21. Januar 1948

Gespräch mit Hans Fischer und Erwin Sutz

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GESPRÄCH MIT HANS FISCHER UND ERWIN SUTZ

1948

Am 21. Januar 1948 besuchten Erwin Sutz1 und Hans Fischer2 Barth in Basel3 und führten mit ihm ein Gespräch anhand vorbereiteter Fragen. Sutz schickte Barth einige Monate später das von Fischer angefertigte Protokoll der Begegnung zu, verbunden mit dem Kommentar, dass Fischer es gerne in der niederländischen Zeitschrift «In de Waagschaal» veröffentlichen würde.4 Barth antwortete: «Hier gebe ich Ihnen den Bericht jenes Gesprächs zurück, ich würde aber doch meinen, dass er sich zur Veröffentlichung darum nicht eignet, weil doch sehr wichtige Fragenbereiche nur andeutungsweise und ein wenig im Plauderton behandelt wurden, die ich, wenn schon, dann lieber etwas gründlicher besprechen möchte.»5

Im Folgenden wird das von Fischer angefertigte Protokoll nach dem im KBA vorhandenen Exemplar6 wiedergegeben.

Gespräch mit Prof. Karl Barth

Fragen:

Gibt es eine politische Verkündigung, die über das Anweisen konkreten Unrechtes und konkreter Lüge und konkreter Gewalttat hinausgeht? Kann man von der politischen Verkündigung her |4 Konsequenzen bis in ein bestimmtes System herein ziehen? Muss eventuell von der Verkündigung her ein ganz bestimmtes System abgelehnt und verworfen werden? Weil sonst Lügen, Gewalt und Unrecht triumphieren, wenn die Kirche zum System schweigt?

Warum sollen wir nicht die gleiche Stellung beziehen gegen den Kommunismus wie gegen den Nationalsozialismus? Ist die Gefahr des Antichristen im Nationalsozialismus nicht auf Grund von Gewalttätigkeiten deutlich geworden, die anzeigten, dass die Ideologie schlecht war? Ist beim Kommunismus nicht die gleiche Lage da, dass die Gewalttätigkeiten Ausdruck der falschen Ideologie sind, die dahinter steht? Ist einer Ideologie mehr zu trauen als einer anderen? Verbirgt die Ideologie des Kommunismus nicht doch wieder nur den Tatbestand, dass es auch in ihm nur um die Macht an sich und darum doch nur um den Nihilismus geht? Sind die beiden Teufel nicht einander gleich? – Zum Konflikt Asmussen-Diem:7 Welche echte Frontstellung verbirgt [sich] hinter dem aufgebrochenen Streit? Geht es um dasselbe Problem wie in dem Streite Barth-Brunner?8 Ist Asmussens Stellung begründet in seiner lutherischen Theologie? Ist er der Theo|5loge des lutherischen Konfessionalismus? Oder ist seine Fragestellung geborgen in seiner politischen Entscheidung im großen Konflikt dieser Zeit: Ost-West? Asmussen selbst gibt zu erkennen, dass die konfessionalistische Frage nur Tarnung eines wahren Gegensatzes in der deutschen Kirche ist. Dieser wahre echte Gegensatz ist aufgebrochen am Darmstädter Wort der Bekennenden Kirche.9 Seine Antwort an Diem ist weniger theologisch als politisch. Sein Widerspruch gilt der Demokratie (es scheint so, als müsse man erst ein bestimmtes politisches Bekenntnis haben, bevor man Christ sein kann10), sein Widerspruch gilt dem Wort vom Sozialismus und Barths Hinneigung zur sozialistischen Lösung. Sein Widerspruch gilt überhaupt der Offenheit der Barthianer gegenüber dem Osten.

Asmussen ist nur zu verstehen als der Mann, der formuliert, was in den Studierzimmern und Herzen der Verkündiger des Evangeliums lebt. Er ist der Kristallisationspunkt des Unterstromes der gegenwärtigen kirchengeschichtlichen Lage. Sein Wort und seine Briefe haben nur darum ein solches Gewicht, weil er ausspricht, was unterbewusst bei den Pfarrern lebt. Unsere Frage ist: Bestreitet man seinen gefährlichen Einfluss nicht am besten, indem man einmal besser und neu und anders sagt, was die Kirche gegenüber dem Osten zu sagen hat? Ist es nicht das Gebot der Stunde, positiv und deutlich zu sagen, was die Aufgabe der politischen Verkündigung der Kirche heute ist im Anblick der politisch-notvollen Situation Europas?

