25. Dezember 1912

Predigt: Philipper 4,4-5 (Weihnacht)

585
147
Weihnacht
Philipper 4,4–5
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen.
Liebe Gemeinde!

Da seid ihr nun Alle zusammengekommen und möchtet von mir ein gutes Wort hören über die Weihnachtsbotschaft und über die rechte Weihnachtsfeier. Werde ich dieses gute Wort haben für ein Jedes, so, wie es es braucht? Wie gerne möchte ich, dass kein Einziges nachher gleichgiltig und leer und enttäuscht weggehen müsste! Wenn doch der Engel des Herrn hier an meiner Stelle stehen und es uns sagen würde, deutlich und mächtig:

Vom Himmel hoch da komm ich her
Ich bring euch eine gute Mär,
Der guten Mär bring ich so viel,
davon ich singen und sagen will!1 –

so dass wir Alle es glauben und in uns aufnehmen müssten, was die Weihnacht uns zu bringen hat! Ich kann euch den Engel des Herrn nicht ersetzen, der zu den Hirten gekommen ist. Menschenwort ist immer unvollständig; es kann nie Alles erfassen und darlegen, was Gottes ewiges Evangelium [vgl. Apk. 14,6] enthält. Es ist fehlerhaft; die Gefahr ist immer da, dass wir verderben und verkleinern, was er uns zu sagen hat. Es ist schwach, es erreicht wohl diesen und jenen, aber an Vielen gleitet es ab, so dass es ist, wie wenn sie nichts gehört hätten. Aber bei Gott ist kein Ding unmöglich [Lk. 1,37]; er kann auch in unvollständige, fehlerhafte, schwache Menschenworte seinen Reichtum, seine Wahrheit, seine Kraft hineinlegen, wenn es sein Wille ist.

587 Ich möchte das, was ich von der Weihnacht sagen kann, ausdrücken in des Apostels Wort: Freuet euch! Das hat ja auch der Engel zu Hirten gesagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [Luk. 2,10] Wir fragen uns: was wollte Gott, als er die Weihnachtsbotschaft an die Menschen ergehen ließ? Und wir müssen antworten: er wollte uns Freude machen, er wollte uns Freude in die Herzen senken. Die Menschheit vor Jesus war im tiefsten Grunde unfreudig, Juden und Heiden in gleicher Weise. Die Heiden seufzten unter ihrer Verworrenheit; denn sie wussten nicht: was sollen wir denken vom Leben? und: was sollen wir tun im Leben? Sie tasteten und tappten nach Antworten, aber wenn auch einzelne Wenige das Licht von Weitem sahen, so geriet doch die große Menge nur in immer neue Irrtümer und Sünden hinein. Die Freude kam nicht auf, oder sie nahm immer wieder ein rasches Ende. Und die Juden seufzten unter ihrer Ohnmacht; denn sie wussten wohl, was des Lebens Sinn und der Menschen Aufgabe sei im Leben; sie kannten ja einen lebendigen Gott, aber sie kannten ihn nur von seiner schrecklichen Seite, als den strengen Gebieter und Richter, dem es ein schwacher Mensch doch nicht recht machen kann, weil er zu viel verlangt von uns. Und so gab es auch bei den Juden vor Furcht und Zittern keine rechte Freude, keine Lebensfreude und keine Gottesfreude. Auch heute noch ist eine tiefe Unfreudigkeit im Wesen aller Menschen, die Jesus nicht kennen. Ich denke da durchaus nicht nur an die sogenannten Heiden, obwohl das von ihnen Allen natürlich auch gilt, sondern ebenso gut an alle die sogenannten Christen, die ihn zwar irgendwie kennen, aber die von seinem Geist und von seiner Art tatsächlich nicht oder doch nur unvollkommen berührt und ergriffen worden sind. Da werden wir also Alle auch dazu gehören, denn niemand von uns könnte sich da vollkommen nennen. Wo Jesus noch nicht herrscht, müssen wir sagen, in der Welt und in den Herzen, da ist Unfreudigkeit. |

