27. Dezember 1950

Gespräch in Zürich-Schwammendingen [I]

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GESPRÄCH IN ZÜRICH-SCHWAMENDINGEN [I]

1950

Im Herbst 1950 war es dem ehemaligen Studenten Barths, Hans Studer1, damals einer der Pfarrer des Pfarrkonvents Zürich-Schwamendingen, gelungen, seinen Basler Lehrer zu einem «Kolloquium» in seine Gemeinde einzuladen.

Die nicht erhaltene, noch lose Absprache für die «Woche zwischen Weihnachten und Neujahr» präzisierte Studer Anfang November so: «Wir laden ringsherum die Kollegen, welche sich wirklich für ein Kolloquium mit Ihnen interessieren, ein. […] Ich rechne mit einer Beteiligung von ca. 30–50 Personen. […] Die 10–12 Fragen werde ich Ihnen rechtzeitig zukommen lassen.» Er lud Barth zu einem gemeinsamen vorherigen Mittagessen ein und bot an, ihn «per Auto am Bahnhof» abzuholen; zudem kündigte er an, dass er auch für «eine gute Zigarre […] besorgt sein» werde.2 – Als Termin wurde schließlich der 27. Dezember 1950 vereinbart, und aus den 10–12 Fragen waren, als Barth sie zugeschickt bekam, beinahe 40 geworden.3

Nach dem Gespräch schilderte Barth in verschiedenen Briefen seine Eindrücke von der Begegnung. Noch im Dezember teilte er Heinrich Vogel4 mit: «Ich habe mir vorige Woche einen Tag lang unter 40 Züricher Pfarrern über Erwählung, Eschatologie und bes. Ost-West die Zunge abgewetzt und war nachher für 24 Stunden erledigt.»5 Seinem Sohn Christoph berichtete er: «In den Weihnachtsferien bin ich (noch im alten Jahr) in Zürich gewesen, um einer Veranstaltung von etwa |237 50 Pfarrern auf 15 theologische und 22 (!) politische (lauter ost-westliche) Fragen zu antworten. Ich fand sie völlig verängstigt durch die Greuelpropaganda, die dort von Brunner6 (auch von der Kanzel aus) getrieben wird und hatte Anlass, sie zu fragen, wie das eigentlich mit der Epistel vom vierten Advent,7 über die sie doch wahrscheinlich inzwischen gepredigt hätten, bei ihnen stehen möchte – um vom Weihnachtsevangelium schon gar nicht zu reden!»8 Und vom Ende des Gesprächs, als zutage getreten war, dass es zwischen ihm und einem Teil der Zürcher Pfarrer in der Einschätzung der weltpolitischen Lage große Differenzen gab, schrieb er: «Ich habe die Pfarrer gefragt, ob es nicht am Platz wäre, zum Schluss jetzt das Lied ‹Zittere nit eso, tue nit eso, s’ Hüsli fallt hüt nit um›9 zu singen.»10

Der an ihn herangetragenen Bitte, er möge doch in Zukunft häufiger nach Zürich kommen, wollte er nicht nachkommen: «ich werde mich aus den verschiedensten Gründen wohl hüten, in Zürich einen ständigen Laden aufzutun – höchstens eben ab und zu eine dann rasch wieder abzubrechende Messbude».11 So blieb er öffentlichen Auftritten in Zürich gegenüber zurückhaltend, nahm in den folgenden Jahren aber noch an zwei weiteren Gesprächen in Schwamendingen teil.12

238 Von diesem ersten Gespräch in Schwamendingen ist kein Protokoll erhalten. Grundlage der folgenden Edition ist das Typoskript mit den Barth zugeschickten Fragen.13 Auf diesem Frageblatt notierte Barth handschriftlich für die 15 «theologischen» Fragen einzelne, teils stichpunkthaft gehaltene, teils ausführlichere Antworten. Für die 22 «politischen» Fragen, die sich alle um den Ost-West-Konflikt, den angemessenen Umgang mit der Sowjetunion und Barths Haltung dazu drehten, formulierte er zusammenfassende Antworthinweise, die nur punktuell auf einzelne Fragen Bezug nehmen. Auf der Rückseite eines Frageblattes finden sich zudem einzelne Worte und Namen, die Barth wohl während der Diskussion notierte.14

Fragen und Antwortnotizen zum Gespräch in Schwamendingen
Mittwoch, den 27. Dezember 1950

Frage 1:

Im Zusammenhang mit der Erwählungslehre Exegese von Mt. 6,15 / Mk. 9,44 / Mt. 25.46 / Offb. 20,10: kann es in einer Schöpfung, die um Christi willen geworden, eine ewige Verlorenheit geben? wenn nicht, wie sind die betreffenden Stellen zu verstehen?

Barth:

Kann nicht nur: Welt war verloren, Mensch als Übertreter (Mt. 6,15: nicht vergeben, Mc. 9,44: sich selbst Ärgernis sein, Mt. 25,46: Χ [Christus] in seinen Brüdern nicht erkennen[,] Mc. 3,29 (Fr[age] 12): H[ei]l[igen] Geist lästern, Apoc. 20,10: Teilnahme am Ansturm d[es] Satans gegen das Reich Χi [Christi]) wählt das Verlorengehen. Gerade weil Schöpfung um Χi [Christi] willen geworden[,] ist Sünde nicht vermieden, Verlorenheit an sich irreparabel.

Frage 2:

Wo hat die Botschaft von der ewigen Verdammnis (Mt. 25,31ff.) in der evangelischen Verkündigung ihren Platz?

239(In der Erwählungslehre Dogmatik II/2 ist kein Hinweis auf diese Bibelstelle.)

Barth:

Keine «Botschaft» von der ewigen Verdammnis, aber unvermeidlicher Hinweis auf sie. Hat ihren Platz als Folie der Botschaft von Gottes treuem[?] Prädestinieren[?]. Es geht um Befreiung von Sünde u[nd] Verlorenheit dieses Charakters! Aufruf d[es] Glaubens ist Warnung vor Rückkehr in diese Gefangenschaft!

Frage 3:

Wenn der Bund (also die Christusgnade über dem Sünder) der innere Grund der Schöpfung ist, ist dann nicht auch der «Fall» von Ewigkeit her «vorgesehen»? Wie vermeiden wir das naheliegende Denken, dass Gott den Fall gewollt, auf alle Fälle von vornherein einkalkuliert habe?