6 Ist es nicht geboten, einmal zu sagen, welche positiven Aufgaben Europa heute hat? Muss die Kirche dies nicht verbindlich sagen können?


[Barth:]

Asmussen – Diem: Es geht hier nicht um einen echten theologischen Gegensatz. Die Sache der Konfessionalisten ist hohl. Theologisch haben wir sie nicht zu bestreiten. Man muss nur warten können. Vielleicht zehn oder zwanzig Jahre. Der Konfessionalismus in Deutschland ist theologisch nicht ernst zu nehmen. Asmussen hält sich für einen großen lutherischen Theologen. Asmussen greift mich an und nicht ich greife ihn an. Alles, was Asmussen gegen mich schreibt, geht auf meinen ersten Vortrag zurück: «Die evangelische Kirche nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches», und in ihm auf einen bestimmten Abschnitt, wo ich über die Walpurgisnacht gesprochen habe.11 Gegen dieses Wort wehrt sich Asmussen. Er hat den Vortrag gelesen. Jetzt weiß er ihn vielleicht gar nicht mehr, aber dieses Wort ist bei ihm hängen geblieben. Wichtig für die heutige Situation ist, dass der Rat der EKiD sich offiziell von den Äußerungen ihres Präsidenten12 distanziert hat und sie als Privatäußerungen dieses Man|7nes Asmussen kennzeichnet.13 Mit dem Aufnehmen der Begriffe Synthese und Diastase greift Asmussen auf eine Debatte in Hamburg zurück, wo ich diese Begriffe gebraucht haben muss.14 Bei ihm sieht meine Synthese so aus, als ob von mir eine Synthese zwischen Christentum und Demokratie verlangt sei.15 Ich habe die Zeit der sogenannten Diastase so charakterisiert: 1920–1930 habe ich den Bogen gespannt, aber so, dass ich den Bogen ausgezogen habe durchaus in der |8 Meinung, um in einem gegebenen Augenblick auf den gespannten Bogen einen Pfeil zu legen um ihn dann loszuschießen16 (Asmussen ist im Übrigen ein menschliches Problem). Uns bleibt angesichts der Hohlheit der theologischen Position der Konfessionalisten und Asmussens nichts anderes übrig, als positiv weiter zu arbeiten, so als ob nichts geschehen wäre.17 Diese hohle Sache wird zu ihrer Zeit schon in sich zusammenbrechen.

Die lutherischen Laien in der Ostzone wissen besser, worum es geht. Die Haltung der Bekennenden Kirche in der Ostzone ist überhaupt das Einzige, was mich Positives hat sagen lassen über die Deutsche Kirche.


[Kommentar:]

Die Forderung, Asmussens Einfluss zurückzudrängen durch eine klarere und deutlichere Stellungnahme der Kirche in dem Konflikt Ost-West, wird insofern von Barth anerkannt, als er jetzt eine Formulierung dieses Konfliktes versucht:

 

[Barth:]

Ost-West. Die Voraussetzung einer ordentlichen Auseinandersetzung [über die Situation] der Kirche zwischen Ost und West ist die, dass die evangelische Kirche anders beieinander ist, als sie es jetzt ist.

Die Konzentration auf ihre eigentliche Botschaft müsste eine andere sein. In Verkündigung und Ordnung ist sie steuerlos allen möglichen Winden ausgeliefert. Einmal dem Ostwind, einmal dem Westwind. Die Kirche müsste versuchen, unter allen Umständen über diese Haltlosigkeit herauszukommen.