Es gibt so viel Verdrossenheit und Angst unter uns. Man sieht so wenig fröhliche Gesichter und so viel vergrämte, verbitterte, verscheuchte, misstrauische. Oder wenn man ein Zeitungsblatt in die Hand nimmt: wie wenig leuchtende, siegreiche Freude und wie viel Furcht und Kritisieren und Schimpfen. Oder man sieht in seine eigene Seele hinein: was für dicke Wolken von Unzufriedenheit, von Gleichgiltigkeit und Hass ziehen da hin und her! das ist die Unfreu|588digkeit der Welt ohne Jesus. Vielleicht sind ihre Ursachen noch heute dieselben wie bei den Heiden und Juden des Altertums. Bei den Einen ist es mehr das Gefühl der Verworrenheit, das sie unfreudig macht. Sie wissen nicht recht, wozu sie da sind im Grunde, ihr Leben ist ein dumpfes, mechanisches, fast tierisches Wesen, selten unterbrochen von einem sogenannten Vergnügen, dem dann sofort wieder der alte Jammer folgt. Solche dumpfe, ziel- und planlose Menschen können nicht freudig sein. Wem das Leben wirklich zu einer bloßen Mechanik ohne Seele geworden ist, der muss traurig, ja verzweifelt werden. Und die Andern gleichen den alten Juden: sie sind traurig im Gefühl ihrer Ohnmacht. Sie wissen wohl, was des Menschen Bestimmung eigentlich wäre auf der Erde, aber der Gedanke daran ist ihnen eher unangenehm; sie sind klug geworden, wie sie meinen, und haben sich darauf eingerichtet, dass es doch nicht gehe. Sie haben auch gewisse Ziele oder Ideale, wie man heutzutage sagt, aber sie haben sich beruhigt dabei: Ideale erreicht man doch nicht! Menschen, die so verzichtet haben, im Gefühl ihrer Ohnmacht und der menschlichen Ohnmacht überhaupt, solche Menschen haben immer eine große Wehmut auf dem Grund ihrer Seele. Sie mögen nach außen heiter und lustig erscheinen, ihre Heiterkeit ist doch nur der Deckmantel einer tiefen innerlichen Verbitterung. Es gibt viel unfreudige Menschen auch von dieser Art. Aber ob so oder so oder noch anders – diese Unfreudigkeit, diese Lebensunfreudigkeit ist da, und wir tragen Alle etwas davon in uns herum.

Und nun wollte Gott uns Freude machen. Gottes eigenes Wesen ist ja Freude. Schiller hatte Recht, als er dichtete:

Freude heißt die starke Feder
In der ewigen Natur
Freude, Freude treibt die Räder
In der großen Weltenuhr!2

Angst und Groll passt nicht zu Gott. Und darum will Gott auch freudige Menschen. Nach seinem Bild sind wir ja geschaffen [vgl. Gen. 1,27]. Und darum sendet er uns die Weihnachtsbotschaft: Freuet Euch! Er sendet sie uns in Jesus, dessen Geburt wir an Weihnacht |589 feiern. Jesus hat selber das Leben freudig aufgefasst, weil er es als einen Dienst Gottes in der Kraft Gottes auffasste. Und er hat unzähligen Andern die Lebensfreudigkeit, die verlorene, wieder eingeflößt und sie dadurch zu rechten Kindern Gottes gemacht. Er hat das dumpfe, unklare Wesen, in dem wir uns befinden, zerstört und hat uns helle, leuchtende, höchste Ziele gezeigt. Und er hat den Wahn gebrochen, als sei das Gute etwas, das man nicht erreichen könne, und hat uns in Bewegung gesetzt, Gutes zu tun und nicht müde zu werden. Licht hat er uns gebracht und Macht dazu, dem Lichte zuzustreben. Und damit hat er uns Freude gebracht. Und das Weihnachtsevangelium von Jesus lautet mit Grund: Freuet Euch!

Darüber wollen wir nun nachdenken. Paulus schreibt gar dringlich davon: Freuet euch und abermals sage ich: freuet euch! Er sieht die Freude als etwas Notwendiges an, nicht nur als etwas, was man haben kann oder auch nicht. Er meint nicht: Freude ist eine gute Sache, aber wenn ihr lieber finster und grämlich sein wollt, so könnt ihr es. Nein: Freude ist unerlässlich für den, der Jesus kennt. – Und nun wollen wir überlegen, wie das ist mit dieser Freude.

