24. August 1948

Pressekonferenz in Amsterdam

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PRESSEKONFERENZ IN AMSTERDAM

1948

Vom 22. August bis 4. September 1948 tagte in Amsterdam die Weltkirchenkonferenz, an der es zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen kam. Sowohl im Vorfeld als auch auf der Tagung selbst war Karl Barth prominent beteiligt: Er nahm mit einer eigenen Ausarbeitung an einer der vier die Gegenstände der Tagung vorbereitenden Kommissionen teil,1 hielt am 23. August den Eröffnungsvortrag2 sowie am 1. September einen weiteren Vortrag vor den in Amsterdam anwesenden Reformierten.3 Außerdem wirkte er in zwei Arbeitsgruppen mit: In der von ihm mit vorbereiteten Sektion I: «Die Kirche in Gottes Heilsplan» und in einer Unterabteilung des Komitees IV mit dem Thema «Leben und Arbeit der Frauen in der Kirche».4

Am Tag nach seinem Eröffnungsvortrag wurde Barth an einer auf Englisch geführten Pressekonferenz zu verschiedenen Themen befragt. An Charlotte von Kirschbaum schrieb er: «Gestern nach der Vormittagssitzung5 musste ich in das Kreuzfeuer einer Pressekonfe|40renz (mehr als 100 Leute!), die mich nicht nur again and again photographierten, sondern mir auch ergänzende Fragen stellten. Associated Press hat das Gespräch korrekt und gut formuliert wiedergegeben. [...] Ein Sowjetkorrespondent ist übrigens auch auf dem Plan und war gestern in der Pressekonferenz, wo ich wegen der Stelle über Eigentum, Kapital etc. befragt wurde!»6

Ein Exemplar des von unbekannter Hand angefertigten und von der Agentur Associated Press verbreiteten englischsprachigen Original-Protokolls der Pressekonferenz wurde Barth übermittelt.7 Im Folgenden wird als Editionstext eine deutsche Übersetzung dieses Protokolls wiedergegeben; die englischsprachige Original-Version findet sich im Anhang des Bandes.8

Pressekonferenz, Dienstag, 24. August 1948

Erste Frage:

Sie sagten gestern, wir seien nicht hier in Amsterdam, um Programme und allgemeine Prinzipien aufzustellen, sondern um konkreten Gehorsam zu praktizieren.9 Ich möchte Sie gerne bitten, bezüglich dieses «konkreten Gehorsams» etwas konkreter zu werden und uns zu sagen, was das konkret bedeutet.

Barth:

Das ist ein Missverständnis. Ich habe nicht gesagt, wir seien hier in Amsterdam, um konkreten Gehorsam zu praktizieren, sondern um uns darin zu üben, konkret gehorsam zu sein. Wir kommen hier in Amsterdam als Christen zusammen, die in sehr unterschiedlichen Situationen leben, und wir sind hier, um einander zu hören und voneinander zu lernen, wie wir uns unter diesen Umstän|41den verhalten sollen. Ich bin absolut gegen allgemeine Prinzipien.10 Wir müssen uns immer hic et nunc entscheiden, im Moment und in der Situation, in der wir uns befinden, aber ich denke, wir haben voneinander zu lernen, was es wirklich heißt, gehorsam zu sein.


Zweite Frage:

Was denken Sie über Dr. Dodds gestrigen Vortrag?11

Barth:

Aus technischen Gründen konnte ich nicht alles verstehen, was Dr. Dodd sagte, aber ich glaube sagen zu können, dass wir uns ziemlich nahe sind. Dr. Dodd verwendet eine ganz andere theologische Sprache und kommt von einem sehr anderen theologischen Hintergrund und einer anderen Tradition her, aber ich habe den Eindruck, dass wir eigentlich nicht sehr weit voneinander entfernt sind.


Dritte Frage:

Ich möchte Dr. Barth fragen, ob er es wirklich so meinte, als er sagte, wir dürften uns nicht darum sorgen, ob die Zahl der Christen zu- oder abnimmt.12

Taft13 (lächelnd):

Als Vorsitzender kann ich keine Frage zulassen, die Zweifel daran ausdrückt, ob unsere Redner wirklich meinen, was sie sagen.