In der Frage Ost-West hat sich seit zwei Jahren allerlei verändert. Seit zwei Jahren ist alles viel schwerer geworden, als es 1945 war. Ich |9 könnte einige Sätze, die ich 1945 über den Kommunismus gesagt habe, nicht wiederholen. Es ist eine Erstarrung im Osten eingetreten, vielleicht auch eine Starrheit an den Tag getreten, die schon vorhanden war. Mein Anliegen gegenüber den Deutschen war, sich nicht in eine Westfront einzuordnen. Die Entscheidung zwischen Whisky und Wodka ist keine kirchliche Entscheidung. Die Deutschen meinen, der Kommunismus sei gleich dem Totalitarismus des Nationalsozialismus. Diese Meinung habe ich auflockern wollen. Wir haben nicht gegen den Kommunismus zu bekennen, wie wir gegen den Nationalsozialismus unser Bekenntnis abgelegt haben. Leidenschaftlich hat man mich aufgerufen, zu einem Ost-Barmen zu kommen. Zu einem Ost-Barmen sehe ich keine Nötigung, aber auch nicht zu einer Verteidigung des Ostens. Man wirft den Nationalsozialismus und [den] Kommunismus in einen Topf und merkt nicht, wie man dabei die Linie Hitlers fortsetzt. Und zwar Hitlers Front gegen den Kommunismus unter einem anderen Vorzeichen. Dagegen habe ich mich gewandt und dagegen wende ich mich heute noch. Ich habe dafür verschiedene Argumente.

Zunächst: der Unterschied von [heute zu] 1933 ist der, dass damals die Frage war: sollen wir durch unsere Hinwendung zum Nationalsozialismus helfen, Unrecht zu tun? Die Frage heute ist die: Sollen wir dagegen bekennen, dass wir Unrecht leiden und erleiden? Unterdrückung und Verfolgung kann man als Christ nur erlei[den.] Dagegen kann man nicht bekennen.

1933 standen Viele, auch viele Christen, in der Versuchung zu meinen, es könnte etwas daran sein am Nationalsozialismus. Das war eine konkrete Anfechtung der Kirche. Ist der Bolschewismus wirklich in diesem Sinne eine Versuchung für die Kirche? Man mag den Bolschewismus nicht. Ich mag ihn auch nicht. Er ist aber auf jeden Fall keine tentatio, oder welcher Pfarrer meint heute, es sei etwas am Bolschewismus? Wir haben die Kirche wegzulocken von diesem Krampf, dass sie meint, sie sei in derselben Lage wie 1933. Die Verteidigung des christlichen Abendlandes ist nicht die Aufgabe der evangelischen Kirche. Die Verteidigung des christlichen Abendlandes können wir ruhig der katholischen Kirche überlassen, die evangelische Kirche in Deutschland wird alles tun müssen, um sich nicht in eine Amerikafront einordnen zu lassen. Wir haben allen Anlass, viel mehr die Ge|10fahr dieser Frontenbildung zu erkennen und wir haben viel kritischer zu sein gegenüber dem Westen, weil wir viel mehr selbst verflochten sind in diese Front, als wir wissen. Schwieriger, sehr viel schwieriger ist die Frage des Bolschewismus in den östlichen Kirchen. Die Kirche in Ungarn richtet ihren Blick ganz natürlich auf die Verteidigung des christlichen Abendlandes, die vom Westen her erfolgen könnte, und doch will sie offen bleiben [gegenüber] den Problemen, die vom Osten her kommen. Man hat mich gebeten, im Frühjahr zu kommen.18 Angesichts dieser ernsten Lage getraue ich mich kaum mehr so zu reden, wie ich geredet habe.

(Gericht: keine theologische Deutung)19

Wir haben es im Osten nicht nur mit den russischen Menschen, sondern in der Tat mit dem russischen System zu tun. Lieb20 ist da zu literarisch.21 Er stellt den russischen Menschen gegen den kapitalistischen Westen. Der Mensch ist überall derselbe. Wir haben es nicht zu tun mit dem russischen Menschen und seiner Humanität, nicht mit dem Menschen Dostojewskischer und Tolstoischer Prägung. Mensch ist Mensch, auch im kapitalistischen Amerika gibt es den freien amerikanischen Bürger. Es steht System gegen System. Aber nun gilt es gerade, diese Fronten aufzulockern. Wir haben eine politische Verkündigung zu pflegen, welche nach links und nach rechts trifft. Wohin habe ich mich zu stellen, fragt man. Nach links, oder nach rechts? Wir haben zu antworten, es gibt den dritten Ort. Gibt es eine Verkündigung der Kirche heute, die auf diese Frage antwortet? Darmstadt bemüht sich um diese Frage. Im Osten Deutschlands nennt man das Wort von Darmstadt das Wort von der Geschichtsbuße, das poliische Bußbekenntnis. Es wird sich zeigen müssen, dass dieses Wort poli|11tisch für Deutschland einen Weg öffnet. Es ka[nn] echte politische Verkündigung sein, wenn es der Kirche hilft, unter allen Umständen den Willen wach zu halten, sich nicht in eine Front stellen zu lassen. Die Kirche hat ein Drittes zu tun. Den dritten Ort habe ich in meiner Schrift: «Christengemeinde und Bürgergemeinde» gemeint. Es ist mir klar, dass die 10 Punkte, die ich praktisch angegeben habe, furchtbar dünn sind.22 Sie müssen breiter und tiefer sein. Nur nicht im Sinne van Rulers.23