Barth:

Gnadenbund als innerer Grund d[er] Schöpfung gestiftet als Verbindung zw[ischen] Gott u[nd] Mensch als Geschöpf, bewährt sich als Verbindung zw[ischen] G[ott] u[nd] M[ensch] als sündigem Geschöpf. Vorgesehen ist der Gegensatz zwischen G[ott] u[nd] Sünde, die Treue Gottes, seine Macht, auch geg[en] Sünde seine Herrlichkeit zu erweisen, sein Sieg über sie – nicht ihre Möglichkeit u[nd] Wirklichkeit.

Frage 4:

Man hat beim Lesen der Dogmatik oft den Eindruck, in Christus, d. h. im ewigen Ratschluss des in Freiheit liebenden Gottes sei eigentlich alles schon erledigt, ja, im Grunde genommen sei auch für uns alles schon in Ordnung, der Mensch, die Welt sei gerettet, auf alle Fälle, unabhängig von seiner Entscheidung. Die Kirche habe ihn nur noch über seinen status salutis (sein Gerettetsein) aufzuklären. Wie können wir das verkünden, ohne den Schein zu erwecken, die ganze Heilsgeschichte sei in dem Falle nur noch ein Schauspiel, im Grunde genommen ohne Entscheidung, ohne Spannung? Verfallen wir da nicht einer höheren Art von Doketismus: wurde Jesus tatsächlich versucht? musste er leiden?

Barth:

«Eindruck» ist richtig. «Das» ist Sinn u[nd] Ziel d[er] Heilsgeschichte. Dazu musste Jesus versucht werden u[nd] sterben. «Spannung» entsteht dadurch, dass «das» wahr ist – wir aber das nicht für wahr halten!

Frage 5a:15

Wie ist es zu verstehen, dass es auf dem Grunde der menschlichen Sünde böse und gute Menschen gibt? Und dass es in der Folge der göttlichen Gnade gute und böse Menschen gibt?

240 Barth:

Auf d[em] Grunde der S[ünde] giebt es der guten Natur aller M[enschen] zuwider nur böse M[enschen.] In d[er] Folge der G[nade] giebt es der Bosheit aller M[enschen] zuwider nur gute M[enschen].

Frage 5b:

Wie ist es zu verstehen, dass sich auf dem Grunde der menschlichen Sünde unter Umständen ein Böser wandelt in einen Guten und in der Folge der göttlichen Gnade unter Umständen diese Wandlung unterbleibt?

Barth:

Auf d[em] Grunde der S[ünde] wandelt sich kein M[ensch] vom Bösen zum Guten. In der Folge der G[nade] kann diese Wandlung nicht ausbleiben[.]

Frage 5c:

Gibt es vom Evangelium her eine positive Würdigung des Guten, das außerhalb der Gnade geschieht, so wie es eine Verurteilung des Bösen gibt, das innerhalb der Gnade geschieht?

Barth: Vom Ev[an]g[elium] her wird auch im Sein u[nd] Tun des Bösen das natürliche Gute zu würdigen sein u[nd] wird deutlich u[nd] wahr sein, dass Alles Böse ausserhalb d[er] Gnade geschieht[.]

Frage 5d:

Ist das Böse außerhalb der Gnade gefährlicher als das Böse, das in die Schranken der Gnade gebannt ist? Oder ist es gerade umgekehrt?

Barth:

Alles Böse (ist ausserhalb der Gnade!) ist lebensgefährlich. «Innerhalb» d[er] Gnade weiss man das: von sich selbst u[nd] darum unzweideutig!

Frage 6:

Drückt nicht die Kindertaufe den Gedanken der gratia praeveniens16 richtiger und besonders deutlich aus, während bei der Erwachsenentaufe die große Gefahr besteht, dass sie im Hinblick auf die eigene Würdigkeit, Bekehrtheit oder dergleichen vollzogen wird?

Barth:

Schön, wenn K[inder]t[aufe] legitim! Würdig?… Nein; ich begehre mit der Gemeinde zu bekennen, dass die Verheissung der Sündenvergebung in J[esus] C[hristus] mein einziger Trost ist!

Frage 7:

Handelt es sich bei dem Geheimnis der jungfräulichen Geburt Christi um ein Heilsgut?

Barth:

Ist nicht Heilsgut, sond[ern] wie Heilung d[es] Gichtbrüchigen, leeres Grab, Sprachgabe Zeichen des Heilsgutes[.]

241 Frage 8:

Wie wird das Geheimnis dieses Heilsgutes gewahrt gegenüber Weiterbildungen der Mariologie in der Scholastik und im heutigen Katholizismus?

Barth:

Durch Beachtung der Einzigkeit der Inkarnation als des Heilsgutes!

Frage 9:

Wie verträgt es sich mit dem Gebot der Wahrhaftigkeit, dass im biblischen Zeugnis vom Worte Gottes dauernd Ereignisse als historisch bezeugt – und in der Gefolgschaft der Schrift bis heute dauernd als historisch bezeugt werden, die gar nicht historisch sind? (z. B. Erzvätergeschichten)17

Barth:

Bibel redet von Geschehenem, aber dessen Charakter entsprechend nie «historisch». Wahrhaftigkeit nicht auf diese Berichtsform beschränkt!

Frage 10a: 18

Mt. 10,7f. heißt es: «Wenn ihr aber hingeht, so predigt: das Reich der Himmel ist genaht. Heilt Kranke, weckt Tote auf, machet Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.» Offensichtlich wird Krankenheilung, Totenauferweckung neben die Predigt gestellt. Wir bereiten uns durch unser Studium vor auf das Predigtamt. Wie können wir uns darauf vorbereiten, Tote aufzuwecken?

Barth:

Krankenheilungen etc. sind (Mc. 16,20) «mitfolgende Zeichen» des Kerygmas. Unsre Frage: verkündigen wir das Reich? Dann Zeichen und Gaben!

Frage 10b:

Sie haben in der protestantischen Theologie Seite 597 dargetan, dass der Augenblick für die akademische Theologie gekommen sei, von Blumhardt her die Frage der praktischen Bedeutung der neutestamentlichen Wunder wissenschaftlich zu stellen und zu beantworten.19 Was ist in dieser Richtung geschehen?

242 Barth:

Erkenntnis der Einheit von Seele u[nd] Leib[.]

Frage 11:

1.Kor. 14,1.39 wird die Gemeinde aufgefordert nach der Prophetie zu eifern. Was heißt das, wie kann das geschehen?

