–11 📖; Suite de l’entretien avec K. Barth, in: a.a.O., Nr. 8 (Dezember), S. 1–6 📖 (ein Exemplar in: KBA 45112).↩
15
Vgl. Brief Senarclens’ an Barth vom 18.1.1952 (KBA 9352.39).↩
16
Siehe unten, S. 335 bzw. S. 544.↩
17
G. B., Presse vendue?, in: La Vie protestante vom 11.1.1952, S. 5 📖 (ein Exemplar in: KBA 5636).↩
18
Karl Barth und die Presse, in: Schweizerische Politische Korrespondenz vom 17.1.1952 📖 (ein Exemplar in: KBA 5640).↩
19
MG., Die «böse» Presse, in: Der Bund, Jg. 103, Nr. 31 vom 20.1.1952 (Sonntagsausgabe), S. 2 📖 (ein Exemplar in: KBA 5667).↩
20
Randglossen zum Tage. Karl Barth und die Presse, in: Oberländer Volkszeitung vom 21.1.1952 📖 (ein Exemplar in: KBA 5649).↩
21
Taschenkalender Barth, Eintrag vom 18.1.1952.↩
22
Alfred Bollinger (1896–1992), 1922 Inlandredaktor, 1934 Chefredaktor der «Appenzeller Zeitung».↩
23
Vgl. Brief Bollingers an Barth vom 17.1.1952 (KBA 9352.37).↩
24
Prof. Barth und die Presse, in: Appenzeller Zeitung vom 21.1.1952 📖; auch in: O.Br. 1945–1968, S. 298–303 📖.↩
25
b-i, Theologisches Streiflicht, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 173, Nr. 234 vom 2.2.1952 (Morgenausgabe), Bl. 4 📖 (ein Exemplar in: KBA 5663). – Allein im Karl Barth-Archiv sind ein Dutzend überwiegend sehr kritischer Artikel zum Thema erhalten.↩
26
Abdruck: O.Br. 1945–1968, S. 303–307 📖.↩
27
Werner Bickel (1908–1982), 1929–1954 Redaktor der «Neuen Berner Nachrichten», 1933–1955 Geschäftsführer des Vereins der Schweizer Presse, 1942–1962 Mitglied des Bernischen Grossen Rates, 1955/56 dessen Präsident.↩
28
René Braichet (1910–1977), 1943 Chefredaktor beim «Feuille d’avis de Neuchâtel», für verschiedene Zeitungen tätig, 1952–1954 Präsident des Vereins der Schweizer Presse.↩
29
Im Original (s. Anm. 30): «avec quelque stupéfaction».↩
30
Vgl. Brief Bickels und Braichets an Barth vom 31.1.1952 (KBA 9352.75).↩
31
Vgl. Brief Barths an R. Braichet vom 4.2.1952 (KBA 9252.19): «Ce que je visais était notre situation dans la zone d’influence (politique et oeconomique) des USA et le reflet de cette situation dans notre presse.»↩
32
Vgl. a.a.O.: «Les informations et les jugements de (presque) toute notre presse sur le conflit mondial actuel sont unilateral.»↩
33
Barths anhaltender Streit mit dem Erziehungs- und Kirchendirektor des Kantons Bern, Markus Feldmann (1897–1958), der sich an seinen Stellungnahmen zum Ost-West-Konflikt und zum Kommunismus entzündet hatte, hatte 1951 zur von Barth nicht autorisierten Publikation seines Briefwechsels mit Feldmann durch die Bernische Staatskanzlei geführt (Kirche und Staat im Kanton Bern. Dokumente zur Orientierung des Großen Rates als Beitrag zur Diskussion, hrsg. von der Staatskanzlei Bern im Juli 1951) und war von einem regen und in der Regel – gleich, für welche Seite Position bezogen wurde – sehr einseitigen Presseecho begleitet; vgl. dazu insgesamt: D. Ficker Stähelin, Karl Barth und Markus Feldmann im Berner Kirchenstreit. 1949–1951, Zürich 2006 📖.↩
34
Vgl. Brief Barths an Braichet (Anm. 31): «Je regrette d’avoir parlé (à la hâte et un peu en colère) de tous les journaux Suisses.»↩
35
Vgl. Brief Bickels und Braichets vom 26.2.1952 (KBA 9352.128): «mais il [le Comité Central] ne saurait s’en montrer satisfait».↩
36