Zuerst heißt es Achtung geben, dass uns keine Verwechslung passiert. Es wird allerlei Freude genannt und ist doch keine Freude. Was selten ist und wertvoll, das wird viel nachgemacht, bekanntlich. Nun ist die echte, tiefe Freudigkeit etwas Seltenes, und wer verlangte nicht danach? Darum wird sie nachgemacht. Es gibt heutzutage Weihnachtsbäume, die haben nie im Wald gestanden, sondern sie wurden in der Fabrik gemacht aus Karton; und wenn die Weihnacht vorüber ist, legt man sie zusammen in eine Schachtel bis zum nächsten Jahr. Abscheulich, nichtwahr!? Ja, aber solche Kartonweihnachtsbäume stehen in manchem Menschenleben. Wir haben Sehnsucht nach Freude, und nun greifen wir nach irgend etwas, was so aussieht wie Freude. Es scheint uns auch eine gewisse Erhebung zu bereiten und eine gewisse Beruhigung zu geben, und weil es so scheint, nennen wir es Freude. Aber in Wirklichkeit ist [es] etwas Armseliges, entweder weil es uns gar nicht wirklich erhebt und wirklich beruhigt oder aber sofort verpufft und vorüber ist, wie ein Feuerwerk. Und vielleicht ist uns die sogenannte Freude so gefährlich wie dem Kinde eine geladene Pistole, die es zum Spielen erwischt hat. Wenn uns Paulus sagt: Freuet Euch! so wollen wir uns wohl hüten vor den sogenannten Freuden, die ent|590weder dem Kartonweihnachtbaum gleichen oder dem Feuerwerk oder der geladenen Pistole in Kinderhand. Ich will nicht weiter darauf eingehen. Mag sich jeder selber überlegen, was in seinem Leben zu dieser Art Freude gehört. Ich möchte nur die Warnungstafel aufstellen, gerade auch für diese Weihnachts- und Neujahrstage, wo man’s mit Geld und Zeit nicht so genau nimmt: Freut euch! Aber: vor Nachahmungen wird gewarnt! – |

Paulus sagt: Freuet euch in dem Herrn! Da haben wir den Wegweiser zur echten Freude. Selbstverständlich heißt das nicht etwa: Ihr dürft euch nur in der Kirche freuen oder nur am Bibellesen, Beten und Singen. Das wäre ganz kleinlich und äußerlich und falsch verstanden. Freuet euch in dem Herrn! das heißt: lasset euch die Freude schenken, die Jesus zu schenken hat. Freuet euch in seinem Geist! Freuet euch in seiner Kraft! Die Freude, die sein Leben innerlich und äußerlich erfüllte und beherrschte, soll auf euch übergehen! Freuet euch in dem Herrn: Menschen, ihr habt Ziele und Aufgaben, freuet euch darüber, dass sie so hoch sind wie die Sterne am Himmel: ihr habt eine unsterbliche Seele, und die soll geformt und gestaltet werden, wie Gott aus dem Chaos die Welt gestaltet hat. Lernend, wachsend, auch vertiefend sollt ihr Charaktere, sollt ihr Persönlichkeiten werden, etwas Ganzes, Abgerundetes, Edles. Ihr habt Mitmenschen, unsterbliche Seelen wie ihr selbst, und ihr habt den hohen Beruf, einander zu geleiten, eure Kraft für einander einzusetzen, ja, euch selbst ganz und gar hinzugeben, auf dass Alle werden können, was ihr werden möchtet. Und in alledem seid ihr Kinder Gottes, und euer Höchstes soll es sein, seine Ehre, nämlich die Wahrheit, die Reinheit, die Liebe ein klein wenig zu fördern in der Welt. Ist das nicht der Freude wert, wenn man solche hohen Ziele hat? |

Freuet euch in dem Herrn! Menschen, seid zuversichtlich. Es wird freilich nicht immer so einfach sein, euch selber in Zucht zu halten und zu bilden, den Andern zu dienen und Gottes Ehre zu fördern. Da gibt’s Müdigkeit, da kommen Hindernisse, da kommt Feindschaft. Aber geht darum nicht zurück! Jenseits von Allem Widrigen winkt doch der Sieg. Es kann einfach nicht anders sein, als dass das Gute es gewinnt: in meinem Leben, im Leben der Andern, im Leben der Welt. Ja, nicht wahr, das Widrige darf uns nicht nur nicht irre machen, sondern es muss dazu helfen, den Sieg herbeizuführen. Jesus hat ja |591 auch gesiegt, nicht trotz des Kreuzes von Golgatha, sondern durch dieses Kreuz. Seht, das ist die Freude in dem Herrn, wenn man so zuversichtlich und unerschütterlich glauben darf an seine Ziele und Aufgaben. |