Barth:

προφητεύειν: die in der jeweiligen Gegenwart verborgene Zukunft Gottes als Trost, Gericht, Gebot sichtbar machen[.]

Frage 12:

Was ist die Sünde wider den heiligen Geist?

Barth:

(Mc. 3,29) Ihn mit Dämonengeistern verwechseln und damit die in ihm vermittelte Sündenvergebung verwerfen[.]

Frage 13:

Hat die Aufrichtung des Staates Israel im Blick auf das eschatologische Geschehen etwas Wesentliches zu bedeuten?

Barth:

Nein – Karrikatur der a[lt]t[estamentlichen] Weissagung – wie Bar Kochba20 klares Gegenteil zu Röm. 11[.]

Frage 14:

Ist der Ruf nach der konfessionellen Schule von der christlichen Gemeinde aus heute schon geboten?

Barth:

Rufen? Wäre Ereignis, wenn von Seiten d[er] Gemeinde reiches Angebot an christl[ichen] Lehrern!

Frage 15[a]:21

Im Bericht der Sektion II der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam22 heißt es unter «Missionarische und evangelistische Planung»: «Heute ist die Stunde des Laien in der Kirche. Gottes Werk verlangt von jedem Glied der Kirche, ob Geistlicher oder Laie, ein tätiges Zeugnis. Die innerkirchliche Aufgabe der Laien besteht in der Mitwirkung am Gottesdienst und in der Verwaltung. –»23

243 Barth:

In der Sache richtig!

[Frage 15b]:

In Dietrich Bonhoeffers «Ethik» heißt es S. 227f.: «Oben ist das Amt der Verkündigung, unten die hörende Gemeinde. An der Stelle Gottes und Jesu Christi steht vor der Gemeinde der Träger des Predigtamtes mit seiner Verkündigung. – Dieses Amt ist unmittelbar von Jesus Christus gesetzt, es empfängt seine Legitimation nicht durch den Willen der Gemeinde, sondern durch den Willen Jesu Christi. – Das Obensein des Predigtamtes wird gerade durch ein echtes Untensein der Gemeinde, d. h. durch Beten, Glauben, Dienen, nicht aber durch Unterbindung und Sprengung der göttlichen Ordnung und durch ein verkehrtes Obenseinwollen der Gemeinde, vor Missbrauch und Gefahr bewahrt. – Es muss hier der Satz gewagt werden, dass die Schrift wesentlich dem Predigtamt zugehört, der Gemeinde aber die Predigt. Die Schrift will ausgelegt und gepredigt sein, sie ist in ihrem Wesen nicht Erbauungsbuch der Gemeinde. – Der Griff nach der Heiligen Schrift von Seiten des einzelnen Christen oder einer Gruppe von Christen unter Berufung auf das gleiche Recht aller Christen, auf die Mündigkeit im Glauben, auf die Evidenz des Schriftwortes ist durchaus kein Zeichen besonderer Ehrerbietung und besonderer geistiger Erkenntnis des Wesens der Offenbarung.»24

Was ist angesichts dieser beiden Auffassungen zu sagen zum heutigen Ruf der Kirche nach der Mitarbeit der «Laien», zur heutigen Tendenz, jeden «Laien» und jede Gruppe von «Laien» mit ihrer Bibel als «mündig» zu erklären?

Barth:

Beruht auf falscher Konzeption des «Oben und Unten» in der Gemeinde. Alle sind «unmündig». Auf Grund dessen sinnvolle Verteilung der Dienste.

244 [Zweiter Fragenkomplex zum Thema:]
Ist die Diagnose in «Die Kirche zwischen Ost und West»25 wirklich richtig?

Frage 16:

Prof. K. Barth verteidigt (S. 22) das am Kommunismus, dass er bei allen Greueltaten etwas Rechtes meine. – Meinen die sowj[etischen] Führer wirklich eine neue Welt oder ist das Wort von der klassenlosen Gesellschaft usw. doch nur ein «ideologischer Überbau» und die wirkliche, in unaufhörlichen furchtbaren Säuberungsprozessen und inneren Machtkämpfen unter Beweis gestellte Parole lautet: Wir wollen jedenfalls an der Macht bleiben!

Frage 17:

Kommt es wirklich so sehr darauf an, was einer «meint und beabsichtigt»26 oder vorgibt, zu meinen und zu beabsichtigen? Kommt es nicht vielmehr darauf an, was einer tut?! «An ihren Früchten…» [Mt. 7,16] Und wenn es auf die Praxis ankommt, ist dann nicht braun und rot, was Hans wie Heiri?27

Frage 18:

Und wenn die kommunistischen Führer wirklich eine bessere Welt wollen, heiligt dann dieser schöne Zweck die Mittel? Ist das kommunistische Zertreten des Menschen positiver zu werten als das nationalsozialistische, weil hinter dem Nationalsozialismus «die helle Unvernunft»28 und hinter Russland eine große Hoffnung stand?

Frage 19:

In Russland sei die Lösung der sozialen Frage angepackt.29 Ist es wirklich eine Lösung, wenn man eine in jeder Hinsicht |245 bevorzugte Clique schuf (bis zu Kaufläden, wo die Bevorzugten alles zu besserer Qualität und zu billigerem Preis bekommen können!) u[nd] daneben eine rechtlose und wehrlose Völkermasse? 8–18 Millionen verhungernde Staatssklaven! Rechtlosigkeit der Arbeiter, von den Bauern nicht zu reden.

Ist bei uns die Lösung der sozialen Frage nicht auch angepackt? Bei weitem nicht am Ziel, aber angepackt. 1848:30 16-Stunden-Tag, Kinderarbeit, keine Ferien, keine Arbeitslosen-, keine Krankenversicherung, keine AHV31. Und was dank dem Kampf der Arbeiterschaft erreicht worden ist, wurde erreicht ohne Deportationen, ohne absichtl[iches] Verhungernlassen, ohne Folterkammern und Hinrichtungen.

Frage 20:

Der Kommunismus habe nichts von falscher Prophetie an sich.32 – Wir Menschen schaffen das Paradies auf Erden via Industrialisierung und Terror, ist das nicht falsche Prophetie? Hat der Kommunismus nicht auch allerlei Zeichen einer «religiösen Heilsanstalt», einer Gegenkirche mit Göttern, Priestern, Gläubigen, Opfern und Inquisition u[nd] Eschatologie?