Die Kirche darf auch nicht vom Naturrecht her argumentieren, sondern sollte unter allen Umständen vom Evangelium her argumentieren und diese Linie aufzeigen. Es ist nach diesen Dingen gründlicher zu fragen, als ich es getan habe. Das Nein nach rechts und links ist besser zu sagen als das Ja. Das ist mir klar.

Die Frage, ob es eine verbindliche Entscheidung der Kirche in dieser politischen Verkündigung gibt, beantworte ich folgendermaßen. In bestimmten politischen Entscheidungen gibt es in der Tat verbindliche Parole. Dann fällt unter Umständen in einer politischen Entscheidung weitergreifend eine Entscheidung in der Frage des Evangeliums. Dann steht die Sache so: Jetzt steht und fällt das Evangelium, jetzt steht und fällt nicht nur eine politische Entscheidung. Die reformierte Kirche in Ungarn steht vor verbindlichen Entscheidungen. Vielleicht auch vor verbindlichen Entscheidungen gegenüber dem Kommunismus. Eine verbindliche Entscheidung der Kirche kann ein Einzelner hervorrufen. Er kann die Kirche vor eine Entscheidung stellen. (Vergleiche Wipkingen 1937:24 Ich habe in die Versammlung hin|12ein gefragt: Kann einer unter euch die Sache anders sehen und anders entscheiden? In der ganzen Versammlung ist keiner aufgestanden, der die Sache anders sah.)

Heute kann ich auf keinen Fall erkennen, dass die Kirche im Westen schon in derselben Lage sei wie damals. Ich habe das Buch von Krawtschenko «Ich wählte die Freiheit»25 gelesen. Da ist entsetzlich viel Schlimmes zu lesen, aber ich finde kein Äquivalent zum Nationalsozialismus in dem allen. Ein Äquivalent zu den Erscheinungen der Gläubigkeit, des Messianismus, die einen Rosenberg26 oder aber auch einen Müller27 ermöglichten. Der Stalinkult ist gleichzusetzen der Ikonenwirtschaft der russischen Kirche. Nicht die gleiche SS-Mystik, nicht die gleiche Ekstase. Ob im Kommunismus die Angst zu einem politischen Mittel der Beherrschung der Masse gemacht wird, ist eine ernste Frage. Die Angst ist eine sehr unschöne Sache. Es sind zweifellos verschiedene Ursachen, die Angst machen können. Vom Evangelium her ist aber nur zu sagen: Fürchtet Euch nicht. Wer sich vor Gott nicht fürchten braucht, braucht sich vor Menschen auch nicht mehr zu fürchten. So eng hängen Politik und Glaube zusammen. Wie alles darauf angelegt ist, gibt es jetzt keine andere politische Botschaft, aber unsere Lage ist die: sie hören nicht, sie verstehen es nicht [vgl. Mt. 13,13]. Westeuropa ist kapitalistisch mehr verflochten als es weiß. Die Aufgabe der Kirche ist es, dagegen kritisch zu stehen, weil man kritisch gegen sich selbst sein muss. Die Kirche hat kein Bekenntnis gegen die Diktatur des Ostens abzulegen oder heute damit zu beginnen. Die Ökumene sollte erst einmal zu sich selber sprechen und vor allem in Amsterdam28 alles tun, um nicht in die Front gegen den Osten |13 eingeschaltet zu werden. Sie sollte, bevor sie zu anderen redet, erst einmal zu sich selber reden. Sie wird genug zu tun haben, um nicht in einen westlichen Block gezogen zu werden.

