2025

Vorwort

VII

VORWORT

Der vorliegende Band macht 27 Gespräche Karl Barths aus den Jahren 1948 bis 1952 in einer wissenschaftlichen Edition zugänglich. Sie entstammen einer der produktivsten Phasen in Barths Leben: Nicht nur erschienen in diesen Jahren gleich drei Teilbände der Kirchlichen Dogmatik (KD III/2–III/4 📖); Barth war auch durch Vorträge und kleinere Publikationen sowohl in der inner- als auch in der außerakademischen Öffentlichkeit sehr präsent. In diese Zeit fallen schließlich seine Mitwirkung an der Weltkirchenkonferenz in Amsterdam, an der Barth unter anderem das Eröffnungsreferat hielt, sowie der Beginn der Debatten um die deutsche Wiederbewaffnung und den Umgang mit dem Kommunismus, an denen er sich intensiv beteiligte.

Es war auch die mit dieser Produktivität einhergehende Zeitnot, die Barth dazu motivierte, sich vermehrt dem Format des (vorbereiteten und oft protokollierten) Gesprächs zuzuwenden. Für die Zusage zusätzlicher Vorträge blieb oft schlicht keine Zeit. Auf eine Einladung von Rudolf Bohren hin schrieb Barth 1951, einen Vortrag könne er derzeit nicht verfassen – doch «[w]as ich leisten kann: Serienweise Beantwortungsversuche auf möglichst exakt gestellte (gerne zuvor schriftliche vorgelegte) Fragen, die ich mir relativ kurz überlegen und dann frei beantworten kann – je besser ich im Bilde bin und mich kompetent fühlen kann, umso lieber».1 Auch einem Reporter des Kristeligt Dagblad gegenüber gab er 1952 zu Protokoll: «Wenn ich für einen Vortrag eingeladen werde, antworte ich in der Regel: Nein, aber schicken Sie mir Ihre Fragen; dann werde ich mit denen arbeiten.»2 Zugleich empfand er die Aufgabe, Fragen zu beantworten, nach eigenem Bekunden als besonders herausfordernd: «Es ist leichter, Vorträge zu halten als Fragen zu beantworten, wenn man die Fragenden nicht kennt und auch die Situation nur so kennt, wie ein Fremder sie kennen kann»3, sagte er 1948 anlässlich einer Fragebeantwortung in |VIII Budapest. «Ich bitte also Geduld mit mir zu haben, wenn ich nicht alle Erwartungen erfüllen werde.»4

Dieser Band – und ebenso der in Planung befindliche Folgeband, der die Jahre von 1953–1958 abdecken und in der Gesamtausgabe damit die Lücke zu den drei von Eberhard Busch herausgegebenen Gesprächsbänden5 schließen wird – versammelt Gespräche, deren Edition auf recht unterschiedlichen Quellen basiert. Ediert werden knappe Stichworte, die Karl Barth im Vorfeld sogenannter «Fragebeantwortungen» notierte, unterschiedlich ausführlich gehaltene Protokolle von Treffen und Gesprächen mit Barth, Berichte von Tagungsdiskussionen mit Barths Teilnahme sowie gedruckte Interviews und ein Radiogespräch. Formal haben die hier veröffentlichten Texte gemein, dass sie auf Gesprächssituationen mit Barths Beteiligung zurückgehen, die sich in schriftlichen Quellen niederschlugen.

Der Gesprächscharakter der hier publizierten Texte erlaubt ungewohnten Einblick in die Denk- und Arbeitsweise Karl Barths fernab bekannter Publikationen. Vielerorts zeigen die hier edierten Quellen aufschlussreiche spontane Reaktionen Barths, weisen aber auch auf seinen Umgang mit kritischen Rückfragen hin. Immer wieder begegnen Versuche, das eigene Denken zu erklären – oft auch explizit mit Blick auf Nichttheologinnen und Nichttheologen. Schließlich sind die hier edierten Gespräche von einer großen thematischen Breite geprägt, die einen authentischen Einblick in zahlreiche Debattenlagen vor allem der deutschsprachigen kirchlich-theologischen Welt um 1950 verschafft.