246 Frage 21:

Der Kommunismus kenne keinen Antisemitismus. – Ja, keine antisemitische Theorie, aber eine antisemitische Praxis: Vernichtung der jüdischen Institutionen, Schulen, des Institutes für jüd[ische] Kultur in Kiew, Vernichtung des Zionismus etc.

Frage 22:

Der Kommunismus sei achristlich, nicht antichristlich.. – Wird, wo der Mensch systematisch zertreten wird, nicht Christus im Bruder angegriffen? Sollte die Kirche sich nicht der «Erniedrigten u[nd] Beleidigten»33 annehmen und für sie einstehen? Sollte sie nicht auch hier bekennen, und nicht «bloß», wenn die rechte Lehre mit Gegenlehren angegriffen wird?

Frage 23:

Nimmt Karl Barth die Stimme des Ostens, wie er sie seiner Zeit in dem genannten Vortrag (Kirche zwischen Ost und West) zeichnete, wirklich ernst? Glaubt er nicht, dass es sich da um eine «Ideologiebildung» oder grob gesagt um eine Propagandalüge handelt, indessen der wahre Hintergrund der ganzen bolschewistischen Bewegung nicht etwa ein Kampf um die Gerechtigkeit, sondern vielmehr nackter Nihilismus ist?

Frage 24:

Handelt es sich (wie Karl Barth in seinem Brief an Zimmermann schreibt34) wirklich heute nicht auch um ein «zur Ordnung rufen»35 angesichts der zwar nicht so sehr gegen Barmen 1, aber umso mehr gegen Barmen 5 und nicht weniger gegen Barmen 236 gerichteten Angriffe von Seiten der bolschewistischen Revolution?

Frage 25:37

Glaubt Karl Barth noch, dass es sich in Korea nur um einen unwichtigen Nebenschauplatz in der großen Auseinandersetzung handelt?38 Ist Korea nicht eher einem Spanien zu vergleichen |247 (Bürgerkrieg und erste Kraftprobe der damals befeindeten Mächte gegeneinander)?39

Frage 26:

Und damit im Zusammenhang: Kann es sich Europa noch länger leisten, alte Gegensätze bereinigen zu wollen oder ängstliche Kleinlichkeit an den Tag zu legen (französische Deutschenfurcht, Sorge vor dem Preußengeist bei den Deutschen, die etwas gelernt haben, die sehr stark militärtechnische Frage, ob die Deutschen Nachhut bilden müssten bei einem Rückzug der Alliierten an die Pyrenäen40 etc. etc.), wenn es gälte, in einem kräftigen Ruck ein geeintes Europa zu schaffen, in welchem die alten Gegensätzlichkeiten hinterher und gleichsam auf dem richtigen Geleise (nämlich innerhalb der bereits geschaffenen Einheit) behoben werden könnten. Es wird ja auf |248 jeden Fall große Anstrengungen brauchen, um den Aufgaben der nahen Zukunft, Flüchtlinge, zerbrochene Ehen und Familien, Hungersnot usw. begegnen zu können, so dass es einfach lächerlich ist, noch länger alte Standpünktlein zu vertreten.

Frage 27:

Versucht die sowjetrussische Propaganda nicht eben gerade mit der plumpen Schlagworttechnik vom amerikanischen Imperialismus Europa in den gefährlichen Schlaf einzuwiegen, dass es davon träumt, evtl. sogar eine neutrale dritte Macht bleiben zu können und sich jedenfalls darauf zu verlassen, dass Onkel Sam41 den Löwenanteil zu leisten haben werde?

Frage 28:42

Zum Brief an Pfr. Zimmermann: ist Korea nicht gleich der Sudetenkrise43? warum nicht? Hat Schumacher44 nicht eher nationalistische Ziele im Auge als Adenauer45?

249 Frage 29:

Ist der Kommunismus des Ostens als Staatsform, die kein staatsfreies Leben zulässt, nicht ebenso sehr zu verwerfen wie der Nationalsozialismus Hitlers. Wäre es unseren Brüdern im Osten nicht besser gedient, wenn die Kirchen des Westens deutlich Stellung nehmen würden gegen die Lehren des Kommunismus?

Frage 30:

Gilt, was Herr Prof. Barth einst von der «totalen, prinzipiellen Diktatur» sagte (z. B. «Eine Schweizer Stimme» S. 84f.)46, dass wir damit vor die Gottesfrage, die Glaubensfrage gestellt seien und Nein sagen müssten, nicht mehr?

Frage 31:

Zur Beurteilung von Russland:

a) Ist es wahr, dass Russland gleich nach Kriegsschluss mit einer wahnsinnigen Aufrüstung begann, während Amerika und die andern Siegerstaaten sich in weitgehendem Maße ihres Kriegsmaterials entledigten? – Wenn ja, was sind daraus für Schlüsse zu ziehen?

b) Ist es wahr, dass Russland bei allen internationalen Verhandlungen Obstruktion schlimmster Art betrieben hat, während die Westmächte zu allerhand Verträgen und Vergleichen bereit gewesen wären? – Wenn ja, wie ist dieses Verhalten zu deuten?

c) Ist es wahr, dass Russland überall da, wo es zu Einfluss gekommen ist, ein System absoluter Rechtslosigkeit geschaffen hat, während die andern Staaten immerhin noch als Rechtsstaaten anzusprechen sind? – Wenn ja, was ist davon zu halten?

Frage 32:

Unter der Voraussetzung, dass diese Fragen mit Ja beantwortet werden müssen, ergeben sich daraus die weiteren Fragen:

a) Kann Russland anders als eine böse und satanische Macht bezeichnet werden, der in der heutigen Welt nichts Ähnliches gegenübersteht und die zu fürchten47 wir allen Grund haben?

250 b) Ist Russland in seinem Verhalten nicht derart, dass ihm auf politischem Boden nicht anders als mit Gewalt begegnet werden kann? – Verdient Russland in dieser Hinsicht eine andere Behandlung als seinerzeit der Hitlerstaat?

c) Hat aber bei dieser realistischen Betrachtungsweise für die christliche Verkündigung nicht ein Gedanke in den Vordergrund zu treten und das Feld zu beherrschen: Russland ist zwar böse und verdient keine Schonung. Gott wird seinen Untergang herbeiführen. Es kann aber sein, dass er es vorher noch als «Zuchtrute» für die übrige Welt benützt. Wenn der «Westen» Buße tut, so kann ihm u[nter] U[mständen] das Äußerste erspart bleiben. Buße tun heißt aber nicht, sich Russland gegenüber wehrlos machen. Gibt es eine wirksame Gerichtsverkündigung bei gleichzeitiger Verharmlosung der Zuchtrute, vor der man keine Angst zu haben braucht?