Aber noch viel mehr gehört dazu. Freuet euch in dem Herrn! das heißt: Menschen, seid tapfer! Aus der Zuversicht, es müsse gut kommen, muss die Tat hervorgehen, die es gut macht. Der Reformator Calvin hat über diesen Punkt immer besonders wahr und tief gesprochen: Wenn wir erkannt haben, dass Gott uns lieb hat trotz Allem und Allem, dann wirkt diese Erkenntnis auf unser Leben, dann geschieht etwas. Wer einmal ausgerüstet ist mit dem rechten festen Glauben, der kann dann gar nicht anders, als die Welt tatsächlich zu überwinden.3 Das mag freilich bei uns oft genug nicht zutreffen, obwohl wir scheinbar fest genug glauben, es müsse gut kommen. Aber wir brauchen bloß auf Jesus zu sehen, um zu erkennen, dass Calvin recht hatte: Was aus Gott geboren ist, das überwindet die Welt [1.Joh. 5,4]. An uns fehlt es, an der Tiefe und Kraft unsres Glaubens, wenn wir tatsächlich nicht immer tapfer durchdringen durch die Hindernisse, die unsre eigene und fremde Sünde uns bereiten. Und die Aufforde|592rung und Verheißung bleibt uns trotz unsrer Schwachheit: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens und ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist! [1.Tim. 6,12] Das ist die Freude am Herrn, dass wir so kämpfen dürfen. – |

Und jetzt habe ich erst von einem Gebiet geredet, auf dem sich die Freude im Herrn, im Geist und in der Kraft Jesu zeigen und bewähren soll. Vom eignen innern Leben haben wir geredet. Jesus macht uns Freude daran, indem er uns Richtung und Zuversicht und Tapferkeit gibt. Es gibt ein anderes großes Gebiet des Lebens, wo diese Freude ebenso hell und siegreich hineinleuchtet: unser Verhältnis zu den Mitmenschen. Freuet euch in dem Herrn! das heißt hier: habt Zutrauen zu einander. Lasset den furchtbaren Gedanken fahren, als müsse man von jedem Andern bis auf Weiteres das Schlimmste erwarten! Lasset das boshafte Vergnügen fahren, das euch erfüllt, wenn ihr wieder auf einen zeigen könnt: jetzt hat der auch seine Fehler begangen! Lasset das Nörgeln und Kritteln fahren, das ihr aneinander übt, sondern denkt jetzt einmal das Beste voneinander! Nehmt die Andern so, wie ihr möchtet, dass man euch selbst nehme, nämlich nicht von ihrer schlechten, sondern von ihrer guten Seite aus, jeder Mensch hat ja eine solche. Da ist uns Jesus wieder wundervoll vorangegangen in dieser freudigen Erwartung: Dieser mein Mitmensch, heiße er, wie er wolle, er kann so schlimm nicht sein; wie jeder Bach seine Quelle haben muss, so muss jeder Mensch einen Punkt haben, wo er auch mit Gott verbunden ist, und wäre er im Übrigen noch so übel. An diesen Verbindungspunkt eines Jeden denken, das heißt, Zutrauen haben zu den Menschen, und ist das nicht eine rechte Freude, wenn man solches Zutrauen haben darf? Mit dem Zutrauen, das das Gute bei Jedem sieht, bekommen wir aber sofort auch etwas Anderes, nämlich die scharfen Augen, die das Gute bei den Mitmenschen auch tatsächlich finden. Das heißt nicht, dass man blind würde für ihre Fehler. Davor sind wir wohl Alle bewahrt aus guten Gründen. Aber das Gute nicht nur vermuten, sondern sehen bei den Andern, das müssen wir lernen, das müssen wir uns schenken lassen. Es ist wieder etwas wie ein Wunder, das sich vollzieht, eine geheimnisvolle Verwandlung, wenn uns auch nur ein klein wenig davon geschenkt wird. Vorher waren uns die Menschen um uns herum tot und farblos und gleichgiltig, jetzt ist’s uns plötzlich bei jedem, wie wenn wir einem entfernten Verwandten be|593gegneten; wir können nicht einfach an ihm vorbei, wir müssen ihn ins Auge fassen und ihm sagen: wir gehören zusammen. Vorher teilten wir die Menschen schroff und barsch ein in Gute und Böse, Angenehme und Unangenehme, Freunde und Gegner, jetzt lösen sich die beiden Schlachtreihen, die wir im Geiste aufgestellt, auf und wir sehen nur noch einerlei Menschen, die auf ungeheuer mannigfaltige Weise Alle etwas Gutes, Angenehmes, Freundliches an sich haben, keiner wie der Andre, aber Alle. Vorher hatten wir bestimmte Leute, und die nannten wir im Stillen oder offen unsre Feinde. Wenn wir jene scharfen Augen bekommen haben, merken wir, dass es so etwas wie Feinde gar nicht geben kann im Grunde. Gerade wie man auf dem Gebiet der Kunst gesagt hat, was man hässlich nenne, sei nur «herbe Schönheit», so könnte man hier sagen: die wir unsre Feinde nennen, das sind nur unsre etwas merkwürdigen Freunde. Aber gerade weil sie so merkwürdig sind, müssen wir sie besonders schätzen. Ihr wisst, wie Jesus darüber gedacht hat: Liebet eure Feinde … [Mt. 5,44]. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun [Lk. 23,34]. Brauche ich noch zu sagen, dass das wieder eine Freude ist, wenn man in der Nachfolge Jesu so scharfe Augen bekommt für das Gute, Göttliche bei allen Menschen? |