Vgl. J. de Senarclens, Presse Vendue?, in: La Vie protestante vom 25.1.1952, S. 9 📖 (ein Exemplar in: KBA 5653): «A ma connaissance, aucune personne présente n’a retiré de ce passage l’impression que l’auteur accusait positivement la presse de toucher de l’argent de l’étranger.»↩
37
Vgl. ebd. – Schon der Abdruck des Protokolls im «Bulletin» (Anm. 14) war durch eine entsprechende Bemerkung eingeleitet worden: «Diese Notizen wurden nicht durch den Verfasser durchgesehen: sie können daher nicht wie ein sorgfältiger Text verwendet werden, von dem jedes Wort abgewogen worden wäre» (im Orig.: «Ces notes n’ont pas été revues par l’auteur: elles ne peuvent donc pas être utilisée comme un text soigné et dont chaque mot aurait été pesé.»).↩
38
Siehe oben, Anm. 14.↩
39
Vor allem deshalb, weil Barth in diesen Notizen die Fragen thematisch sortierte, weicht die Reihenfolge, in der sie im Gespräch beantwortet wurden, von der ab, in der sie ihm vorab übermittelt worden waren. Die eigenen Stichpunkte zu Einzelaspekten ansonsten im Komplex beantworteter Fragen (s. Anm. 10) sind am zugehörigen Platz angemerkt.↩
40
Siehe unten, S. 521–549.↩
41
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «‹Erneuerung› der Kirche (10, 11, 13)
  Erneuerung? Die Kirche als solche ist die Gegenwart und die Tat der großen Neuigkeit: Gott mit und für uns in J[esus] Ch[ristus] – immer, unter jeder Bedingung, mit, ohne, gegen uns Christen
  Erneuerung: Eine neue Erinnerung und eine neue Erwartung des Herrn. Ein neues Erkennen, neue Liebe, neuer Gehorsam
  [Neu: klarer, freundlicher, drängender, fröhlicher, ernsthafter als vorher] / Achtung? / Einfluss? / Zahl? / Studium / Arbeit / Gebet
  Geschieht in uns und durch uns, aber durch Ihn selbst bewirkt (H[ei]l[iger] Geist!)».↩
42
Gemeint ist die auf den katholischen Theologen und Religionsphilosophen Erich Przywara SJ (1889–1972) zurückgehende Figur der «analogia entis». Zu Barths Auseinandersetzung damit vgl. etwa KD I/1, S. VIII, KD II/1, S. 86–92 📖, sowie Bw.Th. II, S. 641, Anm. 3 📖.↩
43
Erstes nachreformatorisches Konzil der römisch-katholischen Kirche (1545–1563), auf dem die katholische Lehre im Gegenüber zur reformatorischen neu festgeschrieben wurde; vgl. DH 1500–1835 📖.↩
44
Gemeint ist der Ökumenische Rat der Kirchen, bei dessen Gründungsversammlung in Amsterdam Ende August / Anfang September 1948 Barth anwesend war und mitgearbeitet hat. Vgl. oben, S. 39.↩
45
Antwortnotizen Barths (Anm. 10):
«Wiederausrichtung. Zur Reformation?! Zur Bibel?! Zu den Wahrheiten und Aufgaben[,] die sich stellen?! Ja, aber vor allem: zum lebenden und lebendig machenden Wort Gottes.
  •    ‹Wiederausrichtung› kann sich nicht auf eine Reaktion beschränken, auf den Rückzug in eine Vergangenheit. Vorwärts!
  •    Hin zu einem besseren Verstehen sowohl der Reformation als auch der Bibel als auch unserer ‹Wahrheiten› und Aufgaben
  •    Aktion auf die Zukunft hin, nachdem man bestimmte Lektionen der Vergangenheit gelernt hat
  •    Aktion der Anwendung auf die Schwächen, Traurigkeiten, Krankheiten der Gegenwart
  •    Aktion der Suche nach neuen Formen des Denkens und des Redens
  •           } Prophetische Offenbarung, nicht ohne Gefahren und Versuchungen, die Mut verlangt!»
↩
46
Antwortnotizen Barths (Anm. 10):
«Zeichnet sich [eine] solche Wiederausrichtung in der Kirche in unseren Tagen ab?
