11. Februar 1948

Diskussion mit Studenten über das Theologiestudium

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DISKUSSION MIT STUDENTEN ÜBER DAS
THEOLOGIESTUDIUM

1948

Im Wintersemester 1947/48 hielt Barth ein Seminar zum Thema «Die Lehre von der Kirche und Calvin (Inst. IV)» ab. Eine Sitzung dieses Seminars, jene vom 11. Februar 1948, widmete Barth der «Diskussion über Theologie u[nd] Kirche».1 Anlass dazu waren offenbar kritische Äußerungen der Studierenden zum Studium an der Basler Fakultät, die unter anderem an einer Aussprache mit Basler Pfarrern zum Thema gefallen waren.2

Barth berichtete nach dieser Diskussion seinem Sohn Christoph3: «Von den hiesigen Studenten ist zu melden, dass sie wieder einmal von der Unruhe der Frage ‹Lehre und Leben›, ‹Intellekt und Glaube› und wie die törichten Gegensätze alle heißen erfasst sind, so dass ich mich genötigt sah, eine Seminarsitzung daran zu wenden, hier einmal klaren Tisch zu schaffen, eine Sache, die nun am Mittwoch in einer Art ernsten Fasnachtssitzung im Alumneum4 noch fortgesetzt werden soll. Bis jetzt kam nichts Gescheites heraus. Sie schreien nach einem Studentenpfarrer für ihre ‹Glaubenskrisen› und andern psychopathischen Angelegenheiten, nach C[hristlichem] S[tudenten-]V[erein], Bruderschaft, Hochschulgemeinde und ähnlichen collegia pietatis. Sie fragen, wozu in aller Welt man sie mit den Tel-Amarna-Briefen5 beschäftige. |15 Ich höre aber, dass ich meinerseits nicht in der rechten Liebe zu ihnen geredet, sondern sie ‹gerammt› habe. Für Baumi6 habe ich vorläufig eine richtige Ehrenerklärung von mir gegeben, während ich in Bez[ug] auf den hauptsächlich Mitangeklagten K. L. S.7 vorläufig schweigsam war. Es fehlt der Eros und das Ethos der Forschung: was soll man da machen und wie soll man ihnen die liebevoll und doch kräftig einflößen?»8

Als Vorbereitung wohl für das zweite, am 18. Februar 1948 im Alumneum stattfindende Gespräch notierte Barth handschriftlich einige Punkte auf dem Protokoll jener Aussprache mit den Basler Pfarrern9, das er – vermutlich von den Studierenden zur Information – erhalten hatte. Dieses Dokument wird im Folgenden in Petit gesetzt auf der linken Seite abgedruckt; Barths dort angebrachte Unterstreichungen und seine weiteren Markierungen, die teils dazu dienten, den Bezugspunkt seiner Notizen kenntlich zu machen, sind als solche übernommen. Auf der rechten Seite sind im Normaldruck Barths Notizen wiedergegeben.

[Diskussion mit Studenten über das Theologiestudium]

Kirche – Theologie – Student

Notizen Barths zur Diskussion

Zunächst ist festzustellen, dass der Ausspracheabend mit einigen Basler Pfarrern unter dem Thema «Studium und Amt» stand. Es war dies das zur Diskussion stehende Problem. Dabei 16 lag es wohl beinahe allen Studenten fern, zu behaupten, dass theologische Wissenschaft (Theorie) für das spätere Amt überflüssig sei.

Nur beinahe alle?

1. Es ist der Auftrag der Kirche, √ die uns in der heiligen Schrift bezeugte Offenbarung Gottes in Jesus Christus in der ganzen heutigen Welt zu verkündigen. Keiner kann diesen Auftrag erfüllen ohne die Kraft des heiligen Geistes. Deshalb kann die Theologie nicht mehr sein als eine technische Ausrüstung für die Erfüllung dieses Auftrages. Als solche ist sie aber unbedingt notwendig.x

√ Hier fehlt: der Aufbau und das Leben der Gemeinde als solcher und in ihren einzelnen Gliedern. Gemeinde ist nie «da»!

[x] Weil Auftrag immer neu10 zu übernehmen und (im Verhältnis zur Schrift, zur comm[unio] sanct[orum] in der V[er]g[angen]h[eit], zur Gegenwart!) auch neu zu verstehen ist. Achtung vor Schielen auf die «Praxis», die ja eben problematisch ist!

