Gespräch mit belgischen und deutschen Studenten in der Burg Rotberg
GESPRÄCH MIT BELGISCHEN UND DEUTSCHEN
STUDENTEN IN DER BURG ROTBERG
1948
Am 17. Juli 1948 traf
Nach dem Gespräch schrieb Barth an seine Frau
35 Dem Schreiben Perriers lag auch ein französisches Protokoll des Gesprächs bei, das nicht erhalten ist. Als Grundlage der Edition dient der Bericht, den
[Gespräch mit belgischen und deutschen Studenten in der Burg Rotberg]
Jede Geistesbewegung (mouvement d’idées) kennt drei Perioden: Revolution, Kristallisation und régression (Rückbildung). Das Christentum ist in das zweite, das statische, Stadium getreten, während demgegenüber der Kommunismus sich im ersten, dem dynamischen, befindet. Hat die Kirche da nicht ein großes Handicap zu befürchten? Darf sie hoffen, in dieser Situation durchzukommen, und wenn ja, auf welche Weise?
Sie reden in Ihrer Frage von «Geistesbewegung». Aber meinen Sie, dass der Kommunismus von einem Kommunisten als eine solche bezeichnet würde? Ich denke nicht. Er würde eher schlicht von einem Faktum, von einer objektiven Notwendigkeit sprechen als von einer Geistesbewegung, die mehr im Rahmen der Philosophie ihren Raum und ihre Würdigung finden könnte. Der Kommunist will nicht im philosophischen Sinne ein Denker sein, sondern er fühlt sich gleichsam als Träger einer Mission.
Und wie ist das mit dem Christentum? Würde der Christ es eine Geistesbewegung nennen? Auch hier befinden wir uns auf einer anderen Ebene. Das Christentum ist eine Botschaft, eine Offenbarung Gottes. Es bedeutet, dass von Gott ein Wort an die Menschen ergangen ist. – Es gibt dann natürlich auch noch eine christliche Philosophie, aber die nur als «Nach-Wort».
Und wie verhält sich das mit den von Ihnen konstatierten drei Perioden? Wir wollen einmal annehmen, diese Aussage stimmte – ich bin dessen nicht ganz sicher. Dann aber sind hinsichtlich des Christentums diese drei in keinem Fall getrennt zu verstehen. Trennen Sie |36 diese Perioden in der Anwendung auf das Christentum, so kommen Sie überhaupt zu keinem Verständnis. Welches Christentum ist nur revolutionär? Ja, das Christentum ist das Revolutionärste, was es gibt, ständig gibt, gestern, heute und morgen. Aber neben seinem revolutionären Charakter ist es nie ohne "cristallisation", d. h. ohne Gestaltung. Und leider ist es auch nie ohne régressement: denken Sie an die menschliche Schuld, an Krankheit und Tod.
Bezüglich des Kommunismus würde ich aber meinen, dass gewisse Zeichen darauf hinweisen, dass er sich, verglichen mit seinen Anfängen, etwa vor 100 Jahren, schon in einer gewissen Kristallisation befindet. Und nun meinen Sie, dass die Kirche von ihm ein großes Handicap zu befürchten hätte. Aber was sagen Sie überhaupt damit, wenn Sie «Kirche» sagen? Kirche: das sind wir! Die Frage mit dem Handicap richtet sich also an uns. Sind wir Christen so revolutionär und so gegründet zugleich, wie es uns eigentlich zukäme, sind wir bereit zu gehorchen, wissen wir um die Vergebung der Sünden und leben wir davon, was gibt es da überhaupt zu befürchten? Nur eine ungehorsame und tote Kirche hat sich zu fürchten; sie hat wirklich Grund, Alles zu fürchten.
Haben aber nicht die Kommunisten einen Enthusiasmus, der den Christen fehlt? Ist ihnen nicht ein Gerichtetsein auf die Welt zu eigen? Hat das Christentum überhaupt etwas mit dem "Leben" zu tun, oder besteht es nicht vielmehr nur aus Theologie? Geht das Christentum wirklich die Welt an?
Die Kirche hat einen Auftrag an alle Welt. Es ist aber leider so, dass nicht alle das wissen.
Nimmt nicht der Einfluss des christlichen Abendlandes beständig mehr und mehr ab?