Barth:

Was die allgemeine Frage «Meine ich wirklich, was ich sage?» betrifft, so möchte ich sie nicht beantworten, aber ich denke, ich werde die konkrete Frage beantworten, die mir gestellt wurde. Was ich gesagt ist habe, ist nur das, was die Bibel und insbesondere das |42 Neue Testament sagen. Wir finden dort kein Wort darüber, dass die Zahl der Christen stets zunimmt, bis sich jeder Christ nennt. Im Gegenteil, die Bibel und das Neue Testament sagen vielmehr, es könne auch nur eine kleine Herde sein [vgl. Lk. 12,32]. Ich wollte Ihre Aufmerksamkeit auf diese Tatsache lenken und sie angesichts des weit verbreiteten Optimismus bezüglich der Zukunft des Christentums betonen. Ich bin kein Prophet. Ich sage nicht, dass die Zahl zurückgehen wird. Ich sage nur, dass uns die Bibel dazu bringt, mit kleinen Zahlen zu rechnen und uns nicht allzu sehr um sie zu kümmern.


Vierte Frage:

Sie haben in ihrem Vortrag Rom und Moskau sehr nah zusammengerückt.14 Ist das nicht recht gewagt und kann zu Fehldeutungen führen? Was denken Sie über den enzyklischen15 Brief der römisch-katholischen Bischöfe, der in den katholischen Kirchen der Niederlande am letzten Sonntag verlesen wurde und der die Amsterdamer Konferenz betrifft?16

43 Barth:

Um die zweite Frage zuerst zu beantworten, kann ich nur sagen, dass ich diesen Brief noch nicht gesehen habe. Und zur ersten Frage möchte ich sagen: «Nicht ich bin es, der Rom und Moskau eng zusammengerückt hat». Sie haben es selbst getan, indem sie die Einladung zur Amsterdamer Konferenz abgelehnt haben. Alles, was ich getan habe, war, diese bemerkenswerte Tatsache zu kommentieren.


Fünfte Frage:

Sie sagten, Sie seien erstaunt, dass in all den Dokumenten der dritten Sektion kein Wort zu den Problemen des Privateigentums, des Geldes, des Kapitals und so weiter zu finden sei.17 Wussten Sie nicht, dass diese Frage als so wichtig angesehen wird, dass sie in einem eigenen Band behandelt werden soll?

Barth:

Ich muss die Dokumente kommentieren, die wir bekommen haben. Ich habe all die Papiere in den vier Bänden, die wir im letzten Jahr erhalten haben, sehr ernsthaft studiert und kann nicht umhin, heute zu wiederholen, was ich gestern gesagt habe. Ich finde es ziemlich erstaunlich, dass es einen ganzen Band von Papieren über die gesellschaftliche Ordnung und Unordnung in der Welt gibt,18 in dem das Problem des Privateigentums und so weiter nicht behandelt wird. Das ist, was ich sagen wollte, und ich denke, es sollte wirklich behandelt werden.

Taft:

Denken Sie nicht, dass diese Spezialfragen beiseitegelassen wurden, weil sie in den Dokumenten der Konferenz zu Kirchengemeinschaft und Staat in Oxford 1937 und im Bericht dieser Konferenz sehr ausführlich behandelt wurden?19

44 Barth:

Wir leben nicht mehr im Jahr 1937, sondern im Jahr 1948. Die Frage stellt sich heute in einer neuen Weise, in neuen Umständen und in einem neuen Kontext. Ich bin nicht der Meinung, dass man einfach auf Antworten verweisen kann, die vor elf Jahren gegeben wurden. Ich bin auch nicht der Meinung, dass man über soziale Fragen sprechen kann, ohne dieses Thema ernsthaft zu berücksichtigen.

Van Dusen:20

Vielleicht darf ich als Vorsitzender der Studienkommission etwas dazu sagen. Ich verstehe nicht ganz, was Dr. Barth meint, denn ich denke, dass es in diesem Band viele Bezüge auf Geld, Eigentum, Kapital usw. gibt. Ich denke, wenn man einen Rotstift nähme und durch den englischen Text ginge, fände man jedes dieser Wörter zehn oder zwölf Mal.

