Anlässlich der theologischen Arbeitstagung im nahegelegenen Herborn vom 27. bis 31. März 19511 schickte die in Dillenburg ansässige «Dill-Zeitung» einen Reporter dorthin, um mit Gustav W. Heinemann und Barth zwei der «prominenten Persönlichkeiten des evangelischen Geisteslebens»2 zu interviewen. Ein Abdruck des Gesprächs erfolgte noch während der Tagung: DZ-Gespräch mit Karl Barth und Dr. Heinemann. Das Problem der deutschen Wiedervereinigung – Barth: Rußland will keinen Krieg, in: Dill-Zeitung, Jg. 112, Nr. 73 vom 29.3.1951, S. 1f.
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Man sprach nicht zu dritt: Als das Gespräch mit Heinemann beendet war, musste der Reporter noch einige Zeit auf Barth warten. Der zweite, dem Gespräch mit Barth gewidmete Teil des Artikels dient im Folgenden als Grundlage der Edition.
Prof. Karl Barth…
Und dann kam Professor Karl Barth. Ein freundlicher älterer Herr, sehr liebenswürdig, von einer gewinnenden Schlichtheit.3 So gelockert und natürlich, wie es in unserer schweren deutschen Atmosphäre kaum noch Menschen gibt. Höchstens aus der Naturverbundenheit heraus, wie sie die Arbeit und der Dienst am Boden formen. «Was soll ich Ihnen sagen?» fragt er lächelnd, «ich bin ein kleiner, einfacher Mann.» Mit dem Wort «einfach» hat er sicher recht, aber in einem besonderen Sinne. Wer das Gewirr des Lebens zum Einfachen entwirren konnte, der wird selbst einfach…
Wir kommen ins Gespräch. Es beginnt bei dem scheinbaren Wohlstand, der Professor Barth auffiel, als er jetzt Deutschland nach drei|286einhalb Jahren wiedersah. Bei uns kann man heute besser leben als in vielen Ländern, wenn man es «kann». Also eine Scheinblüte… Und dann sind wir in der Politik: Sollte nicht ein Vertrag zwischen beiden Seiten – gemeint ist der Westen und der Osten – möglich sein, der Deutschland eine unbewaffnete Neutralität garantierte? Könnte das nicht im Interesse beider Mächtegruppen liegen? Durch Verträge und angemessene Handels- und Wirtschaftsbeziehungen nach beiden Seiten müsste man die Existenz Deutschlands sichern. Es gehe um den Punkt des gemeinsamen Interesses.
Dr. Heinemann hatte bereits von Prof. Barth gesagt, bei aller negativen Beurteilung des Kommunismus glaube er nicht an die Entschlossenheit zu einem Krieg. So sehr Barth 1938 davon überzeugt gewesen sei, dass Hitler den Krieg wollte, so wenig halte er es jetzt für wahrscheinlich, dass die Russen einen Krieg anstrebten. Sie seien wohl Revolutionäre, aber keine Soldaten. Barth bestätigte das: «Ich glaube nicht, dass es einen Krieg gibt. Russland ist zwar schrecklich, aber sie planen keinen Krieg, weil sie keinen Krieg führen können. Sie werden nur bluffen.»
Karl Barth fuhr fort, nach allem, was er in Deutschland höre, sei hier der Tiefstand der Moral, auch der Wirtschafts- und Steuermoral, die große Verlegenheit. Das sei nach Ansicht Heinemanns ein weiterer Grund, keinen Krieg zu führen, denn in einer solchen Verfassung könne ein Volk keinen Krieg führen. In der Hitlerzeit seien alle Begriffe durcheinandergekommen. In Gesprächen mit deutschen Studenten habe er immer wieder große Mühe, ihnen zu sagen, etwas wie Ernstes die Politik sei.
Barth bestätigte, dass die Friedenspropaganda der Ostzone nicht echt sei. Die Stockholmer Friedensparolen4 seien eine einzige Hetze gegen die Amerikaner. Aber trotzdem solle man nicht so tun, als ob es morgen Krieg gebe. England und Frankreich und die Beneluxstaaten wollten keinen Krieg. In Amerika gebe es zwar eine Kriegspartei, aber Truman5 gehöre nicht zu ihr. Und wenn es zu einem Krieg kommen |287 sollte, könnten deutsche Kriegsvorbereitungen ihn nicht aufhalten. Für Deutschland gebe es dann zwei Möglichkeiten: Mit einer schwachen eigenen Armee zu einem Kriegsgegner von Russland zu werden, oder aber schwach und wehrlos zu bleiben und keines Kriegspartner zu sein. Letzteres wäre das geringere Übel…