2. Die Theologie bekommt ihr Leben von diesem Auftrag her. Ihr Weg kommt von dort her und geht dorthin. Deshalb hat sie selbst, aber keine ihrer Einzeldisziplinen oder Einzelthemen, eine selbständige Bedeutung. Das Verhältnis zum Auftrag der Kirche ist das jeweilige Hauptkriterium für jede Gesamt- und Einzelvorlesung.

Eben dieses Verhältnis (neu übernehmen und verstehen) bedingt aber: sie ist Forschung und Lehre u[nd] zw[ar]
1. für Professoren und Studenten
2. in je verschiedenem Vorwiegen der beiden Momente

17 Von diesem Auftrag her gestaltet sich die Theologie folgendermaßen:

Welches ist bei der folgenden Einteilung der Ort und die Aufgabe der Kirchengeschichte?

a. Exegetischer Teil: Es handelt sich hier um die Frage nach dem Inhalt des Offenbarungszeugnisses im Alten und Neuen Testament. Hieraus ergibt es sich, dass Einleitungs-, textkritische und literarkritische Fragen nur Vorfragen zu dieser Frage sein können und dementsprechend behandelt werden müssen. Alle Fragestellungen, die an der Frage nach dem Inhalt des vorliegenden Textes vorbei gehen, haben keine theologische Relevanz.

Dieser Inhalt (= Auftrag der K[irche]) ist jeweils neu zu finden u[nd] zw[ar] (1.[?]) in der Schrift als «Text» und «Literatur». «Einleitung» ist nicht Vorfrage neben Hauptfrage, sondern Voraussetzung der einen Frage der bibl[ischen] Exegese und Theologie.

So bilden Exegese und biblische Theologie das Hauptstück dieses Teiles der Theologie. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass die Fragestellung bei der biblischen Theologie keine textkritische √ sein kann, sondern eine strukturelle. Nur vom Ganzen her kann man sich dem Einzelnen annähern. Von hier aus erhebt sich bei den Vorlesungen von Prof. Schmidtx zum mindesten die Frage, ob nicht wegen der allzu interessanten Einzelheiten dieser große Zusammenhang Schaden leidet. Verschiedene Studenten erheben auch die Frage, ob nicht bei Prof. Baumgartnerx das hinter dem Text stehende große Ganze zuweilen etwas zu kurz kommen könnte.

√ oder historische

Satz ist richtig, wenn «das Ganze» (= Inhalt = Auftrag der K[irche]!) hier = das jeweils mitgebrachte Verständnis des Ganzen, das nun neu geprüft werden soll. Dann gilt aber auch der umgekehrte Satz: «Nur vom Einzelnen her…»

xAber wenn nun bei Sch[midt] u[nd] B[aumgartner] als vorwiegend der Forschung zugewendeten Theologen gerade der Weg vom Einzelnen zum Ganzen zu lernen wäre?

18 b. Systematischer Teil: Es handelt sich hier um die Frage nach Inhalt und Form unseres Zeugnisses vom Offenbarungszeugnis in der heutigen Welt. Hier muss die Rede sein von Dogmatik, Ethik und «Religionsphilosophie».

Frage nach der Form ist doch wohl die der prakt[ischen] Theologie! (s. unten c!)

Bei der Dogmatik fände es ein Teil der Studenten wünschenswert, wenn nicht nur ein «caput selectum», sondern ein einige Semester dauernder Grundriss der Dogmatik zur Behandlung käme. Es ist fraglich, ob dazu ein zweiter Dozent für Dogmatik nötig ist.

Dogmatik lag seit 200 (Basel: 300!) Jahren im Argen (Historismus, Unsicherheit der Kirche schon sich selbst und der Welt gegenüber). «Grundrisse» genug! Neuaufbau war nötig. – caput selectum! Credo11, D[o]g[mati]k im Grundriss12. F[ritz] Lieb!

   Über Ethik wird nicht explizit gelesen. Besonders die die ganze Gesellschaft und Wirtschaft berührenden Fragen – z.B. über Ehe, Arbeit, Kapital, usw. – scheinen vor dem Tor der theologischen Fakultät halt zu machen. Der katastrophale Erfolg dieser Tatsache zeigt sich schon jetzt im deplorablen Zustand unserer Seminarbibliothek, wo die Begriffe «mein» und «dein» außerordentlich stark in Verwirrung geraten sind.13

Anthropologie! van Oyen14 kommt!