Aber das soll nicht ein müßiges Spiel sein, wenn wir es lernen, das bei den Menschen zu suchen und zu finden. Willigkeit zu helfen muss daraus hervorwachsen. Jesus ist himmelweit entfernt von der noblen Art: von einem schlechten Menschen einfach zu sagen: er ist eben ein merkwürdiger Kauz, und dann womöglich gemächlich zu lachen über ihn. Nicht weil ihm das Böse gleichgiltig war, hat Jesus oft bei schlechten Menschen getan, als sehe er ihre Schlechtigkeit nicht, sondern um ihnen aus dem Bösen herauszuhelfen, packt er sie mit aller Macht von ihrer guten Seite. Und da müssen wir ihm nach. Wenn wir in einem unbekannten Bettler auf der Landstraße plötzlich unsern Verwandten entdecken würden, dann dürften wir ihm doch auch nicht bloß sagen: das ist jetzt kurios, dass wir den gleichen Namen tragen, adieu, lieber Vetter! sondern da würde uns die neue Bekanntschaft sofort zur Hilfsbereitschaft verpflichten; und so ist’s auch, wenn wir in einem Mitmenschen das Gute gesucht und gefunden haben, dann gehören wir fortan zusammen. Und wenn noch so viel Trennendes zwischen uns wäre, wir müssen uns etwas sein und geben in Zukunft, ja, wenn |594 viel Trennendes zwischen uns ist, zum Beispiel allerlei Sünde, unter [der] das Gute wie zugeschüttet ist, dann ist das nur ein Grund mehr, einander zu helfen. Umso nötiger ist es! So hat Jesus gedacht, als er sich gerade den schlechten Menschen in so auffallender Weise widmete. Er sah das Gute an ihnen trotz ihrer Schlechtigkeit, und nun widmete er sich ihnen wegen ihrer Schlechtigkeit. Es wird für uns auch keine andre Regel geben können. Und so wird uns die Freude im Herrn zur Freude, zur tätigen Freude an unsern Mitmenschen. – |