Frage 33:

Fürchten Sie nicht, dass Ihre Zurückhaltung in Bezug auf die russische Frage den moralischen Widerstand diesseits und jenseits unserer Grenze schwächt?

Zu Deutschland und seiner Wiederaufrüstung:

Frage 34:

In Deutschland wird erklärt: Gott hat uns die Waffen aus der Hand geschlagen. Das ist für uns ein Zeichen, dass wir nicht mehr nach ihnen greifen sollen. – Was waren das für Waffen? Waren es nicht die wilhelminischen und hitlerschen Waffen? Könnte es für Deutschland nicht geboten sein, mit «neuen» Waffen seinen Beitrag zu leisten bei der Verteidigung von Westeuropa, sofern diese durch eine internationale Armee vollzogen wird? Könnte die Unterstellung seiner Armee unter ein internationales Kommando für Deutschland nicht ein Akt echter Reue bedeuten, mehr als das momentane Schwelgen in einem etwas verdächtigen Pazifismus? Wäre nicht auch die Gefahr eines Bürgerkrieges in Kauf zu nehmen, sofern es sich herausstellen sollte, dass nur auf diesem Wege der Osten von der russischen Diktatur befreit werden kann?

Frage 35:

Wie beurteilen Sie Heinemanns48 Ausspruch, dass dem Deutschen zwar nicht für immer, aber jetzt die Waffen aus der Hand genommen worden seien?49

251 Frage 36:

Ist die Stellungnahme zur Remilitarisierung Deutschlands bei Ihnen innerlich ganz klar und sicher oder erleiden Sie hierin innere Anfechtung?

Frage 37:

Zu den Verhältnissen in Ungarn: In Ungarn soll die Kirche volle Freiheit in der Verkündigung des Evangeliums haben. Gehört das nicht zur Taktik des «Systems», die Kirche vorübergehend an langer Leine zu führen, besonders wenn sie sich dabei so erkenntlich zeigt, wie das in ihrer neuesten Verlautbarung geschehen ist? (Vgl. Kirchenblatt, S. 39550)

252
[Antwort-Notizen Barths zum zweiten Fragenkomplex]
Zu [den] Fr[agen] 16–37

Hätte ich 1938 soviel Zustimmung gefunden!51

Seufzen: Soviele Fragen – auf 15 theol[ogische] 22 politische – / Und so viel Aufregung:52 so wenig Rückfrage nach dem Evangelium, nur wenig präziser Bezug auf das, was ich geschrieben! So werden wir es nicht schaffen!

Aber Jak. 5,9: Seufzet nicht widereinander…!   Einzelbeantwortung?


Fr[age] 33: «Zurückhaltung». Aber nicht Bejahung des Kommunismus. Also Belehrungen überflüssig. Ziehe «Westen» vor. Sehe ihn kriegsbedroht. Bin für Abwehr und schweizerische Aufrüstung + Vorsicht gegen PdA53

Grundhaltung[?]: Ablehnung einer Parteinahme der Kirche, speziell unserer schweizerischen. Manche Entscheidung ist wichtig u[nd] notwendig, ohne dass sie deshalb jederzeit u[nd] überall als die christl[iche] Entscheidung proklamiert werden muss: Habe so eine Überzeugung u[nd] werde[?] selig!54 – sie fällt aber mit d[er] Verkündigung des Ev[an]g[elium]s und seines Gebotes nicht zusammen.

Positiv: Wir haben einen dritten Ort zu beziehen

a) weil wir Christen und Theologen in der Schweiz sind. Viele Fragen bedenken Kopfzerbrechen andrer Länder, aus dem keine praktische Anwendung auf unser schweiz[erisches] Sein u[nd] Tun folgen kann.

253Neutralität nicht angefochten, von uns selbst nicht preiszugeben. Keine Nötigung[,] in Freund-Feind-Verhältnis zu denken, heute gelebte[?] Alternativen [als] für uns gültig zu anerkennen. Haben allen Grund, uns den «fremden Händeln»55 fern[zu]halten und eben damit nach Osten u[nd] Westen den Frieden zu vertreten [Vorlesen aus NZ (…?)56] Oder sollen wir in die Uno57, Strassburg58, Marshallplan59, Atlantikpakt60?61

b) weil wir Christen sind: Russland ist diabolisch[?], aber Fall «Amerika-Russland» ist nicht geklärt (Wirtschaftskrieg, Asien!)

Wem helfen wir mit Parteinahme? Protesten? (Russen? Ostmenschen? uns selbst?)

Was unterlassen wir unterdessen?
    Frei bleiben für die Universalität des Ev[an]g[elium]s
    Konkretes Urteilen über Recht u[nd] Unrecht
    Ökumenisches Denken

Was tun wir? Angst! (Fr[age] 32a)

Christen beten mit dem Rücken an der Wand – ohne fremde Herren – ohne Bündnisse – «uns ist ein Kind geborn»! [Jes. 9,5]

c) weil wir Theologen sind: Unsere Gemeinden brauchen (für die künftigen Gefahren) freies Denken

Wie stärkt man eigentlich den moralischen Widerstand?