Die Unterschiedlichkeit der Quellen muss auch mit Blick auf die Bewertung ihrer Qualität in Rechnung gestellt werden. Während die aufgenommenen Stichpunkte Barths zwar teils sehr kurze, aber doch Texte aus eigener Hand sind, haben die abgedruckten Protokolle ganz unterschiedliche Verfasserinnen und Verfasser. Zuweilen dürfte deren Wiedergabe von Barths Voten inhaltlich zugespitzt oder aus anderen Gründen nur vorsichtig belastbar sein. Es versteht sich von selbst, dass eine ähnliche Einschränkung auch für die Übersetzungen fremdsprachlicher Originale gilt. Den hier abgedruckten |IX Gesprächen kommt daher nicht immer dieselbe Authentizität zu, von der man bei gedruckten Texten Barths ausgehen kann.

Wie üblich wurden solche Gespräche nicht in diesen Band aufgenommen, die sich unmittelbar und unter stetem inhaltlichem Rückbezug an von Barth gehaltene Vorträge anschlossen; deren Protokolle werden, wo sie vorhanden sind, gemeinsam mit den jeweiligen Bezugstexten in der Abteilung III («Vorträge und kleinere Arbeiten») publiziert. Ebenfalls weggelassen wurden Protokolle institutioneller Sitzungen sowie von Seminarsitzungen.

Um den Umfang der Edition nicht unnötigerweise deutlich zu vergrößern, wurden im Rahmen der Bearbeitung in nicht von Barth stammenden Gesprächspassagen öfters solche Abschnitte gekürzt oder gestrichen, die für das Verständnis der Aussagen Barths nicht notwendig sind; sie sind durch Auslassungszeichen markiert. Kommentarlos weggelassen wurden von Barth nicht mit Antwortnotizen versehene Fragen auf den ihm zugeschickten Frageblättern. In Anwendung der Editionsrichtlinien der Gesamtausgabe wurden kleinere orthographische Anpassungen in Texten, die auf ein Typoskript oder auf einen Druck zurückgehen, stillschweigend vorgenommen; bei Manuskripten sind solche Eingriffe kenntlich gemacht.

Fremdsprachige Gespräche schließlich wurden, wie in dieser Abteilung der Gesamtausgabe üblich, für die Edition übersetzt; die Originaltexte finden sich im Anhang des Bandes. Wo bereits zuverlässige Übersetzungen vorlagen, wurde auf diese zurückgegriffen und dieser Rückgriff kenntlich gemacht.

Es gibt, etwa in Briefen oder in Barths Taschenkalendern, Hinweise auf weitere zwischen 1948 und 1952 geführte Gespräche, zu denen jedoch gar kein oder kein für eine Edition ausreichender Inhalt gefunden werden konnte; sie seien hier wenigstens aufgelistet:

23.03.1948    Gespräch mit Studenten in Miskolc (Ungarn)
26.03.1948    Gespräch mit Theologieprofessoren in Debrecen (Ungarn)
01.05.1948Gespräch mit ungarischen Studenten in Basel
06.05.1948Interview mit einer Zeitung aus Holland
01.11.1948XGespräch mit 15 Pfarrern in Gsteig
21.11.1948Diskussion in der Jungen Gemeinde St. Leonhard / Paulus in Basel
14.04.1949Interview mit Herrmann Witschi (Basler Mission)
06.07.1949Gespräch mit 50 Amerikanern in Basel
18.02.1950Gespräch mit amerikanischen Studenten
27.03.1950Gespräch mit Pfarrern des Bezirks Zofingen in Aarburg
27.03.1950Gespräch mit Pfarrern aus Montbéliard in Basel
24.08.1950Gespräch mit Tübinger Studenten auf dem Bergli (Oberrieden)
02.12.1950Gespräch mit Gustav Heinemann und Studenten in Basel
09.12.1950Gespräch mit Studenten aus dem Ökumenischen Institut Bossey in Basel
03.02.1951Gespräch mit amerikanischen Studenten
09.07.1952Gespräch mit texanischen Studenten
19.12.1952Gespräch mit Jurastudenten in Basel

Nicht abgedruckt wird schließlich ein Gesprächsbericht, von dem sich Barth distanzierte, da der Verfasser seine Aussagen in entstellender Weise wiedergegeben hatte, um Barth eigene politische Tendenzen zu unterschieben.6