19 Auch die «Religionsphilosophie» könnte als kritische Behandlung der Fragen im Bereich des Kreises: «Christentum und Kultur» einen wichtigen Beitrag zu unserer Bildung geben. Diese Aufgabe stößt anscheinend bei unserem Dozenten für Religionsphilosophiex nicht auf großes Interesse.

x Giebt es den?15 van Oyen kommt!

Für eine gute Behandlung der Hauptfragen in diesem Teil der Theologie zieht man auch die Antworten und Versuche der Väter zu Rate. Hier melden sichx Kirchen- und Dogmengeschichte. Es handelt sich also nicht um geschichtliche Ereignisse als solche, sondern um das Gespräch mit den Geistern der Kirche vom Inhalt des heutigen Zeugnisses aus. Gerade im Hinblick darauf ist das Unternehmen enzyklopädieartiger Vorlesungen fragwürdig. Man sollte bestimmte Einzelperiodenx herausgreifen.

xErst hier? Reden mit bei Exegese und system[atischer] Theol[ogie]!

Nein, um[?] die Kontrollfrage nach der Kirchlichkeit des heutigen Zeugnisses!

xVielleicht richtiger Vorschlag, der aber Vorgehen in der Dogmatik bestätigen würde!

20c. Praktischer Teil: Es handelt sich hier um die Frage nach der Form der Formen unseres Zeugnisses vom Offenbarungszeugnis. Hier kommen Disziplinen in Betracht wie Homiletik, Katechetik, Seelsorge, sowie Hilfsdisziplinen wie Psychologie, Pädagogik und Soziologie.

In allen diesen Disziplinen geht es darum, wie man heute die Botschaft auf die richtige Art und Weise ausrichten soll, auch und gerade in Kreisen von Intellektuellen und Arbeitern, die dieser Botschaft ganz entfremdet sindx. Gerade im Hinblick auf die missionarische Aufgabe der Kirche und besonders im Hinblick auf die Schwierigkeiten, die sich aus dem aufs neue Buchstabieren der Botschaft gerade für die oben genannten Kreise ergeben, wird im heutigen Gang der Vorlesungen zu wenig getan.

xBesser: im Verhältnis zu den heutigen Lebensproblemen, in die verwickelt die Menschen die Botschaft hören sollen.

Ohne ordentliche Professuren für praktische Theologie wird man dieser Aufgabe kaum gewachsen sein. Bei der Überlastung unserer Dozenten für prakt[ische] Theologie durch ihre großen Gemeinden16 ist es kaum erstaunlich, wenn dieses Anliegen zu kurz kommen muss. Methodisch die 21 beste Form ist die des Kolloquiums, wobei es zu einem richtigen Gespräch zwischen Dozent und Studenten kommen muss.

Eine andere Lösung wäre der Besuch eines Predigerseminars während einiger Zeit, das sich speziell der oben genannten Aufgabe widmet. Doch besteht dann die Gefahr, dass die Universitas discens et docens der Meinung sein könnte, sie hätte mit der Beschäftigung mit dieser Seite des Auftrages der Kirche nichts mehr zu tun. Diese Gefahr ist umso größer, als die Studenten und die Professoren aus einer ganz bestimmten wirtschaftlichen Schicht herkommen und im großen Ganzen wenig wesentlichen Kontakt mit anderen Bevölkerungsschichten haben.

3. Der Student: Die Theologie trägt grundsätzlich den Charakter des Gesprächs. Deshalb kann man Theologie nur fruchtbar treiben in Gemeinschaft mit anderen. Gerade an der Gemeinschaft mangelt es in vielem. Das erfahren besonders die neu eintretenden Glieder der Fakultät. – Neben dem durch die Fakultät Dargebotenen ist die technisch-praktische Ausbildung weithin eine Sache der persönlichen Freiheit und vor allem der Initiative jedes einzelnen Studenten. Dazu müssen aber die 22 Professoren die nötige Anleitungx bieten. Wichtig ist auch eine praktische Betätigungxx – mag sie auch noch so klein sein. Gerade in der Jugendarbeit öffnet sich da ein weites Feld.

Achtung! Es lebe die einsame Studierstube – mit Tür und Fenster!

Studieren heißt: selber wissen wollen.

xIst das praktische Vorbild nicht die beste Anleitung

xxAchtung! Habt ihr Zeit dazu?