Sachfußnoten

1
Hans Studer (1913–?) hatte bei Barth studiert, als dieser 1935 nach Basel kam, war 1938 einer seiner Nachfolger als Pfarrer in Safenwil geworden und wechselte 1946 nach Zürich-Schwamendingen; mit Barth stand er zwischen 1935 und 1955 in regelmäßigem Briefkontakt.↩
2
Brief Studers an Barth vom 8.11.1950 (KBA 9350.668).↩
3
KBA 45000 (Tskr., 6 S., engzeilig beschrieben).↩
4
Heinrich Vogel (1902–1989), seit dem Kirchenkampf mit Barth eng verbunden, zu dieser Zeit Prof. für Systematische Theologie in Berlin.↩
5
Brief an H. Vogel vom 31.12.1950 (KBA 9250.246).↩
6
Emil Brunner (1889–1966), 1924–1953 Prof. für Systematische und Praktische Theologie in Zürich; mit Barth zwar zeitlebens befreundet, aber mehrfach – und eben auch über die Einschätzung des Ost-West-Konflikts – in heftigen Streit verwickelt.↩
7
Vermutlich meint Barth die in der altkirchlichen Epistelreihe für den 4. Advent vorgesehene Lesung Phil. 4,4–7: «Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! […]».↩
8
Brief an Christoph Barth vom 11.2.1951 (KBA 9251.27).↩
9
Das heißt: «Zittere nicht so, tu nicht so, das Häuschen fällt heute nicht um.» Es handelt sich um einen Vers aus dem Schweizer Volkslied «O du liebs Ängeli» 🎵 (vgl. Im Röseligarte. Schweizerische Volkslieder, hrsg. von O. von Greyerz, Ausgabe mit Begleitungen für Klavier und Gitarre besorgt von Gottfried Bohnenblust, Bern 1914, S. 68 [= Nr. 50] 📖).↩
10
Brief an Rudolf und Gerty Pestalozzi vom 3.1.1951 (KBA 9251.2).↩
11
Brief an Paul Vogt vom 29.12.1950 (KBA 9250.239). – Eine Messbude ist ein Stand, der an einem regelmäßig wiederkehrenden Markt bzw. Jahrmarkt aufgestellt wird, z. B. an der Basler Herbstmesse.↩
12
Am 27./28.12.1953 sowie am 28.12.1955. Beide Gespräche werden im Band Gespräche 1953–1958 dokumentiert.↩
13
Siehe Anm. 3.↩
14
Vermutlich weisen die notierten und teils unterstrichenen Namen auf folgende Teilnehmer an der Diskussion hin: Heinrich Hellstern (1902–1984; 1943 Pfarrer in Zürich-Seebach, 1946 Sekretär des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz [HEKS]), Kurt Naef (1914–1993; 1947 Pfarrer in Zürich-Aussersihl), Hugo Sonderegger (1913–2004; 1944 Pfarrer in Zollikon [Zollikerberg]) und Ernst Ott (1903–1984; 1927 Pfarrer in Safenwil [AG], 1932 in Uster-Greifensee [ZH], 1942 in Zürich-Aussersihl).↩
15
Die Unterteilung der im Original zusammenhängenden Frage 5 durch Kleinbuchstaben nahm Barth vor.↩
16
Lateinisch für: «zuvorkommende Gnade».↩
17
Auf dem Original in Barths Handschrift mit Bleistift hinzugefügt: «Und es begab sich… Lc. 2,1».↩
18
Die Unterteilung der im Original zusammenhängenden Frage 10 durch Kleinbuchstaben nahm Barth vor.↩
19
Vgl. K. Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und ihre Geschichte, Zollikon-Zürich 1947, S. 597 📖: «Es bleibt innerhalb dieser Schranke seine [J. Chr. Blumhardts] Leistung, mit stammelnder Zunge, aber hörbar für viele, die Ohren hatten zu hören, eine ganze Reihe von Fragen wieder aufgeworfen zu haben, die diese Schranken, und zwar die Schranken der liberalen ebenso wie der pietistischen Theologie durchbrechen mußten: die Theodizee-Frage, die Frage nach der Universalität der Offenbarung und des Glaubens, die Frage nach der praktischen Bedeutung der neutestamentlichen Wunder, die Frage nach der Einheit von Seele und Leib, die Frage nach der realen Macht der Versöhnung, die Frage nach der Art und Gegenwart des Heiligen Geistes, die Frage nach der Realität der christlichen Hoffnung. Die akademische Theologie hat es sich zu leicht gemacht, indem sie diese Fragen überhörte, weil Blumhardt sie nur seelsorgerlich, nicht wissenschaftlich gestellt und beantwortet hat. Der Augenblick mußte kommen und er ist gekommen, der die Einsicht brachte, daß hier Entscheidendes zu lernen war: gerade für die akademische Theologie.»↩
20
Gemeint ist Simon bar Kochba († 135 n. Chr.) bzw. der von ihm seit 132 n. Chr. angeführte jüdische Aufstand gegen die römische Besatzung in Judäa.↩
21
Hier ist die Frage auf dem Original nicht durch Buchstaben unterteilt, wird von Barth aber in zwei Teilen beantwortet, weshalb vom Hrsg. um der Übersichtlichkeit willen solche Buchstaben eingefügt wurden.↩
22
Zur Weltkirchenkonferenz von 1948 vgl. oben, S. 39↩
23
Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 2: Die Kirche bezeugt Gottes Heilsplan. Oekumenische Studien, durchgeführt unter den Auspizien des Oekumenischen Rates der Kirchen und hrsg. von der Studienkommission des Oekumenischen Rates in Genf, Genf 1948, S. 246f. 📖; Amsterdamer Dokumente. Berichte und Reden auf der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam 1948, Erstes Beiheft zu der Halbmonatsschrift Evangelische Welt, Bielefeld [1948], S. 41 📖.↩
24
Vgl. D. Bonhoeffer, Ethik, zusammengestellt und hrsg. von E. Bethge, München 1949, S. 227f. 📖; vgl. jetzt: D. Bonhoeffer, Ethik (DBW 6), hrsg. von I. Tödt u. a., Gütersloh 1992, S. 400–402 📖.↩
25
Gemeint ist: K. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West. Vortrag, gehalten in der Stadtkirche in Thun und im Münster in Bern am 6. Februar 1949, Zollikon-Zürich 1949 (wieder abgedruckt in: K. Barth, Der Götze wackelt. Zeitkritische Aufsätze, Reden and Briefe von 1930 bis 1960, hrsg. von K. Kupisch, Berlin 1961, S. 124–143) 📖.↩
26
Vgl. a.a.O., S. 22 📖: «Und dann kann man vom Kommunismus eben das nicht sagen, was man vom Nationalsozialismus vor 10 Jahren sagen mußte: daß es sich bei dem, was er meint und beabsichtigt, um helle Unvernunft, um eine Ausgeburt des Wahnsinns und Verbrechens handle.»↩
27
Schweizerische Redewendung für: «Es ist egal, es kommt beides auf dasselbe hinaus.»↩
28
Siehe oben, Anm. 26.↩
29