Sachfußnoten

1
Erwin Sutz (1906–1987), 1946–1953 Pfarrer am Neumünster in Zürich, später in Zürich-Hottingen. Sutz hatte während seines Studiums in New York Dietrich Bonhoeffer kennengelernt (vgl. E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, München 1967, S. 189f. 📖).↩
2
Hans Fischer (1906–1970), mit Barth seit seiner Studienzeit bei ihm in Bonn bekannt, 1934 Pfarrer in Amsterdam, ab 1940 in Rotterdam.↩
3
Vgl. Taschenkalender Barth, Eintrag vom 21.1.1948.↩
4
Vgl. den Brief von Sutz an Barth vom 10.5.1948 (KBA 9349.371 [irrtümlich auf das Jahr 1949 datiert]).↩
5
Brief Barths an Sutz vom 1.6.1948 (KBA 9248.165).↩
6
Ein Exemplar des Protokolls (KBA 44830) übergab Erwin Sutz 1972 dem Archiv.↩
7
Die Auseinandersetzung zwischen Hans Asmussen (1898–1968; damals Präsident der Kirchenkanzlei der EKD) und Hermann Diem (1900–1975; damals Pfarrer in Ebersbach an der Fils), auf die hier angespielt wird, ist Teil des großen Richtungsstreits um die Neuordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland in der Nachkriegszeit, in dem Diem und Asmussen profilierte Positionen einnahmen. Im Herbst 1947 hatte sich Asmussen in einem in Flensburg gehaltenen Vortrag unter dem Titel «Gehört Luther vor das Nürnberger Gericht?» (Abdruck: Mitteilungen des Schweizerischen evangelischen Pressedienstes über die Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nr. 28, 14.10.1947, Blatt 1–10 📖 [KBA 18065]) gegen Äußerungen Barths gewandt, wonach es einen historisch-genetischen Zusammenhang zwischen dem Luthertum und dem Nationalsozialismus gebe. Hermann Diem hatte diesen Vortrag am 18. November 1947 in einem Brief an Asmussen scharf kritisiert (12seitige Abschrift: KBA 18069), auf den Asmussen seinerseits am 1. Dezember 1947 mit einem Offenen Brief an die Ratsmitglieder der EKD reagierte (neunseitige Abschrift: KBA 18073; Abdruck: Mitteilungen des Schweizerischen evangelischen Pressedienstes über die Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nr. 33, 22.10.1947, Blatt 1–8 📖 [KBA 18077]).↩
8
Gemeint sind wohl Brunners Verteidigung der Anliegen der natürlichen Theologie und Barths heftiger Widerspruch dagegen; vgl. E. Brunner, Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth, Tübingen 1934 📖; K. Barth, Nein! Antwort an Emil Brunner [1934], in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 429–527 📖.↩
9
Am 8. August 1947 verabschiedete der Bruderrat der Evangelischen Kirche in Deutschland das «Darmstädter Wort zum politischen Weg unseres Volkes» (KJ 1945–1948, S. 220–222 📖; KTGQ V, S. 195f.), an dessen Erarbeitung Barth im Jahr zuvor mit einem Vorentwurf beteiligt war. Diese Erklärung benannte deutlicher als die zwei Jahre zuvor vom Rat der EKD abgegebene «Stuttgarter Schulderklärung» (KJ 1945–1948, S. 26f. 📖; KTGQ V, S. 187), wo man in konkreten politischen Fragen der Ansicht war, «in die Irre gegangen» zu sein (a.a.O., S. 195).↩
10
Asmussen schrieb in seinem Offenen Brief vom 1.12.1947 (Anm. 7) mit Blick auf das Darmstädter Wort: «Der Sozialistenbeschluss des Bruderrates hat nachweislich die Gewissen Tausender Kirchenglieder belastet. Er hat in Tausenden den Gedanken wach werden lassen, als bedürfe es einer bestimmten politischen Einstellung, um im Sinne des Neuen Testamentes ein Christ sein zu können.»↩
11