   Andere haben es vor uns geglaubt, mit und ohne Grund
   Sind in der Stille geschehen, in kleiner Zahl
   ‹sich abzeichnen› = Phänomene (Nostalgie, Hoffnungen, Anstrengungen, Versuchungen…)[.] Gott weiß, ob es eine Erneuerung gibt. Denken wir nicht darüber nach! Vertrauen wir nicht nur auf das, was wir sehen! Leben wir, arbeiten wir! beten wir!»↩
47
Siehe oben, Anm. 2.↩
48
Vgl. KD III/4, S. 559–561 📖.↩
49
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Die vier Punkte:
  •   1. Die K[irche] das Volk Gottes – nicht identisch mit einer Bevölkerung
  •   2. das lebendige Volk – [nicht identisch] mit den Angehörigen einer Institution
  •   3. Dienstgemeinschaft im Horizont des Königreichs – kein menschliches Unternehmen
  •   4. Allgemeiner und genereller Dienst – ohne Beschränkung auf die Würdigen und auf die Pfarrer
  Hoffen wir, dass die Erneuerung auf diesen Linien geschieht! Arbeiten? Diese Kirche, ihre Glieder sein!»↩
50
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Reform der Liturgie vor oder nach der Erneuerung
  R[eform] der K[irche] = R[eform] ihrer Liturgie = ihres Gebets. Grund, über die Ernsthaftigkeit der gegenwärtigen Erneuerung nachzudenken!»↩
51
Der Ausdruck «Réveil» bezeichnet eine pietistische Erweckungsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts in der französischsprachigen Schweiz und in Frankreich; vgl. E. G. Rüsch, Art. «Réveil», in: RGG3 V, Sp. 1077 📖.↩
52
Johannes Chrysostomos (ca. 349–407), Erzbischof von Konstantinopel und bedeutender Kirchenvater.↩
53
Willem A. Visser ’t Hooft (1900–1985), mit Barth befreundeter niederländischer reformierter Theologe, 1948 erster Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.↩
54
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Ökumenischer Rat? Doppelte Form:
  Annäherung und Zusammenarbeit der Kirchen, wie sie sind?
  Nachfragen nach ‹Erneuerungen›, die anderswo geschehen?»↩
55
Jean-Paul Sartre (1905–1980), französischer Philosoph und Schriftsteller.↩
56
Karl Jaspers (1883–1969), deutscher Philosoph, ab 1948 Prof. für Philosophie in Basel.↩
57
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), deutscher Philosoph, wichtigster und wirkmächtiger Vertreter des deutschen Idealismus.↩
58
Alexandre Vinet (1797–1847), Schweizer reformierter Theologe und Literaturwissenschaftler, von der Westschweizer Erweckungsbewegung geprägt; Vordenker der 1847 gegründeten, von der Landeskirche getrennten «Église évangélique libre du Canton de Vaud».↩
59
Aurelius Augustinus (354–430), nach seiner Bekehrung zum Christentum einer der großen lateinischen Kirchenväter.↩
60
Lateinisch für: «sichtbares Wort»; vgl. z. B. Augustin, Contra Faustum 19,16 📖: «quid enim sunt aliud quaeque corporalia sacramenta nisi quaedam quasi uerba uisibilia, sacrosancta quidem uerum tamen mutabilia et temporalia?» (CSEL 25, S. 513,7–10).↩
61
Der Friedenskuss ist eine auf antik-christliche Traditionen zurückgehende liturgische Handlung (vgl. M. Ph. Penn, Art. «Kuss», in: RGG4 IV, Sp. 1906–1908 📖).↩
62
Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden verschiedene liturgische Reformbewegungen, von denen die 1922 gegründete «Berneuchener Bewegung» um Wilhelm Stählin (1883–1975), Fakultätskollege Barths in Münster, und Karl Bernhard Ritter (1900–1983) die wirkmächtigste werden sollte. Man verknüpfte dort Impulse aus der Jugendbewegung mit neuen Formen gegenseitiger seelsorgerlicher Begleitung und liturgisch-hochkirchlichen Traditionen und näherte sich später ökumenischen Formen. Zur Kritik Barths daran vgl. K. Barth, Die Lehre von den Sakramenten [1929], in: V.u.kl.A. 1925–1930, S. 393–441, dort S. 416f. 📖↩
63