Geht man vom sogenannten "christlichen Abendland" aus, dann wird man das notwendigerweise eingestehen müssen. Aber was soll das schon bedeuten! Schauen wir doch auf die Kirche; da steht es anders! Sie hat ewigen Bestand! Kirche wird es noch geben, wenn der Kommunismus längst zu den Akten gelegt ist. Dass sie aber Bestand hat, dass sie lebt, wird nie ohne Buße abgehen. Darum handelt es sich auch für uns heute. Wir müssen wieder christliche Gemeinden bekommen, zu denen Menschen gehören, die nicht nur einfach «dabei» sind, sondern wissen, um was es geht. Diese Frage nach der le|37bendigen Gemeinde geht uns alle an. Dass das dann eine Reduktion bedeutet, ist offensichtlich.
Wie kann man den Respekt vor der Gedankenfreiheit mit dem Kampf gegen umstürzlerische Ideen vereinigen?
Wo man die Polizei aufbieten will gegen Ideen, muss da nicht Alles schief gehen? Wollen geistige Fragen nicht geistig ausgetragen sein? Ich gebe Ihnen den Rat: Lasst die Ideologen reden und seid eurer Sache sicher! Auch der Marxismus muss frei diskutiert werden. Man darf und kann Ideen nicht mit Gewalt unterdrücken. Wäre eine solche Methode nicht eine Art Faschismus? Und es erschreckt mich etwas, dass aus dem Kreis der Jungen eine solche Forderung laut wird.
Die beiden Geistesgegner Christentum und Weltbolschewismus werden sich eines Tages zu einem Endkampf gegenüberstehen. Wird das Christentum noch zeitig genug in der Lage sein, die guten Kräfte der Welt zu sammeln und die satanische Macht aufzuhalten? Wie könnte man dann auf der Basis des Christentums zu einer allgemeinen Völkerverständigung kommen?
Die Frage ist falsch, geradezu bewundernswert falsch gestellt. Das Christentum ist nicht eine Partei, nicht ein Nein, sondern ein starkes Ja. Es macht sowohl mit dem Bolschewismus wie mit dem Kapitalismus keine gemeinsame Sache. Würde das Christentum sich heute in eine Front einordnen lassen, dann hätte der Bolschewismus in seiner Haltung recht. Heute, jetzt auf einmal, entdeckt man die Freiheit! Wäre dazu nicht schon früher Gelegenheit gewesen? Verteidigen Sie nicht im Grunde, wenn Sie von der Kirche und vom Christentum reden und dort nach Hilfe Ausschau halten, einfach den Zustand der Lebensformen, die bis jetzt Bestand hatten? Werden Sie nicht zu Heuchlern, wenn Sie die Frage so formulieren? Meinen Sie eigentlich nicht etwas ganz anderes als Kirche und Christentum? Sie sind an der bürgerlichen Gesellschaft interessiert und so auch nun an der Verquickung von Kirche und dieser Gesellschaft. Unter den Augen der Kirche gab es in dieser Gesellschaft jahrhundertelang Millionen von Unterdrückten. Und jetzt meinen diese Millionen endlich, dass die Reihe an ihnen sei. Das ist natürlich in gewisser Weise gefährlich, und die Möglichkeit eines Irrtums liegt nahe. Aber welche «guten Kräfte der Welt» soll die Kirche aufrufen dagegen? Etwa Amerika mit seiner |38 trefflichen Atombombe?? Etwa die Bankiers der ganzen Welt? In dieser Gesellschaft wollte ich nicht sein. Vor allem sollte die Christenheit einmal Buße tun, ehe sie den Bolschewismus bekämpft. Viel wichtiger und aussichtsreicher wäre es, wirkliche Kirche zu werden, die weder kommunistisch noch anti…, sondern einfach menschlich ist und denkt, die so ein centre indépendent, ein unabhängiges Zentrum bilden würde. Sind Ost und West nicht zusammen eine verlorene Menschheit? Und die Kirche könnte dann nur eine Minorität zwischen zwei Kolossen bilden, aber eine solche Minorität, die ein Licht in dieser Wirklichkeit wäre, die an sich trostlos ist. Ich bitte Sie!
Was nun? fragen Sie. Verwirklichen Sie das alles an Ihrem Ort! Arbeiten Sie an der Neugestaltung des politischen Geistes! Und schauen Sie dabei nicht rückwärts. Die Vergangenheit ist vergangen. Es kann sich nur um ein neues Denken handeln. Ihre Parole sei: Nicht kämpfen, sondern bauen! Ich bin auch, wenn es sein muss, bereit zu kämpfen, aber nicht für oder gegen Prinzipien.
Sehen Sie, Sie haben sich hier als die Angehörigen zweier Völker zusammengefunden. In solchen Begegnungen wird ein neuer Anfang gemacht. Ich kann Sie nur ermuntern, diese Begegnungen zu wiederholen. Das zu tun, ist heute das Wichtige, was die Stunde erfordert.