Jetzt soll dieser Freudenschein, der Alles vergoldet, noch in ein drittes Gebiet hineinleuchten, nämlich auf unser Verhältnis zu dem, was in der Bibel die Welt heißt. Das sind unsre Triebe und Neigungen, das sind unsre Sorgen und Wünsche, das ist unsre Arbeit und unser Vergnügen, das ist alles Äußere unsers Lebens! Wie sollen wir uns dazu stellen? Müssen wir das Alles vernichten und verstoßen, um ganz unserm innern persönlichen Leben uns zu widmen? Oder sollen wir eine doppelte Buchführung4 einrichten und neben dem innern Leben die Welt lieb haben, gleichsam in einem andern Zimmer, so dass Beide nichts miteinander zu tun haben? Beide Wege werden viel empfohlen, aber beide Wege sind nicht gut. Sondern die Antwort heißt: Freuet Euch in dem Herrn! Auch auf die äußern, weltlichen Dinge soll jener Freudenschein fallen. Und was bedeutet nun das? Wir sollen ein reifes Urteil bekommen, dass wir unsern Weg durch die Welt hindurch ins Himmelreich erkennen lernen, dass wir unterscheiden lernen zwischen den Fällen, wo es heißt: es ist meine Pflicht! und den andern, wo es heißt: ich darf! und den noch andern, wo es heißt: ich will nicht. Wir müssen lernen, die Welt wie ein Baumaterial behandeln, das ein perfekter Baumeister disponiert und ineinander fügt, so dass kein unbehauner oder unnützer Stein darin zu sehen ist. Dazu braucht es freilich noch mehr als klare Gedanken. Es ist Mancher reif in seinem Urteil, aber was ihm fehlt, das sind reine Hände. Wenn wir das doch könnten, die äußern, weltlichen Dinge so behandeln, dass wir uns nicht beschmutzen dabei, dass wir darin nicht gefangen werden, sondern frei darüber schweben. Wer zum Beispiel, der viel mit Geld zu tun hat, bleibt ganz rein dabei, frei von dem gierigen, regen Mam|595monsgeist? Wer, der in einer bestimmten Umgebung lebt, bleibt rein, färbt nicht ab von ihren Gedanken und Gewohnheiten? Sind wir nicht Alle in Gefahr, sobald es sich darum handelt, dass unsre Seele mit den äußern Dingen in Berührung komme? |

Aber wie wunderbar andrerseits, wenn wir das dann allmählich lernen, reine Hände zu behalten trotz Allem, wenn wir dazu kommen, Jesus ein klein wenig ähnlich zu werden, wie er so formlos und unanfechtbar inmitten der Welt leben und die Welt genießen konnte. Freuet euch in dem Herrn! was ist das für eine Verheißung, wenn wir daran denken! Und wie reich muss unser Herz dann sein, das unser Urteil und unsre Hand leitet! Wie müssen wir da lernen, das Weltliche mit göttlichen Augen sehen, gleichsam mit den Augen dessen, der Alles erschaffen hat, so dass wir ihn auch in Allem wiederfinden und ihm für Alles lernen dankbar sein. Wir sind so arm, so menschlich! Wir sehen und hören so wenig von Gott in den äußern Dingen, die im Großen und Kleinen um uns vorgehen. Und doch reden sie beständig von Gott, nur ist unser Herz noch zu arm, ihre Sprache zu verstehen. Jesu Herz war reich genug, Gott überall und immer zu vernehmen. Freuet euch in dem Herrn! Was für eine Aussicht auf ein Leben in seinem Dienste!

So etwa, meine Freunde, denke ich mir das, was der Apostel die Freude im Herrn nennt. Ich habe ja lange nicht Alles nennen können. Aber darin muss sie jedenfalls bestehen, dass der Mensch, der Jesus kennt, von etwas Leuchtendem erfüllt wird. Darin, dass dieses Leuchtende den Sieg gewinnen muss über alle Schwierigkeiten und Unschönheiten und Erbärmlichkeiten des Daseins. Darin, dass unser eigenes inneres Leben und unsre Beziehungen zu den andern Leuten und unsre Stellung zu den weltlichen Dingen davon überstrahlt und verwandelt werden.

Das Alles brauchen wir, nichtwahr? Wir werden wohl vom Wenigsten von dem Genannten sagen können: das habe ich schon! Wir haben sie eben noch nicht, darin zeigt sich die Unfreudigkeit, in der wir noch drin stecken. Aber die Weihnachtsbotschaft lautet: das sollst du bekommen! Jesus ist da in der Welt, in unsrer Welt, und er fängt sofort an, uns zu geben, sowie wir nur nehmen wollen. Freuet Euch! verheißt er. Und wenn darin auch ein Gebot liegt, so ist es das: Sträubt euch nicht dagegen, stellt euch nicht trotzig und träge der Freude im |596 Herrn entgegen, die von euch Besitz ergreifen möchte. Offen werden für diese Freude, das ist die rechte Weihnachtsfeier.