Vgl. K. Barth, Die evangelische Kirche in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, in: ders., Die evangelische Kirche in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Mit einer Predigt von Oskar Farner, einem Eröffnungswort von Paul Vogt und zwei Beilagen, Zollikon-Zürich 1945, S. 19–59 📖. Im Rahmen einer Kritik an liturgischen Bestrebungen, die auch Asmussen befürwortete, schrieb Barth hier: «Die einfache biblische Botschaft hat sich inmitten der säkularen Walpurgisnacht des Nationalsozialismus zu behaupten gewusst. Sie muß und wird sich auch in der hier vielleicht vorübergehend drohenden geistlichen Walpurgisnacht zu behaupten wissen» (a.a.O., S. 54).↩
12
Asmussen war noch bis Mai 1948 Präsident der Kirchenkanzlei der EKD und trat dann auf Druck des Rates von diesem Amt zurück. Vgl. dazu G. Besier, Die Kirchenversammlung von Eisenach (1948), die Frage nach der «Entstehung einer vierten Konfession» und die Entlassung Hans Asmussens. Zugleich eine Erinnerung an den ersten Leiter der EKD-Kirchenkanzlei, in: ders., Die Evangelische Kirche in den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Gesammelte Aufsätze, Bd. 2: Von der ersten Diktatur in die zweite Demokratie. Kirchlicher Neubeginn in der Nachkriegszeit; Kirchen, Parteien und Ideologien im Zeichen des Ost-West-Konflikts, Neukirchen-Vluyn 1994, S. 57–87 📖. Asmussens eigene Darstellung der Vorgänge um die Entlassung ist abgedruckt bei W. Lehmann, Hans Asmussen. Ein Leben für die Kirche, Göttingen 1988, S. 216–225 📖.↩
13
Der Rat der EKD hatte am 14. Januar 1948 beschlossen, dass Asmussens Flensburger Vortrag nur seine «persönliche Auffassung» wiedergebe (Die Protokolle des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bd. 2: 1947/48, bearbeitet von C. Nicolaisen / N. A. Schulze, Göttingen 1997, S. 361 📖). Wilhelm Niesel (1903–1988; reformierter Theologe, seit 1945 Mitglied im Rat der EKD) hatte Barth wenige Tage vor dem Gespräch über diesen Beschluss informiert (vgl. Brief Niesels an Barth vom 16.1.1948, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel. Briefwechsel 1924–1968, hrsg. von M. Freudenberg / H.-G. Ulrichs, Göttingen 2015, S. 224–226, dort S. 224 📖).↩
14
Asmussen schrieb in seinem Offenen Brief vom 1.12.1947 (Anm. 7): «Ganz einig bin ich mit Herrn Pfarrer Diem darin, dass sich in der Theologie Karl Barths ein Umschwung vollzogen hat. Karl Barth selber lässt darüber keinen Zweifel und hat, wenn ich nicht irre, in Hamburg seine Entwicklung so dargestellt, dass er nach einer Schleiermacherschen Periode zu einer Diastasen-Theologie gekommen sei, die er bis etwa zum Jahre 1939 vertreten habe. Seit 1939 habe er sich immer mehr zu einer Synthesen-Theologie entwickelt.» Asmussen spielte damit auf Aussagen Barths in einer langen Diskussion in Hamburg-Volksdorf am 13. Juli 1947 an. Ein Exemplar des 97 Typoskript-Seiten umfassenden Protokolls befindet sich im Karl Barth-Archiv. Barth sagte in dieser Diskussion, dass er in der Zeit seiner Abgrenzung von der liberalen Theologie zunächst eine «Diastase durchzuführen hatte» (Protokoll, S. 76), die jedoch später «kein letztes Wort sein konnte» (S. 79).↩
15
Asmussen schrieb in seinem Offenen Brief vom 1.12.1947 (Anm. 7), die Theologische Erklärung von Barmen sei «ganz und gar aus der Welt einer Diastasen-Theologe heraus geboren». Sie «verliert nicht nur ihren Sinn, sondern wird in ihr Gegenteil verkehrt, wenn man sie im Rahmen einer Synthesen-Theologie verstehen will. Dann muss es mit Zwangsläufigkeit so kommen, dass Barmen nicht mehr als das aufgerichtete Zeichen für die Eigenständigkeit der Kirche allen politischen Bewegungen gegenüber Geltung hat, sondern dass es nur noch als ‹Nein› gegenüber dem Nationalismus und einem nationalen totalen Staat von Bedeutung ist. Ein Paktieren mit der weltanschaulichen Demokratie, dem weltanschaulichen Sozialismus, dem weltanschaulichen Kommunismus, und einem Führerstaat auf diesen Grundlagen wird möglich, vielleicht sogar erforderlich. Es ist demnach die Verpflichtung gegenüber Barmen gewesen, die mich gegen Karl Barth auf den Plan gerufen hat.»↩