Die Schilderung weist hin auf ein wesentliches Element der Osternachtfeier, deren Wiedereinführung auch in der evangelischen Kirche ein Anliegen der Liturgischen Bewegung war. Gerade 1951 erschien: W. Stählin /H. Schumann, Die Heilige Woche. Ordnungen für die Gottesdienste der Karwoche und die Feier der Osternacht, als Entwurf hrsg. im Auftrage des liturgischen Ausschusses der Evangelischen Michaelsbruderschaft, Kassel 1951 📖.↩
64
In einem Bericht über die Ungarnreise von 1936 schrieb Charlotte von Kirschbaum: «Sehr bewegend trat uns die Eigenart des ungarischen Wesens und Empfindens entgegen im Gesang, sei es nun im Kreise der Studenten oder auch bei kirchlichen Anlässen wie z. B. der Universitätseröffnungsfeier in der Kirche zu Debrecen. Choräle ertönten wie Schlachtgesänge und haben uns in ihrer Wucht und Ursprünglichkeit wie auch in ihrer seltsamen magyarischen Fremdheit stark beeindruckt» (Ch. von Kirschbaum, Brief über unsere Herbstreise in den Osten [Ungarn und Siebenbürgen 1936], eingeleitet und erläutert von Á. Ferencz [Schriftenreihe der Karl Barth-Gesellschaft, H. 5], Bünde 2000, S. 35 📖).↩
65
Handschriftliche Anmerkung im Text: «2 Cor. 2:19»; gemeint sein kann aber nur 1.Kor. 11,19.↩
66
Das Ökumenische Institut in Bossey (VD) wurde 1946 gegründet und ist seit 1948 Studienzentrum des Ökumenischen Rates der Kirchen.↩
67
Hendrik Kraemer (1888–1965), niederländischer reformierter Theologe, 1948–1955 Direktor des Ökumenischen Instituts in Bossey.↩
68
Suzanne de Diétrich (1891–1981), elsässische protestantische Theologin, 1946–1954 Dozentin am Ökumenischen Instituts in Bossey.↩
69
Die «Kommission der Fünfundzwanzig», der auch Barth angehörte, hatte sich vom 20. bis 30. Juli 1951 in Rolle VD getroffen, um inhaltliche Vorarbeiten für die Weltkirchenkonferenz in Evanston (1954) zu leisten (vgl. dazu Bw. Visser ’t Hooft, S. 238f. 📖).↩
70
Der Satz steht auch im Original in deutscher Sprache. Vgl. D. Vorwerk, Kann auch ein Pastor selig werden?, Schwerin 1910 📖.↩
71
Möglicherweise denkt Barth insgesamt an seine Mitarbeit in der «Kommission der Fünfundzwanzig», von der seine Eindrücke überwiegend negativ waren (vgl. Busch, S. 410.413 📖); es kann aber auch sein, dass ihm konkret sein Zerwürfnis mit Albert Bereczky (1893–1966; seit 1948 Bischof der Reformierten Kirche Ungarns) vor Augen stand, das sich an dessen äußerst einseitiger Kritik am Ökumenischen Rat der Kirchen und allgemein an seiner regimetreuen Haltung der kommunistischen ungarischen Regierung gegenüber entzündet hatte (vgl. O.Br. 1945–1968, S. 274–289 📖).↩
72
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «(Die vorausgesetzte Konstruktion [Einheit in Bezug auf die Taufe, Spaltung in Bezug auf das Abendmahl] hält nicht)
  Gewiss geschehen die Trennungen im Herzen der Kirche. Aber vergessen wir nicht: Jede von ihnen enthält die Gefahr, sich vom Herzen der Kirche zu trennen.
Die Alternative: Kontinuität oder Bruch? stellt sich immer neu und unter wechselnden Aspekten. Man muss mit beidem rechnen. Weder Verzweiflung noch Illusionen!»↩
73
Hervorhebungen vom Hrsg. in Angleichung an die Notizen Barths eingefügt.↩
74
Am 1. November 1950 hatte Papst Pius XII. (1876–1958) in der Apostolischen Konstitution «Munificentissimus Deus» das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündet (DH 3900–3904 📖; vgl. dazu auch O.Br. 1945–1968, S. 526f., Anm. 7 📖).↩
75
Im Original irrtümlich 2.Kor. 11,19.↩
76
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Toleranz ist in der Kirche da möglich und notwendig, wo man sich gegenseitig in der Erkenntnis, der Liebe und im Gehorsam Jesu Christi wiederfindet, wo man Ihn im Nächsten wiederfindet.»↩
77
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Die Liberalen. Es gibt L[iberale] und L[iberale]! Es gibt den ‹Liberalen in uns›! Es gibt den Liberalen, den Gott benutzt, um uns zu bestrafen, um uns an gewisse Grenzen zu erinnern, um uns zu korrigieren!
