Gespräch mit badischen Theologiestudenten in Geroldseck
GESPRÄCH MIT BADISCHEN THEOLOGIESTUDENTEN
IN GEROLDSECK
Für den Nachmittag des 6. Oktober 1950 war
Das Gespräch war als Teil einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft gedacht, die ursprünglich im ebenfalls nahe Lahr gelegenen
Trotz intensiver Bemühungen gelang es den Organisatoren nicht, den von ihnen wohl geteilten Wunsch Barths zu erfüllen: Sie hätten «nicht damit gerechnet, daß unsere ‹alten Semester› sich so wenig zurückhalten würden», schrieb Helmut Leser kurz nach der Tagung an
Unterdessen habe ich zum ersten Mal seit drei Jahren wieder einen kleinen Sprung über die Grenze gewagt, und zwar zu Badischen Theologiestudenten, mit denen ich (in störender Anwesenheit von etlichen Bonzen) ausgerechnet über das «Bekenntnis» zu reden hatte. Die Studenten gefielen mir gut, aber was da in
Unmittelbar nach dem Gespräch traten Vater und
Ein Protokoll des Gesprächs ist nicht erhalten. Im Folgenden werden nacheinander die Fragen, die
Das Bekenntnis der Kirche
In der
Da diese Bekenntnisse keine geschlossene Einheit bilden und keine Klarheit darüber besteht, inwieweit sie verbindlich sind, ist eine Predigt im Sinne des «badischen Bekenntnisses» und eine daran ausgerichtete Lehrzucht kaum möglich.
2311.) Die Art des Bekenntnisses:
Wie sind die folgenden Vorschläge26 zu beurteilen?
a) Auflösung der Union und Verpflichtung auf die lutherischen bzw. reformierten Bekenntnisse.
b) Neuformulierung eines verpflichtenden Bekenntnisses zur Klärung der strittigen Fragen unter Berücksichtigung des gegenwärtigen Standes der theologischen Forschung, (z. B. der historisch-kritischen Exegese und Dogmengeschichte). Hierbei wäre zu fragen, ob die Voraussetzung, von der die badische Union ausging, dass mit Ausnahme der Abendmahlslehre keine Unterschiede zwischen Confessio Augustana und dem Heidelberger Katechismus vorliegen,27 richtig ist, oder ob noch andere Unterschiede vorliegen (etwa Prädestinationslehre, Gesetz und Evangelium, Taufe…).
c) Verzicht auf ein ausgeführtes Bekenntnis, dafür Aufstellung eines allgemein verbindlichen hermeneutischen Prinzips (etwa die Rechtfertigungslehre als Mitte der Schrift). Hierbei wäre zu fragen, wie sich der Satz, dass die Schrift nach dem Bekenntnis auszulegen ist, verhält zu dem, dass die Schrift das Bekenntnis richtet.
2.) Die Bedeutung des Bekenntnisses:
a) Inwiefern hat ein Bekenntnis kirchengründenden Charakter, und wann wirken Bekenntnisunterschiede kirchentrennend? Oder wieweit können sie notwendige gegenseitige Korrektur sein?
b) Fordert das gemeinsame Bekenntnis der Gemeinden den organisatorischen Zusammenschluss zur Gesamtkirche, und wieweit hat das gemeinsame Bekenntnis verschiedener Kirchen zu Jesus Christus als Heiland und Gott zu einer ökumenischen Organisation zu führen?
c) Welche Bedeutung hat das Bekenntnis
- aa) für die Verkündigung,
- bb) für die Liturgie?
232d) Kann auf Grund eines Bekenntnisses eine Lehrzucht durchgeführt werden, und wem würde diese obliegen?
e) Hat das Bekenntnis eine Bedeutung für die Kontinuität der Kirche?
f) Wie verhält sich die geforderte Aktualität des Bekennens zu der dauernden Bindung an ein überliefertes Bekenntnis?
Zur Einleitung
1. Bilden «diese Bekenntnisse» wirklich keine «geschlossene Einheit»? Im Geist, im Christuszeugnis, wie es im 16. J[ahr]h[undert] gegenüber Rom u[nd] Schwärmern abzulegen war? Können hier (selbst im Abendmahlsartikel!) Luth[eraner] u[nd] Ref[ormierte] nicht in gleicher Weise die Stimme ihrer damaligen Väter hören?
2. Besteht wirklich keine Klarheit darüber, inwieweit sie verbindlich sind? Als Stimme der Väter keines in seiner theol[ogischen] Formulierung, alle als Zeugnisse von der souveränen Gnade Gottes in J[esus] C[hristus] – alle in der Macht desselben Geistes, aus dem sie hervorgegangen – alle als Hinweise auf die Schrift als ihre Quelle.
3. Ist a) eine Predigt im Sinne des «bad[ischen] Bekenntnisses»[,] b) eine daran ausgerichtete Lehrzucht wirklich unmöglich? Gegenstand der Predigt und Massstab der Lehrzucht ist nicht das Bek[enntnis], sondern das durch das Bek[enntnis] bezeugte Wort Gottes. Predigt nur umso reicher und Lehrzucht nur umso umfassender, wenn beide «Bek[enntnisse]» zu berücksichtigen sind.