Barth:

Um deutlich zu machen, was ich meine, möchte ich Folgendes sagen: Wenn sich hier zum ersten Mal in der Geschichte die gesamte Christenheit trifft, um über die Frage der gesellschaftlichen Ordnung und Unordnung in der Welt zu sprechen, dann sollte die Botschaft einer solchen Versammlung die Qualität und die Tiefe des Kommunistischen Manifests von 1848 haben.21 An diesem Vergleich wird die Welt abwägen und messen, was wir sagen. Es reicht daher meiner Meinung nach nicht, wenn das Wort «Geld» in diesem Band zwölfmal vorkommt und das Wort «Eigentum» zehnmal. Was wir brauchen, ist eine grundlegende Antwort auf die Herausforderung, vor die der Sozialismus und der Kommunismus uns stellen. Was wir im dritten Band finden, ist lediglich ein soziologischer Aufsatz, aber keine echte Antwort auf das Problem des Kommunismus. Wenn wir den Ernst dieser Herausforderung nicht begreifen, dann wird unsere Antwort auf der anderen Seite, d. h. der sozialistischen und kommu|45nistischen Seite, sicherlich nicht gehört werden. Lassen Sie mich nur ein Wort hinzufügen. Ich habe nicht gesagt und denke auch nicht, dass ich selbst in der Lage wäre, die Antwort zu geben, die wir brauchen, und ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob die Kirche von heute dazu in der Lage ist, aber ich bin ganz davon überzeugt, dass wir, wenn wir zur Frage der gesellschaftlichen Ordnung sprechen wollen, eine Antwort auf die Probleme geben müssen, die der Sozialismus und der Kommunismus in unserer Zeit aufwerfen.