Auf jeden Fall soll sich der Student stets vor Augen halten, dass das ihm Dargebotene niemals ein fertiges Kompendium oder Kochbuch sein kann und darf. Die Mühe und Problematik des Übergangs von der Universität ins Pfarramt kann keinem erspart werden.x

xVor Allem darum nicht, weil man zeitlebens stud. theol. bleibt!

Ämter im NT. Ausbildung in diesem Sinn zu ändern? Nicht nur Pfarrer!

Sachfußnoten

1
Taschenkalender Karl Barth, Eintrag vom 11.2.1948.↩
2
Ein Ergebnisprotokoll dieses Abends zum Thema «Studium und Amt» lag Barth vor: «Kirche – Theologie – Student», Typoskript, 3 S. (KBA 44820). Siehe dazu auch unten im Text.↩
3
Christoph Barth (1917–1986), 1947–1965 Dozent für Theologie in Indonesien, 1967–1979 Prof. für Altes Testament in Mainz.↩
4
Vgl. Taschenkalender Charlotte von Kirschbaum, Eintrag vom 18.2.1948: «Nachm[ittags] Seminar im Alumneum». – Das Alumneum ist ein seit dem 16. Jahrhundert existierendes und seit 1853 an der Hebelstrasse 17 befindliches Wohnheim für Theologiestudierende in Basel (vgl. https://alumneum.unibas.ch/de/stiftung-geschichte).↩
5
Gemeint sind die ca. 400 in den Jahrzehnten um 1900 im heutigen El-Amarna, der früheren Hauptstadt Pharao Echnatons, entdeckten Tontafeln mit Keilschrift-Texten, bei denen es sich nur zu einem Teil wirklich um Briefe handelt. Vgl. The Amarna Letters, edited and translated by W. L. Moran, Baltimore / London 1992 📖.↩
6
Gemeint ist Walter Baumgartner (1887–1970), seit 1929 Prof. für Altes Testament und semitische Sprachen in Basel.↩
7
Karl Ludwig Schmidt (1891–1956), 1925–1929 Prof. für Neues Testament in Jena, 1929–1933 in Bonn, 1935–1953 in Basel.↩
8
Brief an Chr. Barth vom 14.2.1948 (KBA 9248.72).↩
9
Siehe oben, Anm. 2.↩
10
An «neu» ist ein Pfeil angefügt, der auf «Gemeinde» im vorstehenden letzten Satz zielt.↩
11
K. Barth, Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik dargestellt in Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis. 16 Vorlesungen, gehalten an der Universität Utrecht im Februar und März 1935, München 1935; Zollikon-Zürich 1939 📖.↩
12
K. Barth, Dogmatik im Grundriß. Vorlesungen, gehalten im Sommersemester 1946 an der Universität Bonn, Zollikon-Zürich 1947 📖.↩
13
Durch einen im vorangegangenen Semester eingerichteten Aufsichtsdienst in der Bibliothek war «die unerlaubte Mitnahme von Büchern fast ganz verhindert worden»; die Hoffnung, dies werde durch erhöhte «Selbstdisziplin» im darauf folgenden Wintersemester auch ohne einen solchen zeitaufwändigen Dienst so bleiben, trog jedoch: Die «Unsitte der regellosen Mitnahme von Bibliotheksbüchern» war wieder eingerissen, wie Walther Eichrodt (1890–1978; seit 1922 außerordentlicher, seit 1934 ordentlicher Prof. für Altes Testament und Religionsgeschichte in Basel) gerade eine Woche zuvor berichtet hatte (Brief W. Eichrodts an Barth [und die übrigen Fakultäts-Kollegen] vom 5.2.1948 [KBA 9348.163]).↩
14
Hendrik van Oyen (1898–1980), 1948–1968 Prof. für Systematische Theologie in Basel, wo er sich besonders auf ethische, aber auch religionsphilosophische Fragestellungen konzentrierte.↩
15
Barths Frage deutet an, dass es an der Basler Fakultät einen spezifisch auf Religionsphilosophie ausgerichteten Dozenten bis zum Kommen Hendrik van Oyens nicht gab.↩
16
Gemeint sind Eduard Thurneysen (1888–1974), der neben seiner außerordentlichen Professur für Praktische Theologie, die er ab 1941 innehatte, Pfarrer am Basler Münster war, sowie Julius Schweizer (1898–1986), der neben seinem Extraordinat (ebenfalls ab 1941) Pfarrer in Allschwil war (vgl. E. Bonjour, Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart. 1460–1960, Basel 1960, S. 527 📖).↩