16
Vgl. Barths Aussage im Gespräch in Hamburg-Volksdorf (Anm. 14): «Es kam mir in den Jahren oft so vor, ein Bogen wird jetzt gespannt, und diese Bewegung muß erfolgen, und wenn es ein fester Schuß sein soll, muss der Bogen gespannt sein und auf einmal wird dann der Pfeil losgelassen. Nur dazu wird gespannt um zu schießen. Das ist jetzt die Wendung, daß jetzt geschossen wird von der Diastase her» (Protokoll, S. 79f.).↩
17
Anspielung auf K. Barth, Theologische Existenz heute! [1933], in: V.u.kl.A. 1930–1933, S. 271–363, dort S. 280 📖: Angesichts der Machtübernahme der Nationalsozialisten formulierte Barth, er bemühe sich, «hier in Bonn mit meinen Studenten in Vorlesungen und Übungen nach wie vor und als wäre nichts geschehen – vielleicht in leise erhöhtem Ton, aber ohne direkte Bezugnahmen – Theologie und nur Theologie zu treiben.»↩
18
Barth reiste vom 22. März bis zum 5. April 1948 nach Ungarn (vgl. dazu K. Barth, Christliche Gemeinde im Wechsel der Staatsordnungen. Dokumente einer Ungarnreise 1948, Zollikon-Zürich 1948 📖; s. auch unten, S. 23-33).↩
19
Mit den eingeklammerten Worten hat der Protokollant möglicherweise einen für den beabsichtigten Abdruck nicht vorgesehenen Teil des Gesprächs zusammengefasst.↩
20
Der mit Barth schon von der gemeinsamen Zeit in Bonn her befreundete Fritz Lieb (1892–1970) war ab 1937 Prof. für Dogmatik und Theologiegeschichte in Basel.↩
21
Vgl. Fr. Lieb, Russland unterwegs. Der russische Mensch zwischen Christentum und Kommunismus, Bern 1945 📖.↩
22
Vgl. K. Barth, Christengemeinde und Bürgergemeinde (ThSt[B] 20), Zürich 1946, S. 25–33 📖, wo Barth durch Analogiebildung begründete politische Konkretionen auflistet.↩
23
Der niederländische reformierte Theologe Arnold A. van Ruler (1908–1970) trat für eine christlich-theokratische Prägung von Staat und Politik ein; vgl. etwa A. A. van Ruler, Religie en Politiek, Nijkerk 1945 📖.↩
24
Barth denkt wohl an die erste Wipkinger Tagung am 1. Dezember 1938. In seinem Vortrag dort hatte er vor dem Einfluss des Nationalsozialismus auf die Schweiz gewarnt und dessen Antisemitismus kritisiert (K. Barth, Die Kirche und die politische Frage von heute, Zollikon-Zürich 1939 📖; vgl. dazu P. Rusterholz, «… als ob unseres Nachbarn Haus nicht in Flammen stünde». Paul Vogt, Karl Barth und das Schweizerische Evangelische Hilfswerk für die bekennende Kirche in Deutschland, Zürich 2015, S. 243–254 📖).↩
25
W. A. Krawtschenko, Ich wählte die Freiheit. Das private und politische Leben eines Sowjetbeamten, übersetzt aus dem Amerikanischen von A. Hess, Zürich 1947 📖. In Barths Bibliothek befindet sich das englische Original: ders., I chose freedom, New York 1946.↩
26
Alfred Rosenberg (1893–1946), nationalsozialistischer Schriftsteller und Politiker, galt vor allem aufgrund seines Buches: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 1930 📖, als mitprägender Ideologe des Nationalsozialismus.↩
27
Der Theologe Ludwig Müller (1883–1945) wurde 1933 als «Vertrauensmann» Hitlers und Kandidat der «Deutschen Christen» zum Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche gewählt.↩
28
Gemeint ist die vom 22. August bis 4. September 1948 in Amsterdam tagende ökumenische Versammlung, auf der es zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen kommen sollte.↩