Vgl. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West (Anm. 25), S. 22 📖: «Was in Sowjetrussland – sei es denn: mit sehr schmutzigen und blutigen Händen, in einer uns mit Recht empörenden Weise – angefaßt worden ist, das ist immerhin eine konstruktive Idee, immerhin die Lösung einer Frage, die auch für uns eine ernsthafte und brennende Frage ist und die wir mit unseren sauberen Händen nun doch noch lange nicht energisch genug angefaßt haben: der sozialen Frage.»↩
30
Mit der Jahresangabe «1848» könnte als Referenzpunkt auf die mit der Annahme der Bundesverfassung erfolgte Begründung der modernen Schweiz angespielt worden sein; 1848 erschien aber auch das von Marx und Engels verfasste «Kommunistische Manifest».↩
31
Abkürzung für die 1948 in der Schweiz eingeführte Alters- und Hinterlassenenversicherung.↩
32
Vgl. zu dieser und der im Eingangssatz der beiden nächsten Fragen jeweils aufgenommenen Aussage: Barth, Die Kirche zwischen Ost und West (Anm. 25), S. 23f. 📖: «Man beachte aber, daß der Kommunismus in seinem Verhältnis zum Christentum im Unterschied zum Nationalsozialismus eines nicht getan hat und seinem Wesen nach auch nicht tun kann: er hat nie den geringsten Versuch gemacht, das Christentum selbst umzudeuten, zu verfälschen, sich selbst in ein christliches Gewand zu hüllen. Er hat sich des eigentlichen Grundfrevels des Nationalsozialismus, der Beseitigung des wirklichen Christus durch einen nationalen Jesus, er hat sich des Antisemitismus nie schuldig gemacht. Er hat von falscher Prophetie nichts an sich. Er ist nicht antichristlich. Er ist kaltschnäuzig achristlich. »↩
33
«Erniedrigte und Beleidigte» ist in der deutschen Übersetzung der Titel des ersten Romans, den Fjodor Dostojewski 1861 nach der Rückkehr aus seiner Verbannung veröffentlichte.↩
34
Vgl. K. Barth, Brief an Pfarrer Wolf-Dieter Zimmermann, «Unterwegs», Berlin (West) [17.10.1950], in: O.Br. 1945–1968, S. 202–214 📖.↩
35
Vgl. Barth, Die Kirche zwischen Ost und West (Anm. 25), S. 18 📖: «Vor 10 Jahren war ganz einfach zur Ordnung zu rufen.»↩
36
Gemeint sind die erste, zweite und fünfte These der Barmer Theologischen Erklärung (K. Barth, Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche, in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 264–301, dort S. 296f.298f. 📖).↩
37
Am Rand in Barths Handschrift: «= [Frage] 28».↩
38
Am 25. Juni 1950 war mit dem Angriff der mit China und der Sowjetunion verbündeten Volksrepublik Nordkorea auf den Süden (Republik Korea) der Koreakrieg ausgebrochen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verurteilte diesen Angriff noch am selben Tag und verabschiedete am 31. Juli 1950 angesichts der rasch drohenden Niederlage des Südens eine Resolution, die ein Eingreifen von UNO-Truppen zur Unterstützung Südkoreas legitimierte. An der Seite Südkoreas kämpften bald Soldaten aus 16 Nationen, etwa 90% von ihnen aus den USA. Die für beide Seiten enorm verlustreichen Kampfhandlungen endeten schließlich am 27. Juli 1953 mit einem Waffenstillstand entlang der heute noch bestehenden Demarkationslinie. – In seinem Brief an Pfarrer Wolf-Dieter Zimmermann (Anm. 34), S. 209 📖, hatte Barth geschrieben: «Heute haben wir vor allem unermüdlich darauf hinzuweisen, daß der Krieg […] erst unvermeidlich ist, wenn er da ist. In dem Ereignis von 1938 war er faktisch schon da und hätte damals durch kriegerische Entschlossenheit im Keim erstickt werden können und müssen. Ein solches Ereignis hat Rußland bis heute nicht herbeigeführt. Es hat bis jetzt niemandem ein Ultimatum gestellt oder sich – ich halte Korea nicht dafür – einer entsprechenden Aggression schuldig gemacht.»↩
39
Im spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) unterstützten Italien und besonders das Deutsche Reich die Putschisten unter General Francisco Franco massiv, das Deutsche Reich sogar mit regulären Truppen («Legion Condor»). Der demokratisch gewählten Volksfront-Regierung half außer den Freischärlern der Internationalen Brigaden in nennenswertem Umfang lediglich die Sowjetunion vor allem mit Waffenlieferungen, die jedoch bei weitem nicht ausreichten und zudem 1938 fast komplett eingestellt wurden.↩
40
Vgl. dazu auch Barths Brief an Pfarrer Wolf-Dieter Zimmermann (Anm. 34), S. 212 📖: «Es ist mir (und nicht nur mir) […] völlig verborgen, […] ob eine deutsche Armee schließlich doch nur als Nachhut sich zu opfern oder allenfalls (unter Hinterlassung von Weib und Kind) an den Pyrenäen zu fechten hätte.»↩
41
«Uncle Sam» ist seit dem 19. Jahrhundert eine als Nationalallegorie der USA verwendete Figur.↩
42
Am Rand in Barths Handschrift: «= [Frage] 25».↩
43
Die Forderung Hitlers nach einem «Anschluss» der überwiegend deutsch besiedelten Randgebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich löste im Spätsommer 1938 die sogenannte «Sudetenkrise» aus. Um den Ausbruch eines Krieges abzuwenden, schlossen Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland am 29. September 1938 das «Münchner Abkommen», das der Tschechoslowakei – gegen eine, wie sich bald zeigen sollte, wertlose Bestandsgarantie für das Rest-Territorium – die Abtretung der betreffenden Gebiete aufnötigte. Am 19. September, als ein Kriegsausbruch unmittelbar bevorzustehen schien, hatte Barth die tschechische Bevölkerung in einem Brief an Josef L. Hromádka zur Wehrhaftigkeit gegenüber Deutschland aufgerufen (vgl. K. Barth, An Prof. Dr. Josef L. Hromádka, Prag, 19. September 1939, in: O.Br. 1935–1942, S. 107–133 📖). Dieser Aufruf brachte ihm in Deutschland bis in die Kreise seiner engsten Freunde hinein scharfe Kritik ein.↩
44
Kurt Schumacher (1895–1952), Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) von 1946–1952, der seinen Widerstand gegen den politischen Kurs der Westbindung und Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland vor allem mit Hinweis auf die damit verbundene Konsequenz begründete, dies werde eine Wiedervereinigung unmöglich machen.↩
45