Zu 1a und 2a[:] Stehen sich im Rahmen der
Wenn ja – fallen diese 2 Kirchen wirklich mit den Anhängern des luth[erischen] und ref[ormierten] Bek[enntnisses] zusammen? (Liberale? Berneuchener?29 D[eutsche] C[hristen]?30) Warum Auflösung gerade dieser Union – wenn schon Scheidung!?
Sind es wirklich die lebendigen badischen Gemeinden, denen der Gegensatz des 16. J[ahr]h[underts] heute soviel Mühe macht, dass sie nach Auflösung rufen? Dann ja, sonst nein!
Zu 1b + 2f[:] Neues, aktuelles Bekennen notwendig, weil neue Erkenntnis im Kampf gegen neuen Irrtum (solche Ergänzung der alten Bekenntnisse erfordernd) ans Licht drängt? Wo sind die neuen Fragen und Antworten, von denen das heute zu sagen [ist]? Blosser Wunsch nach Bek[enntnis] als Motiv ungeeignet! Gerade überliefertes Bek[enntnis] ruft nach echtem neuem, verbietet scheinbares!
Zu 1c + 2c[:] Jedes Bek[enntnis] ist «allgemein verbindliches hermeneut[isches] Prinzip», aber im Verhältnis zur Schrift nur als Hinleitung u[nd] Anleitung. Charakterisiert Verkündigung + Liturgie bis auf weitere, bessere Belehrung durch die Schrift.31 Bek[enntnisse] des 16. J[ahr]h[underts] zum Glück (ausser C[onfessio] A[ugustana]) nicht auf eine «Mitte der Schrift» (Rechtfertigung!) festgelegt.32 Würde auch heute eine unerlaubte Meisterung der Schrift bedeuten.
Zu 2b[:] (Wesentliche, geistliche – nicht «theologische») Übereinstimmung [?] der Bek[enntnisse] verschiedener Gemeinden ruft nach gegenseitiger Beratung und Unterstützung, ev[entuell] nach gemeinsamen Verhaltungsweisen, Aktionen, Erklärungen, ev[entuell] nach Bildung verbindender u[nd] leitender Organe – insofern nach «Organisation». «Sichtbar» wird die eine Kirche je in den Einzelgemeinden und deren gemeinsamem Sein und Tun. Aufgabe: dass sie oekumenische Kirche werden! 3
Zu 2d[:] «Lehrzucht»: innerhalb der Gemeinde durch Ältesten-Versammlung – von Gemeinde zu Gemeinde durch Synode. Verfahren: Prüfung des Problems am Bekenntnis, des Bekenntnisses an der Schrift. Ultima ratio: Nicht-Bestätigung (des betr[effenden] Dieners oder der bet[reffenden] Gemeinde)
Zu 2e[:] Primäre Kontinuität der Kirche in der Herrschaft J[esu] C[hristi] durch s[einen] Geist im Zeugnis der Schrift – sekundäre (korrigibel!): die ehrwürdigen Bek[enntnisse] der Väter = das überlieferte Bek[enntnis].
Grundsätzliche Gegenfragen
Mein Erstaunen: warum das?
A. Ist Begriff des Bek[enntnisses] nicht einer bestimmten Entmythologisierung bedürftig?
1. Sind die luth[erischen] u[nd] ref[ormierten] Bek[enntnisse] des 16. J[ahr]h[underts] so entstanden wie die apostolische παράδοσις des N[euen] T[estaments]? [vgl. z. B.
2. Antworten sie auf die Nöte u[nd] Fragen der heutigen Kirche so, dass ihre formale Geltung heute ein Problem ersten Ranges ist?
3. Hat ihre Restaurierung den Charakter des n[eu]t[estament]lichen ὁμολογέιν? [vgl. z. B.
B. Haben wir nicht Sorgen, die der Frage nach dem Bek[enntnis] (so oder so) vorangehen müssen? 4
Wo stehen wir? Mitten im Zusammenstoss zweier Gottlosigkeiten, eines individualistischen u[nd] eines kollektivst[ischen] Humanismus – beide aus dem Abfall vom Ev[an]g[elium] (nicht ohne Schuld der Kirche!) hervorgegangen. Und nun wir: mit der Aufgabe, Gottes Zeugen zu sein!
Wer sind wir? Gemeinden? Wo sind sie? Was ist dafür getan, dass es solche giebt? Wie sind sie, wo es sie giebt, zu nähren, zu bauen, in Bewegung zu setzen?
Was dürfen wir tun? Die Herrschaft der Gnade Gottes in J[esus] C[hristus] hören u[nd] verkündigen und damit die feste Burg33 beziehen, das Licht der Welt sein [vgl.
Was dürfen wir nicht tun? Den Weg der röm[ischen] Kirche gehen, Partei ergreifen oder eine Partei bilden, die begnadete Kreatur kultivieren, die gottloser ist als das östliche und westliche Menschenbild miteinander!
Was haben wir zu erwarten? Die Wiederkunft J[esu] C[hristi] und alles Heil, alle Wahrheit u[nd] Weisung aller in der Hoffnung auf ihn.
Im Zug der Bewegung u[nd] Beantwortung dieser brennenden Fragen mag es dann auch zu der der Bekenntnisse kommen. Aber nur so. Und so ist sie immer[?] parteilos[?]. Ist «Konfessionalismus» heute radikaler Unsinn[?].