XI Bei Recherchen konnten der Band- und der Gesamtherausgeber in den vergangenen Jahren auf die Hilfe einiger Archive, Institutionen und Einzelpersonen zurückgreifen. Genannt seien das Staatsarchiv Basel-Landschaft, das Evangelische Zentralarchiv in Berlin, das Archiv von Mission 21 in Basel, sowie an Einzelpersonen Pfr. Dr. Árpád Ferencz, Irene Hügli, Prof. Dr. Michael Hüttenhoff, Hans-Martin Kaiser, Pfr. Helmut Leser (✝), David Mache, Pfr. Hans-Martin Schäfer, Pfr. Hanns-Heinrich Schneider, PD Dr. Hans-Georg Ulrichs und Pfr. Dieter Zellweger.

Für ihre sehr wertvolle Hilfe bei der Anfertigung und der Korrektur von Übersetzungen aus dem Französischen, Dänischen und dem Holländischen sei herzlich gedankt: Dr. Dr. h.c. Bernhard Christ, dem ehemaligen Präsidenten der Karl Barth-Stiftung, Bischöfin em. Lise-Lotte Rebel, Prof. Dr. Bent Flemming Nielsen, Dr. Anne Louise Nielsen, Dr. Elio Jaillet, sowie David Eck, Barbara Pfenninger und Annemarie Hartman. Ein Dank für verschiedene Zuarbeiten während ihrer Zivildiensteinsätze im Karl Barth-Archiv gebührt schließlich Dominik von Allmen, Sebastian Weber und Nicolas Hofstetter.

Dem Team der Digitalen Edition der Gesamtausgabe ist für die Bearbeitung der Dateivorlagen zur Aufnahme in diese Edition zu danken, den Mitarbeitenden der pagina GmbH Tübingen für die Erstellung des Satzes, den Mitarbeitenden des Theologischen Verlags Zürich für die verlegerische Betreuung, und ihnen allen für die dabei durchwegs gute Zusammenarbeit. Besonders herzlich möchte ich Dr. Peter Zocher, dem Leiter des Karl Barth-Archivs Basel, für seine über viele Jahre freundlich zugewandte Mitwirkung an diesem Band danken, namentlich für die gemeinsame Arbeit an den Einleitungen und Annotationen sowie für das vollständige Erstellen der Register.

Michael Pfenninger

Sachfußnoten

1
Brief an R. Bohren vom 28.1.1951 (KBA 9251.18); zu dem daraufhin verabredeten Gespräch vgl. unten, S. 288-299.↩
2
Vgl. unten, S. 411.↩
3
Vgl. unten, S. 24.↩
4
Vgl. ebd.↩
5
Gespräche 1959–1962 📖, Gespräche 1963 📖 sowie Gespräche 1964–1968 📖.↩
6
Es handelt sich um ein im März 1948 in der ungarischen Zeitung Kis Ujság veröffentlichtes Interview mit Barth, auf das auch in Schweizer Zeitungen hingewiesen wurde (so in den Basler Nachrichten vom 31.3.1948; ein Exemplar des Artikels findet sich in: KBA 4877). Barth distanzierte sich daraufhin vom Inhalt dieses Artikels. In den Mitteilungen des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes an die Mitarbeiter und die religiösen Blätter, Nr. 15 vom 14.4.1948, S. 5, heißt es: «Prof. Karl Barth schreibt uns: Die in einem Teil der schweizerischen Presse erschienene Wiedergabe eines von mir in Sarospatak gegebenen Interviews ist eine freie Komposition des ungarischen Verfassers. Er liess mich offenbar in guten Treuen sagen, was er für sich selbst, für seine (bürgerliche) Zeitung, für die dortige reformierte Kirche und für die dortige Lage überhaupt für heilsam hielt. Nach den dort kürzlich erfolgten Äusserungen des Dean of Canterbury scheint er es für das Einfachste gehalten zu haben, dessen Meinungen auch als die meinigen auszugeben. Verständige schweizerische Leser sollten die mir von ihm unterlegten Sprüche nicht für echt gehalten haben.»↩