Sachfußnoten

1
Vgl. K. Barth, Die Kirche – die lebendige Gemeinde des lebendigen Herrn Jesus Christus, in: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 1: Die Kirche in Gottes Heilsplan. Oekumenische Studien, durchgeführt unter den Auspizien des Oekumenischen Rates der Kirchen und herausgegeben von der Studienkommission des Oekumenischen Rates in Genf, Genf 1948, S. 71–79 📖.↩
2
K. Barth, Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan. Vortrag, gehalten an der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam, 23. August 1948, Zollikon-Zürich 1948 📖.↩
3
K. Barth, Unsere reformierten Kirchen und der Weltrat der Kirchen. Ansprache Karl Barths bei einer Sonderversammlung der Reformierten in Amsterdam am 1. September 1948, in: K. Barth / J. Daniélou / R. Niebuhr, Amsterdamer Fragen und Antworten (ThExh.NF 15), München 1949, S. 11–15 📖.↩
4
Zu Barths Wirken in Amsterdam vgl. ausführlich Th. Herwig, Karl Barth und die Ökumenische Bewegung. Das Gespräch zwischen Karl Barth und Willem Adolf Visser ’t Hooft auf der Grundlage ihres Briefwechsels 1930–1968, Neukirchen-Vluyn 1998, S. 128–194 📖.↩
5
Gemeint ist eine Sitzung der Sektion I.↩
6
Postkarte Barths vom 25.8.1948 (KBA 9272.291); vgl. die Abschrift in KBA 9248.239.↩
7
KBA 44800; Typoskript, 4 Seiten.↩
8
Siehe unten, S. 415–417.↩
9
Vgl. Barth, Unordnung (Anm. 2), S. 19 📖: «Es wird […] das Reich, das wir der Welt anzeigen, das Reich Gottes und nicht das Reich irgendwelcher von uns für gut gehaltenen Ideen und Prinzipien sein müssen. Unser Ja und unser Nein zum Tun der Gesellschaft und der Staaten sei das Ja oder Nein des Evangeliums und nicht das Ja oder Nein irgendeines Gesetzes! Wir werden uns auf nichts als auf den Gehorsam gegen die konkreten Gebote des lebendigen gegenwärtigen Herrn Jesus Christus festlegen können.»↩
10
Dieser Satz ist in Barths Protokoll-Exemplar handschriftlich unterstrichen.↩
11
Charles Harold Dodd (1884–1973), britischer kongregationalistischer Theologe, 1935–1949 Prof. für Neues Testament an der Universität Cambridge. Dodd sprach am 23. August 1948 anschließend an Barth ebenfalls zum Thema «Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan»; sein Vortrag ist zusammengefasst in: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 5: Die erste Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, hrsg. von W. A. Visser ’t Hooft, Genf 1948, S. 38f. 📖↩
12
Vgl. Barth, Unordnung (Anm. 2), S. 17 📖: «was könnten wir eigentlich dagegen einzuwenden haben, wenn es Gott nun eben gefallen sollte, sein Werk nicht in einer weiteren zahlenmäßigen Vermehrung, sondern umgekehrt in einer energischen zahlenmäßigen Verminderung der sogenannten Christenheit weiter und seinem Ziele entgegenzuführen?»↩
13
Charles P. Taft (1897–1983), US-amerikanischer Politiker; ab 1947 Präsident des Federal Council of the Churches of Christ in America, 1948 Mitglied im Vorläufigen Ausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen.↩
14
Vgl. Barth, Unordnung (Amm. 2), S. 13f. 📖: «Möchte uns diese Freiheit dann auch das bedeuten, daß das Seufzen oder die Entrüstung über die Absagen, die wir von den Kirchen von Rom und von Moskau erhalten haben, in den Verhandlungen unserer ersten Sektion einen möglichst geringen Raum einnimmt! Warum sollten wir in diesen Absagen nicht schlicht die gewaltige Hand Gottes über uns erkennen? Er gibt uns damit vielleicht ein Zeichen, durch das er uns jeden Wahn nehmen will, als könnten wir hier einen Turm bauen, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. […] Und er stellt uns vielleicht gerade damit an einen sehr guten Ort, daß ausgerechnet Rom und Moskau darin einig zu sein scheinen, daß sie von uns nichts wissen wollen. Ich schlage vor, daß wir Gott nun eben auch darin loben und danken wollen, daß es Ihm gefällt, unsern Plänen in so deutlicher Weise in den Weg zu treten!»↩
15
Im Original fälschlich: «encyclopical» («enzyklopädisch»).↩
16
Vgl. dazu O. Str. Tomkins, Die Römisch-Katholische Kirche und die ökumenische Bewegung. 1910–1948, in: R. Rouse / St. Ch. Neill, Geschichte der Ökumenischen Bewegung 1517–1948, Zweiter Teil (Theologie der Ökumene, Bd. 6), Göttingen 1958, S. 359–384, hier S. 378 📖: «Am Sonntag, dem 22. August, während die Vollversammlung tagte, wurde ein Hirtenbrief der römisch-katholischen Bischöfe Hollands in allen ihren Kirchen verlesen. Er legte sorgsam den Grund dar, warum die römisch-katholische Kirche sich nicht an einer solchen Weltkonferenz beteiligen könne. ‹Dieses Abseitsstehen ist nicht in irgendeiner Furcht begründet, Prestige zu verlieren›, sagte der Hirtenbrief und schloß mit einem dringenden Ruf an alle Priester und Gläubigen, sich während jener Tage im Gebet für alle Teilnehmer der Vollversammlung und für die vielen anderen nichtkatholischen Christen zu vereinigen, ‹die liebend nach Einheit suchen, die wahrhaft Christus folgen und in seiner Liebe leben und die, obwohl getrennt von der Herde Christi, doch nach der Kirche, mag es auch oft unbewußt geschehen, als nach dem einzigen rettenden Hafen ausschauen›.»↩
17
Vgl. Barth, Unordnung (Anm. 2), S. 20 📖: «Darf man sich nicht wundern, daß der ganze Problemkreis des Eigentums, des Grundbesitzes und der Grundrente, des Kapitals, des Zinses und des Geldes überhaupt im dritten und vierten Band unseres Vorbereitungsmaterials, als wäre dieser Bereich tabu, nicht einmal angerührt, geschweige denn diskutiert und bearbeitet wird?»↩
18
Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan, Bd. 3: Die Kirche und die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung. Oekumenische Studien, durchgeführt unter den Auspizien des oekumenischen Rates der Kirchen und herausgegeben von der Studienkommission des Oekumenischen Rates in Genf, Zürich 1948 📖.↩
19
Vgl. Kirche und Welt in ökumenischer Sicht. Bericht der Weltkirchenkonferenz von Oxford über Kirche, Volk und Staat, hrsg. von der Forschungsabteilung des Oekumenischen Rates für Praktisches Christentum, Genf 1938, dort S. 158–199 📖 den Abschnitt «Kirche, Volk und Staat in ihrer Beziehung zur Wirtschaftsordnung».↩
20
Henry P. Van Dusen (1897–1975), US-amerikanischer presbyterianischer Theologe, 1926 Dozent am Union Theological Seminary in New York, ab 1945 dessen Präsident. Van Dusen nahm als Vertreter der Presbyterianischen Kirche in den Vereinigten Staaten von Amerika an der Weltkirchenkonferenz teil und war Vorsitzender der Ökumenischen Studienkommission.↩
21
K. Marx / Fr. Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: MEW 4, Berlin[-Ost] 1959, S. 459–493 📖.↩