Zweierlei möchte ich zum Schluss noch erklären in unserm Weihnachtstext. Zuerst das Wörtlein: Freuet euch in dem Herrn allewege! Das will sagen: immer, unter allen Umständen. Auch da ist eine Verheißung darin und eine Mahnung. Die Freude im Herrn ist etwas, was hält und bleibt unter allen Umständen, was sich nicht verlieren kann wie andre sogenannte Freuden. Aber das heißt auch, dass es da nichts ist mit raschen Begeisterungen und Überzeugungen. Wer die Freude im Herrn wieder verliert, wie er sie gefunden, der hat sie noch gar nicht gefunden. Es soll niemand zu sicher sein, dem sie sich nicht schon im Leben bewährt hat. Allewege muss die Weihnachtsbotschaft leuchten, das sagt uns dieses Wörtlein.

Das Zweite ist der kleine Satz: eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen. Lindigkeit bedeutet hier Frieden. Wer die Freude im Herrn gefunden, der hat Frieden. Eine feste, gleichmäßige Ruhe, eine warme Sicherheit gibt sie uns. Und nun heißt es einfach: diesen Frieden sollen wir weitergeben, wenn wir ihn haben. Das ist ein rechter Weihnachtsgedanke: Gott beschenkt uns. Wir aber dürfen auch wieder schenken. Wer wollte nur empfangen und nicht auch geben in diesen Tagen? Beides miteinander ist die rechte Weihnachtsfreude. Aber wie sollen wir das machen, Frieden zu verschenken an Andre? Ja, das ist allerdings oft sehr schwer. Aber es gelingt am Sichersten, wenn wir keine besondern Veranstaltungen dazu machen, sondern uns einfach von der großen Freude so erfüllen lassen, dass wir gleichsam überfließen. Je mehr wir von ihr beherrscht sind, desto mehr Frieden geht von uns aus. Die Klarheit und die Kraft, die wir besitzen, überträgt sich auf sie. Und so wollen wir denn den Weihnachtssegen Gottes empfangen und ihn bitten, ihn durch uns auch Andern wieder zukommen zu lassen. Ihm verdanken wir Alles. Ihm allein die Ehre.5

Amen.

Sachfußnoten

1
Anfang des Chorals «Vom Himmel hoch, da komm ich her» von M. Luther (GERS 394; EG 24) 🎵. ↩
2
Aus Strophe 4 des Gedichts «An die Freude» von Fr. Schiller (Erstdruck: 1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 133–136, dort S. 134) 📖. ↩
3
Vgl. J. Calvin, Commentarius in Iohannis Apostoli Epistola (CR 83 [= Calvini Opera 55], Sp. 293–376), Sp. 363 (zu 1.Joh. 5,4) 📖: «Vicisse enim dicit, ut perinde certi simus, ac si iam profligatus esset hostie. Verum quidem est tota vita durare nostram militiam, quotidianos esse conflictus: imo singulis momentis nova et diversa proelia hinc inde ab hosta nobis moveri: sed quia non armat nos Deus tantum in unum diem, et fides, etiam unius diei non est, sed perpetuum spiritus sancti opus: non aliter iam victoriae sumus compotes, quam si esset debellatum. Neque tamen fiducia haec torporem inducit, quin sollicite semper ad pugnam simus intenti.» / «Wenn uns Glaube der Sieg ist, der die Welt überwunden hat, so dürfen wir gewiss sein, dass der Feind bereits in die Flucht geschlagen ward. Gewiss währt unser Kriegsdienst das ganze Leben, täglich gibt es Kämpfe, ja in jedem Augenblick verwickelt uns der Feind bald hier, bald da in neue Gefechte. Aber Gott bewaffnet uns nicht bloß für einen Tag, auch der Glaube ist nicht das Ding eines einzigen Tages, sondern das beständige Werk des heiligen Geistes. Deshalb sind wir des Sieges so teilhaftig, als ob der Krieg zu Ende wäre. Aber dieses Vertrauen macht uns nicht schlaff, vielmehr sind wir immer zum Kampf bereit» (Übersetzung nach: Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung, Bd. 14: Ebräerbrief und katholische Briefe, übers. von J. Winkelmann, Neukirchen-Vluyn 1914, S. 391 📖). ↩
4
Zu Barths negativ konnotierter Verwendung dieses Begriffs vgl. oben, S. 517, Anm. 7. ↩
5
In der lateinischen Form «Soli Deo gloria» ein besonders mit Johannes Calvin und seiner Theologie in Verbindung gebrachtes Motto der Reformation. ↩