    Es gibt solche, in denen J[esus] Ch[ristus] und seine Kirche nicht mehr erkennbar sind, die nicht predigen, nicht in die Kirche senden, die das ‹Unkraut› sind. Die Krankheit der Kirche!
    Was soll man tun? Die gute Nachricht predigen! Die Predigt[?] für[?] die Gemeinden[?] halten. Die Unterlegenheit des ‹Liberalismus› zeigen. Positive Polemik. Die Disziplin durch das Wort ausgeübt sein lassen!
    Haben wir Vertrauen darauf! Bescheidenheit, Liebe, Beharrlichkeit».↩
78
Die verpflichtende Geltung des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses war in den Reformierten Kirchen der Schweiz im 19. Jahrhundert abgeschafft worden; vgl. E. Campi, Confessio Helvetica posterior, 1566, in: RefBS 2/2, S. 243–345, dort S. 255 📖.↩
79
Antwortnotiz Barths (Anm. 10): «Katholizismus christozentrischer als Neoprotestantismus? Ist das wahr?»↩
80
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Beitrag der Reformierten Kirchen? – Mögen die Anderen entscheiden! Mögen wir zuhören
Souveränität Gottes – in J[esus] Ch[ristus]!
Autorität der Schrift – immer von neuem anerkannt
Relativität des Bekenntnisses  – um besser bekennen zu können!
Kirchenordnung – den Ordnungen Christi untergeordnet
Gehorsam – dem Evangelium gegenüber!»
↩
81
Möglicherweise denkt Barth an die 1875 gegründete «World Presbyterian Alliance», die ihn 1947 für einen Vortrag an ihrer 1948 durchgeführten Generalversammlung gewinnen wollte (vgl. die entsprechende Anfrage des Generalsekretärs W. H. Hamilton [1900–1979] vom 17.8.1947 [KBA 9347.894]).↩
82
Ludwig XIV. (1638–1715), französischer absolutistischer König, der nicht zuletzt aufgrund seines prunkvollen Auftretens «Sonnenkönig» genannt wurde.↩
83
Als Bezeichnung speziell der Calvinisten konnte das Wort nicht belegt werden; traditionell meinte es vielmehr die (lutherischen) Anhänger der Augsburger Konfession. Vgl. aber die Polemik bei G. de Flotte, Les sectes protestantes ou histoire alphabétique des divisions survenues dans la réforme depuis Luther jusqu’a nous jours, Paris / Nimes 1856, S. 125f. 📖: «Nous ne pouvons même mentionner la multitude des confessions dressées par la multitude des sectes; seulement, depuis Zwingle jusqu’à la mort de Calvin, on compte cinq confessions de foi helvétiques! Encore moins pouvons-nous caractériser chacun d’elles. Quelques-unes diffèrent peu des autres; quelques-unes s’en séparent complétement; toutes prouvent la folie de la raison humaine abandonnée à elle-même, sans frein, sans guide, sans boussole, sans autorité.» Im Anschluss folgt eine Aufzählung der verschiedenen «confessionistes» (a.a.O., S. 126–131): unter anderem «de Bâle», «de Belgique», «de Francfort», «de Strasbourg», «de Wirtemberg» und «de Zurich».↩
84
Vgl. Inst. IV, 3 📖.↩
85
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Aktion für den Frieden / Kirche sein = dritte Kraft / Auf der Würde des Menschen beharren / Die Begrenzung aller Ideologien einfordern».↩
86
Zum 1950 ausgebrochenen Korea-Krieg vgl. oben, S. 246f., Anm. 38. ↩
87
Dieser Satz wurde in Karl Barth und die Presse (Anm. 18) 📖 wiedergegeben als: «Und natürlich gibt es die westliche[!] Propaganda!» – R. Wyss, Die Welt ist voll von Lügen, in: Oberländisches Volksblatt, Nr. 11 vom 21.1.1952 📖 (ein Exemplar in: KBA 5643), wies auf diese fehlerhafte Wiedergabe hin.↩
88
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Situation des Menschen nach der biblischen Anthropologie: Ganzheit des Menschen, der Geist beherrschendes Prinzip, Einheit, Unterschied, Ordnung zwischen der Seele und dem Leib».↩