Konrad Adenauer (1876–1967), seit 1949 erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, seit 1950 auch Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union (CDU), verfocht in der Außen-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik einen Kurs der strikten Westintegration, zu der für ihn auch die Unterstützung der alliierten Forderung nach einer deutschen Wiederbewaffnung gehörte.↩
46
Gemeint ist: K. Barth, Die Kirche und die politische Frage von heute. Vortrag, gehalten an der Versammlung des Schweizerischen Evangelischen Hilfswerks für die Bekennende Kirche in Deutschland im Kirchgemeindehaus Wipkingen, am 5. Dezember 1938, in: Schw.St., S. 69–107, dort S. 84 📖, wo Barth in Bezug auf den Nationalsozialismus schrieb: «Was immer andere Staatsformen in anderen Zeiten und Umständen für die Kirche bedeuten könnten: diese Staatsform, die totale, die prinzipielle Diktatur, stellt uns vor die Gottesfrage und also vor die Glaubensfrage.»↩
47
Von Barth unterstrichen und am linken Seitenrand durch ein Ausrufezeichen markiert.↩
48
Der mit Barth befreundete Jurist Gustav W. Heinemann (1899–1976) hatte sich im Kirchenkampf für die Bekennende Kirche engagiert und war seit 1945 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, seit 1949 auch Präses der Synode der EKD; 1949/50 war er als CDU-Mitglied Bundesminister des Inneren gewesen. Weil Adenauer das Kabinett über wichtige Schritte, die er in der Wiederbewaffnungsfrage unternahm, nicht unterrichtete, hatte Heinemann am 31. August und nochmals schriftlich am 9. Oktober 1950 seinen Rücktritt angeboten, den Adenauer am 11. Oktober annahm. 1952 trat er aus der CDU aus und gründete die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP), nach deren Auflösung trat er 1957 in die SPD ein, für die er 1966 als Bundesminister der Justiz in das Kabinett zurückkehrte; 1969 wurde er zum ersten von der SPD gestellten Bundespräsidenten gewählt.↩
49
In der öffentlichen Erklärung, mit der Heinemann über die Gründe seines Rücktritts informieren wollte, hieß es: «Einige leichtfertige Leute haben mich einen Gandhi-Apostel genannt. Ich schmähe Gandhi durchaus nicht, wenn ich bündig sage, daß ich nicht sein Apostel bin. Es ist Gottes Wille, daß weltliche Obrigkeit regiert und daß sie das Schwert führt. Sie hat es auch gegen äußere Feinde zu führen – sofern sie überhaupt eins besitzt. Wir besitzen keins. Hier erhebt sich zumal für Politiker, die aus christlicher Verantwortung zu handeln erklären, die Frage, ob es nicht etwa so ist, daß wir durch Gottes Gericht waffenlos gemacht worden sind um deswillen, was wir mit der Waffe angerichtet haben. Auch dann würden wir nicht für alle Zeit waffenlos bleiben müssen. Aber wir sollten uns gefragt wissen, ob es denn wirklich wieder soweit ist oder ob Gott uns heute nicht doch die Geduld und den Mut beibringen will, auch in gefahrvoller Situation seinem von uns nicht vorher zu berechnendem Weltregiment zu vertrauen» (G. W. Heinemann, Warum ich zurückgetreten bin, in: Stuttgarter Zeitung, Nr. 243 vom 18.10.1950, S. 3; vgl. JK 11 [1950], H. 18 vom 6.11.1950, Sp. 633–642, dort Sp. 639f. 📖). – Am 18. Oktober 1950 berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» über einen Auftritt Heinemanns drei Tage zuvor: «Der ehemalige Innenminister bekannte sich am Sonntag ohne Einschränkung zu der Niemöllerschen These, nach der es nicht Sache des deutschen Volkes, dem Gott zweimal die Waffen aus der Hand geschlagen habe, sein könne, sich in die Händel der Weltmächte einzumischen» (R. H., Niemöllers Kampagne gegen Adenauer, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 171 [1950], Nr. 2194 vom 18.10.1950 [Morgenausgabe], S. 2 📖).↩
50
Gemeint ist: G. Wieser, Kundgebungen der evangelischen Kirchen in Ungarn, in: KBRS 106 (1950), Nr. 25 vom 14.12.1950, S. 395 📖.↩
51
Gemeint ist Barths Stellungnahme in der sogenannten Sudetenkrise; vgl. oben, Anm. 43. – Der erste Satz findet sich im Mskr. am Ende des folgenden Absatzes; ein von Barth eingezeichneter Pfeil macht deutlich, dass er nach vorn zu rücken ist.↩
52
In Barths Handschrift mit Bleistift oberhalb hinzugefügt: «Geheimhaltung[?]! Presse! Weihnacht[?]?»↩
53
Kürzel für die «Partei der Arbeit der Schweiz», die am 14. Oktober 1944 als Nachfolgeorganisation der Kommunistischen Partei der Schweiz gegründet worden war und bei der Nationalratswahl 1947 einen Wähleranteil von 5,1% auf sich vereinen konnte; ein Ergebnis, das sie weder auf Bundesebene noch in den Kantonen – lange mit Ausnahme von Basel-Stadt – halten konnte.↩
54
Das Ausrufezeichen ist im Mskr. mit Bleistift ergänzt.↩
55
Das Niklaus von Flüe (1417–1487) zugeschriebene Wort «Mischt Euch nicht in fremde Händel!» wurde in der Schweiz in den neutralitätspolitischen Debatten der Nachkriegszeit oft zitiert (vgl. G. Kreis, Kleine Neutralitätsgeschichte der Gegenwart. Ein Inventar zum neutralitätspolitischen Diskurs in der Schweiz seit 1943, Bern/Stuttgart/Wien 2004, S. 65f.355f. 📖).↩
56
Hinter «NZ» folgt wohl ein Name, der nicht entziffert werden konnte.↩
57
Die Vereinten Nationen (United Nations Organization) waren 1945 gegründet worden und unterhielten von Beginn an in Genf ihren zweiten Hauptsitz; die Schweiz trat der UNO am 10. September 2002 bei.↩
58
Gemeint ist der am 5. Mai 1949 in Straßburg gegründete Europarat, dem die Schweiz nach anhaltenden Debatten um eine damit verbundene Gefährdung der Neutralität 1963 beitrat.↩
59
Das «European Recovery Program», nach dem US-Außenminister George C. Marshall (1880–1959) «Marshallplan» genannt, war ein 1948 beschlossenes US-amerikanisches Konjunkturprogramm für Europa.↩
60
Gemeint ist die 1949 gegründete NATO (North Atlantic Treaty Organization).↩
61
Im Mskr. findet sich hier eine schließende eckige Klammer, der aber das öffnende Gegenstück fehlt.↩