89
Hinweis auf die im Rahmen der Schöpfungslehre entfaltete Anthropologie in KD III/2 📖.↩
90
«Schöpfung aus dem Nichts»: In der frühchristlichen Theologie in Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie entwickelte Vorstellung eines voraussetzungslosen Erschaffens der Welt durch Gott.↩
91
Die Begriffe «Nichtiges» und «Böses» stehen hier, in Barths Antwort und in seinen Antwortnotizen (s. folgende Anmerkung) auch im Original in Deutsch.↩
92
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «a) Einverstanden! ‹cr[eatio] ex nih[ilo]› (nicht [?] = Gott, nicht: unabhängig) gehört in die Anthropologie / b) Nichtiges in der Todesordnung (= Böses) / c) ewige Qualen = Folge der falschen Entscheidung».↩
93
Während in monistischen Modellen ein einziges, allem zugrunde liegendes Prinzip behauptet wird, aus dem sich alle Phänomene in der Welt ableiten lassen, geht der Dualismus von zwei voneinander völlig unabhängigen und gegensätzlichen Grundkräften aus.↩
94
In der Tradition werden mit «malum physicum» die natürlichen Übel, mit «malum morale» das auf den Menschen zurückzuführende Böse bezeichnet.↩
95
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Sakrament: Handlung des Bekenntnisses, der Behauptung, der Annahme / als solche sichtbares Wort».↩
96
Markus Barth (1915–1994), ältester Sohn Karl Barths, 1940 Pfarrer in Bubendorf, 1953 Prof. für Neues Testament in Dubuque (USA), 1956 in Chicago, 1963 in Pittsburgh, 1973 in Basel.↩
97
M. Barth, Die Taufe – ein Sakrament? Ein exegetischer Beitrag zum Gespräch über die kirchliche Taufe, Zollikon-Zürich 1951 📖.↩
98
Anspielung auf das mit Rudolf Bultmanns Namen verbundene Programm einer «Entmythologisierung des Neuen Testaments»; vgl. R. Bultmann, Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung, in: ders., Offenbarung und Heilsgeschehen (BEvTh 7), München 1941, S. 27–69 📖; einzeln als Nachdruck (BEvTh 96) hrsg. von E. Jüngel, München 1985 📖.↩
99
Oscar Cullmann (1902–1999), 1938–1972 Prof. für Alte Kirchengeschichte und Neues Testament in Basel; im Folgenden geht es um seine Schrift: O. Cullmann, Königsherrschaft Christi und Kirche im Neuen Testament (ThSt[B] 10), Zollikon-Zürich 1941 📖.↩
100
Diese Frage ist – vermutlich, weil sie in Barths Antwort zitiert wird – im Protokoll nicht abgedruckt.↩
101
Antwortnotizen Barths (Anm. 10): «Die (doppelte) H[errschaft] J[esu] Ch[risti] kündigt das R[eich?] Gottes an».↩
102
Auf dem Frageblatt (Anm. 9) findet sich eine ausführlichere Formulierung der Frage: «Schätzen Sie es so ein, dass die Theologie eine Ontologie enthalten muss? (vgl. Thomas [von Aquin] – und die institutionalistische Tendenz von heute». – Im frz. Original: «Estimez-vous que la théologie doive comporter une ontologie? (cf. St Thomas – et la tendance institutionnaliste à l’heure actuelle)».↩
103
Auch diese Frage ist im Barth zugesandten Frageblatt (Anm. 9) ausführlicher formuliert: «Wie muss man die nichtchristlichen Religionen im Verhältnis zum Geheimnis der Offenbarung einordnen? Welche anthropologischen Phänomene repräsentieren sie?» – Im frz. Original: «Comment faut-il situer les religions non chrétiennes par rapport au mystère de la Révélation? Quels phénomènes anthropologiques représent-elles?» – § 17 von KD I/2 📖 (S. 304–397) trägt den Titel «Gottes Offenbarung als Aufhebung der Religion».↩